Thaiknol‎ > ‎

Die dunkle Seite des Traumlandes

Der riskante Straßenverkehr in Thailand

Thailand ist eine Top-Urlaubsdestination für Besucher aus aller Welt. Mit 22,3 Mio. Touristen kamen im Jahr 2012 doppelt so viele Besucher ins Land wie im Tsunamijahr 2004. Die Besucher genießen das warme Klima, suchen Entspannung an den herrlichen Stränden und sind begeistert von der bescheidenen Freundlichkeit der Landesbewohner. Doch der Straßenverkehr in Thailand ist einer der gefährlichsten in der Welt. Nach Angaben des thailändischen Road Safety Operation Centers, das dem Innenministerium untersteht, sind in den letzten 17 Jahren jährlich 12.809 Menschen bei Unfällen auf Thailands Straßen ums Leben gekommen.

Quelle: Department of Disaster Prevention and Mitigation (DDPM), Innenministerium

Dass diese Daten inzwischen längst überholt sind, verdeutlichte der stellvertretende Innenminister Thailands, Silapachai Jarukasemratana, auf einer Pressekonferenz am 15. März 2013, bei der er ein schockierendes Zahlenmaterial veröffentlichte. So starben allein im Jahr 2012 an die 26.000 Menschen bei Verkehrsunfällen auf thailändischen Straßen. Dies sind 71 Menschen pro Tag! Damit nimmt Thailand in der Verkehrsunfallstatistik weltweit den sechsten Platz ein.


Quelle: Y: Tanaboriboon, Asian Institute of Technology (AIT), Traffic Accidents in Thailand

Auch die WHO, die Thailand seit Jahren ermahnt, die Verkehrsgesetze strenger zu kontrollieren, bescheinigt Thailand eine im internationalen Vergleich konstant hohe Kennzahl von 38,1 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohnern (zum Vergleich: Malaysia 25, Laos 18,3, China 20,5, Indonesien 17,7, Vietnam 16,1, Deutschland 4,7, England 3,7, Norwegen 5, Schweiz 4,9). Darüber hinaus sind die sozialen und wirtschaftlichen Folgekosten von Verkehrsunfällen eine schwere Bürde für das Land. Das thailändische Gesundheitsministerium beziffert sie auf 7,22 Milliarden US Dollar, was einer Belastung in Höhe von 2,81% des nationalen Bruttoinlandsprodukts (2007) entspricht. (Sehen Sie hier die gesamteWHO-Tabelle ein.)

Arglose Unbekümmertheit

Viele Touristen fahren in völliger Unkenntnis über die Gefahren des thailändischen Straßenverkehrs in dieses Land. Liest man die unbekümmerten Berichte junger Backpacker, so gelten ihre größten Sorgen, ob auf den langen nächtlichen Überlandfahrten ihr iPod und ihr MP3-Player durchhalten. Bei den tropischen Temperaturen und dem „Go-as-you-please-Lebensstil“ scheinen denn auch alle Sicherheitsbedenken wie weggeblasen. Es ist ja so cool auf einem Moped mit wehenden Haaren über Palmen bestandene Strandstrassen zu brausen. Es ist ja so cool mit einem Haken schlagenden Tuk-Tuk die Staus von Bangkok auszutricksen. Es ist ja so clever für eine 800 Kilometer lange Nachtbusfahrt weniger als 10 Euro zu bezahlen.

Doch schwere Verkehrsunfälle sind an der Tagesordnung. Leider tauchen Berichte darüber in der englischsprachigen Landespresse kaum auf, und auch Veröffentlichungen in ausländischen Medien gibt es so gut wie überhaupt nicht. Nach dem Tod von drei jungen britischen Teenagern nahm sich im Dezember 2011 der britische Sender Channel 4 News der Situation an und berichtete in einer Sendung über „Die undokumentierten Gefahren auf Thailands Straßen“.

Gefährliche Raserei, notorische Missachtung der Vorschriften, keine Fahrschulausbildung, wertlose Führerscheine, gewohnheitsmäßige Fahrerflucht, liederliche Fahrzeugwartung und nachlässige Gesetzesüberwachung werden im Land selbst als lässliche Bestandteile der Thaikultur entschuldigt, also, als zum Land und seinen hergebrachten Lebenssitten gehörenden Gepflogenheiten, die sozusagen ohnehin nicht geändert werden können. Doch für ein aufstrebendes Schwellenland, das sich weltweit internationalen Besuchern als eine der populärsten Touristendestinationen andient, sind solche skandalösen Ausflüchte nicht hinnehmbar.

