Clara Zetkin 18890000 Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart

Clara Zetkin: Die Arbeiterinnen- und Frauenfrage der Gegenwart

[Broschüre, Berlin 1889. Die Zwischenüberschriften in eckigen Klammern [ ] standen im Inhaltsverzeichnis der Broschüre mit Seitenangabe, aber nicht im Text selbst, so dass ihr genauer Ort unklar ist. Die Zwischenüberschriften ohne Klammern standen in der Broschüre im Text, aber nicht im Inhaltsverzeichnis.]

I.

Die Umwälzung in der wirtschaftlichen Stellung der Frau

[Die bisherige Abhängigkeit und Geringschätzung der Frau als Folge der wirtschaftlichen Verhältnisse]

Von den Perioden der Völker abgesehen, wo der Frau das „Mutterrecht” soziale Machtstellung einräumte, war die Lage des weiblichen Geschlechts stets die von Unterdrückten, von Menschen zweiten Grades, Wesen einer untergeordneten Gattung. Die Selbstsucht des Mannes, die brutale Gewalt der Stärkeren hielten die Frau und die Entwicklung ihres sozialen Einflusses in eiserne Ketten geschlagen, über welche die landläufige Heuchelei durch gefühlvoll poetische Firlefanzereien und durch leeres Phrasengebimmel von der „Würde der Hausfrau” und dem Reichtum ihres inneren Lebens zu täuschen suchen.

Die Lage der Frau befand sich stets in Übereinstimmung mit der Lage der produktiv tätigen Masse des Volkes, wie diese war sie eine abhängige und rechtlose. Pflichten und Rechte der römischen „Matrone” entsprachen im Wesentlichen denen der antiken Haussklaven. Die Stellung der mittelalterlichen „minniglichen Herrin”, der züchtigen Hausfrau, unterschied sich in Nichts von der ihrer leibeigenen Mägde. Die moderne Frau ist in Nichts besser, in vielem schlechter daran als der moderne Lohnarbeiter. Wie dieser ist sie ausgebeutet und rechtlos, ja in den meisten Fällen doppelt ausgebeutet und doppelt rechtlos.

Es kann dies nicht anders sein, denn die Stellung der Frau entspringt nicht aus gewissen ewig gültigen Ideen, aus einer unabänderlichen Bestimmung für den von sentimentaler Sehnsucht erfundenen „natürlichen Beruf des ewig Weiblichen”, sondern sie ist eine Folge der gesellschaftlichen, auf den Produktionsverhältnissen fußenden Zustände einer gegebenen Zeit. Diese Zustände, welche der Frau in den verschiedenen Geschichtsperioden aus wirtschaftlichen Notwendigkeiten eine gewisse Stellung anweisen, ziehen dann ihrerseits zugleich gewisse Ideen groß über die gesellschaftliche Rolle des weiblichen Geschlechts, Ideen, die einfach den Zweck haben, das tatsächlich Bestehende zu beschönigen, als ewig notwendig zu erweisen und zum Nutzen derer, denen die herrschenden Verhältnisse zu Gute kommen, aufrecht zu erhalten.

Die gesellschaftlich untergeordnete Stellung der Frau stammt aus der Zeit, wo der erobernde Krieger das geraubte Weib zu seinem ersten Privateigentum, zu seinem vorzüglichsten Arbeitsinstrument, seiner vornehmsten Produktivkraft machte, wo er es — unter dem Vorwande des Schutzes während der Schwangerschafts- und Stillungsperiode — übernahm, die Sorgen für die gemeinsame Existenz, die Beziehungen zu der Umgebung allein zu tragen. Der Mann legte damit den Grund zu der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Abhängigkeit der Frau, den Grund auch zu der sich vollziehenden widersprüchlichen Teilung der Arbeit in eine (erobernd-)erwerbend-verteidigende und eine produktiv-erhaltende Tätigkeit, von denen erstere dem Manne, letztere der Frau zufiel. Es war dies der Keim zu dem eigentlich längst überlebten, aber festgewurzelten Vorurteile, dass „die Welt das Haus des Mannes, das Haus die Welt der Frau sein solle.”

Sitte und Religion zögerten nicht, das, was die Gewalt geschaffen, durch den Schein eines ewigen Rechts zu heiligen. Die Schwäche und Rückständigkeit der Frau ward im Laufe der Jahrhunderte zu einem gesellschaftlichen Dogma, zu einer unumstößlichen Grundanschauung erhoben, auf der sich ein ganzes System der körperlichen, geistigen und moralischen Unterdrückung aufbaute. Sehr viel hat auch das Christentum zur Verkrüppelung und Knechtung des weiblichen Geschlechts beigetragen. Von dem Märchen des Sündenfalles durch Evas Schuld, von der Lehre der Askese (der sinnlichen Enthaltsamkeit), welche die Frau als das sündhafte, teuflische Prinzip, als das mächtigste Hindernis auf dem Wege der Gottseligkeit erschienen ließ, wurde die Unwürdigkeit, der geringere Wert des Weibes hergeleitet, damit zugleich die Pflicht von deren Gehorsam dem Manne gegenüber.

Wie die teleologische Weltauffassung den Ochsen zu dem Zwecke vom Schöpfer hatte erfinden lassen, dass der Mensch Beefsteaks essen und rindslederne Stiefel tragen konnte, so kannten die weisen Philosophen und Gesetzgeber für die Entwicklung und Rolle der Frau keinen anderen Zweck als zur Annehmlichkeit des Menschen par excellence, d.h. des Mannes da zu sein, die Rolle fortzupflanzen und Haussklavendienste zu leisten.

Die gesamte Entwicklung der Frau strebte einseitig und ausschließlich auf das eine Ziel zu: die unter dem Schutz und der Verantwortung des Mannes geübte Tätigkeit in und zu Gunsten der Familie.

Innerhalb dieser eng begrenzten Sphäre war die Frau die vornehmste Produktivkraft des gemeinsamen Haushalts, sie war mit Aufgaben überlastet, welche auf das Gedeihen und die Entwicklung der Familie hinzielen; sie erhielt jedoch nur die Pflichten ihrer Stellung zuerteilt, nicht deren Rechte. Der Mann war sozusagen der verantwortliche Familien-Unternehmer, welcher die Arbeitskraft des Weibes um den Preis von dessen lebenslänglicher Erhaltung ausbeutete.

So lange die Produktion nun auf die alten, unvollkommenen Arbeitsmittel angewiesen war, konnte die Frau den Kreis ihrer Tätigkeit nicht erweitern. Sie war durch die primitive Teilung der Arbeit an das Haus gefesselt worden, sie blieb durch die Art und Weise der Produktion an dasselbe gefesselt. Die alte Produktion war so mühevoll, zeitraubend und wenig ausgiebig, dass Zeit und Kraft der Frau von der Herstellung der meisten für den Familienunterhalt notwendigen Gebrauchsartikel voll und ganz in Anspruch genommen ward. Das Ansehen, welches der alten Hausfrau trotz ihrer öffentlich rechtlosen Stellung gezollt ward, erklärte sich darum auch aus wirtschaftlichen Gründen und war durchaus gerechtfertigt; es galt nicht der Frau als solcher, sondern der hervorragenden, unentbehrlichen Arbeitskraft in der Familie, welche Güter erzeugte, die von anderen Kräften damals nicht erzeugt werden konnten.

In den letzterwähnten Verhältnissen liegt der tief greifende, wesentliche Unterschied zwischen der Rolle der Hausfrau von ehemals und von heute. Die bescheidene Rolle der ersteren ward durch das Vorhandensein der alten wirtschaftlichen Lebensbedingungen gerechtfertigt, die Rolle der letzteren ist längst schon zu einem wirtschaftlichen Anachronismus geworden, dem jede Berechtigung fehlt, da mit der Veränderung der Produktionsweise dem Manne und der Frau ganz andere Rollen draußen im Wirtschaftsleben und drinnen in der Familie zufallen.

Die unentbehrliche Erzeugung von Konsumartikeln durch die weibliche Produktionskraft innerhalb der Familie ist auch die Ursache, weshalb es früher keine Frauenfrage gab und keine geben konnte, so lange die alten Produktionsbedingungen in Kraft standen. Es konnte früher wohl von einer gradweisen Hebung der Lage der Frau in dem oder jenem Sinne die Rede sein, aber nicht von einer Frauenfrage im modernen Sinne des Wortes, von einer Erschütterung der ganzen Grundlage ihrer Stellung, da mit derselben das ganze damalige Leben, die ganze damalige „Kultur” bis ins Innerste erschüttert worden wäre. Die Frauenfrage ist vielmehr wie die moderne Arbeiterfrage ein Kind der durch die Anwendung von mechanischen Werkzeugen, von Dampfkraft und Elektrizität revolutionierten Industrie, der Großproduktion. Sie ist weder eine politische noch sittliche Frage (obgleich sie politische und moralische Elemente in sich schließt), sondern eine ökonomische Frage.

Die Frau musste als Haussklavin an ihren alten Kreis gefesselt bleiben; der Gedanke an ihre Emanzipation konnte nicht aufkommen, bis nicht die Maschine als Heiland auftrat und mit dem Dröhnen und Stampfen ihres Räderwerks das Evangelium von der Menschwerdung, der wirtschaftlichen Verselbständigung der Frau verkündete. In dem Maße, als sich die moderne Industrie entwickelte, als sie durch Dampf und Mechanik die Produktion leichter, schneller und ausgiebiger, die Produkte billiger machte, musste der Frau ein Zweig ihrer alten produktiven Tätigkeit im Hause nach dem anderen entzogen werden.

[Die Großindustrie und die Umwälzungen in der wirtschaftlichen Stellung der Frau, ihre wachsende Loslösung von der Familientätigkeit]

Schritt für Schritt mit der Haus- und Kleinindustrie musste auch die Familienindustrie der Frau zu Grunde gehen. Die Großproduktion lieferte alle Bedarfsartikel des Haushaltes zu so billigen Preisen, dass sich deren Erzeugung innerhalb der Familie mittels der unvollkommenen Werkzeuge der Zwergwirtschaft, als eine Vergeudung von Zeit und Kraft herausstellte. Die Rolle der Hausfrau aus der guten alten, großmütterlich-idyllischen Zeit verlor damit ihre wirtschaftliche Bedeutung und Berechtigung. Ohne jede „Wühlerei Dritter” ist die für den Hausbedarf Werte erzeugende „gute alte Hausfrau”, welche ihre Seife kocht, ihre Lichte zieht, ihren Essig aus Fruchtabfällen gewinnt, welche spinnt, webt, färbt, schneidert, strickt, häkelt, stickt, bäckt und schlachtet, immer mehr zu einer kulturgeschichtlichen Merkwürdigkeit zu einer wirtschaftlichen Versteinerung geworden. Textilindustrie und Konfektionsgeschäfte sorgen für alle Bekleidungsgegenstände, große Konsumgeschäfte entheben die Frau der Vorbereitung und vielfach auch der Zubereitung von Mundvorräten, des Einmachens der Früchte und Gemüse, des Einsalzens des Fleisches etc., Die moderne Industrie liefert dank der Großproduktion alle Gebrauchsgegenstände zu einem Preise, der oft hinter demjenigen zurücksteht, mit dem die Frau das Rohmaterial zahlt, dem sie dann ihre Kraft und Zeit zur Herstellung noch zusetzen müsste. Das Waschen und Plätten der Wäsche in der Hand von Spezialistinnen ist zu einer, mehr oder weniger im Großen und mittels Maschinen betriebenen Industrie geworden, und die wirtschaftliche Fortentwicklung arbeitet darauf hin, selbst die Herstellung und Fertigstellung der Nahrungsmittel aus der Familie in die Gesellschaft zu verlegen.

