Der schwankende Tiger

(Bitte beachten Sie das Update am Ende des Berichts!)

Edwin Wiek ist 45 Jahre alt. Vor 10 Jahren geriet er in einen schweren Autounfall in Hua Hin. Als er sich nach seiner Genesung das völlig demolierte Autowrack noch einmal ansah, wurde ihm bewusst, dass ihm ein zweites Leben geschenkt worden war. Er fuhr nach Holland zurück und beendete sein erstes Leben. Er gab seine Firma auf, trennte sich von seiner Frau und widmete sich fortan nur noch den am meisten vergessenen und armseligsten Kreaturen dieser Welt, die nie einen Fürsprecher hatten: kranken, misshandelten und ausgesetzten Tieren.

Mit der finanziellen Unterstützung von Dingelmann Hendriksen, einem Partner, gründete er 2001 ein Asyl für verletzte und kranke Tiere in der Nähe von Cha Am und nannte es „Wildlife Friends Foundation Thailand“ (WFFT). Hierfür wurde ihm von dem Abt des Tempels Khao Luk Chang ein etwa 50 Rai großes Waldgelände (etwa 8 ha) zur Verfügung gestellt.

Die ersten Tiere, die in seine Rettungsstation kamen, waren Makaken und Gibbons, gefolgt von Meow, dem Tiger. 2003 gelang es ihm, mehrere Straßenelefanten, die bettelnd in den Städten unterwegs waren, bei sich aufzunehmen, und schon im fünften Jahr nach der Gründung seiner Stiftung zählte er über 1000 Tiere, denen er in seinem Tierschutzheim ein neues Zuhause gegeben hatte.

Die meisten Tiere sind Wildtiere, die durch nicht artgerechte Haltung als Haus- oder Touristentiere Krankheiten oder Verhaltensstörungen aufweisen. Viele Tiere sind unter- oder falsch ernährt, haben Verletzungen durch Mißhandlungen oder wurden einfach nur aufgegeben, weil sie lästig geworden waren. Sie haben deswegen dauerhafte Schäden davon getragen und können sich in der Wildnis nicht mehr alleine zurechtfinden. Aufgabe des Tierzentrums will es sein, diesen Tieren die bestmögliche Betreuung und Lebensqualität zu bieten, die gefangenen Tieren in einem Tierschutzzentrum gewährleistet werden kann.

Inzwischen werden täglich über 400 Tiere in Edwin Wieks Betreuungsstation versorgt, darunter Elefanten, Bären, Makaken, Gibbons, Loris, Wildschweine, Nashorn- und Greifvögel sowie ein Tiger und ein 3 Meter langes Krokodil. Das Unternehmen wird getragen von einer Vielzahl  internationaler Spender und vieler enthusiastischer Tierfreunde, die sich vor Ort zu einer freiwilligen Mitarbeit entschlossen haben.


                                      

Die Projekte

Mit der generösen Unterstützung von mehreren Sponsoren konnte Edwin Wiek seine Betreuungsstation zu einem respektablen Tierasyl ausbauen. Aus einer einfachen Rettungsstation entwickelte sich im Laufe der Zeit ein angesehenes Tierschutzunternehmen mit verschiedenen Aufbauprojekten. So ist nicht nur eine Auffangstation für Wildtiere aller Art entstanden, sondern auch ein gesondertes Elefantenpflege- und -ausbildungszentrum, eine Rehabilitationsstation für Gibbons, ein Gibbonauswilderungsprojekt, eine mobile Tierklinik und ein Waldaufforstungsprogramm.

Die Klinik

Aufgrund großzügiger Spenden gelang es ihm, eine kleine Wildtierklinik einzurichten. Er konnte einen Operationsraum und eine Intensivabteilung bauen und spezielle Genesungskäfige errichten lassen. Auch die Geräteausstattung wurde im Laufe der Zeit verbessert. Ein EKG wurde angeschafft, ebenso ein Sauerstoff- und ein Ultraschallgerät. Darüber hinaus wurde eine zahnmedizinische Behandlungsecke eingerichtet. Mit der modernen Geräteausrüstung können die kranken Tiere nun noch besser und schneller behandelt werden als zuvor. Einzig ein Röntgengerät fehlt noch. Es ist zu teuer.

Die Mobilambulanz

In Zusammenarbeit mit der Tierschutzorganisation „Care for the Wild“ konnte Edwin Wiek einen Volkswagen Caravellebus kaufen und ihn zu einer mobilen Notfallstation ausbauen. Der mobile Rettungsbus wurde mit professionellen tiermedizinischen Geräten ausgestattet wie z. B. einem Pulsmessgerät, Infusionspumpen und einem Beatmungs- und Narkosegerät. Mit diesen Einrichtungen ist seine fahrbare Rettungseinheit eine der bestausgestatteten mobilen Veterinärnotfallambulanzen in ganz Südostasien.