Der gefährliche Bustransport

Thailändische Straßen sind gefährlich, insbesondere in der Nacht. Einen besonders großen Anteil an den tragischen Unfällen haben die großen Transportbusse im Land, die die weit auseinander liegenden Landesteile in stundenlangen Nachtfahrten mit einander verbinden. Viele von ihnen fahren viel zu schnell, fahren viel zu dicht auf, fahren kilometerweit auf der Überholspur und blinken und hupen sich ihren Weg in aggressiver Weise frei. Häufig stehen die Busfahrer unter dem Einfluss von Energiedrinks und Alkohol. Bei Unfällen sind geplatzte Reifen die häufigste Ausrede für eingenickte Fahrer. Dies ist ein Teil von Thailand, das niemand sieht und niemand sehen will. Doch es ist sehr real. Unfallberichte von Beteiligten sind Horrorstorrys.

  • Im Februar 2011 kam es zu einem folgenschweren Unfall in der Nähe von Nan in Nordthailand, als ein Bus auf einer Gefällstrecke seitlich einen Abhang hinab stürzte und in ein Flußbett fiel. 12 Lehrer starben und 16 weitere wurden verletzt. Nahezu die komplette Lehrerschaft einer einzigen Schule wurde ausgeknockt. Der Fahrer fuhr zu schnell und war von den schwierigen Straßenverhältnissen überfordert.

Quelle: Bangkokpost
  • Am 30. Juni 2011 starben drei 19jährige britische Backpacker und ein Koreaner in einem Nachtbus, der von Bangkok nach Chiang Mai unterwegs war. Der Busfahrer hatte nach einem Tankstopp die Ausfahrt verwechselt und war in den Gegenverkehr gefahren, wo er den Bus in der Dunkelheit über mehrere Fahrspuren wendete. Ein auf der Überholspur heranbrausender Fernbus krachte in sein Hinterteil. Der Fahrer wurde zu 2 Jahren Gefängnis verurteilt.
  • Am 7. Dezember 2011 fuhr in der Nähe von Lampang ein Bus, der von Bangkok nach Chiang Mai unterwegs war, nach einer langen Nachtfahrt in die Umzäunung einer Gastankstelle. 8 Fahrgäste fanden den Tod und 50 weitere wurden verletzt. Der Fahrer war übermüdet und am Steuer eingeschlafen. Es war pures Glück, dass der Bus nicht in den Gastank gefahren war, was die Opferzahlen erheblich erhöht hätte.
  • Am 15. Februar 2012 verunglückte ein klimatisierter Nachtbus gegen 3.40 Uhr auf der Fahrt von Bangkok nach Sisaket in der Nähe von Surin. Nach einem misslungenen Überholmanöver des Busfahrers war der Bus frontal mit einem entgegenkommenden LKW zusammengestoßen. 11 Menschen fanden den Tod und 28 weitere wurden verletzt. 

  • Nach einer nächtlichen Überlandfahrt verunglückte in den frühen Morgenstunden des 3. Juli 2012 ein aus Bangkok kommender VIP-Bus in der Nähe von Suratthani. 10 Menschen, die meisten von ihnen junge Touristen, die zur Full-Moon-Party auf die Partyinsel Koh Phangan unterwegs waren, kamen zu Tode. Ursache war ein geplatzter Vorderreifen und überhöhte Geschwindigkeit. „Bus drivers from hell: Time to control?“ titelte die renommierte Bangkok Post damals. (Bilder)
Quelle: Bangkok Post

  • Am 8. Januar 2013 um 2.30 Uhr kam ein von Phuket nach Bangkok fahrender Bus in der Nähe von Chumphon von der Fahrbahn ab. Der Fahrer fuhr mit hoher Geschwindigkeit auf einen LKW-Unfall zu, dem er nicht ausweichen konnte. Er lenkte das Fahrzeug in einen Graben, wo sich der Bus überschlug. Der Fahrer und ein vierjähriger Junge fanden den Tod, 13 Thais und 8 Ausländer erlitten Verletzungen.
  • Im Februar 2013 starben fünf Menschen, darunter eine 23jährige französische Touristin, in einem Tourbus in der Nähe von Chumpon. Der Bus war in einer Kurve von der Straße abgekommen und hatte sich überschlagen.
  • Am 22. März 2013 gegen 2.40 Uhr verunglückte ein Bus in der Nähe von Prachin Buri. 2 Menschen starben und 54 wurden verletzt. Nach dem Versagen der Bremsen raste der Bus eine abschüssige Straße hinunter und krachte in einen LKW und einen Pickup. Der Fahrer kam zu Tode.

Eine Studie über die Unfallgefahren mit Bussen aus dem Jahr 2007, an der Unfallforscher von mehreren thailändischen Universitäten beteiligt waren, kam zu dem Ergebnis, dass sich jährlich 3.400 Busunfälle auf Thailands Straßen ereignen, wovon 60% auf den Großraum Bangkok und 40% auf das restliche Land entfallen.