Viele vor hundert Jahren noch unbekannte Industriezweigen, eine Anzahl mechanischer Werkzeuge haben der Frau bereits einen großen Teil der Küchenarbeit abgenommen, und die Errichtung großer gemeinsamer Dampfküchen, die Einführung von Zentralheizung und Zentralbeleuchtung wird die angebahnte Emanzipation vom Kochtopfe zu Ende führen.

Die Entwicklung der Produktionsmittel zerstörte also die ökonomische Basis für das Wirken der Frau innerhalb der Familie, zugleich schuf sie aber auch die Bedingungen für die Tätigkeit der Frau in der Gesellschaft, draußen auf dem „Markt des Lebens”.

Die Frau der Bourgeoisie verwendete, als der „Haushalt” nicht mehr den reichen Inhalt hatte wie früher, ihre freigewordene Zeit nach und nach ausschließlich auf Vergnügungen und Genüsse, ausnahmsweise auch auf ernste geistige Beschäftigungen, auf Aneignung einer gründlichen Bildung, auf Übung des Wohltätigkeitssports. Im Allgemeinen spielt sie im gesellschaftlichen Leben seit der großen Umwälzung der ökonomischen Bedingungen die Rolle eines Luxusartikels, eines Lusttiers.

Die Frauen und Mädchen des Mittelstandes wurden durch den Zusammenbruch ihrer alten Existenzbedingungen auf den Erwerb hingewiesen; sie wandten sich, wenn irgend möglich, den so genannten liberalen Berufen (der Lehrtätigkeit, der Krankenpflege usf.) und den Industrien zu, welche an die Kunst streifen. Es war nicht der Wissensdrang, nicht die plötzlich den blinden Augen aufgegangene Erkenntnis von der geistigen Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts, welche die Bildungsbewegung der Frauen erzeugte; es waren im Wesentlichen die umgewandelten ökonomischen Verhältnisse, die Frage nach dem Stück Brot, das für den Fall gesichert werden musste, wo sich nicht in der Gestalt eines Mannes ein Ernährer fand. Die Bildungsbewegung der Frauen hat sich Schritt für Schritt und parallel mit dem Untergange des Mittelstandes entwickelt.

Für die Masse der Frauen, für die Frauen der besitzlosen Kreise, führten die nämlichen ökonomischen Verhältnisse, welche die bisherige Sphäre ihrer Tätigkeit zerstörten, zu einem neuen Wirkungsfelde in der Industrie.

Damit ward die Tätigkeit der Frau endgültig aus dem Hause in die Gesellschaft verlegt.

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Anfangs war es die Aussicht auf den verhältnismäßig höhern Verdienst, auf die leichtere Tätigkeit, welche die Frau in die Fabrik zog, bald wurde sie aber von der eisernen Notwendigkeit mitten in das industrielle Leben hineingeschleudert und darin festgehalten.

[Die Frau erhält zum ersten Male die Fähigkeit eines vollständig selbstständigen Lebens]

Jede neue Erfindung, jede der Technik und Wissenschaft verdankte Verbesserung der industriellen Arbeitsweise erleichterte es, auch schwache Frauen zu beschäftigen, und machte andererseits menschliche Arbeitskraft überflüssig, schuf die industrielle Reservearmee der Arbeitslosen und drückte dadurch die Löhne stetig tiefer herunter. Der Lohn des Mannes reichte nicht mehr aus, den Unterhalt der Familie zu sichern, er deckte oft kaum den notwendigen Bedarf des ledigen Mannes. Der Unterhalt der Familie forderte sehr bald, dass der Erwerb der Frau zum Verdienst des Mannes ergänzend hinzutrat, Die Tätigkeit der Frau ward von einer ersparenden zu einer erwerbenden, die Frau selbst erhielt damit aber die Fähigkeit auch ohne den Mann zu leben, sie gab der Frau zum ersten Male die Fähigkeit eines vollständig selbständigen Lebens.

Die neuen Produktionsverhältnisse hatten also nicht bloß die wirtschaftliche Grundlage der bisherigen weiblichen Tätigkeit (in der Familie) zerstört, sie zersetzten zugleich damit auch die gesellschaftliche, die öffentliche Stellung, welche der Frau früher zukam, sie wälzten die alte, auf die Vorherrschaft des männlichen Oberhauptes begründete Familie um. Das vom häuslichen Herd umschlossene Wirken der Frau hatte bisher die Familie zusammen gehalten, die in die Fabrik verlegte Tätigkeit der Frau vernichtete das übliche Familienleben, legte aber auch den ersten Grundstein zu der ökonomischen Unabhängigkeit, damit überhaupt zu der Emanzipation des weiblichen Geschlechts.

Wie stets, so hinken auch in diesem Falle die gesellschaftlichen Einrichtungen, die Ideen der Menschen weit hinter den neuen ökonomischen Tatsachen her. Die Revolution, welche sich in der wirtschaftlichen Rolle und Stellung der Frau bewerkstelligt hat, ist vollzogene Tatsache, die Revolution in der politischen und rechtlichen Stellung der Frau lässt noch auf sich warten. Die durch die Produktionsverhältnisse ökonomisch unabhängig vom Manne gemachte Frau steht politisch und gesellschaftlich noch unter dessen Vormundschaft und rechtlos da.

Die fernere Entwicklung der Industrie arbeitete in der eingeschlagenen Richtung weiter. Jede Vervollkommnung der Produktionsmittel entriss Tausende von Frauen dem häuslichen Herde und führte sie der Industrie zu. Die Frau produzierte nicht mehr für den Gebrauch ihrer Familie, sondern für den gesellschaftlichen Markt.

[Die Frau als billige Arbeitskraft]

Die industrielle Frauenarbeit ward bald zu einer mächtigen ökonomischen Kraft, mit welcher der Kapitalist gern rechnete. Schon durch das bloße neu hinzukommende Angebot der weiblichen Arbeitskraft musste ein Überwiegen des Angebots über die Nachfrage geschaffen, mussten die Löhne heruntergedrückt werden. Doppelt und dreifach müssten dieselben aber in Folge der weiblichen Konkurrenz sinken, da die weibliche Arbeitskraft meist von vornherein zu bedeutend niedrigeren Preisen feil war. Ursache davon war das geringe Ansehen, in welchem die bisherige, nichtverdienende Tätigkeit der Frau stand und stehen musste, seitdem deren Produkte im Verhältnis zu den mechanisch produzierten Erzeugnissen der Großindustrie nur ein geringes Quantum gesellschaftlicher Durchschnittsarbeit repräsentierten und damit den Trugschluss auf die geringe Leistungsfähigkeit der weiblichen Arbeitskraft zuließen. Ursachen waren ferner die größere Bedürfnislosigkeit der Frau, der Umstand, dass die Frau öfters durch ihren Erwerb nicht die gesamten, sondern nur einen Teil ihrer Unterhaltskonten zu decken brauchte, die Aussicht auf die nebenher weiter geübte häusliche Arbeit.

Last not least erwies sich die Frau nicht nur als eine billige, sondern in Folge ihrer geringen Einsicht in die Verhältnisse, des mangelnden Solidaritätsgefühls, des geringen Selbstgefühls, der bisher erduldeten Knechtschaft als eine bequeme und gefügige Arbeitskraft. Für viele Industriezweige oder Verrichtungen war die Frau außerdem geschickter und brauchbarer als der Mann.

So war es nicht zu verwundern, dass die bis dahin übersehene und nebensächlich behandelte Frau dem Manne auf industriellem Gebiete als Konkurrentin gegenüber trat, als eine Konkurrentin, die um so mehr zu fürchten war und ist, je entbehrlicher die Maschine die robuste Arbeitskraft macht. Überall wo die Frauenarbeit in der Industrie auftritt, unterliegt sie dem Fluche, die Löhne des Mannes zu drücken, den Mann womöglich ganz aus dem betreffenden Gewerbszweige zu vertreiben. Die Frauenarbeit erfährt dann wiederum ihrerseits die Konkurrenz der Kinderarbeit, und alle menschliche Arbeit zusammen hat gegen die Maschinenarbeit einen furchtbaren Kampf auszuhalten. Die Produktionsverhältnisse müssen unbarmherzig diese Wirkung haben, solange die Produktion nicht zum Zwecke der Befriedigung der Bedürfnisse der Arbeiter selber, sondern zum Herausschlagen von Mehrwert, von Profit für einzelne Unternehmer, nicht für den Gebrauch, sondern für den Verkauf geschieht, so lange es sich für sie nur darum handelt, so billig als möglich zu produzieren und so teuer als möglich zu verkaufen. Die moderne, unter der Herrschaft des Privateigentums geschehende Produktion muss die Frauenarbeit gegen die Männerarbeit ausspielen, um den Preis der letzteren und der Arbeit überhaupt herabzudrücken — zum größeren Nutzen der maßgebenden Privateigentumsbesitzer.

[Die reaktionäre Forderung der Abschaffung der Frauenarbeit]

Aus diesem Grunde sich der industriellen Frauenarbeit widersetzen, die Frau ans Haus zurückfesseln zu wollen, das heißt gerade so töricht und vergebens handeln wie jene englischen Arbeiter, welche die Konkurrenz der Maschinen durch Zerstörung von Maschinerie und Fabriken für immer zu beseitigen gedachten. Die Abschaffung oder auch nur eine Beschränkung der Frauenarbeit (gewisse für Gesundheit der Frau und der Nachkommenschaft schädliche Fälle ausgenommen) auf bestimmte Berufszweige anzustreben, das heißt das Rad unserer Entwicklung zurück drehen und eine grenzenlose Verständnislosigkeit der ökonomischen Verhältnisse an den Tag legen. Die ökonomischen Tatsachen kümmern sich den Teufel um das, was wir wünschen, sie fragen nicht danach, ob Hinz oder Kunz in sentimentaler Verzopftheit die Frau ans Haus gebunden, ökonomisch von sich abhängig, politisch und rechtlich geknechtet wissen will. Die Produktionsbedingungen kennen keine sentimentalen, persönlichen Rücksichten, sie kennen nur ökonomische Notwendigkeiten, die unabwendbar wie Naturgesetze sind. Und diesen Notwendigkeiten entsprechend, muss die Frau trotz aller spießbürgerlichen Heulmeierei industriell tätig bleiben, ja der Kreis ihrer industriellen Tätigkeit muss sich täglich weiter ausbreiten und befestigen. Kraft der ökonomischen Bedingungen kann der Kapitalist ebenso wenig wie der Mann auf die industrielle Frauenarbeit verzichten. Je mehr der Erstere durch die Konkurrenz auf dem Weltmarkte, bei Strafe seines Ruins, zur möglichst billigen Produktion gezwungen ist, je mehr die Löhne im Allgemeinen sinken, um so weniger ist auch der Mann im Stande, allein für die Existenz der Frau und der Kinder aufzukommen, um so mehr wird die erwerbende Tätigkeit der Frau zur unabänderlichen Notwendigkeit.

Übrigens wohnt der Frauenarbeit so wenig wie der Maschinenarbeit von Natur aus die Tendenz inne, die Löhne zu vermindern. Die — wenn man so sagen will — „natürliche” Tendenz beider ökonomischen Kräfte läuft vielmehr darauf hinaus, für jedes Individuum den Aufwand gesellschaftlich notwendiger Arbeit zu vermindern.

