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Ei, eine Floßfahrt!

Wer genug hat von heißen Straßen, bierschwangeren Bars und dem eintönigen und ewig gleichen Strandeinerlei, der möchte vielleicht einmal raus - weg von der Stadt mit ihrem Lärm und ihrer Betriebsamkeit und rein in eine Umgebung, die einen so ganz eigenen und noch natürlichen Charakter hat, wo die Luft noch rein und das Wasser noch klar ist, wo auf saftigen Flußwiesen farbenprächtige Blumen blühen, wo uralte, überwucherte Urwaldbäume wie zeitlose Wegweiser am Ufer stehen und wo dennoch der Spaß an körperlicher Bewegung nicht zu kurz kommt. 

Das kommt Ihnen wie im Märchen vor, wie ein schöner Traum aus längst vergangenen Tagen? Das kann ich mir denken! Doch manche Märchengeschichten scheinen ihre Bühnenstaffage zurückgelassen zu haben, so daß wir sie uns noch immer ansehen können - ein überdauerndes, greifbares Stilleben, unzerstörbar und unvergänglich.  

Doch zugegeben, es ist ein verstecktes Idyll, nicht leicht zu entdecken und kaum bekannt. Hierher unternehmen ja noch nicht mal die Thais ihre Privatausflüge! Nur Schulklassen fahren gelegentlich in ihren Spaßbussen vor und verbringen ein paar tolle Tage in dieser unverdorbenen Naturoase.

Der abgeschiedene Provinzwinkel liegt in der Provinz Petchaburi, verborgen hinter jungen Bananenhainen und fruchtbaren Limettenäckern, und schon die Fahrt über ein vielfach zusammengeflicktes Alphaltsträßchen entlang rotblühender Hibuskushecken kommt einem wie im Märchen vor.

Gleich einem sagenumwobenen Wasserkastell taucht unvermutet eine komplett in die tropische Waldwelt versteckte Resortanlage auf, die unter den alten hohen Bäumen kaum zu erkennen ist, und die nur allmählich ihre ganze traumhafte Schönheit offenbart.

Wohin war ich nur gekommen? Ein verwunschenes Regenbogenschloß? Ein rätselhaftes Buschsanatorium hinter den sieben Bergen? Doch wo waren die sieben Zwerge? Und war das etwa Schneewittchen, die mir da zwischen den Bäumen entgegengesegelt kam mit ihren rührend vor der Brust zusammengelegten Händen? Und selbst die alte Hexe kam hervor! Schmunzelnd trat sie aus dem Gebüsch und überreichte mir – nein, keinen vergifteten Apfel – sondern ein paar prächtige Tschompu, Rosenäpfel, frisch gepflückt, aus dem eigenen Hain! Verdutzt sah ich mich um.

Pickende Hühnerfamilien tippelten über kurz geschorene, schattige Rasenteppiche, und farbenprächtige Wiedehopfpaare segelten lautlos durch ein Spalier von jungen Reihenbäumen, die an sauber geharkten Natursteinwegen standen. Rustikale Übernachtungshäuschen duckten sich unter uralte Baumriesen, und frisch gewässerte Blumenbeete sandten mir ihren erdigen Duft herüber.

Verwundert verharrte ich ein paar Momente in einem Zustand von Verblüffung und Verwirrtheit und folgte dann der einladenden Geste des Schneewittchens zu einem bistroähnlichen Empfangsraum.

Auch hier überwog der Eindruck des rustikalen Naturambientes. Im Fußboden lagen schwarze Basaltplatten, die Theke war aus schwerem Wurzelholz, die knubbeligen Sitzmöbel bestanden aus krummen, knüppelhaften Aststücken und hinter der Kaffeebar lugte eine stramme Palisadenwand aus Naturholzstangen hervor.

Dann näherte ich mich einer niedrigen Brüstung aus dicken Baumstämmen, und mir stockte mir der Atem. Durch ein Hängegeflecht aus feinen Luftwurzeln, das wie eine Jalousie zwei Welten zu trennen schien, bohrte sich mein Blick in eine sonnendurchflutete Wasserlandschaft, in der ein schläfrig dahin murmelnder Wasserlauf eine silbern glänzende Schärpe hinter sich herzog.
Jetzt gewahrte ich auch die einmalige Lage des Resorts an dem überwucherten Flußsteilufer. Blumen gesäumte Steintreppen führten hinab zu schwimmenden Bungalows im Fluß, vorbei an raspelkurzen Picknickwiesen und verträumten Wasserspielen, aus denen junge Farne wuchsen.
In hohen knorrigen Astgabelungen gaukelten surreale Baumhäuser mit lichten Aussichtsveranden, und an der verwilderten Gebüschböschung klebten putzige Blockhüttchen mit verblaßenden Anstrichen.
Darunter hingen Schaukeln an langen Leinen, von denen man sich direkt in den Fluß plumpsen lassen konnte. Eine Zauberwelt? Ein Fabelreich? Ein Märchenland?

