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Leo Trotzki 19200423 Über den Fünfzigjährigen

Leo Trotzki: Über den Fünfzigjährigen.

[Nach der 2. Auflage des Buchs Über Lenin. Material für einen Biographen, Verlag „öffentliches Leben". Berlin 1933, S. 151-155]

Das Nationale in Lenin.

Lenins Internationalismus bedarf keiner Empfehlung. Er wird am besten gekennzeichnet durch den unversöhnlichen, bereits in den ersten Tagen des Weltkrieges vorgenommenen Bruch mit jener Imitation des Internationalismus, die in der Zweiten Internationale herrschte. Die offiziellen Führer des „Sozialismus" bemühten sich, von der parlamentarischen Tribüne aus die Interessen des Vaterlandes mit den Interessen der Menschheit durch abstrakte Argumente im Geiste der alten Kosmopoliten in Einklang zu bringen. In der Praxis führte dies, wie uns bekannt ist, zur Unterstützung des räuberischen Vaterlandes durch die Kräfte des Proletariats.

Lenins Internationalismus ist keineswegs eine Formel zur Verbindung des Nationalen mit dem Internationalen in Worten, sondern eine Formel der internationalen revolutionären Tat. Das von der sogenannten zivilisierten Menschheit besetzte Weltgebiet wird als ein einziges riesiges Kampffeld betrachtet, das Feld eines Kampfes, in dem die einzelnen Völker und ihre Klassen nur Teilelemente darstellen. Keine einzige bedeutende Frage wird auf den nationalen Rahmen beschränkt. Sichtbare und unsichtbare Fäden verbinden die gegebene Frage stets in aktivster Weise mit Dutzenden von Erscheinungen in allen Teilen der Welt. In der Beurteilung von internationalen Faktoren und Kräften ist Lenin mehr als sonst jemand frei von nationaler Voreingenommenheit und Parteinahme.

Marx war der Ansicht, dass die Philosophen die Welt bereits zur Genüge interpretiert hätten, und er sah seine Aufgabe darin, die Welt zu verändern. Er selber, der geniale Vorläufer, hat das indessen nicht erlebt. Jetzt ist die Umgestaltung der Welt in vollem Gange, und ihr erster Kämpfer ist Lenin. Sein Internationalismus ist praktisches Urteil und praktischer Eingriff in den Gang der geschichtlichen Ereignisse im Weltausmaße und zu Weltzwecken. Russland und sein Schicksal sind nur Bestandteile dieses grandiosen geschichtlichen Ringens, von dessen Ausgang das Schicksal der Menschheit abhängt.

Lenins Internationalismus bedarf keiner Empfehlung. Gleichzeitig aber ist Lenin selber im tiefsten Sinne national. Er wächst mit seinen Wurzeln in der neuen russischen Geschichte, er nimmt sie in sich auf, verleiht ihr den höchsten Ausdruck, und gerade dadurch erreicht er die höchsten Gipfel der internationalen Tat und des internationalen Einflusses.

Lenin als nationale Gestalt.

Auf den ersten Blick könnte die Charakterisierung Lenins als „national" unerwartet erscheinen, im Grunde genommen aber ist dies eine Selbstverständlichkeit. Um einen solchen in der Geschichte der Völker nie dagewesenen Umschwung zu leiten, wie ihn Russland erlebt, dazu gehört augenscheinlich eine ununterbrochene organische Verbundenheit mit den Grundkräften des Volkslebens, eine Verbundenheit, die von den tiefsten Wurzeln ausgeht.

Lenin verkörpert in sich das russische Proletariat, eine junge Klasse, die politisch vielleicht nicht älter als Lenin selber, aber dabei tief national ist, weil sie die gesamte vorherige Entwicklung Russlands in sich zusammenfasst, weil sie seine ganze Zukunft verkörpert und weil sie eine Klasse ist, mit der die russische Nation steht und fällt. Das Fehlen von Routine und Schablone, von Falschheit und herkömmlicher Bedingtheit, die Entschlossenheit des Denkens, die Kühnheit im Handeln – eine Kühnheit, die niemals in Unvernunft ausartet – das sind die Charakterzüge des russischen Proletariats und mit ihm zugleich Lenins.

Die Wesensart des russischen Proletariats, die es jetzt als wichtigster Faktor der internationalen Revolution auftreten lässt, ist durch den ganzen Entwicklungsgang unserer nationalen russischen Geschichte vorbereitet worden: durch die barbarische Brutalität des absolutistischen Staates, durch die Minderwertigkeit der privilegierten Klassen, durch die fieberhafte Entwicklung des von der Weltbörse befruchteten russischen Kapitalismus, durch den blutsaugenden Charakter der russischen Bourgeoisie, die Dekadenz ihrer Ideologie, die Nichtigkeit ihrer Politik. Unser „dritter Stand" hatte weder seine Reformation noch seine große Revolution durchgemacht, noch hätte er sie durchmachen können. Einen umso umfassenderen Charakter haben die revolutionären Aufgaben des russischen Proletariats angenommen. Unsere Geschichte hat in der Vergangenheit weder einen Luther noch einen Thomas Münzer, Mirabeau, Danton oder Robespierre hervorgebracht. Gerade deswegen besitzt das russische Proletariat seinen Lenin. Was an Tradition fehlte, wurde durch den Schwung der Revolution wettgemacht.