Das Sinken der Löhne entspringt nicht aus dem Wesen der Frauen- und Maschinenarbeit, es ist lediglich eine Folge der gegenwärtig bestehenden Aufrechterhaltung des Privateigentums. Lediglich die kapitalistische Ausnutzung hat zwei ökonomische Kräfte für die Gegenwart zu einem Fluch, zu einem Mittel der Verschlimmerung der Arbeiterlage gemacht, die für die Zukunft ein Segen sein werden, welche die Elemente bilden, aus denen eine neue und bessere Ordnung der Dinge gezeugt wird.

Wie die Maschine den Menschen dadurch befreit, dass sie durch die leichtere und zeitersparende Arbeit, durch Vervielfältigung der Produkte eine höhere Gesellschaftsordnung möglich macht, so schafft die Frauenarbeit das wirtschaftliche Fundament, ohne welches die Befreiung und Gleichstellung des weiblichen Geschlechts ein Ding der Unmöglichkeit ist. Die Frau, die sich gesellschaftlich-produktiv dem Manne ebenbürtig weiß, die sich ökonomisch ganz auf eigene Füße stellen kann, muss auch politisch und rechtlich demselben gleichgestellt werden. Es handelt sich bei Stellung der Frau nicht darum, die gegenwärtigen ökonomischen Zustände den herrschenden öffentlichen Einrichtungen und Ideen anzupassen, welche noch auf den ökonomischen Verhältnissen der Vergangenheit fußen; es kommt vielmehr darauf an, die Gesellschaftsformen den neuen ökonomischen Zuständen anzupassen. Sowie dies durch die Vergesellschaftung des Eigentums, durch die genossenschaftliche Produktion geschehen ist, hat die Frauenfrage wie die Arbeiterfrage ihre Lösung gefunden, der Konflikt zwischen Menschen- und Maschinen-, zwischen Frauen- und Männerarbeit hört dann mit einem Schlage auf, weil der Konflikt zwischen Produktionsweise und Aneignungsform ein Ende gefunden hat. Maschinen- und Frauenarbeit gehorchen dann nur ihrer natürlichen Tendenz, die gesellschaftlich notwendige Arbeit zu erleichtern und für jedes Individuum auf ein mit dem Wohle der Allgemeinheit verträgliches Minimum zu beschränken.

Die Frauenarbeit abschaffen oder auch nur beschränken wollen, das läuft darauf hinaus, die Frau zu dauernder ökonomischer Abhängigkeit, zur gesellschaftlichen Knechtung und Ächtung, zur Prostitution in- und außerhalb der Ehe zu verurteilen, es läuft aber auch darauf hinaus, den Mann mit dem doppelten Arbeitsquantum zu belasten und ihn dadurch ebenfalls einer größeren Abhängigkeit als notwendig preiszugeben.

Geradezu unbegreiflich ist es, wenn noch, allerdings bereits seltener, von sozialistischer Seite die Abschaffung und Beschränkung der Frauenarbeit gefordert wird. Das Verlangen ist um kein Jota weniger reaktionär als die Bestrebungen zur Rettung des Handwerks, der Kleinindustrie, des Mittelstandes, für Wiederherstellung der Zünfte.

Will man den üblen, verhängnisvollen Folgen vorbeugen — oder dieselben wenigsten mildern — von denen die Frauenarbeit in der Gegenwart wie das Licht vom Schatten begleitet ist, so darf man die Interessen der männlichen und weiblichen Arbeit einander nicht feindselig gegenüberstellen, sondern man muss beide mit einander vereinigen und in geschlossener Masse, als Arbeiterinteressen überhaupt, den kapitalistischen Interessen gegenüberstellen.

Von dem Tage an, wo die Frau das Joch der ökonomischen Abhängigkeit vom Manne abwarf, geriet sie unter die ökonomische Botmäßigkeit des Kapitalisten. Sie befindet sich also ökonomisch genau in derselben Lage wie jeder männliche Lohnarbeiter, sie leidet unter den gleichen Missständen wie er, sie teilt seine Interessen, seine Forderungen. Es liegt z.B. durchaus nicht in ihrem Interesse, dass sie zu dem denkbar niedrigsten Lohn arbeitet und dadurch den Preis der Männerarbeit drückt. Auch ihren Interessen ist durch den höchstmöglichen Lohn gedient. Um die lohndrückende Konkurrenz der Frauenarbeit zu vermeiden oder wenigstens zu beschränken, braucht nicht die Abschaffung der Frauenarbeit gefordert zu werden.

Soll sich aber die Industrialisierung der Frau nicht in einem feindseligen Gegensatze zu den Interessen des männlichen Proletariats durchsetzen, so ist es von der höchsten Wichtigkeit, dass die Industriearbeiterin organisiert, ökonomisch und politisch aufgeklärt wird, damit sie sich in klarer Erkenntnis der Verhältnisse an das aufstrebende und ringende sozialistische Proletariat anschließt. Die Bedeutung, ja die Notwendigkeit dieses Vorgehens ist bis in die letzte Zeit vielfach übersehen worden.

Die Organisation und Aufklärung der Arbeiterinnen, der Kampf für ihre ökonomische und politische Gleichberechtigung ist nicht nur wünschenswert für die sozialistische Bewegung, sie ist und wird immer mehr zu einer Lebensfrage für dieselbe, je mehr die Fortentwicklung der Industrie den Mann aus der Produktion verdrängt, je riesiger das Heer des weiblichen Proletariats anschwillt. Eine sozialistische Bewegung, die nicht nur von dem männlichen Proletariat, sondern von den Millionen der Industriearbeiterinnen getragen wird, muss doppelt schnell zum Sieg, zur politischen und wirtschaftlichen Befreiung der gesamten Arbeiterklasse führen.

II.

Die Frau und das öffentliche Leben

[Mit der wachsenden Tätigkeit in der Gesellschaft muss die Frau auch Einfluss auf das öffentliche Leben und die Politik erstreben, von denen sie immer abhängiger wird]

Die Frau konnte ohne großen Schaden für sich und die Gesellschaft vom öffentlichen Leben abgeschlossen werden, so lange die gesellschaftlichen Beziehungen unentwickelte, innerhalb enger Grenzen sich bewegende waren, so lange das Individuum und dessen Lebensverhältnisse nur von den nächstliegenden Einflüssen berührt und bestimmt wurden.

Nicht nur die Frau, auch der Mann musste damals einen beschränkten Kreis von Interessen haben, aber innerhalb des engen Kreises, in dem sich dieselben bewegten, nahm auch die Frau mehr oder weniger am öffentlichen Leben teil, sie war auf dem Laufenden über die Verhältnisse, welche die Existenz ihrer Familie beeinflussten, in manchen Gegenden hatte sie auch ihr Wort in der Gemeindeverwaltung mitzureden. Der Zwergwirtschaft und dem Lokalmarkte, der Kirchturmproduktion entsprach auch die Kirchturmpolitik, für den Mann so gut wie für die Frau.

Sowie die Entwicklung der neuen Produktionsverhältnisse die wirtschaftlichen Beziehungen der Gesellschaft von kleinen lokalen zu großen, nationalen und internationalen machte, musste auch der Charakter des öffentlichen Lebens dem gleichen Entwicklungsgange folgen. Der Partikularismus musste dem Nationalismus weichen, wie dieser seinerseits gezwungen war, dem Kosmopolitismus Platz zu machen. Sowie der Einzelne nicht mehr für den Lokal-, sondern für den Weltmarkt produzierte, mussten ihn auch alle gesellschaftlichen Beziehungen und Verhältnisse interessieren, welche die Verhältnisse des Weltmarktes beeinflussen und schaffen, er musste danach streben, dieselben und die Produktionsbedingungen möglichst in Gemäßheit seines Interesses beeinflussen zu können.

Das Ziel ist erreicht, soweit es unter der Herrschaft der Klassengegensätze und des Konkurrenzkampfes möglich ist.

Die Bourgeoisie hat sich durch Revolutionen, durch Besitzergreifung der politischen Macht das Recht verschafft, Produktions- und Machtverhältnisse zu ihrem Nutz und Frommen zu regeln.

Das Proletariat ist zwar dem Namen nach, mehr oder weniger unvollkommen, für politisch frei erklärt, aber in Folge seiner wirtschaftlichen Abhängigkeit entbehrt es der Macht, die gesellschaftlichen Beziehungen nach seinem Interesse zu gestalten. Widerwillig genug musste die Bourgeoisie zulassen, was sie nicht hindern konnte, nämlich, dass der Arbeiter durch die Verhältnisse, in denen er lebt, Interesse an dem öffentlichen Leben nahm, dass er Einblick in das politisch-soziale Gebiet gewann, das in sein Dasein fördernd oder hemmend eingriff, dass er sich eine Meinung, ein Urteil über die öffentlichen Ereignisse und Einrichtungen bildete und in Folge dessen dort ein Wort mitzureden verlangte, wo seine Existenzbedingungen in Frage, wo seine Tätigkeit die Grundlage des Bestehenden war.

Allerdings ward alles getan, sein Urteil über die sozialen Beziehungen zu fälschen, es so zu gestalten, dass es nicht der Wirklichkeit und seinem eigenen Interesse entsprach, sondern nur dem Vorteile der bürgerlichen Machthaber, der Erhaltung der bestehenden Verhältnisse. Kirche, Schule, Presse und sonstige so genannte Bildungsanstalten erwiesen sich in der Hand des Klassenstaats als treffliche Instrumente, das Proletariat zu blenden und zu täuschen.

Und was die aktive Teilnahme des Arbeiters am öffentlichen Leben anbetrifft, so war und ist sie noch himmelweit davon entfernt, im Verhältnisse zu der Rolle zu stehen, welche derselbe im wirtschaftlichen Leben spielt; sie beschränkt sich noch heutzutage auf das berühmte „Steuerzahlen und Maulhalten”. Aber im Prinzip wenigstens ist die Teilnahme der Männerwelt an dem öffentlichen Leben anerkannt, hier ist in gewissem Maße die politische Entwicklung der Entwicklung der Produktionsverhältnisse gefolgt.

Anders die Frau. Ihre Stellung weist einen schneidenden Widerspruch auf zwischen ihrer wirtschaftlichen Bedeutung und ihrer gesellschaftlichen, beziehungsweise politischen Rechten. Ihr sind nicht einmal die kümmerlichen Scheinkonzessionen eingeräumt, mit denen das Proletariat abgespeist wurde; rechtlich und politisch bilden die Frauen einen fünften Stand der heutigen Gesellschaft. Während ihre ökonomische Tätigkeit sich den neuen Produktionsbedingungen anpasste und eine immer ausgedehntere wurde, blieben ihr ihre sozialen Rechte in Gemäßheit derjenigen gesellschaftlichen Verhältnisse zugemessen, welche die Klein- resp. Hausproduktion zur Voraussetzung hatten.

