Clara Zetkin 19190304 Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist

Clara Zetkin: Ich will dort kämpfen, wo das Leben ist

(Rede auf dem außerordentlichen Parteitag der USPD in Berlin, 4. März 1919)

[Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands. Protokoll über die Verhandlungen des außerordentlichen Parteitages vom 2. bis 6. März 1919 in Berlin, S. 128-, gekürzt in Clara Zetkin, Ausgewählte Reden und Schriften, Bd. II, Berlin 1957, S. 93-115]

Genossinnen und Genossen! Ich muss damit anfangen, Ihnen eine Enttäuschung zu bereiten. Ich bin heute Morgen hierher gekommen in der Gewissheit, dass mir nur im Rahmen der allgemeinen Diskussion eine kurze Redezeit zustehen würde. Ich habe deshalb meine Gedanken nicht besonders auf die Berner Konferenz eingestellt. Ich werde mich in der Folge über die Berner Konferenz und über die Ausführungen Kautskys dazu nur im Rahmen meiner allgemeinen Darlegungen beschäftigen können. Allerdings auf Grund einer steten aufmerksamen Verfolgung der Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung und damit auch der internationalen Konferenz zu Bern.

Genossinnen und Genossen! Größere Zielklarheit zu schaffen und dadurch die Aktionsfähigkeit zu steigern, das ist das Ziel der Auseinandersetzungen, in denen wir jetzt stehen; Zielklarheit und Aktionsfähigkeit, Steigerung der Aktionsfähigkeit erscheinen unerlässlich im Hinblick auf die sich vollziehende und zu fördernde Radikalisierung der Massen. Was dazu hier bis jetzt gesagt, was von den verschiedenen Referenten dargelegt worden ist: ”fast könnt‘ es leidlich scheinen!” Ich betone ”fast”, denn ich antworte auf alle diese Ausführungen: ”Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!” Meine Zweifel sind begründet. Sie sind nicht entwaffnet durch einzelne scharfe Worte, sie können doch nicht entkräftet werden durch papierene Beschlüsse. Sie wurzeln im Leben der USP selbst, in der Politik, die bis jetzt die USP gekennzeichnet hat. (Bravo!) Ich stehe nicht an, es offen auszusprechen, es ist meine persönliche Überzeugung, dass es der USP bis jetzt sowohl an Grundsatzsicherheit wie an der Entschlossenheit und an der Energie der Tat gefehlt hat. (Beifall.)

Die Politik der Partei während der Revolution hat in dieser Beziehung den Faden weitergesponnen, der schon in der Kriegszeit gesponnen worden ist. Auch da stand die Politik im Zeichen einer gewissen Grundsatzunsicherheit und Schwäche. Ich erinnere daran, dass wir bis heute noch keine unzweideutige, klipp und klare, nicht zu drehende und zu deutelnde Erklärung haben über die Stellung der Partei zu der so genannten Landesverteidigung. (Zuruf: Die haben Sie sehr deutlich!) Nein nicht in der Weise, wie es nötig wäre; immer so, dass man die abgegebene Erklärung auch anders auslegen konnte, so dass es möglich war, ihr eine rechtssozialistische, sozialpatriotische Deutung zu geben. Das ist der Unterschied. Sie können ja darüber anderer Meinung sein. Viele Genossen sind jedoch mit mir der Ansicht, dass es besser, dass es absolut notwendig gewesen wäre, klarer, schärfer zu sprechen. Ich erinnere daran dass die Politik, die Friedenspolitik der USP in erster Linie auf eine Verständigung zwischen den Regierungen abzielte, statt darauf, den revolutionären Klassenkampfwillen der breitesten proletarischen Massen zu wecken, zu befeuern, zu leiten und zur ausschlaggebenden Friedensmacht zu erheben. Neben dem Verrat der Rechtssozialisten ist das unsichere Tasten und die Schwächlichkeit der Aktion der USP besonders während des Januarstreiks im vorigen Jahre verhängnisvoll in Erscheinung getreten.

Doch kommen wir zu der Revolutionspolitik der Partei. Ich finde, dass auch sie das Schwergewicht gelegt hat auf die Mitwirkung von Führern in der Regierung und nicht auf die Geltendmachung des Willens, auf den Druck der Proletariermassen. Und der Eintritt von Mitgliedern der USP in die Regierung ist meines Erachtens nicht vereinbar gewesen mit den Grundsätzen des revolutionären Klassenkampfes, des revolutionären, internationalen Sozialismus. Er hatte zur Voraussetzung eine Verständigung und ein Paktieren mit den Mehrheitssozialisten. Die Mehrheitssozialisten aber hatten bis zum Vorabend der Revolution — die sie zu hintertreiben gesucht —‚ hatten also bis zuletzt bekundet, dass sie den revolutionären Sozialismus über Bord geworfen haben, dass sie einen verbürgerlichten nationalistischen Reformsozialismus vertreten. Meiner Ansicht nach ist in der Regierung wie bei sonst einer wirklich auf den Sozialismus gerichteten Aktion ein Paktieren mit diesen Pseudosozialisten ein Ding der Unmöglichkeit. Über die Tatsache der Mauserung der Rechtssozialisten kommen wir nicht hinweg. Es war eine Illusion zu wähnen, dass die Scheidemann-Ebert ihre reformsozialistische, stark bürgerlich verseuchte Auffassung von heut auf morgen wieder in den Schrank hängen würden, nur weil drei unabhängige Sozialisten neben ihnen amtieren sollten. Ich meine, solchen Wandel nach viereinhalbjähriger Praxis dürfte man ebenso wenig erhoffen, als man annehmen könnte, dass das Wasser wieder den Berg zurücklaufe.

Und wie sind die Dinge gekommen? Wie sie nach den Erfahrungen der Geschichte kommen mussten. Nicht die USP hat die Regierungspolitik geprägt, hat ihr Richtung, Ziel und Charakter gegeben, nein, die Regierungspolitik stand vom ersten Tage an im Zeichen der reformistischen, der nationalistischen Auffassung der Mehrheitssozialisten. (Zurufe: Sehr richtig!) Ich werde einige Beispiele dafür anführen.

