Die schwimmenden Affen von Samut Songkhram



Bei schwimmenden Affen und springenden Fischen

Ein erstaunliches Öko-Tourismusprojekt in Thailand


Die thailändische Provinz Samut Songkram, die die Einheimischen auch Mae Klong nennen, liegt etwa 70 km südlich von Bangkok. Man erreicht sie über den Highway Nr. 35 in einer guten Autostunde. Wenn man den Highway nach links verläßt, führt ein holperiges, enges Sträßchen über abenteuerliche Kanalbrücken zu dem 6 km entfernt liegenden Ort Klong Kone, wo die Straße unvermittelt auf einem ausgedehnten Tempelvorplatz und vor ein paar alten Fischerhäusern endet. Klong Kone liegt inmitten weitflächigerWasserfelder und labyrinthischer Kanalgräben und atmet mit den Gezeiten. Bei Flut kann es vorkommen, dass das einzige Sträßchen des Ortes unter Wasser steht und in den Häusern der Leute das Wasser über den Fußboden fließt.                                

Die Bewohner von Klong Kone und den Nachbarortschaften waren seit alters her Fischer und Muschelsucher in den Mangrovengehölzen an der flachen Tieflandküste. Später fanden sie Arbeit in der Garnelenindustrie. Doch die rücksichtslose Garnelenwirtschaft war ein fataler Landfresser und breitete sich zunehmend in den primären Mangrovenwald hinein aus. Nachdem die Garnelenbetriebe aufgeben mussten, entdeckten die Menschen mit Schrecken, daß sie zu ihrer alten Arbeit als Muschelsucher nicht mehr zurückkehren konnten. Denn der Wald war verschwunden und mit ihm die Muscheln.

Ein paar Zahlen verdeutlichen den dramatischen Rückgang des Küstenwaldes. Einer Umweltstudie von Suwanna Praneetvatakul aus dem Jahr 2008 zufolge betrug 1952 in der Provinz Samut Songkram die Gesamtfläche des Mangrovenwaldes 27.000 Rai, was 4320 Hektar entspricht, doch intensive Garnelenbewirtschaftung reduzierte den Waldbestand auf nur noch 800 Rai (128 ha), ein Verlust von skandalösen 97%! 1989 erreichten die unerträglichen Auswirkungen der Garnelenzucht wie Waldvernichtung und Wasserverschmutzung ihren Höhepunkt, und immer mehr Garnelenfarmer mussten aufgeben und ihre Beschäftigten entlassen. Dies warf zusätzliche sozioökonomische Probleme auf. 1990 starteten die Behörden ein unter königlicher Schirmherrschaft stehendes mehrjähriges Mangrovenschutzprogramm für das Mündungsgebiet des Mae Klong Flusses, doch erst im Jahr 2008 war die rekultivierte Waldfläche wieder auf 10.000 Rai (1600 ha) angewachsen.
                                             Da kommt die Banane
Der tropische Mangrovenwald bildet einen natürlichen Schutzwall für die Küsten und zählt zu den produktivsten Ökosystemen der Erde, in denen vielfältiges und artenreiches maritimes Leben zu Hause ist.  Die immergrüne marine Küstenmangrove ist eine der eigentümlichsten tropischen Pflanzenarten. Sie liebt die warmen Temperaturen und steht gerne in brackigen oder salzigen Küstengewässern. Da der morastige Untergrund sehr sauerstoffarm ist, atmet sie über Luftporen in der Rinde ihrer oberirdischen Stelz- oder Bogenwurzeln. Die Fortpflanzung  geschieht durch keimende Jungpflanzen am Mutterbaum, die irgendwann abbrechen, ins Wasser fallen, wegtreiben und auswurzeln.
                                            Der Mangrovenklong
Mit dem Wiederaufbau des Mangrovenforsts erholte sich das marine Ökosystem nach und nach. Einstige endemische Tierarten wie Meeresgarnelen, Muscheln und Schlammkrabben kamen zurück. Und auch andere Habitatbewohner sind wieder da: Warane und Affen, schlohweiße Silberreiher, bucklige schwarze Fischreiher, blau leuchtende Eisvögel und amphibisch lebende Schlammfische, die mit herausgestrecktem Kopf katapultartig über die Wasseroberfläche schießen und über anthrazitfarbene Schlammbänke springen.
                                    Ausfahrt zu den Muschelgärten
Auch für die Einwohner der umliegenden Dörfer werden die Erfolge nun sichtbar. Nachdem sie nach dem Zusammenbruch der Garnelenfarmen arbeitslos geworden waren und Jobs in weit entfernt liegenden Industrien suchen mussten, können sie nun wieder in ihrer angestammten Heimatregion bleiben. Neben ihrer herkömmlichen Beschäftigung im Fischfang ist es ihnen mit der Schaffung einfallsreicher ökotouristischer Initiativen gelungen, eine zweite nachhaltige Einkommensquelle zu etablieren, bei der die ganze Familie eingebunden wird. Dies fördert den Zusammenhalt der Familien und festigt die sozialen Beziehungen in den Dörfern. Das Repertoire ihrer sehr beliebten Aktivitäten umfasst Klong- und Angeltrips, Ausflugstouren zu Meeresmuschelfarmen, Mangrovenanpflanzexkursionen, Schlammboarding, Campingaktivitäten in alten Fischerhütten und Homestayangebote.