Anzahl der Busunfälle in Thailand von 1996 bis 2006, Quelle: Police Department 2007

Quelle: Bus Safety Situation in Thailand, 30th Australasian Transport Research Forum

Von 610 der befragten Busfahrer haben sich 80% ihre Fahrerfahrungen selber beigebracht, z. B. indem sie anfangs als „Busboy“ mitgefahren sind. Ihre Fahrlizenz erhielten die Busfahrer nach Absolvierung eines zweitägigen Fahr- und Trainingskurses, der von dem Verkehrsministerium oder den Busunternehmungen abgehalten wurde. 85% der befragten Busfahrer gaben an, dass sie vor technischen Defekten und schlechten Straßen menschliches Fehlverhalten als den wesentlichsten Unfallgrund ansahen, womit sie einräumten, selber die größte potentielle Ursache für Busunfälle darzustellen. Dabei bezeichneten sie Alkoholgenuss, gefährliche Raserei, Schneiden von Verkehrsteilnehmern und Müdigkeit als die primären Faktoren für Unfälle. Bezeichnende Eingeständnisse von unmittelbar beteiligten Profis!

Unfallauslösende Faktoren nach Meinung der Busfahrer

Quelle: Bus Safety Situation in Thailand, 30th Australasian Transport Research Forum

Die rasenden Todesfallen

Besonders gefährlich sind auch die sich in letzter Zeit großer Beliebtheit erfreuenden  Minivans. Dabei handelt es sich um 12sitzige, Erdgas betriebene Kleinbusse von staatlichen und privaten Unternehmen. Im Jahr 2011 gab es 6.000 private Minivans im ganzen Land, doch nur 3.400 von ihnen besaßen eine Zulassung des Verkehrsministeriums. Die Minivans sind schneller als die großen Busse und verkürzten die Fahrzeit um 20% und mehr. Doch ihr so geschätzter Vorteil ist zugleich ihr fatalstes Manko. Die jungen Fahrer, die zumeist keinerlei Ausbildung und manchmal noch nicht mal einen Führerschein besitzen, veranstalten auf den Highways schon mal private Rallyefahrten, die die in Geiselhaft genommenen Fahrgäste mit Entsetzen mit ansehen müssen. Unter langjährigen Expats gelten die rasenden Gasbomber denn auch als gemeingefährliche Todesfallen, vor deren Benutzung dringend abgeraten wird.

  • Am 31. Oktober 2010 fuhr ein Minivan 9 Menschen auf einem Bangkoker Highway in den Tod. Der Van fuhr mit überhöhter Geschwindigkeit ungebremst gegen eine Betonausfahrt, stürzte auf eine darunter liegende Fahrbahn und brannte aus. Der Fahrer besaß keine Fahrerlaubnis, der Minivan war mit 16 statt der erlaubten 12 Fahrgästen besetzt und war nicht zur öffentlichen Personenbeförderung zugelassen. Die Umrüstung zu einem Gasfahrzeug war illegal. (Sehen Sie hier das Video einer Überwachungskamera.)
  • In den frühen Morgenstunden des 20. Februar 2011 krachte ein aus Phuket kommender Minivan auf seiner Fahrt nach Bangkok bei Cha Am in einen LKW. Dabei starben 5 Thaitouristen. Der übernächtigte Fahrer war vermutlich einem Sekundenschlaf zum Opfer gefallen.
  • Am 2. Februar 2013 starben bei Korat 7 Fahrgäste eines Minivans, der in einen parkenden Lastwagen gefahren war. Der Fahrer war eingeschlafen.
  • Am 1. März 2013 verbrannten bei Pattaya 7 Fahrgäste eines Minivans (darunter 2 Kinder) bei lebendigem Leib. Der Minivan hatte sich überschlagen und war ausgebrannt. Der Fahrer hatte nach Aussagen von Überlebenden schon weit vor dem Unfall die Fahrgäste mit unvernünftiger Raserei und rücksichtsloser Fahrweise in Angst und Schrecken versetzt.
  • Ein besonders fataler und grausamer Minivan-Crash ereignete sich am 27. Dezember 2010 auf einer Bangkoker Hochstraße, bei dem 9 Menschen starben. Ein mit hoher Geschwindigkeit heran rasender Honda Civic hatte einen Minivan gerammt. Der Minivan prallte gegen eine Betonmauer und schleuderte viele Insassen aus dem Wagen. Der Honda wurde von einer 16jährigen Thailänderin aus einer angesehenen Bangkoker Oberschichtfamilie gesteuert. Sie besaß keinen Führerschein und war kurz vor dem Unfall mit ihrem teueren Blackberry beschäftigt. Vor dem Jugendgericht gestand sie ihre „rücksichtslose Raserei“ ein ("It was an accident caused by my recklessness.") Sie erhielt eine zweijährige Bewährungsstrafe!!!
Hier sieht man die junge Unfallverursacherin seelenruhig Textmeldungen verschicken, während 20 m weiter mehrere Menschen sterben. Das Bild löste einen Sturm der Empörung in der thailändischen Netzgemeinde aus.
(Bericht und weitere Bilder.  Man beachte ein von der Brücke hängendes Unfallopfer.)

