Die Kriegsjahre

Die Kriegsjahre (1914-1917)

Krakau (1914)

Obgleich der Krieg nicht überraschend kam, hatte die Nachricht über die Kriegserklärung doch große Bestürzung ausgelöst. Man musste versuchen, schleunigst aus Poronin fortzukommen. Aber wohin – das wusste niemand. Dazu war die Genossin Lilina schwerkrank, und Sinowjew konnte deshalb nicht fort. Sie wohnten damals in Zakopane, wo es Ärzte gab. Wir beschlossen deshalb, vorläufig in Poronin zu bleiben. Lenin schrieb nach Kopenhagen an Kobecki und bat ihn um Informationen, auch sollte er Verbindungen mit Stockholm anknüpfen usw. Die örtliche Gebirgsbevölkerung war, als die Mobilmachung begann, höchst niedergedrückt. Mit wem Krieg geführt werden sollte, aus welchem Grunde – niemand kannte sich aus. Nicht die geringste Begeisterung war vorhanden, die Leute gingen, als ob sie zur Schlachtbank geführt wurden. Unsere Wirtin, eine Bäuerin, war ganz gebrochen vor Kummer: man hatte ihren Mann eingezogen. Der Pfaffe bemühte sich in der Kirche, patriotische Gefühle zu erwecken. Alle möglichen Gerüchte waren im Umlauf, und der sechsjährige kleine Junge einer armen Nachbarsfamilie, der sich ständig bei uns aufhielt, teilte mir geheimnisvoll mit, der Herr Pfarrer habe gesagt, die Russen streuten Gift in die Brunnen.

Am 7. August erschien in unserem Landhaus der Poroniner Gendarmeriewachtmeister in Begleitung eines ortsansässigen Bauern, der ein Gewehr bei sich trug, um eine Haussuchung vorzunehmen. Was er suchen sollte, das wusste der Wachtmeister eigentlich selbst nicht genau; er stöberte im Schrank herum, fand einen ungeladenen Browning, nahm einige Hefte mit Aufzeichnungen über die Agrarfrage mit statistischen Tabellen an sich und richtete einige unwesentliche Fragen an uns. Sein Begleiter saß verlegen auf der Stuhlkante und blickte verständnislos um sich. Der Wachtmeister machte sich über ihn lustig, zeigte auf einen Topf mit Leim und versicherte, dass dies eine Bombe sei. Sodann erklärte er, dass gegen Lenin eine Denunziation eingelaufen sei und er ihn eigentlich verhaften müsse. Aber da er ihn morgen sowieso nach Nowy Targ (dem nächsten Ort, in dem sich Militärbehörden befanden) transportieren müsse, so möge er lieber morgen früh um sechs Uhr selbst zum Zug kommen. Es war also klar, dass Lenin verhaftet werden sollte. Und in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch konnte man dabei mit Leichtigkeit um die Ecke gebracht werden. Lenin fuhr zu Hanecki, der damals in Poronin lebte, und erzählte ihm den Vorfall. Hanecki telegrafierte sofort an den sozialdemokratischen Abgeordneten Marek, und Lenin telegrafierte an die Krakauer Polizei, der er als Emigrant bekannt war. Iljitsch war sehr beunruhigt darüber, dass ich mit meiner Mutter in Poronin allein in dem großen Hause zurückbleiben musste, und verabredete mit dem Genossen Tichomirnow, dass dieser fürs erste ein Zimmer im oberen Stockwerk beziehen sollte. Tichomirnow war erst unlängst aus der Verbannung im Olonezer Gouvernement zurückgekehrt, und die Redaktion der „Prawda" hatte ihn nach Poronin geschickt, wo er etwas ausruhen, seine durch die Verbannung erschütterten Nerven in Ordnung bringen und bei dieser Gelegenheit gleichzeitig Lenin helfen sollte, auf Grund des in der „Prawda" veröffentlichten Materials Aufstellungen über stattfindende Kampagnen für die Arbeiterpresse und anderes zu machen.

Wir verbrachten eine unruhige, schlaflose Nacht. Am Morgen begleitete ich Iljitsch zum Bahnhof und kehrte dann in das leere Haus zurück. Am selben Tage mietete Hanecki irgendein Fuhrwerk, mit dem er bis nach Nowy Targ kam. Er setzte es durch, dass er von dem „Kaiserlich-Königlichen" Bezirkschef empfangen wurde, machte Krach, erzählte, Lenin sei Mitglied des Internationalen Sozialistischen Büros, ein Mann, für den man sich einsetzen würde, für dessen Leben die Behörde verantwortlich gemacht werden würde; er besuchte den Untersuchungsrichter, dem er ebenfalls sagte, wer Lenin sei, und erhielt für mich eine Sprecherlaubnis für den nächsten Tag. Als Hanecki aus Nowy Targ zurückgekehrt war, schrieb ich mit ihm zusammen nach Wien an den österreichischen sozialdemokratischen Abgeordneten Victor Adler, Mitglied des Internationalen Büros. In Nowy Targ erhielt ich die Erlaubnis, Lenin zu sprechen. Man ließ uns allein, aber Lenin sprach nur wenig – die Lage war noch sehr unklar. Von der Krakauer Polizei traf ein Telegramm ein, dass kein Grund zu einem Spionageverdacht gegen Uljanow vorläge; ein ebensolches kam von Marek aus Zakopane, und ein bekannter polnischer Schriftsteller kam nach Nowy Targ, um sich für Lenin einzusetzen. Als der in Zakopane wohnende Sinowjew von der Verhaftung Lenins erfuhr, nahm er sofort sein Rad und fuhr trotz strömenden Regens zu dem Polen Dr. Dlusski, einem alten „Narodowolzen", der etwa zehn Kilometer von Zakopane entfernt lebte. Dlusski nahm sofort einen Wagen und fuhr nach Zakopane, telegrafierte herum, schrieb Briefe, verhandelte mit irgend jemand. Ich erhielt jeden Tag Sprecherlaubnis. Frühmorgens mit dem Sechsuhrzug fuhr ich nach Nowy Targ – die Fahrt dauerte eine Stunde –, dann schlenderte ich bis etwa elf Uhr zwischen Bahnhof, Postamt und Markt herum. Dann konnte ich eine Stunde mit Lenin sprechen. Er erzählte von seinen Mitinsassen. Es saßen viele Bauern aus der Umgegend im Gefängnis: der eine, weil sein Pass abgelaufen war, der andere, weil er die Steuern nicht bezahlt hatte, der dritte wegen „Widerstands" gegen die Lokalbehörden. Dann saß noch ein Franzose dort, irgendein polnischer Beamter, der aus Sparsamkeitsgründen mit einem falschen Grenzübertrittsschein gereist war, und ein Zigeuner, der sich über die Mauer des Gefängnishofes mit seiner Frau zu unterhalten pflegte. Lenin erinnerte sich an seine juristische Tätigkeit während seiner Verbannung unter den Bauern von Schuschenskoje, die er aus allen möglichen schwierigen Lagen gerettet hatte, und richtete auch hier im Gefängnis eine eigenartige juristische Konsultation ein, schrieb Eingaben für die Mitinsassen usw. Sie nannten Lenin einen „Byczy chłop", das heißt „famoser Kerl". Der „famose Kerl" gewöhnte sich allmählich an das Gefängnisleben in Nowy Targ und kam zu unseren Zusammenkünften gefasster und lebhafter. In diesem Kriminalgefängnis überlegte Lenin nachts, wenn alle Häftlinge schliefen, was die Partei nun zu tun habe, welche Schritte sie unternehmen musste, um diesen Weltkrieg der imperialistischen Staaten in einen Weltkrieg zwischen Proletariat und Bourgeoisie zu verwandeln. Ich teilte Lenin alle Neuigkeiten über den Krieg mit, die ich nur erfahren konnte.

Aber folgendes teilte ich ihm nicht mit: Als ich eines Tages vom Bahnhof zurückkehrte, gingen hinter mir Bäuerinnen, die aus der Kirche kamen und sich wohl absichtlich laut unterhielten, damit ich sie hören konnte. Sie sprachen davon, dass sie selbst mit den Spionen aufräumen würden. Wenn auch die Behörden zufällig einen Spion freilassen sollten, so würden sie selbst ihm die Augen ausstechen, die Zunge abschneiden usw. usw. Es war also klar, dass wir nicht in Poronin bleiben konnten, falls Lenin aus dem Gefängnis entlassen werden sollte. Deshalb begann ich, unsere Sachen zu packen, sonderte das, was wir unbedingt mitnehmen mussten, von dem, was wir dalassen würden. Unsere Wirtschaft war ganz und gar in Unordnung geraten. Das Mädchen, das wir wegen der Krankheit meiner Mutter für den Sommer genommen hatten, erzählte den Nachbarn alle möglichen Märchen über uns und über unsere Verbindung mit Russland. Ihr sehnlichster Wunsch war, nach Krakau zu fahren. Das nutzte ich aus, gab ihr das Gehalt im Voraus und Reisegeld und schickte sie schleunigst nach Krakau. Die Tochter der Nachbarin half mir den Ofen heizen, Einkäufe besorgen usw. Meiner Mutter – sie war schon 72 Jahre alt – ging es sehr schlecht, sie merkte, dass irgend etwas geschehen war, erfasste jedoch nicht mehr, was, obgleich ich ihr erzählt hatte, dass man Lenin verhaftet hatte. Sie phantasierte mitunter, dass man ihn mobilisiert habe; sie regte sich sehr über meine tägliche lange Abwesenheit auf und glaubte, ich würde ebenso verschwinden wie Iljitsch. Unser Hausgenosse Tichomirnow ging nachdenklich umher, rauchte, ordnete und packte die Bücher. Einmal brauchte ich irgendeine Bescheinigung von dem Bauern, der den Gendarmen bei der Haussuchung als Zeuge begleitet hatte und von ihm verhöhnt worden war. Ich suchte ihn also irgendwo am Ende des Dorfes auf, saß lange bei ihm in seiner Hütte – es war die typische Behausung eines armen Bauern – und unterhielt mich mit ihm darüber, was dieser Krieg bedeute, wer ihn auskämpfen müsse und für wen, und wer am Krieg interessiert sei. Er begleitete mich dann freundschaftlich, als ich fortging.

Die Bemühungen des Wiener Abgeordneten Victor Adler und des Lwower Abgeordneten Diamand, die Bürgschaften für Lenin übernommen hatten, waren erfolgreich, und am 19. August wurde Lenin aus dem Gefängnis entlassen. Ich war an diesem Tage wie gewöhnlich vom frühen Morgen an in Nowy Targ, und diesmal ließ man mich sogar in die Zelle hinein, um Lenin zu helfen, seine Sachen zu packen. Wir mieteten einen Bauernwagen und fuhren nach Poronin. Dort mussten wir noch etwa eine Woche bleiben, ehe wir die Erlaubnis erhielten, nach Krakau zu übersiedeln. In Krakau gingen wir zu der Wirtin, bei der einmal Kamenew und Inès gewohnt hatten. Die Wohnung war zur Hälfte von einer Sanitätsabteilung besetzt, die Frau gab uns aber trotzdem irgendeinen Winkel. Übrigens hatte sie andere Sorgen: bei Krasnik hatte soeben die erste Schlacht stattgefunden, an der ihre beiden Söhne teilgenommen hatten, die als Freiwillige ins Feld gegangen waren, und sie wusste nun nicht, ob sie noch lebten.

Am nächsten Tag beobachteten wir vom Fenster des Hotels aus, in das wir gezogen waren, ein erschütterndes Bild. Aus Krasnik war ein Zug mit Toten und Verwundeten eingetroffen. Die Angehörigen derjenigen, die an der Schlacht teilgenommen hatten, liefen hinter den Tragbahren her und schauten in die Gesichter der Toten und Sterbenden, gepeinigt von der Furcht, die Ihrigen zu erkennen. Die Leichtverwundeten mit verbundenen Köpfen und Gliedmaßen legten den Weg vom Bahnhof zu Fuß zurück. Die zum Bahnhof geströmten Einwohner halfen ihnen ihre Sachen tragen, brachten ihnen Bier, das sie aus einem nahen Restaurant geholt hatten, und boten ihnen zu essen an. Unwillkürlich musste ich denken: „So sieht er aus, der Krieg!" – aber das war erst die erste Schlacht.

In Krakau gelang es uns ziemlich schnell, die Erlaubnis zur Ausreise in ein neutrales Land – in die Schweiz – zu erhalten. Wir hatten noch allerlei zu ordnen. Meine Mutter war kurz zuvor „Kapitalistin" geworden. Eine in Nowotscherkassk lebende Schwester von ihr, eine Lehrerin, war gestorben und hatte ihr ihr ganzes Vermögen vermacht: silberne Löffel, Heiligenbilder, Kleidungsstücke und viertausend Rubel, die sie sich in den dreißig Jahren ihrer pädagogischen Tätigkeit gespart hatte. Dieses Geld lag in einer Krakauer Bank. Um das Geld herauszubekommen, mussten wir die Dienste eines Maklers in Wien in Anspruch nehmen, der sich dafür genau die Hälfte der ganzen Summe bezahlen ließ. Der Rest war während des Krieges unsere Hauptexistenzquelle, und wir lebten so sparsam, dass 1917, als wir nach Russland zurückkehrten, immer noch eine gewisse Summe übrig war. Während einer Haussuchung in den Julitagen 1917 wurde über die gefundene Geldsumme ein besonderes Protokoll aufgenommen, das als Beweis dafür dienen sollte, dass Lenin von der deutschen Regierung Geld für Spionagetätigkeit erhalten habe.

Die Reise von Krakau bis an die Schweizer Grenze dauerte eine ganze Woche. Unser Zug musste lange auf den einzelnen

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Stationen stehen, um Truppentransporte vorbeizulassen. Wir beobachteten die chauvinistische Agitation, die von den Nonnen und den unter ihrem Einfluss stehenden Frauengruppen getrieben wurde. Auf den Bahnhöfen verteilten sie an die Soldaten Heiligenbilder, Gebetbücher usw. Elegante, geschniegelte Offiziere spazierten auf den Bahnsteigen herum. Die Waggons waren mit Inschriften bedeckt – lauter Direktiven, was man mit Franzosen, Engländern, Russen zu tun habe: „Jeder Schuss – ein Russ!" Auf einem Reservegleis standen einige Waggons mit Insektenpulver, das für die Front bestimmt war.

In Wien blieben wir einen Tag, um uns die nötigen Papiere zu besorgen, die Geldangelegenheit zu regeln und nach der Schweiz zu telegrafieren, damit irgend jemand für uns die Bürgschaft übernehme, denn ohne eine solche wurde man nicht in die Schweiz hineingelassen. Greulich, ein altes Mitglied der Sozialdemokratischen Partei, bürgte für uns. In Wien fuhr Rjasanow mit Lenin zu Victor Adler, der sich für Lenins Freilassung aus dem Gefängnis eingesetzt hatte. Adler erzählte von seinem Gespräch mit dem Minister. „Sind Sie überzeugt davon, dass Uljanow ein Feind der zaristischen Regierung ist?" fragte ihn der Minister. „O ja!" antwortete Victor Adler, „ein schlimmerer Feind als Eure Exzellenz!" Von Wien bis zur Schweizer Grenze ging es recht schnell.

Bern (1914-1915)

Am 5. September passierten wir endlich die Schweizer Grenze. Unser Reiseziel war Bern.

Wir hatten noch nicht endgültig beschlossen, wo wir bleiben würden, in Genf oder in Bern. Iljitsch fühlte sich nach unserem früherem Wohnort – Genf – hingezogen, wo es sich damals in der„Société de Lecture" so gut arbeiten ließ, wo eine gute russische Bibliothek vorhanden war usw. usw. Aber die Berner behaupteten, dass sich Genf stark verändert habe, dass zahlreiche Emigranten aus anderen Städten, aus Frankreich usw. dort hingezogen seien und somit ein furchtbares Emigrantengetümmel herrsche. Wir fassten keinen endgültigen Beschluss, mieteten aber fürs erste ein Zimmer in Bern.

Lenin schrieb sofort nach Genf, um festzustellen, ob dort Leute waren, die nach Russland reisen wollten (man müsste sie zur Herstellung einer Verbindung mit Russland benutzen), erkundigte sich, ob die russische Druckerei noch vorhanden sei, ob man dort russische Flugblätter herausgeben könne usw.

Am Tage nach unserer Ankunft aus Galizien versammelten sich sämtliche Bolschewiki, die damals in Bern lebten – Schklowski, die Safarows, der Duma-Abgeordnete Samoilow, Goberman und andere –, und hielten im Walde eine Beratung ab, auf der Lenin seinen Standpunkt über die Ereignisse darlegte. Es wurde eine Resolution angenommen, die den Krieg als einen imperialistischen Raubkrieg charakterisierte und das Verhalten der Führer der II. Internationale, die für die Kriegskredite gestimmt hatten, als Verrat an der Sache des Proletariats brandmarkte; in der Resolution hieß es: „Vom Standpunkt der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen aller Völker Russlands wäre das kleinere Übel die Niederlage der Zarenmonarchie und ihrer Truppen, die Polen, die Ukraine und eine ganze Reihe anderer Völker Russlands unterjochen."1 Die Resolution, die die Losung: Propagierung der sozialistischen Revolution, Bürgerkrieg, erbarmungsloser Kampf gegen den Chauvinismus und Patriotismus in allen Ländern ohne Ausnahme aufstellte, entwarf gleichzeitig ein Aktionsprogramm für Russland: Kampf gegen die Monarchie, für die Revolution, für die Republik, für die Befreiung der von den Großrussen unterdrückten Völker, für die Konfiskation der Gutsländereien und für den Achtstundentag.

Die Berner Resolution war ihrem ganzen Wesen nach eine Herausforderung an die gesamte kapitalistische Welt. Sie wurde selbstverständlich nicht zu dem Zweck verfasst, um in einer Schublade zu verstauben. In erster Linie wurde sie an die bolschewistischen Auslandssektionen geschickt. Ferner nahm Samoilow die Thesen nach Russland mit, um sie mit den dort lebenden Mitgliedern des Zentralkomitees und mit der Dumafraktion zu besprechen. Der Standpunkt der Genossen war hier nicht bekannt. Die Verbindung mit Russland war abgerissen. Erst später erfuhren wir, dass die Mitglieder des Zentralkomitees und die bolschewistischen Mitglieder der Dumafraktion sofort den richtigen Ton angeschlagen hatten. Für die fortschrittlichen Arbeiter unseres Landes, für unsere Parteiorganisation waren die den Krieg betreffenden Resolutionen der Internationalen Kongresse mehr als ein Stück Papier, sie waren eine Anleitung für ihre Tätigkeit.

