Der Tempel im Baum

In Thailand gibt es über 31.000 Tempel. Viele davon sind von außergewöhnlicher Schönheit oder einmaliger historischer Bedeutung. Doch in der Provinz Samut Songkhram steht ein 250 Jahre altes Tempelhaus aus der Ayutthaya-Zeit, das über seine geschichtliche Bedeutung hinaus durch seine spektakuläre Erscheinung Aufsehen erregt. Das Andachtshaus steht nämlich in der Mitte eines uralten Banyanbaumes!

Der Banyan ist ein tropisches Baumgewächs, der in Südostasien hohe Verehrung genießt, da Buddha seinerzeit unter ihm Erleuchtung erlangte. Er ist seiner Art nach ein Feigenbaum (ficus benghalensis), der für sein Wachstum andere Gewächse als Hilfspflanzen benutzt und ein dichtes Geflecht von Luftwurzeln bildet, die ihrerseits mit der Zeit zu Sekundärstämmen verdicken. Hierdurch wird die Förderpflanze allmählich erdrückt. Der Baum kann stattliche 20 Meter Höhe erreichen.

Samut Songkhram ist eine Provinz mit einer langen Geschichte. Ursprünglich war sie ein Teil der Provinz Ratchaburi und hieß Suan Nok (Garten der Vögel). Zum Ende der Ayutthaya-Zeit erlangte sie ihre Eigenständigkeit, und die Menschen nannten sie Mae Klong, eine Bezeichnung, unter der sie auch heute noch bekannt ist. Sie besteht aus drei Distrikten, der Stadt Samut Songkhram (Mae Klong), und den Landdistrikten Ampawa und Bang Khonthi.

Im Distrikt Bang Khonthi befindet sich auf dem Gelände eines historischen Militärlagers die alte Tempelanlage Wat Bang Kung (วัดบางกุ้ง). Hier zog einstmals König Taksin der Große (1734 - 1784) chinesische Soldaten aus Rayong, Chon Buri, Ratchaburi und Kanchanaburi zusammen, um eine schlagkräftige Verteidigungstruppe gegen ausländische Angreifer aufzustellen.

Zur spirituellen Unterstützung für seine Soldaten ließ er einen kleinen Tempel bauen, den Bot Luangpho Dam (โบสถ์หลวงพ่อดำ). 1768 fiel der burmesische König Angwa mit seinen Truppen in Thailand ein und umzingelte das Camp Bang Kung. Doch dank König Taksins weitsichtiger Vorbereitungen konnten die Burmesen zurückgeschlagen und das Camp verteidigt werden.

Nach dem Sieg über die Burmesen wurde das Lager aufgegeben, und 200 Jahre lang kümmerte sich niemand mehr darum. Erst 1967 ließ das Bildungsministerium das Gelände zu einem Pfadfinderlager ausbauen und ein Denkmal für König Taksin errichten. Nun entdeckte man auch das alte Gebetshaus Luangpho Dam, das inzwischen von einem alten Banyanbaum komplett überwuchert worden war, und nannte es Bot Prok Pho (โบสถ์ปรกโพธิ์) (Bot umschlossen von einem Banyanbaum).

Auf Anhieb fällt es schwer, das alte Andachtshäuschen durch das Gewirr der vielen Schlingwurzeln hindurch zu erkennen, und beim Näherkommen macht es einen baufälligen Eindruck. Fast will es scheinen, als würde es nur noch von den umschließenden Luftwurzeln des alten Baumes vor dem Einstürzen bewahrt. Das Mauerwerk ist schon arg zerstört, und an vielen Stellen sind die Backsteine heraus gefallen. Das Dach hat keine Ziegel mehr und präsentiert nur noch ein wackeliges Lattengerippe. Doch eisern hält der Baum die Tempelkapelle in seinem ehernen Würgegriff, und auch die schießschartenartigen Fensterluken und die niedrige Einstiegstür hat er nicht verschont. Über die Jahre ist er mit seinem weit verzweigten Astwerk über die Kapelle hinaus gewachsen, das nun teilweise mit einem Metallrohrgestell abgestützt wird.

