Baan Silapin - ein Khlonghaus erwacht aus dem Jahrhundertschlaf

Das alte Khlonghaus
Das Künstlerhaus am Khlong Bang Luang

Mitten in Bangkok, eingeklemmt zwischen zwei alten glanzvollen Tempelanlagen aus der Ayutthaya-Zeit und einem geschichtsträchtigen Kanalweg, duckt sich eine Handvoll niedriger Häuschen einer kleinen Kanalgemeinde unter weit herunter gezogene Blech- und Eternitdächer. Hier ist ein Teil dieser Großstadt bewahrt geblieben, der aus einer Zeit stammt, als Thonburi noch Hauptstadt von Siam war, und als sich das Verkehrs- und Marktgeschehen noch überwiegend auf einem weit verzweigten Netz von Wasserwegen abspielte.

Der Weg durchs Viertel

Wer heute über die engen, düsteren Gehwege in das labyrinthische Wohnquartier eintaucht, kann noch immer dem Geist jener längst vergangenen Zeit begegnen.
Der Zuweg
Da trifft man auf vollgestopfte Krämerläden und Generationen alte Handwerksbetriebe, die wie zeitgeschichtliche Gedenkstätten dem schnelllebigen Takt des Weltenlaufs widerstanden haben, und auf ausgezehrte, jahrhundertealte Kanalhäuschen, die so dicht beieinander stehen, als wollten sie sich gegenseitig vor dem Umfallen bewahren. Altersstolz und würdevoll ruhen sie wie kauzige Fanale auf ihren Schlick überzogenen Stelzen im schwappenden Wasser des Kanals, und verströmen jenen muffigen, melancholischen Odem von Vergänglichkeit, der der Welt der Hochbahnen und Glitzerpaläste seinen so gar nicht gefälligen Hinterhofcharme vor die Nase hält. Bangkok scheint hier weit weg zu sein, und doch ist die Millionenstadt nur eine Stadtbusfahrt entfernt.

Ein Laden
Eine Khlongbewohnerin

Auch die Bewohner scheinen mit dem modernen Bangkok nichts gemein zu haben. Wie seit alters her verkaufen sie vor ihren Häusern Hoi Toad, gebratene Eierpfannkuchen mit Muscheln, servieren hausgemachte Currygerichte aus bauchigen Aluminiumtöpfen oder köcheln Guetiaus (Nudelsuppen) über würzigen Holzkohlenfeuern. Die Buben springen noch immer von den knubbeligen Kanalbrücken zu ihren Pla Sawai, den prächtigen Khlongwelsen, und freuen sich diebisch, wenn sie einen ahnungslos vorbei schlendernden Passanten mit einer erfrischenden Khlongbrause überraschen können.

Ein Frisörladen
Ein Frisörsalon

Khlongs, so heißen die Kanäle in Thonburi, diesem westlich gelegenen Stadtteil von Bangkok, und Khlong Bang Wang so heißt der Teil des großen Bangkok Yai Kanals, an dem jene unscheinbare Kanalgemeinde  zu Hause ist. Ihren Namen als „Gemeinde am königlichen Kanal“ erhielt sie von den Angestellten des Königs, die über den Kanal in ihre Wohnhäuser zurückfuhren. Denn ganz in der Nähe, dort, wo der Khlong Bangkok Yai in den mächtigen Chao Phraya fließt, hatte König Taksin 1767 nach der Zerstörung Ayutthayas seinen neuen Palast auf dem Gelände des Wichai Prasit Forts errichtet, und Thonburi zur neuen Hauptstadt von Siam gemacht. Der Palast hieß später Phra Rajawang Doem – der ehemalige Königspalast.

Khlongboot

Eines der Kanalhäuser gehörte über viele Generationen der angesehenen aristokratischen Raksamruad-Familie, und sein letzter Besitzer war der Admiral Yodchai Raksamruad. Über viele Jahre war das Haus vernachlässigt worden und stand nun vor seinem Verfall. Doch der Admiral war durch einen Fernsehbericht auf den Künstler Chumpol Akkapantanon aufmerksam geworden, der mit einer Gruppe ideenreicher Kunstschaffender ein heruntergekommenes Stadthaus im Stadtteil Phranakorn zu einem ebenso stilvollen wie exquisiten Boutiquehotel umgebaut hatte, mit aufgearbeiteten Dielenböden und Terracotta-Belägen, mit Themenräumen und Wandmalereien in Thai-Dekor, mit antiken und recycelten Möbelstücken und einem eigenen Kräutergarten auf der Dachterrasse. Davon war der Admiral so sehr beeindruckt, daß er Chumpol anrief und ihn um Hilfe bat.