Gleich in den ersten Tagen nach Kriegsausbruch, nach der Bekanntgabe der Mobilisierung, gab das Petersburger Komitee ein Flugblatt heraus mit dem Aufruf: „Nieder mit dem Krieg! Krieg dem Kriege!" In einer Reihe von Petersburger Betrieben wurde am Tage der Mobilmachung der Landwehr gestreikt, es wurde sogar der Versuch gemacht, eine Demonstration zu organisieren. Freilich rief der Krieg einen so starken Ausbruch des reaktionärsten Patriotismus hervor, stärkte die militärische Reaktion so bedeutend, dass nicht viel zu machen war. Unsere Dumafraktion hielt an ihrer Linie des Kampfes gegen den Krieg, der Fortsetzung des Kampfes gegen die zaristische Regierung fest. Diese Standhaftigkeit machte sogar auf die Menschewiki Eindruck, und die gesamte sozialdemokratische Fraktion nahm eine gemeinsame Resolution an, die von der Dumatribüne herab verkündet wurde. Diese Resolution war sehr vorsichtig formuliert, manches blieb unausgesprochen; aber es war trotzdem eine Resolution des Protestes, die die allgemeine Entrüstung aller übrigen Dumamitglieder hervorrief. Diese Entrüstung wuchs, als die sozialdemokratische Fraktion (immer noch die gesamte) an der Abstimmung über die Kriegskredite nicht teilnahm und als Zeichen des Protestes den Saal verließ. Die bolschewistische Organisation stellte sich rasch auf völlige Illegalität um. Sie ließ Flugblätter erscheinen, in denen sie Hinweise gab, wie der Krieg zur Entfaltung und Vertiefung des revolutionären Kampfes ausgenutzt werden könne. Auch in der Provinz begann die Antikriegspropaganda. Meldungen aus den einzelnen Orten bestätigten, dass diese Propaganda von den revolutionär gesinnten Arbeitern unterstützt wurde. Alles das erfuhren wir im Ausland erst bedeutend später.

Innerhalb unserer Auslandsgruppen, die den revolutionären Aufschwung der letzten Monate in Russland nicht miterlebt hatten und die von dem Emigrantendasein, von dem sich manche um jeden Preis losreißen wollten, niedergedrückt waren, fehlte jene Festigkeit, die unseren Abgeordneten und unseren russischen bolschewistischen Organisationen eigen war. Es bestanden noch Unklarheiten, man stritt darüber, wer der Aggressor sei.

Obgleich sich die Mehrheit der Gruppe in Paris gegen den Krieg und gegen das Eintreten in die Armee als Freiwillige entschieden hatte, traten doch einige unserer Genossen – Saposchkow (Kusnezow), Kasakow (Britman, Swijagin), Mischa Edischerow (Dawydow), Moissejew (Ilja, Sefir) und andere – als Freiwillige in das französische Heer ein. Die Kriegsfreiwilligen – Menschewiki, Sozialrevolutionäre und ein Teil der Bolschewiki (insgesamt etwa 80 Personen) – erließen eine „Deklaration der russischen Republikaner", die in der französischen Presse veröffentlicht wurde. Vor dem Abzug der Freiwilligen aus Paris hielt ihnen Plechanow eine Abschiedsrede.

Die Mehrheit der Pariser Gruppe verurteilte dieses Kriegsfreiwilligentum. Jedoch war auch in den anderen Gruppen die Frage nicht restlos geklärt. Lenin wusste sehr wohl, dass es in einem solchen ernsten Augenblick besonders wichtig ist, dass sich jeder Bolschewik über die Ereignisse im Klaren ist und dass ein Meinungsaustausch organisiert werden musste. Es war nicht zweckmäßig, sofort jede Nuance zu fixieren, man musste sich erst gründlich aussprechen. Aus diesem Grunde antwortete Lenin dem Genossen Karpinski auf den Brief, in dem dieser den Standpunkt der Genfer Sektion darlegte: „Die ,Kritik' und meine ,Antikritik' würden vielleicht besser den Gegenstand einer Aussprache bilden."

Lenin wusste, dass man durch eine kameradschaftliche Aussprache besser zu einer Einigung gelangt als durch einen Briefwechsel. Aber natürlich war die Zeit nicht dazu angetan, um sich innerhalb eines kleinen Kreises von Bolschewiki lange Zeit hindurch auf solche Gespräche zu beschränken.

Anfang Oktober wurde es bekannt, dass der aus Paris zurückgekehrte Plechanow bereits in Genf gesprochen hatte und in Lausanne einen Vortrag halten wollte.

Der Standpunkt Plechanows versetzte Lenin in große Aufregung. Er konnte es nicht glauben, dass Plechanow zum „Vaterlandsverteidiger" geworden war. „Ich kann es einfach nicht glauben", sagte er. „Seine militärische Vergangenheit spielt hier wahrscheinlich eine Rolle", fügte er nachdenklich hinzu. Als wir am 10. Oktober aus Lausanne ein Telegramm mit der Mitteilung erhielten, dass Plechanows Vortrag für den nächsten Tag, also den 11., festgesetzt war, begann Iljitsch sich sofort vorzubereiten, und ich sorgte dafür, dass ihn niemand störte. Ich besprach mit unseren Genossen, wer aus Bern zu dem Vortrag fahren sollte usw. Wir hatten uns endgültig in Bern niedergelassen; und Sinowjews, die zwei Wochen nach uns angekommen waren, lebten in Bern, ebenso Inès Armand.

Ich konnte nicht zu dem Vortrag nach Lausanne fahren; später erzählten mir die Genossen ausführlich darüber. Und als ich in den „Aufzeichnungen des Lenin-Instituts" dann später die Erinnerungen F. Iljins an diesen Vortragsabend las, sah ich Iljitsch und alles, was er damals durchgemacht hat, wieder lebhaft vor mir. Auch Inès hatte mir ausführlich über diesen Vortrag erzählt. Von allen Enden der Schweiz waren unsere Genossen zu dem Vortrag zusammengeströmt – aus Bern Sinowjew, Inès, Schklowski, aus Baugy-sur-Montreux Rosmirowitsch, Krylenko, Bucharin und die Lausanner Genossen.

Lenin befürchtete, dass es ihm nicht gelingen würde, dem Vortrag Plechanows beizuwohnen und alles zu sagen, was er auf dem Herzen hatte, er befürchtete, dass die Menschewiki soviel Bolschewiki nicht zulassen würden. Ich kann mir denken, wie wenig ihm in diesem Augenblick daran gelegen war, mit den Genossen über irgendwelche belanglose Dinge zu reden, und die naiven Manöver, die er anwandte, um allein zu bleiben, sind wohl verständlich. Ich kann mir vorstellen, wie er sich inmitten all der Wirtschaft während des Essens, das bei Mowschowitschs stattfand, in sich selbst zurückzog und vor größter Aufregung keinen Bissen hinunterschlucken konnte. Als Plechanow in seinen einleitenden Worten erklärte, er habe sich nicht für eine Rede auf einer so großen Versammlung vorbereitet, flüsterte Lenin einem neben ihm sitzenden Genossen einige höhnische Bemerkungen zu. „So ein Gauner", warf Lenin hin und versenkte sich dann ganz in das, was Plechanow sagte. Mit dem ersten Teil des Vortrags, in dem Plechanow über die Deutschen herfiel, war Lenin einverstanden und applaudierte ihm. Im zweiten Teil vertrat Plechanow dann seinen Standpunkt der Vaterlandsverteidigung. Nicht der geringste Zweifel blieb mehr. Nur Lenin hatte sich zur Diskussion gemeldet, weiter niemand. Mit einem Krug Bier in der Hand ging er zum Rednerpult. Er sprach ruhig, nur an der Blässe seines Gesichts konnte man seine Erregung erkennen. Lenin sprach darüber, dass der jetzt ausgebrochene Krieg kein Zufall sei, dass er durch den ganzen Charakter der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft vorbereitet worden sei. Die Internationalen Kongresse – der Stuttgarter, Kopenhagener, Baseler – hätten das Verhältnis der Sozialisten zu dem bevorstehenden Krieg bestimmt. Nur dann erfüllen die Sozialdemokraten ihre Pflicht, wenn sie gegen die chauvinistische Vergiftung ihres Landes kämpfen. Man müsse diesen Krieg in einen entscheidenden Kampf des Proletariats gegen die herrschenden Klassen umwandeln.

Lenin hatte nur zehn Minuten Redezeit. Er sagte nur das Allerwesentlichste. Plechanow antwortete ihm in seiner gewohnten witzigen Art. Die Menschewiki – sie waren in der überwiegenden Mehrheit – klatschten ihm rasend Beifall. Es herrschte der Eindruck, als ob Plechanow gesiegt hätte.

Für den 14. Oktober, drei Tage später, war in demselben Saal, in dem Plechanow gesprochen hatte – im Volkshaus – ein Vortrag Lenins angesagt. Der Saal war überfüllt. Der Vortrag war ausgezeichnet. Lenin war in gehobener Kampfesstimmung, er entwickelte ausführlich seinen Standpunkt gegenüber diesem Krieg als einem imperialistischen Krieg. Er wies darauf hin, dass in Russland bereits ein Flugblatt des Zentralkomitees gegen den Krieg erschienen sei, dass die kaukasische und einige andere Parteiorganisationen ein ähnliches Flugblatt herausgegeben hätten. Er sagte ferner, dass die beste sozialistische Zeitung in Europa gegenwärtig der „Golos" (Die Stimme) wäre, an dem Martow mitarbeitete. „Und wenn ich auch noch so starke Differenzen mit Martow gehabt habe", sagte Lenin, „so muss ich jetzt mit aller Bestimmtheit erklären, dass dieser Publizist heute das tut, was ein Sozialdemokrat tun muss: er kritisiert seine Regierung, er entlarvt seine Bourgeoisie, er beschimpft seine Minister."

In privaten Unterhaltungen erklärte Lenin mehr als einmal, wie gut es wäre, wenn Martow ganz und gar zu uns übergehen würde. Aber er glaubte nicht so ganz daran, dass Martow sich auf der von ihm eingenommenen Position halten würde. Er wusste, wie stark dieser fremden Einflüssen unterworfen war. „Solange er allein ist, wird er so schreiben", meinte er. Lenin hatte mit seinem Vortrag enormen Erfolg. Über das gleiche Thema – „Proletariat und Krieg" – sprach er auch in Genf.

Als Lenin von seiner Vortragsreise zurückkehrte, fand er einen Brief Schljapnikows aus Stockholm vor, in dem dieser über die Arbeit in Russland berichtete, über das Telegramm Vanderveldes an die Dumafraktion und über die Antwort der menschewistischen und bolschewistischen Abgeordneten an Vandervelde. Emile Vandervelde, der Delegierte Belgiens im Internationalen Sozialistischen Büro, hatte bei Kriegsausbruch in der belgischen Regierung einen Ministerposten angenommen. Kurz vor dem Krieg hatte er Russland besucht und den Kampf gesehen, den die Arbeiter Russlands gegen die Selbstherrschaft führten, aber er hatte die ganze Tiefe dieses Kampfes nicht erfasst. Nun sandte Vandervelde an beide Teile der sozialdemokratischen Dumafraktion ein Telegramm. Er rief die sozialdemokratische Fraktion auf, dafür zu sorgen, dass die russische Regierung mit aller Entschiedenheit auf Seiten der Entente gegen Deutschland kämpfe.

Die menschewistischen Deputierten, die sich im ersten Moment geweigert hatten, für die Kriegskredite zu stimmen, fingen an, stark zu schwanken, als sie erfuhren, welchen Standpunkt die meisten sozialistischen Parteien innehatten. Deshalb trug ihre Antwort an Vandervelde bereits einen ganz anderen Charakter: sie erklärten, dass sie nicht gegen den Krieg arbeiten würden. Die bolschewistische Fraktion schickte eine Antwort, in der sie es entschieden ablehnte, den Krieg in irgendeiner Weise zu unterstützen und den Kampf gegen die zaristische Regierung einzustellen. Die Antwort war nicht erschöpfend, es hätte noch mehr gesagt werden müssen, jedenfalls aber war die Linie im Großen und Ganzen richtig. Die Aufrechterhaltung der Verbindung zwischen dem Ausland und Russland wurde als äußerst wichtig empfunden, und Lenin bestand mit aller Entschiedenheit darauf, dass Schljapnikow in Stockholm blieb, um die Verbindung mit der Dumafraktion und überhaupt mit den Genossen in Russland zu festigen. Diese Verbindung konnte man am besten über Stockholm regeln.

Sowie Lenin aus Krakau in Bern angekommen war, erkundigte er sich brieflich bei Karpinski, ob es möglich sei,, in Genf eine Flugschrift herauszugeben. Die Thesen, die in den ersten Tagen nach unserer Ankunft in Bern angenommen worden waren, sollten zu einem Manifest umgearbeitet und einen Monat später veröffentlicht werden. Lenin wandte sich unter Beachtung strengster Konspiration in einem Brief, den jemand nach Genf mitnahm, nochmals an Karpinski wegen der Herausgabe. Es stand damals noch nicht genau fest, wie sich die Schweizer Regierung zu einer Antikriegspropaganda stellen würde.

Am Tage nach Erhalt des ersten Briefes von Schljapnikow schrieb Lenin an Karpinski:

Lieber K! Gerade während meines Aufenthaltes in Genf sind erfreuliche Nachrichten aus Russland angelangt. Auch der Antworttext der russischen Sozialdemokraten an Vandervelde ist eingetroffen. Wir haben daher beschlossen, anstatt eines einzelnen Manifestes die Zeitung ,Sozial-Demokrat', das ZO, herauszugeben … Bis Montag werden wir Ihnen einige geringfügige Änderungen zum Manifest sowie veränderte Unterschrift schicken, denn nachdem wir mit Russland in Verbindung getreten sind, können wir schon offizieller auftreten."2

Ende Oktober fuhr Lenin zuerst nach Montreux, sodann nach Zürich, um wieder Vorträge zu halten. In Zürich trat bei Lenins Vortragsabend Trotzki auf, der empört darüber war, dass Lenin Kautsky einen „Verräter" genannt hatte. Lenin aber formulierte mit voller Absicht alle Fragen so scharf wie möglich, damit Klarheit geschaffen würde, zu welcher Richtung sich jeder bekannte. Der Kampf gegen die „Vaterlandsverteidiger" war in vollem Gange.

Und dieser Kampf trug keinen innerparteilichen Charakter, betraf nicht nur die russischen Angelegenheiten, sondern hatte internationalen Charakter.

Die II. Internationale ist, besiegt vom Opportunismus, gestorben", erklärte Lenin. Es galt, die Kräfte zu sammeln, um eine neue, die III. Internationale, eine vom Opportunismus gesäuberte Internationale zu gründen.

Auf welche Kräfte konnte man sich stützen?

Außer den russischen Sozialdemokraten hatten nur die serbischen Sozialdemokraten nicht für die Kriegskredite gestimmt. Der Skupschtina (dem serbischen Parlament) gehörten nur zwei Sozialdemokraten an. In Deutschland hatten bei Kriegsausbruch alle für die Kriegskredite gestimmt, aber schon am 10. September hatten Karl Liebknecht, Franz Mehring, Rosa Luxemburg und Clara Zetkin eine Erklärung abgegeben, in der sie gegen den Standpunkt protestierten, auf den sich die Mehrheit der deutschen Sozialdemokratie gestellt hatte. Diese Erklärung konnten sie erst Ende Oktober in Schweizer Blättern veröffentlichen; in den deutschen Zeitungen war ihnen dies nicht gelungen. Von den deutschen Zeitungen stand die „Bremer Bürger-Zeitung" gleich seit Kriegsbeginn am weitesten links und hatte am 23. August erklärt, dass die „proletarische Internationale" zusammengebrochen sei. In Frankreich glitt die sozialistische Partei mit Guesde und Vaillant an der Spitze zu chauvinistischen Positionen hinab. In den unteren Parteischichten jedoch war eine kriegsfeindliche Stimmung ziemlich weit verbreitet. Für die belgische Partei war das Verhalten Vanderveldes charakteristisch. In England erfuhr der Chauvinismus Hyndmans und der ganzen britischen sozialistischen Partei eine Abfuhr durch MacDonald und Keir Hardie von der opportunistischen Unabhängigen Arbeiterpartei. In den neutralen Ländern waren Stimmungen gegen den Krieg vorhanden, aber sie trugen vornehmlich pazifistischen Charakter. Am revolutionärsten trat die Sozialistische Partei Italiens mit der Zeitung „Avanti!" an der Spitze auf; sie kämpfte gegen den Chauvinismus und enthüllte den eigensüchtigen Hintergrund aller Aufrufe zum Krieg. Die Partei wurde von der überwiegenden Mehrheit aller fortschrittlichen Arbeiter unterstützt. Am 27. September fand in Lugano die italienisch-schweizerische Sozialistenkonferenz statt. Wir sandten unsere Thesen über den Krieg an die Konferenz. Die Konferenz charakterisierte den Krieg als imperialistischen und forderte den Kampf des internationalen Proletariats für den Frieden.

Im Großen und Ganzen klangen die Stimmen, die sich gegen den Chauvinismus erhoben, die internationalistischen Stimmen, noch ziemlich schwach, unsicher und kamen vereinzelt; aber Lenin zweifelte nicht daran, dass sie mit der Zeit stärker werden würden. Den ganzen Herbst hindurch war er in gehobener Kampfstimmung.

Die Erinnerungen an diese Monate sind in meinem Gedächtnis verbunden mit den Erinnerungen an das Bild des Berner Herbstwaldes. Es war ein wunderbar schöner Herbst. Wir wohnten in Bern auf dem Distelweg, einer kleinen, sauberen, stillen Straße, die zum Berner Wald führt, der sich einige Kilometer weit hinzieht. Uns gegenüber wohnte Inès, fünf Minuten von uns entfernt Sinowjews, zehn Minuten entfernt die Schklowskis. Wir streiften stundenlang auf den mit gelben Blättern bedeckten herbstlichen Waldwegen umher. Meist gingen wir zu dritt – Iljitsch, Inès und ich. Lenin entwickelte seine internationalen Kampfpläne. Inès ging das alles sehr nahe. Sie nahm an dem Kampf, der nun entbrannte, unmittelbar Anteil: sie führte den Briefwechsel, übersetzte verschiedene unserer Dokumente ins Französische und Englische, sammelte Material, hatte Besprechungen mit den anderen Genossen usw. Mitunter saßen wir stundenlang an einem buschbewachsenen sonnigen Berghang. Lenin verfasste die Konzepte für seine Reden und Artikel, präzisierte die Formulierungen, ich lernte Italienisch nach einem Toussaint-Langenscheidtschen Lehrbuch, Inès nähte irgend etwas und ließ sich wohlig von der Herbstsonne bescheinen – sie hatte sich von ihrer Gefängnishaft noch immer nicht ganz erholt. Abends versammelten wir uns dann in dem Zimmerchen von Grigori (die Sinowjews – Grigori, Lilina und ihr kleiner Junge Stjopa – wohnten zusammen in einem kleinen Zimmer), und nachdem Lenin mit dem einschlafenden Stjopa gescherzt hatte, entwickelte er eine Reihe konkreter Vorschläge.

