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Zwischen Mangel und Überfluss - Zur Situation der thailändischen Wasservorkommen (5)


Fünfter Teil

Wasserknappheit, Ausblick

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung Thailands 1960 begann auch ein rigoroser Abbau der Naturressourcen, insbesondere des Waldes.  Um das weitgehend agrarisch strukturierte Land zu einem modernen exportorientierten Schwellenland umzubauen, förderte die Regierung den massiven Ausbau der Landwirtschaft. Damit fand eine folgenschwere Expansion der Agrarflächen auf Kosten der Wälder statt. Die Bauern rodeten die Bäume, um noch mehr Landfläche für den Ackerbau zu gewinnen, und die Regierung baute Straßen, Bewässerungskanäle und die Stromversorgung aus. Mit Hilfe von chemischen Düngemitteln und dem Einsatz von Pestiziden steigerten die Bauern die Erträge ihrer Monokulturen, wie Reis, Mais, Jute und Maniok, die auf den Weltmärkten gute Preise erzielten. In den folgenden Jahren wuchs die Wirtschaft Thailands mit Wachstumsraten von 6 bis 10%, und Thailand stieg zum fünftgrößten Agrarexporteur hinter den USA, Kanada, Australien und Frankreich auf. Bis heute ist es das weltgrößte Reisexportland. Die Regierung, die einen Wirtschaftsaufschwung als „asiatischer Tiger“ nach dem Vorbild von Taiwan und Korea im Blick hatte, nutzte den Agrarboom und subventionierte mit den erzielten Exporterlösen aus der Landwirtschaft den Import von Rohstoffen für die Industrie. Sie hatte klar einen Wirtschaftsumbau von einem agrarisch geprägten Erzeugerland zu einem industriellen Exportland im Auge. Dies dokumentieren die nachfolgenden Zahlen. Lag 1960 der Anteil der Landwirtschaft am Bruttosozialprodukt bei 31,5%, so betrug er im Jahr 2000 nur noch 11,4%. Der industrielle Aufbau zeigte dahingegen eine entgegen gesetzte Entwicklung: 1960 nur 19,7%, doch im Jahr 2000 schon 43,1%. 

John Herter, Lund University, Nov. 2004

Doch die Natur schlug bald zurück. Zwar verbot die Regierung 1989 den unkontrollierten Waldeinschlag, doch die Folgen zeigten sich bald und waren nicht mehr rückgängig zu machen. Der Boden trocknete aus, es kam zu Dürreperioden und Ernteausfällen. Die ehedem großen Wälder, die als natürliche Wasserspeicher fungierten, waren verschwunden, und da man keine künstlichen Auffangbecken gebaut hatte, lief der Regen in den Regenzeiten einfach davon. 1961 waren 51% der Landfläche Thailands mit Wäldern bedeckt, doch heute sind davon nur noch weniger als 25% übrig geblieben. Auch die kleinen Bauern waren Verlierer in dem großen Spiel und konnten von dem allgemeinen Wirtschaftaufschwung wenig profitieren. Da die Kosten für die künstlichen Düngemittel die mageren Ernteerträge überstiegen, gerieten sie in eine Verschuldensfalle, und viele von ihnen verloren am Ende sogar ihr Land. Die Industrialisierung brachte den Bauern keinen Wohlstand. Noch immer arbeitet fast die Hälfte der Arbeitsbevölkerung (42%) des Landes in der Landwirtschaft (USAID).