Nach 3 schweren Minibus-Unfällen innerhalb von einem Monat (Feb. 2012), die zusammen 14 Todesopfer forderten, recherchierte die in Phuket erscheinende Zeitung „Phuketwan“ die Betriebs- und Ausbildungsbedingungen für Minibusse und Taxen in Phuket und kam zu schockierenden Ergebnissen. Danach gibt es keine formalen Zulassungsbedingungen für die Fahrzeuge und keine Sicherheitsschulungen für die Fahrer. Es gibt keine Zulassungskontrollen für Taxen und Minibusse, keine Vorschriften zur Ausbildung der Fahrer und keinerlei Geschwindigkeitskontrollen.

Aufgeschreckt durch die vielen Unfälle hat das Verkehrsministerium die Bußgelder für Geschwindigkeitsübertretungen ab 1. April 2012 von 500 Baht auf 5.000 Baht verzehnfacht und angeordnet, alle Minivans mit geschwindigkeitsmessenden RFID-Geräten auszustatten. Unter der 24 Stunden besetzten Telefonnummer 1584 können rücksichtslose Fahrweisen gemeldet werden. Minibusse dürfen auf Fernstraßen und Autobahnen eine Geschwindigkeit von 90 km/h nicht überschreiten.

Keine Warnungen für Touristen

Vonseiten offizieller Stellen gibt es für die Touristen nur ungenügende Warnhinweise. So spricht das Auswärtige Amt Deutschlands auf seiner Webseite keinerlei Warnungen vor dem gefährlichen Straßenverkehr in Thailand aus und weist nur unpräzise auf „impulsive und unberechenbare Reaktionen im Straßenverkehr und insbesondere bei Verkehrsunfällen“ hin.

Auf der Webseite des Eidgenössischen Departements für auswärtige Angelegenheiten (EDA) der Schweiz wird nur ungenau vor dem „unvorhersehbaren Verhalten vieler Verkehrsteilnehmer“ als einem „erheblichen Unfallrisiko“ fabuliert.

Auch dem österreichischen Außenministerium sind die Risiken des thailändischen Straßenverkehrs wenig geläufig, doch empfiehlt es zumindest Mopedfahrern „dringend das Tragen eines Sturzhelmes“ und weist auf schwere Motorradunfälle mit Todesfolge hin.

Einzig das britische Foreign and Commenwealth Office (FCO) gibt auf seiner Webseite nicht nur ausführlich die seit Jahren hohen Verkehrstotenzahlen bekannt, sondern warnt zugleich vor nächtlichen Überlandfahrten, vor schlecht gewarteten Fahrzeugen, schlecht ausgebildeten Fahrern und vor dem Gebrauch von Motorrädern, die mit 70% zu den thailändischen Verkehrstoten beitragen. Im Zuge einer Aufklärungsaktion zur Straßensicherheit in Urlaubsländern stellt das FCO seit neuestem sogar eine eigene App zur Verfügung!

Auch das amerikanische Außenministerium weist auf seiner Webseite ausdrücklich auf den gefährlichen Straßenverkehr in Thailand hin und schreibt u. a.: „Raserei, gefährliches Überholen und Missachtung der Verkehrsgesetze sind im ganzen Land verbreitet. Bus- und LKW-Fahrer nehmen gewohnheitsmäßig alkoholische Getränke, Amphetamine und andere Aufputschmittel zu sich. Schwere Busunfälle mit Todesfallfolgen kommen häufig vor, besonders bei nächtlichen Überlandfahrten.“

Der amerikanische Overseas Security Advisory Council (OSAC) ist ebenso alarmiert über die anarchischen Sitten des thailändischen Straßenverkehrs. So rät er von der Benutzung von Motorradtaxen und Tuk Tuks in Bangkok und nächtlichen Überlandbusfahrten ab und warnt vor rücksichtslosem Verkehrsverhalten, landesüblichen Gesetzesmissachtungen, und aufgeputschten Fahrzeugführern.

Eine Studie der FIA (Fédération Internationale de l´Automobile) Foundation for Automobile and Society aus den Jahren 2002 bis 2007 stellt fest, dass Thailand das zweitgefährlichste Land hinter Honduras ist, in dem amerikanische Touristen zu Tode kommen.