Der Brief Lenins an Schljapnikow vom 17. Oktober enthält die kurze und klare Formulierung der Hauptpunkte der Kampflinie.

„… Kautsky ist jetzt derjenige, der am meisten Schaden anrichtet. So gefährlich und niederträchtig ist seine Sophistik, die mit den glattesten und öligsten Phrasen die Gemeinheiten der Opportunisten bemäntelt (in der ,Neuen Zeit'). Die Opportunisten sind ein klar erkennbares Übel. Das deutsche ,Zentrum' mit Kautsky an der Spitze ist ein verstecktes, diplomatisch verbrämtes Übel, das Auge, Verstand und Gewissen der Arbeiter verkleistert, ist das allergefährlichste Übel. Unsere Aufgabe ist jetzt der bedingungslose und offene Kampf gegen den internationalen Opportunismus und gegen seine Beschützer (Kautsky). Und das werden wir im Zentralorgan tun, das wir in Kürze herausgeben (zwei Seiten wahrscheinlich). Mit aller Kraft muss man jetzt den berechtigten Hass der klassenbewussten Arbeiter gegen die schändliche Haltung der Deutschen wachhalten und aus diesem Hass politische Schlussfolgerungen gegen den Opportunismus und gegen jede Nachsicht ihm gegenüber ziehen. Das ist eine internationale Aufgabe. Und diese Aufgabe haben wir zu erfüllen, denn sonst ist niemand da. Wir dürfen nicht vor dieser Aufgabe zurückschrecken. Die Losung der ,einfachen' Erneuerung der Internationale ist falsch (denn die Gefahr einer faulen, versöhnlerischen Resolution auf der Linie Kautsky-Vandervelde ist außerordentlich groß!) Die Losung ,Frieden' ist falsch. Losung muss die Umwandlung des nationalen Kriegs in den Bürgerkrieg sein. (Diese Umwandlung kann eine langwierige sein, sie kann und wird eine Reihe von Voraussetzungen fordern, aber die gesamte Arbeit muss sich gerade auf der Linie einer solchen Umwandlung, im Geiste dieser Umwandlung und in ihrer Richtung bewegen.) Nicht Kriegssabotage, nicht individuelle Einzelaktionen in diesem Sinne, sondern Massenpropaganda (nicht nur unter der ,Zivilbevölkerung'), die zur Umwandlung des Kriegs in einen Bürgerkrieg führen wird.

In Russland verbirgt sich der Chauvinismus hinter der Phrase von der ,belle France' und dem unglücklichen Belgien (und die Ukraine? usw.) oder dem ,Volks'hass auf die Deutschen (und auf den ,Kaiserismus'). Deshalb ist es unsere unbedingte Pflicht, gegen diese Sophismen zu kämpfen. Aber damit der Kampf eine klare und feste Linie verfolgt, braucht er eine verallgemeinernde Losung. Über diese Losung kann für uns Russen, kann vom Standpunkt der Interessen der werktätigen Massen und der Arbeiterklasse Russlands nicht der geringste, kann absolut kein Zweifel bestehen; es kann kein Zweifel daran herrschen, dass das kleinste Übel für uns jetzt und sofort die Niederlage des Zarismus in diesem Kriege sein würde. Denn der Zarismus ist hundertmal schlimmer als der ,Kaiserismus'. Keine Sabotage des Kriegs, sondern Kampf gegen den Chauvinismus und Richtung der gesamten Propaganda und Agitation auf den internationalen Zusammenschluss (Annäherung, Solidarisierung, Einigung selon les circonstances [den Umständen gemäß]) des Proletariats zum Zweck des Bürgerkriegs. Es wäre auch falsch, zu individuellen Akten, Niederschießen von Offizieren usw. aufzufordern und Argumente zuzulassen wie z. B.: wir wollen dem ,Kaiserismus' nicht helfen. Das erste ist eine Abweichung zum Anarchismus hin, das zweite zum Opportunismus. Wir müssen vielmehr eine Massenaktion (oder zumindest kollektive Aktion) im Heere nicht nur einer einzelnen Nation vorbereiten und müssen unsere ganze Agitations- und Propagandaarbeit in diese Richtung lenken. Konzentration der Arbeit (hartnäckiger, systematischer, vielleicht langwieriger Arbeit) auf die Umwandlung des nationalen Kriegs in den Bürgerkrieg, das ist das Wesentliche. Der Augenblick dieser Umwandlung – das ist eine andere Frage, die gegenwärtig noch nicht geklärt ist. Diesen Moment muss man heranreifen lassen und ihn systematisch ,zwingen heranzureifen' …

Die Friedenslosung ist meiner Meinung nach in diesem Moment nicht richtig. Sie ist eine kleinbürgerliche, eine Pfaffenlosung. Die proletarische Losung muss lauten: Bürgerkrieg.

Objektiv betrachtet entspringt aus der völligen Umwälzung in der Lage Europas eine derartige Losung für die Epoche des Massenkriegs. Der Baseler Resolution entspringt dieselbe Losung.

Wir können den Bürgerkrieg weder ,versprechen' noch ,dekretieren', aber in dieser Richtung zu arbeiten – und wenn es nötig sein sollte, sehr lange zu arbeiten – dazu sind wir verpflichtet. Aus dem Artikel im Zentralorgan werden Sie Einzelheiten erfahren."3

Zweieinhalb Monate nach Kriegsausbruch hatte Lenin bereits seine klare, eindeutige Kampflinie gefunden. Diese Linie bestimmte seine ganze weitere Tätigkeit. Der internationale Maßstab weckte auch in Lenins Arbeit für Russland neue Töne, gab ihr neue Kraft, neue Farben. Ohne die langen Jahre der schweren Arbeit für den Aufbau der Partei und die Organisierung der Arbeiterklasse Russlands hätte Lenin für die neuen Aufgaben, die der imperialistische Krieg stellte, nicht so schnell die richtige Linie finden können. Ohne mitten im Brennpunkt des internationalen Kampfes zu stehen, hätte er das russische Proletariat nicht so sicher zum Oktobersieg führen können.

Die Nr. 33 des „Sozial-Demokrat" erschien am 1. November 1914. Man hatte anfangs nur 500 Exemplare gedruckt, doch mussten später weitere 1000 Exemplare hinzugefügt werden. Am 14. November teilte Lenin voller Freude Karpinski mit, dass die Zeitung in die Nähe der Grenze gebracht worden sei und bald über die Grenze weiterbefördert werden würde.

Mit Hilfe von Naine und Graber war es gelungen, am 13. November das Manifest in verkürzter Form in der Schweizer Zeitung „La Sentinelle" (Die Schildwache) zu veröffentlichen, die in französischer Sprache in La Chaux-de-Fonds, dem Neuchâteler Arbeiterzentrum, herausgegeben wurde. Lenin triumphierte. Wir sandten Übersetzungen des Manifests an französische, englische und deutsche Zeitungen.

Um die Propaganda unter den Franzosen zu entfalten, korrespondierte Lenin mit Karpinski wegen eines Vortrags von Inès in französischer Sprache in Genf. Mit Schljapnikow korrespondierte er über seine Rede auf dem schwedischen Kongress. Schljapnikow trat auch wirklich auf, und zwar ausgezeichnet. So entwickelte sich nach und nach die „internationale Aktion" der Bolschewiki.

In Bezug auf die Verbindung mit Russland lagen die Dinge schlechter. Für Nr. 34 des Zentralorgans hatte Schljapnikow interessantes Material aus Petersburg geschickt. Aber gleichzeitig damit musste die Nr. 34 die Verhaftung von fünf bolschewistischen Deputierten melden. Die Verbindung mit Russland wurde wieder schwächer.

Lenin entfaltete einen leidenschaftlichen Kampf gegen den Verrat der II. Internationale an der Sache des Proletariats, machte sich aber gleichzeitig sofort nach seiner Ankunft in Bern daran, für das Enzyklopädische Wörterbuch „Granat" einen Artikel „Karl Marx" zu schreiben. Er begann mit einer Skizzierung der Marxschen Weltanschauung in den Abschnitten „Philosophischer Materialismus" und „Dialektik", und nach einer Darlegung der ökonomischen Lehre Marx' erläuterte er schließlich, wie Marx die Frage des Sozialismus und der Taktik des Klassenkampfs des Proletariats behandelt.

So wurde die Lehre von Marx gewöhnlich nicht dargestellt. Im Zusammenhang mit den Kapiteln über philosophischen Materialismus und Dialektik vertiefte sich Lenin wieder angelegentlich in das Studium Hegels und anderer Philosophen und gab auch nach Beendigung seines Artikels über Marx diese Arbeit nicht auf. Das Ziel seiner philosophischen Studien war, sich eine Methode zu eigen zu machen, die die Philosophie in eine konkrete Anleitung zum Handeln umgestalten konnte. Seine kurzen Bemerkungen über die dialektische Beurteilung aller Erscheinungen, die er 1921 während des Meinungsstreits mit Trotzki und Bucharin über die Gewerkschaften machte, veranschaulichen besser als irgend etwas anderes, wie viel ihm in dieser Beziehung seine philosophischen Studien gegeben haben, die er gleich nach seiner Ankunft in Bern begann und die die Fortsetzung seiner Studien in den Jahren 1908 bis 1909, als er mit den Machisten kämpfte, darstellen.

Kampf und Studium, Studium und wissenschaftliche Arbeit, das verband Lenin stets zu einem festen Ganzen, stets bestand zwischen all diesem festester, innigster Zusammenhang, wenngleich es auf den ersten Blick scheinen konnte, als sei es einfach eine parallel laufende Arbeit.

Anfang 1915 wurde die angestrengte Arbeit zur Vereinigung der bolschewistischen Auslandsgruppen fortgesetzt. Ein gewisses Einvernehmen war vorhanden, aber die Situation erforderte einen wirklich festen, engen Zusammenschluss notwendiger denn je. Vor dem Krieg befand sich das Komitee der Auslandsorganisationen in Paris. Nunmehr musste das Zentrum in die neutrale Schweiz, nach Bern, verlegt werden, wo sich auch die Redaktion des Zentralorgans befand. Es musste in allen Fragen eine restlose Einigung erzielt werden – über die Einschätzung des Krieges, über die neuen Aufgaben, vor die sich die Partei gestellt sah, über die Wege zu ihrer Lösung; die Arbeit der Gruppen musste präzisiert werden. Die Genossen aus Baugy (Krylenko, Bucharin, Rosmirowitsch) zum Beispiel hatten beschlossen, ihr Auslandsorgan „Swesda" herauszugeben, und sie machten sich so schnell an die Ausführung ihres Beschlusses, dass sie sich nicht einmal mit dem Zentralorgan in Verbindung setzten. Wir hörten von diesem Plan durch Inès. Die Herausgabe eines solchen Blattes war aber kaum zweckentsprechend: sogar zur Herausgabe des Zentralorgans fehlte das Geld. Differenzen waren vorläufig nicht vorhanden, aber sie konnten leicht entstehen. Irgendein unvorsichtiges Wort konnte von den Gegnern aufgegriffen und aufgebauscht werden. Man musste Hand in Hand arbeiten, das verlangte die Situation. Für Ende Februar wurde nach Bern eine Konferenz der Auslandsgruppen einberufen. Außer den Schweizer Gruppen war noch die Pariser Gruppe da. Von den Parisern kam Grischa Belenki, der ausführlich über die Pariser „Verteidigungsstimmungen" berichtete, von denen am Anfang des Kriegs die Pariser Gruppe ergriffen war. Die Londoner konnten nicht kommen, sie betrauten andere Genossen mit ihrem Mandat. Die Genossen aus Baugy schwankten lange, ob sie kommen sollten oder nicht, und schließlich kamen sie erst ganz zum Schluss. Mit ihnen zusammen trafen die „Japaner" ein – diesen Beinamen hatten wir den Kiewer Genossen Pjatakow und Bosch (der Schwester der Genossin Rosmirowitsch) gegeben, die aus ihrer sibirischen Verbannung über Japan und Amerika geflüchtet waren. Zu jener Zeit klammerte man sich krampfhaft an jeden neu eintreffenden Gesinnungsgenossen. Die „Japaner" gefielen uns sehr gut. Ihre Ankunft bedeutete zweifellos eine Stärkung unserer Auslandskräfte.

Auf der Konferenz wurde eine klare Resolution über den Krieg angenommen, es wurde über die Losung: Vereinigte Staaten von Europa diskutiert (gegen die besonders Inès sehr scharf auftrat), der Charakter der Arbeit der Auslandsgruppen wurde festgelegt. Es wurde beschlossen, die Zeitung der Genossen aus Baugy nicht herauszugeben, und schließlich wurde ein neues Komitee der Auslandsorganisationen gewählt, das sich aus den Bernern Schklowski, Kasparow, Inès Armand, Lilina und Krupskaja zusammensetzte.

Vor dem Kriege, im Jahre 1913, hatte Kasparow in Berlin gelebt. Lenin wusste von ihm von unseren Bakuer Genossen – Jenukidse, Schaumian und anderen. In dieser Periode widmete Lenin der nationalen Frage besonders große Aufmerksamkeit und strebte danach, in enge Verbindung mit solchen Menschen zu treten, die sich für diese Frage interessierten und die richtig an sie herantraten.

Im Sommer 1913 schrieb Kasparow einen Artikel über die nationale Frage für die Zeitschrift „Prosweschtschenije". Lenin antwortete ihm: „Ich habe Ihren Aufsatz erhalten und gelesen. Ich glaube, dass Sie das Thema gut angepackt und richtig behandelt haben. Es ist aber nicht genügend literarisch abgefeilt. Es ist da zu viel – wie soll man es nennen? – ,Agitation', die zu einem Artikel über eine theoretische Frage nicht passt. Meiner Meinung nach müssen Sie den Artikel selbst überarbeiten, oder wir werden es versuchen."4

Die Auswahl der Themen über die nationale Frage und ihre richtige Beleuchtung bedeutet sehr viel, und Lenin übertrug Kasparow sogleich eine ganze Reihe von Arbeiten, um Material zur nationalen Frage zu sammeln, indem er sofort das, was ihn interessierte, konkret hervorhob, überzeugt davon, dass Kasparow das Wichtigste, das Wesentlichste herausfinden würde. Als Lenin im Jahre 1914 für kurze Zeit nach Berlin fahren wollte, schrieb er Kasparow über die Notwendigkeit eines Zusammentreffens und machte gleich einen Vorschlag, wie das zu bewerkstelligen sei.

Momente scharfen Kampfes, Momente des Aufstiegs bringen einander näher. Im Juli 1914 begann in Petersburg die Arbeiterbewegung sich rasch zu entfalten. Lenin erhielt einen Brief, in dem über die sich erhebende revolutionäre Welle gesprochen wurde. Bis jetzt hatte Lenin, wenn er Kasparow schrieb, den Brief immer mit der Anrede „Werter Genosse" begonnen. Nun schrieb er aber anders, da er wusste, dass Kasparow den revolutionären Aufschwung genauso erlebte wie wir: „Lieber Freund", schrieb Lenin, „Ich bitte Sie, die Mühe auf sich zu nehmen und uns über den Verlauf der Revolutionstage in Russland zu informieren. Wir sind ohne Zeitungen. Ich bitte Sie…"5 und weiter folgt ein ganzes Programm, wie die Verbindung herzustellen sei.

Als der Krieg ausbrach, musste Kasparow aus Deutschland nach Bern übersiedeln. Wir begegneten uns wie Freunde und sahen uns täglich. Kasparow wurde bald einer der nächsten Genossen in unserer Gruppe, und so wählten wir ihn in das Komitee der Auslandsorganisation.

Auf der Tagesordnung stand die Sammlung der Kräfte im internationalen Maßstab. Wie schwierig diese Aufgabe war, zeigte die Londoner Konferenz der sozialistischen Parteien der Ententeländer (England, Belgien, Frankreich, Russland) vom 14. Februar 1915. Diese Konferenz hatte Vandervelde einberufen, ihre Organisierung jedoch lag in der Hand der englischen Unabhängigen Arbeiterpartei mit Keir Hardie und MacDonald an der Spitze. Vor der Konferenz waren sie gegen den Krieg und für die internationale Vereinigung. Die Unabhängige Arbeiterpartei hatte anfangs die Absicht geäußert, Delegierte aus Deutschland und Österreich einzuladen, die Franzosen jedoch erklärten, dass sie in diesem Fall nicht an der Konferenz teilnehmen würden. Von England waren 11 Delegierte, von Frankreich 16, von Belgien 3 anwesend. Von Russland nahmen 3 Sozialrevolutionäre teil, ferner ein Delegierter des menschewistischen Organisationskomitees. In unserem Namen sollte Litwinow sprechen. Nachdem man sich darüber klar geworden war, was für eine Konferenz das werden und welche Resultate sie zeitigen würde, wurde beschlossen, dass Litwinow nur eine Deklaration des Zentralkomitees verlesen sollte. Lenin verfasste den Entwurf zu dieser Erklärung. Sie enthielt die Forderung, dass Vandervelde, Guesde und Sembat in Belgien und Frankreich unverzüglich aus den bürgerlichen Ministerien ausscheiden sollten und dass alle sozialistischen Parteien die russischen Arbeiter im Kampf gegen den Zarismus zu unterstützen hätten. Weiter hieß es in der Deklaration, dass die Sozialdemokraten Deutschlands und Österreichs ein ungeheuerliches Verbrechen am Sozialismus und an der Internationale begangen hätten, indem sie für die Kriegskredite stimmten und einen „Burgfrieden" mit den Junkern, Pfaffen und der Bourgeoisie schlössen, dass aber auch die belgischen und französischen Sozialisten nicht besser gehandelt hätten.

