kunstliebe

Geliebte Kunst
Wer geht um der Kunst willen ins Museum?
Tom Waibel (Dieser Text wurde im Jahrbuch 365/10 der Wiener Kunstschule veröffentlicht)

„Knapp sind nicht die Güter, sondern die Neigung sie zu konsumieren, knapp ist ein ‚kulturelles Bedürfnis', das, anders als die ‚Grundbedürfnisse', Ergebnis von Erziehung bleibt. Dies heißt, dass die Ungleichheit im Angesicht kultureller Werte nur ein Aspekt der Ungleichheiten gegenüber einer Bildung sind, die das ‚kulturelle Bedürfnis' ebenso weckt wie sie gleichzeitig die Mittel an die Hand gibt, es zu befriedigen." (Bourdieu/Darbel 2006: 67).

Um die Mitte der 1960er Jahre versuchte eine namhafte Anzahl von Soziolog_innen und Statistiker_innen unter der Leitung von Pierre Bourdieu und Alain Darbel die Liebe zur Kunst messbar zu machen. Dazu wurden vor 123 ausgewählten französischen Kunstmuseen tausende von Fragebogen ausgefüllt, Interviews geführt und deren Ergebnisse mittels Vergleichsuntersuchungen in den Niederlanden, Polen und Griechenland überprüft. Die Schlussfolgerungen aus dieser bisher umfangreichsten europäischen Breitenuntersuchung über den gesellschaftlichen Zugang zu kulturellen Gemeingütern der „schönen Künste" waren, kurz gesprochen, ernüchternd: Generell fanden vor allem gut gebildete und einkommensstarke Gesellschaftsschichten Zugang zu Kunstmuseen und das Wissen um die „Liebe zur Kunst" wurde fast ausschließlich in privaten und familiären Praktiken eingeübt.

Im Herbst 2010 widmete sich das Ästhetik-Seminar an der Kunstschule der Debatte dieser Studie und begann, eigene gegenwartsbezogene Fragen an diesen „heimlichen Klassiker der Kunstsoziologie" zu stellen: Wie charakterisiert sich der gesellschaftliche Zugang zur Kulturgütern heute? Was suchen aktuelle Besucher_innen in österreichischen Kunstmuseen? Ist die Liebe zur Kunst eine Eingebung des Herzens oder beruht sie vielmehr auf der Einübung „vornehmer Sitten"? Zur wissenschaftlichen Beantwortung dieser und weiterer Fragen des „guten Geschmacks" schien es zweckmäßig, eine Stichprobenerhebung vor österreichischen Kunstmuseen zu unternehmen.

Das primäre Interesse bestand nun darin, fast 45 Jahre nach der französischen Studie mittels stichprobenartiger Vergleichsdaten festzustellen, ob und wie sich der Zugang zu Kunstmuseen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat. Um dies adäquat zu ermitteln, wurden zunächst die Fragebögen der Befragungen I + II von Bourdieus Studie über europäische Kunstmuseen und ihre Besucher_innen sorgfältig aktualisiert und behutsam reduziert. Daraufhin bildeten sich Kleingruppen, die im Zeitraum vom 23. 10. bis zum 12. 11. 2010 insgesamt 125 Museumsbesucher_innen (60 Frauen und 65 Männer) zu ihrem Besuchsverhalten und ihren Kunstvorlieben vor österreichischen Bundesmuseen in Wien befragten (Kunsthistorisches Museum, Albertina, Belvedere, MUMOK).

