I. Die thermidorianische Reaktion

I. Die thermidorianische Reaktion

Der gewaltigen Anstrengung der Revolution und des Bürgerkrieges folgte eine politische Gegenwirkung. (Sie unterschied sich grundsätzlich von gleichlaufenden sozialen Phänomenen in nichtsowjetischen Ländern.) Sie reagierte gegen den imperialistischen Krieg und gegen die, die ihn geführt hatten. In England war sie gegen Lloyd George gerichtet, den sie bis an sein Lebensende politisch isolierte. In Frankreich erlitt Clemenceau ein ähnliches Schicksal.

Die mächtige Wandlung in den Gefühlen der Massen nach einem Krieg und einem Bürgerkrieg war nur natürlich. In Russland waren die Arbeiter und Bauern tief davon überzeugt, dass ihre eigenen Interessen auf den Spiele standen und dass der ihnen aufgezwungene Krieg wirklich der ihre war. Nach dem Sieg über die Weißen und über die Entente war die Zufriedenheit groß, und ebenso groß war die Popularität derjenigen, die geholfen hatten, ihn zu erringen.

Aber die drei Bürgerkriegsjahre hatten der Sowjetregierung selbst durch die Tatsache ihren unverwischbaren Stempel aufgedrückt, dass sich eine sehr große Zahl der neuen Administratoren daran gewöhnt hatte, zu befehlen und absolute Unterwerfung unter ihre Befehle zu verlangen. Die Theoretiker, die zu beweisen versuchen, dass das gegenwärtige totalitäre Regime in der UdSSR nicht gegebenen historischen Bedingungen geschuldet ist, sondern der Eigenart des Bolschewismus, vergessen, dass der Bürgerkrieg nicht aus der Eigenart des Bolschewismus hervorging, sondern aus den Bemühungen der russischen und der internationalen Bourgeoisie, das Sowjetregime zu stürzen.

Dass Stalin und viele andere vom Milieu und den Umständen des Bürgerkriegs geformt worden sind, ebenso wie die ganze Gruppe, die ihm später helfen sollte, seine persönliche Diktatur aufzurichten – Ordschonikidse, Woroschilow, Kaganowitsch - und eine ganze Schicht von Arbeitern und Bauern, die sich zu Verwaltungs- und Kommandeursposten aufgeschwungen hatten, daran ist nicht zu zweifeln.

(Ferner bestanden in den fünf auf die Revolution folgenden Jahren über 97% der Parteimitgliedschaft aus Leuten, die nach dem Siege in die Partei eingetreten waren. Weitere fünf Jahre später) hatte die überwältigende Mehrheit der eine Million zählenden Parteimitglieder nur noch eine nebelhafte Vorstellung von dem, was die Partei in der ersten Periode der Revolution gewesen war, von der vorrevolutionären Illegalität gar nicht zu reden.

Kurzum, mindestens drei Viertel der Parteiangehörigen setzten sich damals aus Mitgliedern zusammen, die erst nach 1923 zur Partei gekommen waren. Die Zahl der Mitglieder, die der Partei vor der Revolution angehört hatten – das heißt also, Revolutionäre aus der illegalen Zeit –, lag unter einem Prozent. 1923 war die Partei von jungen und unerfahrenen (rapide ausgebildeten und zurecht geformten) Massen überschwemmt worden, die, unter der Peitsche der Berufs-Apparatschiks, die Rolle von Jasagern zu spielen hatten. Dies äußerste Zusammenschrumpfen des revolutionären Kerns der Partei war die notwendige Vorbedingung für die Siege des Apparats über den „Trotzkismus".

1923 begann, sich die Lage zu stabilisieren. Der Bürgerkrieg, ebenso der Krieg mit Polen, waren endgültig abgeschlossen. Die schrecklichsten Folgen der Hungersnot waren überwunden, die „Nep" hatte dem Wiedererwachen der Volkswirtschaft einen mächtigen Elan verliehen. Dass die Kommunisten ständig von einem Posten auf den andern und von einem Betätigungsfeld in ein anderes hinüber wechselten, wurde bald eine Ausnahme; die Kommunisten begannen, sich in Dauerstellungen einzurichten und die Regionen und Distrikte des wirtschaftlichen und politischen Lebens, die ihrer administrativen Gewalt anvertraut waren, methodisch zu leiten. Die Ernennung auf diese Posten verband sich mehr und mehr mit den Problemen des persönlichen Lebens, des Familienlebens des Beamten, seiner Karriere.

Damals trat Stalin mit wachsender Bedeutung als Organisator, Aufgabenverteiler, Postenverteiler, Bildner und Meister der Bürokratie auf. Er wählte seine Leute nach ihrer Feindschaft oder ihrer Indifferenz gegenüber seinen persönlichen Gegnern aus, und zwar besonders gegenüber demjenigen, den er als seinen Hauptgegner betrachtete, als das größte Hindernis auf dem Wege des Aufstiegs zur absoluten Macht. Stalin verallgemeinerte und klassifizierte seine eigene Verwaltungserfahrung für den Gebrauch seiner engsten Verbündeten, vor allem die Erfahrung in jenen Manövern, die er mit Ausdauer hinter den Kulissen geführt hatte. Er lehrte sie, ihren lokalen politischen Apparat nach dem Modell seines eigenen Apparates zu organisieren: wie Mitarbeiter zu rekrutieren, wie ihre Schwächen auszunützen seien, wie der eine Genosse gegen den anderen auszuspielen, wie der Apparat in Gang zu halten sei.

In dem Maße, wie das Leben der Bürokratie an Stabilität gewann, erzeugte es das Bedürfnis nach gesteigertem Komfort. Stalin stellte sich an die Spitze dieser spontanen Bewegung, lenkte sie und stattete sie seinen eigenen Zielen entsprechend aus. Er belohnte diejenigen, derer er sicher war, indem er ihnen angenehme und vorteilhafte Posten verschaffte. Er suchte die Mitglieder der Kontrollkommission aus und entfachte in ihnen das Bedürfnis, alle die unerbittlich, zu verfolgen, die von der offiziellen politischen Linie abwichen. Gleichzeitig wusste er sie dazu anzuregen, nach der ungewöhnlichen und extravaganten Lebensweise der Funktionäre, die ihm treu ergeben waren, zu schielen. Denn Stalin bemaß jede Situation, jeden politischen Umstand und jeden Lebensumstand der einzelnen Personen nach sich selbst, nach seinem Kampf um die Herrschaft, nach seinem rücksichtslosen Verlangen, andere zu beherrschen. Jede andere Betrachtungsweise war ihm völlig fremd. Er hetzte seine gefährlichsten Konkurrenten gegeneinander auf; sein Talent, persönliche und Gruppengegensätze auszunützen, entwickelte er zur Kunst – zu einer unnachahmlichen Kunst, denn er brauchte nur seinen fast unfehlbaren Instinkt für Operationen dieser Art zu entwickeln. Jede neue Situation sah er zuerst und vor allem daraufhin an, wie er aus ihr einen persönlichen Vorteil ziehen konnte. Nie zögerte er, das Interesse des Sowjetlandes zu opfern, wenn es mit seinem persönlichen Interesse in Konflikt geriet. Bei jeder Gelegenheit und ohne der Folgen zu achten, tat er alles, was er konnte, um denen Schwierigkeiten zu bereiten, von denen er glaubte, dass sie seine Allmacht bedrohten. Mit derselben Ausdauer war er bemüht, jeden Akt persönlicher Ergebenheit zu belohnen. Heimlich erst, dann offener, trat er als Schützer der Ungleichheit auf, als Schützer der besonderen Vorrechte der Spitzen der Bürokratie.

Bei diesem vorsätzlichen Demoralisierungswerk kümmerte sich Stalin nie um die weitere Perspektive. Noch dachte er über die soziale Bedeutung dieses Prozesses nach, in dem er die Hauptrolle spielte. Er ging damals wie heute als der Empiriker vor, der er immer war. Er wählte die ihm Ergebenen aus und belohnte sie; er half ihnen, sich privilegierter Stellungen zu bemächtigen; er verlangte von ihnen den Verzicht auf persönliche politische Ziele. Er lehrte sie, für ihren eigenen Gebrauch den Apparat zu schaffen, der notwendig ist, um die Massen zu beeinflussen und zu unterwerfen. Er dachte nicht einen Augenblick daran, dass diese Politik dem Kampfe direkt entgegengesetzt war, dem Lenin in seinem letzten Lebensjahr die meiste Bedeutung beimaß, dem Kampf gegen die Bürokratie. Gelegentlich sprach er selbst von der Bürokratie, aber immer in den abstraktesten und wirklichkeitsfernsten Ausdrücken. Er denkt dabei nur an die kleinen Dinge: mangelnde Aufmerksamkeit, Papierkrieg, unordentliche Büros usw., ist aber blind und taub gegenüber der Herausbildung einer ganzen Kaste von Bevorrechteten, die wie Diebe untereinander verschworen sind durch ihre gemeinsamen Interessen, durch den ständigen zunehmenden Abstand zwischen ihnen und dem werktätigen Volk. Ohne es zu ahnen, organisiert Stalin nicht nur einen neuen politischen Apparat, sondern eine neue Kaste.

Er geht an die Fragen nur vom Gesichtspunkt der Kaderauswahl heran, des Ausbaus des Apparates, der Sicherung seiner persönlichen Kontrolle über ihn, seiner eigenen Herrschaft. Für ihn gibt es keinen Zweifel – in dem Umfang, wie er sich überhaupt um allgemeine Fragen kümmert –, dass sein Apparat der Regierung mehr Stärke und Festigkeit verleiht und so die neue Entwicklung zum Sozialismus in einem Lande garantiert. Weiter wagt er sich auf dem Gebiete der Verallgemeinerungen nicht. Dass die Kristallisation einer neuen herrschenden Schicht von Funktionären, die in privilegierten Stellungen sitzen – den Massen gegenüber durch die Idee des Sozialismus getarnt –, dass die Bildung einer neuen führenden, mit allen Vorrechten und allen Vollmachten versehenen Schicht die soziale Struktur des Staates verändert und in ständig steigendem Maße die soziale Zusammensetzung der neuen Gesellschaft – das ist ein Gedanke, den zu fassen er sich weigert und den er, allemal wenn er ihm nahe gelegt wird, zurückweist – mit der Faust oder mit dem Revolver.

So wird der Empiriker Stalin, ohne förmlich mit der revolutionären Tradition zu brechen und ohne den Bolschewismus zu verwerfen, der wirksamste Zerstörer der einen wie des andern, indem er sie alle beide verrät.

Zur Zeit der Parteidiskussion im Herbst 1923 war die Moskauer Organisation ungefähr zur Hälfte gespalten, mit einem anfänglichen gewissen Übergewicht der Opposition. Die beiden Hälften waren indes ihrem sozialen Wirkungsvermögen nach nicht von gleicher Kraft. Die Jugend und ein beträchtlicher Teil einfacher Parteimitglieder gingen mit der Opposition, aber auf Seiten Stalins und des Zentralkomitees standen all die besonders erzogenen und disziplinierten Politiker, die mit dem Apparat des Generalsekretärs eng verbunden waren. Meine Krankheit und als Folge davon mein Fernbleiben vom Kampf war, das muss ich sagen, ein Faktor von einiger Bedeutung, doch darf diese Bedeutung nicht überschätzt werden; mehr als ein episodischer Charakter kommt ihr nicht zu. (Sehr viel wichtiger war die Tatsache, dass) die Arbeiter müde waren. Die die Opposition unterstützten, waren nicht von der Hoffnung auf große und tiefgehende Veränderungen angetrieben, während die Bürokratie mit außergewöhnlicher Brutalität vorging. Es stimmt, dass es mindestens eine Periode großer Verwirrung gab, aber wir wussten damals nichts davon; wir wurden erst später durch Sinowjew darüber unterrichtet. Als er eines Tages nach Moskau kam, fand er die Moskauer Führer von einer Panik aufgescheucht vor. Es war ruchbar geworden, dass Stalin ein Manöver vorbereitete, dessen Ziel es war, auf Kosten seiner Verbündeten Sinowjew und Kamenew seinen Frieden mit der Opposition zu machen; das lag durchaus in seiner Art.

