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Die wahrhafte Bibliothek

eine Realsatire von Tom Waibel

Karl Müller, mein Gegenüber in diesem Gespräch, lebt unter einem anderen Namen in Wien und beschäftigt sich auch im richtigen Leben mit den komplexen Herausforderungen, die in der Bildungslandschaft sprießen, wie die Eierschwammerln in einem warmen, regnerischen Sommer.

Gut, dass Sie gekommen sind, Waibel, ich hatte befürchtet, Sie würden gar nicht auftauchen, weil ich Sie so kurzfristig hergebeten habe, das mögen die wenigsten, wenn sie überraschend wohin bestellt werden, die meisten ertragen das nicht, wenn sie unvorhergesehen wo auftauchen sollen, es gibt kaum welche, die schnell irgendwohin kommen, wenn man sie aus heiterem Himmel darum bittet, drum hatte ich befürchtet, Sie würden nicht kommen, Waibel, da ich doch so kurzfristig danach gefragt habe, sagte Müller.

Für Sie mag das Gespräch unerwartet kommen, Waibel, für Sie mag es aussehen, wie ein Wolkenbruch aus heiterem Himmel, sagte Müller, aber Sie wissen doch gar nicht, wie oft ich schon daran gedacht habe, dass ich diese Sache mit Ihnen besprechen sollte, bereits seit langer Zeit beschäftigt mich die Frage, mit wem ich mich in dieser Angelegenheit besprechen kann, so eine delikate Sache lässt sich nicht mit jedem verhandeln, bei Gott, nicht jeder kann eine so heikle Angelegenheit begreifen, eine so raffinierte Geschichte, das ist ja keine Sache für jedermann, das muss ich doch voraus schicken, es handelt sich keineswegs um einen Sachverhalt für jedermann, nein, Waibel, nicht jedermann ist qualifiziert für dieses schwierige Thema, darum hab ich sie auch so überraschend hergebeten, sagte Müller.

Sie werden das bestimmt verstehen, das liegt doch auf der Hand, dass gerade Sie das verstehen, Waibel, zweifellos werden eben Sie das begreifen, schließlich haben Sie doch selbst gesagt, dass Ihnen eine Schule ohne Bibliothek vorkäme, wie ein Brot ohne Butter, nicht wahr, wie ein Witz ohne Pointe, wie ein Schuh ohne Bänder, wie eine Hose ohne Träger, wie eine Suppe ohne Salz, wie Schwalbe ohne Sommer, ja so ist es doch, eine Schule ohne Bücher, das ist doch eine zahnlose Farce, genau das ist es, das ist ein gelehrter Vorwand zur Verblödung, nichts weiter, das ist eine Geisteswissenschaft ganze ohne Geist, gar keine Frage, Sie haben sich doch selbst in diese Richtung geäußert, Waibel, darum habe ich Sie herbestellt, denn gerade Sie werden das erfassen, ohne jeden Zweifel, sagte Müller.

Eine Bibliothek an einer Schule, ja, so eine Sache wäre schnell auf die Beine gestellt, nicht wahr, das meinten Sie doch, Waibel, eine Schulbibliothek, das sei keine große Geschichte, so dachten Sie doch, eine schulische Ansammlung von Büchern, das sei doch eine Angelegenheit ganz ohne größere Schwierigkeiten, so eine Affäre sei doch im Nu erledigt, fast ohne Kraftanstrengung wäre so was zu bewerkstelligen, na was denn, das könne überaus rasch in die Wege geleitet werden, ohne größere Schwierigkeiten, so urteilten Sie doch, Waibel, nicht wahr, das bringe doch keine Probleme, gewiss nicht, so war das doch, sagte Müller.

Eine Schulbibliothek sei flugs organisiert, ja sicherlich, das schlugen Sie doch selbst vor, Waibel, man müsse nur die Studierenden verpflichten, einmal in der Woche ein Buch zu katalogisieren, so ginge das, die Geschichte wäre im Handumdrehen erledigt, jede Woche ein Buch in die Hand nehmen, na was denn, das sei doch nicht zu viel verlangt für junge Leute, freilich von jungen Leuten dürfe man nicht zuviel verlangen, sie wären ja freiwillig in dieser Bildungsinstitution, da dürfe das doch kein Problem sein, man könne Sie doch zu einem Buch verpflichten, stellen Sie sich vor, ein Buch in der Woche, nichts weiter, das sei doch wohl keine Zumutung, da bekomme doch niemand einen Schweißausbruch davon, aber was denn, und bei so und so vielen Studierenden mache das so und so viele Wochen, ein, zwei Semester und so eine Bibliothek wäre eingerichtet, das ließe sich doch im Nu besorgen, nicht wahr, eine Schulbibliothek, das sei doch keine Problem, sondern in Windeseile geregelt, so rechneten Sie sich das aus, Waibel, dann würden die Studierenden auch endlich mal richtig lesen, sagte Müller.