Die Arbeiter Russlands strecken den Sozialisten als Genossen die Hand entgegen, die wie Karl Liebknecht, wie die Sozialisten Serbiens und Italiens handeln, wie die britischen Genossen aus der ,Unabhängigen Arbeiterpartei' und manche Mitglieder der britischen sozialistischen Partei, wie unsere verhafteten Genossen aus der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands.

Auf diesen Weg rufen wir euch, auf den Weg des Sozialismus. Nieder mit dem Chauvinismus, der die proletarische Sache zugrunde richtet! Es lebe der internationale Sozialismus!"6

Mit diesen Worten schloss die Deklaration. Sie wurde vom Zentralkomitee und von dem Vertreter der lettischen Sozialdemokraten, Bersin, unterzeichnet. Der Vorsitzende gab dem Genossen Litwinow nicht die Möglichkeit, die Deklaration bis zu Ende zu verlesen. Litwinow überreichte darauf dem Vorsitzenden die Deklaration und verließ selbst die Sitzung, nachdem er erklärt hatte, dass die SDAPR an der Konferenz nicht teilnehme. Nachdem Litwinow die Konferenz verlassen hatte, wurde eine Resolution für die Durchführung des „Befreiungskriegs" bis zum Sieg über Deutschland angenommen. Für diese Resolution stimmten auch Keir Hardie und Mac-Donald.

Gleichzeitig waren die Vorbereitungen zu einer internationalen Frauenkonferenz im Gang. Wichtig war es natürlich nicht nur, dass eine solche Konferenz zustande kam, sondern auch, dass sie keinen pazifistischen Charakter trug und sich auf einen konsequent revolutionären Standpunkt stellte. Es waren daher umfangreiche Vorbereitungsarbeiten notwendig, die hauptsächlich Inès zufielen. Inès, die die Redaktion des Zentralorgans durch viele Übersetzungen verschiedener Dokumente unterstützte, die von Anfang an am Kampfe gegen die „Vaterlandsverteidiger" teilgenommen hatte, eignete sich besser als alle anderen für diese Arbeit. Außerdem beherrschte sie mehrere Sprachen. Sie korrespondierte mit Clara Zetkin, Angelika Balabanowa, Alexandra Kollontai, den englischen Genossinnen usw. und knüpfte die ersten internationalen Verbindungen an. Anfangs waren diese Fäden außerordentlich schwach, sie rissen fortwährend ab, aber Inès arbeitete hartnäckig weiter. In Paris lebte die Genossin Stal, und durch deren Vermittlung korrespondierte Inès mit französischen Genossinnen. Mit Balabanowa war die Verbindung am leichtesten herzustellen, sie lebte in Italien und war Mitarbeiterin am „Avanti!" In dieser Periode war die Sozialistische Partei Italiens sehr revolutionär gesinnt. In Deutschland nahm die Bewegung gegen die „Vaterlandsverteidigung" immer mehr zu. Am 2. Dezember stimmte Karl Liebknecht gegen die Kriegskredite. Clara Zetkin berief die Internationale Frauenkonferenz ein. Sie war Sekretärin des Internationalen Sozialistischen Frauenbüros. Zusammen mit Karl Liebknecht, Rosa Luxemburg und Franz Mehring kämpfte sie gegen die chauvinistische Mehrheit der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands. Inès setzte sich mit ihr in Verbindung. Genossin Kollontai hatte sich damals schon von den Menschewiki getrennt. Im Januar schrieb sie Lenin und mir einen Brief und sandte uns ein Flugblatt.

Verehrte und teure Genossin", antwortete ihr Lenin. „Ich danke Ihnen sehr für das mir übersandte Flugblatt (ich kann es fürs erste nur an die hiesigen Mitglieder der Redaktion der ,Robotnicza' weitergeben; sie haben schon an die Genossin Clara Zetkin einen Brief mit anscheinend demselben Inhalt wie der Ihre geschickt)."

Weiter legte er dann den Standpunkt der Bolschewiki dar:

Sie scheinen mit der Losung des Bürgerkrieges nicht ganz einverstanden zu sein und räumen ihr eine sozusagen untergeordnete (vielleicht sogar bedingte) Stellung nach der Friedenslosung ein. Und Sie betonen, dass ,wir eine Losung aufstellen müssen, die alle vereinigt'.

Ich gebe offen zu, dass ich im gegenwärtigen Moment nichts so sehr fürchte wie eine solche umfassende Vereinigung, die meiner Überzeugung nach für das Proletariat am gefährlichsten und schädlichsten ist."7

Auf der Grundlage des Leninschen Standpunkts korrespondierte auch Inès mit Alexandra Kollontai über die Konferenz. Zur Konferenz selbst konnte Genossin Kollontai nicht kommen.

Die Internationale Sozialistische Frauenkonferenz tagte in Bern vom 26. bis 28. März. Die größte und bestorganisierte Delegation war die deutsche mit Clara Zetkin an der Spitze. Das russische Zentralkomitee hatte die Genossinnen Armand, Lilina, Rawitsch, Krupskaja und Rosmirowitsch delegiert, zwei weitere russische Genossinnen waren vom Organisationskomitee da. Von den „Rozłamowcy" (Polen) war die Genossin Kamenskaja (Domskaja) gekommen, die sich mit der Delegation des Zentralkomitees solidarisierte. Balabanowa war für Italien da; Louise Saumoneau, eine Französin, geriet völlig unter ihren Einfluss. Eine rein pazifistische Stimmung herrschte bei den Holländerinnen. Henriette Roland-Holst, die damals auf dem linken Flügel stand, war verhindert, an der Konferenz teilzunehmen, statt ihrer kam eine Delegierte der Troelstra-Partei, die durch und durch chauvinistisch war. Die englischen Delegierten gehörten der opportunistischen Unabhängigen Arbeiterpartei an; pazifistische Neigung zeigten auch die Schweizerinnen. Die pazifistischen Stimmungen herrschten vor, aber wenn man an die Londoner Konferenz zurückdachte, die anderthalb Monate zuvor stattgefunden hatte, so war der Fortschritt natürlich deutlich sichtbar. Bedeutungsvoll war schon an und für sich die Tatsache, dass die Sozialistinnen der gegeneinander Krieg führenden Länder überhaupt zu einer Konferenz zusammengekommen waren.

Die deutschen Vertreterinnen gehörten in der Mehrzahl zur Gruppe Karl Liebknecht-Rosa Luxemburg. Diese Gruppe begann sich schon von den Chauvinisten zu trennen und gegen ihre Regierung zu kämpfen – Rosa Luxemburg saß bereits im Gefängnis. So lagen die Dinge im eigenen Lande. Auf dem internationalen Schauplatz glaubten sie jedoch, sie müssten ein Maximum von Nachgiebigkeit an den Tag legen – waren sie doch die Delegation desjenigen Landes, das in diesem Augenblick an allen Fronten siegte. Wenn die mit so viel Schwierigkeiten vorbereitete Konferenz misslungen wäre, so würde man ihnen die Verantwortung dafür aufgebürdet haben. Die Chauvinisten aller Länder, in erster Linie die Sozialpatrioten Deutschlands, hätten an diesem Misserfolg ihre helle Freude gehabt. Und aus diesem Grunde machte Clara Zetkin den Pazifisten Konzessionen, was eine Abschwächung des revolutionären Inhalts der Resolution bedeutete. Unsere Delegation, die Delegation des Zentralkomitees der SDAPR, stand auf dem Standpunkt Lenins, den dieser in seinem Brief an die Genossin Kollontai dargelegt hatte. Es ging hier nicht um eine allumfassende Vereinigung, sondern um die Vereinigung zum revolutionären Kampf gegen den Chauvinismus, zum unversöhnlichen revolutionären Kampf des Proletariats gegen die herrschende Klasse. Eine Verurteilung des Chauvinismus war nicht in der Resolution enthalten, die eine aus Deutschen, Engländerinnen und Holländerinnen zusammengesetzte Kommission ausgearbeitet hatte. Wir gaben unsere eigene Erklärung ab, mit deren Verteidigung Inès betraut war. Nur die Vertreterin der Polen, Genossin Kamenskaja, trat für unsere Erklärung ein, sonst blieben wir allein. Alle verurteilten unsere „Spaltungspolitik". Jedoch die Wirklichkeit bewies bald die Richtigkeit unseres Standpunkts. Der sanftmütige Pazifismus der Engländerinnen und Holländerinnen brachte die internationale Aktion um keinen Schritt vorwärts. Revolutionärer Kampf und die Trennung von den Chauvinisten – das waren die Faktoren, die eine schnellere Beendigung des Krieges herbeiführen konnten.

Lenin widmete sich mit seiner ganzen Leidenschaftlichkeit der Sammlung der Kräfte für den Kampf an der internationalen Front. „Es ist kein Unglück, dass wir nur wenige sind", sagte er einmal. „Es werden Millionen mit uns sein." Er hatte auch unsere Resolution für die Berner Frauenkonferenz verfasst und verfolgte aufmerksam deren Verlauf. Aber man fühlte, wie schwer ihm diese Rolle des abseitsstehenden, hinter den Kulissen bleibenden Führers fiel, da es sich um eine Sache von so außerordentlicher Wichtigkeit handelte und sein ganzes Wesen ihn dazu trieb, unmittelbarsten Anteil daran zu nehmen.

Ich entsinne mich folgender Episode: Ich saß mit Inès im Krankenhaus bei Abram Skowno, der irgendeine Operation hinter sich hatte. Da kommt Iljitsch und fängt an, Inès zu überreden, sofort zu Clara Zetkin zu gehen und sie von der Richtigkeit unseres Standpunktes zu überzeugen; sie (Clara Zetkin) müsse doch verstehen, dass man in diesem Augenblick nicht zum Pazifismus hinab sinken dürfe; alle Fragen müssten scharf formuliert werden. Und er führte immer neue und neue Argumente an, die die Genossin Zetkin überzeugen sollten. Inès wollte nicht gehen, ihrer Meinung nach konnte das Gespräch zu nichts führen. Lenin bestand darauf, und aus seinen Worten klang eine glühende Bitte. Zu einem Gespräch zwischen Clara Zetkin und Inès ist es damals aber nicht gekommen.

Am 17. April wurde in Bern eine zweite internationale Konferenz abgehalten – die Sozialistische Jugendkonferenz. In der Schweiz gab es damals ziemlich viel Jugendliche aus den verschiedenen kriegführenden Ländern, die nicht an dem imperialistischen Krieg teilnehmen wollten und in die neutrale Schweiz geflüchtet waren. Diese Jugend war selbstverständlich revolutionär gesinnt, und es war durchaus kein Zufall, dass als nächste internationale Konferenz nach der Frauenkonferenz die der sozialistischen Jugend abgehalten wurde.

Auf dieser Konferenz traten als Vertreter des Zentralkomitees unserer Partei Inès und Safarow auf.

Im März starb meine Mutter. Sie war uns eine treue Genossin gewesen, die uns auf jede Weise bei unserer Arbeit geholfen hatte. In Russland brachte sie bei Haussuchungen die illegale Literatur in Sicherheit, trug den Genossen Essen ins Gefängnis und erledigte die verschiedensten Aufträge. Sie lebte mit uns in Sibirien, im Ausland, führte unsere Wirtschaft, sorgte für die zu uns kommenden Genossen, nähte die sogenannten „Panzer", das heißt, sie nähte illegale Dokumente und Literatur in Kleidungsstücke ein, schrieb die „Skelette" für die mit chemischer Tinte geschriebenen Geheimbriefe usw. usw. Die Genossen hatten sie gern. Der letzte Winter war für sie sehr schwer gewesen, der Kräfteverfall war rasch fortgeschritten. Es zog sie nach Russland, aber dort hatten wir niemand mehr, der für sie hätte sorgen können. Oft stritt sie mit Iljitsch, aber sie sorgte stets für ihn, und er war auch sehr aufmerksam ihr gegenüber. Eines Abends saß meine Mutter trübsinnig da; sie, die eine leidenschaftliche Raucherin war, hatte vergessen, Zigaretten zu kaufen, und nun war Feiertag, und nirgends war Tabak zu bekommen. Iljitsch merkte das. „Das ist nicht schlimm, gleich werde ich Zigaretten besorgen." Und er graste einige Cafés ab, bis er Zigaretten fand, die er ihr dann brachte. Einmal, kurz vor ihrem Tode, sagte meine Mutter: „Nein, das ist schon egal, allein werde ich nicht nach Russland fahren, ich werde mit euch zusammen fahren." Ein andermal sprach sie über Religion. Sie hielt sich für gläubig, aber die Kirche hatte sie schon seit Jahren nicht besucht, sie fastete nicht und betete nicht, und überhaupt spielte die Religion keine Rolle in ihrem Leben. Sie liebte jedoch keine Gespräche über dieses Thema. Und auf einmal sagte sie: „In meiner Jugend war ich gläubig; als ich aber das Leben sah, da erkannte ich: Das alles ist Unsinn." Mehr als einmal bat sie, dass man sie nach ihrem Tode verbrennen lassen möge. Das Häuschen, in dem wir wohnten, lag direkt am Berner Wald. Als zum ersten Mal die warme Frühlingssonne schien, wollte sie in den Wald. Wir gingen langsam mit ihr hinaus und saßen ein Weilchen auf einer Bank; dann aber konnte sie kaum den kurzen Weg nach Hause zurücklegen, und am nächsten Tag setzte bereits die Agonie ein. Wir erfüllten ihren Wunsch und ließen sie im Berner Krematorium verbrennen.

Ich saß mit Wladimir Iljitsch auf dem Friedhof, nach zwei Stunden brachte uns der Wächter den Blechbehälter mit der noch warmen Asche und zeigte uns, wo die Asche beigesetzt würde.

Nun wurde unser häusliches Leben noch mehr zu einem Bohèmeleben. Unsere Wirtin, eine alte, fromme Plätterin, forderte uns auf, uns ein anderes Zimmer zu suchen – sie wünschte Mieter zu haben, die an Gott glaubten. So zogen wir denn um.

Am 10. Februar fand der Prozess gegen die fünf Duma-Abgeordneten statt: Alle bolschewistischen Abgeordneten – Petrowski, Muranow, Badajew, Samoilow, Schagow und Kamenew – wurden zur Verbannung nach Sibirien verurteilt. In seinem Artikel vom 29. März 1915 „Was hat die Gerichtsverhandlung gegen die russische sozialdemokratische Arbeiterfraktion erwiesen?" schrieb Lenin:

Die Tatsachen bezeugen, dass sich schon in den ersten Monaten nach Kriegsausbruch die politisch bewusste Vorhut der russischen Arbeiter in Wirklichkeit um das ZK und das ZO geschart hat. So unangenehm diese Tatsache der oder jener ,Fraktion' auch sein mag – sie ist unwiderleglich. Die in der Anklageschrift zitierten Worte, es sei ,Gebot, die Waffen nicht gegen die eigenen Brüder, die Lohnsklaven anderer Länder, zu richten, sondern gegen die reaktionären und bürgerlichen Regierungen und Parteien in allen Ländern – diese Worte werden dank dem Prozess den Aufruf zum proletarischen Internationalismus, zur proletarischen Revolution über ganz Russland tragen und haben es schon getan. Die Klassenlosung der Vorhut der russischen Arbeiter hat jetzt dank dem Prozess die breitesten Massen erreicht.

Eine Lawine des Chauvinismus bei der Bourgeoisie und einem Teil des Kleinbürgertums, Schwankungen bei dem anderen Teil, und ein solcher Aufruf der Arbeiterklasse – das ist das faktische, das objektive Bild unserer politischen Scheidungen. Mit diesem faktischen Bild und nicht mit den frommen Wünschen von Intellektuellen und von Gründern eigener Grüppchen muss man seine ,Absichten', Hoffnungen und Losungen in Einklang bringen.

Die Zeitungen der ,Prawda'-Richtung und die Arbeit vom ,Muranowschen8 Typus' haben die Einheit von vier Fünfteln der klassenbewussten Arbeiter Russlands geschaffen. An die 40.000 Arbeiter haben die ,Prawda' gekauft; von sehr vielen mehr wurde sie gelesen. Mögen Krieg, Gefängnis, Sibirien und Zwangsarbeit ihre Reihen sogar fünffach, ja zehnfach lichten – vernichten kann man diese Schicht nicht. Sie lebt. Sie ist von revolutionärem Geist und von Antichauvinismus durchdrungen. Sie allein steht mitten in den Volksmassen und ist zutiefst in ihnen verwurzelt – als Verkünderin des Internationalismus der Werktätigen, Ausgebeuteten und Unterdrückten. Sie allein ist im allgemeinen Zerfall aufrecht geblieben. Sie allein führt die halbproletarischen Schichten weg vom Sozialchauvinismus der Kadetten, der Trudowiki, Plechanows und der ,Nascha Sarja', hin Sozialismus. Auf ihre Existenz, ihre Ideen, ihre Arbeit, ihren Appell an die ,Brüderlichkeit der Lohnsklaven anderer Länder' ist durch den Prozess gegen die SDAFR ganz Russland hingewiesen worden.

Mit dieser Schicht muss man arbeiten, ihre Einheit muss man gegen die Sozialchauvinisten behaupten; das ist der einzige Weg, auf dem sich die Arbeiterbewegung Russlands in Richtung der sozialen Revolution und nicht des nationalliberalen ,europäischen' Typus entwickeln kann."9

Das Leben zeigte bald, wie recht Lenin hatte. Er arbeitete ununterbrochen für die Propaganda der Ideen des Internationalismus und für die Entlarvung des Sozialchauvinismus in seinen mannigfaltigen Formen.

Nach dem Tode meiner Mutter bekam ich einen Rückfall der Basedowschen Krankheit, und die Ärzte verordneten mir Gebirgsluft. Lenin fand in den Inseraten ein billiges Angebot des Hotels „Mariental" in dem kleinen Ort Sörenberg am Fuße des Rothorns, und dort verbrachten wir den ganzen Sommer.

Kurz vor unserer Abreise kamen aus Bern die „Japaner" an (die Genossen Bosch und Pjatakow), mit dem Projekt, im Ausland eine umfangreiche illegale Zeitschrift zu gründen, in der alle wichtigen Fragen ausführlich beleuchtet werden sollten. Der „Kommunist" sollte unter der Redaktion des Zentralorgans, ergänzt durch P. und N. Kijewski (Bosch und Pjatakow) erscheinen. Dieser Plan fand die Billigung aller. Im Sommer schrieb Lenin für den „Kommunist" einen großen Artikel: „Der Zusammenbruch der II. Internationale". Im gleichen Sommer arbeitete Lenin zusammen mit Sinowjew anlässlich der Vorbereitung der Internationalistenkonferenz an der Broschüre „Sozialismus und Krieg".