Zu dieser Zeit fanden die Sitzungen des Politischen Büros meiner Krankheit wegen bei mir zu Hause statt. Stalin machte mir offensichtlich Avancen und bekundete für meine Gesundheit ein völlig unerwartetes Interesse. Sinowjew machte, seinem Bericht nach, dieser zweideutigen und sichtlich sonderbaren Situation in Moskau ein Ende, indem er sich nach Petrograd wandte, um dort seinen Einfluss zu verstärken. Er bildete eine illegale Gruppe von Agitatoren und Stoßtrupps, die im Automobil von einer Fabrik zur anderen fuhren, um Lügen und Verleumdungen auszustreuen. Ohne natürlich mit seinen Verbündeten zu brechen, suchte Stalin sich den Rückzug zur Opposition offen zu halten für den Fall, dass diese siegte. Sinowjew war kühner, weil er abenteuerlicher und unverantwortlicher war. Stalin war vorsichtig. Er übersah noch nicht ganz den Umfang der Veränderungen, die in den Spitzen der Partei und besonders im Sowjetapparat vor sich gegangen waren. Er ruhte sich nicht auf seiner persönlichen Stärke aus, er ging tastend vor, prüfte jeden Widerstand, würdigte jeden Stützpunkt. Er ließ Sinowjew und Kamenew sich kompromittieren und bewahrte sich selbst volle Manövrierfreiheit.

Während derselben Diskussion wurde die Technik des Apparats in dessen Kampf gegen die Opposition endgültig festgelegt und in der Aktion ausprobiert. Es konnte unmöglich zugelassen werden, dass in irgendeinem Falle der Apparat durch einen Druck von unten her hätte gebrochen werden können. Der Apparat musste auf alle Fälle bleiben. Die Partei konnte verändert, umgruppiert, umgeschmolzen werden. Mitglieder konnten ausgeschlossen oder kompromittiert werden, andere konnten Furcht haben. Schließlich war es möglich, mit den Dingen und den Ziffern zu jonglieren. Die Apparatschiki gingen von Fabrik zu Fabrik. Die Kontrollkommissionen, die zu dem Zwecke geschaffen worden waren, zu verhindern, dass der Apparat die Macht usurpierte, wurden zu bloßen Rädern des Apparats. Auf den Parteiversammlungen notierten Vertrauensmänner dieser Kommissionen den Namen jedes Redners, der der Sympathie für die Opposition verdächtig war und untersuchten dann genauestens seine Vergangenheit. Immer oder fast immer war es ohne allzu große Schwierigkeiten möglich, irgendeinen Fehler oder einfach eine ungünstige soziale Herkunft zu finden, um eine Anklage wegen Durchbrechung der Parteidisziplin zu rechtfertigen oder eine solche Anklage zu provozieren. Es war dann möglich, den mit der Opposition. Sympathisierenden auszuschließen, zu versetzen, ihn zum Schweigen zu bringen oder sogar einen Kuhhandel mit ihm einzugehen.

Diesen Teil der Arbeit leitete Stalin persönlich. In der Zentralen Kontrollkommission hatte er mit Soltz, Jaroslawski und Schkirjatow seine eigene Clique an der Spitze. Ihre Hauptaufgabe war, von den Nonkonformisten schwarze Listen anzulegen und über ihre Abstammung in den Archiven der zaristischen Polizei nachzuforschen. Stalin besitzt ein besonderes Archiv voll von Dokumenten aller Art, Anschuldigungen, verleumderischen Gerüchten über alle sowjetischen Führer ohne Ausnahme. Als er 1929 mit den Rechtsfraktionellen des Politbüros – Bucharin, Rykow und Tomski – öffentlich brach, konnte Stalin Kalinin und Woroschilow nur bei der Stange halten, indem er mit gewissen Enthüllungen drohte.

Im Jahre 1925 veröffentlichte eine humoristische Zeitschrift eine Karikatur, die den Regierungschef (Kalinin) in einer sehr kompromittierenden Situation darstellte. Die Ähnlichkeit war frappierend. Der Text war sehr anzüglich, außerdem war ein Hinweis auf Kalinin durch dessen Initialen, M. K., vorhanden. Ich traute meinen Augen nicht. „Was hat das zu bedeuten?", fragte ich mehrere meiner Freunde, darunter Serebrjakow, der Stalin im Gefängnis und in der Verbannung nahe gekannt hatte.

Das ist Stalins letzte Warnung an die Adresse Kalinins", antwortete er mir.

Und warum das?"

Bestimmt nicht, weil ihm dessen Lebensweise Kummer macht", sagte Serebrjakow lachend, „Kalinin versteift sich wahrscheinlich auf irgendetwas …"

Kalinin, der die jüngste Vergangenheit nur zu gut kannte, hatte sich zuerst geweigert, Stalin als Führer anzusehen; er schreckte lange davor zurück, sein Schicksal mit dem Stalins zu verbinden. „Dies Pferd", pflegte er in intimen Kreisen zu sagen, „wird unseren Wagen eines Tages in den Graben werfen." Schritt für Schritt jedoch, brummig und widerspenstig, wandte er sich zuerst gegen mich, dann gegen Sinowjew, und schließlich, nun aber ganz wider seinen Willen, gegen Rykow, Bucharin und Tomski, mit denen er durch gemeinsame politische Konzeptionen eng verbunden war. Jenukidse machte dieselbe Entwicklung durch, er marschierte in den Fußstapfen Kalinins, wenn auch mit mehr Zurückhaltung und sicher empfindlicher darunter leidend. Seiner ganzen Natur nach, deren hervorstechendster Zug die Anpassungsfähigkeit war, konnte sich Jenukidse gar nicht woanders, als im Lager des Thermidor befinden. Aber ein Streber war er nicht und ganz bestimmt keine Kanaille; es fiel ihm schwer, mit den alten Traditionen zu brechen und noch schwerer, sich gegen die Männer zu wenden, die er zu respektieren gewohnt war. In den kritischen Augenblicken zeigte er nicht nur keine aggressive Begeisterung, sondern beschwerte sich im Gegenteil, schalt, versuchte Widerstand zu leisten. Stalin entging das nicht, und er warnte ihn mehr als einmal. Ich erfuhr das aus bester Quelle. Obwohl in jenen Tagen die Denunziationspraxis nicht nur das politische Leben, sondern auch schon die persönlichen Beziehungen vergiftet hatte, blieben noch hier und da Oasen gegenseitigen Vertrauens. Jenukidse hielt sehr freundschaftliche Beziehungen zu Serebrjakow aufrecht, obwohl der letztere als einer der Führer der Linksopposition bekannt war. Oft schüttete Jenukidse ihm sein Herz aus: „Was will er mehr?" fragte er. „Ich tue alles, was er von mir verlangt, aber das ist ihm nicht genug. Er will, dass ich zugebe, dass er genial ist."

Stalin nahm Sinowjew und Kamenew unter seine Hut, als ich ihnen ihr Verhalten im Jahre 1917 in Erinnerung rief. „Es ist ganz gut möglich", schrieb er, „dass einige Bolschewiki in den Julitagen gezittert haben. Ich weiß zum Beispiel, dass mehrere Bolschewiki, die damals verhaftet waren, bereit waren, aus unseren Reihen zu desertieren. Aber daraus eine Verurteilung gewisser … Mitglieder des Zentralkomitees herleiten, heißt, die Geschichte entstellen."

Was an diesem Zitat interessant ist, ist nicht so sehr die rückhaltlose Verteidigung Sinowjews und Kamenews, sondern der willkürliche Hinweis auf „mehrere Bolschewiki, die damals verhaftet waren"; damit war Lunatscharski gemeint, von dem überhaupt nicht die Rede war. Unter den nach der Revolution aufgefundenen Dokumenten befindet sich das Verhör Lunatscharskis während der polizeilichen Untersuchung. Es macht seinem politischen Mut gewiss keine Ehre. Das war an sich für Stalin nicht von großer Wichtigkeit; in seiner unmittelbaren Umgebung befanden sich noch weniger mutige Bolschewiki. Was ihn wütend machte, war, dass Lunatscharski 1923 seine „Silhouetten der Revolutionsführer" veröffentlicht hatte, in denen es keine Silhouette Stalins gab. Diese Auslassung war nicht absichtlich geschehen. Lunatscharski hatte nichts gegen Stalin, nur war es ihm einfach nicht in den Sinn gekommen, ebenso wenig wie sonst irgendjemand in damaliger Zeit, Stalin zu den Revolutionsführern zu zählen. 1925 hatte sich die Situation verändert, und jener Hinweis war für Stalin die Art und Weise, in der Lunatscharski zu verstehen gegeben wurde, dass er seine Politik ändern oder darauf gefasst sein müsse, an den Pranger gestellt zu werden. Ihm wurde eine Frist gewährt. Er verstand sehr gut, auf wen die Anspielung gemünzt war, und wechselte radikal seine politische Position; seine Sünden aus dem Juli 1917 wurden sofort vergessen.

Die jungen Revolutionäre der zaristischen Ära waren nicht alle Geschichtsbuch-Helden; einige waren unter ihnen, die während der polizeilichen Untersuchungen nicht genügend Mut zeigten. Wenn ihr späteres Verhalten erlaubte, diese Schwäche zu vergessen, schloss sie die Partei nicht endgültig aus und erlaubte ihnen, später wieder in ihre Reihen einzutreten. 1923 begann Stalin als Generalsekretär alle Fälle dieser Art persönlich zu sammeln und sich ihrer bei passender Gelegenheit als Druckmittel gegen alte Revolutionäre zu bedienen, die mehr als einen Jugendfehler wieder gutgemacht hatten. Er drohte ihnen an, vergangene Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, erzwang ihren servilen Gehorsam und stieß sie Schritt für Schritt in einen Zustand vollständiger Demoralisierung. (Und er band sie endgültig an sich, indem er sie bei seinen Machinationen gegen die Opposition zu den erniedrigendsten Hilfsdiensten presste. Die sich weigerten, sich erpressen zu lassen, wurden vom Apparat politisch zerbrochen oder zum Selbstmord getrieben.) So kam einer meiner nächsten Mitarbeiter um, mein persönlicher Sekretär Glasmann, ein Mensch von außergewöhnlicher Bescheidenheit und exemplarischer Hingabe an die Partei. Er nahm sich schon 1924 das Leben. Sein Verzweiflungsakt machte solchen Eindruck, dass die Zentrale Kontrollkommission gezwungen war, ihn zu rehabilitieren und ihrem eigenen ausführenden Organ einen (sehr vorsichtigen und sehr gemäßigten) Verweis zu erteilen.

Der Druck, der auf die Linksoppositionellen und die mit ihnen Sympathisierenden ausgeübt wurde, steigerte sich ständig. Die Art und Weise, in der die Hunderte von Kommunisten behandelt wurden, die ihre Unterschrift der „Erklärung der 83" vom 26. Mai 1927 hinzufügten, wurde an Brutalität und Zynismus nur von der übertroffen, der die Tausende von Parteimitgliedern ausgesetzt waren, die sie mündlich unterstützten. Sie wurden einfach nur deshalb vor die Parteigerichte geschleppt, weil sie in Parteiversammlungen Ansichten vertreten hatten, die mit denen des Zentralkomitees nicht übereinstimmten; man entzog ihnen auf diese Weise das elementarste Recht eines Parteimitgliedes. Die Masse der Parteimitglieder wurde so auf den brutalen Ausschluss der Opposition vorbereitet. Auch wurde auf die Mitglieder und Sympathisierenden der Opposition noch durch besondere Maßnahmen ein Druck ausgeübt. „Wir werden euch von euren Arbeitsplätzen verjagen!", schrie eines Tages der Sekretär des Moskauer Komitees, und als sich diese Drohung als ungenügend erwies, um die Opposition zum Schweigen zu bringen, rief das Zentralkomitee die GPU. Man musste blind sein, um nicht zu sehen, dass der Kampf gegen die Opposition mit solchen Methoden ein Kampf gegen die Partei war.