Von dem Tage an, an dem die Großproduktion die Kleinproduktion verdrängte, wo die Frau die Bedarfsartikel für den Familiengebrauch nicht mehr selbst herstellte, von dem Tage an ward auch ihr Interesse aus der Familie in die Gesellschaft verlegt. Sogar in dem Falle, dass die Frau unter den neuen Produktionsbedingungen nicht selbst produktiv tätig war, geriet sie indirekt, durch Vermittlung des nach den neuen Bedingungen produzierenden Massen in durchaus veränderte Beziehungen zur außerhalb der Familie gelegenen Welt. Die Lebensverhältnisse der Familie werden nicht mehr überwiegend vom individuellen Willen des Familienoberhauptes bestimmt, sondern in letzter Linie durch die Marktverhältnisse, von der gesamten Wirtschaftslage draußen im sozialen Leben, die ihrerseits von den politischen Ereignissen und Zuständen beeinflusst wurden. Die Höhe des Verdienstes, der den Unterhalt sicherte, die Länge der Arbeitszeit, vielfach auch die Art der Beschäftigung, die Feierstunden und Feiertage, die ganze Gründung und Gestaltung des Familienlebens hing nicht mehr vom Willen des Mannes, sondern von der Laune des Kapitalisten, von den Notwendigkeiten der Produktion und des Marktes ab. Die Preise der Bedarfsartikel für den Haushalt wurden durch Einflüsse bestimmt, die nicht im Bereiche der Familie, sondern oft in weiter Ferne in verwickelten öffentlichen Verhältnissen und politischen Maßregeln lagen. Die Konkurrenz beschwor Kolonialkriege und Schutzzölle herauf, welche bald den bald jenen Bedarf für den Haushalt verteuerten. Eine neue Produktionsverbesserung warf heute den Vater, morgen den Mann brotlos aufs Pflaster. Kriege mit dem Auslande behufs Gewinnung oder Erhaltung der politischen, industriellen und kommerziellen Vorherrschaft, Bürgerkriege im Innern um die bestehende Gesellschaftsordnung rissen erbarmungslos Vater, Sohn und Bruder aus der Familie, töteten den Ernährer oder schickten ihn als hilflosen Krüppel zurück. Ein großer Teil des zum Unterhalt der Familie bestimmten Verdientes geht zur Zahlung der direkten und indirekten Steuern verloren, um die Kosten der Kriegsunternehmungen des kolossalen Regierungs- und Polizeiapparates zu decken. Gesetzgebende und ausführende Gewalten erlassen Vorschriften, welche die wirtschaftlichen Existenzverhältnisse der Familie ruinieren, die Familienglieder auseinander reißen, den Einzelnen in das Elend jagen. Die Kinder können sich nicht nach Maßgabe ihrer Anlagen und Fähigkeiten entwickeln, auch hier sind wiederum nicht die inneren Verhältnisse der Familie, sondern die äußeren Verhältnisse der Gesellschaft bestimmend; der größte Teil der Bildungsanstalten ist den Kindern der Mittellosen verschlossen, und wenn der Eintritt durch de- und wehmütige Bettelei offen steht, hält doch die Sorge um den länger zu gewährenden Unterhalt seitens der Familie von der Benutzung ab. Die Erwerbsverhältnisse machen es dem Vater zur Notwendigkeit, darauf zu halten, dass kein „unnützer Esser” im Hause ist, dass das Kind so früh als möglich verdient.

Kurz, die Frau wird als Gattin, als Haushälterin, als Mutter stets und überall auf außerhalb der Familie bestehende gesellschaftliche Mächte und Einrichtungen hingewiesen, welche ihr ganzes Leben und das der Ihrigen beherrschen und bestimmen.

Und da will man ihr nicht erlauben, sich für das außerhalb des Hauses pulsierende Leben zu interessieren, von dem ihr Wohl und Wehe ganz anders abhängt wie von ihrer Kochkunst und den sonstigen Fertigkeiten der „Hausfrau” alten Stiles?

Die gesellschaftlichen Beziehungen bürden ihr neue und schwere Lasten auf, treffen sie in ihren innigsten Empfindungen, in ihrem Wünschen und Handeln, und sie soll nicht nach dem Wie und Warum dieser Beziehungen fragen, sie soll nicht ihre Rechte fordern, wo man ihr maßlose Pflichten zuerteilt? Sie soll nicht fragen, warum ihr Blümchenkaffee, ihr geschrotetes Brot, das zähe Fleisch perlsüchtiger Kühe, das dünne Baumwollfähnchen teurer geworden, warum ihr Liebster zum Krüppel geschossen, warum ihr Mann brotlos durch das Land streicht, warum ihr Kind nach einer freudlosen Jugend ein mühseliges Alter verleben soll, warum der Wochenlohn des Mannes mit jedem Jahr geringer ausfällt, während sein Arbeitstag immer länger, die Feierzeit kürzer und kürzer wird? Sie soll keine Antwort auf die tausend und abertausend Fragen suchen, welche ihr aus ihrer und der Ihrigen Existenz unheimlich entgegenstarren, sie soll sich mit den Tatsachen abfinden, die ihr das Leben wie herabziehende Mühlsteine an den Hals hängt, ohne dieselbe in ihren Ursachen zu verstehen zu suchen?

Noch weit deutlicher fühlt ihre Abhängigkeit, ihre Wechselbeziehung zu dem gesellschaftlichen Leben diejenige Frau, welche „Arbeitskraft” geblieben ist, welche aber, in Gemäßheit der neuen Bedingungen, nicht mehr für die Familie, sondern für die Gesellschaft produziert, welche ökonomisch vom Manne unabhängig, hingegen vom Kapitalisten abhängig geworden ist. Für sie ist das Interesse, die Teilnahme am öffentlichen Leben eine Notwendigkeit, auf welche sie zehnmal am Tage hingewiesen wird, eine Pflicht und ein Recht, die ihr nur eine von der Wurzel bis zum Gipfel ungerechte Gesellschaftsordnung vorenthalten kann.

Die industrielle Arbeiterin wird unmittelbar von allen Maßregeln betroffen, welche Staat und Gesellschaft ergreifen. Wie jeder andre Beteiligte muss sie also auch direkt mit diesen Gewalten in Berührung stehen, direkt ihren Einfluss, ihre Ansprüche, ihre Proteste geltend machen können. Es muss ihr vor allem möglich sein, am öffentlichen Leben Anteil zu nehmen, ihre Stimme bei Wahlen u.s.w. als maßgebend in die Waagschale zu werfen. Sie befindet sich den sozialpolitischen Zuständen gegenüber in ganz und gar derselben Lage wie jeder männliche Arbeiter. Wie will man also das geringere Maß an Rechten erklären, das ihr zuerteilt ist?

Der Stand der Arbeiterschutz- und Gewerbegesetzgebung ist für Arbeiterin wie Arbeiter von der höchsten Wichtigkeit. Ob Freizügigkeit oder Aufenthaltsbeschränkung herrscht, kann ihr nicht gleichgültig sein, denn hiervon kann eventuell eine Verbesserung ihrer Lage abhängen, das Aufsuchen lohnender Arbeit kann ihr dadurch erleichtert oder erschwert werden. Es hat seine Wichtigkeit für sie, ob sich der Staat ausschließlich als Vertreter der herrschenden Klassen, der Bourgeois-Interessen erweist, oder ob er wenigstens notdürftig die Interessen der arbeitenden Massen zu wahren sucht, ob er dementsprechend den Kapitalisten unbeschränkte Ausnutzungsfreiheit gewährt oder deren Profitsucht durch Schutzgesetze gewisse Zügel anlegt. Es ist von tief greifender Bedeutung für sie, ob der Kapitalist sie gesetzlich Sonn- und Feiertags unbestimmt lange Stunden ausnutzen kann, ob sie Nacht- und Überarbeit leisten, ihr Leben durch die Beschäftigung in ungesunden Industriezweigen um Jahre verkürzen muss, oder ob sie einen Normalarbeitstag von acht Stunden beschäftigt ist, ob sie Feiertage und Nachtschlaf kennt. Soll es sie etwa nichts angehen, wenn der Arbeitsherr ihren Lohn stetig tiefer herunterdrückt, oder wenn er stattdessen gezwungen ist, sch an einen Minimallohn zu halten, der ihr wenigstens die notwendigsten Existenzbedingungen garantiert? Die Gesetze über die Beobachtung von hygienischen und Sicherheitsmaßregeln, über Kranken-, Alters- und Invalidenkassen sind für die Industriearbeiterin von nicht geringerer Tragweite wie für den männlichen Proletarier, denn auch sie kann jederzeit als Opfer auf dem industriellen Schlachtfelde fallen und erwerbsunfähig werden, ohne dass ihr die Verhältnisse vorher erlauben, ihre Tage für diesen Fall sicher zu stellen.

Die Bestimmungen über Versammlungs- und Vereinigungsrecht haben auch für ihr Leben die gleiche Wichtigkeit wie für den Mann; ihre Fassung und Handhabung ermöglicht ihr entweder einen gewissen Widerstand gegen die Übermacht des Kapitals oder liefert sie mit gebundenen Händen und Füßen an dieselbe aus. Das Versammlungsrecht gibt ihr die Möglichkeit, sich im Verein mit ihresgleichen über die gemeinschaftlichen Interessen klar zu werden, ihre Forderungen zu stellen. Das Koalitionsrecht setzt sie in den Stand, sich durch vereinte Kraft in ökonomischer Beziehung gegen die gröbsten Ausschreitungen des Kapitalismus zu verteidigen, den Kampf für die volle Freihit der weiblichen Arbeit anzubahnen.

Was die übrigen Gesetze, staatlichen und sozialen Beziehungen anbetrifft, so drücken dieselben ebenso fühlbar auf die Existenz der Arbeiterin wie auf die des Arbeiters. Steuern und Abgaben belasten sie als Produzentin und als Konsumentin, der kapitalistische Staat und der einzelne Kapitalist finden tausendfältige Gelegenheit, ihr sogar von dem abzunehmen, was zur Erhaltung ihrer Existenz unentbehrlich notwendig ist. Auf der einen Seite wird ihr der Verdienst geschmälert, auf der andren Seite werden ihr die Bedürfnisse verteuert, und wenn ihr Budget mit einem klaffenden Defizit abschließt, so stellt ihr die Gesellschaft großmütig und moralisch die Prostitution frei, das „Sicherheitsventil der bestehenden Ordnung”, vorausgesetzt, dass sie auch hier ihren Zehnten an Schmarotzer und Ausbeuter, oft sogar an den Staat und die Gemeinde entrichtet. Jeder diplomatische Schachzug, jedes Börsenmanöver macht eventuell ihren Lohn sinken oder raubt ihr ganz die Beschäftigung. Die durch zügellose Spekulation heraufbeschworenen Krisen werfen sie zu Tausenden aufs Pflaster, treiben sie in das Spital, in den Tod, ins Bordell, Kriege legen das industrielle Leben und damit ihren Verdienst auf Jahre hinaus brach. Es gibt kein Verhältnis ihrer Existenz, in dem sie sich nicht in der engsten Abhängigkeit von der Gesellschaft und deren Einrichtungen fühlte.

Wie kann man da verlangen, dass sie mit geschlossenen Augen, mit zugehaltenen Ohren, mit in den Schoß gelegten Händen dem öffentlichen Leben gegenüberstehe, dass sie nicht da ihr Pfund an Rechten fordern solle, wo sie ihren Zentner an Pflichten darbringen muss? Der industriellen Arbeiterin, die mit ihrem Blut und Schweiß den Nationalwohlstand und für sich selbst den Bettelstab schafft, der soll nicht einmal das armselige Recht zustehen, sich in Versammlungen über ihre Interessen zu beraten, und solche Vertreter derselben in die gesetzgeberischen und ausführenden Körperschaften zu wählen, von denen sie die Überzeugung hat, dass dieselben das wirkliche Volkswohl im Auge haben?

