Retro-Shopping in der Tropennacht

Der neue Lifestyletreff der jungen Bangkoker Szene

 (Dieser Artkikel erschien erstmals in leicht gekürzter Version am 11. Januar 2013 in der NEUEN ZÜRCHER ZEITUNG (NZZ))

(Achtung: Lesen Sie unbedingt das Update am Ende des Artikels! - Nachstehender Bericht beschreibt die Situation auf dem alten Veranstaltungsgelände. Nach dem Umzug des Szenemarktes werden die heutigen Zustände den beschriebenen Verhältnissen nicht mehr gerecht.)

Als Khun Thanayut, genannt Troy, im Juli 2010 für sein Antiquitäten-Restaurant ein altes Lagerhaus von der staatlichen Eisenbahngesellschaft anmietete, dachte er nicht im Traum daran, dass er damit den Grundstein für einen neuen Szenetreffpunkt legen würde. Doch dann zog er mit Rod`s, seinem Szenelokal, selber auf das Gelände um und lud Freunde und Kollegen ein, dort ebenfalls ihre Sammelstücke zu verkaufen. Das Areal war riesig und bot jede Menge Platz, und Troy stellte die Verkaufsplätze anfangs kostenlos zur Verfügung. Doch niemand wollte auf das entlegene Eisenbahngelände in den Bangkoker Norden kommen, wo heruntergekommene Lagerhallen und rostzerfressene Eisenbahnwagen alles andere als einen einladenden Eindruck machten. Aber dann entdeckten ein paar couragierte Händler die einmalige Lage des Standorts zwischen dem belebten Chatuchak-Wochenendmarkt und dem riesigen Or Tor Kor-Frischemarkt, und erlagen dem bröckelnden Reiz des Eisenbahnermilieus.

Inzwischen ist der Talat Rot Fai, der Eisenbahnmarkt, zu einer der angesagtesten Wochenendattraktionen in Bangkok geworden, wo flotte Hipster und alternative Szenemenschen im düsteren Offspace-Charme verlassener Fabrikhallen auf der Suche nach dem Retro-Kick unterwegs sind. Jedes Wochenende verwandelt sich die riesige Open-Air-Anlage zu einem quirligen Nachtmarktspektakel mit hunderten von Verkaufsständen und einer fantastischen Raritätenshow.

Der Markt, den die Einheimischen Talat Dek Näu, den Teenagermarkt nennen, ist Shoppingparadies, Sammlerbörse und Partytreff zugleich. Ein Eldorado für Retrofans und Kunstliebhaber, und ein Juxtreff cooler Partygänger, die im kühler werdenden Odem der Nacht zwischen patinalastigen Memorabilien und skurrilen Vergangenheitspretiosen flanieren oder im molltönenden Schummerlicht kultiger Mobilbars selbstvergessen bei Cocktails, Whisky und kühlen Bieren sitzen. Nostalgie ist in bei den freakischen Großstadtkids, die den Tand vergangener Tage als modischen Ausweis ihres nonkonformen Lebensstils begreifen, doch selbstverständlich nicht ohne Verzicht auf ihren unentbehrlichen digitalen Escortmanager, das stilgemäße, todschicke Smartphone, das unablässig dazwischenfunkt.

Auf dem ausgedehnten Gelände, das in der flüchtigen Überschau den Eindruck eines riesigen, unaufgeräumten Basislagers macht, herrscht keine Platznot, und klaustrophobisches Gedränge, wie auf anderen Bangkoker Märkten üblich, muss hier niemand fürchten. Entspannt können die Besucher über die breiten Wege streunen, die mit ihren flohmarktähnlichen Auslagen den Anschein orientalischer Basarpassagen erwecken.

Auf ausgebreiteten Bodentüchern kauern junge Verkäufer mit unterschlagenen Beinen inmitten ihrer mitgebrachten Schätze, die im zittrigen Schein putziger Lämpchen traulich glänzen. Die Vielfalt der sorgsam aufgereihten Kleinode könnte unterschiedlicher nicht sein: angegilbte Bilder und Postkarten, Blechschilder, restaurierte Pendeluhren, Puppen, Photoapparate, Lampen, Röhrenradios, Schreibmaschinen, Fahrräder, Autoersatzteile.