Rechtliche Situation

Mit 15 Millionen Besuchern im Jahr ist Thailand eine der bedeutsamsten Touristendestinationen in der Welt. Da kann man gut verstehen, daß manch armer Schlucker seine Hand nach den begehrten Touri-Dollars ausstreckt. Doch wer unter Schutz stehende Wildtiere fängt und sie in den Straßen zur Touristenbelustigung herumführt, macht sich auch in Thailand strafbar. Leider nimmt man es in diesem schönen Land mit der Gesetzesüberwachung nicht so genau und auch die niedrigen Strafen wirken in keiner Weise abschreckend.

Seit 1983 ist Thailand Mitglied von CITES (Convention on International Trade in Endagered Species), einer Schutzorganisation für gefährdete Arten, doch jahrelang missachtete Thailand die CITES-Schutzbestimmungen und hatte auch keinerlei Rechtsvorschriften in Kraft, die die Forderungen von CITES unterstützt hätten. Zwar gab es schon seit 1960 eine Wildtierschutzverordnung, doch darin kamen viele der von CITES unter Schutz gestellten Tiere nicht vor. Erst unter dem massiven Druck von CITES änderte Thailand 1992 sein Artenschutzgesetz (WARPA, Wild Animal Reservation and Protection Act), in dem nun auch alle von CITES gelisteten Tiere aufgeführt sind. Mit dem neuen Gesetz wurde der Artenhandel eingeschränkt, doch Schlupflöcher blieben bestehen. So muß sich heute zwar jeder registrieren, der ein geschütztes Tier halten möchte, doch können problemlos bis zu zwei geschützte Tierarten gehalten werden, wenn nachgewiesen wird, dass sie vor 1992 angeschafft wurden. Weitere Rechtsumgehungen bestehen darin, geschützte Tier- und Pflanzenarten auf Freunde und Bekannte anzumelden oder die Tiere als Eigenzüchtungen zu deklarieren. Die Praktiken sind vielfältig und sind naturgemäß sehr schwer zu kontrollieren.

Mit dem neuen WARPA wurden die ehemaligen Höchststrafen von 200 Dollar bzw. 6 Monate Gefängnis auf nunmehr 1600 Dollar bzw. 4 Jahre Gefängnis heraufgesetzt. Doch Ersttäter kommen auch heute noch immer mit einer Geldstrafe von nur 300 Dollar bzw. einer Bewährungsstrafe davon. Bei geschätzten Einnahmen aus der Straßenbettelei von 100 Dollar und mehr am Tag wird schnell klar, dass dem Treiben auf diese Weise kein wirksamer Einhalt geboten werden kann.

Auch CITES bestätigt die noch immer viel zu niedrigen Strafen, die vorherrschende laxe Gesetzesüberwachung, die schlechte Ausbildung der Fachleute und die mangelhafte finanzielle Ausstattung der Verfolgungsbehörden in Thailand.

Am wirksamsten noch könnte dem schlecht kontrollierten Unwesen Einhalt geboten werden, wenn die Touristen ein für allemal darauf verzichten würden, mit den Tieren zu posieren und wenn sie den Bettelmahouts kein Geld mehr für Kunststückchen, Fotos oder Futter geben würden. Doch bleibt dies im Angesicht mannigfacher falsch verstandener Tierliebe nur ein frommer Wunsch.

Der Tiger



Eine besonders traurige Geschichte ist der bedauernswerte Werdegang des Tigers Meow. Der heute 11 Jahre alte Tiger kam im Alter von einem Jahr in das Zentrum. Er war von einem gedankenlosen Thai als junges Haustier an einer Tankstelle in Petchaburi gehalten worden, wo er mit den Straßenhunden zusammenlebte. Infolge von nicht artgerechter Haltung an einer viel zu kurzen Kette, wurde sein Zentralnervensystem geschädigt und damit seine gesamte Muskelkoordination gestört. Aufgrund dieser irreversiblen Schädigungen kann er bis heute nicht sicher geradeaus gehen. Eine selbständige Jagd ist völlig unmöglich. Damit wäre er in freier Wildbahn dem sicheren Verhungern preisgegeben. Doch glücklicherweise fand er ein neues Zuhause bei Edwin Wiek. Hier lebt er in einem 7000 qm großen Gehege mit natürlichem Buschbestand und hat
sogar einen eigenen Badepool zu seiner freien Verfügung. Doch noch immer ist er gezeichnet von seinem Leiden. Zitternd und unsicher tastet er sich mit seinen Vorderpfoten nach vorne, und wankt hin und her als hätte er einen über den Durst getrunken. Er sieht sehr abgemagert aus, und ist manchmal so kraftlos, dass er nur liegend fressen kann. Täglich muß er von Hand gefüttert werden.
Elefanten