Menschinski, der Nachfolger Dserschinskis als Chef der GPU, hatte zu Lenins Zeiten der Oppositionsbewegung angehört. Er war Boykottist gewesen, hatte dann mit dem Anarchosyndikalismus sympathisiert und hatte noch andere Abweichungen zu verzeichnen. Das war in seiner Jugend gewesen. Doch gegen Ende seiner Karriere faszinierte ihn der Unterdrückungsapparat. Nichts anderes interessierte ihn, als nur die GPU. Er wandte alle seine intellektuellen Fähigkeiten an das, was seine einzige Aufgabe war: dafür zu sorgen, dass sein Apparat ständig gut funktionierte. Dieserhalb musste er vor allem die Regierung entschieden unterstützen. Eines Tages, es war während des Bürgerkriegs, hatte mich Menschinski zu meinem Erstaunen über die Intrigen Stalins gegen mich unterrichtet; ich habe das in meiner Selbstbiographie erwähnt. Als sich das Triumvirat der Herrschaft bemächtigte, blieb er dem Triumvirat treu. Er übertrug seine Treue auf Stalin, als das Dreimännerkollegium zusammenbrach. Als im Herbst 1927 die GPU begann, sich in die inneren Auseinandersetzungen der Partei einzumischen, gingen wir zu mehreren – Sinowjew, Kamenew, Smilga, ich selbst und, wenn ich nicht irre, noch jemand – zu Menschinski. Wir verlangten von ihm, uns die Zeugenaussagen zu zeigen, von denen er auf der letzten Sitzung des Zentralkomitees mit großem Erfolg gegen uns gesprochen hatte. Er leugnete nicht, dass diese Dokumente in der Hauptsache falsch seien, weigerte sich aber entschieden, sie uns zu zeigen.

Erinnern Sie sich, Menschinski", fragte ich ihn, „dass Sie mir einmal in meinem Zuge, als wir an der Südfront waren, von einer Intrige Stalins gegen mich gesprochen haben?" Er wurde verlegen. Jagoda, der damals Stalins Agent beim GPU-Chef war, mischte sich ein. „Aber der Genosse Menschinski", sagte er, indem er seinen Fuchskopf vorbeugte, „ist doch nie an der Südfront gewesen."

(Jagoda war in seiner Jugend Apotheker; in einer friedlichen Epoche wäre er als obskurer Besitzer einer Kleinstadtapotheke entschlummert.)

Ich unterbrach ihn; ich sagte ihm, dass nicht er es sei, an den ich mich wendete, sondern Menschinski, und ich wiederholte meine Frage. Darauf antwortete Menschinski:

Gewiss, ich war in ihrem Zuge an der Südfront und ich habe Sie von dieser oder jener Machenschaft in Kenntnis gesetzt, aber ich glaube nicht, irgendjemand genannt zu haben." Bei dieser Antwort glitt das eigenartige Lächeln eines Somnambulen über sein Gesicht.

Wir konnten nichts aus ihm herausbekommen. Stalin kam zu ihm, nachdem wir ihn mit leeren Händen verlassen hatten. Kamenew ging allein zu ihm zurück; schließlich und endlich war es so lange nicht her, dass Menschinski dem ganzen Triumvirat gegen die Opposition gedient hatte. „Glauben Sie wirklich", fragte Kamenew ihn zum Schlüsse, „dass Stalin allein den Aufgaben der Oktoberrevolution gewachsen ist?" Menschinski wich einer Antwort aus. „Warum haben Sie ihm erlaubt, sich eine so gewaltige Macht zu verschaffen?", antwortete er auf alle Fragen; „jetzt ist es zu spät."

Im Frühjahr 1924, nach einer der Vollsitzungen des Zentralkomitees, an der teilzunehmen mich meine Krankheit verhindert hatte, sagte ich zu I. N. Smirnow: „Stalin wird der Diktator der UdSSR werden!" Smirnow kannte Stalin gut. Sie hatten gemeinsam für die Revolution gearbeitet und waren jahrelang zusammen in der Verbannung gewesen; unter solchen Umständen lernen die Menschen einander gut kennen.

Stalin?", fragte er verwundert, „So ein mediokrer Mensch, eine farblose Null?"

Medioker, ja. Null, nein", antwortete ich. „Die Dialektik der Geschichte hat sich seiner schon bemächtigt und wird ihn noch höher tragen. Alle brauchen ihn: die müde gewordenen Revolutionäre, die Bürokraten, die Nepleute, die Kulaken, die Emporkömmlinge, die Bedientenseelen, alle diese Würmer, die über den von der Revolution umgepflügten Boden kriechen. Er versteht es, ihnen auf ihrem Terrain entgegenzukommen, er spricht ihre Sprache und weiß sie zu führen, er hat den verdienten Ruf eines alten Revolutionärs, was ihn für den Zweck, das Land zu verblenden, unschätzbar macht; er hat Willenskraft und Kühnheit, er wird niemals zögern, sie gegen die Partei zu richten, sich ihrer gegen sie zu bedienen; er hat schon begonnen, es zu tun. Eben in diesem Augenblick sammelt er die Aaskäfer der Partei, die gewitzten Intriganten, um sich und organisiert sie. Sicherlich können große Ereignisse in Europa, in Asien und in unserem Lande dazwischenkommen und alle Spekulationen über den Haufen werfen. Aber wenn sich alles weiterhin so automatisch entwickelt wie bis jetzt, dann wird auch Stalin automatisch der Diktator werden."

Bei einer Diskussion, die ich 1926 mit Kamenew hatte, bestand dieser darauf, dass Stalin „nur eben ein Provinzpolitiker" wäre. In dieser sarkastischen Einschätzung lag ein Teil, aber eben nur ein Teil Wahrheit. Eigenschaften wie List, Unaufrichtigkeit, die Fähigkeit, die niedrigsten Instinkte der menschlichen Natur auszunützen, diese Eigenschaften sind bei Stalin in außerordentlich hohem Grade entwickelt und bilden, entschlossen gehandhabt, mächtige Waffen im Kampf, natürlich nicht in jeder Art Kampf. Der Kampf, der geführt wird, um die Massen zu befreien, verlangt andere Eigenschaften. Dafür aber, Männer für privilegierte Posten auszusuchen, sie im Kastengeist aneinander zu schweißen, die Massen zu schwächen und zu unterjochen, dafür waren Stalins Eigenschaften unschätzbar, und sie machten ihn zum Führer der bürokratischen Reaktion. (Nichtsdestoweniger) bleibt Stalin ein mediokrer Mensch, sein Denken ist nicht nur beschränkt, es ist auch unfähig, logische Schlüsse zu ziehen. Jeder Satz seiner Rede hat ein unmittelbar praktisches Ziel. Seine Rede als Ganzes genommen aber kommt nie zu einer logischen Struktur.

Hätte Stalin anfänglich voraussehen können, wohin ihn sein Kampf gegen den Trotzkismus führte, er hätte zweifellos gezögert, trotz der Aussicht auf den Sieg über alle seine Gegner. Er ist aber nicht imstande, irgendetwas vorauszusehen. Die Prophezeiungen seiner Gegner, dass er der Führer der thermidorianischen Reaktion werden würde, der Totengräber der Partei und der Revolution, erschienen ihm als sinnlos. Er glaubte, dass der Parteiapparat sich selbst genüge und allen Aufgaben gewachsen sei. Er hatte nicht das geringste Verständnis für die historische Funktion, die er erfüllte. Das Fehlen schöpferischer Einbildungskraft, die Unfähigkeit zur Verallgemeinerung und zur Voraussicht, vernichteten den Revolutionär in ihm, als Stalin das Staatsruder ergriff. Dass sich aber diese Züge auf seine Autorität als alter Revolutionär stützten, erlaubte ihm, den Aufstieg der thermidorianischen Bürokratie zu tarnen.

Sein Ehrgeiz nahm primitive asiatische Züge an, die die europäische Technik verschlimmerte. Es ist ihm ein Bedürfnis, dass ihm die Presse jeden Tag mit Extravaganz huldigt, seine Bilder veröffentlicht, ihn unter dem lächerlichsten Vorwande zitiert, seinen Namen in Riesenlettern druckt. Heute wissen sogar die Postbeamten, dass sie kein an Stalin gerichtetes Telegramm annehmen dürfen, in dem er nicht „Vater der Völker" oder „großer Lehrmeister" oder „Genie" genannt wird. Roman, Oper, Film, Malerei, Bildhauerei, ja sogar landwirtschaftliche Ausstellungen - alles muss sich um Stalin drehen als um seine eigene Achse. Literatur und Kunst der Stalinschen Epoche werden in die Geschichte als Exempel des absurdesten und abscheulichsten Byzantinismus eingehen. (1925 verzieh Stalin es Lunatscharski nicht, dass dieser ihn in seine Lebensschilderungen von Revolutionären nicht aufgenommen hat, zwölf Jahre später aber) grüßte Alexis Tolstoi, der den Namen eines der mächtigsten und unabhängigsten Schriftstellers Russlands trägt, Stalin folgendermaßen:

Du, strahlende Sonne der Nationen,

Nie sinkende Sonne unserer Zeit,

Und mehr als Sonne, denn die Sonne kennt keine Weisheit …"

Ein weniger bekannter Autor besingt ebenfalls Stalin und die Sonne:

Wir haben unsere Sonne von Stalin,

Wir haben unser glückliches Leben von Stalin …

O weiser Lehrer! Genie der Genies!

Sonne der Arbeiter, Sonne der Bauern, Sonne der Welt!"

Der Artikel über die „glückliche Regierung" des Zaren Alexander III., von einem beflissenen Höfling für eine alte russische Enzyklopädie geschrieben, ist ein Muster an Wahrhaftigkeit, Bescheidenheit und gutem Geschmack, verglichen mit dem Artikel über Stalin in der letzten Sowjet-Enzyklopädie.

Der Block mit Sinowjew und Kamenew bremste Stalin. Sinowjew und Kamenew, die lange Jahre bei Lenin in die Schule gegangen waren, waren imstande, den Wert von Ideen und Programmen einzuschätzen. Obwohl sie manchmal in monströse Abweichungen von den Prinzipien des Bolschewismus verfielen, überschritten sie niemals gewisse Grenzen. Als sich das Triumvirat aber spaltete, war Stalin von jeder ideologischen Rücksicht befreit. Weder die Tatsache, dass sie keine revolutionäre Vergangenheit hatten, noch ihre grobe Unwissenheit konnte die Mitglieder des Politbüros fürderhin hemmen. Die minderwertigen und uninteressanten Diskussionen blieben ohne Tragweite, besonders was die Probleme der Kommunistischen Internationale betraf. Zu dieser Zeit hätte kein einziges Mitglied des Politbüros zugegeben, dass irgendeine ausländische Sektion der Kommunistischen Internationale eine Eigenpersönlichkeit besitze; alles lief auf die Frage hinaus, ob sie „für" oder „gegen" die Opposition seien.

In den voraufgegangenen Jahren war es eine meiner Aufgaben in der Komintern gewesen, die Entwicklung der Arbeiterbewegung in Frankreich zu verfolgen. Nach den Umwälzungen in der Komintern, die Ende 1923 begannen und das ganze Jahr 1924 hindurch fortdauerten, gaben sich die neuen Führer der verschiedenen Sektionen alle Mühe, sich mehr und mehr von den alten Doktrinen zu entfernen. Ich erinnere mich einer Sitzung, zu der ich die letzte Nummer des Zentralorgans der französischen kommunistischen Partei mitbrachte, aus dem ich mehrere Stellen eines wichtigen Artikels übersetzte, der vom politischen Programm handelte. Diese Auszüge zeugten von solcher Ignoranz und so offensichtlichem Opportunismus, dass für einen Augenblick Bestürzung im Politbüro herrschte. Die Stalinisten im Büro konnten jedoch diejenigen, die sie von außen her diensteifrig unterstützten, nicht fallen lassen. Das einzige Mitglied, das Französisch zu können glaubte, Rudsutak, bat mich um den Zeitungsausschnitt und wollte ihn neu übersetzen; er ließ alle Worte und Sätze fort, die er nicht verstand, entstellte den Sinn anderer und vervollständigte das Ganze durch eigene, frei erfundene Zusätze. Alsbald stimmte man ihm zu, und die Bestürzung war verflogen.

