Mit dem Stromableserboot auf dem Klong Bangkok Noi (2)


In den Schlafgemächern der Mönche gingen die Lampen an. Mit leisem Quietschen öffnete sich eine Tür. Schweigend und mit gesenktem Blick trippelte ein Mönch über den Hof, hastlos, als hätte er kein Ziel. Achtsam zupfte er noch einmal an seinem Gewand und prüfte den Sitz der Almosentrommel vor dem Bauch. Ein Fußgänger kam vorbei und schlurfte mit morgensteifen Schritten über den Platz, und eine frühe Standbetreiberin wischte Tische ab. Die Nacht entließ ihre Gefangenen.

Noch immer lag der Wat im Dunkeln. Nur über seiner Ostmauer kroch kaum merklich eine schüchterne Blässe herauf, die sich wie eine farblose Membran vor das lastende Schwarz der Nacht schob und erahnen ließ, daß der neue Tag nicht mehr fern sein würde.

Vor dem Einfahrtstor zum Wat war reger Betrieb. Geschäftige Straßenhändler richteten ihre Verkaufsstände ein. Obst, Blumen, Süßigkeiten und einfache Reisgerichte im Plastikbeutel waren wohlfeil. Ein Seven-Eleven gegenüber bediente weitergehende Wünsche. Ein Bus rumpelte vorbei und Motorradtaxen brachten frühe Watbesucher. Immer mal wieder kam ein Mönch durchs Tor, der dann still und unauffällig in einer Ecke stand und mit gesenktem Kopf auf morgendliche Gaben wartete.

Wenn ein früher Besucher signalisierte, daß er ihn beschenken möchte, dann trat er hervor, schlug stumm die orange Kutte über seiner Spendentrommel beiseite und ließ sich mit ungerührter Miene die mitgebrachten Speisen, Blumen und kleine Geldscheine in das Gefäß legen. Dann kniete der Besucher vor ihm nieder – nicht ohne vorher aus seinen Schuhen ausgestiegen zu sein! – und der Mönch sprach mit monotoner Stimme Segnungen über sein Haupt. Hierauf drehte er sich abrupt um und verschwand grußlos hinter einem Mauervorsprung, um die Gaben geschwind in eine größere Tasche umzufüllen. Nicht der Beschenkte hat sich zu bedanken, sondern der Schenker. Sagt Buddha.

Allmählich zogen am Klong die Schatten ab. Die Menschen erwachten und hantierten in ihren Häusern. Die Hunde erhoben sich und verrichteten ihre Notdurft auf der Klongbrücke und den schmalen Betonstegen zwischen den Häusern. Das blasse Licht des grauenden Tages brachte die Farben zurück. Das trügerische Klongwasser wurde braun, aus den dunklen Schattenrissen der Bäume schälten sich grüne Palmen, und die geisterhaft vorbei treibenden Wassernester wurden zu krautigen Büscheln grasgrüner Wasserhyazinthen. Die Welt wurde wieder zu einer Kulisse unterscheidbarer Dinge.

Ich setzte mich auf eine Bank und aß einen Apfel. Warten heißt, etwas statt dessen tun! Die samtene Morgenstimmung mit ihren gedämpften Tönen nahm mich gefangen. Die flüsternden Wasser des Klongs, das versteckte Räuspern in den Gemächern des Wats und das lautlose Spiel der jungen Hunde auf dem Rasen. Behutsam schlüpfte der frische Tag aus seinem nachtwarmen Nest, diskret, als wolle er nicht stören.



Da fuhr mit lautem Knattern ein schmales Holzboot vor, in dem zwei Männer saßen. Der Bootsführer trug einen breitkrempigen Cowboyhut und schleuderte mir ein aufmunterndes „Hey you“ entgegen. Dabei entblößte er zwei an einen Sprengangriff erinnernde Zahnreihen, was aber der Herzlichkeit seines Lachens keinen Abbruch tat.

„Maa duai“, rief er. „Komm mit uns!“

„Wo fahrt ihr hin?“ fragte ich zurück.