Die Regierung — auch unsere Freunde darin — hat zunächst beschworen, dass Ruhe und Ordnung herrschen und dass die Heiligkeit des Privateigentums nicht angetastet werden solle. (Sehr richtig!) Meiner Ansicht nach galt es ein anderes: sofort den Kampf gegen das große kapitalistische, ausbeutende Eigentum auf der ganzen Front aufzunehmen. Es ist charakteristisch für die Politik der Regierung, dass ihre Bemühungen immer und immer wieder darauf gerichtet waren, den Arbeitern gut zuzureden, das Streiken zu lassen. Ja, der ”Beruhigungsaktion” gegen Streikende in Oberschlesien wurde durch Maschinengewehre Nachdruck gegeben. Genosse Haase hat gestern darauf hingewiesen, dass auch Trotzki erklärt hat: Ruhe, Ordnung, Disziplin, sie werden die Sowjet-Republik retten. Mit Recht Aber ich bin der Meinung, unsere russischen Genossen befinden sich in einer andern Situation als wir. Das russische Proletariat hatte die Macht im Staate erobert, es hielt diese Macht und ging daran, den Sozialismus aufzubauen, als Trotzki Ruhe, Ordnung und Disziplin forderte. Ruhe, Ordnung und Disziplin für den Aufbau des Sozialismus, aber nicht zur Stärkung und Befestigung des Kapitalismus. (Lebhafter Beifall.) Werte Anwesende! Wie von irgendeinem bürgerlichen Professor oder wie von irgendeinem Unternehmer ist den Arbeitern im Auftrag der Regierung und von ihrem Mitglied Barth, einem Unabhängigen, zugeredet worden, das Streiken zu lassen, ihre ganze Kraft opferfreudig an die Arbeit, an die Wiederbelebung der Produktion zu setzen. Ich werde später darauf kommen, was hinter diesem Begriff der Produktion steckt.

Es liegt in der gleichen Richtung der Grundsatzunsicherheit und Schwäche, dass die Vergesellschaftung der großen Produktionsmittel von der Regierung aufgefasst wurde in erster Linie als eine wirtschaftstechnische Frage, die man zur ”Prüfung” einer berufenen Kommission übertrug und nicht als eine Frage der politischen Macht — all das unter Mitwirkung unserer Freunde in der Regierung. Zunächst aber haben wir die Frage der Sozialisierung aufzufassen als eine Frage der politischen Macht und nicht als eine Studienfrage zur Aufhellung wirtschaftstechnischer Verhältnisse. Ich weiß zu würdigen, was die Theorie, die Wissenschaft für die Durchführung des Sozialismus leistet, wie wertvoll es ist, wenn klare, entschiedene Richtlinien für die Durchführung des Sozialismus gegeben werden. Aber worin scheint sich denn in der Hauptsache bis jetzt die Tätigkeit der Kommission erschöpft zu haben? In dem Suchen nach der Quadratur des Kreises, nämlich darin, einen Sozialisierungsplan ausfindig zu machen, der freudigen Herzens auch von dem Unternehmertum begrüßt und aufgenommen werden könnte; außerdem in dem Hervorholen von Bedenken, die es unzweckmäßig erscheinen lassen, bereits in diesem Augenblick die Sozialisierung der Wirtschaft als Werk des Proletariats selbst kraftvoll in Angriff zu nehmen. Auch das wurde gerechtfertigt mit dem Hinweis auf die Notwendigkeit, vor allem die Produktion zu beleben. Das ist eine Auffassung, die auch von dem führenden Theoretiker der USP, von Genossen Kautsky vertreten worden ist, so in den Richtlinien seines Aktionsprogramms und sonst noch.

Genossinnen und Genossen! Meiner Auffassung nach bedeutet die Rolle, die man auf einmal die Produktion ”an sich” spielen lässt, einen theoretischen, einen wissenschaftlichen Sündenfall. Das Gerede von der Produktion als einem gesellschaftlichen Etwas, das man nicht näher kritisch betrachtet, ist ein Rückfall in die alte, bürgerliche Ökonomie. Es war eine der großen wissenschaftlichen Taten von Karl Marx, durch die er über die klassische bürgerliche Ökonomie hinausging, dass er Begriffe wie Produktion, Volksreichtum, Wirtschaft usw. in ihre gesellschaftlichen Bestandteile auflöste; dass er uns zeigte, was dahinter steckt; dass er die Menschen erfasste, die hinter den Begriffen stehen, und zwar die Menschen in ihren sozialen Beziehungen zueinander. Das bedeutet in der kapitalistischen Wirtschaft als Ausbeuter und Ausgebeutete. Deshalb gibt es für uns nicht eine Produktion ”an und für sich” und ”als solche”; es gibt nur eine kapitalistische Produktion oder eine sozialistische Produktion. (Beifall.) Und wenn man unter Hinweis auf die Produktion überhaupt erklärt, wie Kautsky es getan, die Frage nach der Produktionsweise stehe erst an zweiter Stelle, so erwidere ich darauf: ”Umgekehrt wird ein Schuh daraus.” Die Menschen sind nicht der Produktion halber da, sondern die Produktion ist der Menschen halber da. Entscheidend für uns muss sein, welche Produktionsweise die Produktion, die Wirtschaft beleben soll: ob die sozialistische oder die herrschende kapitalistische.

Wir setzen uns in Widerspruch mit uns selbst, verleugnen, was wir 50 Jahre gelehrt haben, wenn wir erklären, das Proletariat sei noch nicht reif, die sozialistische Produktionsweise durchzuführen. Wir setzen uns in Widerspruch mit uns selbst, wenn wir die Auffassung vertreten, dass unter den gegebenen Umständen, dass angesichts der Zertrümmerung der Wirtschaft durch den Krieg der kapitalistischen Produktionsweise in höherem Maße die Fähigkeit eignen würde, das Wirtschaftsleben wiederherzustellen — allen Gesellschaftsgliedern genügend Brot, besseres Brot zu sichern —‚ als der sozialistischen Produktionsweise. Haben wir nicht wieder und wieder die kapitalistische Produktionsweise gebrandmarkt als eine Ursache der Anarchie, des Raubbaues mit Arbeitskräften, Menschenleben, der Verschleuderung und Vergeudung von Rohstoffen, Zeit, Gütern, als Ursache der Lähmung und Fesselung produktiver Kräfte? Und jetzt auf einmal soll diese kapitalistische Produktionsweise besser imstande sein, dem Elend zu steuern, die Wirtschaft zur Blüte zu bringen, als die sozialistische? Gewiss es würde ein Verbrechen sein, wollten wir der Arbeiterklasse vorreden, die sozialistische Wirtschaftsweise in ihrer Vollkommenheit könnte wie Pallas Athene aus dem Haupte des Zeus aus den Häuptern einer Regierung oder einer erleuchteten Spezialkommission hervorgehen. Es würde ein Verbrechen sein, wollten wir verschweigen, dass unter den vorliegenden Umständen auch der Sozialismus sich unter den größten Schwierigkeiten, unter Not und Entbehrungen, unter tastenden Versuchen und Fehlern durchsetzen wird. Aber wir können den Massen das eine klarmachen: Not, Entbehrungen, hartes Mühen erklären sich nicht aus der Unzulänglichkeit des Sozialismus. Es ist die böse Erbschaft des Kapitalismus, des Weltkrieges. Auch die teilweise Unreife der Massen selbst ist eine Erbschaft des Kapitalismus. Aber diese Unreife kann nicht überwunden werden durch gelehrte Kommissionen, sie muss beseitigt werden durch Aufklärung und Erziehung, namentlich durch die langwierige Schule der Praxis. (Haase: ”Unerhört!”) Wie das Proletariat die politische Macht nur in stetem revolutionärem Kampfe erobern kann und gebrauchen lernt, wie es nur kämpfend politisch reif wird, so kann es für die Durchführung des Sozialismus, für das Lenken und Leiten der Produktion nur reif werden in stetem Kampf, in steter praktischer Arbeit, die ihm Einblicke und Erkenntnisse gibt und seine Fähigkeiten entwickelt. Deshalb heißt es: Im Anfang war die Tat.