Es ist heute kaum der Mühe wert, die Produkte der anti-trotzkistischen Literatur, die trotz des Papiermangels die Sowjetunion buchstäblich überschwemmte, einer theoretischen Analyse zu unterziehen. Stalin selbst könnte nicht wieder lesen, was er zwischen 1923 und 1929 schrieb, weil es in flagrantem Widerspruch zu allem steht, was er im nächsten Jahrzehnt sagte und schrieb. Es genügt für unsere Zwecke, die wenigen neuen Ideen aufzuzeigen, die sich im Laufe der Polemiken zwischen dem stalinistischen Apparat und der Opposition stufenweise herausbildeten und die in dem Maße entscheidende Bedeutung erlangten, als sie den Urhebern des Kampfes gegen den Trotzkismus die ideologische Bagage lieferten. Um diese Ideen herum gruppierten sich die politischen Kräfte. Es handelte sich in der Hauptsache um drei Ideen, die den jeweiligen Umständen nach einander ersetzten oder sich gegenseitig ergänzten.

Die erste betraf die Industrialisierung. Das Triumvirat begann, das Programm zu bekämpfen, das ich vorgeschlagen hatte, und bezeichnete es aus polemischen Gründen als das der „Überindustrialisierung". Diese Einstellung wurde sogar noch verstärkt, als das Triumvirat auseinanderbrach und Stalin seinen Block mit Bucharin und dem rechten Flügel bildete. Die allgemeine Tendenz der offiziellen Argumentation gegen die so genannte Überindustrialisierung war, dass eine schnelle Industrialisierung nur auf Kosten der Bauernschaft möglich wäre. Infolgedessen müsste langsam vorgegangen werden, im Schneckentempo, die Frage des Tempos der Industrialisierung wäre gegenstandslos usw. In Wirklichkeit wollte die Bürokratie die Bevölkerungsschichten nicht beunruhigen, die begonnen hatten, sich zu bereichern, das heißt, die kleinbürgerlichen Nepleute. Das war der erste schwere Irrtum im Kampf gegen den Trotzkismus. Aber Stalin wollte niemals seine eigenen Irrtümer anerkennen; er nahm eine vollständige Wendung vor und beschloss frischfröhlich, alle früheren Überindustrialisierungsprojekte zu überholen – aber ach, hauptsächlich in Worten und auf dem Papier!

In der zweiten Etappe, im Laufe des Jahres 1924, ging der Angriff auf die Theorie der permanenten Revolution los. Der politische Inhalt dieses Kampfes reduzierte sich auf die Meinung, dass wir uns nicht für die internationale Revolution zu interessieren hätten, sondern für unsere eigene Sicherheit, um unsere Wirtschaft zu entwickeln. Die Bürokratie fürchtete mehr und mehr, durch das Risiko der in einer internationalen revolutionären Politik liegenden Konsequenzen ihre Stellung aufs Spiel zu setzen. Der jeden theoretischen Wertes bare Feldzug gegen die Theorie der permanenten Revolution diente dazu, eine nationalkonservative Abweichung vom Bolschewismus zu decken. Aus diesem Kampfe ging die Theorie des „Sozialismus in einem Lande" hervor. Sinowjew und Kamenew begannen erst damals, die Folgen des Kampfes zu sehen, den sie selbst vom Zaune gebrochen hatten.

Die dritte Idee der Bürokratie in ihrem Feldzug gegen den Trotzkismus war die Bekämpfung der „Gleichmacherei", der Kampf gegen die Gleichheit. Die theoretische Seite dieses Kampfes ist kurios genug. Stalin fand in der Marxschen „Kritik des Gothaer Programms" der deutschen Sozialdemokratie einen Satz, der besagte, dass die Ungleichheit in der ersten Periode des Sozialismus – oder, wie Marx sich ausdrückte, das bürgerliche Recht auf dem Gebiet der Verteilung – aufrechterhalten werden müsse. Marx wollte natürlich nicht die Schaffung einer neuen Ungleichheit rechtfertigen, sondern dachte an eine progressive eher als an eine plötzliche Ausmerzung der alten Ungleichheit in den Löhnen. Das Zitat wurde ganz zu Unrecht als eine Erklärung der Rechte und Vorrechte der Bürokraten und ihrer Satelliten ausgelegt. Die Zukunft der Sowjetunion geriet damit in Widerspruch zur Zukunft des internationalen Proletariats, und die Bürokratie war versehen mit der theoretischen Rechtfertigung ihrer Privilegien und ihrer Macht über die werktätigen Massen innerhalb der Sowjetunion.

Es sah ganz so aus, als wäre die Revolution gemacht und gewonnen worden gerade für die Bürokratie, die einen wilden, rasenden Kampf gegen die ihre Vorrechte bedrohende „Gleichmacherei" führte und gegen die permanente Revolution, die ihre Existenz selbst bedrohte. Es ist deshalb nicht erstaunlich, dass Stalin in diesem Kampf eine zahlreiche Bundesgenossenschaft fand. Zu seinen hitzigsten Parteigängern zählten ehemalige Liberale, Sozialrevolutionäre und Menschewiki. Sie drangen in den Staat und sogar in den Parteiapparat ein und priesen Stalins gesunden Menschenverstand.

Der Kampf gegen die Überindustrialisierung wurde 1922 sehr behutsam geführt, 1923 offen und gewaltsam. Der öffentliche Kampf gegen die permanente Revolution begann 1924 und setzte sich in den verschiedensten Formen und Interpretationen die ganzen folgenden Jahre fort. Der Kampf gegen die „Gleichmacherei" begann Ende 1925 und wurde zur Hauptbasis des Sozialprogramms der Bürokratie. Der Kampf gegen die Über-Industrialisierung wurde direkt und offen im Interesse der Kulaken geführt; der Aufbau der Industrie im „Schneckentempo" war notwendig für die Kulaken, als schmerzloses Gegengift gegen den Sozialismus. Dies war sowohl die Philosophie der Rechten, wie die des stalinistischen Zentrums. Die Theorie des Sozialismus in einem Lande wurde damals von einem Block der Bürokratie und des Kleinbürgertums der Dörfer und Städte vertreten. Der Kampf gegen die Gleichheit schweißte die Bürokratie enger denn je nicht nur mit diesem Kleinbürgertum, sondern gleicherweise mit der Arbeiteraristokratie zusammen. Die Ungleichheit wurde die gemeinsame soziale Basis und die „raison d'être" dieser Bundesgenossen. Ökonomische und politische Bande hielten die Bürokratie und das Kleinbürgertum in den Jahren von 1923 bis 1928 zusammen.

Damals zeigte der russische Thermidor am offensichtlichsten seine Ähnlichkeit mit dem französischen Prototyp. In jener Periode wurde dem Kulaken gestattet, sein Land an den armen Bauer zu verpachten und diesen bei sich als Landarbeiter einzustellen. Stalin war bereit, die Pachtzeit für das Land auf vierzig Jahre auszudehnen. Kurz nach dem Tode Lenins hatte er heimlich versucht, den Bauern seiner georgischen Heimat unter dem Deckmantel des „Besitzes" von „Eigenparzellen" für „viele Jahre" den nationalisierten Boden als Privateigentum zu übertragen. Auch hier zeigte sich wieder, wie stark sein georgischer Nationalismus und seine alten agrarischen Wurzeln waren. Erst der Protest Sinowjews, der von dieser Verschwörung erfuhr, und die Beunruhigung, die über dies Projekt in Parteikreisen entstand, zwangen Stalin, auf die Maßnahme, die er plante, zu verzichten, da er sich noch nicht genügend sicher fühlte. Zum Sündenbock wurde natürlich der unglückliche georgische Volkskommissar.

Aber Stalin und sein Apparat wurden mit der Zeit dreister, besonders nachdem sie sich vom hemmenden Einfluss Sinowjews und Kamenews freigemacht hatten. Tatsächlich ging die Bürokratie, die die Interessen und Forderungen ihrer Verbündeten befriedigen wollte, so weit, dass es 1927 für jeden offenbar wurde, dass – wie leicht vorauszusehen gewesen war – die Forderungen der bürgerlichen Verbündeten ihrer eigenen Natur nach unbegrenzt waren. Der Kulak wollte den Boden, seinen schrankenlosen Besitz; der Kulak wollte das Recht, frei über seine gesamte Ernte verfügen zu können; der Kulak tat alles, um in den Städten sein Gegenstück in Form des freien Handels und der freien Industrie zu schaffen; der Kulak wollte, dass mit den Zwangsablieferungen zu vorgeschriebenen Preisen Schluss gemacht würde; der Kulak arbeitete Hand in Hand mit dem Kleinindustriellen an der vollständigen Wiedererrichtung des Kapitalismus. So begann der unversöhnliche Kampf um das Überprodukt der Volkswirtschaft. Wer sollte in nächster Zukunft darüber verfügen, die neue Bourgeoisie oder die Sowjetbürokratie? Das wurde die Hauptfrage, denn wer über das Überprodukt verfügt, verfügt über den Staat. Das erzeugte den Konflikt zwischen dem Kleinbürgertum, das der Bürokratie geholfen hatte, den Widerstand der werktätigen Massen und ihres Wortführers, der Linksopposition, zu brechen, und der thermidorianischen Bürokratie selbst, die dem Kleinbürgertum geholfen hatte, das Bauerntum zu beherrschen. Dieser Konflikt war ein direkter Kampf um die Macht und um das Einkommen. Natürlich hatte die Bürokratie nicht die proletarische Vorhut zerschmettert, hatte sie sich nicht den Anforderungen der internationalen Revolution entzogen, hatte sie nicht die Philosophie der Ungleichheit eingeführt, um vor der Bourgeoisie zu kapitulieren, ihr Diener zu werden und vielleicht von der Futterkrippe Staat weggestoßen zu werden. Sie erschrak tödlich, als sie die Konsequenzen ihrer Politik der letzten sechs Jahre sah. Brüsk wandte sie sich gegen den Kulaken und den Nepmann. Gleichlaufend damit eröffnete sie die Linie der so genannten „Dritten Periode" in der Kommunistischen Internationale und den Kampf gegen die Rechten. In den Augen der Naiven erschienen Theorie und Praxis dieser Dritten Periode als eine Rückkehr zu den Grundsätzen des Bolschewismus. Sie waren jedoch nichts dergleichen. Sie waren nur Mittel zum Zweck, und der Zweck war nur, die Rechtsopposition und ihre Satelliten zu liquidieren. Die dumme Komödie der berüchtigten „Dritten Periode" in Russland und im Auslande liegt zu kurz zurück, als dass es nötig wäre, sie hier zu beschreiben. Man könnte über sie lachen, wenn ihre Folgen für die Massen nicht so tragisch gewesen wären. Es ist für niemand ein Geheimnis, dass Stalin in seinem Kampf gegen die Rechten das Almosen der Linksopposition entgegennahm. Nicht eine einzige neue Idee steuerte er bei. Seine geistige Arbeit bestand in nichts anderem als in Drohungen und in der Wiederholung von Losungen und Argumenten der Linksopposition, natürlich in demagogischer Entstellung.

Im Gegensatz dazu zeichnen sich die Schriften der Linksopposition von 1926-1927 durch außergewöhnlichen Reichtum aus. Die Opposition reagierte auf jedes innere und äußere Ereignis, auf jede Handlung der Regierung, auf jeden Beschluss des Politbüros durch individuell oder kollektiv verfasste Dokumente, die an die verschiedenen Parteiinstitutionen, zumeist an das Politische Büro, gerichtet wurden. Dies waren die Jahre der chinesischen Revolution, des anglo-russischen Komitees und der äußersten Konfusion in den innenpolitischen Problemen. Die Bürokratie suchte immer noch tastend ihren Weg, warf sich von rechts nach links und wieder von links nach rechts. Ein großer Teil von dem, was die Opposition schrieb, war nicht für die Zeitungen bestimmt, sondern nur für die leitenden Instanzen der Partei. Doch selbst das, was ausdrücklich für die „Prawda" oder für die theoretische Monatsschrift „Der Bolschewik" geschrieben war, erschien niemals in der Sowjetpresse.

