Taizé im Licht der Bibel

Seit den sechziger Jahren reisen viele junge und auch ältere Menschen in das kleine Dorf Taizé im Burgund im Osten Frankreichs. Roger Schutz hatte nach dem Zweiten Weltkrieg angefangen, dort eine ökumenische Bruderschaft aufzubauen, eine Art konfessionsübergreifenden Orden nach katholischem Vorbild.

Alle jungen Männer, die diesem Orden beitreten, verpflichten sich zu Ehelosigkeit, Besitzlosigkeit und Gehorsam gegenüber dem Obersten. Roger Schutz selbst war Protestant, entstammte aber einer gemischt-konfessionellen Familie. Seit seinem Tod nimmt ein deutscher Katholik (Alois Löser) seinen Platz ein.

Wir haben uns mit der offiziellen Taizé-Website auseinandergesetzt, speziell mit den unter „Bibel und Glauben“ aufgeführten Texten und möchten sie ins Licht der Bibel stellen.

Folgenden Text von Roger Schutz (verfasst in Zusammenarbeit mit Mutter Teresa) möchten wir an den Anfang stellen, weil wir ihn aufschlussreich finden bezüglich der theologischen Gedanken der Taizé-Bruderschaft:

O Gott, Vater aller, du bittest jeden von uns, Liebe zu verbreiten, wo die Armen gedemütigt werden, Freude, wo die Kirche erniedrigt wird, und Versöhnung, wo Menschen zerstritten sind..., Vater gegen Sohn, Mutter gegen Tochter, Ehemann gegen Ehefrau, Gläubige gegen Ungläubige, Christen gegen ihren ungeliebten Christenbrüder. Du öffnest diesen Weg für uns, so daß der verwundete Körper Jesu Christi, deine Kirche, die Hefe der Kommunion für die Armen der Erde und in der ganzen Menschenfamilie sein möge... Wir sind beide von den Notleidenden der modernen Welt herausgefordert. Konfrontiert mit allem, was die Menschheit verwundet, finden wir die Trennung zwischen Christen unerträglich. Sind wir bereit, das Trennende beiseite zu legen, uns von unserer gegenseitigen Angst zu befreien? Wenn die Meinungen der Menschen auseinander gehen, warum muß man unbedingt herausfinden, wer recht hat und wer unrecht?“1

Dieser Text lässt eine theologische Richtung erkennen, die sich uns auch durch die Auseinandersetzung mit den Ausarbeitungen auf der Taizé-Website bestätigt hat: die Versöhnung der Menschen aller christlichen Denominationen untereinander soll die Vorstufe der Versöhnung der ganzen Menschheit werden. Der Weg dahin ist nicht die Korrektur des eigenen falschen und mit Irrtum behafteten Denkens entsprechend der Lehre Jesu, sondern die gegenseitige Akzeptanz mit den jeweils verschiedenen Glaubensansichten und -praktiken.

Jesus wusste, dass seine Botschaft Menschen entzweien wird, und er hat seine Jünger darauf vorbereitet:

Denkt nicht, ich sei gekommen, um Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Denn ich bin gekommen, um den Sohn mit seinem Vater zu entzweien und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und die Hausgenossen eines Menschen werden seine Feinde sein. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig, und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist meiner nicht würdig. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht würdig. Matth 10,34-36

Es war sicher nicht Jesu erklärtes Ziel, Menschen miteinander zu entzweien. Aber es war ihm klar, dass der Friede Gottes nur dort möglich ist, wo Menschen sich für die Sichtweise Gottes öffnen und dementsprechend ihr Leben verändern. Jesus hat schon während seines Wirkens in der Welt erfahren, dass viele Menschen das nicht wollten, gerade auch die nicht, die sich für sehr religiös hielten. So wie Jesus deren Feindschaft erfahren hat, erging und ergeht es auch all denen, die Ihm als ihrem Meister nachfolgen.

Wenn die Welt euch hasst, so wisst, dass sie mich vor euch gehasst hat. Wenn ihr von der Welt wäret, würde die Welt das Ihre lieben. Weil ihr aber nicht von der Welt seid, sondern ich euch aus der Welt heraus erwählt habe, darum hasst sie euch.“  Joh 15,18+19

Jesu Liebe zur Wahrheit bewahrte ihn vor jedem realitätsfernen Wunschdenken. Er gab sein Leben für alle Menschen, brachte allen das Angebot zur Versöhnung mit Gott. Trotzdem wusste er und sagt es auch klar, dass der Weg zum ewigen Leben schmal ist und wenige ihn finden:

Geht durch das enge Tor! Denn das Tor ist weit, das ins Verderben führt, und der Weg dahin ist breit und viele gehen auf ihm.  Aber das Tor, das zum Leben führt, ist eng und der Weg dahin ist schmal und nur wenige finden ihn.  Matth 7:13+14

Wir Christen haben einen Dienst der Versöhnung. Paulus schreibt darüber in 2 Korinther 5,17-20:

Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung (zur Verkündigung) anvertraute. Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen!

Es wird deutlich, was der zentrale Punkt ist: die Versöhnung mit Gott auf der Grundlage dessen, dass der Mensch die Schuld, die er auf sich geladen hat, erkennt und bereut und dass er seine selbst gewählte Denk-und Lebensweise aufgeben will (Jesus benennt das mit dem Begriff Selbstverleugnung). An die Stelle dessen muss die Wahrheit treten. Sie allein soll Grundlage des Lebens und Denkens derer sein, die Jesus nachfolgen wollen.

Roger Schutz stellt es in Frage, dass man bei jeder Streitigkeit danach fragen soll, wer Recht und wer Unrecht hat.

Sicher sind solche Streitigkeiten dort unfruchtbar, wo es jedem nur darum geht, auf seiner Ansicht zu beharren.

Wir sind aber der Meinung, dass es von fehlender Liebe zur Wahrheit zeugt, wenn man bei Uneinigkeit, die das Glaubensleben und Glaubensinhalte betrifft, nicht danach fragen soll, wer Recht und wer Unrecht hat. Es zeugt auch von fehlendem Vertrauen zu Christus, der im Gebet vor dem Vater (Joh 17) für eine tiefe Einheit unter allen, die an ihn glauben, eingetreten ist. Sollte er es nicht möglich machen, zu dieser Einheit zu finden? Zu einer Einheit, die nicht dadurch herbeigeführt wird, dass man bestimmte Themen nicht ansprechen darf oder bei Streitigkeiten einfach jeder mit seiner Ansicht akzeptiert wird, nach dem Motto: „Jeder hat eben seine Wahrheit“. Das ist ein Versuch, auf menschlichem Weg eine oberflächliche und äußerliche Einheit zu erreichen.

In Christus liegen alle Schätze der Weisheit und Einsicht verborgen. Die Wahrheit ist das Licht, das von Gott in die Welt gekommen ist und von Jesus verkörpert wird. Ihm zu folgen, an seiner Lehre fest zu halten, das heißt in der Wahrheit zu leben. Und das ist auch der Weg zu tiefer Einheit und wirklicher Versöhnung unter denen, die diesen schmalen Weg gehen wollen.

Wir wollen nun auf einige Texte von der Taizé-Website, die vor allem unter „Bibel und Glauben“ zu finden sind, näher eingehen.




Alle Bibeltexte, soweit nichts angemerkt ist, sind aus der Einheitsübersetzung zitiert.