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Franz Mehring 19051101 Die Revolution in Permanenz

Franz Mehring: Die Revolution in Permanenz

1. November 1905

[Die Neue Zeit, 24. Jg. 1905/06, Erster Band, S. 169-172. Nach Gesammelte Schriften, Band 15, S. 84-88]

Glücklich, wer dies glorreiche Jahr hat erleben dürfen, das Jahr der russischen Revolution, die in den Büchern der Geschichte nicht minder Epoche machen wird wie einst die Französische Revolution des Jahres 1789. Von dieser Revolution waren alle Revolutionen des neunzehnten Jahrhunderts nur Abkömmlinge, echte Abkömmlinge zwar, aber doch auch schwächere, was sogar von der europäischen Bewegung des Jahres 1848 gilt. So gewaltig sie war und so weit namentlich ihre mittelbaren Folgen reichten, sie zog doch nur die Konsequenzen des Jahres 1789 für den europäischen Kontinent, und von dem Walle der russischen Grenze ebbten ihre Fluten zurück.

Was die große russische Revolution von der großen französischen Revolution unterscheidet, das ist ihre Führung durch das klassenbewusste Proletariat. Auch die Bastille ist durch die Arbeiter der Antoinevorstadt erstürmt worden; auch den Barrikadensieg vom 18. März 1848 haben Berliner Arbeiter über die preußischen Garden erfochten. Aber die Helden dieser Revolutionen waren zugleich ihre Opfer; schon am Tage nach dem Siege entriss ihnen die Bourgeoisie den Siegespreis. Und hieran sind zuletzt die Revolutionen nach dem Muster von 1789 gestorben; die Gegenrevolution hatte in den Jahren 1848 und 1849 so leichtes Spiel, weil die Arbeiter müde geworden waren, die Kastanien aus dem Feuer zu holen, um von denen betrogen zu werden, die die Kastanien verspeisten, weil ihr Klassenbewusstsein nicht entwickelt genug war, um sich zurechtzufinden zwischen der feudalen Gewalt und dem bürgerlichen Verrat.

Was die Schwäche der europäischen Revolution von 1848 war, das ist die Stärke der russischen Revolution von 1905. Ihr Träger ist ein Proletariat, das jene „Revolution in Permanenz" begriffen hat, die ehedem die „Neue Rheinische Zeitung" noch tauben Ohren predigte1. Indem ihr Blut stromweise unter den Flinten und Säbeln der Zarenschergen floss, hielten die russischen Arbeiter mit zäher Kraft an ihrem Ziele fest, und mit der gewaltigen Waffe des politischen Massenstreiks erschütterten sie die zarische Gewalt in ihren Grundfesten. In dem neuesten Manifest des Zaren dankt die asiatische Despotie für immer ab; indem sie eine Verfassung verheißt, überschreitet sie den Rubikon, über den es keine Rückkehr mehr gibt.

Es ist ein erster großer Erfolg des russischen Proletariats, und ein größerer, als jemals früher das Proletariat eines anderen Landes in einer revolutionären Bewegung errungen hat. Eines heroischen Aufschwunges waren auch die Stürmer der Bastille und die Kämpfer auf den Berliner Barrikaden fähig, aber nicht dieses unermüdlichen und zähen Ringens, das die russischen Arbeiter bewiesen haben, unbeirrt durch alle augenblicklichen Fehlschläge. Jedoch ihr erster Erfolg stellt sie nun vor eine neue und ungleich größere Aufgabe, vor die Aufgabe, auch nach dem Siege in der alten Kampffreudigkeit zu beharren. In der Kriegsgeschichte kehrt die Erfahrung immer wieder, dass auch die tapfersten Truppen nach einem glänzenden Siege schwer ins Feuer zu bringen sind, um durch die Verfolgung des Feindes den Sieg erst fruchtbar zu machen, und zwar um so schwerer, je glänzender der Sieg war. Tief in der menschlichen Natur wurzelt das Bedürfnis nach auslösender Ruhe, wenn sie von einer gewaltigen Spannung befreit ist, und eben hierauf hat die Bourgeoisie noch immer mit glücklichstem Erfolg spekuliert, wenn das Proletariat ihr die Frucht von Bäumen der Revolution geschüttelt hatte.