Zuletzt wurden die Ergebnisse gründlich diskutiert und gemeinsam ausgewertet: Eine besondere Schwierigkeit der Auswertung bestand darin, dass unsere erhobenen Stichprobendaten die unveränderte Gültigkeit einiger zentraler Erkenntnisse von 1966 im Wesentlichen nahe legten. Eine solche generelle Bestätigung vorliegender Ergebnisse muss in einer ernstzunehmenden Sozialstudie zumindest Anlass zu Skepsis geben - hatten wir mit der Formulierung der Fragen bestimmte Antworten suggeriert oder mit der Auswahl der Untersuchungsmethoden andere Antwortmöglichkeiten ausgeschlossen? Ein kritischer Vergleich mit einer 2004 vom Bundesministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur in Auftrag gegebenen Evaluierung österreichischer Bundesmuseen unterstrich jedoch manche unserer Ergebnisse. Die Überraschung der Stichprobe von 2010 besteht demnach vor allem darin, dass - trotz eines im Vergleich zu den 1960er Jahren weitgehend veränderten Museumsangebots (man denke nur an die Anstrengungen von Museumspädagogik oder Museumsvermittlung, nicht zuletzt den jüngst festgelegten Gratiszugang zu Bundesmuseen für Jugendliche unter 19 Jahren, etc.) - sich das allgemeine Profil der Benutz_innen von Kunstmuseen kaum verändert hat.

Im Folgenden werden einige Eckpunkte unserer Stichprobenerhebung von 2010 den Ergebnissen der Breitenuntersuchung von 1966 schematisch gegenübergestellt. Detaillierte Diagramme sowie die Dokumentation der verwendeten Fragebögen finden sich auf der web-site der Kunstschule.

1. Bildungsprofil

„Museumsbesuche sind - ausgesprochen markant zunehmend mit höherem Schulabschluss - nahezu ausschließlich eine Sache der gebildeten Klassen." (Bourdieu/Darbel 2006: 33).

Aus den folgenden beiden Diagrammen wird ersichtlich, dass 91% aller 2010 befragten Museumsbesucher_innen über Matura oder Hochschulabschluss verfügen, während nur 18% der österreichischen Bevölkerung über eine vergleichbare Schulbildung verfügt.

Abb. 1: Bildungsprofil Museumsbesucher_innen (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010).

Abb. 2: Bildungsprofil österr. Staatsbürger_innen (Quelle: Statistik Austria, Volkszählung 2001).

2. Sozialisierung mit Kunstmuseen

„Das Vorhandensein einer derart starken Beziehung zwischen Ausbildungsniveau und kultureller Praxis darf nicht verschleiern, dass sich angesichts der stillschweigenden Voraussetzungen, die sie bestimmen, die Wirkung des traditionellen Schulwesens nur entfalten kann, solange sie sich auf Personen richtet, die durch die familiäre Erziehung mit der Welt der Kunst bereits in gewissem Maße vertraut sind." (Bourdieu/Darbel 2006: 50).

Die Bedeutung des familiären Umfeldes für die kulturellen Praktiken spiegelt sich deutlich in der Art der ersten Bekanntschaft mit Kunstmuseen wieder, die in der Regel viermal häufiger durch die Familie als durch Bildungseinrichtungen (Schule, Kindergarten, etc.) erfolgt.

Abb. 3: Begleitung Erstbesuch (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010).

3. Kunstsozialisation und Schule

„Die Schule, deren spezifische Funktion es ist, Neigungen zu schaffen und zu entwickeln, die den gebildeten Menschen ausmachen und Grundlage einer permanenten und, quantitativ wie qualitativ, intensiven kulturellen Praxis sind, könnte (zumindest zum Teil) den anfänglichen Nachteil derer wettmachen, die in ihrem familiären Umfeld keine Anregung für eine kulturelle Praxis und Vertrautheit mit Kunstwerken finden, welche der pädagogische Diskurs voraussetzt - allerdings nur unter der Bedingung, dass sie alle verfügbaren Mittel einsetzt, um die Spirale der kumulativen Prozesse zu zerbrechen, zu denen jede Kulturbildung verurteilt ist." (Bourdieu/Darbel 2006: 106).

Den Ergebnissen der Stichprobe nach zu schließen, ist es der Schule in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen, „die Spirale der kumulativen Prozesse zu zerbrechen, zu denen jede Kulturbildung verurteilt ist." Obwohl mehr als 90% aller Erstbesuche in Kunstmuseen in den Zeitraum der schulischen oder universitären Ausbildung fallen (und mehr als die Hälfte davon im Alter von 6 bis 14 Jahren erfolgen), so geschehen sie doch in den allermeisten Fällen in Begleitung der Familie und nicht der entsprechenden Bildungseinrichtung.