Nicht nur die proletarische Gegenwart der Arbeiterklasse, sondern auch seine noch ganz frische bäuerliche Vergangenheit finden in Lenin ihre Widerspiegelung. Dieser unbestrittenste aller Führer des Proletariats besitzt nicht nur ein bäuerliches Äußeres, sondern auch einen kräftigen bäuerlichen Kern. Vor dem Smolny steht ein Denkmal des anderen Großen des Weltproletariats: Marx auf dem steinernen Postament, im schwarzen Gehrock. Das ist natürlich eine Kleinigkeit, aber Lenin kann man sich im schwarzen Gehrock nicht vorstellen. Auf manchen Bildern ist Marx in einem gestärkten Brusthemd mit weitem Ausschnitt dargestellt, und eine Art Monokel hängt darüber. Dass Marx nicht zur Koketterie neigte, ist klar für jeden, der eine Ahnung hat vom Marxschen Geist. Marx entstammt aber einem ganz anders gearteten national-kulturellen Boden, er lebte in einer anderen Atmosphäre, wie ja auch die Oberschicht der deutschen Arbeiterklasse nicht in dem deutschen Dorf wurzelt, sondern im zünftigen Handwerk und in der komplizierten städtischen Kultur des Mittelalters.

Lenins Eigenart.

Schon in dem reichen und glänzenden Stil von Marx, der Kraft und Geschmeidigkeit, Zorn und Ironie, Strenge und Eleganz in sich vereinigt, kommt das literarische und ästhetische Erbe der ganzen vorangegangenen sozial-politischen Literatur zum Ausdruck, bis zurück zur Reformation und noch weiter zurück. Lenins literarischer und rednerischer Stil ist furchtbar einfach, zweckbestimmt, asketisch wie sein ganzes Wesen. In seiner kraftvollen Askese ist aber keine Spur von Moralisieren zu finden. Seine Askese ist nicht etwa ein Grundsatz, ein vorbedachtes System und schon ganz gewiss keine Pose – sie ist einfach der äußere Ausdruck einer Konzentration aller seelischen Kräfte zum Zweck des Handelns. Das ist die wirtschaftliche bäuerliche Sachlichkeit, allerdings gesteigert bis zum größten Ausmaß.

Marx kommt voll und ganz in dem „Kommunistischen Manifest", dem Vorwort zu seiner „Kritik der politischen Ökonomie", im „Kapital" zum Ausdruck. Selbst wenn er die Erste Internationale nicht gegründet hätte, wäre seine Geltung für alle Zeiten die gleiche geblieben wie heute. Lenin dagegen ist ganz der Mann der revolutionären Tat. Seine wissenschaftlichen Arbeiten sind nichts weiter als eine Vorbereitung der Aktion. Hätte er in der Vergangenheit kein einziges Buch veröffentlicht, er ginge trotzdem wie jetzt in die Geschichte ein als Führer der proletarischen Revolution und als Gründer der Dritten Internationale.

Ein klares wissenschaftliches System – die materialistische Dialektik – ist notwendig für eine Tat von so geschichtlicher Tragweite, wie Lenin sie vollbrachte; notwendig, aber nicht hinreichend. Dazu gehört noch jene verborgene schöpferische Kraft, die wir als Intuition bezeichnen: die Fähigkeit, Erscheinungen im Fluge zu beurteilen, den Kern, das Wesentliche und Wichtige, von der Schale und vom Kleinkram zu befreien, die Lücken im Bilde auszufüllen mit Hilfe der Phantasie, die Pläne der anderen, vor allem die der Feinde, bis ans Ende zu durchdenken, alles zu einem Ganzen zu verbinden und in dem gleichen Augenblick, in dem die Kampfes-„Formel" im Geiste erst Gestalt gewinnt, zum Schlage auszuholen. Das ist die Intuition des Handelns. In gewissem Sinne ist sie verwandt mit dem, was wir im Alltag „Schlauheit" nennen.

Wenn Lenin, das linke Auge zugekniffen, durch einen Funkspruch die Parlamentsrede eines der imperialistischen Staatslenker oder eine diplomatische Note erhält – dies Gemisch von blutrünstiger Tücke und aalglatter Heuchelei –, dann sieht er aus wie ein sehr kluger Bauer, dem man mit Worten nicht beikommen und den man mit der bloßen Phrase nicht betrügen kann. Das ist die bäuerliche Schlauheit in höchster Potenz, bis zur Genialität entfaltet und ausgerüstet mit den neuesten Errungenschaften wissenschaftlicher Forschung.

Das junge russische Proletariat konnte das, was es vollbracht hat, nur vollbringen, weil es mit seinen eigenen Wurzeln den schweren Felsblock der Bauernschaft umspannte und mitriss. Dieser Prozess ist von unserer ganzen nationalen Vergangenheit vorbereitet worden. Aber gerade deshalb, weil das Proletariat durch die Entwicklung der Ereignisse ans Ruder kam, hat unsere Revolution die nationale Beschränktheit und die provinzielle Krähwinkelei der früheren russischen Geschichte sofort und gründlich überwunden. Sowjetrussland ist nicht nur zum Asyl der Kommunistischen Internationale, sondern vielmehr zur lebendigen Verkörperung ihres Programms und ihrer Methoden geworden.

Auf jenen unbekannten, von der Wissenschaft noch nicht ergründeten Wegen, die zur Gestaltung der menschlichen Persönlichkeit führen, hat Lenin aus dem nationalen Milieu alles in sich aufgenommen, was er brauchte für die größte revolutionäre Tat in der menschlichen Geschichte. Eben weil die soziale Revolution, mit ihrem seit langem bestehenden internationalen theoretischen Ausdruck, durch Lenin zum ersten Male in einem nationalen Rahmen verwirklicht wurde, darum ist Lenin im geradesten und unmittelbarsten Sinne der revolutionäre Führer des Weltproletariats und als ein solcher erlebte er seinen 50. Geburtstag.

Prawda" Nr. 86, vom 23. April 1920.

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