Zu dieser Tat, zum Anfang der Sozialisierung, ist es noch nicht gekommen; auch nicht, als unsere Freunde in der Regierung saßen. Nun hat Genosse Haase gemeint, die drei unabhängigen Regierungsmänner hätten mehr durchsetzen können, wenn sie noch länger in der Regierung geblieben wären. (Zuruf.) Verzeihung, ich habe mich nicht richtig ausgedrückt! Ich wollte anders sagen. Genosse Haase hat gemeint, dass das Machtverhältnis zwischen der USP und der SPD in der Regierung sich günstig verschoben haben würde, wenn die Berliner Unabhängigen nicht den Fehler gemacht hätten, von einer Delegierung in den Zentralrat der A.- und S.-Räte abzusehen — dann hätten die Dinge eine andere Wendung genommen, die Abhängigen würden gezwungen gewesen sein, nach dem 24. Dezember 1918 aus der Regierung auszuscheiden. Die Unabhängigen würden dann die Macht gehabt haben, ihrer Überzeugung getreu, ungehindert durch den Widerstand der Abhängigen Politik zu treiben. Ich teile diese Auffassung nicht. Sie steht auch in vollem Gegensatz zu der Überzeugung, die gerade von unseren Führern sonst betreffs des Machtverhältnisses zwischen Minderheit und Mehrheit und den sich daraus ergebenden Konsequenzen vertreten wird. Nehmen wir an, in dem Zentralrat wäre eine Mehrheit der Unabhängigen gewesen, die die unabhängigen Regierungsmitglieder gestützt und dadurch die Gesamtregierung vorwärtsgetrieben, die den Ausschlag dafür gegeben hätte, dass den Ebert-Scheidemann durch ihr Hinausdrängen aus der Regierung die Quittung über den Massenmord vom 23. und 24. Dezember ausgehändigt worden wäre. Durch das alles hätte sich das Machtverhältnis zwischen den Parteien im Lande draußen nicht geändert. Unsere Freunde wären gezwungen gewesen, das zu tun, was sie sonst immer verpönt wissen wollen. Nämlich, dass eine Minderheit die Macht über eine Mehrheit ausübt. (Zuruf Haases) Dann dürfen Sie sich nicht dagegen wenden, wenn auch andere Minderheiten der Meinung sind, dass sie unter bestimmten Umständen die Macht ergreifen und gebrauchen. Wie hat man sich im Lager der Unabhängigen darüber entrüstet, dass die Bolschewiki als angebliche Minderheit die Macht eroberten!

Genossen, Genossinnen, ich sage, dass die Unabhängigen in der Regierung sicherlich keine Gelegenheit haben vorübergehen lassen, um ihre Auffassung praktisch zur Geltung zu bringen, um scharfe Kritik an den Mehrheitlern zu üben. Aber in Wirklichkeit sind sie nicht Mitarbeiter, sondern die Gefangenen der Mehrheitssozialisten in der Regierung gewesen. Ihre Kritik konnte nicht wirksam genug werden, sie blieb innerhalb der Dunkelkammer des Regierungskollegiums ein unzulänglicher ”Kriegsersatz” für die Kontrolle der Regierungsaktionen durch die Massen im Lande. (Zuruf Haase: Wollten wir haben. — Zuruf Zietz: Wer ist schuld daran?) Da sind nicht nur die Massen selbst schuld daran, sondern auch die USP, die nicht genug getan hat, um durch kraftvolle Aktionen die Massen zu wecken und mit einem starken Willen und Selbstvertrauen zu erfüllen. Schuld sind unsere Freunde in der Regierung, die bei den Massen den Eindruck erweckt haben, dass dank dem Zusammenarbeiten mit den Mehrheitssozialisten erhebliche Erfolge erzielt werden könnten. Das ist der schwerste Vorwurf, den ich gegen diese Politik des Zusammenarbeitens erhebe, dass sie täuschend gewirkt hat auf die Massen draußen im Lande. Für mich ist schließlich die einzelne Aktion an sich nicht so entscheidend wie ihr Einfluss auf die Massen. Durch das Zusammenarbeiten der Unabhängigen mit den Mehrheitssozialisten in der Regierung ist die Auffassung gestärkt worden, dass die mehrheitssozialistische, rein bürgerliche Politik, mit sozialistischen Phrasen verbrämt, doch nicht ganz so schlecht sein könnte, nicht ganz so arbeiterfeindlich, weil sie ja doch von den Unabhängigen mitgemacht werde. (Sehr richtig!)

Ich hebe noch eines hervor. Unsere Freunde in der Regierung haben das ihrige dazu beigetragen — ob passiv oder aktiv, darüber kann ich nicht richten, weil uns der Einblick in die Verhandlungen zu wenig bekannt ist —, also, unsere Freunde haben teil daran, dass die Bewaffnung der Revolution nicht mit dem nötigen Nachdruck durchgeführt worden ist, das gleiche gilt von der Auflösung und Umgestaltung des alten Verwaltungs- und Regierungsapparates. Wenn das Proletariat die Macht behaupten, wenn es sie benutzen wollte, um die halbe Revolution zur ganzen Revolution zu machen, so musste der Regierungsapparat nicht bloß übernommen, sondern mit neuen Leuten besetzt, von Grund aus umgestaltet werden. Zu dieser Umgestaltung wäre das Rätesystem, konsequent durchgeführt, berufen gewesen. Man hat von einer solchen, von Grund aus umwälzenden Umgestaltung und Zerstörung des alten Regierungsapparates abgesehen. So blieb eine gegenrevolutionäre Macht erhalten, die jede Aktion durchkreuzen kann. Man ist ferner nicht einmal daran gegangen, die Bewaffnung der Arbeiter und die Bildung einer roten Garde durchzuführen. Dagegen ließ man es geschehen, dass das Bürgertum, dass die Gegenrevolution sich bewaffnete. (Zuruf Haase: Solange wir in der Regierung waren, ist es verhindert worden. Das geschah erst als wir draußen waren.) Ja eben, solange Sie in der Regierung waren, haben Sie nicht energisch genug die Bewaffnung der Arbeiter gefordert und für die Durchsetzung der Forderung durch die Massen gesorgt. (Beifall. Zuruf Haase: Wir haben sie gefordert, wenn wir nicht drinnen gewesen wären, wäre das alles früher gekommen.)

