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Wie kann es Recht sein, wenn alle Beteiligten im Unrecht sind


Kommentar

Ein Kommentar von Voranai Vanijaka

Veröffentlicht am 19. Jan.2014 in der Bangkok Post

Ins Deutsche übersetzt von P. Martini

 

Wenn sich Thaksin Shinawatra die derzeitigen Proteste gegen ihn genauer anschaut, dann wird er sich womöglich fragen: „Was habe ich bloß getan, das so falsch war?“

Für jene, die es nicht wissen oder vorgeben, es nicht zu wissen, sei noch einmal gesagt: Thaksin war niemals gegen die Monarchie eingestellt. Im Gegenteil, er wollte Ehre und Ansehen durch die Anerkennung des Palastes, und das ist etwas anderes als einfach nur als Ministerpräsident bestätigt zu werden. Doch einige falsche Schritte haben den Verlauf der Dinge erheblich verändert.

1.     Seit Generationen haben die alten Eliten dieses Landes den  „rechten Weg von Thailands Zukunft“ bestimmt. Thaksin hingegen hatte eine Form von Zukunft im Sinn, die - um es milde auszudrücken - nicht von ihnen favorisiert wurde. Es war nicht nur ein Konflikt um Interessen, sondern ums Überleben. 

2.     Nach überlieferten Thai-Konventionen sind wir alle in Rollen eingebunden, die wir mit Höflichkeit auszufüllen haben. Jede dieser Rolle passt sich haargenau in das Funktionsmodell dieser Gesellschaft ein. Jede dieser Rolle ist von Scheidelinien begrenzt, und das Überschreiten dieser Linie bedeutet eine massive Verfehlung und beschwört Konflikte herauf. Die Vorwürfe gegen Thaksin richten sich gegen seinen Versuch, politische Macht unter seiner Führung zu monopolisieren, ein politisches Geschäftsimperium durch „korrupte Politikmethoden“ zu errichten und das Militär unter seine persönliche Verfügungsgewalt zu bringen. Dies war ein höchst brisantes Spiel mit dem Feuer.

3.     In jedem Entwicklungsland, das aus feudalistischen Traditionen hervorgegangen ist, finden wir Korruption als eine akzeptierte Form des gesellschaftlichen Lebens vor. Doch auch hier gibt es Grenzlinien, die nicht überschritten werden dürfen. Thaksins Verfehlung war nicht, dass er sich ein Stück von der Mango genehmigen wollte – das versuchen wir alle gelegentlich, wenn wir auch nur einen kleinen Bissen davon erhaschen – sondern dass er Anstalten machte, den ganzen Baum zu verschlingen.

4.     Er baute einen eigenen Persönlichkeitskult auf, um sich als Retter des Volkes und als eine leuchtende nationale Vaterfigur darzustellen. Doch diese Rolle kann nur einer ausfüllen. Und das ist nicht Thaksin.

In dem Maße wie die heutigen Demonstranten in den Straßen Bangkoks Thaksin niemals vergeben werden, vergaben auch seine Anhänger Abhisit Vejjajiva und Suthep Thaugsuban niemals die Ereignisse vom April und Mai 2010. Thaksin hatte sich die machtvollen Strippenzieher deshalb zu seinen Feinden gemacht, weil er sich auf ihre Kosten als dominanter Alphaführer ausgab. Für die heutigen Straßendemonstranten ist er ein Pseudo-Diktator, ein Fortschrittsverhinderer und ein Usurpator der nationalen Identität.

Die Protestierenden möchten mehr erreichen. Sie glauben, dass sie und Thailand etwas Besseres verdient haben. Wer eine Ahnung von Thaigeschichte, Thaikultur und der Psyche der Thais hat, wundert sich nicht mehr, was Thaksin in den Augen seiner Gegner falsch gemacht hat. Doch dies ist nur die eine Seite der Geschichte. Wir kommen an der Tatsache nicht vorbei, dass mehr als die halbe Zentralregion und nahezu das gesamte Gebiet im Norden und Nordosten Thailands hinter ihm stehen. Das bedeutet für die nächste absehbare Zukunft, dass jede von Thaksin installierte Marionette, jeder Klon und jeder Strohmann jede größere Wahl gewinnen werden.

Es wäre ein Schlag ins Gesicht von mehr als 15 Millionen Wählern, wenn der von ihnen gewählten Pheu Thai Regierung ihre demokratischen Rechte zur Führung des Landes abgesprochen würden. Denn gerade jene armen Wählerschichten mussten schon so lange das Gefühl ertragen, herumgeschubst zu werden.

Das heutige Thailand steht in der historischen Tradition seiner feudalistischen Vergangenheit. Wir mögen ökonomisch, technologisch und vielleicht auch in unserem Demokratieverständnis vorangeschritten sein, doch unser Grundgerüst enthält charakteristische Merkmale von Protektion und unsere DNA ist feudalistisch. Wir leben in einem Geflecht von Stammeszugehörigkeiten, das aufgebaut ist auf Werten wie Hierarchie, Beziehungen, Loyalitäten, Günstlingswirtschaft und Bevorzugungen.