In Sörenberg lebten wir sehr gut. Das Örtchen ist von Wald und hohen Bergen umgeben, die von der schneebedeckten Kuppe des Rothorns überragt werden. Die Post funktionierte mit schweizerischer Pünktlichkeit. Sogar in einem so entlegenen Gebirgsdörfchen wie Sörenberg konnte man kostenlos jedes gewünschte Buch aus den Berner und Züricher Bibliotheken erhalten. Man schreibt einfach an die betreffende Bibliothek eine Postkarte mit seiner Adresse und der Bitte um Übersendung dieses oder jenes Buches. Niemand stellt Fragen, fordert Bescheinigungen oder Bürgschaften – gerade im Gegensatz zu dem fürchterlichen Bürokratismus in Frankreich. Nach zwei Tagen erhält man das in einer Kartonmappe verpackte Buch; an einem Bindfaden hängt eine Karte aus der Mappe heraus, auf deren einer Seite die Adresse des Empfängers und auf der anderen Seite die Adresse der Bibliothek, der das Buch entstammt, vermerkt steht. Dadurch besaß man die Möglichkeit, in den kleinsten und abgelegensten Orten zu arbeiten. Iljitsch lobte die Schweizer Kultur bei jeder Gelegenheit. In Sörenberg ließ es sich ausgezeichnet arbeiten. Nach einiger Zeit kam Inès ebenfalls dorthin. Wir standen morgens früh auf, und bis zum Mittagessen, das – wie überall in der Schweiz – um 12 Uhr eingenommen wurde, arbeitete jeder in seiner Ecke im Garten für sich. Inès spielte in diesen Stunden häufig Klavier, und bei den Klängen dieser Musik ließ es sich besonders gut arbeiten. Nach dem Mittagessen gingen wir oft den ganzen Rest des Tages in die Berge. Lenin liebte die Berge sehr – er erkletterte gern gegen Abend die Ausläufer des Rothorns, von wo man eine wunderbare Aussicht hat, unter sich die wogenden, rosigen Abendnebel, oder aber er schweifte am „Schrattenfluh" – „verfluchte Schritte", wie wir übersetzten –, einem Berg, zwei Kilometer von uns entfernt, umher. Auf den eigentlichen breiten Gipfel dieses Berges konnte man auf keine Weise gelangen, er war ganz mit Steinen bedeckt, die die Frühlingswasser ausgehöhlt hatten. Das Rothorn bestiegen wir nur selten, obgleich man von dort aus eine prachtvolle Aussicht auf die Alpen hat. Wir gingen mit den Hühnern schlafen, pflückten Alpenrosen, sammelten Beeren und waren die eifrigsten Pilzsucher – es gab sehr viel Steinpilze, daneben aber wuchs viel anderes Pilzzeug, und wir stritten uns so heftig dabei, wenn wir die einzelnen Sorten unserer Funde bestimmten, dass man hätte glauben können, es handle sich um die wichtigste Resolution.

In Deutschland entbrannte der Kampf. Im April erschien eine von Rosa Luxemburg und Franz Mehring gegründete Zeitschrift, „Die Internationale", die gleich darauf verboten wurde. Es erschien die Junius-Broschüre (Rosa Luxemburg) „Die Krise der Sozialdemokratie". Es erschien der von Karl Liebknecht verfasste Aufruf der linken deutschen Sozialdemokraten „Der Hauptfeind steht im eigenen Land!", und Anfang Juni schrieben Karl Liebknecht und Duncker einen offenen Brief an den Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands und an den Vorstand der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion, der einen Protest gegen das Verhalten der sozialdemokratischen Mehrheit dem Kriege gegenüber enthielt. Dieser offene Brief war von rund tausend Parteifunktionären unterzeichnet.10

Als der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands den wachsenden Einfluss der linken Sozialdemokraten erkannte, entschloss er sich zu einer Gegenaktion. Einerseits erschien ein von Kautsky, Haase und Bernstein unterzeichnetes Manifest gegen Annexionen, das die Partei zu einmütigem Handeln aufrief, anderseits trat der Parteivorstand in seinem und im Namen der Reichstagsfraktion gegen die linke Opposition auf. In der Schweiz berief Robert Grimm für den 11. Juli nach Bern eine Vorkonferenz ein, die sich mit der Frage der Vorbereitung einer internationalen Konferenz der Linken befassen sollte. Der Konferenz wohnten sieben Personen bei (Grimm, Sinowjew, P. B. Axelrod, Warski, Walecki, Balabanowa, Morgan). Im Grunde genommen waren auf dieser Vorkonferenz außer Sinowjew keine wirklichen Linken anwesend, und von den ganzen Redereien hatte man nur den einen Eindruck: dass niemand von all diesen Konferenzteilnehmern im Ernst daran dachte, eine Konferenz der Linken einzuberufen.

Lenin war sehr erregt und schrieb überallhin Briefe – an Sinowjew, Radek, Bersin, Kollontai, an die Lausanner Genossen, um zu erreichen, dass die Mandate für die Konferenz auch wirklich linke Genossen erhielten und dass in den Reihen der Linken möglichst große Geschlossenheit herrsche. Mitte August war bei den Bolschewiki bereits folgendes Material fertig: 1. das Manifest, 2. Resolutionen, 3. der Entwurf für die Deklaration, die den am weitesten links stehenden Genossen zur Beurteilung eingesandt wurde. Anfang Oktober schon lag die Übersetzung der Broschüre Lenins und Sinowjews „Sozialismus und Krieg" ins Deutsche vor.

Die Konferenz tagte vom 5. bis 8. September in Zimmerwald. Die Vertreter von elf Ländern waren anwesend (insgesamt 38). Zu der sogenannten „Zimmerwalder Linken" gehörten nur neun Personen (Lenin, Sinowjew, Bersin, Höglund, Nerman, Radek, Borchardt, Platten, nach der Konferenz schloss sich noch Henriette Roland-Holst an). Von russischen Genossen waren auf der Konferenz noch anwesend: Trotzki, Axelrod, Martow, Natanson, Tschernow und ein Bundist. Trotzki schloss sich nicht der Zimmerwalder Linken an.

Lenin fuhr schon früher nach Zimmerwald und hielt am 4. September bei einer privaten Besprechung einen Vortrag über den Charakter des Kriegs und über die Taktik, die die Internationale Konferenz anwenden müsse. Die Debatten drehten sich um die Frage des „Manifests". Die Linken überreichten ihren Entwurf zum Manifest sowie einen Entwurf zu der Resolution über den Krieg und die Aufgaben der Sozialdemokratie. Die Mehrzahl lehnte den Entwurf der Linken ab und nahm einen völlig verschwommenen Entwurf an, der die Kampfstimmung kaum zum Ausdruck brachte. Die Linken unterzeichneten das allgemeine Manifest. In seinem Artikel „Ein erster Schritt" gibt Lenin seine Bewertung der Zimmerwalder Konferenz.

Sollte unser Zentralkomitee das an Inkonsequenz und Ängstlichkeit leidende Manifest unterschreiben?" fragt Lenin und antwortet dann: „Wir glauben, ja. Unsere abweichende Meinung – die abweichende Meinung nicht nur des Zentralkomitees, sondern des gesamten linken, internationalen, revolutionär-marxistischen Teils der Konferenz – wird offen bekundet, sowohl in der besonderen Resolution als auch in dem besonderen Entwurf des Manifests und in der besonderen Erklärung über unsere Abstimmung für die Kompromissfassung des Manifests. Wir haben aus unseren Auffassungen, unseren Losungen und unserer Taktik nicht das geringste Hehl gemacht. Auf der Konferenz wurde die deutsche Ausgabe der Broschüre ,Sozialismus und Krieg' verteilt. Wir haben unsere Auffassungen verbreitet und werden sie verbreiten, und zwar in nicht geringerem Maße, als das Manifest verbreitet wird. Dass dieses Manifest einen Schritt vorwärts macht zum wirklichen Kampf gegen den Opportunismus, zur Spaltung und zum Bruch mit dem Opportunismus, ist eine Tatsache. Es wäre Sektierertum, wollte man darauf verzichten, gemeinsam mit der Minderheit der Deutschen, Franzosen, Schweden, Norweger und Schweizer diesen Schritt vorwärts zu machen, solange wir uns die volle Freiheit und die volle Möglichkeit wahren, die Inkonsequenz zu kritisieren und mehr anzustreben."11

Auf der Zimmerwalder Konferenz gründeten die Linken ihr eigenes Büro und konstituierten sich als selbständige Gruppe.

Obgleich Lenin vor der Zimmerwalder Konferenz geschrieben hatte, dass man den Kautskyanern unseren Resolutionsentwurf: „Holländer + wir + linke Deutsche + null ist auch kein Unglück und wird später nicht null, sondern alles sein!" vorlegen müsse, war das Tempo des Vorwärtsschreitens doch ein sehr langsames, und Lenin konnte sich nur schwer damit abfinden. Der Artikel „Ein erster Schritt" beginnt gerade mit der Hervorhebung des langsamen Entwicklungstempos der revolutionären Bewegung:

Langsam zwar schreitet in der Epoche der durch den Krieg verursachten unerhört schweren Krise die Entwicklung der internationalen sozialistischen Bewegung voran."12

Und aus diesem Grunde kehrte Lenin von der Zimmerwalder Konferenz ziemlich nervös zurück.

Am Tage nach seiner Rückkehr aus Zimmerwald bestiegen wir recht unternehmungslustig das Rothorn. Oben angekommen jedoch, legte sich Lenin erschöpft auf den Boden und schlief sofort in unbequemer Lage, fast direkt auf dem Schnee, ein. Wolken hüllten uns ein, dann zerteilten sie sich und zogen fort, und es eröffnete sich die schönste Aussicht auf die Alpen. Wladimir Iljitsch aber schlief wie ein Toter, ohne sich zu rühren, über eine Stunde lang. Zimmerwald hatte ihn viel Nerven gekostet, hatte ihm viel Kraft genommen.

Es waren erst einige Tage des Bergsteigens und der ruhigen Sörenberger Umgebung nötig, bis Lenin wieder ins Gleichgewicht kam. Genossin Kollontai war nach Amerika gefahren, und Lenin schrieb ihr, dass es notwendig sei, alles nur mögliche zu tun, um die amerikanischen linken internationalistischen Elemente zusammenzufassen. Anfang Oktober kehrten wir nach Bern zurück. Lenin fuhr nach Genf, wo er einen Vortrag über die Zimmerwalder Konferenz hielt, korrespondierte weiter mit Genossin Kollontai über die Amerikaner usw.

Im Herbst herrschte eine ziemlich schwüle Atmosphäre. Bern hat vor allem den Charakter eines Verwaltungs- und Studienzentrums. Es besitzt zahlreiche gute Bibliotheken, viele Gelehrte, aber das Leben ist ganz und gar von kleinbürgerlichem Geist durchdrungen. Bern ist eine außerordentlich „demokratische" Stadt – die Frau des höchsten Beamten der Republik klopft höchst eigenhändig Tag für Tag auf dem Balkon ihre Teppiche aus; aber die Teppiche, diese häusliche „Gemütlichkeit", füllen die Berner Frauen restlos aus. Wir hatten im Herbst ein Zimmer mit elektrischer Beleuchtung gemietet, unsere Koffer und Bücher dorthin geschafft, und als am Tage unserer Übersiedlung Schklowskis zu uns kamen, zeigte ich ihnen, wie hell und angenehm das elektrische Licht brennt. Kaum aber hatten uns die Schklowskis verlassen, als die Wirtin aufgeregt in unser Zimmer stürzte und verlangte, dass wir am nächsten Tage auszögen, da sie nicht gestatte, dass man in ihrer Wohnung am Tage elektrisches Licht brenne. Wir sagten uns, dass diese Frau wohl nicht ganz richtig im Kopf sein könne, und suchten uns ein anderes, bescheideneres Zimmer ohne elektrisches Licht, das wir am nächsten Tag bezogen. Alles in der Schweiz ist von einer deutlich ausgeprägten Spießigkeit durchtränkt. Eines Tages erschien in Bern eine russische Schauspielertruppe, die Vorstellungen in deutscher Sprache gab. Es kam Tolstois „Lebender Leichnam" zur Aufführung. Wir gingen auch hin. Es wurde sehr gut gespielt. Iljitsch, der jedes Kleinbürgertum, alles Konventionelle aus tiefster Seele hasste, regte dieses Stück sehr auf, und er wollte es ein zweites Mal sehen. Überhaupt gefiel den Russen das Stück sehr. Auch den Schweizern gefiel es. Aber warum gefiel es ihnen? – Sie bedauerten von ganzem Herzen die Frau Protassows, ihr Schicksal nahmen sie sich zu Herzen. „So einen liederlichen Mann musste sie kriegen, und dabei waren es doch reiche, angesehene Leute, wie glücklich hätten sie leben können. Arme Lisa!"

Im Herbst 1915 saßen wir mehr als sonst in den Bibliotheken und gingen wie gewöhnlich spazieren – aber wir konnten das Gefühl nicht loswerden, dass wir in diesem kleinbürgerlichen demokratischen Käfig gefangen saßen, während irgendwo, weit von uns entfernt, der revolutionäre Kampf anwuchs, heißes Leben pulsierte.

Von Bern aus konnte man zur Anknüpfung einer unmittelbaren Verbindung mit den Linken nur sehr wenig tun. Ich erinnere mich, wie einmal Inès in die französische Schweiz fuhr, um Verbindung mit den Schweizer Linken Naine und Graber anzuknüpfen. Sie konnte keine Zusammenkunft mit ihnen erreichen, denn entweder Naine war nicht da, weil er angelte, oder Graber war von „häuslichen Geschäften" in Anspruch genommen. „Vater ist heute beschäftigt, wir haben große Wäsche, er hängt Wäsche auf", teilte Grabers kleine Tochter Inès ehrerbietig mit. Fische angeln, Wäsche aufhängen – alles das sind keine schlechten Sachen; Iljitsch hatte mehr als einmal aufgepasst, dass die Milch nicht überläuft… wenn aber Wäsche und Angel daran hindern, über das Allernotwendigste zu verhandeln, über die Organisierung der Linken, so ist das nicht sehr gut. Inès besorgte sich nunmehr einen falschen Pass und fuhr nach Paris. Nachdem Merrheim und Bourderon aus Zimmerwald zurückgekehrt waren, hatten sie in Paris ein Komitee zur Wiederherstellung der internationalen Verbindungen gegründet. Diesem Komitee gehörte Inès als Vertreterin der Bolschewiki an. Sie musste dort hartnäckig für die linke Linie kämpfen, die dann schließlich siegte. Sie berichtete Lenin ausführlich über ihre Arbeit.

Lieber Wladimir Iljitsch!" – schreibt Inès am 25. Januar 1916 – „Ich danke Ihnen für Ihren Brief, er hat mich sehr beruhigt und mir Mut eingeflößt. Gerade an diesem Tag war ich sehr aufgeregt wegen des Misserfolgs mit Merrheim. Jetzt, wo Sie über die Weigerung Trotzkis, an der holländischen Zeitschrift mitzuarbeiten, schreiben, kann ich auch die Weigerung Merrheims, an ihr mitzuarbeiten, verstehen – wahrscheinlich steht das eine mit dem andern im Zusammenhang.

Ihr Brief kam auch deswegen gerade sehr zustatten, da er endgültig jenen Gesichtspunkt festigte, den ich mir über den Charakter der Arbeit gebildet hatte, in dem ich aber noch ein wenig schwankend war. Im Allgemeinen lebe ich hier gut. Ich bin zwar sehr erschöpft, die Arbeit ist ermüdend, heute zum Beispiel musste ich vier Stunden auf eine Zusammenkunft warten. Ich habe aber dafür endlich einen Ausweis für die Nationalbibliothek erhaben und außerdem noch viele Hinweise, wie man dort die Kataloge zu benutzen hat, und noch viele andere notwendige Winke. Also alles Gute. Ich drücke Ihnen die Hand."

Gleichzeitig mit diesem Brief schickte Inès in einem Buchrücken eine ausführliche Beschreibung ihrer weiteren Arbeit:

Liebe Freunde! Ich sende Euch nur einige Worte, da ich sehr wenig Zeit habe. Seit meinem letzten Brief haben zwei Versammlungen des ,Aktionskomitees' stattgefunden. Auf der einen wurde ein Aufruf behandelt (darüber, dass die ,Minderheit' der französischen Partei mit der deutschen ,Minderheit' geht und nicht mit der ,Mehrheit' und über die Wiederherstellung der Internationale). Ein Entwurf Trotzkis wurde abgelehnt und durch einen Entwurf Merrheims ersetzt, in dem nichts von der Wiederherstellung gesagt wird, sondern der nur besagt, dass ,die Internationale auf dem Klassenkampf, auf dem Kampf gegen den Imperialismus, auf dem Kampf um den Frieden basieren muss. Einer solchen Internationale werden wir uns anschließen.' Dann wurde darin gesagt, dass eine Internationale, die nicht auf dieser Grundlage beruht, eine Irreführung des Proletariats bedeuten würde. Ich schlug einige Ergänzungen vor – über den Kampf gegen die Sozialchauvinisten (man antwortete mir, dass das am Ende gebracht wird), darüber, dass die Internationale gegen den Imperialismus kämpft (wurde angenommen), und schließlich äußerte ich mich gegen die Fassung: ,Einer solchen Internationale werden wir uns anschließen' und schlug vor zu sagen: ,Wir werden die Internationale auf der Grundlage umgestalten… usw.' Für dieses ,Umgestalten' fielen Merrheim und Bourderon über mich her. Merrheim sagte mir, dass wir Guesdisten seien (alte Kunstgriffe), dass wir abstrakt dächten und nicht den Umständen Rechnung trügen, dass in Frankreich die Sozialisten nichts von der Spaltung hören wollen usw. Ich antwortete ihm, dass ein Guesdist vom alten Schlage gar nicht das schlechteste sei, dass eben gerade jetzt unsere Taktik lebendig und lebensfähig sei, da man die proletarischen Kräfte nur dadurch um sich vereinigen kann, dass man klar und bestimmt seinen Standpunkt dem Standpunkt der Chauvinisten entgegenstellt; dass der Verrat der Führer Misstrauen und Enttäuschung hervorgerufen hat; dass viele Arbeiter in den Fabriken, wenn sie unsere Broschüre lesen, sagen: ,Das ist sehr gut, aber Sozialisten gibt es nicht mehr'; dass wir in die Massen die gute Botschaft tragen müssen, dass es noch Sozialisten gibt, und dass wir das nur tun können, wenn wir endgültig mit den Chauvinisten brechen."

