Rosa Luxemburg 19110829 Wieder Masse und Führer

Rosa Luxemburg: Wieder Masse und Führer

[Leipziger Volkszeitung, Nr. 199 vom 29. August 1911. Nach Gesammelte Schriften, Band 3, 1973, S. 37-42]

Von allen Seiten kommen Nachrichten über die von unsrer Partei veranstalteten Versammlungen und Demonstrationen gegen die Weltpolitik und den Marokkokurs. Überall antworten die Volksmassen auf unsern Appell mit der größten Begeisterung, und dies beweist, wie sehr wir den Empfindungen und der Stimmung der Massen entgegenkommen, indem wir ihnen politischen Ausdruck verleihen, Losung und Richtung geben. Es herrscht jetzt in der gesamten Partei nur eine Meinung darüber, dass eine Massenaktion gegen die Marokkoaffäre, dass eine energische Agitation auf dem Gebiete der Weltpolitik unabweisbare Aufgabe der Sozialdemokratie und dringende Notwendigkeit war.

Und nun drängt sich von selbst die Frage auf: Warum ist diese Aktion nicht schon vor einem Monat, vor zwei Monaten begonnen worden? Die Absendung des deutschen Kanonenboots nach Agadir, mit der Deutschland offiziell in die Marokkoaffäre eingriff, ist am 2. Juli geschehen. Bereits in der ersten Juliwoche war die Protestaktion der französischen und spanischen Sozialisten in vollem Gange. Statt gleich damals mit aller Wucht die Agitation einzuleiten, kommen wir hinterdrein und schleppen uns im Schwange der Ereignisse um mindestens einen bis anderthalb Monate zu spät. Unsre politische Schlagfertigkeit hat in diesem wichtigen Falle viel zu wünschen übriggelassen. Warum?

Man wird antworten: Der Parteivorstand hat einen bedauerlichen Mangel an Initiative bewiesen. Seine Aufforderung zur Aktion erschien erst am 9. August, und so konnten die Versammlungen erst in der zweiten Hälfte des August beginnen. Ja, aber musste denn die Partei erst auf die offizielle Aufforderung des Parteivorstands warten? Wenn heute jedermann in der Partei ausnahmslos die Notwendigkeit der Aktion gegen die Weltpolitik einsieht, konnten denn die lokalen Parteiorganisationen nicht aus eigner Initiative etwas zustande bringen, wie dies z. B. die Stuttgarter1[1] getan haben? Es ist außerordentlich bequem, die ganze Schuld auf den Parteivorstand zu schieben, und er mag auch tatsächlich an seinem Teil einen großen Mangel an Entschlossenheit und Tatkraft an den Tag gelegt haben. Aber ein nicht minder großes Teil der Schuld kommt auf das Konto derjenigen, die alles Heil stets von oben erwarten und selbst in so klar und unzweifelhaft liegenden Fällen vor ein wenig Selbstbetätigung und eigner Initiative zurückschrecken. Freilich erfordern Aktionen der Partei von diesem Maßstab, um mit voller Wucht zu wirken, Einheitlichkeit und Geschlossenheit, die am besten von einem Zentrum aus herbeigeführt werden können. Doch würde gerade nach dieser Richtung auch das Beispiel einiger großer alter Zentren der Parteibewegung die Wirkung sicher nicht verfehlen, die alle übrigen lokalen Organisationen mitreißen würden. Ja, auch der Parteivorstand als leitendes Zentrum würde sich bald gezwungen sehen, jede kräftige Initiative und jeden guten Anfang zu verallgemeinern, indem er sich zum Mundstück und zum Werkzeug des Parteiwillens machen würde, statt dass sich, wie jetzt, umgekehrt, unsre großen und starken Parteiorganisationen als bloß ausführendes Werkzeug der Weisungen des Parteivorstands betrachten.