Quelle: www.livingthai.org

Die ahnungslosen Touristen haben weder Kenntnisse über die so gänzlich anderen Verkehrssitten, den Zustand der Straßen und der Fahrzeuge, noch über die Eignung der Fahrer. Sie wissen nicht, dass es in Thailand keine Fahrausbildung und so gut wie keine Verkehrserziehung gibt. Sie wissen nicht, dass sich kaum ein Verkehrsteilnehmer an die Gesetze hält, dass Fahrzeuge in der Regel nicht gewartet werden und dass international anerkannte Sicherheitsstandards nicht beachtet werden. Sie wissen nicht, dass ein Fahrschulbesuch nicht obligatorisch ist, dass es keine Eignungsprüfungen gibt und dass ein Thai-Führerschein kein Ausweis einer Fahrbefähigung ist. Sie wissen nicht, dass Rettungsfahrzeugen keine freie Fahrt gewährt wird, dass die medizinische Erstversorgung mangelhaft ist und dass das gesamte Rettungswesen von europäischen Standards weit entfernt ist.

Mangelhafte Ausbildung

Mit Ausnahme von Bangkok gibt es so gut wie keine Fahrschulen im Land. Gesetzlich besteht keine Verpflichtung zur Teilnahme an Verkehrsunterrichtsstunden in Fahrschulen. Weder sind sie verbindlich vorgesehen noch gibt es ein allgemein verpflichtendes Ausbildungsprogramm. Das Fahren eines Kraftfahrzeugs oder Mopeds wird zu Hause erlernt oder von Familienmitgliedern oder Freunden abgeguckt. Nach einer Studie von Thai-Honda aus den Jahren 1998 bis 2000 haben sich 87,8 % aller Mopedfahrer im Großraum Bangkok das Fahren selber beigebracht, 7,8% haben es mit Freunden oder Bekannten erlernt, und nur magere 4,3% haben einen Fahrschulunterricht aufgesucht. Damit besitzen also von 100 Mopedfahrern weniger als 5 eine Fahrschulausbildung!


Motorradfahrerausbildung in Bangkok und anderen Provinzen

Quelle: Y. Tanaboriboon, Asian Institute of Technology (AIT), Traffic Accidents in Thailand

Viele Thais besitzen darüber hinaus keinen Führerschein. Die meisten fahren völlig ungeschult und in Unkenntnis der geltenden Straßenverkehrsgesetze. Eine Fahrerlaubnis besorgen sie sich nur, wenn sie sie als Nachweisdokument für eine Anstellung benötigen oder häufigen Polizeikontrollen aus dem Wege gehen möchten. Nach einer umfangreichen Unfallforschungsstudie aus dem Jahr 2001 von Professor Vira Kasantikul von der Chulalongkorn Universität waren nur 33% aller Mopedfahrer im Besitz eines Führerscheins. Im Großraum Bangkok waren es sogar nur skandalöse 11%!

Anzahl der Führerscheininhaber in Bangkok und anderen Provinzen

Quelle: Y: Tanaboriboon, Asian Institute of Technology (AIT), Traffic Accidents in Thailand

Doch selbst der Führerschein, der für Autos ab dem 18. und für Mopeds ab dem 15. Lebensjahr beantragt werden kann, ist kaum das Papier wert. Sowohl Unterricht wie Prüfung, als auch die einzige Fahrstunde finden zusammen an einem einzigen Tag statt. Ein zwei- bis dreistündiger Videovortrag muss genügen, um die anschließenden 30 Multiple-Choice-Prüfungsfragen beantworten zu können. Ein fahrerischer Praxistest ist bestanden, wenn der Prüfling in der Lage ist, mit seinem Fahrzeug (mit dem er ohne Führerschein angereist ist) eigenständig eine Parcourrunde zu drehen.

Solche Art von „Verkehrsschulung“ kann natürlich in keinster Weise als Ausweis einer qualitativen Fahrausbildung gelten und auch der so genannte Führerschein ist keine durch Schulung erlangte Fahrbefähigung.

Keine Verkehrserziehung

Obwohl seit 1993 ein aus Mitteln der World Bank geförderter Verkehrsunterricht in den Schulen stattfindet, und er seit 2008 Bestandteil des Lehrplans ist, führt die Verkehrserziehung allgemein ein Schattendasein im schulischen Alltag. Auch die Toyota Motor Thailand (TMT), die seit dem Jahr 2005 Aufklärungsaktionen zur Verkehrssicherheit in den Schulen unterstützt, an denen bis heute 1.365 Schulen und über eine Million Schulkinder teilgenommen haben, erzielt nur Teilerfolge. Zwar wird versucht, die Kinder im Alter von 3 bis 12 Jahren für die Risiken des Straßenverkehrs zu sensibilisieren, doch leider konterkarieren die traditionellen Verhaltensweisen im Elternhaus und die alltäglichen Gewohnheiten die gut gemeinten schulischen Aufklärungsmaßnahmen. So ist es landesweit nirgends ein Vergehen, wenn zehnjährige Bengel ohne Kenntnisse der minimalsten Verkehrsregeln mit dem väterlichen Moped am Straßenverkehr teilnehmen. 