Unter den Möbeln findet man alte Designklassiker aus den 50er und 60er Jahren, wie z. B. ein durchgefärbtes Kunststoffchaiselongue in schreiendem Signalrot oder eine kurzbeinige Schleiflackmusiktruhe, der im Vorbeigehen halbwarme Evergreens von Simon and Garfunkel entfahren. Neben Altertümern und Sammelstücken findet sich auch jede Menge Nippes und Krimskrams, und die Grenzen zwischen neuzeitlichem Schnickschnack und wahren Antiquitäten sind durchaus fließend. Nicht alle der angestaubten Altertumsrelikte scheinen preisliche Okkasionen zu sein. Ein angeblich 30 Jahre alter Hirschkopf für 2500 Baht (62 Euro) ließ einem Kaufinteressenten wohl die Spucke gefrieren. Jählings fuhr er zurück und hinterließ noch nicht mal einen Gruß.

Die fossilen Eisenbahnschuppen am Rande des Platzes haben sich zu gruftigen Krempelremisen verpuppt, einer Mischung aus Retro-Boutique, Kuriositätenkabinett und Heimatmuseum, in denen warme Lichtschauer aus bunt strahlenden Lüstern viel häusliche Behaglichkeit über die grundsoliden Massivholzmöbel zaubern. Wie bezwungene Wahrzeichen aus einer anderen Zeit stehen massige, raumfüllende Schrankungetüme zwischen Glasvitrinen und Vertigos, vollgestopft mit Kuriosa und antiken Mangelstücken, deren Kostbarkeit im gespenstischen Halbdunkel schwer abschätzbare Rätsel aufgibt. 



Draußen duckt sich derweil eine Kolonie kultiger Oldtimer-Bullis deutscher Provenienz - für die das Wort abgefahren durchaus zweierlei Bedeutung haben könnte - unter den schwerblütigen abendlichen Thaihimmel. Kreative Umbauten haben aus den klassischen ehemaligen Fensterbussen und Campmobilen mit ihren ausklappbaren Heck-, Dach- und Seitenteilen originelle Schankbar-Mutationen gemacht mit Selbstbedienung und biergartenähnlicher Minimalbestuhlung.



Ihre spärlich beleuchteten Schummerecken wirken geradezu magnetisch auf die vorbeiziehenden Feiercliquen, die hier wie berauschte Zugvögel zu einem Kuscheltrunk herniederschweben.



Ein Umbauzierstück der Spitzenklasse ist die originelle Fahrradsnackbar von Khun Sunhuat, der auf einer über Sattel und Lenker gelegten Anrichteplatte Kanom Krok herstellt, kleine runde, puddingähnliche Kokosnussküchlein, eine verteufelt gut schmeckende Thaisüßigkeit mit hohem Gelüstefaktor.

Zentraler Treffpunkt ist Rod`s Pub in einem alten Eisenbahnlagerhaus, ein angesagter Abhängehotspot in roter Backsteinoptik, wo museale Polstergarnituren und angejahrte Kaffeehaustischchen ein chilliges Flashback-Flair zaubern. Nur die Bar mit ihrer blitzenden Geräteausstattung vermittelt einen Anstrich von Modernität. Doch trotz stimmungsvollen Interieurs ist dies kein Ort gehobener Gastronomie, wie auch in den umliegenden Bistros das gepflegte Abenddinner nicht im Mittelpunkt steht. Mit Bratnudeln, Röstfleisch, und Nudelsuppen hat man eher die Vorlieben des schnellen Gastes im Visier.

Dabei sind die Möglichkeiten der Einkehr ebenso vielfältig wie spektakulär. In bodegaähnlichen Trinkstuben, schnurrigen Reggae-Bars, Bierkneipen in rustikaler Holzbauweise, Bilder beladenen Kunstcafès und Nachtbeizen in atmosphärisch düsterem Tempeldesign findet auch der wählerischste Nachtgänger ein passendes Ambiente für seine Abendunterhaltung, zumal mancherorts noch talentierte Hobbybands in Stellung sind, die mit verhaltenem Tremolo der eigenen Selbstverliebtheit entgegen spielen.

Über diesem so gänzlich unasiatisch wirkenden Markt, auf dem hypermoderne Lebensart und der bleiche Charme der Vorzeit aufeinandertreffen, schwingt ein Fluidum relaxten Daseinsbehagens, und dem Besucher fällt es nicht schwer, Anteil zu nehmen und den feinen Vibrationen des Zeitgeists nachzuspüren, die ihm verraten wie es um den Lebensstil der jungen Generation dieses Landes bestellt ist. Das ist die wirkliche Besonderheit dieses Marktes, die man auf ähnlichen Veranstaltungen dieser Großstadt nicht antrifft. Es ist kein traditioneller Thainachtmarkt, und schon gar nicht einer der üblichen Touristenmärkte. Hier kauft kein Thai seine alltäglichen Artikel ein, und kein Tourist wird hier billige Allerwelts-T-Shirts oder thaitypische Souvenirs suchen. Ohnehin sind ausländische Besucher rar. Es ist ein Markt für Kundige, ein Treff für Künstler und Szenegänger, für Trödelfans und Bohémiens. Hier holen sich fesche Partyliebhaber ihren sentimentalen Nostalgiekick ab und hippe Collegekids tanken ein letztes Mal auf, bevor sie durch die Clubs der Stadt ziehen.