Doch weiter und schlimmer. Die unabhängigen Regierungsmänner haben dazu beigetragen, dass die politische Macht wieder verflog, zertrümmert wurde, die sich in den Arbeiter- und Soldatenräten zu bilden begann. Gewiss, eine Macht, die noch nicht reif war, die noch vielfach falsch gebraucht wurde, die es aber auszubauen, zu erziehen, zu schulen und unseren Zielen dienstbar zu machen galt. Unsere Freunde haben es geschehen lassen, dass der Zentralrat der A.- und S.-Räte aus einer entscheidenden Macht zu einer bloß beratenden wurde. Sie haben es befürwortet, dass der Kongress der Räte die Macht des Proletariats an die Nationalversammlung abdankte. Es spielt für die grundsätzliche Stellungnahme und Wertung keine Rolle, ob man dafür war, dass die Nationalversammlung zwei oder drei Monate früher oder später einberufen wurde. Maßgebend kann einzig und allein die Antwort auf die Frage sein: Welche Bedeutung kann eine solche Nationalversammlung unter den gegebenen Umständen haben? Kann sie ein Werkzeug der Befreiung für das Proletariat oder aber ein Werkzeug zur Wiederaufrichtung der Klassenherrschaft der Besitzenden sein?

Die Unabhängigen, und zwar nicht nur die Führer, auch ein Teil der Parteimassen, sind ein Opfer der falschen Fragestellung geworden: Demokratie oder Diktatur? So steht indessen in der Wirklichkeit die Frage nicht, so kann sie nur auf dem Papier stehen. Es steht Demokratie gegen Demokratie. Hier die leere bürgerliche formale, politische Demokratie; dort die blutstrotzende, kampffrohe proletarische, sozialistische Demokratie, die die wirtschaftliche Befreiung und Gleichberechtigung der Arbeiter zur Voraussetzung hat. Genossinnen und Genossen. Betrachten wir die Sache nach der andern Seite, so steht: Diktatur gegen Diktatur! Hier die Diktatur der besitzenden, ausbeutenden Klasse, der Bourgeoisie, dort die Diktatur des Proletariats. (Beifall.) Indem die Unabhängigen darauf verzichteten, offen die Diktatur des Proletariats durch die Macht der Räte zu proklamieren, haben sie die Bahn freigelegt für die Diktatur der Besitzenden, die durch das Blutregime ohnegleichen von Ebert-Scheidemann-Noske usw. ausgeübt wird. (Zuruf Haase: Letzter Rätekongress.) Sie wissen ganz genau, wie es mit der Diktatur des Rätekongresses ausgesehen hat. (Haase: Das Sollten Sie auch bedenken.) Das habe ich getan, indem ich verlangte, dass man immer und immer wieder an die Massen selbst appelliere, die Massen lebendig und aktionsfähig erhalte. (Lebhafter Beifall. Zuruf Haase Umgekehrt!”) Meinen Sie etwa, durch mehr oder weniger Regierungserlasse könnte der revolutionäre Kampf der Massen draußen ersetzt werden? (Haase: Nein! Nein!) Aber Ihre Aktionen waren nicht dazu angetan, die Massen zum Kampf zu wecken, zum Kampf zu rüsten, für ihn vorzubereiten.

Genossinnen und Genossen! Das habe ich auch dem Genossen Kautsky zu sagen betreffs seiner Ausführungen auf der internationalen Konferenz zu Bern und an andern Stellen. Der Weg zur wirklichen Demokratie führt das Proletariat über die Diktatur, die volle Demokratie steht am Ende der Diktatur. Das haben wir jederzeit betont, ebenso, dass die Diktatur des Proletariats nur eine vorübergehende Erscheinung ist, die sich selbst ihr Grab zu graben anfängt an dem Tage, an welchem sie in Kraft tritt. Denn vom ersten Tage ihres Daseins an zielt sie darauf ab, die wirtschaftliche Gleichberechtigung aller herbeizuführen.

Genossen und Genossinnen! Nun einiges über die auswärtige, über die internationale Politik der Regierung und unserer Freunde darin. Genosse Haase hat gestern betont, dass vom ersten Tage an sein Bestreben darauf gerichtet gewesen sei, wieder gute, freundschaftliche Beziehungen mit der Sowjetregierung herbeizuführen. Ich nehme das als selbstverständlich an. Sowie wir daran gehen, ein neues, ein sozialistisches Deutschland zu schaffen, müssen wir Bundesbrüderschaft suchen mit der einzigen sozialistischen Staatsmacht auf der ganzen Welt, Freundschaft mit dem sozialistischen Russland, das müsste die Losung für die Regierungspolitik sein, ganz gleich, oh die sozialistische Räterepublik unter Umständen ins Leben getreten ist, die der geschichtlichen Auffassung, dem Revolutionsschema irgendeines Theoretikers nicht entsprechen. Wir stehen vor der Tatsache, dass sich die revolutionäre Sowjetrepublik Russland trotz aller Bannflüche der Bürgerlichen und der Mehrheitssozialisten — Kautsky mit ihnen — anderthalb Jahre unter den schwierigsten Verhältnissen gehalten hat. (Beifall.)

Genossen und Genossinnen! Schon diese Tatsache widerlegt das Geschwafel, die Sowjetregierung sei nichts weiter als die Gewaltherrschaft einer Minderheit. Auch die gewalttätigste Minderheit kann nicht unter so ungeheuerlichen Gefahren und Riesenaufgaben anderthalb Jahre auf Bajonetten sitzen. Die Sowjetregierung wäre längst unmöglich, wenn sie nicht eine aufbauende Kulturarbeit des größten Stils geleistet hätte. Schon wirtschaftliche Interessen allein müssten unter allen Umständen Deutschland auf ein Bündnis mit Russland hinweisen. Doch davon abgesehen, sind wir als revolutionäre Sozialisten erst recht, sind wir zehnmal, hundertmal auf die Bundesbrüderschaft mit Sowjetrussland hingewiesen. Ich muss sagen, dass auch in dieser Beziehung die Haltung unserer Freunde in der Regierung mir nicht entschieden und kraftvoll genug gewesen ist.

Genosse Haase hat uns gestern die Umstände mitgeteilt, weshalb die Regierung davon absah, sofort diplomatische Beziehungen zur Räterepublik wieder aufzunehmen. Ich meine jedoch, man konnte aus diesen Umständen einen anderen Schluss ziehen als dass alles beim Alten blieb. Man hätte sich einfach mit der russischen Regierung darüber verständigen müssen, dass sie eine andre Persönlichkeit als Vertreter entsendet und von ihren Propagandaplänen abgesehen hätte. Weiter. Die Einladung, die Sowjetregierung möge zum Rätekongress in Deutschland einen Vertreter entsenden, wollten die Mehrheitssozialisten in der Regierung mit der Androhung einer Zwangsabschiebung des Gesandten über die deutsch-russische Grenze beantwortet haben. Unsere Freunde in der Regierung haben durchgesetzt, dass von einem derartigen Beschluss abgesehen wurde. Die brutale Drohung wurde durch eine mildre Form der Ablehnung und Abschiebung ersetzt. Die sozialistische Regierung beschloss — welch ein Erfolg! — dass sie der russischen Regierung anheim stelle, unter den gegebenen Umständen doch selbst von der Entsendung eines Delegierten abzusehen.

