Franz Mehring: Literarische Rundschau (William Bromme 19070821 Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters)

Franz Mehring: Literarische Rundschau

William Bromme: Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters

21. August 1907

[Die Neue Zeit, 25. Jg. 1906/07, Zweiter Band, S. 717/718. Nach Gesammelte Schriften, Band 11, S. 486 f.]

Lebensgeschichte eines modernen Fabrikarbeiters. Herausgegeben und eingeleitet von Paul Göhre. Verlegt bei Eugen Diederichs, Jena und Leipzig 1905. 369 Seiten. Preis broschiert 4,50, geb. 5,50 Mark.

In diesem Buche erzählt der Parteigenosse William Bromme seine Lebensgeschichte. Weshalb sein Name nicht auf dem Titel steht, ist umso unerklärlicher, als die Tätigkeit des Herausgebers sich auf eine kurze Vorrede ohne bemerkenswerte Gesichtspunkte und eine Kürzung des Manuskriptes um etwa ein Drittel beschränkt. Er hat nicht einmal die grammatikalischen Fehler verbessert, die dem Verfasser gelegentlich mit unterlaufen sind.

Sieht man jedoch von der irreführenden Signatur ab, so ist es an und für sich ganz richtig, dass am Texte Brommes möglichst wenig geändert worden ist. Je frischer und unmittelbarer, umso lehrreicher und wirksamer sind solche Autobiographien. Und nach dem, was in dem ohnehin starken Bande geblieben ist, liegt auch kein Grund vor, daran zu zweifeln, dass die Streichungen des Herausgebers sich, wie er angibt, nur gegen überflüssige und unbedeutende Einzelheiten, gegen Wiederholungen und Weitschweifigkeiten gerichtet haben, wie sie dem ersten Versuch eines mit der Feder immerhin ungeübten Autors anzuhaften pflegen.

Das Buch Brommes stehen wir nicht an, als eine außerordentlich wertvolle Bereicherung der Literatur über die Lage der modernen Arbeiterklasse zu bezeichnen. Diese Literatur hat manches vortreffliche Werk aufzuweisen, aber noch keines, worin sich, um ein Wort Lassalles anzuziehen, ein individuelles Los und Leiden darstellt, das wie in einem Mikrokosmos die zu Grabe keuchende Misere der kapitalistischen Produktionsweise widerspiegelt, und zugleich auch die siegreiche Erhebung aus dieser Misere durch den proletarischen Klassenkampf. Man lernt und versteht daraus vieles, was einem die beredte Sprache wissenschaftlicher Forscher und die noch beredtere Sprache statistischer Ziffern doch nicht klarmachen können, namentlich den psychologischen Umwälzungsprozess, der sich im modernen Proletariat vollzieht und Stein auf Stein zu einer Mauer häuft, die jeder Gewalt und jeder Lüge seiner Unterdrücker einen unerschütterlichen Widerstand entgegenstellt.

Es ist keineswegs in erster Reihe das literarische Talent Brommes, das sein Buch so belehrend und fesselnd macht, obgleich selbstverständlich ein nicht geringes Maß literarischen Talents dazu gehört, eine Komposition von diesem Umfang sicher zu beherrschen. Was solche Darstellungen aus dem Leben der arbeitenden Klassen vor allem wertvoll macht, weil es allein sichere Schlüsse gestattet, das ist die herbe, ja harte Wahrhaftigkeit des Verfassers. Bromme schildert sich selbst als eine sentimentale Natur, der schon bei einer kurzen und in ihrem Anlass erfreulichen Trennung von Weib und Kindern die Tränen ins Auge treten, und nach dem Eindruck, den man aus seiner Darstellung gewinnt, kennt er sich selbst ganz gut. Aber seine Darstellung als solche ist völlig frei von Sentimentalität; er macht nicht die geringste Parade mit dem Elend, von dem er weiß, dass es das Elend seiner Klasse ist. „Ich weiß genau, dass ich Hunderttausende von Leidensgenossen habe, denen es ebenso schlecht geht wie mir, und dass es aber Hunderttausende gibt, die noch schlimmer und schwerer mit dem Dasein zu kämpfen haben als ich." Er schont weder sich noch – was schwerer wiegt – die ihm die Liebsten sind, seine Frau und seinen Vater, aber man hat dabei nicht einen Augenblick auch nur die leiseste Empfindung eines Mangels an Pietät; es ist vielmehr die heiße und tiefe Liebe zu den Seinen, die ihm jedes beschönigende Wort über die gräuliche Zerstörung der Familie durch den Kapitalismus untersagt.

In dem Buche Brommes kann man mit Händen greifen, wie tief und wie völlig unüberbrückbar schon die Kluft ist, die zwischen der bürgerlichen und der proletarischen Welt gähnt, wie ganz undenkbar und unmöglich es ist, über sie noch einmal eine Brücke zu schlagen. Es gibt nur eins von beidem: entweder völliger Zusammenbruch der bürgerlichen Zivilisation in einer Barbarei, wie sie niemals früher das menschliche Geschlecht geschändet hat, oder ihre siegreiche Überwindung durch den Sozialismus. Ein drittes gibt es nicht. Aber auch der erste Teil dieser Alternative ist ausgeschlossen, solange die moderne Arbeiterklasse den Kampf mit dem über sie hereinbrechenden Elend so tapfer und unermüdlich kämpft, wie es einer aus ihrer Mitte in diesem Buche schildert.

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