Die Walking Street von Pranburi



Nachtmärkte gibt es in Thailand in nahezu jeder größeren Stadt. Es sind vor allem Frische-Märkte bzw. Food-Märkte, auf denen der abendliche Gast eine große Vielfalt unterschiedlichster Gerichte angeboten bekommt. Als solche sind es populäre Treffpunkte der Einheimischen und Orte unverwechselbaren Lokalflairs. Dies ist auch in Pranburi so, einer kleinen Stadt, etwa 30 km südlich von Hua Hin. Und dennoch ist der Nachtmarkt von Pranburi ein ganz besonderes Ereignis.

Wahrscheinlich würde es niemandem in Hua Hin ernsthaft einfallen, zu einem Nachtmarkt in den Nachbarort zu fahren, wo die Stadt selber einen respektablen Nachtmarkt vorzuweisen hat. Der ist zwar mit seinem doch sehr an dem touristischen Geschmack orientierten Angebot längst über den Charakter eines authentischen Lokalmarktes hinausgewachsen, doch die Besucher scheint das nicht zu stören. Wer aber auf der Suche nach echtem Lokalkolorit ist, dem sei eine Fahrt nach Pranburi empfohlen.

                                      Der kleine Bahnhof von Pranburi

Denn hier hat eine kleine versteckte Bahngemeinde etwas ziemlich Außergewöhnliches auf die Füße gestellt. Das Gebiet um den kleinen Bahnhof von Pranburi war in früheren Jahren eine Bezirksaußenstelle der Provinz Prachuab Khirikhan und besaß in etwa die gleiche Bedeutung wie jene in Hua Hin. Doch seit vor etwa 30 Jahren das Bezirksbüro in die Nähe der Phetkasem Road verlegt wurde, und die gesamte Verwaltung dorthin umzog, verwaisten die Bürogebäude und die Unterkünfte der Verwaltungsangestellten blieben leer stehen. Die ehemals stattliche Bezirksstelle wurde zu einem Unterbezirk erklärt und verlor an Bedeutung. Die schmucken Thaiholzhäuser verfielen, und die üppig wuchernde tropische Vegetation schuf Tatsachen auf ihre eigene Weise. So ist es auch heute noch in dieser kleinen Gemeinde am Pranburi-Fluss, in der der morbide Charme des Verfalls einen ganz eigenen Lebenstakt hervorgebracht hat und in der es noch immer so aussieht, als würde die Zeit einen Bogen um sie machen.

 Die Idee zur Wiedererweckung eines alten Marktes (Talad Bolaan) stammt von Wilas Taengket, dem Vorsitzenden der Pranburi Old Market Conservation Group. Ihn trieb die Vorstellung um, wie man die kulturellen Werte und die alten Traditionen bewahren und gleichzeitig einen ökologischen Tourismus in der Region fördern könne. In Abstimmung mit allen Gemeindemitgliedern wurde im August 2010 der Talad Bolaan aus der Taufe gehoben und zur „Walking Street von Pranburi“ erklärt. Es ist wahrlich keiner der üblichen Nachtmärkte, die man sonst im Land so antrifft, sondern ein Abendspektakel aus Flohmarkt, Antiquitätengalerie, Raritätenshow und Freiluftküche.

Auf den ersten Blick gewahrt man nur die vielen bunten Marktschirme auf dem Parkplatz vor der kleinen Bahnstation. Doch dann bemerkt man, dass das Marktgeschehen in zwei schmale Dorfstraßen hineinläuft und das ganze Dorf zu einem Marktplatz geworden ist. Die Bewohner haben Stände vor ihren Häusern aufgebaut oder kauern auf ausgelegten Matten inmitten ihrer Habe.