4. Altersprofil

„Die Tatsache, dass die jüngsten Altersgruppen in den Museen am stärksten vertreten sind - die Besuchsquote bleibt nach einem Einbruch um die 25 Jahre herum bis 65 stabil - erklärt sich ganz offensichtlich durch den Einfluss der Schule." (Bourdieu/Darbel 2006: 40).

Im Hinblick auf das Altersprofil der Besucher_innen von Kunstmuseen lassen sich einige Verschiebungen gegenüber den Daten von 1966 feststellen: Die gegenwärtig am stärksten vertretene Altersgruppe liegt zwischen 18 und 25 Jahren, auch hier ist nach 25 ein Einbruch zu beobachten, der sich allerdings nicht stabilisiert, sondern gegen das Pensionsalter hin einen neuerlichen Anstieg verzeichnet. Insgesamt überrascht, dass der Besucher_innengruppe von 14 bis 18 Jahren nicht dieselbe Bedeutung zukommt, wie in der Studie von 1966. Dies mag teilweise darauf zurückzuführen sein, dass unsere Stichprobenerhebungen im Herbst 2010 ausschließlich an Nachmittagen durchgeführt wurden und daher die Besuche von Schulklassen nicht adäquat erfasst werden konnten.

Abb. 4: Altersverteilung der Besucher_innen (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010).

5. Orientierung in Kunstmuseen

„Tatsächlich aber können Pfeile, Tafeln, Kunstführer und Museumspersonal dem Mangel an schulischer Bildung nicht wirklich abhelfen, sondern verkünden durch ihr schlichtes Vorhandensein das Recht, nicht zu wissen, das Recht, hier unwissend zu sein, das Recht der Unwissenden, hier zu sein, und tragen so dazu bei das Gefühl der Unzulänglichkeit des Werkes und der Unwürdigkeit der Betrachter zu mindern [...]" (Bourdieu/Darbel 2006: 83).

Im Hinblick auf die Einschätzung von orientierenden Pfeilen und erklärenden Tafeln ergibt die Auswertung der Stichprobe von 2010 folgendes Panorama: Für beide Arten von Hinweisen lässt sich eine allgemeine Bejahung des „Rechts, hier unwissend zu sein" feststellen, eine Bejahung, die Orientierungspfeilen gegenüber einen deutlichen Anteil an Indifferenz aufweist, Erklärungstafeln gegenüber jedoch umso eindeutiger positiv ausfällt. Dies erstaunt insbesondere angesichts der bereits ausgewiesenen Tatsache, das Bildungsniveau der Besucher_innen der Stichprobenerhebung äußerst hoch liegt.

6. Art des Besuchs

„Und wenn die Besucher der unteren Klassen es vorziehen, mit Eltern oder Freunden ins Museum zu gehen, dann sicher auch deshalb, weil die Gruppe ihnen helfen soll, ein Gefühl des Unbehagens zu vertreiben, während der Wunsch, ein Museum alleine zu besuchen, immer häufiger ausgedrückt wird, je höher man sich in der sozialen Hierarchie befindet." (Bourdieu/Darbel 2006: 85).

Unter Berücksichtigung der bereits (unter Punkt 4) festgestellten Einschränkungen der Stichprobenerhebung im Hinblick auf Aussagemöglichkeiten über Besucher_innen mit niedrigem Bildungsniveau, lässt sich für die Vergleichsstudie folgendes feststellen:  Bei Besucher_innen mit hohem Bildungsniveau überwiegt der Wunsch ein Museum alleine zu besuchen. Dabei überrascht allerdings, dass die Art, wie das Museum tatsächlich besucht wurde, diesem Wunsch nicht entspricht, sondern vielmehr jenen Besuchsformen ähnlich ist, die 1966 für Besucher_innen der unteren Klassen festgestellt wurden.

Abb. 5: Besuchswunsch (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010).

Abb. 6: Besuchsart (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010).

