Geliebte Kunst

Überblickstext zu den Ergebnissen der Stichprobe: "Geliebte Kunst"

Stichproben zur Studie: Die Liebe zur Kunst
(Bourdieu/Darbel [1966] 2006)


Im Zeitraum vom 23. 10. bis zum 12. 11. 2010 wurden insgesamt 125 Museumsbesucher_innen (60 Frauen und 65 Männer) zu ihrem Besuchsverhalten und ihren Kunstvorlieben befragt. Die Befragung fand vor folgenden österr. Bundesmuseen in Wien statt:

Kunsthistorisches Museum
Albertina
Belvedere
MUMOK

Die Stichprobenerhebung orientierte sich an den Fragebogen der Befragungen I + II der Studie über europäische Kunstmuseen und ihre Besucher_innen von Pierre Bourdieu und Alain Darbel. Die Absicht der Erhebung bestand darin, fast 45 Jahre nach der Studie Die Liebe zur Kunst (UVK 2006) mittels stichprobenartiger Vergleichsdaten festzustellen, ob und wie sich der Zugang zu Kunstmuseen in den vergangenen Jahrzehnten verändert hat.

Die von uns im Herbst 2010 erhobenen Stichproben unterstreichen die unveränderte Gültigkeit einiger zentraler Erkenntnisse von 1966.

1. Bildungsprofil der Besucher_innen


"Museumsbesuche sind – ausgesprochen markant zunehmend mit höherem Schulabschluss – nahezu ausschließlich eine Sache der gebildeten Klassen." (Bourdieu/ Darbel 2006, 33).

Aus den folgenden Diagrammen wird ersichtlich, dass 91% aller Museumsbesucher_innen über Matura oder Hochschulabschluss verfügen, während nur 18% der österreichischen Bevölkerung über eine vergleichbare Schulbildung verfügt.

Abb. 1: Bildungsprofil Museumsbesucher_innen (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

Abb. 2: Bildungsprofil österr. Staatsbürger_innen (Quelle: Statistik Austria, Volkszählung 2001)

2. Sozialisierung mit Kunstmuseen

"Das Vorhandensein einer derart starken Beziehung zwischen Ausbildungsniveau und kultureller Praxis darf nicht verschleiern, dass sich angesichts der stillschweigenden Voraussetzungen, die sie bestimmen, die Wirkung des traditionellen Schulwesens nur entfalten kann, solange sie sich auf Personen richtet, die durch die familiäre Erziehung mit der Welt der Kunst bereits in gewissem Maße vertraut sind." (Bourdieu/ Darbel 2006, 50).

Die Bedeutung des familiären Umfeldes für die kulturellen Praktiken spiegelt sich deutlich in der Art der ersten Bekanntschaft mit Kunstmuseen wieder, die in der Regel 4x häufiger durch die Familie als durch Bildungseinrichtungen (Schule, Kindergarten, etc.) erfolgt.

Abb. 3: Begleitung Erstbesuch (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

3. Kunstsozialisation und Schule

"Die Schule, deren spezifische Funktion es ist, Neigungen zu schaffen und zu entwickeln, die den gebildeten Menschen ausmachen und Grundlage einer permanenten und, quantitativ wie qualitativ, intensiven kulturellen Praxis sind, könnte (zumindest zum Teil) den anfänglichen Nachteil derer wettmachen, die in ihrem familiären Umfeld keine Anregung für eine kulturelle Praxis und Vertrautheit mit Kunstwerken finden, welche der pädagogische Diskurs voraussetzt – allerdings nur unter der Bedingung, dass sie alle verfügbaren Mittel einsetzt, um die Spirale der kumulativen Prozesse zu zerbrechen, zu denen jede Kulturbildung verurteilt ist." (Bourdieu/ Darbel 2006, 106).

