Franz Mehring 19090219 Friedrich Spielhagen

Franz Mehring: Friedrich Spielhagen

19. Februar 1909

[Die Neue Zeit, 27. Jg. 1908/09, Erster Band, S. 789-791. Nach Gesammelte Schriften, Band 11, S. 101-103]

Am 24. dieses Monats feiert Spielhagen seinen achtzigsten Geburtstag, und auch an dieser Stelle sei dem alten Herrn ein freundlicher Gruß gebracht.

Man gerät heute freilich in den Verdacht unheilbaren Banausentums, wenn man überhaupt von dem Dichter Spielhagen spricht. Die modischen Literaturgeschichten sind darin einig, ihn in ihren Katakomben als einen Leichnam beizusetzen, den es kaum noch zu sezieren lohnt; hingerichtet hat ihn nach ihrer Meinung schon Herr Julius Hart im Jahre 1884. Aber da Herr Julius Hart vom Schafott herab Ernst v. Wildenbruch als Dichter der Zukunft proklamierte, und da er heute der unermüdlichste Vorkämpfer, wenn nicht gar der Vater der berühmten Scherl-Bibliothek1 ist, so beschleichen uns gelinde Zweifel, ob das Henkerschwert doch nicht am Ende nur von Pappe war.

Ohne Zweifel lassen sich den Romanen Spielhagens viele „Kunstfehler" nachweisen, auch sind seine Gestalten manchmal nur Karikaturen. Namentlich, dass Spielhagen die ostelbischen Junker karikiert haben soll, bekümmert die patriotischen Literarhistoriker, obgleich andere Leute in dieser Beziehung viel größeren Anlass zur Beschwerde hätten. Der Held in dem Roman von den Hohensteins ist ein zu neun Zehnteln verkinkelter Marx, und der Held des In-Reih'-und-Glied-Romans ist, wie schon Karl Frenzel beim Erscheinen des Buches treffend hervorhob, um einen Kopf kleiner als sein Urbild Lassalle. Aber bei alledem – Spielhagen hat doch ein Bild seiner Zeit dichterisch zu gestalten gesucht, der Zeit, wie sie sich in ihren großen Kämpfen auswirkte, und er hat es mit wahrlich nicht geringer Kraft versucht, mit einem glänzenden Talent, das die bürgerliche Ästhetik vergebens herunterzusetzen sucht, indem sie es unter Storm und andere ihrer Modedichter stellt. Es ist immer noch eine größere Ehre, im Wettlauf mit einem Balzac zu scheitern, als in holder Harmonie mit den Teekesseln von Husum zu summen.

Spielhagens Zeit waren die beiden Jahrzehnte vom Ende der fünfziger bis zum Ende der siebziger Jahre; in sie fallen seine großen Romane „Problematische Naturen", „Die von Hohenstein", „In Reih' und Glied", „Hammer und Amboss", „Sturmflut". Dabei macht sich in den siebziger Jahren schon ein Nachlassen bemerkbar; ihnen gehört allein die „Sturmflut" an, und auch sie steht trotz oder auch wegen ihrer virtuosen Technik nicht mehr ganz auf der Höhe der früheren Werke. Dazwischen liegt auf der Grenzscheide beider Jahrzehnte noch ein Roman, der vergessenste von allen, die Spielhagen je geschrieben hat, und derjenige, der seinem Verfasser schon in Sprache und Stil am unähnlichsten sieht, so dass man, wenn man ihn liest, immer aufs Titelblatt zu blicken geneigt ist, um sich zu vergewissern, ob er wirklich von Spielhagen herrührt. Dieser hilfloseste aller seiner Romane – er trug, wenn wir nicht irren, den Titel „Allzeit voran" – suchte sich mit dem Jahre 1870 auseinanderzusetzen.

Im Grunde ist an diesem Jahre das Schaffen des Dichters gescheitert. Er verstand die Zeit nicht mehr, die er schildern wollte. Und sie gab ihm Rätsel genug auf. Herr Loewe-Kalbe, jener milde und weise Mann, der den genialen Abenteurer Lassalle „in Reih' und Glied" verweist, wandelte sich vom ehemaligen Präsidenten des Stuttgarter Rumpfparlamentes in den parlamentarischen Kommis für die schutzzöllnerische Agitation der rheinisch-westfälischen Großindustriellen. Und das soll nun solch armer Poet verstehen! Die „Sturmflut" war Spielhagens letzter Versuch, ein Zeitbild zu gestalten, und bei aller Gutgläubigkeit gelang er ihm auch nur als Trugbild; der Dichter sah die kapitalistischen Sünden der Gründerzeit nur in dem verzerrenden Spiegel von Laskers Tugendboldigkeit. Gleich nach dem Erscheinen des Romans ließ sich dann die Bourgeoisie, die ihre politischen Ideale längst in den Schornstein geschrieben hatte, auch wirtschaftlich vom Junkertum ins Schlepptau nehmen, und seitdem hat Spielhagen nur die Unterhaltungsliteratur geschrieben, über die die modischen Ästhetiker die Schalen ihres Zornes ergießen.

Das ist eine Schulmeisterei, die weder dem Dichter noch dem Manne gerecht wird. Spielhagen hat nicht die Götter seiner Jugend, sondern sie haben ihn verlassen, und wenn er zu ehrlich war, ihnen in den Abgrund zu folgen, so dachte er nobel genug, sie nicht zu schmähen, sondern fügte sich resigniert in das bescheidene Los, das ihm nun noch blieb. Aber über der Unfruchtbarkeit seiner letzten Jahrzehnte soll die Saat nicht vergessen werden, die er vor vierzig Jahren ausgestreut hat; die damals jung waren und offenen Herzens für die großen Fragen des Völkerlebens – nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern, namentlich in Russland –, haben für ihr ganzes Leben ein Stück Spielhagen mitgenommen, und ihrer dankbaren Erinnerung darf der greise Dichter an seinem Ehrentage gewiss sein.

1 Scherl-Bibliothek – von dem Verlagsbuchhändler und Zeitungsverleger August Scherl (1849-1921) geschaffene, in der Art einer Leihbibliothek aufgebaute Einrichtung zur Verbreitung von Büchern in bestimmter Reihenfolge.

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