In Thailand ist das Herumführen von Elefanten in Stadtgebieten verboten. Dennoch werden diese Tiere immer wieder in die Städte gebracht, um sich und ihren Mahouts den Lebensunterhalt zu erbetteln. Darunter sind viele Jungtiere und ehemalige Holzfällerelefanten, die  nach dem Abholzungsverbot 1989 arbeitslos geworden sind. Zwar wirkt ein Elefant zwischen den vielen Hochhäusern und all den bunten Straßenfahrzeugen wie eine Begegnung mit der Urzeit, doch für den domestizierten Elefanten sind die Umgebungsbedingungen in den Städten alles andere als artadäquat. Und bei den ach so reizenden Kunststückchen denkt niemand an das Leid der Dickhäuter. Der heiße Asphalt verbrennt ihre Füße. Die Sonne verbrennt ihre Haut. Der Durst trocknet sie aus. (Ein Elefant braucht 300 Liter Wasser am Tag.) Abgase verursachen Atemwegserkrankungen. Donnernde Musik, verwirrende Neonlichter und Motorenlärm von allen Seiten rufen Stress hervor. Darüber hinaus leiden sie unter den brutalen Disziplinierungsmethoden ihrer Mahouts und den verabreichten Beruhigungsmitteln.


Schon 2003 richtete Edwin Wiek daher ein Elefantenschutz- und -ausbildungszentrum ein, das 2008 um ein 40.000 qm großes Buschgelände erweitert werden konnte. Hier können die Straßenelefanten versorgt und betreut werden und finden naturähnliche Habitatbedingungen vor.

Gibbons

Gibbons sind schwanzlose Menschenaffen, die normalerweise in hohen Baumwipfeln leben und sich von Früchten, Blättern und kleinen Tieren ernähren. In Thailand und den angrenzenden Ländern werden sie häufig ein Opfer von Wilderern. In manchen Gegenden stehen Gibbons sogar auf dem Speiseplan der Menschen. Um an die zur Touristenbelustigung besonders beliebten Gibbon-Babies zu gelangen, werden die Muttertiere einfach getötet. Mit ihrem wolligen Fell und ihren langen Klammerarmen sehen sie ja so niedlich aus! Aber es sind weder Kuschel- noch Spielzeugtiere! Und es ist in Thailand illegal, Gibbons als Haustiere zu halten oder als Touristenattraktion herumzuführen.

Eine Schwerpunktarbeit im Tierasyl von Edwin Wiek besteht in der Betreuung verschiedener Gibbon-Arten. Kranke und verhaltensgestörte Gibbons werden in großen Käfigen auf dem zentralen Gelände versorgt. Andere Gibbons leben in weitläufigen hohen Einfriedungen inmitten eines 20 Hektar großen Schutzgehölzes, in denen sie urwaldähnliche Bedingungen vorfinden. Vor ihrer Auswilderung leben die Gibbons später völlig käfigfrei auf ein paar natürlichen Inseln in einem kleinen See, der zu der Station gehört.

Loris

Neben den Gibbons sind die Loris eine beliebte Attraktion bei den Touristen. Loris sind Primatenwinzlinge mit großen Augen und einem wolligen Fell. Sie zählen zu den Feuchtnasenaffen, die normalerweise in hohen Bäumen leben und nur nachts aktiv sind. Mit ihren langsamen Bewegungen und ihrer leisen, unaggressiven Art lassen sie sich vortrefflich bei den Touristen herumführen, bei denen sie unwillkürlich zwanghafte Kraulreflexe auslösen. Doch es sind selbstverständlich Wildtiere und keine niedlichen Stoffteddis. Neben dem Kidnapping für die Touristen sind sie auch durch Waldvernichtung und Wilderei in ihrem Bestand bedroht. Das WFFT konnte schon über 50 Loris aufnehmen und nach Betreuung wieder in die Wildnis entlassen.