„Wir fahren über den Klong.“

Der Morgen war jung und der Tag war zum Erleben da. Was sollte ich wartend auf dieser Klongbank sitzen? Ich stieg ein.

„Wir sind aber ein paar Stunden unterwegs“, gaben sie noch schnell zu bedenken.

„Mai pen rai“, gab ich zurück, „das macht doch nichts.“

Das schmächtige Kähnlein schwankte heftig, als ich mich auf ein niedriges Sitzbrett niederließ. Ich hatte keine Ahnung, wohin sie fuhren, wie weit sie fuhren und wo sie mich wieder absetzen würden. Doch mir war nicht bang. Es war der Reiz auf ein Spiel. Ist nicht bei jedem Spiel der Ausgang ungewiß?

Die beiden waren Stromableser. Sie fuhren die hohen Betonmasten an, die seitlich im brackigen Klongwasser standen, um die hoch sitzenden Zähler abzulesen. Der Ableser gab die Zählerstände piepsend in ein elektronisches Erfassungsgerät ein, das ihm mit einem Lederriemen um den Hals baumelte.

Dann hustete er ein knappes „Öii“, und der Bootsführer ließ den Motor aufheulen und wir schossen über die glatte Wasseroberfläche zu dem nächsten Pfeiler, von dem die über den Klong gebauten Häuser ihren Strom bezogen.

Die meisten Häuser waren hölzerne Pfahlbauten mit verkleidetem Bretterwerk, die auf grünlich angemoderten Holzstützen einen guten halben Meter aus dem Klongwasser ragten. Zur Klongseite hin waren sie offen und manche boten im Außenbereich eine luftige Sitzgelegenheit in den seidigen Klongbrisen. Die Bewohner nahmen keine Notiz von uns, nur ihre Hunde stürmten mit giftigem Gebell an die Wasserungsstellen und zeigten uns ihre Zähne. An manchen Häusern fuhren wir vorbei. Halb zusammen gesunken steckten sie schief im Klong, dem Verfall geopfert. Da brauchte keiner mehr Strom. Nur einmal hielt das Boot an, und der Ableser sprang über ein verlassenes Bodenfundament eines abgerissenen Hauses zu einem landwärts stehenden Mast, begleitet von einer Schar bellender Hunde.


Auf der gegenüberliegenden Seite tauchten hinter einer gelb gestrichenen Klongmauer die rot leuchtenden Dächer einer Tempelanlage auf, die von der heraufsteigenden Frühsonne in einen warmen Goldmantel gehüllt wurde. Vom großen Fluß her grummelte ein Verband tief im Wasser liegender Schwerlastkähne heran, die von einem schlanken Schleppboot mit eiserner Kraft gegen den Strom gezogen wurden, und ein spritziges Linienboot überholte uns klongabwärts und brachte unsere kleine Schaluppe mit seinem scharfen Wellenschlag gehörig zum Tänzeln.


Der neue Morgen kam stattlich daher. Doch tastend wie auf den Pfoten einer Katze, und makellos als käme er zum ersten Mal. Träumte ich oder war es eine Einbildung oder saß ich wirklich in diesem kleinen Holzboot und schaukelte über den morgennassen Klong? Nein, es war keine Sinnestäuschung, und der Anbruch des neuen Tages war auch nichts Besonderes. Das geschieht jeden Tag. Eine saubere, fehlerlose Selbstverständlichkeit der Natur. Und dennoch kam es mir wundersam und phantastisch vor, und ich fühlte mich in einen atemlosen Bann geschlagen, in dem mir die Wirklichkeit wie ein entrücktes Krippenspiel erschien, aus dem watteweiche Traumbilder vorbeizogen, die aus keiner Zeit zu stammen schienen, unerreichbar und dennoch so nah. Ich ergab mich. Vor manchen Momenten des Glücks kann man sich nicht tief genug bücken.

 

Alle Folgen und Bilder ©Paul Martini, Feb. 2010