Im Innenbereich sind die Luftwurzeln sogar schon durch die Tempeldecke gedrungen, und haben im Verlaufe der Zeit kräftige Stämme ausgebildet, die inzwischen fest im Fußboden ankern. Zum Zeichen ihrer Verehrung schmücken sie die Besucher mit farbigen Bändern. Rundbetonsäulen stützen die nachträglich eingebaute hohe Tempeldecke aus Betonplatten ab, die verhindert, dass das marode Dach in den Innenraum stürzt. An den Wänden sind noch immer alte buddhistische Malereien zu sehen, die aber durch Wassereinbrüche und Witterungseinflüsse schon sehr gelitten haben, und deren Motive kaum mehr zu erkennen sind.
Kühl und gruftig wirkt das Innere des Tempelchens, durch dessen zugewucherte Fensterscharten kaum ein Windhauch dringt. Baumelnde Neonröhren erhellen das fahle Rund und ein paar tapfere Ventilatoren kämpfen gegen die feuchte Stickluft. Auf einem Marmorsockel ruht eine über und über mit Goldplättchen beklebte Buddhastatue. Hier knien die Thais in stiller Andacht und erbitten Glück, Gesundheit und Reichtum für ihr Leben. Mit Inbrunst und lautem Gerassel schütteln sie Köcher mit magischen Glücksstäbchen und ziehen anschließend die orakelnden Verheißungen aus einer Schublade.
Im Außenbereich begegnet man einer Denkmalsstatue von König Taksin dem Großen, umgeben von ein paar alten Kanonen und Standfiguren seiner chinesischen Söldner. Im hinteren Teil des Geländes trifft man auf zwei lange Figurenreihen kämpfender Muay Thai Boxer, die in Zweikampfformationen klassische Turnierstellungen präsentieren.



Die heutige Tempelanlage ist
durch die Landstraße 4013 zweigeteilt. Jenseits der Straße gelangt man auf das eigentliche Tempelgelände mit den Mönchsquartieren. Hier haben die Mönche im Laufe der Zeit einen eigenen kleinen Minizoo aufgebaut.

Es gibt Gibbons, Pfauen, einige Hunde und Schweine. Ein neugieriger indischer Mungo, ein asiatischer Schwarzbär, ein aufgeregter Straußenvogel, eine stets schläfrige Zibetkatze und ein rastloses Stachelschwein. Eine Ziege ruht auf einer Sitzbank aus und in einem schattigen Rotwildpferch liegt ein Hirsch bei seinen Rehen.

Außerhalb des Tempelgeländes kann man eine Litschifarm besuchen, wo man zur Erntezeit im April die reifen Litschis direkt vom Baum kaufen kann.

Einen Besuch wert ist das nahe „Panacafe“, das man entlang der Hauptstraße in etwa einem knappen Kilometer Entfernung findet. Hier kann man sich in schattigen überwachsenen Wassergärten mit einer würzigen Nudelsuppe stärken oder in einem heruntergekühlten, verglasten Rundpavillon einen Kaffee oder einen Joghurtshake genießen.


In den urbequemen Sofamöbeln verliert die Zeit wahrlich alle Relevanz.

Zur Rückfahrt wählt man am besten ein paar total verschlafene Landstraßen, die über eine Unzahl von niedrigen Klongbrücken führen und sich durch ein Gewirr von Obst- und Palmenhainen von einzigartiger  Schönheit schlängeln.

Wer neugierig ist, kann bei einem der vielen Kokosnussverarbeitungsbetriebe anhalten, und die harte Arbeit der freundlichen Menschen beobachten.

Anfahrt:

Man verlässt den Petchkasem-Highway bei Samut Songkhram und biegt in den National Highway Nr. 325 nach Amphawa ab. Nachdem man zwei Klongbrücken passiert hat, biegt man links ab und überquert den Tha Chin Fluß. Nun befindet man sich auf der Landstraße 2062, die später mit der Landstraße 4013 zusammenläuft. Man durchfährt die Ortschaft Bang Kung und erreicht das ehemalige Camp am Ortsausgang auf der linken Seite.

Der Tempel verfügt über zwei schwimmende Anlegestellen am Tha Chin Fluß. Hier legen Ausflugsboote des nahen Amphawa Floating Markets an.

Eine Bildauswahl kann über diesen Direktlink in meinem Picasa-Album eingesehen werden.

Bericht und Bilder: ©Paul Martini, Dez. 2012

Letzter Besuch im Januar 2014. Inzwischen wird das Camp von sehr vielen Thaitouristen besucht. Am Wochenende sind Schlangen vor der kleinen Tempelkapelle keine Seltenheit.



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