Genossen und Genossinnen! In diesem Falle bin ich ebenfalls wieder der Ansicht, dass das Vorgehen unserer Freunde nicht genügte. Lagen tatsächlich ernste Gründe dagegen vor, dass gerade der in Aussicht genommene Genosse nach Deutschland geschickt wurde, so war es doch nahe liegend, die russische Regierung aufzufordern, eine andere Persönlichkeit zu senden. Bei einer Ablehnung bei dem Widerstand der Mehrheitssozialisten gegen den Antrag unserer Genossen hätten diese sofort mit einem Protest in die Öffentlichkeit treten müssen.

Wie steht es ferner damit — ich weiß nicht, ob unsere Freunde auch dazu ihre Zustimmung gegeben haben — dass die 50 Waggon Getreide, die man aus Russland als Bekenntnis brüderlicher Solidarität mir dem deutschen Proletariat sendete, nicht angenommen, sondern über die Grenze zurückgeschickt wurden? Zurückgeschickt, während die Regierung vor Wilson um jeden Zentner Getreide geradezu winselte. (Zuruf.) Ich bin der Ansicht, dass die Regierung oft in recht demütiger Weise vor Wilson und der Entente um eine Erleichterung der Lebensmittelversorgung ”vorstellig” geworden ist — um mich parlamentarisch auszudrücken und nicht das Wort ”winselte” zu gebrauchen, (Haase: Es ist gewinselt worden und diese Winselei haben wir gebrandmarkt.) In der Öffentlichkeit ist nichts von eurer Brandmarkung bekannt geworden. Das ist Euer Fehler gewesen, dass Ihr Euch eingeredet habt, Eure Auseinandersetzungen mit den Mehrheitlern im Schoße der Regierung, ohne Öffentlichkeit hätten irgend welche belehrende, erzieherische, vorwärts treibende Kraft. Wenn es Protest zu erheben galt gegen eine Maßnahme, weil damit ein Ausdruck brüderlicher Gesinnung zurückgewiesen wurde. (Haase: Wir haben die 50 Waggon nicht angenommen, aber tragen Sie auch vor, mit welchem Begleitschreiben.) Ja, mit einem Schreiben, in welchem hingewiesen wurde auf den Notstand in Russland selbst. Es entspricht jedoch oft mehr der brüderlichen Gesinnung von einem armen Teufel den letzten Pfennig anzunehmen, als ihn zurückzuweisen und zu sagen: verwende ihn selbst. (Lebhafter Beifall.) Es kam nicht darauf an, wie Sie die Zurückweisung begründeten, sondern wie diese von dem russischen Volke empfunden werden konnte.

Ebenso habe ich mit den schmerzlichsten Gefühlen jenen Depeschenwechsel zwischen Genossen Haase und Joffe verfolgt, ob ja oder nein die USPD Gelder aus Russland empfangen und für die Zwecke der Revolution in Deutschland verwendet habe. Mir waren Genosse Haases Telegramme um so beschämender, als er beteuerte, die Zentralleitung der USP habe kein Geld angenommen, während Genosse Barth zugab, er persönlich habe Beträge für die Revolution empfangen, von denen er annehmen musste, sie stammten von den russischen Sozialisten. (Zwischenrufe.) Ach, wir wollen uns in der Frage doch nicht auf den kleinlichsten organisationstechnischen Standpunkt stellen, welche ”Instanz” die russische Unterstützung erhalten habe. Es ist wirklich ganz gleich, ob Genosse Barth gesagt hat, dass die Unterstützung nicht offiziell der Zentralleitung überwiesen wurde, dass se nur ”offiziös” war. (Zuruf Haase: Wir wollten de historische Wahrheit feststellen.) Das Schmerzliche finde ich in der Tatsache, dass man sich gegen das Selbstverständliche verwahrte, dass die verschiedenen sozialistischen Parteien einander brüderliche Hilfe leisten. (Zuruf Haase: Wir haben uns nicht dagegen verwahrt, wir haben nur die Tatsachen richtig gestellt.) Ich habe darüber eine andre Meinung, und was Sie dagegen schreien, hat mich noch nicht überzeugt dass Sie recht gehandelt haben.

Genossen und Genossinnen! Ich meine, die wiederholte Schwächlichkeit des Verhaltens zur sozialistischen Sowjetregierung steht in einem inneren Zusammenhang mit der ganzen internationalen Politik der Partei. Gewiss, innerhalb der USP ist man von Anfang an bestrebt gewesen, die sozialistische Internationale wiederherzustellen. Aber wie! Man ist nach Zimmerwald gegangen, aber es besteht die Tatsache, dass dort gerade die deutschen Delegierten den rechten Flügel repräsentierten und sich dagegen wehrten, dass zur Frage der Landesverteidigung eine ganz klare Stellung eingenommen wurde. Diese Tatsache steht fest und auch diese andere: Nachdem man in Zimmerwald erklärt hatte, dass auf den Grundsätzen des internationalen Sozialismus eine neue sozialistische Internationale aufgebaut werden müsse, dass eine Verständigung mit den Sozialpatrioten aller Länder nicht möglich sei, ist man trotzdem nach Stockholm gegangen. Allerdings nicht zusammen mit den deutschen Sozialpatrioten, wohl aber nach ihnen. Ich finde dieselbe Inkonsequenz der Haltung darin, dass die USP jetzt nach Bern gegangen ist. Ich werde jeden ernsten Versuch begrüßen, die Fäden der Verbindung zwischen den Proletariern aller Länder wieder anzuknüpfen. Sie müssen sich zusammenfinden. Aber die Frage taucht sofort auf: Auf welcher Grundlage sollen sie sich vereinigen? Die Antwort darauf ist das Ausschlaggebende.

Genossen und Genossinnen! Die Berner Konferenz ist in der Hauptsache eine Konferenz verschieden gefärbter Sozialpatrioten, eine Konferenz internationaler Sündenvergebung gewesen. (Beifall.) Es haben sich dort — von den Neutralen abgesehen — mit der USP die Sozialpatrioten aller anderen Länder zusammengefunden, die wie die deutschen Mehrheitler die Kriegspolitik ihrer Regierungen unterstützt haben. Das kommt für die englische Delegation deutlich in der Tatsache zum Ausdruck, dass Henderson ihr Führer war, an dem doch Lloyd Georges Imperialismus lange eine Stütze hatte. Und wie verlief die Konferenz? In der Hauptsache hat man dort konjugiert: Ich bin ein Sünder; du bist ein Sünder; er, sie, es ist ein Sünder; wir alle sind Sünder! (Lachen und Beifall.) Umarmen wir uns, und die Internationale ist wieder fertigt Nein, Genossen und Genossinnen! Wenn wir die Internationale wieder aufrichten wollen — und sie muss sein —, ich fühle, dass sie schon vor der Tür steht, so müssen wir sie auf ganz anderer Grundlage aufbauen als die alte Internationale.