Keine Gesetzesüberwachung

Hinzu kommt die laxe Praxis der Gesetzesüberwachung. Die schlecht bezahlte Polizei ist anfällig für Korruption und genießt keinerlei Vorbildfunktion im Volk. Kontrolliert werden nur die leicht zu überwachenden Verstöße, wie das Mitführen des Führerscheins, das Benutzen des Helms und der Sicherheitsgurte, sowie der gültigen Steueraufkleber. Doch gibt es keine Geschwindigkeits-, Alkohol-, Drogen- oder Zuladungskontrollen und auch keine Personenüberprüfungen auf Pickupladeflächen! Da das Entdeckungs- und Bestrafungsrisiko für viele Verkehrsübertretungen, wie das Fahren unter Alkoholeinfluss (Promillegrenze 0,5), das Fahren mit überhöhter Geschwindigkeit (auf Highways: 120 km/h für Limousinen, SUV´s und Pickups, 100 km/h für Busse und LKW ohne Anhänger) oder dem unverschämten Drängeln gering ist, sind Verhaltensänderungen nicht zu erwarten. Thais lieben keine Vorschriften und wissen, dass Verkehrskontrollen nur mäßig ausfallen und die Strafen verhandelbar sind. So muss ein Verkehrssünder weder ein Verkehrszentralregister und noch ein Punktesystem fürchten, ebenso wenig wie einen Führerscheinentzug oder gar Nachschulungs- oder Eignungsauflagen.

Unfallursachen

Dabei liegen mit fast 70% die Unfallursachen in menschlichem Fehlverhalten. Schuld sind insbesondere unverantwortliche Raserei, zu geringe Abstände und gefährliche Überholvorgänge. Dies wirft ein bezeichnendes Licht auf die schlechte Ausbildung und die mangelhaften Fahrfähigkeiten der Fahrer, die infolge von Angeberei, Selbstüberschätzung und Alkoholgenuss sich und andere mit ihren gefährlichen Fahrweisen gefährden.

So wird beim Einfahren in den fließenden Verkehr die Vorfahrt anderer nicht beachtet. Allgemein üblich ist das Schneiden der Kurven, dichtes Auffahren, Langsamfahren auf der Überholspur, Fahren entgegen der Fahrtrichtung und gefährliches Überholen.

Aggressive Fahrweisen und das Recht des Stärkeren bestimmen denn auch die alltäglichen Situationen auf den Straßen. Rücksichtnahme ist unbekannt. Freundlichkeiten werden mit dem Eingeständnis des eigenen Unvermögens gleichgesetzt. Wer aufblinkt, will einen Wartenden nicht vorlassen, sondern klarmachen, dass er freie Fahrt begehrt. Eine Verständigung mit Handzeichen ist unüblich und aufgrund der rundum verdunkelten Scheiben überhaupt nicht möglich. Rücksichtsloses Dazwischendrängen und freches Abdrängen von Vorfahrtberechtigten dokumentieren mannhaften Schneid. An Zebrastreifen wird nicht angehalten, Rettungsfahrzeugen wird keine Durchfahrt gewährt, beim Telefonieren während der Fahrt wird gern das restliche Verkehrsgeschehen vergessen. Taxi-, LKW- und Busfahrer halten sich mit Energiedrinks und Drogen wach. Bei Unfällen ist Fahrerflucht die Regel. (Sehen Sie hier den Hindernislauf von Fußgängern in Bangkok bei grün geschalteter Fußgängerampel.)

Kein Bewusstsein für die Gefahren

In der Breite der Bevölkerung ist zudem kein Bewusstsein zum Schutz der eigenen Gesundheit vorhanden. So werden Helme nicht zum eigenen Schutz aufgesetzt, sondern um eine polizeiliche Kontrollstelle zu passieren. Seit Jahren sind die schweren Verletzungen infolge eines Unfalles ohne Helm kaum rückläufig. Selbst nach einer landesweiten Aufklärungskampagne im Januar 2011 konnten die Beobachter nur einen leichten Anstieg der Helmbenutzung von 44% auf 46% registrieren. Im Jahr 2012 war sie auf nur noch 43% gefallen!

