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Mit dem Stromableserboot auf dem Klong Bangkok Noi (1)


Ein Stimmungsbericht mit Bildern in zwei Folgen

Früh schon stand ich auf. Sehr früh. Bangkok ächzte noch unter den Striemen der Nacht. Das Frühstück ließ ich aus. Es war ohnehin zu früh. Nüchtern wollte ich sein, stocknüchtern. Der Geist sollte so klar sein wie das Trinkwasser, das ich aus dem Hotelkühlschrank mitnahm. Die Girls hinter der Rezeption nickten stumm und ein wenig übernächtigt, als ich vorüberging. Draußen verharrte ich einen Moment und hielt die Nase in die Luft. Dünn war sie, mit flaumigen Tupfen von Frische, aber völlig geruchlos und ohne alle Bewegung.

Der Taxifahrer war ein stummer Geselle mit nachtlahmen Handgriffen und bettreifen Augen, doch kannte er sich aus. Schneidig gab er Gas und jagte sein altes Auto federnd über aufgebrochene Betonrinnen und hervorstehende Kanaldeckel. Die großen, breiten Boulevards von Bangkoks, die am Tage unter dem Verkehr stöhnten und unter der Hitze dampften, lagen still und leer vor uns wie abgewetzte Rollbahnen, die dem Aufbäumen des neuen Tages mit Gram entgegen sahen.

Der Wat war noch fest eingepackt in die Umhüllung der Nacht, und das Taxi warf beißende Lichtkegel in das pechschwarze Gespinst der Finsternis, in der kein Lämplein glimmte. Ich stieg aus und sah mich um. Unter der dunklen Silhouette des Wats gewahrte ich eine schwer überschaubare Anzahl wahllos zusammengerollter Fellknäule, die bei näherem Hinsehen aus struppigen Schwänzen und zusammen gesteckten Hundeschnauzen bestanden.

Das Taxi wendete und verließ den Wat. Es war mucksmäuschenstill, und die lichtlose Restnacht lastete wie eine erstickende Decke über dem rabenschwarzen Wat. Eine frühe Katze kam vorbei und strich mir um die Beine. Ich drehte mich um, ich kann Katzen nicht leiden. Mein Blick schwenkte himmelwärts zu diesem überwältigenden fernen Galaxienspektakel mit seinen tausendfachen Blinkfackeln, die ihr verschwenderisches Zitterlicht unablässig in die Welt hinaus morsten und denen es kein Zusatzstrählchen wert war, daß ich in diesem völlig verschlafenen Wat Chalo in der Provinz Nonthaburi menschenseelenallein in einem finsteren Hof bei Hund und Katz stand.




Ein leises, kaum vernehmbares Glucksen drang an mein Ohr und ich ging ihm nach. Der Wat lag an einem Klong, dem Klong Bangkok Noi. Der lag majestätisch in seinem Bett, und sein wellenloses Wasser murmelte selig dahin. Ein paar leere Metallfässer unter einem Steg tanzten auf und nieder, und in der Mitte des Klongs spielte ein Rudel prächtiger Klongfische „Luftschnappen“, ansonsten war es still, als hätte ein geheimer Klongkobold alle Geräusche erwürgt. Über dem Steghäuschen kämpfte eine einzelne Neonbirne tapfer gegen den Lichtfraß der Nacht. Darüber hinaus war kaum etwas zu erkennen. Das gegenüberliegende Flussufer war von der Finsternis verschluckt. Als sei es mit geschwärzten Säcken verhängt.  Nur die Dachgiebel der Häuser und die unscharfen Schatten der Palmen stachen wie gespenstische Scherenschnitte in den Sternen übersäten Horizont.


Ein Thai kam und schöpfte Wasser aus dem Klong. Ohne den Blick zu heben stieg er mit krummem Rücken über die Stufen wieder zurück. Ich folgte ihm zu einem Blumenstand, hinter dem eine füllige ältere Thai frische Rosen sortierte. Der Mann wickelte die Rosen vom Vortag aus einer durchfeuchteten Zeitung, brach ihnen die welken Blätter ab und stellte die Stiele in einen Eimer. Gefühlvoll ordnete er die langen Stengel und besprenkelte die noch verschlossenen Köpfchen mit frischem Klongwasser.

„Heute gibt es keine Boote“, sagte die Dicke, „heute ist Sonntag. Niemand muß zur Arbeit, da gibt es keinen Linienverkehr.“ Wir beratschlagten eine Weile die Alternativen. Sie gefielen mir alle nicht.

Bald drang fernes Motorengebrumm an unser Ohr, das schnell näher kam. Ein schwungvoll um eine dunkle Biegung schlitterndes Langschwanzboot kam zielsicher auf unsere Anlegestelle zu. Drei oder vier verschlafene Gestalten kauerten auf Holzbänkchen und eine Frau erhob sich, um auszusteigen. Es war ein Linienboot aus Bang Kruai auf dem Weg nach Tha Chang. Ich ließ das Boot abfahren. Wenn Boote nach Tha Chang fahren, dann fahren sie irgendwann auch wieder nach Bang Kruai zurück.

Der Wat war ein imposanter Bau, und der streng nach Osten ausgerichtete Bot war der thailandweit größte Haupttempel auf einer Galere. Doch jene war kein richtiger Wasserkahn, sondern eher ein schiffsähnlicher Nachbau, typisch für die Watbauten aus der Ayutthaya-Zeit. Gleichwohl sah er sehr eindrucksvoll aus. An den beiden Schiffsenden ragte jeweils ein dürrer Vogelhals meterhoch in die Luft, worauf je ein goldfarbener Adlerkopf thronte, aus deren entenähnlichen Schnäbeln je eine Zierurne baumelte.


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