Das Dorf ohne Zeit

Nur 15 Kilometer vor den Toren Hua Hins liegt ein verträumtes Fischerdorf am Strand, in dem die Zeit stehen geblieben zu sein scheint. Eingeklemmt zwischen einer Felsenformation und einer Süßwasserlagune geht das Leben hier noch seinen beschaulichen Gang wie vor urig langer Zeit. Das Dorf heißt Khao Tao (เขาเต่า) und hat seinen Namen vermutlich von einer kleinen vorgelagerten Insel im Meer, die die Einheimischen wegen ihres runden Inselrückens Schildkröteninsel (Koh Tao) nennen.

Obwohl die modernen Condoanlagen Hua Hins in Sichtweite liegen und die in den letzten Jahren rund um den See entstandenen Hotels und Ressortanlagen nicht zu übersehen sind, hat sich im Zentrum des Ortes nichts verändert. Noch immer stehen hier die armseligen windschiefen Bambuskaten der Fischer an einem Verbindungskanal zwischen dem Meer und dem Süßwasserteich und die Fischer gehen ihrem Tagewerk nach wie seit alters her.

Frühmorgens fahren sie hinaus mit ihren bunten Fischerschaluppen und nachmittags kommen sie wieder zurück. Dann wird der Fang begutachtet, sortiert und verkauft. Feste Abnehmer aus Bangkok stehen schon bereit. Anschließend ziehen die Frauen die mehrere hundert Meter langen Netze über eine Holzstange, damit verfangenes Kleingetier wie Muscheln und Krebse herausfallen, und prüfen die Netze auf ihre Unversehrtheit.

Draußen hinter einem schützenden Steindamm schaukeln ein paar farbenfrohe Fischkutter im flachen Wasser, und im Sand des Strandes, über den krautige Kletterpflanzen grüne Teppiche spannen, stehen wacklige Trocknungsstellagen zum Ausbreiten der Fische, von denen die beständigen Meeresbrisen penetrante Geruchsfahnen über das Dorf ziehen.

Aus der Mitte des Dorfes überragt eine uralte Tamarinde die armseligen Bambushütten wie eine beschirmende Glucke als wolle sie mit ihren ausladenden Ästen die Bewohner vor Unheil bewahren.

Hier ist der Laden von Khun Fon, einem 72 Jahre alten, verzehrten Muttchen, das Getränke, Obst, Gemüse und allerlei sonstige Lebensmittel verkauft.

Der Laden ist Treffpunkt der kaum hundert Einwohner. Hier lassen sie sich zu einem Schwatz
nieder, kaufen ein paar Kleinigkeiten oder vergnügen sich in ihrer freien Zeit mit einem Bingo-Spiel.

Das verschlafene Dorf am Ende des Strandes scheint keine Aufregungen zu kennen. Jeder, der hier lebt, ist verwoben mit dem all obwaltenden Kodex des Meeres, der ihre Existenzen bestimmt und von dem ihre Schicksale abhängen. Die Häuschen sind schäbig, und die Menschen sind von der schweren Arbeit gezeichnet. Die Pfade zwischen den Hütten sind sandig und so schmal, daß sie nur den Mopeds ein Durchkommen erlauben.


Hunde liegen unter schattigen Bänken, eine Henne zieht mit ihren Kücken durch die offenen Abwasserrinnen und Katzen kommen vorbei und reiben sich an den Beinen der Besucher. Seitwärts türmen sich Fischernetze in dicken Ballen, und Kühlboxen und Tragekörbe stehen herum und warten auf ihren nächsten Einsatz. Überall liegt Abfall, der aber niemanden stört. Kartons, Plastikverpackungen und vor allem haufenweise leere Lao Khao-Flaschen.

Die Kinder laufen barfuß durch den Sand und sind weitgehend sich selbst überlassen.


Unbekümmert spielen sie mit dem aussortierten Überfang, der später wieder ins Meer gekippt wird. Sie fürchten sich nicht vor der schwarzen ungenießbaren Seespinne mit ihren zwickenden Scheren und auch nicht vor dem harten Stachel der gepanzerten Pfeilschwanzkrebse.

