Rosa Luxemburg 19110731 Friedensdemonstrationen

Rosa Luxemburg: Friedensdemonstrationen

[Leipziger Volkszeitung, Nr. 174 vom 31. Juli 1911. Nach Gesammelte Schriften, Band 3, 1973, S. 12-17]

Die proletarische Friedensdemonstration in der „Neuen Welt" in Berlin am vergangenen Freitag1 wird überall einen tiefen Eindruck gemacht haben. Die spontanen Kundgebungen herzlicher Freundschaft, die in der Riesenversammlung beim Erscheinen der französischen Arbeitervertreter ausbrachen, der nicht enden wollende stürmische Beifall, der jeder Wendung der Redner gegen den Krieg und für die Volksverbrüderung galt, das alles bot das Bild einer wirklichen Demonstration tief empfundener Gefühle und fest gewurzelter Überzeugungen. Die große Masse der aufgeklärten deutschen Arbeiterschaft ist aus tiefster Seele gegen die kapitalistische Weltpolitik mit all ihrer Verlogenheit und all ihrem Schmutz profitgieriger Interessen und gemeinen Völkerraubs aufgebracht. Man kann auch gar nicht wirksamer gegen die drohende Kriegsgefahr und für die Erhaltung des Friedens arbeiten, als indem man der bürgerlichen Öffentlichkeit und den Leuten der imperialistischen Abenteuerpolitik diese Stimmung der werktätigen Volksmassen vordemonstriert. Angesichts des grimmigen Hasses und des kalten Hohns, der von unsern proletarischen Massen bei jeder Erwähnung der Kriegshetze und der sie beschönigenden patriotischen Phrasen kundgegeben wird, angesichts der leidenschaftlichen Entschlossenheit dieser Massen, sich um keinen Preis als Kanonenfutter für den kolonialpolitischen Wahnwitz missbrauchen zu lassen, sind solche Demonstrationen wie die neuliche in Berlin zugleich eine drohende Mahnung, die den herrschenden Politikern ins Gesicht geschleudert wird: Und mit diesen Volksmassen wollt ihr einen Krieg führen? Wehe euch, wenn ihr einen solchen frivolen Versuch macht, denn die Zeiten des Kadavergehorsams und der Unmündigkeit der Massen sind vorbei!

Jeder überzeugte Gegner der imperialistischen Politik und des Militarismus wird deshalb über die Berliner Demonstration in der „Neuen Welt" seine aufrichtige Freude empfunden haben. Und doch mischen sich in diese Freude unwillkürlich einige Misstöne. Dass die Demonstration überhaupt zustande kam, dass die klassenbewusste Arbeiterschaft der Hauptstadt des Reichs Gelegenheit hatte, ihren Gefühlen gegen den Militarismus öffentlich Ausdruck zu verleihen und mit den französischen Proletariern zu fraternisieren, das verdanken wir lediglich den Führern unsrer Gewerkschaftsbewegung. Es muss ihnen hoch als Verdienst angerechnet werden, dass sie einen zufällig in die gespannte weltpolitische Situation gefallenen Besuch der französischen Gewerkschafter, die einer schon früher an sie ergangenen Einladung unsrer Generalkommission jetzt Folge leisteten, zu einer internationalen proletarischen Friedensdemonstration gestaltet haben. Die Vertreter der freien Gewerkschaften haben damit ein sicheres Gefühl für ihre großen Aufgaben und ihre Hingebung an die Lehren des wissenschaftlichen Sozialismus bewiesen. Wo war aber die Partei bei dieser Gelegenheit? War es nicht vielmehr — so muss sich unwillkürlich jeder Genosse fragen — Aufgabe und Pflicht der Sozialdemokratie, eine internationale Friedenskundgebung der Arbeiterschaft zu veranstalten? Freilich, auch die Partei hat dank den Gewerkschaften an der Berliner Demonstration mitgewirkt, war doch die Masse, die in der „Neuen Welt" demonstrierte, sicher aus lauter Parteigenossen und Anhängern der Sozialdemokratie zusammengesetzt, und ein Vertreter des Parteivorstands konnte als Gast bei dieser gewerkschaftlichen Veranstaltung zum Schluss das Wort ergreifen.* Gehörte es sich aber nicht, dass bei einer so eminent politischen und internationalen Angelegenheit die Partei die Führung übernahm und mit der Initiative voranging, statt im Schlepptau der Gewerkschaften zu gehen? Selbstverständlich kann bei Fragen dieses Maßstabs von kleinlichen Konkurrenzrücksichten, vom gegenseitigen Rangablaufen gar nicht die Rede sein. Partei und Gewerkschaften gehören bei jeder größeren Aktion zusammen. Hier handelt es sich aber darum, ob die Sozialdemokratie durch ihren Mangel an Initiative nicht auch mit ihren Pflichten ins Hintertreffen geraten ist, ob die Aktion selbst nicht darunter leidet, dass sich die berufene politische Vertretung der deutschen Arbeiterklasse nicht an ihre Spitze gestellt und alle ihr zu Gebote stehenden Machtmittel entfaltet hat.