Wie vor hundert Jahren, als Thailand aus dem Großreich Bangkok bestand, das über unterworfene Fürstentümer und Lehnshöfe herrschte, so sind die alten Beziehungen auch nach dieser langen Zeit doch immer noch lebendig. Wir haben es seither nicht geschafft, unsere Grundstruktur und unsere DNA zu verändern. Noch immer werden unsere Gouverneure ernannt, noch immer sind die Staatsmittel und die Polizeikräfte zentrale Angelegenheiten und noch immer wird die gesamte Entwicklung zentral aus Bangkok gelenkt. In vieler Hinsicht gebärdet sich Bangkok bei der Regierung seiner Provinzen noch immer wie ein Feudalherr, der über Kolonien herrscht, und nicht wie die Hauptstadt eines demokratischen Landes.

Deswegen stecken wir noch immer tief in diesem geschichtlichen Kampf jener ungleichen Entwicklungen und ringen mit diesen aufgekommenen Anfeindungen, Bürger zweiter Klasse zu sein, die das gesamte letzte Jahrzehnt bestimmt haben. So konnte zum Beispiel der Jahrzehnte lange Konflikt im Tiefen Süden des Landes nicht befriedet werden. Ob es nun Zufall oder Absicht war, es ist das Verdienst Thaksins, die ländliche Bevölkerung über die vorherrschende Doppelmoral aufgeweckt zu haben.

Mit der Ausbreitung der Informationstechnologie durch Social-Media-Angebote verändern sich die Bedingungen rapide um uns herum, und sie bringen es mit sich, dass niemand mehr sein Schicksal gottergeben hinnehmen und niemand mehr seinen Kopf widerspruchslos beugen will. Die Massen sehen Thaksin als ihren Führer, weil er ihnen geholfen hat, sich aufzurichten und stolz zu sein.

Das wirtschaftliche Wachstum der ländlichen Provinzen in den letzten beiden Jahrzehnten steht im Einklang mit einer allgemeinen nationalen Entwicklung. Gerade in dieser Hinsicht müssen wir anerkennen, dass die Politik Thaksins positive wirtschaftliche Prozesse hervorgebracht hat. Das zwei Billionen Baht schwere Kreditprogramm der Pheu Thai Regierung, das zum überwiegenden Teil in den Ausbau eines Hochgeschwindigkeitsbahnnetzes in den Landprovinzen geht, wird diese Entwicklung noch weiter befördern. Die Landbevölkerung dieser Provinzen kreiden es Zentralbangkok schwer an, dass es ihrer eigenen Entwicklung immer im Wege gestanden hat. Sie sind der Meinung, dass sie jetzt an der Reihe sind. Falls die Anti-Thaksin-Bewegung mehr möchte und glaubt, dass ihr mehr zusteht, so erwarten die Anhänger Thaksins inzwischen das gleiche für sich.

Die Führerschaft auf beiden Seiten betreibt ein brisantes und auf Konfrontation angelegtes Spiel. So galt zum Beispiel zur Zeit Thaksins seine klassische Aussage, dass jene, die nicht für ihn gestimmt hatten, auch nichts von ihm zu erwarten hatten. Dem stehen die Behauptungen der heutigen Protestanführer in nichts nach, dass „gebildetere“ Bangkokstimmen mehr wert seien als die von „ungebildeten“ Provinzwählern. Beide Haltungen sind natürlich absurd.

Doch die Anhänger beider Lager werden nicht müde, immer wieder in das gleiche Horn zu blasen. Sehen wir uns doch nur die in den Sozialen Medien verbreiteten Streitereien an, wo sich die eine Seite über die andere ebenso leidenschaftlich wie selbstgerecht in Beleidigungen und Spott ergeht. Dies dient nur dazu, hasserfüllte Stimmungen unter der Bevölkerung zu erzeugen.

Sogar Akademiker, Aktivisten und Journalisten, deren Kugelschreiber vermeintlich mächtiger sind als das Schwert, stimmen in den Chor mit ein. Anstatt mit ihrem Wissen und ihren Fähigkeiten für Vernunft und Einsicht zu werben, haben sie sich auf die Seite einer Ideologie oder einer „Stammesgemeinschaft“ geschlagen und kippen nun in gleicher Weise wie jene Ignoranten und Ungebildeten ihren Spott und Hohn aus. Dabei versuchen sie sich gegenseitig zu übertrumpfen und beklatschen ihre eigene Selbstgerechtigkeit. Sie schreiben leicht verdauliche Geschichten von der Art des „Guten, der gegen das Böse kämpft“ und stellen ihre ausgewählten Gegner genüsslich an den Pranger.

Wenn selbst die Gebildeten dieser Gesellschaft solch einfachen Instinkten verfallen, dann ist es kein Wunder, dass wir als Resultat ein Schlachtfeld zweier rivalisierender Feudalstämme sehen, die über die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft mit einander im Wettstreit liegen.

Es geht also nicht so sehr darum, was Thaksin falsch gemacht hat. Es geht darum, was wir alle falsch gemacht haben und noch immer falsch machen. Wenn wir dies nicht zuerst anerkennen, wird es keine Lösung und auch keine Reform geben.

http://www.bangkokpost.com/opinion/opinion/390300/with-all-sides-wrong-there-can-be-no-right

28. Jan. 2014

Paul Martini ist Übersetzer für Englisch und Deutsch.

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