Die alte Internationale ist in Schmach und Schande auf den imperialistischen Schlachtfeldern verröchelt. Sie kann nicht galvanisiert werden, auch nicht durch die schönsten Resolutionen. Es gilt, eine neue Internationale aufzubauen auf der Grundlage des entschiedenen Bekenntnisses und des entschiedenen Handelns als internationale Sozialisten. Eine Internationale nicht der Resolutionen, sondern der Tat. Es ist unmöglich, dass sich die Sozialisten der Welt mittels papierner Resolutionen vereinigen können, solange sie in den einzelnen Ländern noch die Kriegspolitik ihrer Regierungen mitmachen, solange es noch in England und Frankreich große Teile der Arbeiterschaft gibt, die die Kriegspolitik der Lloyd George und Clemenceau stützen, in Deutschland Proletariermassen, die hinter Ebert-Scheidemann und ihrer ”Grenzschutzpolitik” herlaufen. Mit diesen Elementen ist eine internationale Vereinigung unmöglich. Eine Internationale ist nur möglich, wenn auf der ganzen Linie sofort nicht durch Worte, sondern durch Taten der Kampf des revolutionären Proletariats zur Überwindung des internationalen Imperialismus und Kapitalismus aufgenommen wird. (Beifall.)

Und in der Zeit, in der wir jetzt leben, ist im Besonderen ein Zusammenarbeiten mit den deutschen Mehrheitssozialisten schon wegen einer Tatsache ausgeschlossen: nicht nur wegen der ungeheuren Blutschuld der Vergangenheit, sondern wegen der ungeheuren Blutschuld der Gegenwart. Blut von Massenmorden, von Meuchelmorden der kühnsten, besten revolutionären Kämpfer klebt an den Händen der Mehrheitssozialisten In welcher Eigenschaft denn sind die Wels und Genossen nach Bern gegangen? Doch nicht als Vertreter einer aufrechten sozialistischen Klassenpolitik, nein, als die Beauftragten der Regierung, die eine ausgesprochen bürgerliche Klassenpolitik treibt. (Zuruf: Die Blut an den Händen hat.) Selbstverständlich, das ist die letzte Konsequenz davon. Doch von diesem Letzten, Unverzeihlichen abgesehen, ist es die ganze Politik, die die deutschen Sozialpatrioten ausschließen müsste von einer Gemeinschaft, die wirklich internationale sozialistische Politik treiben will. Deshalb sage ich, die Leitung der USP hat durch ihr Verhalten zur Berner Konferenz nicht den Aufbau einer Internationale der Tat vorbereitet. Umgekehrt, sie hat ihn geschädigt, indem ihr Verhalten bei den Massen den Glauben erweckt hat, dass die II. Internationale noch lebenskräftig sei und weiter wirken könne. Außerdem hat der Gang nach Bern die Massen in die täuschende Meinung versetzt, als ob die Mehrheitssozialisten trotz ihrer Riesenschuld wieder in den Bund der Sozialisten aller Länder aufgenommen worden seien. Es genügte nicht, Wels und Genossen dort moralisch abzustrafen. Ein entschiedener, unverwischbarer Trennungsstrich zwischen der Aktion jener und unserer eigenen Aktion musste gezogen werden. Ein solcher trennender Strich ist nicht gezogen worden. Das täuscht die Massen.

Jedoch auch in anderer Beziehung haben die Vertreter der USP in Bern unterlassen, den nötigen scharfen Trennungsstrich zu ziehen. Ich meine den Trennungsstrich zwischen uns und Wilsons Nationalitätenbund. Auch auf der Konferenz zu Bern sind Illusionen darüber zum Ausdruck gekommen. Wir haben gründlich den Aberglauben zu zerstören, als ob Wilsons Nationalitätenbund der Keim sein könnte, aus dem die neue Internationale hervor wachsen wird. Der künftige Völkerbund, der die Menschheit sein wird, kann nur erwachsen auf dem Boden des revolutionären Sozialismus, er kann nur die sozialistische Internationale sein. Diese Auffassung ist von der Konferenz durch die Vertreter unserer Partei nicht entwickelt worden. Umgekehrt! Ihre Ausführungen sind geeignet, bei den Massen die Illusion zu erwecken, als ob von dem Nationalitätenbund etwas für die Verständigung der Völker, für den Weltfrieden zu hoffen sei. Man hat mehr an Wilson geglaubt als an Karl Marx.

Genossinnen und Genossen! Auf der internationalen Konferenz zu Bern tauschte man zwar nicht schon den Bruderkuss mit den Sozialpatrioten, doch hielt man sich auch nicht in der gebotenen Entfernung von ihnen. Man zeigte Entgegenkommen für bürgerliche Illusionen und rückte nicht entschieden von ihnen ab. Dagegen versuchte man unter hervorragender Mitwirkung Kautskys, nach der andern Seite hin einen scharfen Trennungsstrich zu ziehen, nämlich gegen unsere russischen Freunde, die Bolschewiki. Kautsky hat in Bern seinen Einfluss gebraucht, um möglichst eine scharfe Kritik an den Bolschewiki, ja ihre Verurteilung herbeizuführen. Gewiss haben wir das Recht, ja die Pflicht zur internationalen Kritik. Aber was wir in Bern gehört haben, das war zum erheblichen Teil statt unbefangener Prüfung eine vorgefasste Meinung. Dabei hat sich Genosse Kautsky hervorgetan. Er hat den Bolschewiki noch immer nicht verziehen, dass sie als Sozialisten gehandelt haben, als andere feig schwiegen; dass sie Geschichte gemacht haben, wie sie Geschichte machen mussten unter den gegebenen Umständen und nicht nach seinem eigenen Schema. Genosse Kautsky hat auch gegen die Resolution Adlers gestimmt. Die andere Resolution, so wird man einwenden, sprach ja auch keine unmittelbare Verurteilung der Bolschewiki aus. Darauf kommt es nicht an. Sie war durchaus ungenügend nach all der ungerechten und zum Teil gehässigen Kritik, die gerade auch Genosse Kautsky an den Bolschewiki geübt hatte. Nebenbei: Seine Kritik ist um so auffälliger, als er kein Wort der Kritik gegen die Menschewiki gefunden hat, als diese im Bund mit den bürgerlichen Demokraten die Bolschewiki in schärfster Weise verfolgten und sozialistische Grundsätze preisgaben. Wenn die Proletarier aller Länder von dem Kampf und dem Leben der Brüder, der sozialistischen Parteien lernen sollen, so müssen auch alle Erscheinungen und Abschnitte des Kampfes mit der gleichen Objektivität durchleuchtet und kritisiert werden.