Die Mehrheit des Politbüros war fest entschlossen, die Opposition zu erwürgen – mindestens sie zu ersticken, aus der Partei auszustoßen, sie außer Landes zu schaffen, sie gefangen zu setzen. Das war Stalins Weise, auf Argumente zu antworten, aber es war nicht die aller Mitglieder des Politbüros. Nach und nach zog aber Stalin die Zögernden mit sich, schmälerte ihre Reserven, ihre „Vorurteile", machte aus jeder neuen Maßnahme die unvermeidliche Konsequenz der vorangegangenen. Da war er in seinem Element, da ist seine Meisterschaft unleugbar. Die Zeit kam, wo die Dissidenten des Politbüros aufhörten, auch nur schwach gegen die Zumutungen von Stalins grobschlächtigen „Aktivisten" zu protestieren.

Der Teil der Schriften der Opposition, den es mir bei meiner Expulsion nach der Türkei mitzunehmen gelang, befindet sich jetzt in der Harvard-Bibliothek, wo er all denen zur Verfügung steht, die sich für das Studium dieser bemerkenswerten Schlacht interessieren und die aus der Quelle schöpfen wollen. Beim Wiederlesen dieser Dokumente in dem Augenblick, wo ich mit der Abfassung des vorliegenden Buches beschäftigt war, konnte ich feststellen, dass die Opposition in zwei Punkten recht gehabt hatte: sie hatte zugleich richtig gesehen und kühn gesprochen; sie hat Festigkeit und außergewöhnlichen Mut in der Behauptung ihrer politischen Linie an den Tag gelegt. Ihre Argumente sind niemals widerlegt worden. Man kann sich leicht die Wut vorstellen, die sie bei Stalin und seinen nächsten Mitarbeitern hervorriefen. Die politische und intellektuelle Überlegenheit der Vertreter der Opposition über die Mehrheit des Politbüros scheint klar aus jeder Zeile dieser Dokumente. Stalin wusste nichts zu antworten und versuchte nicht einmal, es zu tun. Er griff auf eben die Methode zurück, die seit seiner frühesten Jugend ein Teil seiner selbst war: nicht vor Kameraden mit dem Gegner diskutieren und ihm eigene Ansichten entgegenhalten, sondern ihn persönlich angreifen und ihn wenn möglich physisch vernichten. Seine geistige Ohnmacht vor Argumenten, vor Kritik, rief seinen Zorn hervor, und der Zorn trieb ihn zu überstürzten Maßnahmen zur Liquidierung der Opposition. So verging die Periode 1926-1927. Die Zukunft sollte zeigen, dass sie nur eine Generalprobe für das Schauspiel von Perfidie und Entartung war, das die Welt zwölf Jahre später erschauern machte.

Auf der einen Seite stand in dieser großen Polemik die Linksopposition, feurigen Geistes, unermüdlich in ihren Untersuchungen und Forschungen, leidenschaftlich bemüht, die richtige Lösung der Probleme zu finden, die die wechselnde Situation im Innern und in der Internationale stellte, sich strikt an die Traditionen der Partei haltend. Auf der anderen Seite: die bürokratische Clique, die kalt ihre Machenschaften durchführte, um sich ihrer Kritiker zu entledigen, aller ihrer Gegner, der Störenfriede, die ihr keine Ruhe gönnen wollten, die ihr nicht die Möglichkeit lassen wollten, den Sieg zu genießen, den sie davongetragen hatte. Während die Angehörigen der Opposition damit beschäftigt waren, die grundlegenden Fehler der offiziellen Politik in China zu analysieren oder den Block mit der britischen Gewerkschaftsführung ihrer Kritik unterwarfen, setzte Stalin das Gerücht in Umlauf, die Opposition arbeite für Austin Chamberlain gegen die Sowjetunion, sie wolle die Sowjetunion nicht verteidigen, dieser oder jener Oppositionelle benütze unberechtigterweise Staatsautomobile, Kamenew hätte früher ein Telegramm an Michael Romanow unterzeichnet, Trotzki hätte einen wütenden Brief an Lenin geschrieben. Immer blieben die Daten und alle die richtige Einschätzung solcher Dinge erst möglich machenden Umstände im Dunkeln.

Aber das waren nicht die einzigen Methoden der Widerlegung nach Stalinscher Art. Stalin und seine Diener erniedrigten sich noch tiefer und fischten im schmutzigen Wasser des Antisemitismus. Ich entsinne mich besonders einer in der „Rabotschaja Gaseta" („Arbeiterzeitung") erschienenen Zeichnung, die „Die Genossen Trotzki und Sinowjew" darstellte. Es gab viele ähnliche Karikaturen und schlechte, komisch sein sollende Verse antisemitischen Charakters in der Presse der Partei; sie riefen hämisches Lächeln hervor. Stalins Haltung gegenüber dem wachsenden Antisemitismus war von freundlicher Neutralität. Die Dinge gingen aber so weit, dass er sich gezwungen sah, mit einer Erklärung zu intervenieren, in der es hieß: „Wir bekämpfen Trotzki, Sinowjew und Kamenew nicht, weil sie Juden sind, sondern weil sie Oppositionelle sind", usw. Es war allen politisch Denkenden klar, dass diese absichtlich zweideutig gehaltene Erklärung nur gegen die „Exzesse" des Antisemitismus gerichtet war, während die ganze Sowjetpresse deutlich zu verstehen gab: „Vergesst nicht, dass die Führer der Opposition Juden sind!" Und so hatten die Antisemiten freie Hand.

Die meisten Parteimitglieder trugen zur Niederlage der Opposition gegen ihren Willen bei, gegen ihre Sympathien, gegen ihre eigenen Erinnerungen. Sie wurden Schritt für Schritt dazu gebracht, so abzustimmen, wie sie es unter dem Druck des Apparats taten, wie auch der Apparat selbst von der Spitze aus nach der Basis hin in den Kampf gegen die Opposition hineingezogen wurde. Stalin überließ die Rollen im Vordergrund Sinowjew, Kamenew, Bucharin und Rykow, weil sie unendlich besser als er für eine öffentliche Diskussion mit der Opposition gewappnet waren, aber auch, weil er nicht alle Brücken hinter sich abbrechen wollte. Die harten Schläge, die die Opposition trafen und die entscheidend zu sein schienen, riefen eine geheime, aber tiefe Sympathie für die Besiegten und ausgesprochene Feindschaft gegen die Sieger hervor, besonders gegen die beiden leitenden Persönlichkeiten, Sinowjew und Kamenew. Stalin zog daraus Vorteil. Er grenzte sich öffentlich von Kamenew und Sinowjew ab, die als die Hauptverantwortlichen für den unpopulären Feldzug gegen Trotzki galten. Er schrieb sich die Rolle des Versöhnlers zu, des Gemäßigten und des unparteiischen Schiedsrichters im fraktionellen Kampf.

1925 sprach Sinowjew von mir zu Rakowski, den er mit den Siegen seiner Fraktion beeindrucken wollte, in folgenden Ausdrücken: „Armseliger Politiker! Er ist unfähig, die richtige Taktik zu finden. Deshalb ist er geschlagen worden!" Ein Jahr später trommelte der unglückselige Kritiker meiner Taktik an die Tür der Linksopposition. Selbst 1925 hatten er und Kamenew noch nicht verstanden, dass sie zum Werkzeug der bürokratischen Reaktion geworden waren – so wie sie sich 1917 geirrt hatten. 1926 verstanden sie, dass für einen Revolutionär eine andere „Taktik" nicht möglich war, denn sie waren schließlich von der Alten Garde und konnten sich ehrlicherweise den Bolschewismus nicht ohne seine internationalistische Perspektive und seine revolutionäre Dynamik vorstellen. Es war dies die Tradition, die die alten Bolschewiki hochhielten. Deshalb hielt die ganze Partei zu Lenins Zeiten sie für ein unersetzliches Kapital. Das ausnehmende und ungewöhnliche Interesse, das Lenin der alten Generation von Revolutionären entgegenbrachte, war von dieser politischen Betrachtungsweise in ebenso hohem Maße diktiert wie von kameradschaftlicher Solidarität. Als sich Sinowjew vor Rakowski seiner erfolgreichen „Taktik" gegen mich rühmte, brüstete er sich bloß damit, dies Kapital schlecht angewandt und vergeudet zu haben. Von 1923 bis 1926 wurde auf die Initiative Sinowjews hin und anfänglich unter seiner Leitung der Kampf gegen den Trotzkismus benannten internationalistischen Marxismus unter dem Losungswort der Verteidigung der Alten Garde geführt; die Opposition wurde beschuldigt, das Prestige der Alten Garde zu untergraben. Man schuf eine Sonderkommission mit dem Auftrage, über das Wohlergehen der Alten Bolschewiki zu wachen. Das Abrutschen zum Thermidor drückte sich nirgends so greifbar aus wie in den politischen Kompromissen eben dieser Alten Garde. Was folgte, war ihre physische Ausrottung. Die Kommission, die ihre Gesundheit hüten sollte, wurde schließlich durch eine kleine GPU-Abteilung berufsmäßiger Mörder ersetzt, die Stalin mit dem Orden der Roten Fahne belohnte.


Lefebvre weist in seinem Buche „Les Thermidoriens" nach, dass die Aufgabe der Thermidorianer darin bestand, den 9. Thermidor als eine zweitrangige Episode darzustellen – zu dem Zwecke durchgeführt, die Kerngruppe der Jakobiner zu bewahren und ihre traditionelle Politik fortzusetzen. In der ersten Phase des Thermidor richtete sich der Angriff nicht gegen die Jakobiner als Ganzes, sondern nur gegen die Terroristen. (Der gleiche Prozess wiederholte sich im sowjetischen Thermidor.) Die Kampagne gegen den Trotzkismus begann mit der Verteidigung der Alten Garde und der bolschewistischen politischen Linie, wurde fortgesetzt im Namen der Parteieinheit und erreichte seinen Kulminationspunkt in der physischen Ausrottung aller Bolschewiki ohne Unterschied. In beiden Thermidors wurde die Vernichtung der Revolutionäre im Namen der Revolution und angeblich im Lebensinteresse der Revolution vorgenommen. Die Jakobiner wurden nicht als Jakobiner niedergeschlagen, sondern als Terroristen, als Robespierristen, genau so wurden die Bolschewiki als Trotzkisten vernichtet, als Sinowjewisten und Bucharinisten. Zwischen dem russischen Terminus „Trotzkistskoje ochwostije", der sich volles Bürgerrecht in den Sowjetpublikationen erwarb, und dem Titel eines Pamphlets, das Méhée de la Touche über den 9. Thermidor veröffentlichte: „La queue de Robespierre" herrscht eine bemerkenswerte Ähnlichkeit. Aber die Gleichartigkeit der grundlegenden thermidorianischen Methoden ist noch merkwürdiger. Lefebvre schreibt, dass Barrère, als er am Tage nach dem neunten Thermidor im Namen der Mitglieder des Wohlfahrtsausschusses sprach, vor der Convention behauptete, dass nichts Wichtiges passiert sei. (Und drei Wochen später), am 2. Fructidor (19. August), beschrieb Louchet – derselbe, der die Anklage gegen Robespierre vorgebracht hatte - den Fortschritt der Reaktion, verlangte die Verhaftung aller Verdächtigen und erklärte, es sei notwendig, „den Terror wieder auf die Tagesordnung zu setzen".