Als Chumpol das Haus und die kleine Kommune sah, kam es ihm vor, als hätte er eine kostbare Perle in einer Zeitschachtel gefunden. Schlussendlich kaufte er das Haus mit dreien seiner Freunde für 1.8 Mio. Baht (etwa 43.000 Euro) und renovierte es für weitere 3 Mio. Baht (71.000 Euro).


Im September 2009 waren die Renovierungsarbeiten beendet und Chumpol öffnete sein Haus für die Besucher. Er nannte es Baan Silapin – das Künstlerhaus. Die Eröffnung zog weitere Künstler an, die Häuser in der Nachbarschaft bezogen, worin sie Ateliers betrieben und ihre Bilder ausstellten.

Baan Silapin ist ein mehr als 200 Jahre altes Khlonghaus, das komplett aus Holz gebaut ist. Es ist nur 70 qm groß und in der Form eines Rechtecks entlang zweier Khlongufer gebaut. Durch zurückfaltbare Holzschiebetüren können die Hausfronten zu den beiden Khlongseiten weit geöffnet werden, wodurch offene, breite Einstiege entstehen. Im Erdgeschoß des Hauses ist eine Malwerkstatt entstanden sowie eine kleine Kaffeebar, vor der knorzige, grob gezimmerte Sitzschemelchen stehen. Gäste können an niedrigen Tischen Gipsfiguren modellieren oder auf der schmalen Khlongveranda entlang abgeschubberter Werktafeln Gesichtsmasken bemalen. In einem Bücherregal liegen Kunstdrucke und kleine Bildbände des Künstlers aus, sowie eigene Postkartenkreationen. In seiner Fibel „A dogs eye view of life“ präsentiert er auf cremefarbenem Papier Milieufotografien aus der Nachbarschaft in bezwingenden Schwarz-Weiß-Motiven und liefert zu jedem Bild eigene Sinnsprüche.

Porträtzeichnen
B 109a

Kurios wirken die giftgrünen Plastikchaiselongues in der salonähnlichen Publikumsstube, die in befremdlichem Kontrast zu der übrigen rustikalen Einrichtung stehen. Sie sind ausgerichtet nach einer kleinen Performancebühne im offenen Innenhof des Hauses, die von einem hohen, struppigen Bambusbusch und einem moosig-verwitterten Chedi eingerahmt wird.

Der Chedi
Der Chedi ist ein archaisches Relikt und an die 400 Jahre alt. Er trägt den Namen Yor Mum Mai Sipsong und war Teil der nahen Tempelanlage des Wat Kamphaeng. Die früheren Bewohner verehrten ihn in ihrem Haus als einen eigenen Tempel. Auch heute noch steht ein kleiner Altar mit brennenden Öllämpchen davor.
Bilderausstellung

Im oberen Stockwerk befindet sich in drei offenen Ausstellungsräumen eine Kunstgalerie, in der pittoreske Strichzeichnungen und Fotografien des Künstlers mit Szenen aus der örtlichen Lebenswelt aushängen. Das gesamte Holzhaus ist in einen schwarzen Farbanstrich gehüllt, womit es dunkel, aber nicht finster erscheint.

Bilderausstellung
Bilderausstellung
Viele Grünpflanzen lockern das Ambiente auf, und insbesondere das wilde Strauchwerk im offenen Innenhof aus Farnen und Sumpfpflanzen sowie der filigrane Luftwurzelvorhang des alten Feigenbaums vermitteln eine exotische Atmosphäre. Durch die tür- und fensterlosen Räume streichen die seidenweichen Khlongbrisen herein, die mythischen Nirwanawinden gleich Traumbilder mitzuführen scheinen und den Besucher bezaubern, dem dieses trauliche Kleinod inmitten eines lärmenden, rasenden Großstadtmolochs wie ein unwirkliches Phantasia-Eiland vorkommt.
Der Künstler


Malen zu zweit

Chumpol ist 48 Jahre alt und nicht verheiratet. Er ist ein natürlicher und überaus entspannt wirkender Mensch, der alle Fragen geduldig beantwortet, und nebenbei mit schnellen Strichen Gesichterporträts seiner Besucher erstellt. Zwar wohnt er nicht selber in dem Haus, doch ist er täglich dort anzutreffen. Sein Haus am Khlong will er ausdrücklich nicht als Museum verstanden wissen, sondern als eine lebendige Begegnungsstätte für alle, die in der hektischen Großstadt einen geruhsamen Rückzugswinkel suchen. Nicht die Aufbewahrung von Dingen aus der Vergangenheit liegt ihm am Herzen, sondern „Kwam Suk“ – Wohlfühlen und Glücklichsein im Hier und Jetzt.