Den Ergebnissen der Stichprobe nach zu schließen, ist es der Schule in den letzten Jahrzehnten nicht gelungen, "die Spirale der kumulativen Prozesse zu zerbrechen, zu denen jede Kulturbildung verurteilt ist." Obwohl mehr als 90% aller Erstbesuche in Kunstmuseen in den Zeitraum der schulischen oder universitären Ausbildung fallen (und mehr als die Hälfte davon im Alter von 6 bis 14 Jahren erfolgen), so geschehen sie doch in den allermeisten Fällen in Begleitung der Familie und nicht der entsprechenden Bildungseinrichtung.

Abb. 4: Erster Museumsbesuch (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010).

4. Altersprofil der Besucher_innen

Im Hinblick auf das Altersprofil der Besucher_innen von Kunstmuseen lassen sich einige Verschiebungen gegenüber den Daten von 1966 feststellen:

"Die Tatsache, dass die jüngsten Altersgruppen in den Museen am stärksten vertreten sind – die Besuchsquote bleibt nach einem Einbruch um die 25 Jahre herum bis 65 stabil – erklärt sich ganz offensichtlich durch den Einfluss der Schule." (Bourdieu/ Darbel 2006, 40).

Die gegenwärtig am stärksten vertretene Altersgruppe liegt zwischen 18 und 25 Jahren, auch hier ist nach 25 ein Einbruch zu beobachten, der sich allerdings nicht stabilisiert, sondern gegen das Pensionsalter hin einen neuerlichen Anstieg verzeichnet. Insgesamt überrascht, dass der Besucher_innengruppe von 14 bis 18 Jahren nicht diesselbe Bedeutung zukommt, wie in der Studie von 1966. Dies mag teilweise darauf zurückzuführen sein, dass unsere Stichprobenerhebungen im Herbst 2010 ausschließlich an Nachmittagen durchgeführt wurden und daher die Besuche von Schulklassen nicht adäquat erfasst werden konnten.

Abb. 5: Altersverteilung der Besucher_innen (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

5. Stellenwert des Kulturtourismus

"Wenn der Tourismus über die Einkommen mit dem Ausbildungsniveau verknüpft ist, dann sind es dieselben Leute, die am häufigsten Gelegenheit haben, Museen zu besuchen und auch die stärkste Neigung haben, dies zu tun. Das ist eine jener Beziehungen, die dazu führen, dass sich im Bereich der Kultur Vorteile wie Nachteile kumulieren." (Bourdieu/ Darbel 2006, 46).

Diese Schlussfolgerungen werden durch die Stichproben von 2010 grosso modo bestätigt, auch hier liegt das Bildungsniveau sowohl der  in- als auch ausländischen Tourist_innen leicht über dem des Gesamtdurchschnitts. Allerdings muss im Hinblick auf die Ergebnisse der Stichprobe folgende Einschränkung gemacht werden: Da insgesamt mehr als 90% aller Besucher_innen über Matura oder Hochschulbildung verfügen, lassen sich über die wenigen verbleibenden Besucher_innen mit geringerem Bildungsniveau aufgrund ihres verschwindenen Anteils an der Gesamtgruppe kaum statistisch relevante Aussagen treffen.

Abb. 6: Wohnorte Besucher_innen (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

6. Orientierung in Kunstmuseen

"Tatsächlich aber können Pfeile, Tafeln, Kunstführer und Museumspersonal dem Mangel an schulischer Bildung nicht wirklich abhelfen, sondern verkünden durch ihr schlichtes Vorhandensein das Recht, nicht zu wissen, das Recht, hier unwissend zu sein, das Recht der Unwissenden, hier zu sein, und tragen so dazu bei das Gefühl der Unzulänglichkeit des Werkes und der Unwürdigkeit der Betrachter zu mindern [...]" (Bourdieu/ Darbel 2006, 83).