Das Prestige der Führer, nicht nur das persönliche Prestige Lenins, sicherte dem Zentralkomitee seine Autorität. Das Prinzip einer individuellen Leitung war der Partei vollständig fremd. Die Partei bestimmte die populärsten Männer für die Leitung, schenkte ihnen ihr Vertrauen und ihre Bewunderung, blieb aber immer davon überzeugt, dass die eigentliche Leitung vom Zentralkomitee in seiner Gesamtheit ausging. Das Triumvirat zog aus diesen Umständen beträchtlichen Vorteil, indem es auf die Souveränität des Zentralkomitees gegenüber irgendeiner individuellen Autorität hindeutete. Stalin, Kulissenschieber, Zentrist und Eklektiker par excellence, Meister in der Kunst der etappenweisen Verabfolgung kleiner Dosen, missbrauchte das Vertrauen der Partei zum Zentralkomitee zynisch für seine eigenen Zwecke.

Ende 1925 sprach Stalin noch von den Führern in der dritten Person und hetzte die Partei gegen sie auf. Er erhielt den Beifall der mittleren Bürokratenschicht, die sich weigerte, sich irgendeinem Führer zu beugen. In Wirklichkeit war Stalin selbst schon Diktator. Ein Diktator, der sich noch nicht als Führer fühlte und den niemand als solchen anerkannte. Diktator nicht kraft seiner Persönlichkeit, sondern dank der Macht des politischen Apparats, der die alten Führer vernichtet hatte. Noch zu einem so späten Zeitpunkt wie auf dem Sechzehnten Parteitag im Jahre 1930 sagte Stalin: „Ihr fragt, warum wir Trotzki und Sinowjew ausgeschlossen haben? Weil wir keine Aristokraten in der Partei haben wollen, weil wir nur das eine Gesetz in der Partei anerkennen, dass alle Parteimitglieder gleichberechtigt sind." Dieselben Worte wiederholte er 1934 auf dem Siebzehnten Parteitag.

Er bediente sich der Rechten als Sturmbock gegen die Linksopposition, denn nur die Rechte hatte ein bestimmtes Programm, hatte Interessen und Grundsätze, die durch einen Triumph der Linksopposition gefährdet werden konnten. Als er aber sah, dass der Ausschluss der Linksopposition schwere Unruhe und Unzufriedenheit in der Partei und Ärger über die Rechtsopposition hervorrief, begriff Stalin, dass er diese Unzufriedenheit ausnützen und sich gegen die Rechten wenden konnte. Der Konflikt der Klassenkräfte in dieser Schlacht zwischen der Linken und der Rechten beschwerte ihn weniger als seine enttäuschende Rolle als Versöhnler oder Friedensstifter, der imstande ist, die unvermeidliche Zahl von Opfern auf ein Minimum zu reduzieren und die Partei vor einem Schisma zu bewahren. In seiner Rolle als oberster Schiedsrichter war es ihm möglich, die Verantwortung für die strengen Maßnahmen, die gegen gewisse volkstümliche Mitglieder der Partei getroffen worden waren, bald auf den einen, bald auf den anderen Flügel der Partei abzuwälzen. Aber Klassen können nicht irregeführt werden. Als bloßes Manöver war die Pro-Kulaken-Politik der Jahre 1924-1928 schlimmer als verbrecherisch, sie war absurd. Man kann den Kulaken nicht irreführen. Er urteilt nach den Steuern, den Preisen, dem Verdienst, nicht nach Phrasen und Deklamationen; er urteilt nach Tatsachen und nicht nach Worten. Ein Manöver kann niemals die Aktion und Reaktion der Klassenkräfte ersetzen; bestenfalls bleibt sein Nutzen beschränkt, und nichts kann die revolutionäre Moral einer Massenpartei sicherer zerstören als prinzipienlose heimliche Manöver. Nichts ist tödlicher für die Moral und den Charakter der einzelnen Revolutionäre. Nie kann die Kriegslist die große Strategie ersetzen.

In einem Gespräch zehn Jahre nach dem Oktoberaufstand wies mich Smilga darauf hin, dass in den ersten fünf Jahren des Sowjetregimes die Tendenz vorherrschte, die Differenzen abzuschwächen – Risse wurden gestopft, alte Wunden geheilt, Gegner versöhnten sich usw., während sich in den folgenden fünf Jahren, denen von 1923 ab, der Prozess umkehrte: jeder Riss wurde erweitert, jeder Unterschied in den Auffassungen angeregt und vertieft, jede Wunde weiter aufgerissen. Die bolschewistische Partei in ihrer alten Form, in ihren alten Traditionen und mit ihren alten Beständen geriet mehr und mehr zu der neuen führenden Schicht in Gegensatz.

In diesem Widerspruch liegt das Wesen des Thermidor. Steril und absurd ist die Sisyphusarbeit derjenigen, die versuchen, alle spätere Entwicklung auf einige so genannte Grundzüge der bolschewistischen Partei zurückzuführen, als ob eine politische Partei eine geschlossene Einheit und ein allmächtiger historischer Faktor wäre. Eine politische Partei ist nur ein zeitweiliges historisches Instrument, eins der zahlreichen Instrumente der Geschichte und auch eine ihrer Schulen. Die bolschewistische Partei stellte sich selbst das Ziel der Machteroberung durch die Arbeiterklasse. In dem Maße, wie diese Partei zum ersten Mal in der Geschichte diese Aufgabe löste und die menschliche Erfahrung durch diese Eroberung bereicherte, hat sie eine gewaltige historische Funktion erfüllt. Nur die von ihrer Vorliebe für abstruse Diskussionen Verleiteten können von einer politischen Partei verlangen, sie solle sich die sehr viel kompakteren Faktoren Masse und Klasse, die ihr feindlich sind, unterwerfen und sie ausschalten. Dass die Partei darauf beschränkt ist, ein historisches Instrument zu sein, findet in der Tatsache ihren Ausdruck, dass sie an einem gegebenen Punkte, zu einer gewissen Zeit, zu zerfallen beginnt. Unter der Spannung äußeren und inneren Drucks bilden sich Sprünge, die Risse erweitern sich, die Organe beginnen zu verkümmern. Dieser Auflösungsprozess zeigte sich zuerst langsam im Jahre 1923, dann beschleunigte er sich rasch. Die alte bolschewistische Partei und ihre heroischen alten Kader gingen den Weg allen Fleisches; vom Fieber und von Spasmen und von peinvoll schmerzenden Attacken geschüttelt, ging sie schließlich ein. Um das stalinistische Regime zu errichten, war nicht eine bolschewistische Partei vonnöten, sondern die Ausrottung der bolschewistischen Partei.

Zahlreiche Kritiker, Publizisten, Pressekorrespondenten, Historiker, Biographen und einige Amateursoziologen haben der Linksopposition manchmal Vorhaltungen wegen ihrer taktischen Irrtümer gemacht und behauptet, dass ihre Strategie nicht den Anforderungen des Kampfes um die Macht entsprochen habe.

In dieser Form aber ist die Frage falsch gestellt. Die Linksopposition konnte nicht die Macht ergreifen und hoffte nicht einmal darauf – jedenfalls nicht ihre denkfähigsten Führer. Ein von der Linksopposition, einer revolutionären marxistischen Organisation geführter Kampf um die Macht ist nur vorstellbar unter den Bedingungen einer revolutionären Erhebung. Unter solchen Bedingungen gründet sich die Strategie auf den Angriff, auf den direkten Appell an die Massen, auf einen Frontalangriff gegen die Regierung. Viele Mitglieder der Linksopposition hatten eine bedeutende Rolle in einer Schlacht solcher Art gespielt und wussten aus erster Hand, wie sie geführt werden musste. Zu Beginn der zwanziger Jahre aber gab es keine revolutionäre Erhebung in Russland, ganz im Gegenteil; unter solchen Bedingungen stand die Entfesselung eines Kampfes um die Macht ganz außer Frage.

Man erinnere sich daran, dass in den Jahren der Reaktion 1908-1911 und später die bolschewistische Partei sich weigerte, einen direkten Angriff auf die Monarchie zu unternehmen und sich auf die vorbereitende Arbeit für eine vielleicht mögliche Offensive beschränkte, indem sie für die Aufrechterhaltung der revolutionären Traditionen und für die Erhaltung gewisser Kader kämpfte, die Ereignisse einer unermüdlichen Analyse unterwarf und alle legalen und halblegalen Möglichkeiten ausnützte, um die am meisten klassenbewussten Arbeiter zu erziehen. In dieselben Bedingungen hineingestellt, konnte die Linksopposition nicht anders handeln. Tatsächlich waren die Bedingungen unter der Sowjetreaktion für die Opposition unvergleichlich schwieriger als sie unter dem Zarismus für die Bolschewiki gewesen waren. Im wesentlichen aber war die Aufgabe dieselbe: die revolutionären Traditionen hochhalten, den Kontakt mit den fortgeschrittenen Elementen in der Partei aufrechterhalten, die Entwicklung der thermidorianischen Periode analysieren, sich auf die kommende revolutionäre Erhebung in der Welt und in der UdSSR selbst vorbereiten. Eine der Gefahren, die der Opposition drohten, war, dass sie ihre Kräfte unterschätzte und ihre Rolle nach einigen vorzeitigen Versuchen aufgab, in denen die Vorhut notwendigerweise nicht nur an dem Widerstand der Bürokratie, sondern auch, an der Indifferenz der Massen gescheitert wäre. Dann hätte die Opposition den Schluss gezogen, dass eine offene Verbindung mit den Massen und sogar mit ihren fortgeschrittensten Elementen unmöglich sei, sie hätte den Kampf aufgegeben und bessere Zeiten abgewartet.

Eine Revolution bricht und zerstört den alten Staatsapparat. Das ist ihre erste Aufgabe. Die Massen treten in die politische Arena. Sie entscheiden, sie handeln, sie bestimmen das Gesetz in noch nie dagewesener Weise; sie urteilen, sie befehlen. Das Wesen der Revolution ist, dass die Masse ihr eigenes Exekutivorgan wird. Tritt die Masse aber von der Bühne, wandert sie ab, zieht sie sich in ihre Wohnwinkel zurück, verstört, desillusioniert, müde, dann verfällt die Arena und wird um so trostloser, je weiter der bürokratische Apparat sie besetzt. Natürlich sind die neuen Herren ihrer selbst und der Massen nicht sicher und voller Besorgnis. Deshalb spielt in den Epochen der siegreichen Reaktion der militärisch-politische Apparat eine viel größere Rolle als unter dem alten Regime. In dem Pendelschwung von der Revolution zum Thermidor war die besondere Natur des russischen Thermidor durch die Rolle bedingt, die die Partei in ihm spielte. Der französischen Revolution stand nichts Derartiges zur Verfügung. Die Jakobinerdiktatur, insofern sie sich im Wohlfahrtsausschuss verkörperte, dauerte nur ein Jahr. Diese Diktatur fand eine reelle Unterstützung in der Convention, die sehr viel stärker war als die revolutionären Klubs und Sektionen. Hier liegt der klassische Widerspruch zwischen der Dynamik der Revolution und ihrer parlamentarischen Widerspiegelung. Am revolutionären Kampf, der die antagonistischen Kräfte einander offen entgegenstellte, nahmen die aktivsten Elemente der Klassen teil. Die andern – die Neutralen, die Passiven, die Unbewussten - schienen sich aus dem Spiel heraushalten zu wollen. Zu den Wahlzeiten war die Teilnahme größer und umfasste eine beträchtliche Anzahl derjenigen, die nur halb-passiv und halb-indifferent sind. In Revolutionszeiten sind die parlamentarischen Vertreter unvergleichlich gemäßigter und abgewogener als die revolutionären Gruppen, die sie repräsentieren. Um die Convention zu beherrschen, überließ die Bergpartei lieber ihr die Herrschaft über die Nation als den revolutionären Elementen des Volkes.