Aufforstung

Da die Tiere ohne den Wald nicht auskommen können, ist die Tierstation auch in eigenen Aufforstungsprojekten engagiert. Seit 2006 betreibt sie eine eigene kleine Baumschule mit über 16.000 Setzlingen. Jährlich, in den Monaten Juni bis August, werden die Pflänzchen in den umliegenden Wäldern ausgesetzt. Damit leistet der WFFT einen ganz wesentlichen Beitrag zur Erhaltung des lokalen Waldbestands und zur Bewahrung des Lebensraums für die Tiere.

Freiwilligenarbeit

Das Tierschutzprojekt begrüßt die Mitarbeit von freiwilligen Helfern aus aller Welt. Jeder, der Spaß daran hat, Tiere zu verpflegen oder medizinisch zu betreuen, der bei der Rettung von Tieren dabei sein möchte, der in einer Baumschule arbeiten möchte und in einem Camp mit vielen internationalen Gleichgesinnten leben möchte, kann sich über die Webseite beim WFFT melden. Eine spezielle Ausbildung oder Vorkenntnisse werden nicht verlangt. Es gibt weder ein Mindest- noch ein Höchstalter und jeder kann bleiben solange er möchte. Alle Freiwilligen entrichten eine Teilnahmegebühr, womit die Auslagen für ihre Unterkunft und ihre Mahlzeiten abgegolten werden. Darin enthalten ist ebenfalls ein Beitrag für die laufenden Kosten des gesamten Projekts, insbesondere für den Unterhalt der Tiere. 

Das Tierasyl kann täglich von jedermann besucht werden. Es kostet keinen Eintritt, aber eine kleine Spende wird gerne gesehen. Nach Anmeldung im Büro können die Besucher um eine persönliche Führung durch das Tiergelände bitten. Auf den Dienst der freiwilligen Helfer sollte man nicht verzichten, da sie über die einzelnen Tiere und deren Lebensgeschichten gut Auskunft geben können. Das Tierheim versteht sich nicht als Zoo und bittet um Rücksichtnahme für die Schicksale der kranken und misshandelten Tiere, die mitunter völlig ungewöhnliche Verhaltenseigenheiten angenommen haben. Wer den bedauernswerten Tiger besuchen möchte, sollte einen Besuch in den Nachmittagsstunden planen. Gegen 16 Uhr kommt der Tiger zur Fütterung aus dem Gebüsch.

Webseite des WFFT: http://www.wfft.org/

Anfahrt

Fahren Sie von Cha Am auf dem Petchkasem Highway Richtung Petchaburi. Biegen nach einigen Kilometern nach links in die Landstraße 1027 ab. Verschiedentlich sehen Sie kleine grüne Hinweisschilder am Straßenrand. Folgen Sie der Straße einige Kilometer und biegen sie später bei dem Tempel Wat Si Chum Saeng bei dem Ort Tha Mai Ruak in die Landstraße 3175 nach links ab. Diese führt direkt zu dem weitläufigen Tempelgeländes des Wat Khao Luk Chang. Biegen Sie in das Watgelände ein und folgen Sie dem Weg entlang des Zauns.

Alternative Anfahrt von Hua Hin aus:

 

Fahren Sie auf dem Petchkasem Highway Richtung Cha Am. Nach cirka 15 km biegen Sie hinter einer LPG-Tankstelle bei dem großen Schild zum Springfield Golfplatz in die Landstraße 1001 ein. Nach 5 km erreichen Sie den Highway Nr. 4. Überqueren Sie ihn geradeaus und bleiben Sie auf der 1001. Nach ein paar Kilometern passieren Sie den Springfield Golfplatz (links). Anschließend erreichen Sie ein Dorf. Biegen Sie hier nach rechts ab Richtung Ban Nong Kham. Nach 6 km erreichen Sie eine Kreuzung. Biegen Sie hier rechts ab in die Landstraße 4002 (keine Wegweiser, nur Werbeschilder). Nach 8 km erreichen Sie das Dorf Ban Khao Luk Chang. Biegen Sie nach rechts ab. Nach 500 m erreichen Sie die Einfahrt zum Tempel Khao Luk Chang (rechts). Biegen Sie in das Watgelände ein und folgen Sie dem Weg entlang des Zaunes (immer rechts halten!)

 


Bericht und Bilder: ©Paul Martini, März/Juni 2011

Update Jan. 2015
Das Tierasyl kann nur noch durch Vorbuchungen über die o. g. Webseite besucht werden. Ein individueller Einlass und Gang durch das Areal wird nicht mehr erlaubt. Es finden ausschließlich Gruppenführungen statt. Der Besuch kostet pro Person 1.800 Baht. - Der siechende Tiger ist inzwischen seinen Leiden erlegen.