Das richtige Lesen, das ist doch ein Abenteuer im Kopf, nicht wahr, Waibel, das haben Sie selbst doch auch so oder so ähnlich festgestellt, ein Abenteuer im Kopf ist das richtige Lesen, ein Wagnis, das sich in der Vorstellung abspielt, ja, das heißt wahrlich Lesen, sich zu riskieren, das ist die richtige Lektüre, bei der man sich aufs Spiel setzt, das heißt Lesen, sich allen erdenklichen Gefahren auszusetzen, im Kopf natürlich, dort werden die Kämpfe beim Lesen ausgefochten, dort findet die Erfahrung in der Lektüre statt, im Lesen kann man gefährlich reisen, eine Aventüre ist die Lektüre eigentlich und man benutzt den Kopf dazu, so ist das doch, Waibel, sie selbst haben das bereits so oder ähnlich formuliert, sagte Müller.

Das richtige Lesen regt die Vorstellungskraft an, ja, stellen Sie sich das vor, Waibel, die Vorstellungskraft, das ist doch die Quelle von Wagnis und Risiko, aber nicht nur das, die Vorstellungskraft, das ist doch die wahrhaftige Möglichkeit der Erkenntnis, oder wie stellen Sie sich das vor, wie sollte man denn je etwas erkennen, das man sich nicht vorstellen kann, das ist doch ein Widerspruch, das ist ja gar nicht möglich, es geht doch darum, dass man sich etwas vorstellen können muss, damit man es auch erkennen kann, nein, es gibt doch gar keine Erkenntnis ohne eine Vorstellung, so ist das doch, es ist doch gänzlich unvorstellbar, dass man etwas weiß, und es sich doch nicht vorstellen kann, dann weiß man’s doch gar nicht, nicht wahr, und darum ist das so wichtig, die Vorstellungskraft und die wird beim Lesen angeregt, stellen Sie sich das vor, Waibel, das muss man sich vorstellen können, sonst weiß man doch gar nicht, was lesen heißt, nicht wahr, sagte Müller.

Und deshalb existieren die wirklich interessanten Texte im Kopf, so ist es doch, Waibel, die tatsächlich relevanten Bücher diktiert doch die Vorstellungskraft, nicht wahr, eine wirkliche Bibliothek ist unsichtbar, verstehen Sie doch endlich, nur eine virtuelle Bibliothek ist eine tatsächliche Bibliothek, das ist der Gipfel der Vorstellungskraft, begreifen Sie das, die wahrhafte Bibliothek, die existiert doch einzig und allein im Kopf, so ist es doch, nur ein vorgestelltes Buch ist unergründlich, keine Frage, nur eine nicht existierende Bibliothek ist unendlich, selbstverständlich, darum geht es doch, alles andere bleibt auf halbem Weg stecken, Waibel, reißen Sie sich zusammen, lassen Sie uns Nägel mit Köpfen machen, sagte Müller.

Das muss doch mal klar gesagt werden, nicht wahr, klipp und klar muss das einmal ausgesprochen werden, Waibel, aus diesen Gründen werden hier jedes Jahr erneut Studierende ausgebildet, um keine Bibliothek zu machen, nur in einer nicht existenten Bibliothek kann man unendlich lesen, haben Sie das jetzt begriffen, Waibel, das ist ein Bildungsauftrag, sehen Sie das ein, haben Sie das endlich erkannt, ja, was ist denn plötzlich mit Ihnen, sagte Müller.

Keine Chance. Müller würde nicht aufhören. Müller würde niemals aufhören. Ich erwachte schweißgebadet. Viel zu spät. Der Wecker schrillte unaufhörlich Fragezeichen in die Luft. Ich nahm eine kalte Dusche. Dann beschloss ich, nicht zur dringlichen Sitzung des Arbeitskreises zur Einberufung einer Initiative zur Gründungsversammlung einer künftigen Schulbibliothek zu erscheinen.

(abgedruckt in: Labor Kritik No. 2 Jg. 1, Frühjahr 2011)

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