Weiter erzählt Inès in ihrem Brief von der Arbeit mit der Jugend, von dem Plan, Flugblätter herauszugeben, von der Verbindung mit den Mechanikern, Schneidern, Erdarbeitern und anderen Sektionen der Syndikalisten (Gewerkschaften) usw. Inès arbeitete auch viel in unserer Pariser Gruppe, hatte Zusammenkünfte mit dem Mitglied der Gruppe Saposchkow, der anfangs als Kriegsfreiwilliger an die Front gegangen war, jetzt aber die Ansichten der Bolschewiki teilte und in der französischen Armee Propagandaarbeit zu leisten begann.

Genosse Schklowski richtete ein kleines chemisches Laboratorium ein, in dem unsere Leute, Kasparow und Sinowjew, arbeiteten, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Sinowjew schaute nachdenklich auf all die Röhrchen und Glaskolben, die nun in allen Wohnungen zu finden waren.

In Bern war es vor allem möglich, theoretisch zu arbeiten. Das erste Kriegsjahr hatte vieles geklärt. Sehr charakteristisch war zum Beispiel die Behandlung der Frage: Vereinigte Staaten von Europa. In der Deklaration des Zentralkomitees, die am 1i. November 1914 im Zentralorgan veröffentlicht worden war, hieß es:

Die nächste politische Losung der europäischen Sozialdemokratie muss die Gründung der republikanischen Vereinigten Staaten von Europa sein, wobei die Sozialdemokraten zum Unterschied von der Bourgeoisie, die alles mögliche zu ,versprechen' bereit ist, nur um das Proletariat in den allgemeinen Strom des Chauvinismus hineinzureißen, die Arbeiter darüber aufklären werden, dass diese Losung durch und durch verlogen und sinnlos ist, wenn die deutsche, die österreichische und die russische Monarchie nicht auf revolutionärem Wege beseitigt werden."13

Im März, während der Konferenz der Auslandssektionen, rief diese Losung bereits große Debatten hervor. In dem Bericht über die Konferenz hieß es, „dass die Diskussion über die Losung der ,Vereinigten Staaten von Europa' einseitig politischen Charakter annahm und dass der Beschluss gefasst wurde, die Frage bis zur Erörterung ihrer ökonomischen Seite in der Presse zu vertagen"14.

Die Frage des Imperialismus, seines ökonomischen Wesens, der Ausbeutung der schwächeren Länder durch die kapitalistischen Großmächte, die Frage der Ausbeutung der Kolonien erhob sich in ihrer ganzen Größe. Aus diesem Grunde kam das Zentralorgan zu der Schlussfolgerung:

Vom Standpunkt der ökonomischen Bedingungen des Imperialismus, d. h. des Kapitalexports und der Aufteilung der Welt durch die ,fortgeschrittenen' und ,zivilisierten' Kolonialmächte, sind die Vereinigten Staaten von Europa unter kapitalistischen Verhältnissen entweder unmöglich oder reaktionär…

Vereinigte Staaten von Europa sind unter kapitalistischen Verhältnissen gleichbedeutend mit Übereinkommen über die Teilung der Kolonien."15

Aber vielleicht konnte man eine andere Losung aufstellen? Eine Losung der Vereinigten Staaten der Welt? Darüber schrieb Lenin:

Die Vereinigten Staaten der Welt (nicht aber Europas) sind jene staatliche Form der Vereinigung und der Freiheit der Nationen, die wir mit dem Sozialismus verknüpfen – solange nicht der vollständige Sieg des Kommunismus zum endgültigen Verschwinden eines jeden, darunter auch des demokratischen, Staates geführt haben wird. Als selbständige Losung wäre jedoch die Losung Vereinigte Staaten der Welt wohl kaum richtig, denn erstens fällt sie mit dem Sozialismus zusammen, und zweitens könnte sie die falsche Auffassung von der Unmöglichkeit des Sieges des Sozialismus in einem Lande und eine falsche Auffassung von den Beziehungen eines solchen Landes zu den übrigen entstehen lassen."16

Dieser Artikel veranschaulicht den Gedankengang Lenins Ende 1915 sehr gut. Es ist klar, dass seine Gedanken auf ein immer gründlicheres Studium der ökonomischen Wurzeln des Weltkrieges, das heißt des Imperialismus, einerseits und auf das Ergründen der Wege für den Weltkampf um den Sozialismus andrerseits, gerichtet waren.

An diesen Problemen arbeitete Lenin Ende 1915 und Anfang 1916; er sammelte Material für die Broschüre „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus" und las immer wieder Marx und Engels, um eine klare Vorstellung von der Epoche der sozialistischen Revolution, ihren Wegen und ihrer Entwicklung zu bekommen.

Zürich (1916)

Im Januar 1916 machte sich Lenin daran, für den Verlag „Parus" eine Broschüre über den Imperialismus zu schreiben. Lenin maß dieser Frage die größte Bedeutung bei und war der Ansicht, dass man eine wirkliche, eingehende Beurteilung des Weltkriegs nicht liefern könne, ohne das Wesen des Imperialismus von seiner ökonomischen und politischen Seite her erschöpfend geklärt zu haben. Er machte sich aus diesem Grunde sehr gern an diese Arbeit. Mitte Februar hatte Lenin in den Züricher Bibliotheken zu arbeiten, wir fuhren deshalb nach Zürich, ursprünglich nur für ein paar Wochen. Dann schoben wir unsere Rückkehr nach Bern immer wieder hinaus, bis wir schließlich ganz in Zürich blieben, das etwas lebhafter als Bern war. In Zürich lebte viel revolutionär gesinnte Jugend aus verschiedenen Ländern, es waren Arbeiter da, die sozialdemokratische Partei stand weiter links, und überhaupt machte sich der kleinbürgerliche Geist weniger stark geltend.

Wir suchten uns ein Zimmer. Dabei kamen wir zu einer gewissen Frau Prelog, die eher den Eindruck einer Wienerin als einer Schweizerin machte; das kam daher, weil sie lange Zeit Köchin in irgendeinem Wiener Hotel gewesen war. Wir hatten uns schon bei ihr eingerichtet, als sich am nächsten Tag herausstellte, dass ihr früherer Mieter wieder zu ihr zurückkehrte. Irgend jemand hatte ihm ein Loch in den Kopf geschlagen und er hatte ins Krankenhaus eingeliefert werden müssen, nun war er wieder gesund. Frau Prelog bat uns, ein anderes Zimmer zu suchen, aber sie bot uns an, bei ihr zu essen, wofür sie eine sehr geringe Bezahlung verlangte. Etwa zwei Monate lang aßen wir bei ihr, sie kochte einfach, aber gut und nahrhaft. Lenin gefiel es, dass bei ihr alles einfach war, dass sie ihm den Kaffee in einer Tasse ohne Henkel vorsetzte, dass wir in der Küche aßen, dass die Unterhaltung einfach und ungezwungen war. Es wurde nicht über das Essen gesprochen, nicht darüber, wie viel Kartoffeln man in die Suppe tun müsste, sondern über alle möglichen Angelegenheiten, die die Mittagsgäste der Frau Prelog interessierten. Es waren allerdings nicht sehr viele Mittagsgäste, und sie wechselten häufig. Sehr bald merkten wir, dass wir da in ein äußerst eigenartiges Milieu hineingeraten waren, sozusagen in die Züricher „Unterwelt". Eine Zeitlang aß auch eine Prostituierte bei Frau Prelog zu Mittag; sie sprach ganz offen über ihren Beruf, aber viel mehr als ihr Beruf interessierte sie die Gesundheit ihrer Mutter und der Umstand, was ihre Schwester für eine Arbeit finden würde. Ein paar Tage lang kam eine Krankenschwester zu Mittag, und noch verschiedene andere Gäste tauchten auf. Der Mieter der Frau Prelog schwieg meist, aber aus den wenigen Sätzen, die er fallenließ, merkte man, dass man es mit einem fast kriminellen Typ zu tun hatte. Niemand genierte sich vor uns, und Tatsache war, dass die Gespräche dieser Leute viel „menschlicher", viel lebenswahrer waren als die gedrechselten Unterhaltungen der wohlhabenden Gäste irgendeines „anständigen" Hotels.

Trotzdem überredete ich Iljitsch, uns zu Hause selbst zu verköstigen, denn die Gesellschaft war immerhin derart, dass man, ehe man sich's versah, in irgendeine wüste Geschichte hineingezogen werden konnte. Aber einige Züge dieser Züricher „Unterwelt" waren doch ziemlich interessant.

Als ich später John Reeds „Tochter der Revolution" las, gefiel es mir ganz besonders, dass Reed die Prostituierten nicht vom Standpunkt ihres Berufs oder ihrer Liebesangelegenheiten, sondern vielmehr vom Standpunkt ihrer anderen Interessen aus schildert. Denn gewöhnlich wird bei Schilderungen dieser Kreise nur wenig auf ihre Lebensverhältnisse eingegangen.

Als wir uns dann einmal in Moskau im Künstlertheater Gorkis „Nachtasyl" ansahen – Lenin wollte dieses Stück gern sehen –, gefiel ihm das „Theatralische" der Aufführung gar nicht: es fehlten bei ihr alle die Kleinigkeiten, die, wie man sagt, „der Ton sind, der die Musik macht", die das Milieu erst verlebendigen.

Später, als wir nicht mehr bei Frau Prelog aßen, trafen wir sie mitunter auf der Straße, und Lenin begrüßte sie stets sehr freundlich. Und wir trafen sie beinahe regelmäßig, denn wir wohnten nicht weit von ihr in einer kleinen engen Gasse, bei der Schuhmacherfamilie Kammerer. Das Zimmer war nicht gerade sehr zweckentsprechend Es war ein altes, finsteres Haus fast im Stil des 16. Jahrhunderts, mit einem muffigen, stinkenden Hof. Man hätte für dasselbe Geld ein weit besseres Zimmer bekommen können, aber uns gefielen unsere Wirtsleute sehr gut. Es war eine revolutionär gesinnte Arbeiterfamilie, die den imperialistischen Krieg verurteilte. Die Wohnung war wirklich „international": Zwei Zimmer bewohnten unsere Wirtsleute, in einem der vermieteten Zimmer wohnte die Frau eines deutschen Soldaten, eines Bäckers, mit ihren Kindern, im nächsten Zimmer irgendein Italiener, im dritten ein österreichischer Schauspieler mit einer fuchsroten Katze und im vierten Zimmer wir Russen. Hier roch es nach keinem Chauvinismus, und als sich einmal die ganze weibliche Internationale am Gasherd versammelt hatte, rief plötzlich Frau Kammerer empört aus: „Die Soldaten müssen ihre Gewehre auf ihre eigenen Regierungen richten!" Danach wollte Lenin nichts mehr von einem anderen Zimmer hören. Von Frau Kammerer habe ich viel gelernt, zum Beispiel wie man recht billig und mit geringstem Zeitaufwand ein nahrhaftes Mittag- und Abendessen kochen kann. Auch noch anderes habe ich bei ihr gelernt. Eines Tages erschien in den Zeitungen eine Bekanntmachung, dass die Schweiz Schwierigkeiten mit der Fleischeinfuhr habe, und darum richtete die Regierung an die Bevölkerung die Aufforderung, zweimal wöchentlich kein Fleisch zu essen. Aber die Fleischerläden waren auch an den „fleischlosen" Tagen geöffnet. Ich kaufte Fleisch zu Mittag wie immer, und als ich dann am Gaskocher stand und kochte, fragte ich Frau Kammerer darüber aus, wie man denn kontrollieren könne, ob die Leute dem Aufruf Folge leisten – schließlich könnten doch nicht Kontrolleure die Kochtöpfe absuchen. „Weshalb kontrollieren?" wunderte sich Frau Kammerer. „Da mitgeteilt worden ist, dass Schwierigkeiten bestehen, wird an den ,fleischlosen' Tagen eben kein Arbeiter Fleisch essen, höchstens irgendein Bourgeois." Und als sie meine Verwirrung bemerkte, fügte sie hinzu: „Auf Ausländer bezieht sich dies selbstverständlich nicht." Diese proletarische klassenbewusste Einstellung hatte für Iljitsch etwas Bezauberndes.

Beim Durchblättern meiner Briefe an Schljapnikow aus dieser Periode fand ich unter anderem einen Brief vom 8. April 1915, der die damals herrschende Stimmung sehr gut kennzeichnet:

Lieber Freund", schrieb ich. „Ihr Brief vom 3. April ist angekommen und hat mich ein wenig beruhigt, denn es war ziemlich schwer, Ihre aufgeregten Briefe mit dem Versprechen, nach Amerika zu reisen, mit der Bereitschaft, uns alles mögliche vorzuwerfen, zu lesen. Ein Briefwechsel ist eine ekelhafte Sache – die Missverständnisse schießen nur so aus dem Boden hervor, eins nach dem anderen … In dem verlorengegangenen Briefe schrieb ich ausführlich, aus welchem Grunde Grigori weder nach Russland noch zu Ihnen kann. Ihren Vorwurf, dass er nicht nach Stockholm übersiedeln will, hat er sich sehr zu Herzen genommen. Die Redaktion des Zentralorgans und überhaupt die Auslandsbasis darf nicht gesprengt werden. Das gilt jetzt mehr denn je. Das Zentralorgan hat sich seit Kriegsbeginn mehr als eine Position erobert. Seine Redaktion spielte in der Internationale keine geringe Rolle. Das muss direkt gesagt werden, überflüssige Bescheidenheit ist hier nicht am Platze. Auch der ,Kommunist' wäre ohne die Redaktion des Zentralorgans nicht erschienen. Er hat nicht wenig Gerede, Sorgen, Aufregungen gekostet. Und der ,Vorbote' (Organ der Zimmerwalder Linken) kostete noch mehr. Wenn man die Redaktion entblößte, so wäre niemand da, um die Arbeit zu leisten. Eine neue Redaktion ist nicht so leicht zu bilden. Man setzte Nikolai Iwanowitsch zum Beispiel stark zu, man sprach von seiner Übersiedlung nach Krakau, dann nach Bern. Und es war nichts zu machen. Zwei Menschen sind schon wenig, und Sie wollen noch einen davon wegnehmen. Wenn Sie die Auslandsbasis ruinieren, so kann nichts mehr hinüber geschickt werden. Manchmal hängt Grigori das Leben im Ausland zum Halse heraus, und dann gerät er in größte Unruhe. Und da gießen Sie ihm mit Ihren Vorwürfen noch Öl ins Feuer. Wenn man die Dinge vom Standpunkt der Nützlichkeit der gesamten Arbeit aus betrachtet, dann muss man Grigori in Ruhe lassen. Es wurde die Übersiedlung der ganzen Redaktion erörtert, aber in Anbetracht der Geldfrage, des internationalen Einflusses und der Polizeiverhältnisse verworfen. Wir traten an die Japaner' direkt wegen Geld heran, sie antworteten: sie hätten keins. In Stockholm ist das Leben bedeutend teurer; hier aber arbeitet Grigori im Laboratorium, es sind Bibliotheken vorhanden, und dadurch ist es ihm möglich, wenigstens etwas durch literarische Tätigkeit zu verdienen. In nächster Zukunft wird die Verdienstfrage für uns alle auch hier sehr kompliziert sein.

Der Vorwurf, Iljitsch lasse sich durch die Emigrantenangelegenheiten hinreißen, ist ganz unbegründet. Er beschäftigt sich absolut nicht mit Emigrantenangelegenheiten. Man muss sich zwar mit den internationalen Angelegenheiten mehr befassen als früher, aber das ist unbedingt notwendig. Allerdings beschäftigt ihn gegenwärtig besonders das ,Selbstbestimmungsrecht der Nationen'. Und meiner Meinung nach müsste man ihn, um ihn gut ,auszunutzen', veranlassen, eine populäre Broschüre über dieses Thema zu schreiben. Diese Frage ist gegenwärtig absolut nicht akademisch. In Bezug auf diese Frage herrscht in der internationalen Sozialdemokratie starke Verwirrung, und darum darf man sie nicht beiseite schieben. In diesem Winter wurde hier mit Radek über dieses Thema diskutiert. Mir persönlich haben diese Diskussionen sehr viel gegeben."

Und weiter legte ich dann auf einigen Seiten den Inhalt dieser Diskussionen und den Standpunkt Lenins dar.

Wir führten in Zürich, wie sich Iljitsch in einem seiner Briefe in die Heimat äußerte, „ein stilles Dasein", etwas abseits von der Kolonie, arbeiteten regelmäßig und viel in den Bibliotheken. Nach dem Mittagessen kam jeden Tag, auf dem Rückweg aus dem Emigrantenspeisehaus, der junge Genosse Grischa Ussijewitsch auf eine halbe Stunde zu uns, der dann später, 1919, im Bürgerkrieg gefallen ist. Morgens besuchte uns eine Zeitlang regelmäßig der Neffe der Genossin Semljatschka, der infolge von Hunger etwas geistesgestört war.Er war so schmutzig und abgerissen, dass die Schweizer Bibliotheken ihm schließlich den Zutritt verwehrten. Er bemühte sich, Iljitsch am frühen Morgen, bevor er in die Bibliothek ging, zu erwischen, und behauptete, dass er prinzipielle Fragen mit ihm zu erörtern hätte; er fiel Wladimir Iljitsch stark auf die Nerven.

Wir gingen morgens immer etwas früher von zu Hause fort, um Zeit zu haben, am See entlang zu gehen und zu plaudern. Lenin sprach über seine Arbeit, über das, woran er schrieb, und über seine Ideen.

Von den Genossen der Züricher Gruppe sahen wir am häufigsten Ussijewitsch und Charitonow. Ferner erinnere ich mich an Onkel Wanja – Awdejew, einen Metallarbeiter, an Turkin, einen Arbeiter aus dem Ural, und an Boizow, den späteren Mitarbeiter des Glawpolitproswet (Hauptverwaltung für politische Aufklärung). Dann entsinne ich mich noch eines bulgarischen Arbeiters, dessen Namen ich vergessen habe. Die meisten Genossen unserer Züricher Gruppe arbeiteten in Fabriken. Alle hatten sehr viel zu tun, Gruppenversammlungen fanden verhältnismäßig selten statt. Dafür aber hatten unsere Genossen gute Verbindung mit den Züricher Arbeitern. Sie standen dem Leben der örtlichen Arbeiter näher, als dies in den anderen schweizerischen Städten der Fall war (mit Ausnahme von La Chaux-de-Fonds, wo unsere Gruppe noch fester mit der Arbeiterschaft verbunden war).