Der Talat Rot Fai ist ein authentisches, neuzeitliches Trendsetterspektakel, inszeniert von einer selbstbewussten Jugendszene, schick, individualistisch, lässig, die sich darin gefällt, ihren gesellschaftlichen Auftritt mit rückwärtsgewandten Sehnsüchten aufzuwürzen. Er ist mehr Begegnungsstätte als Markt, mehr Rendezvous als Handelsplatz und mehr Kunstfest als Warenumschlag. Doch vor allem ist er ein avantgardistisches, urbanes Phänomen innerhalb der traditionellen Thaigesellschaft.

Besuchen Sie den Markt, so lange es ihn noch gibt! Troy hat das Gelände für vorerst 3 Jahre gemietet.

Sie erreichen den Markt mit der U-Bahn (MRT) über die Haltestelle Kamphaeng Phet. Nehmen Sie den Ausgang Nr. 1 und biegen Sie oben nach rechts ab. Nach ca. 400 Metern Fußmarsch (Richtung Chatuchak) treffen Sie auf das Marktgelände. Der Markt ist freitags, samstags und sonntags in der Zeit von 17 Uhr bis 1 Uhr geöffnet.

Bericht und Bilder: ©Paul Martini, Jan. 2013

Update: Der Markt ist inzwischen in die Srinagarinda Road, Soi 51 (neben dem Seacon Square) umgezogen. Aus dem ehemals avantgardistischen Floh- und Kunstmarkt für Nachtschwärmer ist fast nichts mehr übrig geblieben. Der Markt ist zu einem riesigen lauten Rummelplatz für billige Ramschware und Plastiktand verkommen. Neuzeitliche Verrücktheiten wie bemalte Schuhe, bestickerte Jeansjacken und T-Shirts mit abgedrehten Motiven dominieren die Auslagen. Antike Erlesenheiten und exquisite Schmuckstücke finden sich kaum noch und wirken inmitten des auf den schnellen Kommerz ausgerichteten Treibens wie vergessener Schrott. Die Marktgänge und Wege sind voller Menschen, das Gedränge und Geschiebe ist beängstigend. Das Getöse und das Durcheinander in den überdimensionierten Hallen hat nichts mehr mit einer nostalgischen Flohmarktszenerie zu tun. In Schnellbistros liefern sich Lifemusiksänger einen unerträglichen Musikwettkampf. Dem unromantischen Jungvolk ists genug. Bei Burger, Pizza und riesigen Eiscremebechern ist die Abendgestaltung gelungen. In kindlicher Einfalt füttern sie Ziegen, die in viel zu engen Gattern nach Milch gieren, oder begaffen dösende junge Hunde in winzigen Käfigen. Fragwürdige Attraktionen für ein gedankenloses Publikum.


Wer mit dem Privatwagen, dem Taxi oder mit den Stadtbussen anreist, steht auf einem Kilometer mehr als eine Stunde im Stau. Die einzige Zufahrt zu dem Gelände ist hoffnungslos verstopft und die Parkplatzverhältnisse sind unsäglich. 

Wer nicht schon in den kilometerlangen Blechstaus kapituliert hat, wird bei einem Gang durch den tumulthaften Trubel seine Restenergie endgültig verlieren. Der Autor kann einen Besuch nicht mehr empfehlen.


(Freitag, Sonnabend und Sonntag ab 17.Uhr, Telefon: 086-1267787 oder 087-0764820, GPS: 13.691867,100.650171, )

10. März 2014



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Hier eine erste Leserbewertung der PDF-Ausgabe: "Diese Pubikation über 30 Schwimmende Märkte in Thailand muss eigentlich jeden begeistern. Bestens recherchiert und mit wunderschönen, aussagekräftigen Fotos unterlegt, ist es dem Autor gelungen, dem Leser die umfangreichen, gut gegliederten und bestens lesbaren Informationen lebendig und nachvollziehbar zu vermitteln. Bei der Lektüre liest man sich sozusagen "vor Ort", man ist mitten im Geschehen, und nach der Lektüre wünscht man sich nichts sehnlicher, als jeden dieser Schwimmenden Märkte mal selbst zu besuchen. Eine einmalig meisterhafte Darstellung des Themas, ich habe bis dato nichts Vergleichbares finden können." Gerhard Hofmann