Ötztaler Radmarathon 2019


Viel wird geschrieben, viel wird erzählt … jeder seine eigene Geschichte und Erfahrung, egal ob Jubiläumsteilnehmer oder Premierenfahrer. Und jede Geschichte ist individuell, einzigartig, emotional und doch reden alle von der gleichen Sache! Kaum ein Radsportevent ist so bekannt, so beliebt, gehasst und gefürchtet gleichzeitig. Ötztaler Radmarathon!

Die Radsportsaison und der Sommer neigen sich langsam dem Ende zu, doch für viele tausend Sportler wartet der eigentliche Sommerhöhepunkt noch. Traditionell am letzten Augustwochenende versammeln sich ca. 4.500 von Ihnen in Sölden, um einen langen Tag im Sattel zu verbringen, um mit sich selbst, den Bergen, dem Wetter zu kämpfen sowie sich mit den anderen Teilnehmern aus ganz Europa zu messen. Sie alle wollen die Strecke von 238 km und 5.500 Hm über die 4 Alpenpässe bezwingen.

Mit welchen Zielen, Wünschen und Vorgaben, ist wieder ein ganz anderes Thema. Sich zu viele Gedanken über das bevorstehende Rennen mit seinen unzähligen unberechenbaren Faktoren zu machen, ist ohnehin nicht lohnenswert. Wenn, was, wäre, könnte, hätte … Training, Form, Ernährung, Material??? Es gilt den Kopf auszuschalten, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, die Stimmung und Atmosphäre in Sölden aufzusaugen und sich einfach auf den kommenden Wahnsinn zu freuen. Radfahren ist schließlich auch Genusssache, beim Ötztaler Radmarathon erst Recht. Ein Thema lässt sich an diesem Wochenende dann doch wieder nicht begraben, das Wichtigste und gleich wieder das Unwichtigste, das Wetter. Etwas daran ändern  lässt sich ohnehin nicht. Hier passt nur zu gut das Zitat vom Radsportblog die Ketterechts: „Egal was passiert: Wichtig ist nur, dass es nicht schneit. Denn bei großer Hitze ist Rennradfahren im Schnee, ganz schön anstrengend.“ Na dann, kein Problem.

Sonntag der 1.September 2019, Tag der 38. Auflage des legendären Radmarathons durch Nord- und Südtirol. Das Team TV Elm steht mit 4 Mann am Start. Zusammengenommen kommen die Elmer Fahrer auf 15 Teilnahmen, die geballte Ötzi Erfahrung also. Da wären Sebastian und Thomas, die beide ihre Premiere in Sölden feiern. Der Erfahrungswert hält sich also noch in Grenzen. Dann gibt es noch Jochen, zwar der Jüngste der Gruppe, aber schon mit genügend Finisher Triktos ausgestattet und eben noch Jenen, der schon seit Jahren die Finger nicht vom Ötztaler lassen kann. Martin steht nach der ersten Teilnahme vor 11 Jahren nun zum 10. Mal am Start. Ein bunter Team Mix, na dann mal los.

Um 6:45 Uhr ist der Start angesetzt. Und das bei trockenen und angenehmen äußeren Bedingungen. Erfahrung bei diesem Rennen ist schon viel Wert. Gerade Sebastian ist beim Start doch sehr nervös, sein Puls wahrscheinlich fast höher als im folgenden Rennen. Thomas gibt sich eher gelassen, bei Martin und Jochen ist es fast schon Routine. Trotzdem ist der Start mit 4.500 Teilnehmern, dem Kamerahelikopter in der Luft und der schweren Streckenführung vor der Brust, immer wieder etwa sehr Besonderes. Es knistert in der Luft, bis der Startschuss auch die letzten Zweifel verfliegen lässt.

Dann geht es hinaus auf die Strecke. Die Wolken hängen noch tief im Ötztal als sich die Teilnehmer des Radmarathons in rasantem Tempo der ersten Prüfung des Tages, dem Küthai auf 2.052 m nähern. Alle Anspannung ist nun verflogen, der wichtigste Renntag des Jahres ist gekommen, es heißt nun volle Konzentration auf die anstehenden Kilometer richten. Das Kühtai lässt die Herzen der Radsportler gleich mal höher schlagen. Weniger vor Freude bezüglich der schönen Bergstraße und Kulisse, sondern eher vor Anstrengung.  Die Steilheit und Länge des Passes fordern schon ihren ersten Tribut. Bei Martin und Jochen ist der Zeitplan bis aufs Detail ausgeklügelt. Wohlwissend was die schwere Strecke an Tücken noch bietet, wird das Rennen, so der Plan, klug aufgeteilt.

