gastbeitrag

Tom Strutz:

Dieser Text ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern eine Ergänzung.

Bitte nur lesen, wenn nichts wichtigeres zu tun ist.

Es ist 23:55 am Tag bevor ich meine Arbeit abgeben soll und ich würde alles

andere lieber tun, als diese Arbeit zu schreiben. Deshalb schreibe ich gerade

an diesem Text. Sogar das hat für mich jetzt mehr Reiz, als das schreiben

einer Arbeit, deren Thema ich mir frei wählen kann, und für die zu schreiben

ich ein ganzes Semester Zeit habe. Scheinbar ist es im Kunstbereich üblich,

dass sowohl Diplomarbeiten, für die man ein ganzes Jahr Zeit hat, erst kurz

vor der Diplomprüfung fertig werden, und dann mit halbgarem Gestammel

und einem Hauch von „irgendwas sagen, ist besser als gar nichts zu sagen“

präsentiert werden, als auch wahnsinnig gut ausgearbeitete und sinnvolle

Wissenschaftliche Arbeiten, erst am letzten möglichen Wochenende, am

letzten Drücker fertig werden.

Ich frage mich, warum das so ist.

Ich würde mich selbst als faul bezeichnen, ja, aber nicht als blöd. Ich hatte ja

Zeit diese Arbeit zu planen, mir einen Zeitplan anzulegen oder mit Kollegen

und Lehrenden über Themen zu diskutieren, lange bevor diese fertig

ausformuliert sein hätten müssen.

Es entzieht sich auch nicht meiner Kenntnis, warum so eine Arbeit gut und

wichtig ist. Ich finde diese Art der Leistungsüberprüfung bei weitem besser

als einen, „lerne bis zu diesem Stichtag für den Test und dann vergiss wieder

Dennoch enttäusche ich mich selbst. Dennoch fange ich viel zu spät an. Ich

hatte die Bücher doch schon vor einem Monat, es war auch nicht so, dass ich

ständig etwas zu tun hatte. Nur scheinbar fehlte mir der Druck.

Der Druck ist, glaube ich, das was mich antreibt. Der Druck, die Erwartungen

an einen Menschen etwas zu tun. Wenn er etwas tun muss, ein Werk

abgeben, dass er noch nicht fertig hat. Auf eine Bühne treten und zu spielen,

zu singen, zu reden oder zu tanzen, vor einem Saal, einer Klasse, einem

Publikum. Den Erwartungen zu entsprechen, Erwartungen von einem selbst,

an einen selbst. Und dazu dann noch die Erwartungen derer, denen man

zugesagt hat. Zugesagt hat, ja ich halte einen Vortrag, ja ich mache ein Bild

für euch, ja ich übernehme die Betreuung. Genauso sitze ich jetzt freiwillig

da und schreibe an etwas anderem, als an dem was ich eigentlich schreiben

sollte. Ich stelle an mich selbst die Erwartung die Arbeit, die ich bis morgen

fertig gestellt haben soll, fertig zu machen. Ich stelle mich der Erwartung

meines Lehrenden, der nicht irgendwelchen kopierten und umformulierten

sinnlosen Text lesen will, sondern ein in Anbetracht der Zeit, die ich für diese

Arbeit hatte angemessenes Ergebnis erwartet.

Der Grund, warum ich jetzt dasitze und mich nicht in den vergangenen

Monaten jede Woche ein bis zwei Stunden ohne Stress hingesetzt habe ist

der, dass die Arbeit morgen fertig sein muss. Wenn sie gestern hätte fertig

sein müssen, hätte ich vorgestern dagesessen.

Ich könnte mir genauso gut selbst etwas vorlügen und mit einer Ausrede

kommen, dass ich keine Zeit gefunden habe, die Arbeit zu schreiben, sie aber

irgendwann nachbringe. Doch das wäre glatter Selbstbetrug.

Eigentlich ist die Arbeit jetzt schon Selbstbetrug. Ein Wochenende an einer

Arbeit mit aufgeblasenen sechs Seiten Inhalt, wissenschaftlich zu nennen

ist eigentlich schon lächerlich. Ich kann für meine Arbeit nicht wirklich den

Titel wissenschaftlich wählen, eher ist sie ein Kurzüberblick, ein Leitfaden,

ein Wegweiser für jemanden, der sich für die Thematik über die ich schreibe,

interessiert und gerne mehr erfahren würde. Aber weiter nichts.

Ich frage mich auch, warum ich diesen Text schreibe. Er soll keine Ausrede,

oder Beschönigung für eine, meiner Ansicht nach, sehr mittelmäßigen Arbeit

sein, sondern scheint mir eine Beruhigung für mich selbst zu sein.

Wenn ich zu vielbeschäftigt gewesen wäre, und diese Arbeit schon für nicht

möglich erkannt hätte, wäre ich vorher aufgestanden und hätte meiner

Lehrperson dargelegt, dass ich es nicht schaffen werde, die Arbeit zu

Doch sie wird fertig werden, ich werde mich jetzt wieder ihr widmen und ihr

den letzten Schliff verpassen.

Ich will mit diesem Text nichts rechtfertigen, sondern informieren. Ich glaube,

dass es auch vielen meiner Kollegen und Kolleginnen ähnlich wie mir

ergangen ist. Ich fühle mich nicht in der Lage eine wissenschaftliche Arbeit

abzugeben, die meinen Vorstellungen von einer wissenschaftlichen Arbeit

entspricht. Wie genau diese Vorstellungen aussehen, weiß ich allerdings auch

nicht. Auf jeden Fall besser als meine momentane Arbeit.

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