Anzahl der Helmbenutzer

Quelle: Y: Tanaboriboon, Asian Institute of Technology (AIT), Traffic Accidents in Thailand

Auch den passiven Sicherheitseinrichtungen im Auto wird keine Bedeutung beigemessen. So wird das Gros der Neufahrzeuge in Thailand (insbes. der so beliebten Pickups) auch heute noch ohne standardmäßigen Airbag ausgeliefert. Rückhaltesysteme für Kinder sind weitgehend unbekannt und das Anlegen von Sicherheitsgurten ist allgemein wenig gebräuchlich. Daher sind auch die schweren Verletzungen infolge des Nichtanlegens von Sicherheitsgurten kaum rückläufig. Eine Studie aus dem Jahr 2007 des Thailand Accident Research Centers (TARC) weist aus, dass nur 47% der Fahrzeuginsassen auf den Vordersitzen Sicherheitsgurte angelegt hatten. Eine Studie während der Songkran Feiertage des BioMed Central, BMC, einer britischen Veröffentlichungsplattform, kommt zu noch viel erschreckenderen Zahlen. So trugen nur 28,4% von 13.722 Fahrern einen Sicherheitsgurt.  

Benutzer von Sicherheitsgurten

Quelle: TARC, Impact of Seatbelt Use to Road Accident in Thailand, 2007

Keine technische Überprüfung von Fahrzeugen

Obwohl für ältere Fahrzeuge Fahrzeuginspektionen vorgesehen sind, können westliche Bewertungsmaßstäbe nicht angelegt werden. Jedes Fahrzeug, das älter als 7 Jahre ist, und jedes Moped, das älter als 5 Jahre ist, muss einmal jährlich einer technischen Überprüfung vorgeführt werden. Die Prüfprozedur wird allerdings nur sehr nachlässig gehandhabt. In der Regel wird nur die Fahrgestellnummer festgestellt und ein Abgastest vorgenommen. In seltenen Fällen kommt es zu einem Bremsentest. Da die Fahrzeugvorführung kein Test der technischen Fahrzeugsicherheit ist, können die Fahrzeuge bei der Überprüfung auch nicht durchfallen.

Keine Straßensicherheit

Auch die Sicherheit der Straßen lässt viel zu wünschen übrig, und nur wenige Straßen entsprechen internationalen Standards. Schlaglöcher, Unterspülungen, Verwerfungen, Absenkungen, fehlende Markierungen, fehlende Leitplanken, mangelhafte Brücken und schlechte Beschilderung prägen das allgemeine Erscheinungsbild. Die Straßenbeläge sind in einem sehr schlechten Zustand und die Verkehrsführung ist teilweise abenteuerlich. Straßenmarkierungen sind mehr Dekoration als Leitlinien. Die Wartung der Straßen ist nachlässig und gezeichnet von Flickschusterei. In seiner Masterarbeit über die „Entwicklung von Straßenverkehrsunfällen in Thailand“, aus dem Jahr 2006 stellt Guido Kullmann von der Universität Weimar fest, dass „der Straßenbestand dem Wert von Deutschland vor 30 Jahren entspricht“.

Boomende Wirtschaft

Thailands Wirtschaft ist im letzten Jahr mit 6,4% gewachsen, woran die exportlastige Fahrzeugproduktion einen hohen Anteil hatte. Mit einer produzierten Rekordstückzahl von 2,483 Millionen Fahrzeugen im Jahr 2012 (plus 63% zum Vorjahr!) ist Thailand inzwischen zum größten Fahrzeugproduzenten in der Region und zum zehntgrößten Fahrzeughersteller in der Welt aufgestiegen. Allein im letzten Jahr stieg der Fahrzeugabsatz im Land selbst - befeuert von steuerlichen Anreizen - auf sensationelle 1,46 Millionen Einheiten, die die Gesamtzahl der zugelassenen Fahrzeuge auf 32,47 Millionen katapultiert haben (davon 19 Millionen Mopeds).

Doch die boomende Autoproduktion wird erst in den nächsten Jahren ihre Spuren in der Unfallstatistik hinterlassen, und zu den Thailand spezifischen Unfallquellen ihren eigenen Beitrag hinzufügen. Seit Jahren ermahnen inländische wie ausländische Organisationen die thailändische Regierung massiv in die Verbesserung von Unfallverhütungs- und –vermeidungsmaßnahmen zu investieren. Doch gerade mal 7,64 Milliarden Baht (191 Mio. Euro) wurden im Jahr 2012 für die Verkehrssicherheit ausgegeben. Viel Geld versickert zudem in einer aufgeblähten Bürokratie. So gibt es noch nicht einmal eine einheitliche und koordinierte Erhebung von Daten über Verkehrsunfälle und Unfallopfer. Mehrere Institutionen wie die Royal Thai Police, das Road Safety Operation Center, das Gesundheitsministerium, die Fernstraßenbehörde, das Bildungsministerium und das Verkehrsministerium sammeln jeweils ihre eigenen Daten, die alle stark voneinander abweichen, nicht miteinander abgeglichen werden, teilweise geschönt sind, nicht veröffentlicht oder zurückgehalten werden.