Lächelnd und von meiner Verwunderung völlig unbeeindruckt schwebte Schneewittchen auf mich zu und überreichte mir einen Faltprospekt mit schönen Abbildungen von jener zauberhaften Naturherberge. Eingewachsene Bungalows waren da zu sehen mit blitzsauberen und bequem erscheinenden Schlafgemächern, deren imposante Bodenfenster einen grandiosen Blick über die immergrüne Flussvegetation freigaben.

Aber ich wollte ja gar nicht übernachten und auch nicht zum Schmause einkehren. Ja, ob ich vielleicht eine Floßfahrt machen möchte, funkelte Schneewittchen mich an, und zeigte auf ein paar Bilder? Das traf mich überraschend. Eine Floßfahrt? Und dann schwärmte sie davon, was für ein herrliches Erlebnis es doch sei, so geräuschlos auf dem Wasser dahin zu gleiten inmitten dieser urwüchsigen Naturlandschaft, und ein Sanuk, ein Spaß, sei es doch allemal, zwinkerte sie mir zu.

Auweia! Eine Floßfahrt ist etwas ganz anderes als eine Bootsfahrt und nichts für wasserscheue Gemüter. So ein Floß ist ein behäbiges Vehikel mit schlechten Manövriermanieren, und die Passagiere müssen sich auf eine mehr als spartanische Einrichtung gefasst machen. Haltegriffe oder eine bewahrende Bordwand können sie sich selbstverständlich aus dem Kopf schlagen, und auf ein trockenes Sitzbänkchen dürfen sie auch nicht hoffen. Jederzeit drohen sie ins Wasser zu purzeln.Vor allem beim Passieren von sanukträchtigen Stromschnellen. Da ist immer damit zu rechnen, dass das kippelige Wassergefährt samt seiner beschwingten Besatzung koppheister in den Fluten verschwindet, zumal wenn schalkhaft veranlagte Mitfahrer dem Badespaß auch noch kräftig nachhelfen.

Doch bei 33 Grad im Schatten schien mir so eine spritzige Wasserfahrt genau das Richtige zu sein, und bei dem Trockenzeit bedingten Niedrigwasserstand waren allzu gewagte Schwimmübungen ja nicht zu gewärtigen.

So überlegte ich nicht lange und willigte ein. Schneewittchen strahlte über das ganze Gesicht und telefonierte mit dem Floßführer. Der kam alsbald in einem offenen Pickup angebraust, über dessen Ladefläche 5 dicke blaue Abwasserrohre hinausragten. Die Rohre maßen etwa 5 Meter in der Länge, waren an jedem Ende mit einer Verschlusskappe versehen und fest miteinander vertäut. Wo wollte er denn damit hin? Belustigt besah ich mir das kuriose Modell. Derweil sprangen drei junge Frauen von der Ladung, die mir dazu rieten, alle wasserempfindlichen Gegenstände im Resort zurückzulassen. Sie reichten mir eine orangefarbene Schwimmweste und halfen mir beim Befestigen der Gurte. Verwundert sah ich sie an. Moment mal! War das etwa das Floß? Ich konnte meine Bestürzung kaum verbergen. Welch böser Stilbruch, welcher rauer Rückfall in die ganz und gar unmärchenhafte Zeitgeistlichkeit! Kein robustes Naturfloß aus dem Bambuswald! Selbst eine alte rumpelige Angelfähre hätte ich verziehen! Aber Abwasserrohre zu einem Floß zusammen zu binden - darauf musste man erst mal kommen!

Doch nun gab es kein Zurück mehr. Ich leerte meine Taschen und übergab Schneewittchen meine Wertsachen. Dann sprangen wir in den Pickup und los gings über schmale Landstraßen und verdreckte Landwirtschaftswege, auf denen magere Rindviecher kreuzten und Entenfamilien sich in großen Pfützen vergnügten.

Die Wasserungsstelle war einige Kilometer entfernt und bereits gut besucht. Kinder plantschten in dem seichten Flusswasser und am Ufer saßen picknickende Thais im Schatten hoher Bäume. Über eine schlammige Lehmrutsche wurde das Floß zu Wasser gelassen. Rittlings setzte ich mich darauf und ließ die Beine rechts und links im Wasser baumeln. Hinter mir nahm der Flößer Platz, der mit kräftigen Paddelschlägen die Steuerung übernahm.