Wie die Frauen mit ihrer produktiven Tätigkeit aus der Familie herausgeschleudert worden sind, so müssen sie auch mit ihrem Denken und Empfinden aus den eng beschränkten Kreis der Häuslichkeit herausgerissen, sie müssen aus der Familie in die Menschheit verpflanzt werden. Die Frau darf sich nicht länger hinter den häuslichen Herd verkriechen, sie muss in der Gesellschaft leben, an die Stelle der einseitigen, engherzigen, tief egoistischen Familienliebe muss das allgemeine Solidaritätsgefühl treten, das der Frau jetzt so sehr mangelt.

Der wirtschaftlichen Bedeutung der Frau als Produktivkraft müssen auch endlich ihre politischen und sozialen Rechte entsprechen. Das politische Bürgerrecht noch länger von den alten Reminiszenzen an die antiken Kriegerrepubliken abhängig machen, und es der Frau versagen, weil sie nicht Militärdienst leistet, ist eine ganz vorsintflutliche Anschauung, die von dem Tage an in die Rumpelkammer gehörte, wo die Nationalökonomie nachwies, dass alle gesellschaftlich nützliche und notwendige Arbeit gleichwertig ist. Die Frauenarbeit von geringerem Wert als die Männerarbeit zu erklären, ist noch ein Zopf des alten hierarchischen Geistes, welcher die verschiedenen gesellschaftlichen Arbeiten in „hohe” und „niedere”, „edle” und „gemeine” Arbeiten einteilte und als höchste, edelste — und einträglichste Arbeit von allen die des Kuponabschneidens an die Spitze der gesellschaftlichen Leiter stellte.

In die Rumpelkammer auch mit dem alten abgedroschenen Einwand, der Frau fehle das Verständnis, „die Reife” für das politische Leben Die Teilnahme daran erfordert nur einen gesunden Menschenverstand, praktischen Sinn, klare Einsicht in das eigene Interesse und in dessen innigen Zusammenhang mit dem Allgemeinwohl. Die politische und ökonomische Schulung kann die Frau nicht durch das Hinter-dem-Ofen-Hocken erwerben, sie ist eine Folge der Belehrung, der Erfahrung und Beobachtung, die aus dem Leben gewonnen, und die sich die Frau bei ihrer großen Bildungsfähigkeit leicht aneignen wird.

Bis jetzt hat der Teilnahme des weiblichen Geschlechts am öffentlichen Leben der Gewohnheitsschlendrian und der Egoismus des Mannes ebenso sehr im Wege gestanden wie die Gleichgültigkeit der Frau. Aber die zwingende Logik der Tatsachen stößt letztere durch fortwährende Berührung mit ökonomischen, mit sozialpolitischen Fragen darauf hin, auch politisch und gesellschaftlich ihre Rechte zu fordern, mittels deren sie auf die Produktionsbedingungen, auf ihr Schicksal Einfluss üben kann.

Und kraft der Rolle, welche sie in der heutigen Produktion spielt und die mit jedem Tage bedeutender werden muss, wird sie ihre sozialpolitischen Rechte erhalten mit oder gegen den Willen der Männer, ja sogar gegen ihren eigenen Willen.

III.

Die Frau und die Erziehung der Kinder

[Auch die Erziehung der Kinder wird heute schon mehr und mehr der Mutter entzogen und der Gesellschaft anvertraut]

In den vorangegangenen Ausführungen über die veränderte Stellung und Rolle der Frau war der Nachweis geführt, dass die ökonomischen Verhältnisse die Wirksamkeit der ehemaligen „Hausfrau” zu einem wirtschaftlichen Anachronismus gemacht, dass dieselben die Tätigkeit und Interessen des weiblichen Geschlechts aus der Familie in die Gesellschaft verlegt haben.

Wir hatten dabei die Funktion der „Hausfrau” nur von der ökonomischen Seite im Auge und ließen der zweiten, vom dichtenden und philosophierenden Spießbürger besungenen „Naturberuf” der Frau — „als Mutter der Kinder, die lehret den Mädchen und wehret den Knaben” — außer dem Spiel.

Die Frau muss ihren Mutterpflichten, sie muss den Kindern erhalten bleiben”, unter diesem Schrei wird vielfach der Kreuzzug gegen die Emanzipationsbestrebungen des weiblichen Geschlechts gepredigt. Mit der keinen Widerspruch duldenden Erklärung, dass der natürliche Beruf der Frau die Mutterschaft, die Erziehung der Kinder ist, glaubt man jeden Anspruch auf Pflichten und Rechte der Frau innerhalb der Gesellschaft von vornherein totzuschlagen, und zwar doppelt totzuschlagen, nämlich mit „moralischen” Gründen.

Der Philister leibt bekanntlich nichts so sehr, als wie unbequeme Tatsachen und Erscheinungen mit moralischen Gründen abzuwehren. „Moralische Gründe” sind kleidsam, dazu billig wie Brombeeren und bequem, sie entheben des Nachdenkens und ermöglichen hübsch klingende Gemeinplätze. Die bürgerliche Moral ist der Wüstensand, in welchen der Vogel Strauß den Kopf versteckt, wenn etwas Unliebsames herannaht; sie muss auch in letzter Linie herhalten, wenn es gilt, die Frau ans Haus zu fesseln.

Bei Dekretierung des „Naturberufs” der Frau, Kinder zu gebären und zu erziehen, kommen natürlich die Tausende und Abertausende Frauen, die nie in die Lage oder Möglichkeit versetzt sind, Mutterpflichten zu üben, gar nicht in Betracht. Und doch ist deren Zahl, dank den gesellschaftlichen Zuständen, im fortwährenden Steigen begriffen und die Frage nach Beruf und Erwerb ist eine Lebensfrage für sie. In Folge der Kriege, welche viele Tausende von jungen Männern hinwegraffen, und noch mehr in Folge der immer größer werdenden Schwierigkeiten, einen Hausstand zu gründen, nimmt die Zahl der Ehen ab, der wirtschaftliche Notstand, die Eigentums- und Erwerbsverhältnisse führen auch innerhalb der Ehe vielfach zur Enthaltung von Kindererzeugung, die schlechte physische Entwicklung — meist auch eine Folge der gesellschaftlichen Zustände — macht es vielen Frauen unmöglich, Kinder oder wenigstens gesunde, lebensfähige Kinder zu gebären. Mit welchem Rechte also für alle diese Frauen eine Regel erklären, welcher die Vorbedingung fehlt?

Andererseits ist denn die Frau, welche als Mutter im Kreise von Kindern steht, wirklich eine ausreichende Erzieherin und kann sie es unter den heutigen Verhältnissen sein?

Werfen wir einen Blick in die Familien der oberen Zehntausend, so finden wir, dass die Ausübung des „Naturberufs” seitens der Frau gewöhnlich darin besteht, dass dieselbe, dem Entwicklungsgange der Kinder entsprechend, eine Reihe von fremden Kräften, von physischen und geistigen Lohnarbeitern bezahlt, auf welche sie alle „Mutterpflichten” abwälzt, dabei meist herzlich bedauernd, dass sie nicht auch den unangenehmen Gebärakt auf Mietspersonen übertragen kann. Auf die Amme folgt die Bonne oder Kindergärtnerin, dann kommen Erzieher und Erzieherinnen, Lehrer und Lehrerinnen. Die körperliche, geistige und moralische Entwicklung des Kindes ist in Folge der günstigen materiellen Verhältnisse Fachleuten anvertraut, und die Mutterpflichten beschränken sich darauf, diese Fachleute zu wählen, zu besolden und eventuell auch zu beaufsichtigen. Nur in seltenen Fällen übt in den betreffenden Kreisen die Mutter einen direkten Einfluss auf die Entwicklung ihrer Kinder aus, und noch seltener ist dieser Einfluss ein verständiger und günstig erzieherischer.

Das, was in der Großbourgeoisie der Überfluss bewirkt, das bringt in dem Proletariat die Not zu Stande. Je geringer und unsicherer der Verdienst des Mannes wird, je mehr es ein eisernes Gebot der Notwendigkeit ist, dass die Frau erwerbend auftritt, um die Existenzkosten der Familie decken zu helfen, um so weniger ist es ihr auch möglich, ihren Kindern zu leben, sich mit deren Erziehung zu befassen.

Die materiellen Verhältnisse haben also in den oberen wie in den niederen Schichten die gleiche Tendenz betätigt: sie haben die Erziehung der Kinder der Mutter aus den Händen genommen, die Erziehung ist in der Hauptsache nicht mehr das Werk und die Aufgabe der durch Familienbande verknüpften Personen, sondern von außer der Familie Stehenden, auch oft außer ihr Lebenden. Die neuen Produktionsbedingungen haben die Frau nicht nur der häuslichen Arbeit, sie haben sie auch bereits zu einem guten Teil der Kindererziehung enthoben, und das gezeitigte Resultat ist für die Frau der Bourgeoisie wie für die Proletarierin das gleiche.

In der Folge zeigt sich jedoch der nämliche tief greifende Unterschied wie zwischen dem luxuriösen Müßiggange der ersteren und der erdrückenden Überarbeit der letzteren.

Die Frau des Kapitalisten kann für Erziehung ihrer Nachkommen geeignete Stellvertreter, trefflich ausgebildete Erzieher und Lehrer vom Fach wählen, deren Wirken ihre eigene Leistungsfähigkeit vielleicht weit in den Schatten stellt, die Kinder entwickeln sich unter günstigen Vorbedingungen.

