Der Wassermarkt von Taling Chan


Der Besuch eines schwimmenden Marktes und eine Bootsfahrt auf den lehmbraunen Klongs, den Kanälen, zählen meist zum Standardrepertoire von Bangkokbesuchern. Wenig bekannt ist ein versteckt liegender Wassermarkt innerhalb des Stadtgebiets von Bangkok, den man auch noch sehr leicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln und ohne stundenlange Anfahrt erreichen kann. Es ist der Markt von Taling Chan im Nordwesten Bangkoks. Er findet jeden Samstag und jeden Sonntag in der Zeit von 9 bis 17 Uhr statt und ist bequem aus dem Stadtgebiet mit dem Airconbus Nr. 79 zu erreichen. Der Schaffnerin sagt man, dass man beim Talaat Naam Taling Chan aussteigen möchte. Sie wird dann einen Hinweis geben. Natürlich ist der Markt auch mit dem Taxi zu erreichen, je nach Entfernung muß man mit 80 bis 100 Baht rechnen.
Der Bus hält in einer Straßenbiegung der Tanon Chim Phli, von der man schon die stoffbespannte grüne Marktkuppel hoch über der schmalen Budengasse sieht, die man in Richtung Pier hinuntergeht. Man wandelt durch ein Spalier von farbenprächtigen Marktständen, an denen die Händler Pflanzen, Blumen, Gemüse und Obst aus ihren eigenen Gärten anbieten, und natürlich Bruzzelbuden, aus denen einem schon zu früher Stunde die verlockendsten Düfte die Sinne verwirrren. Vor dem Pier steht eine goldglänzende Buddhastatue, an der die Thais zu einer kurzen Andacht halt machen.


Kernstück des Marktes sind ein paar zusammengebundene schwimmende Pontons, in deren Mitte niedrige, kaum kniehohe Tischchen in Zweierreihen stehen. Rechts und links der Plattformen schwimmen Garküchenboote längsseits, von denen man im Vorbeigehen die Gerichte - hilfsweise per Fingerzeig - auswählen kann. Es gibt keine Speisekarte. Man lässt sich an einem der Tischchen nieder, und bekommt die Gerichte umgehend serviert. Alles ist frisch und unschlagbar lecker. Und das Beste von allem sind die noch unverdorbenen Preise! Hier eine Auswahl: Hoi Tohd (gebratene Muscheln) und Phat Thai (gebratene Nudeln mit Sojakeimlingen, getrockneten Krabben und Erdnüssen) je 30 Baht, Buh Pau (geröstete Krebse) 2 Stück zu 100 Baht, Gung Pau (Flussgarnelen vom Holzkohlengrill) 5 Stück nur 100 Baht, Blaa Pau, (ein großer Flussfisch, über dem Holzkohlengrill gegart und im Salzmantel auf einem Bananenblatt serviert) kostet nur 140 Baht, Muh Yang (gegrilltes Schweinefleisch in Streifen) die Portion zu 50 Baht, Khao phat gai (Bratreis mit Huhn) für 25 Baht, und natürlich die herrlichsten Guetiaus (Thainudelsuppen) für nur 25 Baht.




Biegt man vor der Buddhastatue rechts ab, gelangt man zu einem mit Ausflugsfotografien behangenen Pavillon, wo eine sehr freundliche Thai, die auch Englisch spricht, Tickets für Klongfahrten verkauft. Aber keine Angst, das kostet nicht die Welt! Wer gerne für sich ist, kann zwar für 1000 Baht ein Privatboot chartern, doch viel erlebnisreicher ist eine Tour mit einem Sammelboot inmitten von Thaiausflüglern, das ab 9.30 Uhr stündlich ablegt. Das Boot fast 20 bis 25 Leute, und die Fahrt kostet pro Person nur 99 Baht. Die Tour durch die engsten Klongs Bangkoks dauert zweieinhalb Stunden.


Beim Einsteigen werden den Passagieren gratis geflochtene Handfächer gereicht, damit sie sich in den stickigen Klongs ein wenig Erleichterung zu fächeln können. Die Bootsfahrt wird von einem gutgelaunten Spaßmacher, so einer Art Boot-Conferencier, begleitet, der nicht nur die Sehenswürdigkeiten beidseits des Ufers jovial erklärt, sondern die Stimmung der Bootspassagiere auch dadurch auflockert, indem er mit seinem blechernen Raspelthai zusätzlich ein paar Überraschungsscherze in die Vorträge einstreut. Ausländischen Mitreisenden gehen solch feingewürzte Höhepunkte der Bootstour natürlich verloren, was aber nicht weiter betrüblich ist, da man infolge des dröhnenden Schiffsdiesels und der aberwitzigen Bootsbeschallung nach einiger Zeit ohnehin taub ist und daher sowieso nichts mehr versteht. Man ist also gut beraten, sich bei der Sitzplatzauswahl, nicht gerade vor den plärrenden Lautsprecher zu setzen und auch die in diesem Land nahezu überall unentbehrlichen Ohrstöpsel dabei zu haben. Der Herrgott scheint diese begnadeten Thaimenschen mit einer geheimen Schließklappe für die Ohren versehen zu haben, anders kann man sich ihren unerschütterbaren Gleichmut, mit dem sie die allenthalben anzutreffende, überaus volltönende und augenscheinlich nicht regelbare Töneverwirrung hinnehmen, nicht deuten.