Nicht mit Unrecht meint ein bürgerliches Blatt, das Manifest des Zaren erinnere lebhaft an die Verheißungen, die Friedrich Wilhelm IV. gab, als die Revolution seinen selbstherrlichen Trotz gebrochen hatte. Es sind in der Tat so ziemlich dieselben Versprechungen: Unverletzlichkeit der Personen, Gewissensfreiheit, Redefreiheit, eine Volksvertretung auf breitem Wahlrecht und mit entscheidender Mitwirkung an der Gesetzgebung. Damals wie jetzt wusste und weiß die bürgerliche Opposition recht gut, dass, wenn ein unterworfener Selbstherrscher solche Zugeständnisse machen muss, diese schönen Dinge nicht bloß als Schaumklöße auf der Suppe der Revolution schwimmen, sondern ihr wirklich reelle Garantien bieten, dass eine Autokratie, die sich unter dem Zwange der Gewalt so weit demütigen musste, niemals wieder ihr Haupt in selbstherrlicher Kraft erheben kann. Aber es liegt in ihrem Interesse, selbst die Errungenschaften der Revolution zu verkleinern, um das Proletariat zu entwaffnen, sie als eine Fata Morgana darzustellen, die nur durch die äußerste Besonnenheit verwirklicht werden könne, vor jedem kecken Krähen zu warnen, das sozusagen die nächtlichen Gespenster wieder verscheuchen könne. So erschallt nach jedem revolutionären Siege das bürgerliche Geschrei nach „Ruhe um jeden Preis", angeblich im Interesse der Arbeiterklasse, tatsächlich aus kaltblütig pfiffiger Berechnung der Bourgeoisie.

Es ist die gefährlichste Stunde jeder Revolution, aber so oft sie bisher dem Proletariat zum Verhängnis geworden ist, diesmal hat die russische Arbeiterklasse die Probe glänzend bestanden, indem sie auf das Manifest des Zaren entschlossen antwortete: die Revolution in Permanenz. Es sind hohe Ehrenzeugnisse für unsere russischen Brüder, wenn bürgerlichen Blättern heute aus Petersburg telegraphiert wird: „Unter dem Einfluss der Sozialisten hat die Stimmung in der Gesellschaft sich bedeutend ungünstiger gestaltet, als heute früh zu erwarten war. Gegenwärtig siegt die ausgezeichnete Organisation der Sozialisten über das Bürgertum." Die russischen Arbeiter denken nicht daran zu entwaffnen; die Siegenden von heute wollen nicht die Enttäuschten von morgen werden, und ebendies ist der welthistorische Fortschritt, den die russische Revolution über ihre Vorgängerinnen macht.

Zwar für die russischen Arbeiter gilt ebenfalls das Wort, dass morgen keine Wunder geschehen werden. Es liegt nicht in ihrer Macht, die historischen Entwicklungsstufen zu überspringen und aus dem zarischen Zwangsstaat im Handumdrehen ein sozialistisches Gemeinwesen zu schaffen. Aber abkürzen und ebnen können sie den Weg ihres Emanzipationskampfes, wenn sie die revolutionäre Macht, die sie errungen haben, nicht den trügerischen Luftspiegelungen der Bourgeoisie opfern, sondern sie immer von neuem einsetzen, um die historische, das will sagen die revolutionäre Entwicklung zu beschleunigen. Sie können sich jetzt in Monaten und Wochen sichern, was ihnen, wenn sie der Bourgeoisie nach erfochtenem Siege das Feld überließen, die mühevollen Anstrengungen von Jahrzehnten kosten würde. Sie können in die neue russische Verfassung nicht die Diktatur des Proletariats, aber sie können das allgemeine Wahlrecht, das Koalitionsrecht, den gesetzlichen Arbeitstag, unbeschränkte Press- und Redefreiheit hineinschreiben und für alle diese Forderungen ebenso sichere Garantien von der Bourgeoisie erzwingen, wie diese für ihre Bedürfnisse vom Zaren erzwingen wird. Allein sie können es nur, wenn sie keinen Augenblick die Waffen ablegen und der Bourgeoisie nicht gestatten, auch nur einen Schritt vorwärts zu machen, ohne dass auch sie einen Schritt vorwärts marschieren.