Trotz des ungleich tiefer gehenden Charakters der Oktoberrevolution rekrutierte sich die Armee des sowjetischen Thermidors wesentlich aus den Resten der ehemals führenden Parteien und ihrer ideologischen Vertreter. Die ehemaligen Großgrundbesitzer, die Kapitalisten, die Rechtsanwälte, ihre Söhne – das heißt die von ihnen, die nicht ins Ausland geflüchtet waren - wurden in den Staatsapparat aufgenommen und sogar zu einem nicht unbeträchtlichen Teil in die Partei; die meisten derjenigen aber, die in den Staatsapparat oder die Partei übernommen wurden, waren ehemalige Mitglieder kleinbürgerlicher Gruppierungen – Menschewiki und Sozialrevolutionäre. Zu ihnen trat die enorme Zahl einfacher Spießbürger, die sich in den stürmischen Revolutions- und Bürgerkriegstagen abseits gehalten hatten und die sich, nunmehr von der Stabilität der Sowjetregierung überzeugt, mit ausnehmender Leidenschaft der noblen Aufgabe widmeten, sich angenehme Dauerstellungen, wenn nicht in der Hauptstadt, so mindestens in den Provinzen, zu sichern. Dieser enorme, bunt schillernde Mob war die natürliche Stütze des Thermidor.

Seine Gefühlsskala reichte vom blassen Rosa bis zum Schneeweiß. Die Sozialrevolutionäre waren natürlich zu allen Zeiten und in jeder Fasson bereit, die Interessen der Bauern gegen die Bedrohungen durch die „industrialistischen" Banditen zu verteidigen, während die Menschewiki im Allgemeinen glaubten, dass der ländlichen Bourgeoisie, deren politische Fürsprecher sie geworden waren, mehr Land und mehr Freiheit gegeben werden müsse. Die überlebenden Großbourgeois und Landeigentümer, die ihren Weg in die Regierungsposten gefunden hatten, sahen natürlich in den Bauern ihre letzte Hoffnung. Als Vorkämpfer für ihre eigenen Klasseninteressen konnten sie für den Augenblick keine wie immer gearteten Erfolge erwarten und verstanden vollkommen, dass sie durch eine Periode der Verteidigung der Bauernschaft hindurch mussten. Keine dieser Gruppen konnte offen ihr Haupt erheben. Sie alle waren auf die Schutzfarbe der führenden Partei und des traditionellen Bolschewismus angewiesen. Der Kampf gegen die permanente Revolution wurde für sie der Kampf gegen die Konsekration der Abschaffung ihrer vormaligen Privilegien. Es ist nur natürlich, dass sie mit Freuden die Bolschewiki als Führer akzeptierten, die sich gegen die permanente Revolution wandten.

Die Wirtschaft hatte einen neuen Aufschwung genommen; es wurde ein gewisser Überschuss erzielt. Natürlich war er auf die Städte konzentriert und ganz zur Verfügung der herrschenden Schicht. Er brachte die Theater, die Restaurants und die Kabaretts mit sich. Hunderttausende von Menschen der verschiedensten Berufe, die während der hitzigen Bürgerkriegsjahre in einer Art von Koma gelebt hatten, lebten nun wieder auf und beteiligten sich an der Wiederherstellung eines normalen Lebens. Sie alle standen auf Seiten der Gegner der permanenten Revolution. Sie alle wollten den Frieden, das Wachstum und die Stärkung der Bauernschaft und wollten auch wachsende Prosperität der Vergnügungsetablissements in den Städten. Die Permanenz der neuen Zustände lag ihnen näher als die Permanenz der Revolution. Professor Ustrjalow fragte sich, ob die Neue Ökonomische Politik („Nep") von 1921 eine „Taktik" sei oder eine „Evolution". Diese Frage beunruhigte Lenin sehr. Der spätere Verlauf der Ereignisse bewies, dass die „Taktik" infolge des besonderen Gesichts der historischen Umstände zur Quelle einer „Evolution" wurde. Der strategische Rückzug der revolutionären Partei wurde zum Ausgangspunkt ihrer Entartung.

Die Konterrevolution installiert sich, wenn sich das Knäuel der sozialen Eroberungen abzuwickeln beginnt. Es scheint dann, dass das Abwickeln kein Ende nehmen wird. Ein Teil der revolutionären Errungenschaften wird jedoch immer bewahrt. So bleibt trotz der monströsen bürokratischen Entstellungen die Klassenbasis der UdSSR proletarisch. Vergessen wir aber nicht, dass der Abwicklungsprozess noch nicht zu Ende und dass die Zukunft Europas für die nächsten Jahrzehnte noch nicht entschieden ist. Der russische Thermidor hätte sicher eine neue Ära der Herrschaft der Bourgeoisie eröffnet, wenn die Herrschaft der Bourgeoisie nicht in der ganzen Welt hinfällig geworden wäre. Auf jeden Fall haben der Kampf gegen die Gleichheit und die Herstellung sehr tiefgehender sozialer Differenzierungen bis jetzt noch nicht das sozialistische Bewusstsein der Massen auslöschen, noch die Nationalisierung der Produktionsmittel und des Bodens beseitigen können, die die Haupterrungenschaften der Revolution sind. Trotz allen Entstellungen, die sie an diesen Eroberungen vornimmt, ist es der Bürokratie noch nicht möglich gewesen, das Privateigentum an den Produktionsmitteln wieder herzustellen. Am Ende des achtzehnten Jahrhunderts war das Privateigentum an den Produktionsmitteln ein fortschrittlicher Faktor von höchster Bedeutung: es hatte noch Europa und die Welt zu erobern. Heute aber ist das Privateigentum das größte Hindernis für die normale Entwicklung der Produktivkräfte. Obwohl die überwiegende Mehrheit der Bürokratie durch ihre Lebensweise, ihren Konservatismus, ihre politischen Sympathien zum Kleinbürgertum neigt, stecken ihre ökonomischen Wurzeln tief in den neuen Eigentumsbedingungen. Das Anwachsen der bürgerlichen Beziehungen bedrohte nicht nur die sozialistische Basis des Eigentums, sondern auch die soziale Grundlage der Bürokratie. Sie wiese wohl die sozialistische Entwicklungsperspektive zugunsten der kleinbürgerlichen zurück, aber sie wäre in keinem Fall bereit, auf ihre eigenen Rechte und Privilegien zugunsten des Kleinbürgertums zu verzichten. Hier liegt der Widerspruch, der zu dem äußerst scharfen Konflikt führte, der zwischen der Bürokratie und den Kulaken ausbrach.

Hierin unterscheidet sich der Sowjetthermidor radikal von seinem französischen Prototyp. Die jakobinische Diktatur war notwendig gewesen, um die Feudalgesellschaft zu entwurzeln und die neue soziale Ordnung gegen die Angriffe des äußeren Feindes zu verteidigen. Als das geschehen war, bestand die Aufgabe des thermidorianischen Regimes darin, die notwendigen Bedingungen für die Entwicklung dieser neuen Gesellschaft zu schaffen, die eine bürgerliche war, das heißt, die auf dem Privateigentum beruhte und auf der Handelsfreiheit, deren frühere Beschränkungen zum größten Teil gefallen waren. Die Wiederherstellung einer beschränkten Handelsfreiheit durch die Nep im Jahre 1921 war ein Rückzug vor den bürgerlichen Forderungen. Tatsächlich aber war der freie Handel so eingeschränkt, dass er die Grundlagen des Regimes (die Nationalisierung der Produktionsmittel) nicht erschüttern konnte; die Zügel der Herrschaft blieben in den Händen der russischen Jakobiner, die die Oktoberrevolution geführt hatten. Selbst die spätere Ausdehnung der Handelsfreiheit im Jahre 1925 veränderte die Basis des Regimes nicht, obwohl die Bedrohung damals stärker wurde. Der Kampf gegen den Trotzkismus wurde im Namen des Bauern geführt, hinter dem sich der gefräßige Nepmann und der gierige Bürokrat versteckten. Sobald der Trotzkismus besiegt und die Bodenverpachtung legal geworden war, wurde das Abgleiten der Macht auf der ganzen Linie von, der Linken zur Rechten offenbar – trotz der gelegentlichen Linksschwenkungen, denen stets weiter nach rechts führende Schritte folgten. In dem Maße, wie die Bürokratie ihre Linksschwenkungen dazu benützte, um jeden folgenden Pendelschwung nach rechts weiter auszudehnen, verlief die Zickzacklinie beständig zum Schaden der werktätigen Massen und im Interesse einer privilegierten Minderheit; ihr thermidorianischer Charakter ist unleugbar.

Jean-Jacques Rousseau lehrte, dass politische Demokratie mit zu großer Ungleichheit unvereinbar sei. Die Jakobiner, Vertreter der kleinbürgerlichen Masse, waren von dieser Lehre durchdrungen. Die Gesetzgebung der jakobinischen Diktatur, besonders das Maximalgesetz, beruhte auf dieser Grundlage. Gleicherweise die sowjetische Gesetzgebung, die die Ungleichheit sogar aus der Armee verbannte. Unter Stalin änderte sich das alles, und heute ist die Ungleichheit nicht nur sozial, sondern ökonomisch. Sie ist von der Bürokratie zynisch im Namen der revolutionären Doktrin des Bolschewismus gefördert worden. In ihrem Feldzug gegen die trotzkistische Kritik des Regimes der Ungleichheit, in ihrer Agitation zugunsten verschieden hoher Lohnsätze, beschwor die Bürokratie die Schatten Marxens und Lenins herauf und suchte Deckung für ihre Privilegien hinter dem schwer arbeitenden „mittleren" Bauern und dem qualifizierten Arbeiter. Sie klagte die Linksopposition an, zu versuchen, der qualifizierten Arbeit den höheren Lohn vorzuenthalten, auf den diese volles Anrecht hätte. Das war dieselbe demagogische Tarnung, die der Kapitalist und Grundbesitzer vornahm, wenn er Krokodilstränen vergoss im Namen des qualifizierten Mechanikers, des unternehmungslustigen Kleinkaufmanns und des Bodenpächters, dieses ewigen Märtyrers. Das war ein geschicktes Manöver Stalins, das natürlich sofort von den privilegierten Beamten unterstützt wurde, die in ihm zum ersten Mal ihren auserwählten Führer sahen. Mit grenzenlosem Zynismus wurde die Gleichheit als ein kleinbürgerliches Vorurteil hingestellt; die Opposition wurde als Hauptfeindin des Marxismus und große Sünderin gegen das Evangelium Lenins gebrandmarkt. Bequem in Autos sitzend, die technisch Eigentum des Proletariats sind, und in ebenfalls dem Proletariat gehörende Badeorte fahrend, lachten sich die Bürokraten ins Fäustchen: „Wofür haben wir gekämpft?" Dieser ironische Satz war damals sehr populär. Die Bürokratie hatte Lenin respektiert, aber seine puritanische Hand hatte sie immer etwas verdrossen. Ein um 1926-1927 häufig erzählter Witz charakterisierte ihre Haltung gegenüber der vereinten Opposition: „Wir tolerieren Kamenew, aber wir respektieren ihn nicht. Wir respektieren Trotzki, aber wir tolerieren ihn nicht'. Sinowjew tolerieren und respektieren wir nicht." Die Bürokratie suchte nach einem Führer, der der Erste unter Gleichen wäre. Stalins Hartnäckigkeit und Engstirnigkeit flößten ihr Vertrauen ein. „Wir fürchten Stalin nicht", sagte Jenukidse zu Serebrjakow. „Wenn er sich zu breit macht, werden wir ihn ausschalten!" Zum Schluss jedoch wurden sie von Stalin ausgeschaltet.

Der französische Thermidor, der von Linksjakobinern ausgegangen war, schlug schließlich in eine Reaktion gegen alle Jakobiner um. „Terrorist", „Montagnard", „Jakobiner" wurden beleidigende Ausdrücke. In der Provinz wurden die Freiheitsbäume ausgerodet und die trikolore Kokarde zertrampelt. Solche Praktiken waren in der Sowjetrepublik undenkbar. In der totalitären Partei lagen alle für die Reaktion notwendigen Elemente eingeschlossen, die sie unter der offiziellen Fahne der Oktoberrevolution mobilisierte. Die Partei duldete keine Konkurrenz, selbst nicht im Kampf gegen ihre Feinde. Der Kampf gegen die Trotzkisten verwandelte sich nicht in einen Kampf gegen die Bolschewiki, weil die Partei diesen Kampf gänzlich absorbiert, ihm bestimmte Grenzen gesetzt hatte und ihn im Namen des Bolschewismus führte.