Die gesamte Familie ist beschäftigt und vom Kleinkind bis zur Oma sind alle dabei. Manche Familien haben ihre Hausfronten weit geöffnet und bieten ungehinderten Zugang zu ihren Häusern. Wie solche, die ihr ehemaliges Wohnzimmer zu einer urigen Caféstube umgebaut haben und Pa Thong Ko verkaufen, ein beliebtes Fettgebäck zum Kaffee.
Andere haben aus ihren Untergeschosswohnungen Souvenir- und Antikshops gemacht
und wieder andere konnten ihre Sammelleidenschaft schlecht verbergen und präsentieren in schummerigen Trödelstuben kitschigen Krimskrams und uralte Sammelstücke.
Da hängen gerahmte Elvis-Plakate neben staubüberzogenen Buddhastatuen, und über betagten Arbeits- und Haushaltsgeräten aus alter Zeit baumeln Bilder von ehemaligen Thaikönigen.
Manche Sammlungen wirken wie eine schlecht aufgeräumte Asservatenkammer, in der die Zeitstile durcheinander geraten sind. Da steht ein quietschroter Frisörstuhl aus der Zeit von Rama VI neben klassischen Röhrenradios und Schwarz-Weiß-Fernsehgeräten aus den 50er Jahren. Über allem liegt eine überaus echt wirkende Staubpatina, die es fast schon verbietet, nach dem wahren Alter der Pretiosen zu fragen.

Aus einem Nachbarhaus ertönt der gedämpfte Karaokegesang eines älteren Herrn, und gegenüber hat eine Hauseigentümerin ihr altes Thaihaus mit geschichtsträchtigen Bildern und Fotografien dekoriert, während ein paar Häuser weiter einige Massagefrauen ihre Matten zwischen Bürgersteig und Straße ausgelegt haben.


Es gibt kaum ein Haus, das nicht in das bunte Markttreiben eingebunden ist. Sogar das bescheidene Dorfsträßchen hat sich in eine verkehrsfreie Fußgängerzone verwandelt, in deren Mitte Ruhebänke zur Rast einladen.


Auf der Freifläche gegenüber der kleinen Bahnstation stehen die Bruzzelstände, beschirmt von einem jahrhundertealten Baumriesen, dessen Stamm so dick ist, dass ihn fünf Männer nicht umspannen können. Doch wer das übliche Thaifood erwartet, wird enttäuscht sein.
Denn viele Gerichte und Süßspeisen werden nach traditionellen Rezepten hergestellt und sind anderwärts kaum mehr zu finden. Wie wäre es z. B. mit Hoi Toad Phat Thai Hor Khai, gebratene Muscheln und Phat Thai eingeschlagen in einen dünnen Eierpfannkuchen,
oder Khao Hor Bai Bua, gedämpfter Reis in einem Lotusblatt,
oder Hormuk Pla, Fischtörtchen mit Kokosnuss-Topping,
oder Khao Krok Kapi, Bratreis mit Garnelenpaste? Auch die Auswahl an Süßigkeiten und Süßspeisen orientiert sich an den alten Rezepten der Kanom Bolaan, den Süßigkeiten aus alter Zeit.
Die Vielfalt ist wirklich beeindruckend. Das meiste wird direkt vor den Augen der Kundschaft hergestellt, doch das Beste sind die noch völlig unverdorbenen Preise!

Toadman Pla, Fischfrikadellen mit kross gebratenem Basilikum

Nach Einbruch der Dunkelheit bezieht die Live-Band des Triampran Creative School Projects zusammen mit ihrem Musiklehrer eine kleine Freilichtbühne am Bahndamm. Die Schüler der Triam Udom Suksa Pattanakan Pranburi School spielen alle Musikinstrumente selber, und der Gesang der Mädels ist selbstverständlich auch kein Playback.

Eine wunderbare Gelegenheit, um in der Picknick-Ecke unter den hohen Bäumen diesen traumhaften Abend ausklingen zu lassen…

Sofern es nicht regnet...

Der charmante Abendmarkt von Pranburi ist nur samstags in der Zeit von 16 bis 22 Uhr geöffnet. Der Besuch sowie alle Veranstaltungen sind kostenfrei.

Anfahrt:

Fahren Sie von Hua Hin kommend über den Phetkasem Highway nach Pranburi und biegen Sie an der zentralen Kreuzung bei dem alten Tagesmarkt nach links ab. Nach ca. 2 bis 3 km sehen Sie dieses Schild.

Folgen Sie der kleinen Straße nach links. Nach 1,5 km erreichen Sie den Bahnhof von Pranburi. Der Markt findet direkt gegenüber der alten Bahnstation statt.

Hier die Ortsmarkierung für Google Earth: 12°22'35.55"N
99°55'38.44"E

Bericht und Bilder: ©Paul Martini, Juni 2012