Die kleine Strohhalmmuschel und der große Rummel

Don Hoi Lot (ดอนหอยหลอด) ist ein wenig bekannter Küstenort in der Provinz Samut Songkhram. Von Bangkok ist er etwa 120 km entfernt. Ideal für einen Tagesausflug. In Don Hoi Lot gibt es nur eine einzige Straße. Sie führt auf der einen Seite hinein und auf der anderen wieder hinaus. Den kaum mehr als 1000 Einwohnern scheint das zu genügen.

                                     
Don Hoi Lot liegt auf der Spitze einer 3 km breiten und 5 km langen Schwemmlandbank im weiten Mündungsgebiet des Mae Klong Flusses, der mit seinem sedimentreichen Wasser den Charakter der Küstenregion bestimmt. Der Gezeitenhub beträgt hier 1,40 m, und bei Niedrigwasser werden flache, schlammige Wattbänke von teilweise über 4 Kilometern Länge freigelegt. Das Gebiet ist einmaliges Ökobiotop mit reichhaltigem maritimem Leben.

Die Küste von Don Hoi Lot ist ein durch die „Ramsar Convention“ ausgewiesenes Schutzgebiet. Diesem internationalen Abkommen zum Erhalt der Feuchtgebiete, das im Jahr 1971 in Ramsar (Iran) ins Leben gerufen wurde, sind 160 Länder angeschlossen mit 1896 gelisteten Schutzgebieten. Die Mitgliedsstaaten verpflichten sich den ökologischen Charakter ihrer Feuchtgebiete zu bewahren und zu schützen. Thailand ist der Ramsar Konvention im Jahr 2001 beigetreten und verfügt neben Don Hoi Lot über neun weitere registrierte Schutzgebiete.

Die Muschel

Im feinen Sand der morastigen Strandbänke, den die Einheimischen Sai Khi Ped nennen, leben mindestens 10 Muschelarten, doch die Hoi Lot (Solen regularis), eine nur hier endemische Muschelart, hat es zu ganz besonderem Ansehen gebracht, denn Kenner schätzen sie als Delikatesse. Mit ihrem länglich geraden Muschelgehäuse sieht sie wie ein etwas zu kurz geratener Strohhalm aus, weshalb sie auch so heißt, denn die Thaibezeichnung für Strohhalm ist „Lot“. Die Muschel steckt bis zu 30 Zentimeter tief im Sand des Watts und kann bei Ebbe leicht gefangen werden. Hierzu benutzen die Thais mit Kalk präparierte Hölzchen, die sie in die Schlicklöcher der Muschel stecken. Doch wenn Branntkalk mit Wasser in Berührung kommt, entstehen durch chemische Reaktionsabläufe sehr hohe Temperaturen, die die Muschel zwingen nach oben zu kommen und ihr Versteck zu verlassen.

In früheren Zeiten wurden aggressive Kalkmischungen weitflächig auf den Sand gestreut, was zu massiven Schäden des Ökosystems führte. Diese rabiate Praxis ist heute verboten und wird sogar mit Geldbußen bis 100.000 Baht und Gefängnisstrafen bis zu 5 Jahren geahndet.

Spät erkannte man, dass das marine Küstengebiet ein fragiles ökologisches Bioreservoir für vielfältiges artenreiches Leben darstellt. Die fruchtbaren Schlammbänke des Mündungsgebiets stellen für Muscheln, Schlammspringer und Krebse einen einzigartigen Lebensraum dar, der durch Schmutzwassereinleitungen zunehmend bedroht ist. Besonders drastisch ist der Rückgang der Hoi Lot. Nach einer Untersuchung der Chulalongkorn Universität fand man im Jahr 2004 auf einem Quadratmeter noch fünf Muscheln, doch im Jahr 2009 war es nur noch eine! Dem Bericht nach konnte ein Muschelsucher vor 10 Jahren noch 10 kg Muscheln mit nach Hause bringen, wohingegen er heute nur noch 3 kg Muscheln findet. Grund hierfür ist exzessiver Überfang der Hoi Lot.

Solcherlei Entwicklung hat das Umweltministerium alarmiert, das das sensible Ökosystem nun unter Schutz gestellt hat. Am 1. Feb. 2010 wurde auf eine Initiative des thailändischen Naturschutz- und Umweltministeriums der erste „World Wetlands Day“ in Don Hoi Lot abgehalten, womit der lokalen Bevölkerung eine größere Sensibilisierung für ihre Umwelt nahe gebracht werden sollte.

Der Rummel

Don Hoi Lot, dieser unscheinbare Ort weit draußen an der Küstenperipherie, ist aber nicht nur ein Ökobiotop, sondern auch ein beliebtes Ausflugsziel für Thaifamilien aus dem Umland. Doch wer am Wochenende dorthin fährt, der sollte sich nicht wundern, wenn er schon weit vor dem Ort in einer langen, heißen Blechlawine stecken bleibt. Nanu, ein Stau vor einem verlorenen Fischerdorf? Was mag dort abgehen?