An der Spitze der Schweizer Bewegung in Zürich stand Fritz Platten, der Sekretär der Partei, der sich der Zimmerwalder Linken angeschlossen hatte. Er war der Sohn eines Arbeiters, ein leidenschaftlicher junger Bursche, der großen Einfluss auf die Massen besaß. Auch der Redakteur der Züricher Parteizeitung „Volksrecht", Nobs, hatte sich der Zimmerwalder Linken angeschlossen. Die Arbeiteremigrantenjugend mit Willi Münzenberg an der Spitze, die in Zürich sehr aktiv und zahlreich war, unterstützte die Linken. Alles das brachte uns der Schweizer Arbeiterbewegung näher. Einigen Genossen, die nicht in der Emigration waren, scheint es jetzt, als hätte Lenin auf die Schweizer Bewegung besondere Hoffnungen gesetzt und sei der Ansicht gewesen, die Schweiz könne zum Zentrum der kommenden sozialen Revolution werden.

Das ist natürlich nicht richtig. In der Schweiz gab es keine starke Arbeiterklasse, sie ist vor allem ein Land mit ausnehmend vielen Kurorten, ein kleiner Staat, der sich von den vom Tisch der kapitalistischen Großmächte fallenden Brosamen nährt. Die Arbeiter der Schweiz waren im Großen und Ganzen wenig revolutionär. Der Demokratismus und die gelungene Lösung der nationalen Frage waren keine Voraussetzungen, die genügt hätten, die Schweiz in einen Herd der sozialen Revolution zu verwandeln.

Natürlich folgte daraus nicht, dass man keine internationale Propaganda in der Schweiz zu machen, die Revolutionierung der Schweizer Arbeiterbewegung und die Partei nicht zu unterstützen brauchte, denn wenn die Schweiz in den Krieg hineingezogen worden wäre, hätte sich die Situation rasch ändern können.

Lenin hielt vor den Schweizer Arbeitern Vorträge, unterhielt enge Beziehungen zu Platten, Nobs und Münzenberg. Unsere Züricher Gruppe und einige Polen – in Zürich lebte damals der Genosse Bronski – hatten die Absicht, zusammen mit der schweizerischen Züricher Organisation Sitzungen abzuhalten. Man versammelte sich in dem kleinen Café „Zum Adler", das sich nicht weit von unserem Hause befand. Zur ersten Versammlung erschienen etwa 40 Personen. Lenin sprach über die gegenwärtige Lage und formulierte alle Fragen sehr scharf. Obgleich lauter Internationalisten versammelt waren, waren die Schweizer von dieser scharfen Fragestellung sehr verwirrt. Ich entsinne mich der Rede eines Vertreters der Schweizer Jugend, der sagte, dass man nicht mit dem Kopf gegen die Wand rennen dürfe. Tatsache ist jedenfalls, dass unsere Versammlungen langsam einschliefen, zur vierten Versammlung kamen schließlich nur noch Russen und Polen, machten einige Witze und gingen wieder nach Hause.

In den ersten Monaten unseres Züricher Aufenthalts arbeitete Lenin hauptsächlich an seiner Broschüre über den Imperialismus. Diese Arbeit interessierte ihn außerordentlich, er machte sich sehr viele Auszüge. Besonders intensiv befasste er sich mit den Kolonien, über die er reichhaltiges Material gesammelt hatte. Auch mich zog er unter anderem zu einigen Übersetzungen aus dem Englischen über irgendwelche afrikanische Kolonien heran. Er erzählte sehr viel Interessantes über seine Studien. Als ich dann seinen „Imperialismus" las, erschien er mir bedeutend trockener als seine früheren Erzählungen über seine Studien. Er studierte auf das eingehendste das Wirtschaftsleben Europas, Amerikas usw. Natürlich interessierten ihn nicht nur die ökonomischen, sondern auch die politischen Formen, die den ökonomischen entsprachen, und ihr Einfluss auf die Massen. Im Juli war die Broschüre fertig.

Vom 24. bis 30. April 1916 fand die zweite Zimmerwalder, die sogenannte Kienthaler Konferenz statt. Acht Monate waren seit der ersten Konferenz vergangen, acht Monate, in denen der imperialistische Krieg immer weiter um sich gegriffen hatte, und trotzdem sah die Kienthaler Konferenz durchaus nicht viel anders aus wie die erste Zimmerwalder. Die Leute waren ein wenig radikaler, die Zimmerwalder Linke hatte diesmal nicht acht, sondern zwölf Delegierte, die Resolutionen der Konferenz stellten einen gewissen Fortschritt dar. Die Konferenz sprach eine entschiedene Verurteilung des Internationalen Sozialistischen Büros aus; sie nahm eine Resolution über den Frieden an, in der es hieß:

Gibt es auf dem Boden der kapitalistischen Gesellschaft keine Möglichkeit, einen dauerhaften Frieden herzustellen, so werden dessen Voraussetzungen durch den Sozialismus geschaffen. Der Sozialismus, der das kapitalistische Privateigentum aufhebt, beseitigt mit der Ausbeutung der Volksmassen durch die besitzenden Klassen und mit der nationalen Unterdrückung zugleich die Kriegsursachen. Der Kampf für den dauerhaften Frieden kann daher nur im Kampf für die Verwirklichung des Sozialismus bestehen."17

Für die Verbreitung dieses Manifests in den Schützengräben wurden im Mai in Deutschland drei Offiziere und 32 Soldaten erschossen. Die deutsche Regierung fürchtete nichts so sehr wie die Revolutionierung der Massen.

Das Zentralkomitee der SDAPR ging in seinen Anträgen auf der Kienthaler Konferenz in erster Linie von der Notwendigkeit der Revolutionierung der Massen aus. Es hieß da:

Es genügt nicht, wenn das Zimmerwalder Manifest die Revolution andeutet, indem es sagt, dass die Arbeiter für ihre eigene Sache und nicht für eine fremde Opfer bringen müssen. Man muss den Massen ihren Weg klar und deutlich zeigen. Die Massen müssen wissen, wohin sie gehen sollen und wozu. Dass revolutionäre Massenaktionen während des Krieges, wenn sie sich erfolgreich entfalten, nur zur Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Bürgerkrieg für den Sozialismus führen können, ist augenscheinlich, und es wäre schädlich, das den Massen zu verhehlen. Im Gegenteil, man muss dieses Ziel klar aufzeigen, so schwierig auch seine Erreichung scheinen mag, da wir ja erst am Anfang des Weges stehen. Es genügt nicht, zu sagen, wie es im Zimmerwalder Manifest steht, dass ,die Kapitalisten lügen, wenn sie behaupten, der Krieg diene der Verteidigung des Vaterlandes', und dass die Arbeiter im revolutionären Kampf nicht mit der militärischen Lage ihres Landes rechnen dürfen. Man muss klar aussprechen, was hier nur angedeutet wird, dass nämlich nicht nur die Kapitalisten, sondern auch die Sozialchauvinisten und die Kautskyaner lügen, wenn sie den Begriff der Vaterlandsverteidigung in diesem imperialistischen Krieg anwenden; dass revolutionäre Aktionen während des Krieges unmöglich sind, ohne dass dadurch der ,eigenen' Regierung eine Niederlage im Kriege droht, und dass jede Niederlage der Regierung in einem reaktionären Kriege die Revolution erleichtert, die allein imstande ist, einen dauerhaften und demokratischen Frieden herbeizuführen. Es muss endlich den Massen gesagt werden, dass es ohne die Gründung von illegalen Organisationen und einer illegalen, der Zensur nicht unterliegenden Presse unmöglich ist, den beginnenden revolutionären Kampf ernstlich zu fördern, ihn zu entfalten, seine einzelnen Schritte zu kritisieren, seine Fehler zu verbessern und ihn systematisch auszuweiten und zu verschärfen."18

In diesem Antrag des Zentralkomitees kommt das Verhältnis der Bolschewiki und Lenins den Massen gegenüber deutlich zum Ausdruck – den Massen muss stets die Wahrheit gesagt werden, die restlose, unbeschönigte Wahrheit, ohne zu fürchten, dass diese Wahrheit sie abschrecken könnte. Und auf die Massen setzten die Bolschewiki ihre ganze Hoffnung, denn die Massen, nur sie allein werden den Sozialismus erringen.

In meinem Brief an Schljapnikow vom 1. Juni schrieb ich: „Grigori ist von Kienthal sehr hingerissen. Natürlich kann ich nur nach den Erzählungen urteilen, aber es werden wohl sehr viele Worte gemacht, und die innere Einigkeit fehlt, jene Einigkeit, die eine Gewähr für das Gelingen der Sache bilden würde. Man sieht, dass die Massen noch nicht ,nachdrängen' – wie sich Badajew ausdrückte, höchstens bei den Deutschen merkt man es ein wenig."

Das Studium der Ökonomie des Imperialismus, die Analyse aller Bestandteile dieses „Getriebes", die Erfassung des ganzen Weltbildes des seinem Verderben zu eilenden Imperialismus, dieses letzten Stadiums des Kapitalismus, all das gab Lenin die Möglichkeit, eine ganze Reihe politischer Fragen auf neue Weise zu behandeln und das Problem gründlicher zu beleuchten, welche Formen der Kampf für den Sozialismus überhaupt und in Russland insbesondere annehmen wird. Vieles wollte Lenin bis zu Ende durchdenken, wollte seine Gedanken ausreifen lassen. Wir beschlossen deshalb, ins Gebirge zu fahren. Das war um so notwendiger, als mein Basedow sich absolut nicht beruhigen wollte. Nur ein Mittel gab es gegen diese Krankheit – die Berge. Wir reisten also für sechs Wochen in den Kanton Sankt Gallen, nicht weit von Zürich, wo wir in dem Erholungsheim Tschudiwiese Aufenthalt nahmen, das sehr hoch, dicht unter den schneebedeckten Gipfeln liegt. Die Pension war sehr billig, 2,50 Franken pro Person und Tag. Es war allerdings ein „Milchheim", morgens gab es Milchkaffee (aber ohne Zucker) und Butterbrot mit Käse, zu Mittag gab es Milchsuppe, irgendein Gericht aus Quark und Milch, um vier Uhr wieder Milchkaffee und abends wieder eine Milchspeise. In den ersten Tagen brachte uns diese Milchdiät schier zur Verzweiflung, aber als dann später Himbeeren und Blaubeeren hinzutraten, die in der Umgebung in großen Mengen wuchsen, ging es. Das Zimmer war sehr sauber, hatte elektrische Beleuchtung, war aber fast nicht möbliert. Man musste es selbst aufräumen, auch die Schuhe musste man selbst putzen. Diese Funktion übernahm Iljitsch. Jeden Morgen nahm er meine und seine Bergstiefel, ging zu einem dafür bestimmten Schuppen, wo er alle anderen „Stiefelputzer" traf, die dann alle zusammen unter lautem Gelächter ihre Arbeit verrichteten. Iljitsch war dabei so eifrig, dass er einmal, zum größten Vergnügen aller Anwesenden, einen ganzen Korb leerer Bierflaschen umwarf. Hier lebten lauter einfache Menschen. In einem Erholungsheim, wo der Pensionspreis 2,50 Franken pro Tag betrug, hielten sich keine „feinen" Leute auf. In mancher Beziehung erinnerte dieses Erholungsheim an das französische Bonbon, nur waren die Gäste hier einfacher, ärmer und in Schweizer Art demokratisch. Abends spielte der Sohn der Wirtin auf seiner Harmonika, und die Gäste traten zum Tanz an, der bis gegen elf Uhr nachts dauerte. Tschudiwiese liegt etwa acht Kilometer von der Eisenbahnstation entfernt. Ein kleiner Fußpfad führt in die Berge hinauf. Man konnte auf Eseln hinauf reiten, die meisten jedoch gingen zu Fuß. Fast jeden Morgen gegen sechs Uhr läutete eine Glocke, und alle standen auf, um sich von den Fortgehenden zu verabschieden, wobei sie irgendein Abschiedslied von einem Kuckuck sangen. Jeder Refrain endete mit den Worten: „Adieu, Kuckuck!" Iljitsch, der morgens gerne länger geschlafen hätte, zog seine Decke über den Kopf und brummte. Das Publikum in diesem Heim war völlig apolitisch. Nicht einmal über den Krieg wurde gesprochen. Unter den Gästen war auch ein Soldat. Er hatte schwache Lungen, und aus diesem Grunde hatte man ihn auf Staatskosten hierher in dies Diätheim zur Kur geschickt. In der Schweiz sorgen die Militärbehörden sehr für ihre Soldaten (die Schweiz besitzt bekanntlich kein stehendes Heer, sondern nur eine Miliztruppe). Er war ein netter Bursche, und Iljitsch ging um ihn herum wie eine Katze um den heißen Brei und begann mehrmals ein Gespräch über den räuberischen Charakter des Krieges mit ihm. Der junge Mann widersprach ihm zwar nicht, biss aber auch nicht an. Man sah ihm an, dass ihn politische Fragen wenig interessierten – bedeutend weniger als der Zeitvertreib in Tschudiwiese.

In Tschudiwiese besuchte uns niemand, es wohnten keine Russen dort, und wir lebten ganz isoliert von aller Arbeit und streiften ganze Tage lang in den Bergen umher. Iljitsch arbeitete nicht. Bei unseren Spaziergängen sprach er viel über die Fragen, die ihn beschäftigten, über die Rolle der Demokratie, über die positiven und negativen Seiten der Schweizer Demokratie; oft wiederholte er ein und denselben Gedanken in verschiedenen Fassungen. Man merkte, dass alle diese Fragen ihn völlig beherrschten. So verbrachten wir die zweite Julihälfte und den August. Als wir abfuhren, begleitete man uns wie alle anderen und sang dabei das Lied „Adieu, Kuckuck". Als wir durch den Wald talwärts gingen, bemerkte Iljitsch Steinpilze, und ungeachtet des heftigen Regens sammelte er sie so eifrig, dass man denken konnte, es handle sich um Zimmerwalder Linke. Wir wurden nass bis auf die Knochen, nahmen aber einen ganzen Sack voll Pilze mit. Natürlich kamen wir zu spät zum Bahnhof und mussten etwa zwei Stunden auf den nächsten Zug warten.

In Zürich angekommen, bezogen wir wieder unser Zimmer bei unserem früheren Wirt in der Spiegelgasse.

Während unseres Aufenthaltes in den Alpen hatte Lenin den Arbeitsplan für die nächste Zeit nach allen Richtungen hin durchdacht. Das Wichtigste in diesem Moment war die Ausarbeitung einer festen theoretischen Linie und theoretische Einigkeit. Es herrschten Meinungsverschiedenheiten mit Rosa Luxemburg, Radek, den Holländern, mit Bucharin, Pjatakow, teilweise mit Alexandra Kollontai. Am schärfsten waren die Differenzen mit Pjatakow (P. Kijewski), der im August einen Artikel „Das Proletariat und das Selbstbestimmungsrecht der Nationen" geschrieben hatte. Nachdem Lenin den Artikel im Manuskript gelesen hatte, setzte er sich sofort hin, um eine Antwort zu verfassen, die sich zu einer ganzen Broschüre mit dem Titel „Über eine Karikatur auf den Marxismus und über den ,imperialistischen Ökonomismus'" auswuchs. Die Broschüre ist in einem sehr heftigen Ton gehalten, weil Lenin damals bereits seinen klaren und bestimmten Standpunkt in Bezug auf das Verhältnis zwischen Ökonomik und Politik in der Epoche des Kampfes für den Sozialismus hatte. Die Unterschätzung des politischen Kampfes in dieser Epoche bezeichnete er als imperialistischen Ökonomismus.

Der Kapitalismus hat gesiegt", schrieb Lenin, „– deshalb braucht man über die politischen Fragen nicht nachzudenken, meinten die alten ,Ökonomisten' der Jahre 1894-1901 und gingen so weit, dass sie den politischen Kampf in Russland ablehnten. Der Imperialismus hat gesiegt – deshalb braucht man über die Fragen der politischen Demokratie nicht nachzudenken, sagen die heutigen ,imperialistischen Ökonomisten'."19

Eine Ignorierung der Bedeutung der Rolle der Demokratie im Kampf für den Sozialismus war unzulässig.

Der Sozialismus ist in zweifachem Sinne ohne die Demokratie unmöglich: 1. das Proletariat wird die sozialistische Revolution nicht durchführen können, wenn es sich nicht durch den Kampf für die Demokratie auf die Revolution vorbereitet; 2. ohne restlose Verwirklichung der Demokratie kann der siegreiche Sozialismus seinen Sieg nicht behaupten und das Absterben des Staates für die Menschheit nicht Wirklichkeit werden lassen"20, schrieb Lenin in dieser Broschüre.

Die Richtigkeit dieser Worte Lenins wurde rasch durch die Erfahrungen in Russland voll bewiesen. Die Februarrevolution und der darauf folgende Kampf für die Demokratie bereiteten den Oktober vor. Die fortwährende Erweiterung und Festigung der Sowjets, des Sowjetsystems, reorganisiert auch die Demokratie selbst und vertieft ständig den Inhalt dieses Begriffs.