Wie ganz anders liegen die Dinge für die Arbeiterfrau! Der Erzieher ihrer Kinder heißt dort unvermeidlich: der Zufall, die einzig konsequent auf ihre Entwicklung einwirkende Schule: die Not. Die Frau des Reichen, welche dem Kinde ihre Brust vorenthält, um nicht die Schönheit ihrer Formen zu beeinträchtigen, lässt dem Säugling durch die „kräftige Amme vom Lande” eine gesundere Milch reichen, als ihr eigener, durch die Sünder der Väter verdorbener Organismus erzeugen könnte. Die Personen, welche die weitere Entwicklung des Kindes überwachen und leiten, sind durch besondere Ausbildung für ihren Beruf vorbereitet. Die Arbeiterfrau hingegen kann in der Regel nicht daran denken, ihrem Kinde einen gleichwertigen Ersatz für die eigene Pflege zu bieten. Verhindert nicht Kränklichkeit oder schlechte Ernährung, das Kind an der Mutterbrust aufzuziehen, so erheben die Gewerbsverhältnisse ihren Einspruch dagegen. Vielleicht muss sich die Mutter sogar als Amme an Fremde verdingen, aber noch weit häufiger ruft sie, wenn kaum der Tag graut, der schrille Schrei der Dampfpfeife in die Fabrik. Sie bleibt den langen Arbeitstag über an die Maschine geschmiedet, nur in den knapp bemessenen Mittagspausen die Zeit findend, nach Hause zu hetzen — den günstigen Fall vorausgesetzt, dass sie nahe genug wohnt — um einen flüchtigen Blick auf das Kind zu werden, ihm Nahrung zu reichen. In der Zwischenzeit ist das Kind der Sorge eines etwas älteren Geschwisters, dem guten Willen einer Nachbarin überlassen, vielleicht auch einer anderen bezahlten Person, welche das Aufpäppeln als Geschäft betreibt und „Engel macht”. Damit der kleine Schreihals so lange als möglich ruhig liegen bleibt, erhält er den üblichen schmutzigen Lutschbeutel ins Mündchen gestopft, wenn ihm nicht gar die Nahrung mit narkotischen, Tod oder Blödsinn nach sich ziehenden Mitteln versetzt wird, damit er „recht fest und recht gut schläft”. An Stelle der Muttermilch treten dünne, verfälschte Kuhmilch und allerhand „Kindernährmittel”, von denen günstigsten Falles gilt, dass sie nicht geradezu wie Gift auf den zarten kindlichen Organismus einwirken. Mit der übrigen Pflege des Säuglings, mit der Beobachtung der hygienischen und Reinlichkeitsvorschriften sieht es der Ernährung entsprechend aus. Glücklich noch, wenn der Arbeiterin eine gute Krippe oder Kleinkinderbewahranstalt zur Verfügung steht, in welche das Kind aufgenommen werden kann. — Ist das Säuglingsalter überschritten, so bleibt das Kind der sehr bedenklichen Beaufsichtigung durch Geschwister und Bekannte anvertraut oder auch ohne jede Überwachung mit unbeschränkter Freiheit, sich zu verbrennen, ins Wasser zu fallen, aus dem Fenster zu stürzen. Vielleicht kann es in eine Kinderbewahranstalt, in einen Kindergarten eintreten, aus dem es dann in die Volksschule gelangt. Die Mutter atmet beruhigt auf, sie hat die Überzeugung, dass sich ihr Kind wenigstens für so und soviel Stunden unter Aufsicht befindet, dass die Gefahr, Schaden zu nehmen, in etwas vermindert ist. Volkskinderbewahranstalten und Volksschulen bieten zwar den Kindern keineswegs das, was sie bieten sollten, und sie werden es im Klassenstaate auch nie bieten, allein für die Proletarierin ist schon das eine von Bedeutung: die Aufsicht, behufs Verhütung des gröbsten Schadens.

Die Regel in den einschlägigen Kreisen ist also: dass die Mutter nicht diejenige Art der Pflege und Erziehung wählen kann, welche ihr für die Entwicklung des Kindes am geeignetsten scheint, sondern dass sie diejenige wählen muss, welche sie am billigsten zu stehen kommt, und ihr die meiste Zeit für den Erwerb frei lässt. Sie selbst kann auf die Entwicklung ihres Kindes nur Einfluss üben in den kurzen Pausen der Arbeitszeit, nach dem Feierabend, an Sonn- und Festtagen — wenn es nicht Über- und Sonntagsarbeit gibt. Ihr Körper ist alsdann abgerackert, ihr Geist von Sorgen gequält, in den Feierstunden waltet ihrer gewöhnlich eine doppelte Arbeitslast, es gilt, das während der Brotarbeit an der Hausarbeit versäumte nachzuholen. Wie soll die Frau dann noch in der Lage und Verfassung sein, günstig auf die Entwicklung ihrer Kinder einzuwirken?

Bleibt noch der biedere Mittelstand übrig, dieses Raritätenkabinett für alle längst überlebten Einrichtungen, dieser Hüter von Begriffen und Zuständen, die unseren Großvätern teuer und heilig waren. Aber die Verhältnisse des Mittelstandes sind in keiner Beziehung maßgebend. Das Kleinbürgertum ist unrettbar dem Untergange verfallen und muss, mit Ausnahme weniger seiner Glieder, die sich in die Bourgeoise erheben, ins Proletariat versinken. Die Frauen der besser gestellten Kleinbürger suchen sich, in Nachäffung ihrer Schwestern in der Großbourgeoisie, der Erziehung der Kinder tunlichst zu entledigen. Das Gros der Kleinbürgerinnen dagegen wird durch die Notwendigkeit eines Nebenerwerbs als Näherin, Stickerin, Lehrerin so ziemlich in die gleiche Lage versetzt wie die Arbeiterfrau. Pflege und Erziehung der Kinder entschlüpft also auch in diesem Stande immer mehr den Händen der Mutter.

Indem also die neuen Produktionsbedingungen die Produktion der Gebrauchsartikel innerhalb der Familie vernichten, ward auch der Boden für die Erziehung der Kinder innerhalb der Familie zerstört; die in der Gesellschaft produzierende Frau wurde ihrem „natürlichen” Berufe entzogen, der überhaupt nur so lange natürlich war, als er sich mit den ökonomischen Verhältnissen deckte.

Pflege und Erziehung der Kinder konnten nur so lange eine ausschließlich mütterliche Funktion bleiben, als die Frau durch die wirtschaftlichen Zustände, durch die Art und Weise ihres Schaffens an das Haus gefesselt war. Das Familienleben musste auch nach dieser Seite hin durch die modernen Produktionsbedingungen gründlich ungewälzt werden, denn die Familie war keine moralische, sie war eine ökonomische Einheit; mit den ökonomischen Grundbedingungen ihres Bestehens mussten auch alle ihre so genannten moralischen Pflichten und Aufgaben einer Wandlung unterworfen werden, die Gesellschaft, die Gemeinschaft musste auch in dieser Beziehung als ihr Erbe auftreten.

Der Umwandlungsprozess ist leider noch nicht zu Ende. Der Kampf zwischen dem Alten und Neuen, die schwierigen Verhältnisse der Übergangszeit machen sich auch der Kindererziehung gegenüber mit all ihren Härten fühlbar. Aber der Umgestaltungsprozess ist bereits weit genug vorgeschritten, dass über seinen Ausgang kein Zweifel aufkommen kann. Die Kindererziehung wird und muss aus der Familie in die Gesellschaft verlegt werden, sie wird und muss aus den Händen der Mutter in die von Pädagogen im weitesten Sinne des Worts übergehen. Die Frau wird nicht nur als Hauswirtin, sie wird auch als Mutter frei zur Ausübung gesellschaftlicher Tätigkeit je nach ihrer individuellen Befähigung und Neigung und nach Maßgabe der gesellschaftlichen Bedürfnisse — ihre Stellung wird auch hierin mehr und mehr der des Mannes ähnlich werden.

Alle sentimentale Heulmeierei kann an dieser notwendigen Tatsache kein Jota ändern.

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Ist die Tatsache überhaupt zu bejammern, ist sie der Tränen wert, welche Klageweiber männlichen und weiblichen Geschlechts über sie vergießen?

Unseres Erachtens nicht, denn die Voraussetzung: die Mutter ist die, von der Natur dazu vorherbestimmte Erzieherin der Kinder, erscheint uns als einer jener seichten, landläufigen Gemeinplätze, die noch so zahlreich durch ein Jahrhundert humpeln, in dem sie nichts mehr zu suchen haben.

[Die zukünftige Erziehung der Kinder wird noch mehr das Werk der Gesellschaft, nicht der Hausfrau und Mutter sein]

Die Mutter ist die „natürliche” (d.h. durch die natürliche Beziehungen zwischen sich und dem Kinde bestimmte) Erzieherin und Pflegerin für das Säuglingsalter, die Stillungsperiode, und nicht darüber hinaus. Aufgabe der Gesellschaft muss es sein, für diese Periode dem Kinde die Mutter zu erhalten und zu sichern, wie sie demselben schon vor der Geburt und durch Vermittelung der Mutter die denkbar günstigsten Entwicklungsbedingungen zu schaffen hat. Hat das Kind aber einmal das Säuglingsalter hinter sich, so ist es für seine weitere Entwicklung an sich durchaus gleichgültig, ob dieselbe von der Mutter oder von einer dritten Person geleitet wird. Hier entscheiden nicht mehr „natürliche” unabänderliche Ursachen, sondern die wechselnden Verhältnisse der Gesellschaft, deren augenblickliche Lage und deren Entwicklungsrichtung nach der Zukunft hin. Hauptsache ist nicht die mütterliche, sondern eine verständige und liebevolle Erziehung, welche sich auf Kenntnis und Beobachtung der Gesetze stützt, welche die Entwicklung des Kindes regeln. Die Mutter war früher, kraft der primitiven Arbeitsteilung zwischen Frau und Mann, die natürliche, d.h. die durch die herrschenden gesellschaftlichen Zustände bezeichnete Erzieherin des Nachwuchses, wie die Produzentin aller Gebrauchsartikel des Familienhaushalts war, wie sie in ihrer Person Schneider, Schuhmacher, Bäcker, Weber, Spinner usw. darstellte. Einfach und roh wie die damals erzeugten Gegenstände war auch die Erziehung der Kinder. Allein die für alle Arbeit eintretende Teilung und Scheidung der Tätigkeiten, welche der Frau einen häuslichen Industriezweig nach dem andern abnahm, musste ihr auch allmählich die Erziehung der Kinder aus den Händen winden, sobald die Verhältnisse an dieselbe höhere Ansprüche stellten, von ihr eine größere Vielseitigkeit forderten, die sich nur selten in einer Person vereint findet. Erste Folge davon war, dass der Frau sehr bald schon die technische, berufsmäßige Ausbildung der Knaben, nach und nach jedoch auch die geistige Erziehung, der Unterricht der Kinder überhaupt, entzogen wurde, um Sache von Fachleuten, Spezialisten zu werden. Es fällt wohl heut zu Tage niemand ein, sich dieser Art der Arbeitsteilung bei Erziehung der Kinder zu widersetzen. Die Vorzüge, ja die Notwendigkeit des Unterrichts durch Lehrer und hier wiederum durch Fachlehrer liegen auf der Hand. Niemand wird behaupten, dass die Mutter die „natürliche alleinige Lehrerin” ihrer Kinder sein müsse. Die Rolle der Mutter als Erzieherin hat also bereits durch die moderne Organisation des Unterrichts eine beträchtliche Einbuße erlitten. Mit Bezug auf den Unterricht ist die Mutter durch die Gesellschaft ersetzt; es ist letztere, welche diesen Teil der Erziehung organisiert und gewisse, ihr geeignet scheinende, für den Beruf vorbereitende Vertreter mit ihm betraut. Die Verhältnisse zwangen von zwei Selten hierzu: einerseits durch die behufs einer größeren Vollkommenheit des Resultats unumgänglich werdende Arbeitsteilung, andrerseits durch die für die Masse der Frauen entstandene Notwendigkeit, dem Erwerb — außerhalb oder innerhalb des Hauses — nachzugehen.

In geradezu absurdem Widerspruch mit diesen Tatsachen plärrt man es trotzdem als unumstößliches Dogma weiter, dass die Frau die Erzieherin der Kinder sein solle! Sie ist es bereits nicht mehr in diesem Sinne!