Die Frage klärt sich schnell, nachdem man seinen Wagen für 20 Baht auf dem einzigen Parkplatz des Ortes abgestellt hat. Denn Don Hoi Lot ist ein Paradies für Meeresfrüchtegenießer und ein weithin bekannter Picknickspot für Ausflügler. Doch wer entrücktes Fischerleben erwartet, der wird enttäuscht werden. Romantische Seemannsfolklore wird man hier nicht antreffen. Don Hoi Lot ist ein einziger, brodelnder, turbulenter, chaotischer Jahrmarkt mit boomenden Verkaufsbuden für Seafood jedweder Art. Die teilweise über das Meer hinaus gebauten Stände bersten geradezu von all den vielen Meeresköstlichkeiten, und die Auswahl scheint ebenso unermesslich wie unerschöpflich zu sein. Frische und getrocknete Fische liegen aus, Grillmuscheln, gebratene Muscheln, frittierte Fische, getrocknete Tintenfische, gebratene Tintenfischeier, frische Krebse mit zusammen gebunden Scheren, frittierte Garnelen, Shrimpfrikadellen, dazu Fischsoße, Garnelenpaste, sowie Palmzuckerfladen und Palmsirup - ein einzigartiger quirliger, wuseliger, dampfender Genussrummel auf engstem Raum. Dicht gedrängt stehen die Stände beidseits der einzigen Ortsstraße. Und während sich durch das enge Nadelöhr der Dorfkurve eine nicht enden wollende Autoschlange im Stop-und-Go-Verkehr durch das überfallene Örtchen quält, entladen Überlandbusse scharenweise glückliche Thaiausflügler, denen die raumenge Betriebsamkeit gerade recht zu sein scheint. Behende huschen sie an den eingekeilten Autos vorbei und drücken sich fröhlich schnatternd durch die dichten Besucherreihen entlang der Stände.

Unter den Schatten spendenden Sonnenschirmen der Verkaufsbuden köchelt, schmurgelt und bruzzelt es ohn Unterlaß. Fische sieden im heißen Öl, Vogeleier braten in heißen Rundtiegeln und von Tintenfischgrills steigen würzige Duftschwaden auf. An vielen Ständen stehen Naschtellerchen bereit, um den vorbei eilenden Gast zu einem Probierhäppchen zu verführen. Wie wäre es mit „Khai Maengdaa“, gegrillten Pfeilschwanzkrebseneiern oder „Hor Muk“, einem im Bananenblatt gebackenen Meeresfrüchteauflauf, oder „Hoi Tschor“, in siedendem Öl gebratenen Frikadellenröllchen aus Garnelen und Hackfleisch?

Oder wie wäre es gar mit IHR, der Strohhalmmuschel, jener legendären Namensgeberin dieses gärenden Örtchens auf jener abgelegenen Sandbank? Frisch und ein wenig blaß liegen sie in einem klaren Meerwasserbad und sehen mit ihrem glatten, grünlich schimmernden Muschelgehäuse aus wie verfärbte Holzdübel. Eine Marktfrau demonstriert, wie man mit einem durch das Muschelrohr gesteckten Stäbchen ihr Fleisch gewinnt, und ein paar Stände weiter kann man sie mariniert und gebraten in durchsichtigen Plastikbeuteln kaufen, die Tüte zu 50 Baht.

Das Picknick

Mitten im Ort steht ein Denkmal des hoch verehrten Prince Chumphon Khet-Udomsak, dem Gründer der Royal Thai Navy.

Die Besucher zeigen ihre Reverenz, indem sie in einer kleinen Kapelle beten und davor einen Kranz Feuerwerkskörper abbrennen lassen.

Anschließend lagern sie auf ausgeliehenen Bastmatten in dem schönen, Baum bestandenen Uferpark am Meer und packen ihre mitgebrachten Leckereien aus.

Dicht an dicht hocken ganze Sippschaften eng beieinander, die alle nur mit einem beschäftigt sind: Essen. Mit unterschlagenen Beinen sitzen sie im Kreis um ihre randvollen Styroporschälchen und stochern kauend in ihren rauchenden Holzkohlengrills. Wenn Alt und Jung so einmütig beim Schmaus zusammen sitzen, dann ist dies der Zenit allen thailändischen Familienlebens und die Krönung eines jeden Thaiausflugs.

Die Bootsfahrt

Im Park gibt es eine Anlegestelle für kleine Boote. Von hier aus kann man für nur 200 Baht eine einstündige Bootstour unternehmen. Das Boot tuckert entlang eines schmalen Mangrovengürtels zur Flussmündung hinauf und biegt anschließend in einen engen Kanal ein, der durch das Fischerdorf Chu Chi führt. Doch dieser Abstecher ist nur bei Ebbe möglich, da sonst das Boot unter der niedrigen Straßenbrücke hängen bleiben würde. In Chu Chi sieht man noch sehr ursprüngliches Fischerleben. Eingerahmt von der prallen tropischen Küstenvegetation stehen alte Stelzenkaten im lehmbraunen Wasser des Klongs, schmale Fangkähne liegen an den Stegen vor Anker und Fischernetze hängen zum Trocknen aus.

Wer nach dem aufregenden Marktbummel und der Schaukelfahrt über dem Meer nun etwas entspannen möchte, der kann das in einem der zahllosen über das Meer hinaus gebauten Fischrestaurants tun.

Anfahrt

Wer von Bangkok über den Highway Nr. 35 kommt, folgt den Hinweisschildern nach Don Hoi Lot. Es gibt mehrere Abbiegemöglichkeiten. Die direkteste Anfahrt ist über die Nationalstraße 2009 bei der Stadt Mae Klong.  Man erreicht Don Hoi Lot nach 5 Kilometern.

Hier die Google Earth Koordinaten: 13°21'51.12"N, 100° 1'17.46"E


Auf der Seite sind drei Diashows eingefügt. Falls sie nicht gezeigt werden, so können Sie sie hier sehen:
Der Rummel
Das Picknick
Die Bootsfahrt

Bilder und Bericht: ©
Paul Martini, Juli 2010

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