Wir, die wir auf dem Boden des internationalen Sozialismus stehen, können uns nun und nimmer mit der Berner Konferenz solidarisch erklären. Wir müssen fordern, dass das Werk der Zimmerwalder Konferenz fortgesetzt wird. Alle auf dem Boden des revolutionären Sozialismus stehenden Parteien und Arbeiterorganisationen müssen zusammengeführt werden. Nicht um eine Internationale zu errichten, die wie die alte eine Fabrik schöner Beschlüsse und glänzender Demonstrationen ist, nein, eine Internationale, die die Solidarität des Handelns zur Voraussetzung für die Führung des Klassenkampfes hat. Das ist um so notwendiger, als wir nur durch die Weltrevolution aus der gegenwärtigen Situation herauskommen können. (Beifall.) Nicht papierene Formeln und Eide, nicht die mehr oder weniger erneuerte Moral, nicht der Gerechtigkeitssinn der Ententeregierungen wird den Völkern einen dauernden Frieden sichern. Nein, der dauernde Friede für Deutschland, für die Welt kann nur kommen als Frucht der Weltrevolution. Nur dadurch, dass die rote Internationale des Sozialismus der goldenen Internationale des Imperialismus und Kapitalismus entgegengestellt wird. (Lebhafter Beifall.)

Genossinnen und Genossen! Zu diesem Ziel ist es notwendig, dass wir in Deutschland alles daransetzen, die Revolution nicht versickern zu lassen, sondern weiter zu treiben. Vorwärtszutreiben mit aller Kraft, mit grundsätzlicher Klarheit, mit höchster Zielentschlossenheit. Ein wirklich revolutionäres neues Deutschland wird ein erfolgreicher Erwecker des Proletariats in den Ententestaaten sein. Es ist hier wiederholt und auch draußen im Lande ausgesprochen worden, dass die kritisierte Betätigung der USP, dass die Schwäche ihrer Aktionen die Schuld führender Persönlichkeiten sei. Ich vermag diese Auffassung nicht zu teilen, wenngleich es unbestritten ist, dass die Politik der Partei der Auffassung mancher Führer entspricht. Die Politik der USP ist letzten Endes gegeben durch das innere Wesen der Partei selbst. (Sehr richtig!) Wie jedes Volk die Regierung hat, die es sich gefallen lässt, so hat jede Partei die Führung, die ihrem innersten Wesen entspricht.

Wir stehen der Tatsache gegenüber, dass die USP ein Abfallprodukt ist des geschichtlichen Zersetzungsprozesses, der geschichtlichen Auflösung der alten deutschen Sozialdemokratie. Sie ist ins Leben getreten erblich, konstitutionell belastet mit den Elementen, die zum Verfall und zur Zersplitterung der alten Sozialdemokratie geführt haben. Sie trägt in ihrem Schoße die gleichen Gegensätze wie jene. Eine Auffassung strebt nach Geltung, die den Sieg des Proletariats, die Verwirklichung des Sozialismus von einer langsamen allmählichen reformerischen Umgestaltung der Gesellschaft erwartet und im Bunde mit dem Bürgertum wirken will, auch um den Preis von Konzessionen an dieses. Da ist die andere Richtung, die im revolutionären Kampf, in raschem Tempo den Umsturz der Gesellschaft nicht nur für wünschenswert, sondern für notwendig, unvermeidlich erachtet. Sie will kein Bündnis mit den besitzenden Klassen, vielmehr die proletarische Diktatur über sie. Der Gegensatz der Meinungen ist vorhanden, und er lähmt nach beiden Seiten hin die Aktion. Ich verweise auf zwei Aussprüche. In Nummer 1 oder 2 des ”Sozialist” schreibt Genosse Breitscheid: ”Wir müssen die Grenzen gegen links und gegen rechts abstecken und dabei im Auge behalten, dass uns von den Spartakusleuten ein Prinzip und von den Mehrheitssozialisten die Methode und das Tempo der Verwirklichung eines Prinzips trennen.” Genosse Kautsky beklagt es in der gleichen Nummer, dass nicht schon am 9. November sich unsere Freunde mit den Mehrheitssozialisten geeint hätten. Vergleichen wir diese beiden Meinungsäußerungen mit der Kritik, die in Versammlungen und Artikeln an der Haltung der USP geübt worden ist, mit der Kritik, wie sie auch in meinen Ausführungen zu Wort kam. Wir haben dann die beiden Gegensätze scharf ausgedrückt vor uns.

Wir stehen jetzt vor der Frage: Können diese Gegensätze überbrückt werden? Ich stehe nicht an zu antworten: Nein, sie sind unüberbrückbar, weil es Gegensätze der grundsätzlichen Auffassung über die geschichtliche Entwicklung und ihre Bedingungen sind. Solche Gegensätze können nicht vereinigt werden durch die schönsten Resolutionen. Papier ist keine Brücke, die von der Auffassung auf der einen Seite zu der Auffassung der anderen Seite führt. Papier ist kein granitner Quader, und Druckerschwärze und Buchstaben sind nicht eiserne Pfeiler und Tragebogen. Ich meine, wenn auf diesem Parteitag der revolutionäre Sozialismus triumphieren soll, wenn wir zu einer zielklaren, grundsätzlichen Auffassung, zum entschlossenen energischen Handeln vorwärts wollen, so kommen wir über die schwere Notwendigkeit nicht hinweg, einen scharfen trennenden Strich zwischen rechts und links ziehen zu müssen. (Bravo.) Es wird sich sonst wiederholen, was sich in der alten Partei begeben hat.

15 Jahre lang ungefähr ist da der Kampf zwischen rechts und links gegangen, 15 Jahre hat man alles darangesetzt, die Partei von innen heraus zu erneuern, ihrer Mauserung zu einer verbürgerlichten, nationalistischen, reformlerischen Arbeiterpartei entgegenzuwirken. Die Linke hat unter den Massen, hat in der Presse, auf Parteitagen, in den ”Instanzen” für ihre Auffassung gestritten. Die schönsten radikalen Resolutionen sind gefasst worden. Und das Resultat? Die Politik der Sozialdemokratie ist immer bürgerlicher, opportunistischer geworden. Der Verfall der Rechten war nicht aufzuhalten, der Bankrott bei Kriegsausbruch bestätigte ihn, machte ihn allen offenbar. Schließlich wurde der Austritt der Linken, die Spaltung der Partei unvermeidlich Eines hat sich bei dieser Entwicklung gezeigt, es scheint Gesetz der Geschichte zu sein. Der Tod ergriff das Leben, die Auffassung der Rechten wirkte zurück, degenerierend. lähmend, zersetzend auf die Linke und ihre Aktionskraft.

