art brut

seminar: kunst und marginalisierung

Die vom französischen maler und kunstsammler Jean Dubuffet geprägte bezeichnung art brut (rohe kunst) wird vielfach (fälschlich) mit der kunst geisteskranker gleichgesetzt. Dubuffet verwehrt sich gegen diese unterstellung: „Wir sind der ansicht, dass die wirkung der kunst in allen fällen die gleiche ist, und dass es ebenso wenig eine kunst der geisteskranken gibt, wie eine kunst der magenkranken oder der kniekranken.“  Art brut ist kunst von leuten, die (aus welchen gründen auch immer) die kulturellen normen des kunstschaffens unterlaufen: vereinsamte, sonderlinge, patienten psychiatrischer kliniken, häftlinge, marginalisierte aller art. Im zentrum des seminars steht die auseinandersetzung mit dem kunstschaffen in Maria Gugging, die forschung Leo Navratils zur „zustandsgebundenen kunst“ und die institutionelle entwicklung im haus der künstler.
  • Vorbesprechung Di. 8.3. 2011 von 11–13:00
  • 1.    Block: Fr. 18.3. + Sa. 19.3. von 10–17:00
  • 2.    Block: Fr. 15.4. + Sa. 16.4. von 10–17:00 
Verpflichten
de xxkursion ins Art Brut Center Gugging:
Fr.  15. April, Treffpunkt 9:50 Uhr an der Bushaltestelle vor der U4 Heiligenstadt. Achtung der Bus 239 fährt um 10:00 Uhr ab!

[Bild re.: Rudolf Horacek, Maria Gugging]

art brut
auf wikipedia:
Sammelbegriff für autodidaktische Kunst von Laien, Kindern und Menschen mit geistiger Behinderung. Keine Kunstrichtung oder Stilbezeichnung, sondern beschreibt  Kunst jenseits etablierter Kunstformen und -strömungen. Im anglo-amerikanischen Sprachraum ist  der Begriff Outsider Art gebräuchlich. 1949 wurden in Paris 200 Werke von 63 Künstlern unter dem Titel Art brut préferé aux arts culturels präsentiert. Dubuffet definiert Art Brut als subversive, alternative Kunstform abseits der erstickenden „kulturellen Künste“.

art brut auf g26.ch
Kulturelle Normen nicht mit psychopathologischen Benennungen verwechseln! Die Nazi-Ausstellung Entartete Kunst von 1937 brachte erstmals Werke der künstlerischen Avantgarde mit Bildzeugnissen aus dem psychiatrischen Bereich zusammen.
Musealisierung: Vereinnahmung oder Krise? Die Ausstellungspraxis bemächtigt sich der Kunstwerke, aber sie kann auch bedeuten, das Museum durch eine unangepasste Kunstform in eine Krise zu stürzen. Pierre Bourdieu konstatiert in Die Regeln der Kunst, dass Art Brut ihr Dasein einem besonderen kulturellen Blick verdankt.

art brut center Gugging
Ende der 50er Jahre ließ der Psychiater Leo Navratil in der Landesnervenklinik Maria Gugging zu Testzwecken Zeichnungen von seinen Patienten anfertigen. In den folgenden Jahren fand er - von Jean Dubuffet bestätigt - künstlerisch Talentierte in seiner Abteilung. 1965 gab er sein erstes Buch Schizophrenie und Kunst heraus. Durch dieses Werk angelockt, kamen viele Wiener Künstler nach Gugging. 1970 fand die erste Ausstellung der Gugginger Künstler in einer Wiener Kunstgalerie statt mit Kunstwerken von Rudolf Horacek, Walter Arnold Steffen, Oswald Tschirtner, August Walla, Josef Wittlich u.a.

RAWVISION
– International Magazine of outsider art and art brut
EUWARD – Europäischer Kunstpreis für Malerei und Grafik von Künstlern mit geistiger Behinderung.

[Bild re.: Emma Hauck, Brief an den Ehemann (1909)]

Text + Kritik

Wer ist normal? Leo Navratil im Gespräch mit NZZ

Art Brut? Outsider Art? Denkfigur und Behauptung, von Daniel Baumann

Art Brut and its relationship with psychiatry, by Leo Navratil

On Outsider Art and the Margins of the Mainstream, by Marcus Davies

Antipsychiatrie

Die Irren-Offensive. Zeitschrift von Ver-rückten gegen Psychiatrie.
The Antipsychiatry Coalition. A nonprofit volunteer group.
Lunaticpride. Lassen Sie sich nicht abschrecken.

Literatur

● Ingried Burgger, Peter Gorsen, Klaus Albrecht Schröder (Hrsg.): Kunst & Wahn, Köln: Dumont, 1997
● David Cooper: Psychiatrie und Anti-Psychiatrie, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971
● Gilles Deleuze, Félix Guattari u. a.: Antipsychiatrie und Wunschökonomie, Merve, Berlin 1976
● Gilles Deleuze, Félix Guattari: Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2005.
● Jean Dubuffet, Art brut: Vorzüge gegenüber der kulturellen Kunst (1949). In: Derselbe, Malerei in der Falle. Antikulturelle Positionen. Schriften Bd. 1, Bern-Berlin: Gachnang & Springer, 1991, S. 86–94
● Erving Goffman: Asyle. Über die soziale Situation psychiatrischer Patienten und anderer Insassen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1993
● Michel Foucault, Wahnsinn und Gesellschaft: Eine Geschichte des Wahns im Zeitalter der Vernunft. Frankfurt/Main: Suhrkamp [1973] 2007.
● Ernst Herbeck – Die Vergangenheit ist klar vorbei. Herausgegeben von Carl Aigner und Leo Navratil. Brandstätter, Wien 2002
● Michael Krajewski, Jean Dubuffet. Studien zu seinem Frühwerk und zur Vorgeschichte der Art brut, Osnabrück: Der Andere Verlag, 2004
● Morgenthaler, Walter: Ein Geisteskranker als Künstler: Adolf Wölfli. - Bern 1921. Nachdruck: Wien: Medusa-Verlag, 1985
● Leo Navratil: Schizophrenie und Kunst, München: dtv 1965
● Leo Navratil: Die Überlegenheit des Bären. Theorie der Kreativität, München: Arcis 1995.
● Leo Navratil: Art brut und Psychiatrie Gugging 1946–1986, Bd. I u. II, Verlag Christian Brandstätter: Wien 1999
● Lucienne Peiry, L’Art Brut. Die Träume der Unvernunft, Jena: Glaux, 1999, ISBN 3-931743-28-4 Unveränderter Neudruck als: Art Brut. Jean Dubuffet und die Kunst der Außenseiter Paris: Flammarion, 2005
● Gerd Presler, L'Art brut. Kunst zwischen Genialität und Wahnsinn, Köln: Dumont, 1981
● Hans Prinzhorn: Bildnerei der Geisteskranken. 5. Auflage, Springer, Wien 1997
● Szeemann, Harald (Hg.): Visionäre Schweiz, Verlag Sauerländer, Aarau, 1991
● Michel Thévoz, Art Brut. Kunst jenseits der Kunst, Aarau: AT Verlag, 1990

Film

Zwischen Wahnsinn und Kunst. Die Sammlung Prinzhorn. D, 2007, 75 min. Regie: Christian Beetz

Video (
6min21): Promo der Schirn Kunsthalle Frankfurt zur Ausstellung Weltenwandler. Die Kunst der Outsider vom 24.9.10–9.1.11.

Video
(6min21): Art Brut Center Gugging von ARTdok 2010.

Art Brut Center Gugging


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