Da die Wasserressourcen nicht unendlich sind, doch der Bedarf infolge des Bevölkerungswachstums ständig steigt, sind Versorgungsprobleme in der Zukunft nicht so schwer vorherzusagen. Da weder Ort, Zeit noch Menge des Regens vorherzusagen sind, kämpft Thailand seit vielen Jahren gegen regelmäßig auftretende schwere Überschwemmungen und anhaltende Dürrezeiten, die im Wechsel während eines Jahres in derselben Region oder sogar zur selben Zeit vorkommen können. Jährlich muss Thailand Schäden in Höhe von 24 Milliarden Thaibaht (580 Mio. Euro) verkraften, die auf wasserbedingte Naturereignisse wie Überschwemmungen oder Trockenheit zurück zu führen sind. Landerosion begünstigt Überflutungen und Erdrutsche, und exzessive Grundwasserentnahmen – vor allem im Großraum Bangkok – führen zu Bodenaustrocknung und Landabsenkungen. Besonders die agrarisch genutzten nordöstlichen Landesteile leiden jedes Jahr unter Wasserknappheit und langen Dürrephasen. Der Regierung ist bewusst, dass diese Umstände die Entwicklung des Landes und die Lebensqualität der Bewohner in erheblichem Maße beeinträchtigen. Wenn es Thailand nicht gelingt, den Wasserverbrauch einzuschränken, werden zukünftige Wasserkrisen an der Tagesordnung sein.

Die vorrangigste Ursache aller Wasserknappheiten in Thailand ist der steigende Bedarf. Nur durch Regen können sich die Ressourcen regenerieren. Der Regen geht aber landesweit in sehr unterschiedlichen Mengen nieder und ist zudem sehr unzuverlässig. Über die letzten 50 Jahre sind die gefallenen Regenmengen beständig gesunken. Waren es 1953 noch 1950 Mio. m³, so registrierte man im Jahr 2005 nur noch 1450 Mio. m³ (Irrigation Department, 2004).

Jährliche Regenfallmengen, 1951 - 2004, Quelle: Irrigation Department, 2004

Die boomende Industrialisierung, ein anhaltendes Bevölkerungswachstum, eine explosive Urbanisierung in der Metropolregion Bangkok sowie eine wachsende Expansion in der Landwirtschaft haben für eine ungebremste Wassernachfrage gesorgt. Allein in den Jahren 1996 bis 2006 hat der Wasserverbrauch um 15% zugenommen. Im Jahr 2005, einem schrecklichen Dürrejahr, gab es allein 3.118 Versuche zum Erzeugen von künstlichem Regen, die den thailändischen Staat 991 Mio. Baht gekostet haben (Irrigation Department, 2004). 

Ausgaben für künstlichen Regen, Quelle: Bureau of Royal Rainmaking and Agricultural Aviation

Die Weltbank hat mehr als ein Drittel des Landes als dürregefährdet eingestuft, insbesondere große Teile des Nordens, Nordostens und des Westens.


In den Jahren 2004 und 2009 wurde der gesamte Nordosten Thailands von schweren Dürren heimgesucht. Da dieser Landesteil zu über 60% von seiner Landwirtschaft abhängig ist, gingen bedeutende Reis- und Zuckerrohrernten verloren.

Im Jahr 2005 waren 11 Mio. Menschen in 71 Provinzen von einem schweren Wassernotstand mit monatelangen Lieferausfällen betroffen. Die gesamte Ostküste Thailands, in der von Chachoengsao über Chonburi bis nach Rayong ein Industriegürtel mit 5 großen Industrieparks und 1771 Fabriken entstanden ist, litt unter einer großen Unterversorgung. Der damalige Regierungschef Thaksin ließ Wasser aus entfernten Reservoiren heranpumpen, was zu aufgebrachten Bauernprotesten führte.

Im Jahr 2008 wurden über 10 Millionen Menschen in 55 Provinzen von einer schweren Trockenheit heimgesucht, bei der über 150.000 Rai (24.000 ha) Landwirtschaftsflächen zerstört wurden.

Im Jahr 2010 rief das Landwirtschaftsministerium dazu auf, die Aussaat von jungen Reispflanzen in Zentral- und Nordthailand um einen Monat zu verschieben, da die Wasserstände in den Reservoiren dramatisch abgesunken waren. 14.000 Dörfer in 36 Provinzen waren von einer schweren Wassernot getroffen worden, die sogar den König und die Königin beunruhigten. 35 Provinzen wurden zu Katastrophengebieten erklärt, 6,5 Millionen Menschen waren betroffen (Innenministerium, Juni 2010).

Hua Hin gibt Wasserknappheitswarnungen nahezu jedes Jahr an seine Bevölkerung heraus, zuletzt im Feb. 2011. Es bezieht sein Wasser aus dem Pranburi Damm und dem Kaeng Krachan Staussee. Doch durch eine rasante Bebauungsentwicklung in den letzten Jahren wird Wasser während der trockenen Jahreszeit immer knapper.