Im Hinblick auf die Einschätzung von orientierenden Pfeilen und erklärenden Tafeln ergibt die Auswertung der Stichprobe von 2010 folgendes Panorama: Für beide Arten von Hinweisen lässt sich eine allgemeine Bejahung des "Rechts, hier unwissend zu sein" feststellen, eine Bejahung, die Orientierungspfeilen gegenüber einen deutlichen Anteil an Indifferenz aufweist, Erklärungstafeln gegenüber jedoch umso eindeutiger positiv ausfällt. Dies erstaunt insbesondere angesichts der bereits ausgewiesenen Tatsache, das Bildungsniveau der Besucher_innen der Stichprobenerhebung äußerst hoch liegt.

Abb. 7: Orientierung im Museum (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

Abb. 8: Erklärungen im Museum (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

7. Art des Museumsbesuchs

"Und wenn die Besucher der unteren Klassen es vorziehen, mit Eltern oder Freunden ins Museum zu gehen, dann sicher auch deshalb, weil die Gruppe ihnen helfen soll, ein Gefühl des Unbehagens zu vertreiben, während der Wunsch, ein Museum alleine zu besuchen, immer häufiger ausgedrückt wird, je höher man sich in der sozialen Hierarchie befindet." (Bourdieu/ Darbel 2006, 85).

Unter Berücksichtigung der bereits (unter Punkt 4) festgestellten Einschränkungen der Stichprobenerhebung im Hinblick auf Aussagemöglichkeiten über Besucher_innen mit niedrigem Bildungsniveau, lässt sich für die Vergleichsstudie 2010 folgendes feststellen:  Bei Besucher_innen mit hohem Bildungsniveau überwiegt der Wunsch ein Museum alleine zu besuchen. Dabei überrascht allerdings, dass die Art, wie das Museum tatsächlich besucht wurde, diesem Wunsch nicht entspricht, sondern vielmehr jenen Besuchsformen ähnlich ist, die 1966 für Besucher_innen der unteren Klassen festgestellt wurden. 

Abb. 9: Besuchswunsch (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

Abb. 10: Besuchsart (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

8. Informationsquellen während des Besuchs


"Es ist nur ein scheinbares Paradox, dass die Klassen, denen es weniger an persönlichen Hilfsmitteln wie Kunstführern oder Katalogen mangelt (weil das Wissen um diese Hilfmittel und die Kunst sie zu handhaben, eine Sache von Kultur ist), am häufigsten institutionalisierte und kollektive Hilfestellungen ablehnen." (Bourdieu/ Darbel 2006, 87f).

Neben der generellen Bestätigung der entsprechenden Folgerungen von 1966 ist für die Stichprobe 2010 festzuhalten, dass der verschwindend geringe Anteil an tatsächlich in Anspruch genommenen Museumsführungen, sei dies in Form von Museumspersonal oder von Publikationen auch im Widerspruch zum bedeutend häufiger genannten Wunsch nach einer qualifizierten Museumsführung (vgl. Abb. 9) steht.

Abb. 11: Information im Museum (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

9. Anregung zum Museumsbesuch

"Diejenigen, die an die Wunderwirkung einer Politik der Förderung des Museumsbesuchs glauben, insbesondere an die Öffentlichkeitsarbeit in Presse, Rundfunk oder Fernsehen, ohne zu sehen, dass dies nur den Überfluss an Informationen vermehrt, die Reiseführer, Fremdenverkehrsämter oder Hinweistafeln am Ortseingang von Touristenstädten schon reichlich erteilen, sie ähneln den Leuten, die glauben, um sich einem Ausländer besser verständlich zu machen, genüge es, einfach noch lauter zu sprechen." (Bourdieu/ Darbel 2006, 147f).

Die Daten der Stichprobe 2010 situieren die Werbung wohl ins Spitzenfeld der angegebenen Beweggründe ein Museum zu besuchen, ihr Einfluss wird jedoch übertroffen von der Motivation, die Museen einer Stadt zu besuchen, die man bereist. Werbung ist ähnlich bedeutend wie nicht näher angegebene andere Gründe und wird mit leichtem Abstand gefolgt von persönlichen Empfehlungen, durch die Besucher_innen veranlasst wurden, das Museum zu besuchen. 