Verkehrsunfallforschung

Der Assistenzprofessor Thaweesak Taekratok, der ein Unfallforschungsprojekt an der Naresuan Universität in Phitsanulok betreut, geht sogar noch weiter und möchte allen ausländischen Besuchern ein Handbuch überreichen, das sie über die Gefahren des thailändischen Straßenverkehrs aufklärt, und ihnen bewusst macht, dass sie weder die Regeln des thailändischen Straßenverkehrs noch die unzulänglichen Unfallrettungsmaßnahmen mit ihren heimischen Verkehrsgepflogenheiten oder Standards gleichsetzen können.

Dr. Chadbunchachai, der Direktor des Traumazentrums des Bezirkskrankenhauses in Khon Kaen, veröfffentlichte im Februar 2013 einen Unfallforschungsbericht im Bangkok Medical Journal. Hiernach führen die tödlichen Verkehrsunfälle in Thailand die Todesfallstatistik an zweiter Stelle nach Herzversagen an. Unfallursachen sind: Trunkenheit am Steuer, Achtlosigkeit und Rücksichtslosigkeit, charakterliche Eignungsschwächen, Unerfahrenheit, Minderjährigkeit, fehlende Verkehrserziehung und Unaufmerksamkeit. Dr. Chadbunchachai stellt fest, dass unter diesen Umständen „niemand auf unseren Straßen sicher sein kann“.

Im Hinblick auf andere Gefahren ist Thailand im Allgemeinen ein sicheres Reiseland. Kleinkriminalität, wie Diebstähle und Betrügereien kommen vor, sind aber selten, und konzentrieren sich hauptsächlich auf die touristischen Brennpunkte. Doch vor den Risiken auf den thailändischen Straßen und ihren Besonderheiten wird viel zu wenig gewarnt. Gerade das staatliche Thailändische Tourismusbüro (TAT) könnte da mehr tun. Doch die Werbewebseite der Behörde erschöpft sich in paradiesischen Urlaubsbildern, Kommentaren von begeisterten Besuchern und Allgemeinplätzen wie dem „gut ausgebauten Straßennetz“.

In Thailand ansässige Residenten geben den Besuchern denn auch andere Tipps mit auf den Weg: Meiden Sie Minibusse! Meiden Sie Tuk-Tuks! Meiden Sie Nachtfahrten mit Überlandbussen! Meiden Sie Alkohol und andere stimulierende Mittel! Benutzen Sie Helme auf Mietmopeds! Steigen Sie um auf die Bahn, sie ist langsamer und unbequemer, aber sicherer, und steigen Sie bei unvernünftiger Raserei aus, das mag unangenehm sein, rettet Ihnen aber womöglich das Leben!

© Paul Martini, März 2013

Sehen Sie hier die fortlaufend geführte Unfallliste 2013 ein.

(Interessierte Leser können die von mir ins Deutsche übertragene thailändische Straßenverkehrsordnung gegen ein kleines Entgelt hier downloaden.)

Persönliche Anmerkung

Reisen bedeutet die Inanspruchnahme von öffentlichem oder privatem Transport, womit grundsätzlich eine Steigerung des persönlichen Gefahrenrisikos für jeden Reisenden einhergeht. Er muss einkalkulieren, dass er in Unfälle verwickelt werden kann. Soweit es Thailand betrifft, war es dem Autor ein Anliegen, die besonderen Bedingungen der Straßenverkehrsrisiken darzustellen.

Er lebt seit 2001 in Thailand und erlebt den regellosen Straßenverkehr tagtäglich. Die fortgesetzt sich ereignenden schweren Unfälle erschüttern ihn zutiefst. In vorstehendem Beitrag geht es ihm nicht um die Herabwürdigung seines Gastlandes, sondern um Aufklärung und Information für die Besucher des Landes. Es ist ihm bewusst, dass die Anstrengungen zur Unfallverhütung im Land nur schleppend vorankommen, und dass manche Unfälle auch unvermeidbar sein mögen. Gleichwohl gilt es, die thailandspezifischen Verhältnisse bewusst zu machen, und die Besucher für die Gefahren zu sensibilisieren. Gerade in den Herkunftsländern der Touristen wäre es hilfreich, wenn eine breitere Aufklärung über die Risiken stattfinden würde. Daher hat er diesen Artikel in gekürzter Fassung mehreren Zeitungen und Magazinen in Deutschland und der Schweiz zur Verfügung gestellt. Doch das Thema fand kein Interesse.

Für die Herstellung einer möglichst breiten Öffentlichkeit befürwortet er die Verlinkung des Artikels auf anderen Webseiten, Blogs, Newslettern, Foren und andere Publikationen (bitte mit Quellenangabe).