Für naive Augen schienen Theorie und Praxis der „Dritten Periode" die Theorie der thermidorianischen Periode der russischen Revolution zu widerlegen. In Wirklichkeit bestätigten sie diese nur. Die Substanz des Thermidor war sozialen Charakters und konnte nur sozialen Charakters sein. Sie war die Kristallisierung einer neuen privilegierten Schicht, die Schöpfung eines neuen Unterbaus für die ökonomisch herrschende Klasse. Zwei Anwärter auf diese Rolle waren vorhanden: das Kleinbürgertum und die Bürokratie selbst. Sie kämpften Schulter an Schulter (in der Schlacht um die Brechung) des Widerstands der proletarischen Avantgarde. Als diese Aufgabe erfüllt war, brach ein wütender Kampf unter ihnen los. Die Bürokratie in ihrer Isolierung und Trennung vom Proletariat bekam Angst. Allein war sie nicht imstande, weder den Kulaken niederzuhalten, noch das Kleinbürgertum, das auf der Basis der Nep gewachsen war und weiter wuchs. Sie brauchte die Hilfe des Proletariats. Daher ihre planmäßigen Anstrengungen, den Kampf mit dem Kleinbürgertum um das Überprodukt und die Macht als Kampf des Proletariats gegen die kapitalistischen Restaurierungsversuche darzustellen.

Hier hört die Analogie mit dem französischen Thermidor auf. Die neue soziale Basis der Sowjetunion wurde vorherrschend. Die Nationalisierung der Produktionsmittel und des Bodens aufrechtzuerhalten, das ist für die Bürokratie eine Frage von Leben und Tod, denn sie ist die soziale Quelle ihrer Vormachtstellung. Das war der Grund für ihren Kampf gegen den Kulaken. Die Bürokratie konnte diesen Kampf nur führen und zu einem Ende bringen mit Unterstützung des Proletariats. Dass es ihr gelang, diese Unterstützung zu erhalten, wird durch nichts besser bewiesen, als durch die Lawine von Kapitulationen der Vertreter der neuen Opposition. Der Kampf gegen den Kulaken und der Kampf gegen die Rechtsfraktion – das waren die offiziellen Losungen jener Periode – erschienen den Arbeitern und vielen Linksoppositionellen als die Wiedergeburt der Diktatur des Proletariats und der sozialistischen Revolution. Wir warnten sie damals: es geht nicht nur darum, was getan wird, sondern auch darum, wer es tut. Unter den Bedingungen der Sowjetdemokratie, das heißt der Arbeiterregierung, hätte der Kampf gegen die Kulaken nicht die Form angenommen, die er damals annahm: konvulsivisch, panikartig und bestialisch; er hätte zu einer allgemeinen Hebung des ökonomischen und kulturellen Niveaus der Massen auf der Grundlage der Industrialisierung geführt. Aber der Kampf der Bürokratie gegen den Kulaken war nur ein Kampf auf dem Rücken der Arbeiter, und da die Kämpfenden kein Vertrauen in die Massen hatten, denn alle beide fürchteten sie, bekam er einen krampfartigen und mörderischen Charakter. Dank der Unterstützung durch das Proletariat endete er mit dem Sieg der Bürokratie, einem Sieg, der das spezifische Gewicht des Proletariats im politischen Leben des Landes nicht erhöhen konnte.

Um den russischen Thermidor zu verstehen, ist es nötig, sich eine richtige Vorstellung von der Rolle der Partei als politischen Faktors zu machen. In der französischen Revolution gab es nichts, was der bolschewistischen Partei auch nur von ferne ähnelte. In der Periode des Thermidors gab es in Frankreich verschiedene soziale Gruppen (unter den verschiedensten) politischen Benennungen, die sich untereinander im Namen bestimmter gesellschaftlicher Interessen bekämpften. Die Thermidorianer griffen die Jakobiner an und bezeichneten sie als Terroristen. Die Goldene Jugend unterstützte die thermidorianische Rechte und bedrohte sie gleichzeitig. In Russland deckte alle die verschiedenen Prozesse, Konflikte und Bündnisse der Name der einzigen Partei.

Äußerlich war es ein und dieselbe Partei, die die Etappen ihrer Existenz am Anfang der Sowjetregierung und zwanzig Jahre später mit denselben Methoden und im Namen derselben Ziele feierte: im Namen der Erhaltung ihrer politischen Reinheit und ihrer Einheit. In der Tat aber waren die Rolle der Partei und die Rolle der „Säuberungen" radikal andere geworden. In den Anfangszeiten der Sowjetmacht schüttelte die alte revolutionäre Partei ihre Emporkömmlinge ab, und die Komitees setzten sich aus revolutionären Arbeitern zusammen. Die Abenteurer oder Emporkömmlinge oder einfachen Kanaillen, die versuchten, Regierungsposten zu erhalten, gingen über Bord. Die Säuberungen der letzten Jahre waren im Gegensatz dazu ausschließlich gegen die alten Revolutionäre gerichtet. Die Organisatoren dieser Säuberungen waren die schlimmsten Bürokraten und die minderwertigsten Parteifunktionäre. Die Opfer der Säuberungen waren die loyalsten Elemente, die den revolutionären Traditionen am meisten ergeben waren und vor allem die Generation der ältesten Revolutionäre, die echten proletarischen Elemente. Der soziale Inhalt der Säuberungen hat sich grundlegend geändert, aber diese Änderung ist durch die Tatsache verdeckt, dass die Säuberungen von derselben Partei vorgenommen werden. In Frankreich sehen wir unter ähnlichen Umständen die verspätete Bewegung der Kleinbürger- und Arbeiterbezirke gegen die Häupter der kleinen und mittleren Bourgeoisie, geführt von den Thermidorianern unter Mithilfe der Goldenen Jugend.

Diese Banden der Goldenen Jugend sind heute in der Partei und im Kommunistischen Jugendverband. Sie sind die Kampfabteilungen, die sich aus den Söhnen der Bourgeoisie rekrutieren, junge Privilegierte, die entschlossen sind, ihre Privilegien und die ihrer Familie zu verteidigen. Es genügt, auf die Tatsache hinzuweisen, dass sich an der Spitze des Kommunistischen Jugendverbands während langer Jahre Kossarew befand, allgemein als moralisch degeneriert bekannt, der seine hohe Stellung für seine persönlichen Zwecke ausnützte; sein ganzer Apparat setzte sich aus Männern gleichen Typus zusammen. Das war die Goldene Jugend des russischen Thermidors. Dass sie mit der Partei eins machte, maskierte ihre soziale Funktion als Sturmtrupp der Privilegierten gegen die Arbeiter und Unterdrückten. Die sowjetische Goldene Jugend rief: „Nieder mit dem Trotzkismus! Es lebe das leninistische Zentralkomitee!", genau so, wie die Goldene Jugend des französischen Thermidors gerufen hatte: „Nieder mit den Jakobinern! Es lebe die Convention!"

Die Jakobiner hielten sich vor allem infolge des Drucks der Straße auf den Konvent. Die Thermidorianer, das heißt die Deserteure des Jakobinertums, wandten dieselbe Methode, aber zu entgegengesetzten Zwecken an. Sie begannen, die gut angezogenen Söhne der Bourgeoisie, ehemaliger Sansculotten, zu organisieren. Diese Angehörigen der Goldenen Jugend, oder einfach die „Jungen", wie sie die konservative Presse nachsichtig nannte, wurden ein so bedeutender Faktor der nationalen Politik, dass sie die Plätze der aus der Verwaltung ausgeschiedenen Jakobiner einnahmen. Der gleiche Prozess geht noch jetzt in der Sowjetunion vor sich. Ja, er geht unter Stalin sogar noch bedeutend weiter.

Die thermidorianische Bourgeoisie war durch einen tiefen Hass gegen die Montagnards gekennzeichnet, denn ihre eigenen Führer stammten aus den Reihen der Männer, die an der Spitze der Sansculotten gestanden hatten. Die Bourgeoisie und mit ihr die Thermidorianer fürchteten nichts so sehr wie eine neue Volkserhebung. Eben deshalb bildete sich in jener Periode in der französischen Bourgeoisie das Klassenbewusstsein voll aus. Die Bourgeoisie hasste die Jakobiner und Halbjakobiner mit wildem Hass – als Verräter an ihren heiligsten Interessen, als zum Feinde übergelaufene Deserteure, als Renegaten. Der Ursprung des Hasses der Sowjetbürokratie gegen die Trotzkisten hat denselben sozialen Charakter. Wir sehen hier Angehörige derselben Schicht, derselben führenden Gruppe, derselben bevorrechteten Bürokratie, die auf ihre Posten verzichten, um ihr Schicksal mit dem der Sansculotten zu verbinden, der Enterbten, der Proletarier, der armen Bauern. Immerhin liegt ein Unterschied in der Tatsache, dass die französische Bourgeoisie schon vor der großen Revolution bestand. Sie zerbrach ihre politischen Eierschalen mittels der Nationalversammlung; sie musste aber durch die Periode der Convention und der jakobinischen Diktatur hindurch, um mit ihren Feinden zusammensitzen zu können, als sie in der thermidorianischen Periode ihre historischen Traditionen erneuerte. Die leitende Sowjetkaste ihrerseits setzte sich gänzlich aus thermidorianischen Bürokraten zusammen, die sich nicht nur aus den bolschewistischen Reihen rekrutierten, sondern auch aus denen der kleinbürgerlichen und bürgerlichen Parteien - und diese letzteren hatten mit den „Fanatikern" des Bolschewismus eine Rechnung zu begleichen.

Der Thermidor ruhte auf einer sozialen Grundlage. Er war eine Frage des Brotes, des Fleisches, der Behausung und, wenn möglich, des Luxus. Die jakobinische bürgerliche Gleichheit in Form der Maximal-Regelung behinderte die Entwicklung der bürgerlichen Ökonomie und die Erhöhung des bürgerlichen Wohlstands. In diesem Punkte wussten die Thermidorianer ganz genau, was sie wollten. Aus der Erklärung der Menschenrechte strichen sie den Hauptparagraphen: „Alle Menschen sind von Natur aus frei und gleich." Denen, die die Wiederaufrichtung dieses wichtigen jakobinischen Grundsatzes verlangten, antworteten die Thermidorianer, er sei zweideutig und deshalb gefährlich, natürlich seien die Menschen gleich, aber nicht in ihren Fähigkeiten und nicht nach ihrem Besitz. Der Thermidor war ein direkter Protest gegen den spartanischen Zug und das Streben nach Gleichheit.

Dieselbe soziale Begründung findet sich im Sowjetthermidor. Die Hauptaufgabe war, mit den spartanischen Einschränkungen der ersten Revolutionsperiode Schluss zu machen. Aber es handelte sich auch darum, die steigenden Privilegien der Bürokratie zu festigen. Es handelte sich keineswegs darum, ein liberales Wirtschaftssystem einzuführen; in dieser Richtung wurden nur zeitweise Konzessionen gemacht, die sehr viel weniger lange dauerten, als vorgesehen war. Ein liberales System auf der Grundlage des Privateigentums hätte die Konzentration des Reichtums in den Händen der Bourgeoisie, vor allem der Spitzen der Bourgeoisie, bedeutet. Die Privilegien der Bürokratie haben einen anderen Ursprung. Die Bürokratie schreibt sich den Teil des Nationaleinkommens zu, den sie sich durch ihre Kraft oder durch Ausübung ihrer Autorität verschaffen kann oder durch direkten Eingriff in die Wirtschaftsverhältnisse. Wegen des Überschusses der nationalen Produktion wurden die Bürokratie und das mit ihr verbündete Kleinbürgertum bald zu Feinden. Die Kontrolle des Überproduktes eröffnete für die Bürokratie den Weg zur Macht.

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