Pattaya wird jedes Jahr von Wasserknappheiten heimgesucht. In diesem beliebten Touristenort leben – geschätzt - zwischen 300.000 bis 500.000 Einwohner, doch die Stadt wird jährlich von 6 Millionen Touristen besucht. Regelmäßig wiederkehrende Wasserknappheiten betreffen nicht nur die Haushalte und die Hotels, sondern schränken auch die Entwicklung des Ortes ein. Zuständig für die Wasserversorgung in Pattaya ist das staatliche Wasserwerk (PWA). Die PWA bezieht das Wasser aus vier verschiedenen Reservoiren: aus dem Maprachan Stausee (36.000 m³), aus dem Chak Nok Stausee (24.000 m³), aus dem Nong Klang Dong Stausee (48.000 m³) und aus der Banglamung Wasserstation (84.000 m³). Damit steht eine tägliche Gesamttrinkwassermenge von 192.000 m³ zur Verfügung. Doch die tägliche Wasserproduktion geht in Trockenzeiten zurück und sinkt unter den Bedarf. Bei einem täglichen Wasserverbrauch von 151.000 m³, kann die Versorgung schnell kritisch werden. (Pattaya Times, Mrz. 2011).

Im Angesicht der prekären Versorgungssituation gebiert die Hilflosigkeit der Behörden zuweilen ein paar nicht ganz ernst zu nehmende Skurrilitäten. Zum Songkran-Fest 2010, dem traditionellen Wasserfest in Thailand, stellte die Stadtverwaltung von Pattaya die übermäßige Verschwendung von Wasser unter Strafe gestellt. So musste jeder, der mehr als 50 Liter Wasser bei sich führte, 1000 Baht Strafe bezahlen.

Ausblick

Obwohl Thailand über große Wasserreserven verfügt, werden ihm Wasserkrisen in der Zukunft kaum erspart bleiben. Eine beständig wachsende Bevölkerung und ein starkes industrielles Wachstum werden den Druck auf die Wassernachfrage hochhalten und zu Verschlechterungen der Wasserqualität führen. Hier steht Thailand vor einer gewaltigen Herausforderung. Das derzeitig fragmentierte Wasserbewirtschaftungssystem mit seiner unübersichtlichen Kompetenzpraxis und die alleinige Konzentration auf den Wassersektor werden den Aufgabenstellungen der Zukunft nicht gerecht werden. Die Verwaltung der Wasservorkommen erfordert ein makroökonomisches Umdenken, das nicht nur eine verbesserte Nachfragesteuerung zum Ziel hat, sondern auch klimatische, ökologische und ordnungspolitische Aspekte berücksichtigen muss. Hierbei wäre es wünschenswert, wenn die Politik nach mehreren gescheiterten Anläufen endlich ein zentrales Wasserressourcengesetz auf den Weg bringen würde, das auch eine transparente und gerechte Wasserrechteregelung für alle Interessengruppen vorsieht. Ein integriertes Wassermanagement muss eine intelligente Nutzung der vorhandenen Wasservorkommen zum Zweck haben, zu einer Beseitigung von Leckagen führen, Wasserverschwendungen eindämmen und die Einführung eines Anreize setzenden Preissystems zum Ziel haben. Investitionen in die Abwasserklärung und praktische Aufforstungsmaßnahmen müssen genauso Teil eines integrierten Ansatzes sein wie der Überschwemmungsschutz, der Bau von Auffanganlagen wie auch ein konfliktfreies Handlungskonzept für die grenzübergreifenden Wasservorkommen.

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Teil 1 Wasservorkommen, Bedarf, Verbrauch u. Qualität des Trink- und Grundwassers

Teil 2 Wassermanagement, Verwaltung und Produktion

Teil 3 Küstenwasser, Strände, Küstenindex

Teil 4 Abwasserentsorgung, Bangkok sinkt, Überschwemmungsschutz

Teil 5 Wasserknappheit, Ausblick

 ©Paul Martini, März/Sept. 2012