Ebendies ist die „Revolution in Permanenz", womit die russische Arbeiterklasse das bürgerliche Angstgeschrei nach „Ruhe um jeden Preis" erwidern muss und nach allen bisherigen Nachrichten auch schon erwidert hat. Es ist falsch, zu sagen, dass dadurch dem kaum erst niedergeworfenen Despotismus neue Lebenskraft eingeflößt werden würde. Mit Recht sagt ein Historiker der großen französischen Revolution – wenn wir nicht irren, ist es Tocqueville –, dass ein zusammenbrechendes Regiment niemals schwächer sei als in dem Augenblick, wo es zu reformieren beginne. Und das gilt weit mehr noch, als von dem verfallenden Königtum in Frankreich, von der verfallenden Selbstherrschaft in Russland. Denn ihre ganze Regierungsmaschinerie ist durch und durch verfault. Sobald sie selbst abdankt und auf den Schein von Festigkeit verzichtet, den sie bis dahin noch mühsam aufrechterhielt, ist sie wehrlos gegen jeden kräftigen Stoß. In der Tat bedarf sie der „Ruhe um jeden Preis", wenn sie auf neuer Grundlage wiederhergestellt werden soll. Das ist der verräterische Sinn dieses Schlagworts, das nun hoffentlich für immer seine verhängnisvolle Rolle ausgespielt hat.

So sind die russischen Arbeiter die Preisfechter des europäischen Proletariats geworden. Sie haben das Glück gehabt, das keinem Proletariat der westeuropäischen Nationen beschieden gewesen ist, mit gehäuften Erfahrungen, mit einer klaren, tiefen und weiten Theorie in die Revolution einzutreten, aber sie haben dies Glück zu ihrem Verdienst zu machen verstanden. In jahrzehntelangen Kämpfen und Opfern zahlloser Helden und Heldinnen ist ihnen die Theorie der proletarischen Revolution in Fleisch und Blut übergegangen, und was sie empfangen haben, das geben sie in reichem Maße zurück. Sie haben den Kleinmut beschämt, der vieles für unmöglich hielt, was sie als möglich erwiesen haben; die europäischen Arbeiter wissen heute, dass die Kampfmethoden der alten Revolution sich nur überlebt haben, um neuen und schärferen Kampfmethoden in der Geschichte ihres Emanzipationskampfes zu weichen. In die Arbeiterklasse jedes europäischen Landes sind Funken von der Feuertaufe der russischen Revolution gefallen, und in Österreich glimmen die hellen Brände schon auf.

Nicht zuletzt auch die deutschen Arbeiter stehen mit in dem Kampfe, den ihre russischen Brüder führen; der preußisch-deutsche Vasallenstaat ist so eng mit dem Schicksal des Zarismus verflochten, dass dessen Sturz für das Reich der ostelbischen Junker die tiefsten Wirkungen haben wird. Vielleicht nicht für den Augenblick und vielleicht auch nicht immer in zerstörender Weise; die gewaltigen ökonomischen Umwälzungen, die die russische Revolution in ihrem Gefolge haben wird, können der Brotwucherersippe das Heft noch fester in die Hand drücken. Auf die Dauer aber lässt sich die russische Revolution sowenig in die russischen Grenzen sperren, wie sich einst die Französische Revolution in die französischen Grenzen sperren ließ, und das weiß niemand besser als die herrschenden Klassen in Deutschland.

Wir können sicher sein, dass sie die Entwicklung der russischen Revolution mit der gespanntesten Aufmerksamkeit verfolgen und den Augenblick ergreifen werden, wo sie mit einiger Aussicht auf Erfolg gegen sie einen vernichtenden Schlag glauben führen zu können. Umso weniger darf die deutsche Arbeiterklasse vergessen, dass die Sache ihrer russischen Brüder auch die ihre ist.

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