Es muss auch offen gesagt werden: Erst dann, erst bei der Umkehrung des jetzigen abnormen Verhältnisses würde das Parteileben auf normaler Basis stehen. Die Befreiung der Arbeiterklasse kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein, sagt das Kommunistische Manifest,2[2] und es versteht unter Arbeiterklasse nicht etwa einen sieben- oder auch zwölfköpfigen Parteivorstand, sondern die aufgeklärte Masse des Proletariats in eigner Person. Jeder Schritt vorwärts im Emanzipationskampfe der Arbeiterklasse muss zugleich eine wachsende geistige Verselbständigung ihrer Masse, ihre wachsende Selbstbetätigung, Selbstbestimmung und Initiative bedeuten. Wie soll aber die Aktionsfähigkeit und die politische Schlagfertigkeit der großen Volksmasse sich entwickeln, wenn die Vorhut dieser Masse, die in sozialdemokratischen Parteiorganisationen vereinigten besten, aufgeklärtesten Kreise ihrerseits keine Initiative und Selbständigkeit als Masse entfalten, vielmehr Gewehr bei Fuß stets warten, bis ein Kommando von oben ergeht. Die Disziplin und Geschlossenheit der Aktion ist eine Lebensfrage für Massenbewegungen wie die unsre. Aber die Disziplin im sozialdemokratischen Sinne unterscheidet sich grundsätzlich von der Disziplin eines bürgerlichen Militärs. Hier beruht sie auf der gedankenlosen und willenlosen Unterordnung der Masse der Soldaten unter das Kommando der Obrigkeit, das einen fremden Willen ausdrückt. Die sozialdemokratische Disziplin kann nur die Unterordnung jedes einzelnen unter den Willen und den Gedanken der großen Mehrheit bedeuten. Die sozialdemokratische Disziplin kann also niemals bedeuten, dass sich die achthunderttausend organisierten Parteimitglieder dem Willen und den Bestimmungen einer Zentralbehörde, eines Parteivorstandes zu fügen haben, sondern umgekehrt, dass alle Zentralorgane der Partei den Willen der achthunderttausend organisierten Sozialdemokraten auszuführen haben. Die Hauptsache für eine normale Entwicklung des politischen Lebens in der Partei, die Lebensfrage der Sozialdemokratie beruht somit darauf, dass der politische Gedanke und der Wille der Masse der Partei stets wach und tätig bleiben, dass sie sie in steigendem Masse zur Aktivität befähigen. Wir haben freilich den jährlichen Parteitag als oberste Instanz, die den Willen der Gesamtpartei periodisch fixiert. Aber es ist klar, dass die Parteitage nur große allgemeine Richtlinien der Taktik für den Kampf der Sozialdemokratie geben können. Die Anwendung dieser Richtlinien in der Praxis erfordert eine ständige, unermüdliche Gedankenarbeit, Schlagfertigkeit und Initiative. Die Entscheidungen der Parteitage erschöpfen offenbar nicht im entferntesten die laufenden Aufgaben des politischen Kampfes, denn das Leben steht nicht still, und von einem Parteitag zum andern geschehen manche Dinge zwischen Himmel und Erde, auf die die Partei reagieren muss. Diese ganze enorme Aufgabe der täglichen politischen Wachsamkeit und Initiative einem Parteivorstand zuschieben wollen, auf dessen Kommando die bald millionenköpfige Parteiorganisation passiv wartet, ist das Verkehrteste, was es gibt, vom Standpunkte des proletarischen Klassenkampfes. Das ist zweifellos jener verwerfliche „Kadavergehorsam", den unsre Opportunisten durchaus in der selbstverständlichen Unterordnung aller unter die Beschlüsse der Gesamtpartei suchen wollen.

Man kann in unsern Reihen oft Klagen über den Bürokratismus unsrer obersten Parteibehörden vernehmen, einen Bürokratismus, der die lebendige politische Tatkraft ertöte. Auch diese Klagen sind vollkommen berechtigt. Nur geben sich diejenigen, die sie vorbringen, wohl zu wenig Rechenschaft ab, dass zu einem großen Teil der beklagte Zustand in der Natur der Dinge liegt. Jede Körperschaft mit täglicher amtlicher Bürotätigkeit neigt dazu, in Bürokratismus und Schablone zu verfallen. Außerdem haben so hochgestellte Körperschaften naturgemäß ein stark entwickeltes Verantwortlichkeitsgefühl, das unbestreitbar auf die Initiative und die Entschlossenheit stark lähmend wirkt. Eine wirkliche Remedur gegen diesen Missstand ist nur die lebendige politische Aktivität der Gesamtpartei. Der idealste Parteivorstand einer Partei wie die Sozialdemokratie wäre derjenige, der als das gehorsamste, prompteste und präziseste Werkzeug des Willens der Gesamtpartei fungierte. Aber der idealste Parteivorstand wird nichts ausrichten können, wird unwillkürlich im bürokratischen Schlendrian versinken, wenn die natürliche Quelle seiner Tatkraft, der Wille der Partei, sich nicht bemerkbar macht, wenn der kritische Gedanke, die eigne Initiative der Parteimasse schläft. Ja, noch mehr. Ist die eigne Energie, das selbständige geistige Leben der Parteimasse nicht rege genug, dann haben ihre Zentralbehörden den ganz natürlichen Hang dazu, nicht bloß bürokratisch zu verrosten, sondern auch eine völlig verkehrte Vorstellung von der eignen amtlichen Autorität und Machtstellung gegenüber der Partei zu bekommen. Als frischer Beweis kann der jüngste sogenannte „Geheimerlass" unsres Parteivorstands an die Parteiredaktionen3[3] dienen, ein Versuch der Bevormundung der Parteipresse, der nicht scharf genug zurückgewiesen werden kann. Aber auch hier wieder gilt es sich klarzumachen: Gegen Schlendrian wie gegen übermäßige Machtillusionen der Zentralbehörden der Arbeiterbewegung gibt es kein andres Mittel als die eigne Initiative, eigne Gedankenarbeit, eignes frisch pulsierendes politisches Leben der großen Parteimasse.