Man lässt dabei ganz aus dem Auge, dass die Erziehung der Kinder ein Beruf wie jeder andere ist. Wie jeder andere Beruf hat sie als zur Voraussetzung eines möglichst vollendeten Gelingens, dass der sie Ausübende, der Erzieher, natürliche Begabung für den Beruf, die nötige technische Ausbildung und eine möglichst hohe und vielseitige Entwicklung überhaupt besitze. Will man also der Frau den Beruf der Erzieherin par excellence aufzwingen, so muss man wenigstens voraussetzen, dass dieselbe die genannten drei, für erfolgreiche Ausübung ihrer Tätigkeit unentbehrlichen Bedingungen in sich vereint. Dies ist jedoch bei den wenigsten Frauen und Müttern der Fall. So wenig wie z.B. alle Männer mit den Keimen der Befähigung, Schumacher, Soldat oder Maler zu sein, geboren werden, so wenig sich bei ihnen allen diese vielleicht vorhandenen Keime entwickeln können, ebenso wenig bringt jede Frau die Begabung für den pädagogischen Beruf mit auf die Welt, noch weit weniger aber ist die dem weiblichen Geschlechte zu Teil werdende Entwicklung dazu angetan, etwa vorhandene Keime dieser Befähigung so herauszubilden, dass sich dieselben späterhin günstig entfalten. Die Begabung für den erzieherischen Beruf ist wie jedes andere Talent nach Individuen und nicht nach Geschlechtern verteilt. Leicht möglich, sogar ganz wahrscheinlich, dass infolge der Jahrhunderte lang geübten erzieherischen Tätigkeit und der Vererbung die Befähigung für die Kindererziehung unter dem weiblichen Geschlecht häufiger zu finden ist als unter den Männern. Aber in neunzig von hundert Fällen wird diese angeborene Begabung in Folge der einseitigen weiblichen Entwicklung verkümmern, sie wird ein bloßer dunkler Instinkt bleiben, anstatt sich zu einem klar bewussten und mit Bewusstsein geübten Talent zu entwickeln.

Oder rechtfertigt vielleicht das Vorhandensein der zweiten, oben genannten Voraussetzung: die bessere technische Ausbildung, dass man der Frau so apodiktisch die Rolle als Erzieherin zuspricht?

Ziel und Zweck der Erziehung ist, die Kinder zu Menschen in der vollen Bedeutung des Wortes zu formen. Der moderne Mensch ist aber ein sehr kompliziertes Geschöpf, das sich in Gemäßheit bestimmter Gesetze entwickelt, die in ihm und außer ihm liegen, und die sich unter einander fördern, bekämpfen, aufheben. Das Ziel der Erziehung kann nicht erreicht werden, ohne Kenntnis der physischen (körperlichen) und psychischen (geistigen) Gesetze, welche die Entwicklung des Kindes beherrschen, ohne Verständnis für die natürliche und gesellschaftliche Umgebung, in welcher dieselbe vor sich geht. Es kann auch nicht vollkommen erreicht werden ohne Kenntnis und Beobachtung der pädagogischen Methoden, welche sich auf die obigen Gesetze gründen. Jeder Handwerker oder Künstler muss das Material kennen, das er bearbeitet, er muss Meister gewisser technischer, berufsmäßiger Handgriffe sein, die für die Gestaltung des Materials notwendig sind. Das Gleiche muss von der Person gelten, welche Menschen formen soll. Sie muss den Ton kennen, den sie zu kneten hat, die Methode, welche zur Behandlung am geeignetsten scheint, sie muss für den erzieherischen Beruf vorbereitet sein.

Damit die einfachsten Gegenstände so vollendet als möglich erzeugt werden, überlässt man ihre Herstellung Spezialisten, berufsmäßig geschulten Leuten. Einen alten Schuh lässt man nicht von dem ersten Besten flicken, man übergibt ihn einem Fachmann, dem Schuhmacher, damit ihn dieser nach allen Regeln seiner Kunst in die Kur nehme. Auf die Erziehung der Kinder nimmt man nicht so viel Rücksicht, für die wichtigste aller gesellschaftlichen Funktionen sieht man von der Notwendigkeit einer beruflichen Ausbildung ab!

Mehr noch: ihre Ausübung durch Kräfte, die nicht für den Beruf ausgerüstet und vorbereitet sind, wird zum Dogma erhoben, denn „die Mutter ist die natürliche Erzieherin der Kinder.” Also die erste beste Gans — man verzeihe den Ausdruck — welche Mutter wird, erhält durch die bloße Geburt die magische Gabe, alle Aufgaben dieses schweren und folgenreichen Berufs zu erledigen!

Diese Auffassung ist ihren Ergebnissen nach geradezu verbrecherisch!

Aber, ” sagt der wohlgesinnte Spießbürger mit einem sentimentalen Augenaufschlag gen Himmel, „aber die Natur hat der Frau den Instinkt der Mutterliebe gegeben, und dieser Instinkt tritt da helfend und ergänzend ein, wo das Wissen fehlt.”

Eie schlechte Beweisführung, die sich auf solche Gründe stützt! Unsere Zeit ist nicht so mystisch, um noch an die wirksame Kraft gleichsam überweltlicher Offenbarungen zu glauben. Der Instinkt der Mutterliebe ist blind, er tappt im Finstern. Er kann nun und nimmer ersetzen, was das Wissen und können zu leisten vermöchte. Er kann im besten Falle bei der Erziehung des Kindes das Schlimmste verhüten, aber er ist unfähig, das Vollendete zu leisten. Die Frau, welche die Grundbedingungen der körperlichen Entwicklung des Kindes nicht kennt, der ein Schlüssel für das Verständnis von dessen geistiger Herausgestaltung fehlt. Die nicht weiß, wo sie mit zartem Takt und ohne schulmeisterliche Pedanterie fördernd oder hemmend einzugreifen hat, die Frau, welche über keinen der technischen Kunstgriffe verfügt, welche dem Kinde die Entwicklung zur Menschwerdung erleichtern — die kann auch nicht zur Rolle der Erzieherin berufen sein, und wäre sie zehnmal des Kindes leibliche Mutter. Täglich hat man Beispiele vor Augen, welche zeigen, was für Ungeheuerlichkeiten, um nicht zu sagen Verbrechen gegen die Entwicklung der kindlichen Natur die zärtlichsten Mütter im Namen des „Instinkts der Mutterliebe” begehen. Ein gut Teil der körperlichen und geistigen Verkrüppelung der Jugend ist darauf zurückzuführen, dass die Erziehung dem „mütterlichen Instinkt” überlassen bleibt, anstatt dieselbe zur Sache eines zielbewussten Wissens und Könnens zu machen. All die „populären Abhandlungen” über Kinderpflege und Jugenderziehung können hieran nichts ändern, um so weniger, da sie für die Mehrzahl der Mütter verloren gehen. Die Frau, welche täglich zehn, zwölf und noch mehr Stunden in der Fabrik oder von früh bis Abends im Hause gewerblich arbeitet, hat nicht die Möglichkeit, sich Forschungen über ihren Beruf als Erzieherin hinzugeben. Ihre Eingriffe in die Erziehung müssen sich meist darauf beschränken, Hosenböden einzusetzen und Strümpfe zu stopfen, wenn sie vorher das dem Kinde nötige Brot verdient hat.

Gerade mit Rücksicht auf den Zweck und das Gelingen des Erziehungswerkes ist es durchaus notwendig, das, was bereits zum größten Teil und mit Erfolg für den Unterricht geschehen, für die gesamte Erziehung des Kindes durchzuführen. Dieselbe muss aus den Händen der für den Beruf gar nicht oder ur ungenügend ausgerüsteten Frau in dieselben von berufsmäßig ausgebildeten Erziehern und Erzieherinnen übergehen. Die Gesellschaft muss auch nach dieser Seite hin in ihr Recht eintreten und ihre Pflichten übernehmen. Die Macht der Gewohnheit und Phrase will zwar noch an dem Grundsatz festhalten, dass die Erziehung des Kindes Aufgabe der Mutter sei, allein die Verhältnisse machen diese Aufgabe mit jedem Tag tatsächlich immer illusorischer, immer hinfälliger. Die Entwicklung des Kindes fährt bei dem Wechsel nicht schlecht, sie wird aus einem Werk des blinden Instinkts zur Sache einer zielklaren Wissenschaft.

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Aber noch ein weiterer, schwerwiegender Grund spricht dagegen, dass die Erziehung der Kinder die vornehmste Aufgabe der Frau sein kann. Wer erziehen will, der muss selbst erst erzogen sein. Es ist überflüssig, dabei zu verweilen, wie wenig die Frau von heute dieser Forderung, in ihrem weitesten Sinne gefasst, entspricht. Seit Jahrhunderten geknechtet und versklavt, systematisch in einem Zustande der Untergeordnetheit gehalten, von Geburt an die Zielscheibe einer systematisch durchgeführten körperlichen und geistigen Verkümmerung, ist die Frau notwendiger Weise ein unvollkommenes und einseitig entwickeltes Geschöpf. Die Männer unter sich halten die Frau im Grunde für eine niedere Abart der Gattung Mensch. Und wunderbar, dieses unentwickelte Geschöpf, das durch seinen Herrn und Meister bei jeder wichtigen Gelegenheit, bei jedem Versuch, sich eine menschenwürdige Stellung zu erkämpfen, an seine Unterlegenheit erinnert wird, das soll von der Natur „auserwählt” sein, die heranwachsende Generation zu erziehen! Wer wird hierbei nicht mit dem alten Wort fragen: „Kann auch ein Blinder einen Blinden leiten?” Die Gegner der Frauenemanzipation füllen Bände an, um die Inferiorität des weiblichen Geschlechts zu beweisen, und auf der anderen Seite tragen sie kein Bedenken, diesem niedrig stehenden Geschöpf die wichtigste aller gesellschaftlichen Aufgaben zuzuerteilen, ja sogar als dessen eigentlichen „Beruf” zu erklären. Diese Logik macht dem männlichen Geist alle Ehre!

Wir wollen nicht erst darauf eingehen, wie die im Allgemeinen tatsächlich bestehende Unterlegenheit der Frau durch die engen Verhältnisse, in welchen sie seit Jahrhunderten steht, erzeugt wird, und wie dieselbe in Folge neuer, günstiger Entwicklungsbedingungen verschwinden muss. Für den Augenblick müssen wir die geringere Entwicklung der Frau einfach feststellen, damit aber auch deren Ungeeignetheit für die Rolle der Kindererzieherin. Goethes Ausspruch:

Die Eltern könnten erzogene Kinder gebären,

Wenn die Eltern selbst erzogen wären —

Gilt in erster Linie von dem Verhältnis zwischen Mutter und Kind.

Wertlos ist auch die viel gehörte Rede von dem reichen und tiefen Gefühlsleben der Frau, von dem moralisch veredelnden Einflusse des „ewig Weiblichen”, das hinan zieht.

Die Frau kann für die künftigen Generationen nicht eine Hohepriesterin des Schönen, Wahren und Guten sein, weil sie mit ihrer Auffassung der künstlerischen, wissenschaftlichen und sittlichen Begriffe größtenteils noch in einer vergangenen Zeit wurzelt. Die betreffenden Begriffe sind ja nicht der Ausdruck ewig gültiger Ideen, sie sind lediglich Abstraktionen und Spiegelbilder der jeweilig bestehenden, in fortwährendem Fluss begriffenen Gesellschaftsverhältnisse, wechseln und verändern sich auch mit diesen. Jedes Zeitalter und jedes Volk hat seine eigene Sittlichkeit, Kunst und Wissenschaft.