Wir haben das erlebt. Trotz des schmählichen Bankrotts der Sozialdemokratie und der Lehren des Weltkrieges hat es fast zwei Jahre gedauert, ehe die Linke sich von der Tradition und der Macht einer äußeren Disziplin frei machte und in offene Rebellion gegen die Mehrheit trat. Und auch dann ist sie nicht mit der vollen nötigen grundsätzlichen Schärfe und taktischen Wucht in Aktion getreten. In ihr wiederholt sich die Entwicklung der Partei, von der sie stammt.

Genossinnen und Genossen! Gestatten Sie mir ein persönliches Wort. Obgleich ich nicht liebe, Persönliches vor die Öffentlichkeit zu ziehen: Mich stellt die Situation vor die schwerste und bitterste Entscheidung meines Lebens. Wie die Dinge liegen, erkläre ich offen: Für mich persönlich ist ein weiteres Zusammengehen mit der Rechten in der USP ein Ding der Unmöglichkeit. Ich sehe mich vor die Notwendigkeit gestellt, die Grenzlinie zwischen jener Richtung und mir mit der äußersten Schärfe zu ziehen. Fast seit 40 Jahren kämpfe ich für das sozialistische Ideal. So alt ich bin — und ich habe vielleicht nicht mehr viele Tage vor mir —, will ich doch die Zeit, in der ich noch wirken kann, dort stehen, dort kämpfen, wo das Leben ist, und nicht dort, wo mir Zersetzung und Schwäche entgegenstarren. Ich will mich nicht lebendigen Geistes vom politischen Tod anhauchen lassen. (Bravo) Aber es handelt sich nicht um einzelne Personen. Für die Gesamtheit der Genossen ist die Schicksalsfrage gestellt: Trennung von denen, die ihrer Auffassung nach zu den Mehrheitssozialisten neigen, Trennung von ihnen, die letzten Endes auf dem gleichen grundsätzlichen Boden stehen wie jene und jederzeit bereit sind, mit ihnen zu paktieren.

Ein Verkleistern und Vertuschen der Gegensätze kann jahrelang die Partei zusammenhalten. Es kann bei diesem Stand der Dinge manches gewirkt werden. Jedoch nur in einer Zeit der friedlich-evolutionären Entwicklung. Aber wir stehen nicht in einer solchen Zeit. Wir stehen in einer Periode der Revolution, die uns die schärfsten, schwersten Kämpfe bringen wird. Die nächste Zukunft wird von dem Steigen und Verebben der revolutionären Flutwelle beherrscht werden. In einer solchen Zeit darf keine große Stunde ein kleines Geschlecht finden. Da bedürfen wir ganzer Menschen, die sich jederzeit ganz einsetzen. Und das können sie nur tun auf Grund ganzer Losungen. Ein Hüben und Drüben nur gibt es: Kapitalismus oder Sozialismus. Kein Paktieren irgendwelcher Art.

Genossinnen und Genossen! Es ist notwendig, dass der Parteitag Stellung nimmt, dass er eine klare, unzweideutige Entscheidung fällt, im Hinblick auf die Massen, denen wir klare, ganze Losungen geben müssen. Die Ebert und Noske meinen, die Revolution niederkartätscht zu haben. Die Besitzenden frohlocken, weil sie meinen, die Revolution habe sich aus einer Löwin in ein zahmes Salonhündchen verwandelt, das gutbürgerlich stubenrein ist, dem feinen Besucher brav wedelnd ein Pfötchen reicht, den Mann im schlechten Kittel anknurrt. Ja, dank der verräterischen Rolle der Mehrheitssozialisten wähnen die bürgerlichen Parteien, die Revolution in Weimar einsargen zu können. Aber die Revolution ist lebendiger als je. Wir stehen auf einem Vulkan. Unaufhörlich brodeln die feurigen Kräfte unter unsern Füßen. Wenn sie sich jetzt in einem gewaltigen Ausbruch nicht entladen, so treten sie doch in Erscheinung in Gestalt der nicht abreißenden Streiks. Genosse Barth hat ja erklärt, als er meuternde Lohnsklaven zur Arbeit für ihre Herren zurückführen wollte, dass die Revolution nicht zur Lohnbewegung erniedrigt werden dürfe. Die Lohnbewegungen aber werden heute durch die geschichtliche Situation zu revolutionären Kampfhandlungen erhoben. Was tritt m den Streiks zutage? Nicht bloß der alte gewerkschaftliche Inhalt von früher, sondern auch die veränderte Psyche breiter Arbeitermassen. Sie haben durch die ”Konjunktur” des Krieges erfahren, dass sie für die Wirtschaft, für den Kapitalismus unentbehrlich sind, und sie wollen sich nicht mehr unter allen Bedingungen ausbeuten lassen. Sie rebellieren nicht mehr gegen Einzelheiten ihrer Ausbeutung, sondern gegen die Ausbeutung selbst. Der Bestand der kapitalistischen Wirtschaft hat aber nicht nur zur Voraussetzung Produktionsmittel und Kommandogewalt in der Hand Eines oder Weniger, sondern auch Anerkennung der Kommandogewalt, Unterwerfung unter die Machtmittel seitens der Vielen. Die Willigkeit ist den Massen abhanden gekommen, sich ausbeuten zu lassen. In den Streiks kommt elementar ein unklares, unbewusstes Auflehnen und Meutern gegen die kapitalistische Wirtschaft selbst zum Ausdruck. Diese Streiks sabotieren die bürgerliche Ordnung an ihrer Grundlage. Als internationale Sozialisten haben wir die Aufgabe, diesen revolutionären Streiks Richtung und Ziel zu geben, all die emporsprudelnden vielen kleinen Wasserläufe zusammenzuleiten, zum großen, gewaltigen Strom werden zu lassen. Aus unklaren Meutereien von Sklaven, die ihre Ketten brechen wollen, muss der zielklare Kampf eines revolutionär denkenden und handelnden Proletariats werden. Die Voraussetzung dafür, dass wir diese Aufgabe lösen können, ist die Klarheit der grundsätzlichen Idee. Klarheit der Idee, das bedeutet Macht der Idee, Kraft und Entschiedenheit der Tat. Wir bedürfen der Macht der Idee, damit wir uns nicht damit begnügen, mit den Philosophen zusammen beschaulich die Welt anders zu erklären. Wir bedürfen der Macht der Idee, um die Welt zu verändern. Wenn die Klarheit und die Macht der Idee bei uns sind, werden auch die Entschlossenheit und Kühnheit der Tat bei uns sein. Die politische Macht wird uns zufallen, weil die proletarischen Massen zu uns stehen und mit uns kämpfen werden. Es wird sich dann erfüllen, was Marx gesagt hat: ”Die Theorie wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift!”1 (Bravo, lebhafter Beifall auch auf den Tribünen.)

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