1915/1916 hatte Lenin die Frage der Demokratie bereits durchdacht. Er ging an diese Frage vom Standpunkt des Aufbaus des Sozialismus heran. Schon im November 1915 verfasste Lenin eine Entgegnung auf den Artikel Radeks (Parabellums) in der „Berner Tagwacht" im Oktober 1915, in der er schrieb:

Bei Gen. P. kommt es so heraus, dass er im Namen der sozialistischen Revolution das konsequent revolutionäre Programm auf dem Gebiet der Demokratie mit Geringschätzung beiseite schiebt. Das ist nicht richtig. Das Proletariat kann nicht anders siegen als durch die Demokratie, d. h. indem es die Demokratie vollständig verwirklicht, indem es mit jedem Schritt seiner Bewegung die demokratischen Forderungen in ihrer entschiedensten Formulierung verbindet. Es ist Unsinn, die sozialistische Revolution und den revolutionären Kampf gegen den Kapitalismus einer der Fragen der Demokratie, in unserem Falle der nationalen Frage, entgegenzustellen. Wir müssen umgekehrt den revolutionären Kampf gegen den Kapitalismus mit dem revolutionären Programm und mit der revolutionären Taktik in Bezug auf alle demokratischen Forderungen verbinden: die Forderungen der Republik, der Miliz, der Wahl der Beamten durch das Volk, der gleichen Rechte für Frauen, der Selbstbestimmung der Nationen usw. Solange der Kapitalismus fortbesteht, sind alle diese Forderungen nur ausnahmsweise und zudem nicht vollständig, nur verstümmelt zu verwirklichen. Indem wir uns auf die schon verwirklichte Demokratie stützen, indem wir die Unvollständigkeit derselben unter dem Kapitalismus entlarven, fordern wir die Niederwerfung des Kapitalismus, die Expropriation der Bourgeoisie, als eine notwendige Basis für die Abschaffung des Massenelends sowie für die volle und allseitige Durchführung aller demokratischen Umgestaltungen. Einige dieser Maßnahmen werden vor der Niederwerfung der Bourgeoisie begonnen werden, andere im Gange dieser Niederwerfung, wieder andere nach derselben. Die sozialistische Revolution ist keineswegs eine einzige Schlacht, sondern im Gegenteil eine Epoche, bestehend aus einer ganzen Reihe von Schlachten um alle Fragen der ökonomischen und politischen Umgestaltungen, die nur durch die Expropriation der Bourgeoisie vollendet werden können. Eben im Namen dieses Endzieles müssen wir einer jeden unserer demokratischen Forderungen eine konsequent revolutionäre Formulierung geben. Es ist denkbar, dass die Arbeiter eines gegebenen Landes die Bourgeoisie niederwerfen werden, bevor sie auch nur eine einzige demokratische Umgestaltung vollständig verwirklichen. Aber es ist ganz undenkbar, dass das Proletariat, als eine geschichtliche Klasse, die Bourgeoisie besiegen könnte, wenn es dazu nicht vorbereitet wird durch die Erziehung im Geiste des konsequentesten und revolutionär entschiedensten Demokratismus."21

Ich führe solche langen Zitate hier an, um die Gedanken Lenins Ende 1915 und Anfang 1916 zu zeigen, die seinen weiteren Äußerungen den Stempel aufgedrückt haben. Die Mehrzahl seiner Artikel, die die Rolle der Demokratie im Kampf für den Sozialismus betrafen, wurden bedeutend später gedruckt: der Artikel gegen Parabellum im Jahre 1927, die Broschüre „Über eine Karikatur auf den Marxismus …" im Jahre 1924. Diese Arbeiten sind nicht sehr bekannt, weil sie in Sammelbänden erschienen, die nur eine geringe Auflage hatten; jedoch ohne diese Arbeiten wäre die Leidenschaftlichkeit nicht verständlich, mit der Lenin über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen diskutierte. Man versteht diese Leidenschaftlichkeit, wenn man die Frage im Zusammenhang mit der allgemeinen Bewertung des Demokratismus durch Lenin betrachtet. Sein Standpunkt über das Selbstbestimmungsrecht der Nationen stellte für Lenin das Mittel dar, an Hand dessen die Fähigkeit, die demokratischen Forderungen überhaupt richtig anzufassen, geprüft werden konnte. Alle diesbezüglichen Differenzen mit Rosa Luxemburg, mit Radek, mit den Holländern, mit Kijewski und mit einer ganzen Reihe anderer Genossen müssen eben von diesem Gesichtspunkt aus betrachtet werden. In der Broschüre gegen Kijewski schrieb Lenin:

Alle Nationen werden zum Sozialismus gelangen, das ist unausbleiblich, aber keine auf genau die gleiche Art und Weise, jede wird zu dieser oder jener Form der Demokratie, zu dieser oder jener Abart der Diktatur des Proletariats, zu diesem oder jenem Tempo der sozialistischen Umgestaltung der verschiedenen Seiten des gesellschaftlichen Lebens etwas Eigenes beitragen. Nichts wäre theoretisch jämmerlicher und in der Praxis lächerlicher, als sich ,im Namen des historischen Materialismus' in dieser Hinsicht die Zukunft grau in grau vorzustellen: das wäre so etwas wie die Pinseleien der Susdaler Ikonenmaler, nichts anderes."22

Der Aufbau des Sozialismus ist nicht nur ein ökonomischer Aufbau; die Ökonomik ist nur die Basis für den Aufbau des Sozialismus, die Grundlage, die Voraussetzung – den Kern des Aufbaus des Sozialismus bildet die Umgestaltung der gesamten gesellschaftlichen Struktur, die Umgestaltung auf der Grundlage des sozialistischen revolutionären Demokratismus.

Das ist im Grunde genommen wohl dasjenige, was Lenin und Trotzki dauernd am tiefsten voneinander getrennt hat. Trotzki verstand den demokratischen Geist, die demokratischen Grundlagen des Aufbaus des Sozialismus, den Prozess der Umbildung der gesamten Lebensformen der Massen nicht. Schon damals, 1916, waren die späteren Differenzen zwischen Lenin und Bucharin im Keim vorhanden. Bucharin ließ unter dem Pseudonym „Nota-bene" in Nr. 6 der „Jugend-Internationale" Ende August einen Artikel erscheinen, in dem man seine Unterschätzung der Rolle des Staats, der Rolle der Diktatur des Proletariats erkennen konnte. Lenin vermerkte in einer Notiz, betitelt „Jugend-Internationale", diese Irrtümer Bucharins. Die Diktatur des Proletariats, die die führende Rolle des Proletariats bei der Umbildung der gesamten gesellschaftlichen Struktur gewährleistet, das war es, was Lenin in der zweiten Hälfte des Jahres 1916 besonders stark interessierte.

Die demokratischen Forderungen bilden einen Bestandteil des „Minimalprogramms" – und im ersten Brief an Schljapnikow, den Lenin nach unserer Rückkehr aus Tschudiwiese schrieb, schimpft er auf Basarow wegen dessen Artikel in dem „Letopis" (Jahrbuch), in dem sich dieser für die Aufhebung des „Minimalprogramms" ausspricht. Er polemisiert gegen Bucharin, der die Rolle des Staats, die Rolle der Diktatur des Proletariats usw. unterschätzt. Er entrüstet sich über Kijewski, weil dieser die führende Rolle des Proletariats nicht versteht.

Missachten Sie nicht", schrieb er an Schljapnikow, „die theoretische Einmütigkeit: Glauben Sie mir, sie ist in einer so schweren Zeit zur Arbeit unbedingt notwendig."23

Lenin las von neuem aufmerksam alles, was Marx und Engels über den Staat geschrieben hatten, und machte sich Auszüge daraus. Diese Arbeit wappnete ihn mit einem besonders tiefgehenden Verständnis für den Charakter der kommenden Revolution, war eine gründliche Vorbereitung für ihn, die ihn befähigte, die konkreten Aufgaben dieser Revolution richtig zu verstehen.

Am 30. November fand eine Konferenz der Schweizer Linken über ihren Standpunkt dem Kriege gegenüber statt.

A. Schmidt aus Winterthur verlangte, dass man die demokratische Staatsordnung der Schweiz unbedingt zu antimilitaristischen Zwecken ausnutzen müsse. Am nächsten Tage schrieb Lenin an A. Schmidt einen Brief, in dem er ihm vorschlug, die Frage zur allgemeinen Abstimmung gelangen zu lassen, und zwar: für die Enteignung der großkapitalistischen Betriebe in der Industrie und Landwirtschaft, als einzigen Weg zur völligen Beseitigung des Militarismus, oder gegen die Enteignung.

In diesem Falle werden wir in unserer praktischen Politik dasselbe sagen", schrieb Lenin an A. Schmidt, „was wir theoretisch anerkennen, und zwar, dass die volle Beseitigung des Militarismus nur durch Beseitigung des Kapitalismus denkbar und möglich ist."24

In einem Brief, der im Dezember 1916 geschrieben und der erst fünfzehn Jahre später veröffentlicht wurde, schreibt Lenin darüber:

Sie denken vielleicht, dass ich so naiv bin zu glauben, dass man solche Fragen wie die der sozialistischen Revolution ,mittelst Überredung' entscheiden kann?

Nein. Ich will nur eine Illustration geben, und zwar nur zu einer Sonderfrage: welche Änderung müsste an der ganzen Parteipropaganda vorgenommen werden, wenn man zur Frage der Ablehnung der Vaterlandsverteidigung wirklich ernsthaft Stellung nehmen wollte! Das ist nur eine Illustration nur zu einer Sonderfrage – mehr beanspruche ich nicht."25

Die Fragen der dialektischen Auffassung aller Ereignisse beschäftigten Lenin in dieser Periode ebenfalls sehr stark. Er verbeißt sich geradezu in den Satz von Engels in der Kritik zum Erfurter Programmentwurf:

Eine solche Politik kann nur die eigene Partei auf die Dauer irreführen. Man schickt allgemeine, abstrakte politische Fragen in den Vordergrund und verdeckt dadurch die nächsten konkreten Fragen, die Fragen, die bei den ersten großen Ereignissen, bei der ersten politischen Krise sich selbst auf die Tagesordnung setzen."26

Diesen Satz schrieb Lenin ab und schrieb dann mit großen Buchstaben, in doppelte Klammern gesetzt, hinzu: „((Das Abstrakte im Vordergrund, das Konkrete vertuscht!!)) Notabene! Großartig! Das ist der Kernpunkt! NB."

Die Marxsche Dialektik erfordert die konkrete Analyse der jeweiligen historischen Lage"27, schreibt Lenin in seiner Analyse der Junius-Broschüre. In allen Zusammenhängen und Beziehungen alles zu erfassen – danach strebte Lenin in dieser Periode ganz besonders. Auch die Frage der Demokratie und die Frage des Selbstbestimmungsrechts der Nationen behandelte er von diesem Standpunkt aus.

Im Herbst 1916 und Anfang 1917 stürzte sich Lenin kopfüber in die theoretische Arbeit. Er bemühte sich, die Zeit voll auszunutzen, in der die Bibliothek geöffnet war. Morgens ging er Punkt neun Uhr in die Bibliothek und saß bis zwölf Uhr mittags dort (von zwölf bis ein Uhr war die Bibliothek geschlossen); dann ging er nach Hause, wo er genau zehn Minuten nach zwölf Uhr eintraf; nach dem Mittagessen ging er sofort wieder in die Bibliothek und blieb bis sechs Uhr abends, bis sie geschlossen wurde, dort. Zu Hause war es damals nicht sehr günstig zu arbeiten. Zwar war unser Zimmer hell, aber seine Fenster gingen auf den Hof hinaus, in dem es fürchterlich roch, weil sich dort eine Wurstfabrik befand. Nur spät nachts konnten wir die Fenster öffnen. An Donnerstagen, wo die Bibliothek nachmittags geschlossen war, gingen wir ins Freie. Wenn Iljitsch aus der Bibliothek nach Hause ging, kaufte er an diesen Tagen gewöhnlich zwei kleine Tafeln Nussschokolade zu 15 Rappen das Stück; nachmittags nahmen wir dann unsere Bücher und die Schokolade und gingen auf den Zürichberg. Wir hatten dort einen wenig besuchten Lieblingsplatz, wo Wladimir Iljitsch, im Grase liegend, ungestört lesen konnte.

Wir waren zu jener Zeit mit unseren Privatausgaben außerordentlich sparsam. Lenin suchte überall Verdienstmöglichkeiten, er schrieb deshalb an Granat, an Gorki, an Verwandte, und einmal entwickelte er sogar dem Manne seiner Schwester Anna, Mark Timofejewitsch Jelisarow, einen phantastischen Plan zur Herausgabe einer „Pädagogischen Enzyklopädie", an der ich arbeiten sollte. Ich arbeitete damals viel auf dem Gebiet der Pädagogik und machte mich mit dem Schulwesen in Zürich bekannt. Als Lenin diesen phantastischen Plan schilderte, war er selbst so davon hingerissen, dass er schrieb, man müsse aufpassen, dass niemand diese Idee stehle.

In Bezug auf die literarischen Verdienstmöglichkeiten ging es nur langsam vorwärts, deshalb beschloss ich, mir in Zürich Arbeit zu suchen. In Zürich befand sich das Büro der Emigrantenkasse, unter der Leitung von Felix Jakowlewitsch Kon. Ich wurde Sekretärin des Büros und half Felix Kon bei der Arbeit.

Mein Verdienst war zwar ziemlich illusorisch, aber die Sache war wichtig; es musste den Genossen geholfen werden, Arbeit zu finden, es mussten alle möglichen Unternehmungen eingerichtet und ärztliche Behandlung ermöglicht werden. Die Kasse war damals ziemlich leer, so dass wir uns mehr mit Projekten als mit realer Hilfe befassten. Ich entsinne mich zum Beispiel des Plans, ein Sanatorium zu gründen, das sich selbst bezahlt machen sollte. Die Schweizer haben derartige Sanatorien: Die Kranken beschäftigten sich einige Stunden täglich mit Garten- und Gemüsewirtschaft oder auch mit Korbflechten in freier Luft usw., wodurch ihr Unterhalt bedeutend verbilligt wird. Unter den Emigranten gab es viele Tuberkulöse.

So lebten wir in Zürich still und zurückgezogen – die Situation aber wurde immer revolutionärer. Abgesehen von seiner Arbeit auf theoretischem Gebiet hielt Lenin die Ausarbeitung einer richtigen taktischen Linie für äußerst wichtig. Er war der Meinung, dass der Moment der Spaltung im internationalen Maßstab gekommen sei, dass man mit der II. Internationale, mit dem Internationalen Sozialistischen Büro brechen müsse, dass man für immer mit Kautsky und Konsorten brechen und beginnen müsse, aus den Kräften der Zimmerwalder Linken eine III. Internationale aufzubauen. In Russland musste der Bruch mit Tschcheïdse und Skobelew unverzüglich herbeigeführt werden, mit den Okisten28, mit denjenigen, die wie Trotzki nicht verstanden, dass im Augenblick jedes Versöhnlertum und alles Einigungsgetue unzulässig waren. Es musste der revolutionäre Kampf für den Sozialismus geführt und die Opportunisten mussten rücksichtslos entlarvt werden, bei denen die Worte nicht mit den Taten übereinstimmten, die in Wirklichkeit der Bourgeoisie dienten und die Sache des Proletariats verrieten. Niemals, so scheint es mir, war Lenin so unversöhnlich gestimmt wie in den letzten Monaten von 1916 und in den ersten Monaten von 1917. Er war zutiefst davon überzeugt, dass die Revolution herannahte.

Am 22. Januar 1917 sprach Lenin in einer Jugendversammlung im Züricher Volkshaus. Er sprach über die Revolution von 1905. In Zürich lebte, wie schon gesagt, zu dieser Zeit viel revolutionär gesinnte Jugend aus anderen Ländern – aus Deutschland, Italien usw. –, die nicht am imperialistischen Krieg teilnehmen wollte. Dieser Jugend wollte Lenin die Erfahrungen des revolutionären Kampfes der Arbeiterschaft möglichst eingehend erläutern, wollte ihr die Bedeutung des Moskauer Aufstands vor Augen führen. Er hielt die Revolution von 1905 für ein Vorspiel der kommenden europäischen Revolution.

Es ist nämlich insofern unbestreitbar", sagte er, „dass diese kommende Revolution auch nur eine proletarische – und zwar in viel tieferer Bedeutung, auch ihrem Inhalt nach –, nur eine proletarische, sozialistische Revolution sein kann! Diese kommende Revolution wird noch in viel größerem Umfange zeigen einerseits, dass nur harte Kämpfe und namentlich Bürgerkriege die Menschheit von dem Joche des Kapitals zu befreien vermögen, andererseits, dass nur die klassenbewussten Proletarier als Führer der großen Mehrheit der Ausgebeuteten auftreten können und auftreten werden."29

Dass dies die Perspektiven waren, daran zweifelte Lenin keinen Moment. Aber wann diese kommende Revolution ausbrechen würde, das konnte er selbstverständlich nicht wissen.

Wir, die Alten, werden vielleicht die entscheidenden Kämpfe dieser kommenden Revolution nicht erleben"30, sagte er mit leiser Trauer im Schlusssatz seines Vortrages.

Und an nichts anderes als an diese kommende Revolution dachte Lenin, für sie lebte und wirkte er.

1 W. I. Lenin: Werke, Bd. 21, S. 4.

2 W. I. Lenin: Werke, 4. Ausgabe, Bd. 35, S. 119, russ.

3 Ebenda, S. 120-122.

4 W. I. Lenin: Werke, 4. Ausgabe, Bd. 36, S. 222, russ.

5 Lenin-Sammelband XIII, S. 152, russ.

6 W. I. Lenin: Werke, 2. Ausgabe, Bd. XVIII, S. 123, russ.

7 Lenin-Sammelband II, S. 221, russ.

8 Muranow erklärte vor Gericht, dass er die Arbeiter unter den Losungen des Zentralkomitees um die Partei organisiert habe, und schilderte die Ausnutzung des Parlaments für revolutionäre Zwecke. Anm. d. russ. Red.

9 W. I. Lenin: Werke, Bd. 21, S. 166/167.

10 Siehe Dokumente und Materialien zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Reihe II, Bd. 1, Dietz Verlag, Berlin 1958, S. 162 u. 169 (Fußnote).

11 W. I. Lenin: Werke, Bd. 21, S. 393/394.

12 Ebenda, S. 389.

13 Ebenda, S. 19.

14 Ebenda, S. 147.

15 Ebenda, S. 343 u. 344.

16 Ebenda, S. 345.

17W. I. Lenin: Werke, 3. Ausgabe, Bd. XIX, S. 434, Anhang, russ.

18 W. I. Lenin: Werke, Bd. zz, S. 178.

19 W. I. Lenin: Werke, Bd. 23, S. 19.

20 Ebenda, S. 69.

21W. I. Lenin: Werke, Bd. 21, S. 415/416.

22 W. I. Lenin: Werke, Bd. 23, S. 64.

23 W. I. Lenin: Werke, 4. Ausgabe, Bd. 35, S. 185, russ.

24 Ebenda, S. 206.

25 Lenin-Sammelband XVII, S. 123, russ.

26Friedrich Engels: Zur Kritik des sozialdemokratischen Programmentwurfes 1891. In: Marx/Engels/Lenin/Stalin: Zur deutschen Geschichte, Bd. II, Dietz Verlag, Berlin 1954, S. 1134.

27 W. I. Lenin: Über Deutschland und die deutsche Arbeiterbewegung, S. 361.

28 Okisten – Anhänger des OK, des Organisationskomitees, das vom Augustblock gewählt wurde. Anm. d. russ. Red.

29 W. I. Lenin: Werke, Bd. 23, S. 261.

30 Ebenda.

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