Der Baum mit Beinen

Das Ökolernzentrum von Pak Nam Pran




Pak Nam Pran ist ein Ort im Mündungsbiet des Pranburi Flusses und von Hua Hin etwa 25 Kilometer entfernt. Hier ist in den letzten Jahren ein beachtenswertes Wiederaufforstungs- und Lehrprojekt entstanden, dessen offizieller Name „Sirinart Rajini Ecosystem Learning Center“ lautet. Es ist thailandweit das erste Mangrovenaufforstungsprojekt, das in verwüstetem Garnelenfarmgelände entstanden ist. Es wurde erst 2007 für die Besucher geöffnet.

Chao Lee – so heißen die Fischer von Pak Nam Pran. Seit alters her lebten sie im Mündungsgebiet des Pranburi Flusses und ernährten sich von Muscheln, Fischen und Krebsen, die sie in den Flüssen und im Meer fingen. Diese waren nicht nur Nahrungs-, sondern auch Einkommensquelle. Die Fischer wussten, dass das Ökosystem des Küstengebietes die Basis ihrer Existenz darstellte und sie gingen maßvoll damit um. Doch in den Jahren 1981 bis 1996 begann die große Zeit der Shrimpfarmen. Zum Anlegen der Garnelenteiche wurden die Mangrovenhaine abgeholzt und in der Folge die gesamte Küstennatur radikal geschädigt.

1996 besuchte das thailändische Königspaar die verwüstete Gegend und war entsetzt über den Wandel und die Ausmaße der Zerstörung. Umgehend empfahl der König die Wiederherstellung der natürlichen Küstenlandschaft. Daraufhin entzog die Waldbehörde den Garnelenbetrieben die Konzessionen, die damit aufgeben mussten. Bei ihrem Abzug hinterließen sie giftige Abfälle, steinharte Teichbetten und verseuchte und ausgetrocknete Böden. Das gesamte Ökosystem der Mündungsregion war auf Jahrzehnte ruiniert. Der Wald war verschwunden und mit ihm die Tiere, ganze Lebenskreise waren nicht mehr da. Nach 15 Jahren Garnelenzucht waren nur noch kraterartige, nackte Erdmulden übrig geblieben, aus denen die peitschenden Monsunregen die Erde hinweg schwemmten. Eine leblose Mondlandschaft voller Teichbrachen, die heute noch zu besichtigen ist.

Die Idee und ihre Umsetzung

Als ausführende Initiativorganisation der königlichen Direktive entwickelte die nationale Ölgesellschaft PTT in Zusammenarbeit mit der staatlichen Naturschutzbehörde und der lokalen Bevölkerung ein Renaturierungsprojekt, das den Aufbau der originären Küstenlandschaft zum Ziel hatte. Angelehnt an die Selbstgenügsamkeitsidee des Königs machte es sich die PTT zur Aufgabe, die natürlichen Ressourcen aufzubauen und die ursprünglichen Lebensumstände wiederherzustellen. Dabei folgte der Wiederaufbau des Waldes der Idee von dem Gleichgewicht in der Natur, und der Erkenntnis, dass die natürlichen Lebensgrundlagen auch die menschliche Zukunft mitbestimmen.

Doch die Wiederurbarmachung der zerstörten Felder war mühselig. Die Böden mussten ausgebaggert, die Beckenufer begradigt und eingeebnet und die chemischen Bodenrückstände abgeleitet werden. Anschließend begann eine lange Phase des praktischen Experimentierens mit den einzelnen Mangrovenarten. Insgesamt dauerte es 9 lange Jahre bis nach vielen mühevollen Versuchen die Aufforstung neuer Mangrovenkulturen gelang.

Die erste Aufforstungsaktion begann 1997 mit jungen Baumsetzlingen. Nach 3 Jahren waren sie bereits zwischen 60 und 200 cm gewachsen und nach weiteren 2 Jahren 80 bis 300 cm hoch. Im Jahr 2008 war der Wald wieder voll hergestellt.

Das Lernzentrum

Mit der Errichtung eines naturnahen Ökolernzentrums entstand eine beispielgebende Demonstrations- und Erlebnisstätte, die künftigen Generationen und Besuchern zeigen will, dass bei allem wirtschaftlichen Handeln der Naturschutz nicht aus dem Auge gelassen werden darf.


Das Lernzentrum liegt am Rande des neu erstandenen und noch jungen Mangrovenwalds. Alles wirkt sauber und sehr gepflegt. In einem Besucherpavillon trägt sich der Besucher in eine Liste ein und beginnt dann seinen Rundgang.

Zunächst betritt er einen Ausstellungsbungalow, in dem auf vielen anschaulichen Bildern und Wandplakaten die Entstehung des Projekts dokumentiert wird.
Auf Bildschirmen kann er Filmbeiträge sehen. In einer kleinen Museumsecke sind die herkömmlichen Arbeits- und Hausgerätschaften der Fischerfamilien ausgestellt.

Es gibt visuelle und akustische Demonstrationen, und in spielerischen Übungen kann sich der Besucher selber testen. Auf einer aufgeschnittenen Weltkugel an der Wand kann der Besucher vermittels Knopfdruck die Mangrovenwälder der Erde sichtbar machen und erfährt, dass der größte zusammenhängende Mangrovenwald in Indonesien liegt, gefolgt von Brasilien und Nigeria. Durch eine offen stehende Tür tritt er auf eine Themen-Terrasse hinaus mit der Überschrift „Do you know who I am“? („Weißt du wer ich bin?“) Unterhalb der Balustrade gewahrt er zwischen Mangrovenbäumen ein nachmodelliertes Teilstück des morastigen Forstbodens, auf dem über Seilzugvorrichtungen Schlammspringer und Krabben in Bewegung gesetzt werden können.