In der gegenwärtigen Epoche tobt ein heftiger Kampf zwischen den Ideen der alten und neuen Zeit. Gerade was die Auffassung und Entwicklung auf dem Gebiete der Moral anbetrifft, so steht die Frau der Regel nach im Lager des Alten, des Überlebten, wie es noch der Gesellschaftsordnung entspricht, in welcher die patriarchalische Familie ihre Berechtigung hatte. Dadurch, dass man die gesamte geistige Entwicklung der Frau auf dem Standpunkt vergangener Jahrhunderte festhielt, dass man ihre Entwicklung in ein Prokrustesbett zwängte, dass man ihr noch nicht den ihr gebührenden Platz in der Gesellschaft eingeräumt hat und sie an das Haus fesselte, dadurch ist auch die Frau in ihren sittlichen Anschauungen außer den rechten Zusammenhang mit der vollständig umgewandelten Gesellschaft geraten. Die neuen Gesellschaftszustände haben neue Beziehungen der Menschen untereinander, damit auch neue sittliche Anschauungen geschaffen, die sich von den alten genau so unterscheiden, wie die neuen Produktionsbedingungen von den alten. Dieser Entwicklungsprozess hat aber bei dem weiblichen Geschlechte kaum erst begonnen. Die Frau hat ihre sittlichen Anschauungen noch nicht mit den neuen Gesellschaftsverhältnissen in Einklang gebracht, sie klebt mit ihrer Auffassung dessen, was hochzuhalten und erstrebenswert ist, noch an den Reflexen der sozialen Zustände von gestern.

Wie soll sie da „hervorragend befähigt” sein, die Entwicklung des Kindes zu leiten, das der Bürger von morgen ist, das auf die Pflichten und Rechte des Werdenden und nicht des Vergangenen vorbereitet werden muss?

Dass sich die geistige Entwicklung der Menschheit nicht schneller vollzieht, hat wohl zum Teil seinen Grund darin, dass deren größre Hälfte in ihrer Entwicklung noch so weit zurückgehalten worden ist. Im Allgemeinen reicht das Denken der Frau nicht über ihre Nase, d.h. ihre Familie hinaus, sie übt eine engherzige Familienmoral, die im Gegensatz zu der gesellschaftlichen Moral steht, welche die neuen Verhältnisse bedingen. Alle ihre viel gerühmten Tugenden, ihre Selbstlosigkeit, Aufopferungsfähigkeit, ihr tiefes Empfinden bekunden sich nur zu Gunsten des engen Familienkreises, sie kommen nur denen zu Gute, welche die Frau leibt. Das Weib, welches für die Ihren der größten Aufopferung fähig ist, erweist sich der Gesellschaft gegenüber von oft geradezu brutalem Egoismus. Natürlich! Außerhalb des allgemeinen Lebens stehend, ohne Interesse und Beteiligung an den gesellschaftlichen Vorgängen, sind ihr die neuen sozialen Tugenden fremd geblieben. So stark entwickelt bei der Frau die Familienliebe ist, so ärmlich verkümmert erweist sich bei ihr die gesellschaftliche Solidarität. Die wenigsten Frauen haben auch nur eine Ahnung davon, was das Wort Solidarität eigentlich bedeutet, daher ihre Engherzigkeit, Härte, ja Grausamkeit gegen Alles, was sich außerhalb der Sphäre ihrer persönlichen Zuneigung bewegt. Das reiche moralische Gemütsleben der Frau findet im Grunde in einem Fingerhut oder in einem Kochtopf Platz, ohne dabei Gefahr zu laufen, sich den Kopf an den engen Wänden einzurennen.

Von allen Frauenkreisen zeigen gerade die so genannten unteren Schichten die relativ höchste moralische Entwicklung im modernen Sinne, sie sind am nächsten daran, den Begriff der Solidarität zu fassen und zu üben, sowie alle neuen sozialen Tugenden überhaupt. Am reaktionärsten und am weitesten nach rückwärts stehend erweisen sich dagegen die Kleinbürgerinnen, sie sind in ihren vormärzlichen Begriffen von Tugend und Moral versteinert und halten an denselben fest, obgleich sich dieselben im Verhältnis zu den neuen Sozialzuständen oft geradezu in schreiende Unmoralität verwandeln.

Die Moral der Frau wurzelt noch in der alten Zeit, ihre gesellschaftlichen Tugenden sind durchaus negative, sie hält sich für höchst moralisch, wenn sie den Nächsten nicht bestiehlt, belügt, hintergeht, ermordet, ihm nicht das Haus über dem Kopf anzündet. Aber sie ist zu Nutz und Frommen der Allgemeinheit nur schwer und selten zu positiv moralischen Handlungen bereit, selbst dann, wenn sie dieselben nicht in Konflikt mit den Interessen der Familie bringen. Im Allgemeinen ist sie stets bereit, die Interessen der Gesellschaft den Interessen der Familie aufzuopfern, die Gesamtheit hat ihrer Auffassung nach keinen oder geringen Anspruch auf ihre Hingabe und Selbstlosigkeit. Im Zentrum der weiblichen Moral steht die Familie, je ausschließlicher sich der Mann deren Interessen widmet — mag er auch das Allgemeinwohl dabei vernachlässigen — für um so vollkommener wird er meist seitens der Frau gehalten.

Daher die Gleichgültigkeit, ja oft genug der geradezu feindliche Widerstand, den die Frau der Beteiligung des Mannes am öffentlichen Leben entgegensetzt.

Familie und Gesellschaft bilden im Kopfe der Frau feindliche Gegensätze und der Mann, welcher das Familieninteresse dem Allgemeinwohl aufopfert, erscheint ihr nur zu oft als eine Art Verbrecher oder Tor. Diese Auffassung und der daraus hervorgehende Widerstand sind erklärlich und vom Standpunkte der Frau aus gerechtfertigt, sie entsprechen nicht nur ihrer Kirchturmsmoral, sondern überhaupt einem gesellschaftlichen Zustande, der auf Sonderinteressen und nicht auf dem Allgemeinwohl basiert. Sie sind die notwendige Folge davon, dass die Frau im Widerspruch zu den ökonomischen Verhältnissen an das Haus gebannt blieb. Die nämlichen Vorzüge, welche sie innerhalb der Familie für selbstverständlich hält, wird sie auch in der Gesellschaft betätigen, sobald sie durch die Tatsachen gelernt hat, dass auch ihr Wirkungskreis die Welt ist. Die neue soziale Stellung der Frau wird einen vollständigen Umschwung in ihrer Auffassung über ihre Pflichten und Rechte nach sich ziehen. Die Gesellschaft wird dann im Leben der Frau den Platz einnehmen, den das Haus heute usurpiert, die Allgemeinheit wird die Familie verdrängen.

Solange jedoch die Frau auf ihrem alten Standpunkt verharrt, solange sie nicht mit ihrem Denken und Empfunden in den neuen Verhältnissen aufgeht, solange sie innerhalb der Familie und Gesellschaft ein reaktionäres Element bildet, kann man die Mutter nicht a priori als beste Erzieherin der Kinder rühmen. Die Kinder müssen für das Morgen, nicht für das Gestern herangebildet werden.

Die Erzieher der Kinder müssen deshalb selbst voll und ganz auf dem Standpunkt der neuen Zeit stehen.

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Erkennt man die Richtigkeit dieser Grundsätze an, so ergibt sich von selbst der Schluss, dass die Frau, wie sie ist, nicht die auserwählte Erzieherin der Jugend sein kann. Es bleibt also kein Bedauern zurück, dass die modernen Verhältnisse die Frau aus ihrer erzieherischen Rolle verdrängen, und dass die Gesellschaft dieselbe übernimmt. Es ist folglich auch nicht gerechtfertigt, unter dem Geschrei von dem erzieherischen Mutterberuf die Frau von dem gesellschaftlichen Leben auszuschließen.

Pflicht der Gesellschaft ist, die Mutter dem Kinde für die Zeit zu erhalten, wo sie tatsächlich die natürliche Erzieherin und Pflegerin derselben ist: für die Periode der Schwangerschaft und das Säuglingsalter. Für die folgende Entwicklungszeit hat sie dem Kinde alle Einrichtungen und Anstalten zu bieten, welche die Mutter — hier als Zusammenfassung aller erzieherischen Einflüsse gedacht — in der besten Weise ersetzen.

Damit soll nicht gesagt werden, dass die Frau in der Zukunft von dem Erziehungswerke ausgeschlossen sein soll. Im Gegenteil, es ist bereits angedeutet worden, dass wahrscheinlich gerade das weibliche Geschlecht befähigt ist, bei der künftigen Erziehung der Jugend eine hervorragende Rolle zu spielen. Jedoch nicht jede Frau, bloß weil sie „Mutter” ist, sondern nur diejenige, welche Begabung und Neigung für den pädagogischen Beruf mit einer möglichst hohen und vielseitigen allgemeinen Entwicklung vereint und die nötige berufliche Sonderausbildung erhalten hat. Wenn die Frau durch eine freie Entwicklung in einem freien Gesellschaftswesen voll und ganz zum Menschen geworden, wenn sie zum Bewusstsein ihrer neuen Rechte und Pflichten erwacht ist, wenn sie auf einer Höhe der Anschauung steht, dass sie mit Goethes Prometheus allen Götzen der Vergangenheit das wunderbar stolze Wort entgegenschleudern kann: „Hier sitze ich und forme Menschen nach meinem Bilde” — erst dann haben wir das Recht, von der Frau als berufenen Erzieherin der Jugend zu sprechen.

IV.

Resumé

[Die wirtschaftliche und politische Emanzipation der Frau und ihr Träger]

Fassen wir zum Schluss die wesentlichen Punkte unserer Darlegungen zusammen!

Die Produktionsverhältnisse haben die Stellung der Frau in ihrer ökonomischen Grundlage revolutioniert, ihrer Tätigkeit als Haushälterin und Erzieherin in der Familie die Berechtigung, ja die Möglichkeit geraubt.

Die Produktionsverhältnisse haben gleichzeitig mit der Zerstörung der alten Tätigkeit der Frau innerhalb der Familie das Fundament zu deren neuer Tätigkeit innerhalb der Gesellschaft gelegt.

Die neue Rolle der Frau bewirkt ihre ökonomische Unabhängigkeit vom Manne, versetzt damit dessen politischer und gesellschaftlicher Vormundschaft über das Weib den Todesstoß.

Die vom Manne befreite Frau gerät jedoch in der heutigen Gesellschaft in die Abhängigkeit vom Kapitalisten, sie wird aus einer Haus- zu einer Lohnsklavin.

Die Frage der vollen Emanzipation der Frau erweist sich also in letzter und entscheidender Instanz alle eine ökonomische Frage, die im innigsten Zusammenhang mit der Arbeiterfrage überhaupt steht und nur im Zusammenhang mit ihr endgültig gelöst werden kann. Die Sache der Frau und die Sache der Arbeiter gehören untrennbar zusammen und finden ihre letzte Lösung nur in einer sozialistischen, auf Emanzipation der Arbeit vom Kapitalisten begründeten Gesellschaft.

Die Frau hat darum für ihre volle Emanzipation nur von der sozialistischen Partei etwas zu erwarten. Die Bewegung der bloßen „Frauenrechtlerinnen” kann in einzelnen Punkten gewisse Vorteile erzielen, sie kann jedoch nun und nimmer die Frauenfrage lösen.

Aufgabe der sozialistischen Arbeiterpartei ist es, die Lösung der Frauenfrage durch Organisation und politisch-ökonomische Schulung derjenigen Frauenschichten anzubahnen, deren Tätigkeit in Folge der neuen Produktionsverhältnisse am umfassendsten und gründlichsten umgestaltet ist: durch die Organisation der Industriearbeiterinnen.

Organisation und Schulung der Industriearbeiterinnen sind nicht nur der wichtigste Schritt, die Lage der Frau zu heben, sie sind auch ein bedeutender Faktor für den schnelleren und stärkeren Fortgang der Arbeiterbewegung überhaupt und dadurch von größtem Einflusse auf eine raschere Umgestaltung der bestehenden Gesellschaftsverhältnisse.

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