Die berührten Fragen haben im gegenwärtigen Augenblick ein mehr als akademisches Interesse. Von verschiedenen Seiten wird in der Partei erkannt, dass der jetzige Zustand des Parteivorstands besserungsbedürftig ist, eine Ergänzung und Erneuerung unsrer obersten Parteibehörde wird als notwendig anerkannt. So schrieb auch vor kurzem unser Elberfelder Organ aus Anlass der Marokkodebatte:

Jedenfalls muss man der ‘Leipziger Volkszeitung' darin beipflichten, dass der Parteivorstand die Initiative zu einer Aktion hätte ergreifen sollen.

Nun sind wir ja auch überzeugt, dass bei näherer Prüfung der Sache die Unterlassungssünde des Parteivorstandes milder zu beurteilen ist. Der Verwaltungsapparat der Partei ist derart umfangreich geworden, dass die Zahl der Mitglieder der Parteileitung nicht mehr genügt, um allen den Anforderungen, die an sie zu stellen sind, so zu entsprechen, wie es notwendig erscheint. Die Lücke des Genossen Singer ist noch nicht ausgefüllt; setzen wir dazu den Fall, ein Mitglied des Parteivorstandes oder gar zwei mögen sich zur Erledigung von Parteigeschäften oder zur Agitation außerhalb Berlins befinden, ein weiteres Mitglied sei krank, ein viertes und fünftes befinde sich in Urlaub — den wird den vielbeschäftigten Mitgliedern des Parteivorstandes gewiss niemand verwehren wollen —, da kann es nicht ausbleiben, dass über plötzlich auftauchende wichtige Fragen eine kleine Minderheit zu entscheiden hat und dass diese Fragen mitunter eine andre Erledigung gefunden haben würden, wenn der Gesamtvorstand zusammen gewesen wäre. Aus diesem Dilemma ist auch wohl der Widerspruch zu erklären, dass der Brief des Parteivorstandsmitgliedes von dem Parteibüro als die Privatauffassung des Briefschreibers bezeichnet wird, während er außerhalb naturgemäß als ein Brief des Parteivorstandes aufgenommen wurde. Der Jenaer Parteitag wird sich zu einer Verstärkung des Parteivorstandes entschließen müssen. Aus zwei Wahlkreisen — Teltow-Beeskow und Berlin I — ist auch bereits ein dahin gehender Antrag gestellt."

Die hier formulierte Ansicht von der Notwendigkeit der Verstärkung des Parteivorstands ist vollkommen richtig, und der kommende Parteitag wird sich seiner wichtigen Aufgabe auf diesem Gebiete nicht entziehen dürfen. Allein, es hieße gegen Übel des Bürokratismus mit rein bürokratischen Mitteln aufkommen zu wollen, wenn sich unsre Partei bei der Verstärkung des Parteivorstands beruhigen und wieder passiv von den „neuen Männern" alles Heil erwarten würde, wie sie z. B. passiv anderthalb Monate auf den Taktstock des Parteivorstands zur Entfaltung der Protestaktion gegen die Marokkoaffäre gewartet hat. Kein Parteivorstand in der Welt kann die eigne Tatkraft der Partei in ihrer Masse ersetzen, und eine millionenköpfige Organisation, die in einer großen Zeit, im Angesicht großer Aufgaben klagen wollte, dass sie nicht die richtigen Führer hat, würde sich selbst ein Armutszeugnis ausstellen, weil sie beweisen würde, dass sie das historische Wesen selbst des proletarischen Klassenkampfs nicht begriffen hat, das darin besteht, dass die proletarische Masse keine „Führer" im bürgerlichen Sinne braucht, dass sie sich selbst Führer ist.

1Am 15. Juli 1911 hatte in Stuttgart eine Protestversammlung stattgefunden, auf der Karl Liebknecht als Referent eine Resolution gegen die Marokkopolitik des deutschen Imperialismus einbrachte, die einmütig angenommen wurde.

2 „dass die Emanzipation der Arbeiterklasse durch die Arbeiterklasse selbst erobert werden muss” stammt tatsächlich aus den von Marx 1864 verfassten Provisorischen Statuten der Internationalen Arbeiterassoziation (Karl Marx, Friedrich Engels, Werke, Band 16, S. 14)

3 Am 8. August 1911 hatte der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands mit einem vertraulichen Schreiben an die Redaktionen der Parteipresse versucht, die Diskussion über Differenzen im Verband der Deutschen Buchdrucker, hervorgerufen durch arbeiterfeindliche Entscheidungen führender Gremien des Verbandes und eine opportunistische Erklärung der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands sowie jegliche Kritik an den Maßnahmen leitender Gewerkschaftsinstanzen zu unterbinden.

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