Anschließend begibt sich der Besucher auf einen reizvollen Wanderrundweg durch den schattigen Mangrovenwald. Ein mit sauberen Zementplatten ausgelegter breiter Steg führt durch den blattreichen Hain. Er ist etwa 1 km lang.


In Abständen stehen auch hier Lehrtafeln neben dem Weg, die über das Leben der Fischer, über die Bearbeitung des Bodens und die Aufzucht der verschiedenen Mangrovenarten berichten. „Baum mit Beinen“, so nennen die Einheimischen die hier angebaute rote Mangrove, lateinisch Rhizophora mucronata, deren krakelige Stelzwurzeln die Pflanze im schlammigen Untergrund verankern und sie gegen starke Wasserströmungen stabilisieren.

Nebenbei lernt der Besucher die endemische Tierwelt dieses Ököbiotops kennen. Krabben, Muscheln, Fische, Vögel - sie alle stehen in engen Beziehungen zueinander.

In einer „Austernlernecke“ erfährt er viel über den Lebenszyklus von Austern, die bei verschmutztem Wasser einfach „die Klappe halten“.

Später gelangt er zur Sala Tha Nam, einem geräumigen, nach allen Seiten offenen Holzbungalow, der über einen Klong gebaut ist und zu einer Rast einlädt.

Knapp 100 Stufen führen dann hinauf zu einem luftigen Aussichtsturm, dem Chakhram Tower, von dem man einen wirklich guten Rundblick über das renaturierte Gelände und das gesamte Flussmündungsgebiet hat. Südlich erkennt man die Zackenberge des Sam Roi Yot Nationalparks und gegen Norden schweift der Blick über türkisfarbene Ananasfelder, den Tempelberg der Chaomae Thapthim Thong und den Hotelquader des Milford Golf Clubs.

Der Wanderweg endet bei einem Holzbungalow, dem Sala Tha Tabun, der zu Ehren des thailändischen Königs errichtet wurde. Am 16. November 2002 besuchten er und seine Tochter Sirindhorn den Park, und sie pflanzten jeweils einen „Rhizophora mucronata“-Setzling. Eine Ehrentafel weist auf die beiden Bäume hin, die heute bereits eine stattliche Größe erreicht haben.


In einem schuppenähnlichen Unterstand ist ein Backstein gemauerter Holzmeiler nachgebaut worden, und Bildtafeln berichten über die Herstellung von Holzkohle und Holzessig. Davor steht das nachgebaute Holzkohlenboot des Köhlers auf einem kleinen Rasenstück.









Die beste Zeit zum Besuch des Mangrovenwalds sind die frühen Nachmittagsstunden. Dann sind die Busse mit den Ausflüglern und den Schulklassen abgefahren und es herrscht wieder Ruhe im Mangrovendickicht. Stickig und windstill ist es und schwarze große Mücken tanzen über den Wanderweg. Von Ferne knattert ein Moped. Doch alle Geräusche klingen pelzig und stumpf als hätte ein Waldgeist sie betäubt. Zuweilen ertönt ein hohles Knarzen, und aus dem schlammigen Untergrund entsteigen geisterhafte Knack-, Platsch- und Ploppgeräusche, als würden die Krebse Popcorn braten. Müde kriecht ein halbwüchsiger Waran über eine Kanalböschung und verschwindet geschmeidig in leise gurgelndem Kanalwasser. Mit lautem Klatschen lassen sich große Schlammspringer von den Bogenwurzeln ins Wasser fallen, und aus den Tiefen des Forsts flattert ein Vogel auf. Schlingernd läuft sein Schrei um die kahlen Baumreihen.

 Das Learning Center ist täglich in der Zeit von 8.30 bis 16.30 Uhr geöffnet. Es kostet keinen Eintritt.                                        


Auf der Rückfahrt sollte man einen Stopp am Tempel der Göttin Thap Thim Thong einlegen. Er befindet sich auf der Spitze einer Felsenerhebung, die aus den schräg abfallenden Ananashängen herausragt. Die Einheimischen nennen den Berg Khao Chaomae Thapthim Thong (เขาเจ้าแม่ทับทิมทอง). Von diesem luftigen Ausguck hat man einen grandiosen Rundblick über die sanften Windungen des Pranburi Flusses, die brachen, verlassenen Shrimpfelder, die akkuraten Ananaspflanzungen, den jungen Mangrovenwald und den Ort Pak Nam Pran am Meer.

Der Schrein beherbergt eine Statue der Göttin Chaomae Thapthim Thong, vor dem im Außenbereich ein nachmodelliertes grünes Riesenkrokodil hoch über dem Fluß Wache hält.

Anfahrt:

Man verlässt Hua Hin über die Petchkasem Road Richtung Pranburi. Nach etwa 15 Kilometern biegt man bei diesen Schildern nach links ab. 

Man überquert die Nord-Süd-Eisenbahnlinie und biegt dahinter nach rechts ab. Nun folgt man den sanften Kurven durch die Ananasfelder.  Man folgt den Schildern zum „Ecosystem Learing Center“.

Später überquert man die einzige Brücke im Mündungsgebiet über den Pranburi Fluß. Vor dem Erreichen von Pak Nam Pran muß man in einer sehr scharfen Rechtskurve geradeaus fahren. Leider ist dies NICHT beschildert. Nach nicht ganz 200 Metern biegt man nach links zum Zentrum ab.

Bericht und Bilder: ©Paul Martini, August 2010

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