Abb. 12: Besuchsgrund (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

10. Besuchsinteresse


"Knapp sind nicht die Güter, sondern die Neigung sie zu konsumieren, knapp ist ein 'kulturelles Bedürfnis', das, anders als die 'Grundbedürfnisse', Ergebnis von Erziehung bleibt. Dies heißt, dass die Ungleichheit im Angesicht kultureller Werte nur ein Aspekt der Ungleichheiten gegenüber einer Bildung sind, die das 'kulturelle Bedürfnis' ebenso weckt wie sie gleichzeitig die Mittel an die Hand gibt, es zu befriedigen." (Bourdieu/ Darbel 2006, 67).

Da die Stichprobendaten kaum Rückschlüsse auf das Besuchsverhalten von Museumsbesucher_innen mit niedrigem Bildungsniveau erlauben, folgt hier ein Vergleich zwischen den artikulierten Besuchsinteressen und den tatsächlich betrachteten Kunstwerken. Dabei besteht eine generelle Kongruenz von Wunsch und Realisierung; der Umstand, dass die unterschiedlichen Interessen häufiger genannt sind, hat damit zu tun, dass in der Fragestellung explizit zu Mehrfachnennungen aufgefordert wurde. 

Abb. 13: Besuchsinteresse (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

Abb. 14: tatsächlich Betrachtet (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

11. Künstlerische Vorlieben

"Die Verwirrung im Angesicht der ausgestellten Werke nimmt ab, sobald sich die Wahrnehmung mit typischen Kenntnissen ausstatten kann, mögen sich noch so verschwommen sein. Die erste Stufe der rein ästhetischen Kompetenz bestimmt sich durch die Beherrschung eines Arsenals an Wörtern, die es erlauben, Unterschiede zu benennen und dadurch bilden zu können." (Bourdieu/ Darbel 2006, 89).

Das hochgebildete Publikum der Stichprobe von 2010 vorausgesetzt, ist festzustellen, dass von insgesamt 68 genannten Künstler_innen nahezu die Hälfte (26) mehrfach genannt wurde.

Abb. 15: Mehrfachnennungen Künstler_innen (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

"So wächst, um nur einen sehr groben Indikator zu nehmen, der Anteil der Personen, die als Antwort auf eine Frage zur ihren Vorlieben in der Malerei eine oder mehrere Schulen nennen, ausgesprochen signifikant in dem Maße an, in dem das Bildungsniveau steigt." (Bourdieu/ Darbel 2006, 90).

Dem Bildungsniveau des Stichprobenpublikums entsprechend wurde eine beträchtliche Anzahl an Stilrichtungen genannt (37), von denen etwas weniger als die Hälfte (16) mehrfach angeführt wurden.

Abb. 16: Mehrfachnennungen Stilrichtungen (Quelle: Geliebte Kunst, Vergleichsstudie 2010)

12. Schlussfolgerungen

"Investitionen in kulturelle Einrichtungen sind wenig rentabel, solange es an Investitionen in die Schule fehlt, denn sie allein ist dazu in der Lage, die Nutzer solcher Einrichtungen zu 'produzieren'." (Bourdieu/ Darbel 2006, 157).

Der Stichprobenvergleich von 2010 bestätigt diese allgemeine Schlussfolgerung von 1966. Trotz eines im Vergleich zu damals weitgehend veränderten Museumsangebots (Museumspädagogik, Museumsvermittlung, Gratiszugang unter 19 Jahren, etc.) hat sich das generelle Profil der Nutzer_innen von Kunstmuseen kaum verändert. Es ist naheliegend, die Gründe dafür in der Schul- und Bildungspolitik zu suchen.

Damit die Kultur ihre Aufgabe der Legitimation ererbter Priviligien erfüllen kann, braucht und genügt es, dass das gleichzeitig offenkundige und versteckte Band zwischen Kultur und Erziehung vergessen und geleugnet wird." (Bourdieu/ Darbel 2006, 164).
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