Der Fluß war ein gutmütiger Geselle. Sein Wasser floß gemächlich und ohne alle Strömung dahin. Es war klar, aber ohne Fische. Stellenweise war es so niedrig, dass meine Füße die Kieselsteine auf dem Grund berührten oder durch lange Wassergrasbüschel streiften. Dann wiederum, wenn die Ufer näher zusammenrückten, gab es plötzliche Untiefen von mehreren Metern.

Sanft und lautlos glitt das stillose Rohrenmonster über das Wasser, und an den Ufern schwebte eine phantastische Naturwelt vorüber als wären es Kulissen aus einem wildromantischen Landschaftsfilm. Hohe Urwaldriesen, überwuchert mit windenartigen Klettermatten, stämmiges, knarrendes Bambusgehölz mit böigen kecken Spitzen, und zottelige Kokospalmen, deren Kronen wie gerupfte Ginsterbüsche aussahen.

In den Flussbiegungen sah man die zurückgebliebenen Zerstörungen aus der Regenzeit, wo die mächtigen Wassermassen aus dem braven Naturflüßchen einen wilden, reißenden Strom gemacht hatten, der sich gierig in die lehmigen Ufer fraß und alles darüber zum Einstürzen brachte. Noch immer lagen sie da, die verendeten Gerippe der stolzen Bäume und ragten wie entseelte Gehölzmumien aus dem Wasser, in denen sich angeschwemmtes Treibgut verfing.

Bedachtsam kreiselte das Floß dahin, gelassen, ja fast spielerisch, als sei es ein ätherisches Luftkissen, das mit den Elementen zu spielen wußte. Die großartige Pflanzenwelt streute eine bezaubernde Phalanx von glasklaren Spiegelbildern in das langsam fließende Wasser, die das Floß beim Näherkommen in vibrierende Collagen zerteilte. Von ufernahen Ästen stiegen scheue schlohweiße Fischreiher auf, und über unseren Köpfen veranstalteten blitzgeschwinde Gabelschwanzsegler rasante Flugmanöver. Alle Geräusche waren offenbar schon lange ausgestorben. Selbst die sonst so kreischlustigen Kiebitze staksten stumm über die buckligen Uferwiesen. Wie betäubt saß ich mit durchweichter Hose auf den überspülten Rohren und schaute diesen schwerfällig vorbeiziehenden Szenen hinterher, und kam mir vor, als säße ich in einer grandiosen Lichtbildshow, der irgendein Tölpel den Ton abgedreht hatte.

Die Flusswelt war ein eigener kleiner Kosmos, friedvoll und zeitlos, und das Geheimnis seiner Harmonie schien in seiner Entschleunigung zu liegen. Selbst dieses peinliche blaue Rohrenscheusal, das nur mit der sachten Drift des Wassers dahintänzelte, fügte sich so passgenau in dieses schläfrige Naturidyll, als sei es ein unvermeidlicher Bestandteil desselben. Die Dinge waren in einer untadeligen Balance miteinander, und es gab nichts, was diese fehlerlose Ordnung stören konnte.

Lange saß ich so und lauschte den Paddelschlägen hinter mir. Der Fluß krümmte sich und wand sich, mäanderte in unübersichtliche Nebenläufe, verbreiterte sich in tote Seitenseen, denen blätterreiche Wasserpflanzen den Atmen nahmen, und sprudelte dann wieder so jugendlich dahin als wäre er soeben aus einem frischen Quellloch geschlüpft.

Und plötzlich tauchte hinter zerzaustem Astwerk die Picknickwiese des Zauberschlösschens auf, wo die überaus erquickliche Floßfahrt zu Ende ging. Schneewittchen wartete bereits und kredenzte mir einen eisgekühlten Fruchtsaft. „Na, Spaß gehabt“, fragte es?

Ich setzte mich, suchte meine Siebensachen zusammen und gab dem schwitzenden Floßführer ein Trinkgeld. Märchen kannte ich bisher nur als Erzählgeschichten, aber manchmal scheint es, dass man sie am eigenen Leib erleben kann.

 Bericht und Bilder: ©Paul Martini, März 2011

Wer nach Hua Hin oder Cha Am kommt und Spaß an dieser Floßfahrt hat, kann mir schreiben (info [at] thailandprivat.com). Da das Resort etwas abgelegen ist und man Englisch nicht versteht, kann ich bei der Organisation behilflich sein.

Wer alleine dort hin fahren möchte, kann gegen eine kleine Spende die Adresse des Öko-Resorts, eine gute Wegbeschreibung und weitere praktische Infos von mir erhalten. Es ist nur 50 km von Hua Hin entfernt.