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Verpasster Geschichtsunterricht


Kommentar

Ein aufrüttelnder Weckruf des politischen Kommentators Voranai Vanijaka in der Bangkokpost vom 26. Januar 2014

Ins Deutsche übertragen von P. Martini

 

Wir leben in einer Zeit des Übergangs. Wenn in zehn oder zwanzig Jahren Studenten etwas über die derzeitigen politischen Auseinandersetzungen und die soziale Spaltung hören, wird es im Fach Geschichte sein? In welchem Geschichtsunterricht? Gibt es einen?

Thailand ist ein Land, das verdammt dazu scheint, alte Fehler aus der Vergangenheit ständig neu wiederholen zu müssen, einfach deswegen, weil wir aus unserer geschichtlichen Vergangenheit nichts lernen. Und tatsächlich wird das auch gar nicht von uns verlangt! Denn wir werden darin überhaupt nicht unterrichtet! Ja, wir werden noch nicht mal dazu angehalten.

Von den Ereignissen des Schwarzen Mai 1992 und den Studentenrevolten 1973 und 1976 mögen wir eine ungefähre Vorstellung haben, doch wie viele von uns wissen tatsächlich, was damals geschah?

Wer kennt denn Plaek Pibunsongkram, Sarit Thanarat oder Thanom Kittikachorn? Fragen wir Leute unter 40 Jahren nach diesen Personen, und sie werden uns nur ungefähre Antworten geben, aber wir werden nicht von ihnen erfahren, wie diese Personen Thailand verändert und zu dem gemacht haben, was es heute ist. Fragen wir junge Leute unter 30 Jahren nach diesen drei Personen und es könnte gut sein, dass sie uns antworten: Ach, das ist wohl eine neue „Boy Band“.

Wir haben in Thailand hunderte von Hochschulen und Universitäten, und in einigen von ihnen wird sicherlich eine gemäßigte Form von Geschichtsunterricht angeboten, doch nur wenige tauchen tiefer in unsere Vergangenheit ein.

Klar, es gibt Geschichtsbücher, doch wenn wir nicht schon in jungen Jahren lernen, welche Bedeutung unsere Geschichte für uns hat, warum sollten wir Bücher lesen? Geschichtsunterricht wird weder in der Grundschule noch in der Oberstufe gelehrt. Mythen und Propaganda werden in unsere Hirne gehämmert, aber nicht Geschichte.

Es wäre der Beweis für die Herausbildung eines thailändischen Intellekts, wenn in zehn Jahren die Studenten dieses Landes über die Frage diskutierten, warum sowohl die UDD als auch die PDRC die im Jahr 2010 von der demokratischen Regierung und 2014 von der Pheu Thai Regierung vorgeschlagenen Wahlen abgelehnt haben. Oder besser noch, wenn sie über folgendes diskutieren würden: Die Auswirkungen der königlichen Thronfolge auf Politik und Gesellschaft.

Wir können die Wahlverfahren soweit reformieren bis es den Demokraten endlich gelingt, eine Wahl zu gewinnen. Wir mögen die Gerichtsverfahren soweit reformieren bis Thaksin Shinawatra nie mehr wieder auferstehen kann. Wir können unsere Verfassung tausend mal umschreiben, doch am Ende werden wir dastehen und keine dieser Aktionen hat uns auf unserem Leidensweg, der Ignoranz heißt, auch nur ein Stück weiter gebracht.

Das Heute ist das Ergebnis von dem, was gestern war. Wenn wir uns die Agonie des über die letzten acht Jahre währenden politischen Kampfes ansehen, so kommen wir nicht umhin festzustellen, dass die in beiden Lagern obwaltende Ignoranz, von den Führern bis hinunter zu den Anhängern, ein einziger eklatanter Skandal ist.

Wirkliche Reformen finden im Kopf statt, und die Voraussetzung dazu ist Bildung, die von Anbeginn gelehrt wird. Unter uns Thais gibt es viele kluge Köpfe, doch diese sind nicht  intelligent wegen unseres Bildungssystems, sondern trotz unseres Bildungssystems.

Jede Gesellschaft geht durch Zeiten des Übergangs. Wir könnten von dem geschichtlichen Werdegang in vielen anderen Ländern lernen, doch wir ziehen es vor, in unserem eigenen Durcheinander herumzuwursteln. Doch warum? Weil wir ahnungslos über unsere eigene Geschichte sind, und weil wir ahnungslos über die Welt um uns herum sind. Wie wollen wir unsere Zukunft gestalten, wenn wir nichts über unsere eigene Vergangenheit wissen? Wie können wir verstehen, wo wir heute stehen, wenn wir die Geschichte, die uns in die Gegenwart geführt hat, nicht begriffen haben?

Wenn wir nichts über unsere Vergangenheit wissen, können wir auch unsere Gegenwart nicht verstehen. Wir werden zu Opfern unserer eigenen Zukunft, anstatt zu aktiven Gestaltern unseres nationalen Schicksals. Wir können ja noch nicht mal eine offene Diskussion über unsere Zukunft führen, weil uns einflussreiche Kräfte, die ihre eigenen politischen Hintergedanken haben, mit dem Missbrauch des Lese-Majeste-Gesetzes drohen.

Falls Thailand eine wirkliche Reform möchte, hier ist sie:  Lehrt Geschichtsunterricht! Unterrichtet, was tatsächlich passiert ist. Analysiert, warum es geschah. Erforscht, warum es geschah. Richtet Fragen an die eigene geschichtliche Entwicklung.

Wie kam es, dass die demokratische Revolution von 1932 in einer Diktatur von Plaek Pibunsongkram endete? Wie kam es, dass, Sarit Thanarat Thailand unter einer Monarchie einte? Wie kam Thailand durch die Zeiten des Kalten Krieges und die kommunistische Bedrohung? Wie wurde die Thaigesellschaft durch ihre eigene nationale Identität und ihre eigene politische Kommunikation geformt? Wie passt eine demokratische Weltanschauung zur traditionellen Thaigesellschaft? Und welche Schlüsselrolle hat das Militär in unserem Land inne? Wie steuerte Prem Tinlasulanond die Geschicke? Wie kam es, dass die Krise in den neunziger Jahren Thaksin Shinawatra an die Macht spülte? Wie kam es, dass der feudale Flickenteppich Thailands auseinander brach? Wie kommt eine Gesellschaft damit zurecht, wenn Feudalismus, Demokratie und Diktatur so eng miteinander verwoben sind?

Wir haben Bücher schreibende Akademiker, doch sie könnten auch Lehrer ausbilden. Die Regierung kann das Fach Geschichte zu einem verbindlichen Lehrfach machen, angepasst an die verschiedenen Klassenstufen.

Jede Schule und jede Universität sollte geschichtliche Inhalte vermitteln und unterrichten und zur Diskussion stellen. Unternehmen sollten als Teil ihrer sozialen Verantwortung ebenfalls solche Kurse einrichten. Lasst uns nicht nur Bäume pflanzen; lasst uns ebenso Geist pflanzen.

Ihr wollt eine Reform? Da habt ihr die Reform!

http://www.bangkokpost.com/opinion/opinion/391509/history-lessons-lost

2. Februar 2014

Paul Martini ist Übersetzer für Englisch und Deutsch.

info at thailandprivat.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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