In einer Hütte lebt ein alter Fischer. Er ist 72 Jahre alt und kann nach einer schweren Bauchoperation nicht mehr hinaus fahren. Seine Frau ist gestorben und seine Kinder sind weggezogen.

Aus seinem pieksauber aufgeräumten Stelzenhäuschen hat er eine eigene kleine Memorabiliengalerie gemacht, denn die Wände sind lückenlos mit Königsbildern dekoriert. Hier lebt er alleine mit seinem kleinen Chihuahua, und nur seine Enkelin kommt gelegentlich vorbei und hilft ihm bei seinen alltäglichen Besorgungen.

Khun Lung ist ein Fischer von 67 Jahren. Noch immer fährt er mit seinem kleinen Boot alleine aufs Meer hinaus. Mal lohnt es sich und mal nicht. Vor Tagen kam er mit nur 15 Garnelen zurück. Das ist zu wenig.


Er hat Schmerzen im rechten Knie, ein Knorpelschaden, aber er beklagt sich nicht. Wer möchte, kann ihn auch einmal begleiten. Er fährt nicht so weit hinaus wie die großen Boote, und er bleibt auch nur ein paar Stunden.

Die Grundstücke gehören einem reichen Bangkoker, der sie eigentlich verkaufen möchte, aber für seine Preisvorstellungen noch niemanden gewinnen konnte. Ein Glück für die Dorfbewohner, die weiterhin mietfrei wohnen können.

So döst das Dorf geruhsam in seinem zeitlosen Wachschlaf dahin. Nur einmal im Jahr bringt eine Großveranstaltung Trubel in den Ort. Da ist Khao Tao Schauplatz für ein landesweit bekanntes Langbootrennen. Die wenigen Fahrstraßen sind gesperrt, und Ordnungskräfte regeln den Verkehr.
Lautsprechertürme beschallen den kleinen Ortskern, und über die kleine Promenadenstraße am See ziehen dampfende Suppennebel und rauchende Schmorwolken, die aus schnell errichteten Marktständen aufsteigen.
Begrüßt von einer souverän wehenden Thaiflagge steht ein mit gelb-blauen Bändern geschmücktes Podest im See, und davor parkt ein festlich dekorierter Motivwagen unter einem alles überragenden Konterfei des geliebten hoheitlichen Dreigestirns: König, Königin und Prinzessin.
Im letzten Jahr war der König bei dem Spektakel sogar selber zugegen. In diesem Jahr fand das Bootsrennen  am 25. und am 26. Dezember statt, was aber zu dem in der restlichen Welt gefeierten Weihnachtsfest in keinerlei Bezug stand.

Im Schatten zeltähnlicher Unterstände liegen Rudererteams erschöpft am Seeufer und warten auf ihren nächsten Einsatz.

Die Rennboote sind an die 28 m lang und in den längsten Booten sitzen bis zu 50 kräftige Ruderer. Sie kommen aus dem ganzen Land, um hier ihr Können unter Beweis zu stellen.

Auf dem See sind Ruderbahnen abgeteilt und die jeweils paarweise antretenden Boote werden von einem sechsköpfigen Moderatorenteam angefeuert, das auf der beschatteten Promenade vor einem riesigen Mischpult sitzt.
Der kakophone Lärm aus den übermannshohen Lautsprechersäulen hat für europäische Ohren die Grenzen der Erträglichkeit bei weitem überschritten, doch Thais scheinen dem gegenüber völlig unempfindlich zu sein. Es gelingt ihnen sogar mühelos bei diesem an die Schmerzschranke heranreichenden Dezibelradau, tief und fest zu schlafen!

Die Hüttenbewohner haben für das Spektakel kaum etwas übrig. Ungerührt lassen sie es vorüberziehen. Am liebsten bei Khun Fon, wo sie bei einer von ihr selbst gemixten Powerbrause aus M-150 und Lao Khao ihre Gemüter erquicken.

Khao Tao ist aber nicht nur ein verstecktes Örtchen in einer verlassenen Strandecke, sondern kann Ausgangspunkt für einen wunderbaren Spaziergang sein. Doch das lesen Sie im nächsten Beitrag:

Der schönste Spaziergang in Hua Hin“.

 Bericht und Bilder: ©Paul Martini, Dez. 2010