Die Fahrt beginnt auf dem Klong Chrak Phra, auf dem auch noch andere Touristenboote unterwegs sind. Rechts und links ein unvergleichliches exotisches Flußpanorama: wilde, immergrüne Vegetation, Palmen, Tempel und kleine Handwerksbetriebe. Farbenprächtige tropische Vögel flattern auf und gelegentlich schwimmt auch schon mal ein 2 Meter langer Waran mit dem Boot um die Wette. Die zur Klongseite offenen Privathäuser stehen auf Stelzen und bieten einmalige Einblicke in das behagliche Thaileben der Kanalbewohner. Immer wieder mal paddelt leise eine verlorene Klongverkäuferin in ihrem schmächtigen Nudelsuppenbootlein vorbei, die sich vor dem heranrauschenden Wellengang des fauchenden Schnellbootes an die Uferbefestigung klammern muß.  
  


Schon bald hält das Boot an einem prächtigen Wat (Tempelanlage), wo man den Thais bei ihrem Wai Phra (Buddhaverehrung) zusehen kann. Kniend beten sie vor Buddastatuen, entzünden Räucherstäbchen, überreichen Orchideensträußchen, spießen Geldscheine auf und kleben Goldplättchen auf die Glatzköpfe der Sitzbuddhas.

Dann wird die Klonglandschaft ländlicher, und plötzlich wird das Langschwanzboot ganz langsam, denn es quält sich um eine spitze 90-Grad-Ecke und biegt in einen Wasserweg ein, der so schmal ist, dass man mit ausgestreckten Armen fast das Ufer erreichen könnte. Nun sieht man keine Häuser mehr, nur noch Gärten, Obsthaine und hohe Bäume. Schließlich hält das Boot zur zweiten Rast an einem Orchideengarten. Überall baumeln unter schattenspendenden Gazedächern Topforchideen von einer überwältigenden Schönheit und einer faszinierenden Blütenpracht, die man bei einem wohltuenden Spaziergang durch die in langen Reihen hängenden Blumen bewundern kann. An der Anlegestelle gibt es Erfrischungen und köstliche Thaileckereien, für die ein Thai, selbst, wenn er gerade mit vollem Bauch vom Essen kommt, aber immer noch Platz findet. Das nennt er Gin Len (wörtlich: essen spielen). In einem Kratong, das ist ein zusammengestecktes Schälchen aus Bananenblättern, werden Tohd Man Plaa (in heißem Öl frittierte Fischfrikadellenstückchen) gereicht, überstreut mit kross gebratenen Basilikumblättern. Das Schälchen zu 20 Baht. Da kann keiner widerstehen.


Das Boot schippert nun wieder aus dem engen Wasserkanal hinaus und biegt in den Klong Bahng Noi ein. Nun kann der Bootsführer den brüllenden Schiffsdiesel wieder so richtig hoch drehen, und das Langschwanzboot schießt wie ein Pfeil über die erdbraune Wasserlinie des Klongs, rechts und links steigen sprühende Wasserfontänen auf, deren Fluggischt die Bootsinsassen in einen unvermeidlichen Regennebel hüllen. Die Bootsgäste quieken vor Vergnügen. Das ist Sanuk. Thaispaß. Spaß haben auch die hinterlistigen Lausbuben im Sinn, die sich während der Vorbeifahrt des Bootes derart geschickt von Baumstämmen oder Ufermauern ins Wasser klatschen lassen, dass das aufspritzende Wasser die verdutzten Bootsfahrer unter eine überraschende Blitzdusche setzt. Dann winken sie unschuldsvoll aus der braunen Klongbrühe herauf und schütten sich prustend aus vor Lachen über die begossenen Pudel. Herrlicher Thaisanuk.


Beim nächsten Halt vor einer Tempelanlage liegen stapelweise Kastenweißbrote auf einem Metallrost, Futter für die sich bereits balgenden Plaa tschonn, große, kräftige Klongfische. Sobald man Brotstücke ins Wasser wirft, schieben sie sich in wilder Gier mit ihren weit geöffneten, rechteckigen Mäulern übereinander über die Wasseroberfläche, wobei sie mit saftigen Flossenschlägen das Wasser in einen brodelnden spritzenden Geisir versetzen, der den Bootsfahrern aufs Neue erregende Klongbrausen beschert.  Die Fische schwimmen so dicht heran, dass man sie anfassen kann. Sie beißen nicht.


Dann geht es über den Klong Chrak Phra zurück zum Markt von Taling Chan, wo man nachmittags an einem Lotosblumenteich unter hohen Bäumen den Tag bei einem kühlen Bier mit Thai-Lifemusik ausklingen lassen kann, bevor der Bus 79 ins quirlige Bangkoker Nachtleben zurückfährt. 

Hier die Google Earth Koordinaten: 13°46'34.46"N, 100°27'23.77"E


Bilder und Bericht:  ©Paul Martini, Sept. 2008-2010

Update Jan. 2014: Die Lotosblumenteiche sind verschwunden. Man baut dort derzeit neue Markthallen !!!! Der Markt wird zunehmend touristischer und professioneller.


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