7. Informationsquellen

„Es ist nur ein scheinbares Paradox, dass die Klassen, denen es weniger an persönlichen Hilfsmitteln wie Kunstführern oder Katalogen mangelt (weil das Wissen um diese Hilfsmittel und die Kunst sie zu handhaben, eine Sache von Kultur ist), am häufigsten institutionalisierte und kollektive Hilfestellungen ablehnen." (Bourdieu/Darbel 2006: 87f).

Neben der generellen Bestätigung der entsprechenden Folgerungen von 1966 ist für die Stichprobe 2010 festzuhalten, dass der verschwindend geringe Anteil an tatsächlich in Anspruch genommenen Museumsführungen, sei dies in Form von Museumspersonal oder von Publikationen auch im Widerspruch zum bedeutend häufiger genannten Wunsch nach einer qualifizierten Museumsführung (vgl. Abb. 5) steht.

8. Anregung

„Diejenigen, die an die Wunderwirkung einer Politik der Förderung des Museumsbesuchs glauben, insbesondere an die Öffentlichkeitsarbeit in Presse, Rundfunk oder Fernsehen, ohne zu sehen, dass dies nur den Überfluss an Informationen vermehrt, die Reiseführer, Fremdenverkehrsämter oder Hinweistafeln am Ortseingang von Touristenstädten schon reichlich erteilen, sie ähneln den Leuten, die glauben, um sich einem Ausländer besser verständlich zu machen, genüge es, einfach noch lauter zu sprechen." (Bourdieu/Darbel 2006: 147f).

Die Daten der Stichprobe 2010 situieren die Werbung wohl ins Spitzenfeld der angegebenen Beweggründe ein Museum zu besuchen, ihr Einfluss wird jedoch übertroffen von der Motivation, die Museen einer Stadt zu besuchen, die man bereist. Werbung ist ähnlich bedeutend wie nicht näher angegebene andere Gründe und wird mit leichtem Abstand gefolgt von persönlichen Empfehlungen, durch die Besucher_innen veranlasst wurden, das Museum zu besuchen.

9. Künstlerische Vorlieben

„Die Verwirrung im Angesicht der ausgestellten Werke nimmt ab, sobald sich die Wahrnehmung mit typischen Kenntnissen ausstatten kann, mögen sich noch so verschwommen sein. Die erste Stufe der rein ästhetischen Kompetenz bestimmt sich durch die Beherrschung eines Arsenals an Wörtern, die es erlauben, Unterschiede zu benennen und dadurch bilden zu können." (Bourdieu/Darbel 2006: 89).

Das hoch gebildete Publikum der Stichprobe von 2010 vorausgesetzt, ist festzustellen, dass von einer insgesamt großen Anzahl genannter Künstler_innen (68) etwas weniger als die Hälfte davon (26) mehrfach genannt wurde. Dem Bildungsniveau des Stichprobenpublikums entsprechend wurde ebenso eine beträchtliche Anzahl an Stilrichtungen genannt (37), von denen wiederum etwas weniger als die Hälfte (16) mehrfach angeführt wurden.

10. Schlussfolgerungen

„Investitionen in kulturelle Einrichtungen sind wenig rentabel, solange es an Investitionen in die Schule fehlt, denn sie allein ist dazu in der Lage, die Nutzer solcher Einrichtungen zu ‚produzieren'." (Bourdieu/Darbel 2006: 157).

Der Stichprobenvergleich bestätigt diese allgemeine Schlussfolgerung; trotz eines weitgehend veränderten Museumsangebots hat sich das Profil ihrer Nutzer_innen kaum verändert. Es ist nahe liegend, die Gründe dafür in der bestehenden Schul- und Bildungspolitik zu suchen.


Anmerkungen

„Damit die Kultur ihre Aufgabe der Legitimation ererbter Privilegien erfüllen kann, braucht und genügt es, dass das gleichzeitig offenkundige und versteckte Band zwischen Kultur und Erziehung vergessen und geleugnet wird." (Bourdieu/Darbel 2006: 164).

Alle Zitate stammen aus: Pierre Bourdieu und Alain Darbel, Die Liebe zur Kunst. Europäische Kunstmuseen und ihre Besucher, Konstanz: UVK 2006.


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