                                                   Wohnen im Teich

Vermehrt kommen heute aktive und ökologisch interessierte Touristen in die ehemals verwüstete und ausgebeutete Gegend und machen in einem unvergleichlich schönen meeresnahen Naturgebiet aus ihren Ferien einen Aktivurlaub der besonderen Art.  Sie sind neugierig, unternehmungslustig und spaßfreudig, wohnen in versteckt liegenden Homestay-Anlagen am Wasser und genießen die naturverbundenen Erlebnisangebote und Wassersportaktivitäten.

                                               Die Karaokerotunde
Ein besonders schönes Homestay ist das
Baan Klong Kone Homestay-Resort, das noch vor 3 Jahren ein Muschel- und Garnelenbetrieb war. Es liegt am Ende eines roten Lateritweges inmitten großer Wasserteiche, in denen bunte Seehäuschen und luftige Pavillons auf Stelzen stehen und zum Rasten in den warmen Seebrisen einladen. Hier gibt es nur Ruhe, saubere Luft und ganz viel Natur. Däng, der Chef des Resorts, organisiert Ausflugstouren über den nahen Klong und zu Muschelzuchtfarmen im offenen Meer. Wer möchte, kann an einer Anpflanzaktion im brackigen Meeressumpf teilnehmen. Für 1500 Baht (35 Euro) wohnt man in geschmackvoll hergerichteten Bungalows inmitten blühender Bougainvillea-Büsche, die an verträumten, halbzugewachsenen Wassergräben stehen. Alle Hektik der Welt ist wie ausgeknipst. Hier kann man die Seele sprichwörtlich in einer Hängematte baumeln und sich vom weichen Atem der Natur massieren lassen. All die lauten, aufdringlichen Quälgeister unseres modernen Lebens haben hier keinen Platz. Und die freundliche Familie des Resorts schafft es, daß sich der Besucher wie ein Gast fühlt, der eingeladen wurde.
Ehrlicherweise muß man einräumen, daß es am Wochenende mit der Ruhe schnell dahin sein kann, wenn busladungsweise quirlige Schulklassen aus Bangkok angefahren kommen. Dann kennt der Thaisanuk (Spaß) keine Grenzen. In fröhlichen Gruppen paddeln die jungen Thais mit farbigen Plastikbooten über die idyllischen Fischweiher, rasen auf Schlammboards durch den Meeresschlick oder entern in einer Wassersala die frei zur Verfügung stehende Karaokeanlage, dessen kullernde Bässe das Teichwasser zum Erzittern bringen.
                                            Das Muschelhaus im Meer
Ein besonderer Glanzpunkt ist eine Klongfahrt unter dem kompakten Blätterdach des Mangrovenwaldes zu ein paar wilden Makakenhorden, die im Mündungsgebiet der Kanäle leben und sich beim Herannahen des Bootes aus den Bäumen herunterhangeln. Es sind struppige, magere, schlammverschmutzte Tiere, die sich ständig streiten. Gierig spähen sie nach den mitgebrachten Bananen der Ausflügler und haben wenig Scheu, nach den Leckerbissen in der dargereichten Hand zu grabschen. Aber ins Boot kommen sie nicht. Dies verwehrt ihnen der Bootsmann mit einem drohenden Holzpaddel. Doch sobald eine Banane ins Wasser geworfen wird, stürzen sie sich in die braune Brühe und schwimmen dem Leckerbissen hinterher.
Zwar gelten Affen gemeinhin als wasserscheu, doch die in den thailändischen Gewässerwäldern vorkommenden Langschwanzmakaken sind ausgezeichnete Schwimmer und sogar Taucher, was ihnen bei Nachstellungen durch ihre Fressfeinde vorzüglich zugute kommt. Obwohl sie bis zu 5 m weit springen können, ist es ihnen außerordentlich dienlich, wenn sie sich vor einem Waran, einer Schlange oder einem Greifvogel plötzlich ins Wasser fallen lassen und davonschwimmen können. Sie schlafen in den Bäumen und ernähren sich bevorzugt von reifem Obst, jungen Blättern, frischen Stengeln und Samen. Doch Meeresgarnelen und Schlickkrebse stehen ebenfalls auf ihrem Speiseplan.
Klong Kone ist ein überaus imponierendes Beispiel von Naturversöhnung, das zeigt, wie es in einem sensiblen Küstengebiet auf geniale Weise gelingen kann, pragmatischen Umweltschutz mit einem angepassten ökologischen Tourismus zu vereinen. Der Erhalt der schützenden Küstenvegetation dient nicht nur der Natur, sondern auch den Menschen, die in diesem Gebiet leben. Und das Einbeziehen der fremden Besucher, die auf Bootsfahrten durch das Waldgebiet oder bei praktischen Anpflanzaktionen einen lehrreichen Erkenntnisgewinn mit nach Hause nehmen, ist nicht nur eine naturkundliche Übungsstunde, sondern auch noch eine vergnügliche Freizeitaktivität von hohem Erlebniswert. 




                                                                              
Klong Kone ist mit öffentlichen Verkehrsmitteln nicht zu erreichen, und kaum jemand spricht Englisch dort. (Hier die Google Earth Koordinaten: 13°20'11.04"N, 99°57'44.35"E). Bedarfsweise gebe ich gerne weitere Informationen oder Hinweise. Wer eine Reisebegleitung wünscht, kann mir schreiben. Hier die Webseitenadressen einiger Homestay-Resorts. Sie sind ausnahmslos in Thai, doch die Bilder vermitteln einen guten Eindruck der Aktivitäten.
http://www.baanklongclone.com/
http://www.baanmaichailane.com/
 
http://www.phuyaichonghomestay.9nha.com/


Bilder und Bericht
©Paul Martini, Feb. 2010


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