Die Leistung ständig im Blick, die Uhr im Visier und die Oberschenkel immer unter Spannung, wird das Kühtai passiert und die schnelle Abfahrt nach Innsbruck in Angriff genommen. Für Sebastian und Thomas ist die Devise eine Andere. Die Uhr auch im Visier, ist es für die Beiden aber zunächst am Wichtigsten, den Ötztaler Radmarathon einfach zu finishen. 
Innsbruck ist passiert und es geht mit leichtem Rückenwind in Richtung Italien. Der Brenner wartet. Die alte Brennerstraße kommt unspektakulär daher. Wenig Steigung, viele Kilometer und ein Ausblick, der sich auch nicht wirklich lohnt. Dennoch ist der vermeintlich leichteste Pass eine der großen Fallen des Ötztalers. Fährt man zu schnell, bezahlt man am Timmelsjoch, fährt man zu langsam, ist eine gute Zielzeit auch dahin. Es gilt das perfekte Mittelmaß zu finden. Viel Wahl hat man meist aber nicht. Martin und Jochen finden sich in einer großen Gruppe wieder, die aber auch oft auseinanderfällt und sich aufsplittet. Ständig den richtigen Postabgang zu treffen, kostet einiges an Kraft. Auf dem Brenner liegen die beiden Elmer Fahrer aber voll im Soll. Italien ist erreicht.
Sebastian und Thomas fahren ihren Stiefel den Brenner hinauf. Auch Sie zieht es förmlich in Richtung Grenze. Für das gesamte Team läuft es voll nach Plan.

Doch erste die Hälfte des Rennens ist geschafft. Zwei Pässe, reichlich Höhenmeter und viele Stunden auf dem Rad liegen noch vor den Fahrern. Auch wenn der innere Schweinehund sich hier und dort schon mal gemeldet hat, die ersten Zweifel auftreten, weiter geht die Fahrt. Eine kurze Abfahrt vom Brenner bringt ein wenig Erholung, bevor der Jaufenpass zum nächsten Tanz bittet.

Hier in Italien beginnt der Ötztaler Radmarathon eigentlich erst so richtig. Die 140 km Marke wird überschritten, als sich die Jaufenstraße zunehmend in die Höhe schlängelt. Beine und Lunge schreien nach Erholung, doch die Straße wird nicht flacher. Weiter immer weiter, die Ketten rasseln, die Laufräder summen, ansonsten große Stille auf der Straße. Doch auch der Jaufenpass hat ein Ende. Als der Wald sich lichtet, kommt die Passhöhe auf 2.094 m in Sicht.  

Alle Elmer Fahrer sehen nun das letzte und größte Hindernis des Radmarathons vor sich, das berüchtigte Timmelsjoch mit seinen 2.504 m. 30 km Anstieg warten als finale Prüfung.

Und das bisher so gute Wetter? Ja auch das macht langsam Anstalten das Finale noch etwas zu verschärfen. Der Himmel zieht sich langsam aber sicher zu. Der Blick der Elmer Fahrer geht aber nicht wegen des Wetters nach oben. Irgendwo in weiter Ferne ist die Passhöhe auszumachen. Alle Reserven werden in die Waagschale geworfen, mit letzter Kraft die steilen Rampen des Timmelsjoch bezwungen. Die unglaubliche Länge dieses Passes bringen Mensch und Material aber an die äußerste Grenze. Jochen und Martin überqueren die Passhöhe kurz nacheinander. 



Ein Blick auf die Uhr ist vielversprechend. Nochmals volle Konzentration in der schnellen Abfahrt und dann ist es geschafft. Jochen erreicht das Ziel in einer super Zeit von 8:42 h auf Platz 562. Kurz darauf folgt Martin in 8:52 h auf Platz 709. Auch seine 10. Teilnahme ist ein voller Erfolg.



Als die beiden ersten Elmer Fahrer sich noch im Sonnenschein über ihr Rennen austauschen, sieht es am Timmelsjoch schon ganz anders aus. Der Regen ist gekommen und das ziemlich heftig. Für Thomas und Sebastian werden die letzten Kilometer so richtig schwer. Während die Berge in den Wolken verschwinden und es langsam dunkel wird, kämpfen sich die beiden übers Timmelsjoch und hinab nach Sölden.

Dann sind alle Elmer Fahrer im Ziel. Die beiden Premierenfahrer sind mehr als zufrieden. Thomas erreicht das Ziel nach 12:22 h auf Platz 3470 und Sebastian finisht seinen ersten Ötztaler auf Rang 3596 in 12:36 h.

Der Ötztaler Radmarathon mit seinen 238 Km und 5.500 Hm ist geschafft... J.K

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