Malerarbeiten am Khlong
Und diese Botschaft scheinen die Besucher zweifelsfrei, auch ohne alle Einweisung zu verstehen.
Malende Kinder
Beseelt sitzen sie auf dem Verandengang vor dem Haus und sind mit selbstvergessener Hingabe in Malarbeiten vertieft oder füttern gedankenverloren die kapitalen Khlongwelse. Im gesamten Haus herrscht eine angenehme, gemütvolle Atmosphäre, und nur die im 10-Minuten-Takt vorbeibrausenden Langschwanzboote mit ihren brüllenden Dieselmotoren unterbrechen den wohltuenden Frieden des Hauses. Leider ist der Khlong Bangkok Yai zu einer touristischen „Rennpiste“ erster Güte geworden, was für die Anrainer unerträgliche Belastungen mit sich bringt. Schutzlos sind sie dem dröhnenden Höllengetöse der Boote ausgeliefert, das sich im Widerhall der engen Wasserfurt noch verstärkt, und auch dem aggressiven Wellenschlag, der den Unterbau ihrer Häuser angreift.
Sortieren von Fischfutter

Darum hat sich der Künstler eine ganz besondere List ausgedacht. Um die Bootsführer daran zu erinnern, die Geschwindigkeit bei der Vorbeifahrt zu drosseln, hat er lebensecht wirkende Schockfiguren als Achtungssignale vor das Haus gesetzt, die wie Verkehrsampeln wirken. So hockt ein dickbauchiger, splitternackter Glatzkopf in rostroter Signalfarbe auf einer scharfen Bretterkante, von der er jederzeit ins Wasser zu stürzen droht, und an einem Holzpfosten lehnt lässig ein schlohweißer Khlongmensch mit blutroter Augenmaske. Daneben balanciert eine Dreiergruppe schwarz und weiß bemalter Standmodelle eine doppelköpfige Puppenfigur hoch über der Wasserlinie. Das Kalkül des Künstlers scheint aufzugehen, denn die Bootsführer haben ihrerseits jene sonderbare Flussszenerie als photowürdiges Ausflugshighlight für ihre Bootsgäste entdeckt und verlangsamen tatsächlich ihre Fahrt.

Der Glatzkopf
B 166a

Täglich, außer Mittwochs, findet nachmittags gegen 14 Uhr auf der Kleinkunstbühne eine Puppenspieleraufführung mit klassischen Khon-Tänzen statt. Dabei handelt es sich um stumme Maskentänze, die vormals nur am Königshof aufgeführt wurden, aber heute Teil der traditionellen thailändischen Tanzkunst sind. Die Akteure treten in schwarzen Kostümen auf und tragen ebensolche Gesichtsmasken. Dargeboten werden in symbolischen, sprungähnlichen Tanzschritten Szenen aus dem populären Nationalepos Ramakian, der Thaiversion der hinduistischen Ramayana-Geschichte. Hauptfigur ist Hanuman, eine mythologische Göttergestalt aus dem klassischen Thaitheater, der in seinem Befreiungstanz um die entführte Götterbraut Benjagai wirbt. Die Aufführungen werden von einem Conférencier begleitet, der mit eigenwilligen Spaßeinlagen die Darbietung auflockert.

Khontanz
Khontanz

Baan Silapin ist noch wenig bekannt. Nur ein paar junge thailändische Familien, Studenten und Kunstinteressierte finden den Weg hierher. Ausländische Besucher sind eher selten. Das Haus ist montags und dienstags von 10 bis 18 Uhr, mittwochs, donnerstags und freitags von 9 bis 18 Uhr und samstags und sonntags von 9 bis 19 Uhr geöffnet. Es kann von jedermann frei besucht werden, und auch die Aufführungen kosten keinen Eintritt.

Der Khlong

Anreise:

Das Haus befindet sich auf der Thonburi-Seite von Bangkok im Stadtteil Phasi Charoen und kann mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreicht werden. Die Stadtbusse 7, 80, 84, 91 und 101 fahren zur Thanon Phet Kasem. Ausstieg ist an der Haltestelle beim Bang Phai Hospital. Nun läuft man die Soi 20 hinein bis zu ihrem Ende, vorbei an den beiden Tempelanlagen Wat Thongsalangam und Wat Kamphaeng. (Wer mit dem eigenen Wagen kommt, kann hier parken.) Da in den winkligen Gassen nur Hinweisschilder in Thaischrift stehen, kann man nach dem Baan Silapin fragen. Die Leute wissen Bescheid und weisen den Weg.

Alternativ kann man auch mit den Bussen 68, 80 oder 91 in die Thanon Charan Sanitwong fahren. Man steigt bei der Soi Charan Sanitwong 3 aus, läuft sie hinauf, überquert die kleine Khlongbrücke und biegt danach umgehend links in einen Bohlengang vor den Häusern ab.

Telefonische Auskünfte gibt es unter 089 125 3949.

Bericht und Bilder: ©Paul Martini, Sept. 2011

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