Wir haben bereits vor einer Woche an dieser Stelle dargetan, dass die Passivität des Parteivorstands der gegenwärtigen Kriegshetze gegenüber nicht auf einem Zufall beruht, sondern auf einer unseres Erachtens ganz verfehlten taktischen Rücksicht auf die bevorstehenden Reichstagswahlen. Dass die zu raffinierten Spekulationen des Parteivorstands in diesem Falle den Gefühlen, dem Tatendrang der Massen durchaus nicht entsprechen, bewiesen der glänzende Verlauf und die stürmischen Kundgebungen der Berliner Versammlung. Dass das künstliche Trennen der innerpolitischen Fragen von der Weltpolitik bei der Reichstagswahlagitation, das wir an dieser Stelle am 24. Juli kritisierten, der Auffassung weiter Parteikreise ebenso wenig entspricht, beweist u. a. die Äußerung unsres Zentralorgans vom 26. Juli, welches über die Marokkoaffäre schrieb:

Diese Spannung und die Unsicherheit der politischen Situation zwingen die Völker, d. h. die arbeitenden Massen, über deren Köpfe hinweg Diplomaten und kapitalistisch interessierte Kreise Welthändel anzetteln und politische Intrigen spinnen, doppelt auf ihrer Hut zu sein. Das gilt vor allem für das deutsche Volk. Denn in Deutschland hängt der ganze Marokkokonflikt mit all seinen Begleit- und Folgeerscheinungen eng mit der innerpolitischen Situation zusammen. Die kommenden Reichstagswahlen werden sicher in engster Beziehung zu ihm stehen. Die Kundgebungen der konservativen Partei und das Verhalten der bürgerlichen Presse zeigen uns jetzt schon, dass unsere Gegner gern wieder mit kolonialen Schwindelmanövern und ,nationalen' Betäubungsmitteln arbeiten möchten. Da unsere Genossen im Reiche fast überall schon in die Wahlagitation eingetreten sind, muss der Marokkorummel in seinem ganzen Umfange mit in den Bereich der Aufklärung gezogen werden. Die alldeutschen Blätter schreiben, dass das ganze deutsche Volk mit ihrer Marokko- und Kriegshetze einverstanden sei, und weite Kreise im Auslande glauben das. An der Sozialdemokratie ist es, schon jetzt darzutun, dass die Massen des arbeitenden Volkes von imperialistischen Gewaltstreichen nichts wissen wollen. Wenn es bis jetzt hier und da Genossen gegeben hat, die dem Marokkogezänk nicht viel Bedeutung beigelegt haben, so muss ihnen jetzt gesagt werden, dass der gegenwärtige Konflikt weit ernster ist als alle Komplikationen, die uns die leidige Marokkoaffäre seit Jahren gebracht hat."2

Dies war in dem Moment geschrieben, als die englischen Reden und Pressestimmen die internationale Situation aufs äußerste verschärften. Aber die Politik der Arbeiterklasse darf nicht die Sprünge der bürgerlichen Presse mit jeder neuen Telegraphenmeldung mitmachen. Sie muss, unbekümmert und unbeirrt durch das Hin- und Herschieben der Kulissen auf dem weltpolitischen Theater und um die ganze schale Mache, ihren eignen Wegweisern folgen. Hat man einmal den Ernst der Situation erkannt, dann darf sich die Arbeiterschaft nicht durch „beruhigende Nachrichten" in ihrer Wachsamkeit einschläfern lassen. Im Gegenteil, es ist jetzt Pflicht unsrer Partei, eine umfangreiche, systematische Agitation gegen das weltpolitische Abenteuer in Marokko zu entfalten. Da kann es aber bei der Berliner Demonstration, die wir zufällig den Gewerkschaften verdanken, nicht sein Bewenden haben. Hier gehört die umfassende Initiative dem Parteivorstand, der im ganzen Lande durch Versammlungen, Demonstrationen, Flugblätter eine nachdrückliche Aktion der Sozialdemokratie gegen die Weltpolitik und den Militarismus einzuleiten berufen ist.

Die Zurückhaltung unsrer obersten Parteibehörde hat aber noch eine andre wichtige Unterlassung verschuldet. Die Berliner Demonstration der proletarischen Verbrüderung Deutschlands mit Frankreich war veranstaltet aus Anlass einer Abordnung der französischen Gewerkschaften nach Berlin. Dass unsre Gewerkschaften, die auf dem Boden der sozialdemokratischen Auffassung stehen, diese Demonstration ausführten, hat schließlich nur eine Unvollständigkeit verursacht, die am Ende hingehen mag. Auf der andern Seite aber sind dadurch als die Vertreter, als einzige Vertreter des französischen Proletariats Gewerkschaftsführer aufgetreten, die in ihrer grundsätzlichen Auffassung, in ihrer Taktik, in ihrem praktischen Wirken nicht nur mit der deutschen Gewerkschaftsbewegung, sondern auch mit der Sozialistischen Partei Frankreichs, und zwar mit allen Richtungen der geeinigten Partei, scharf auseinandergehen. Die Generalkonföderation der Arbeit3, die in Berlin vertreten war, steht auf rein anarchosyndikalistischem Standpunkt, sie betrachtet den politischen Kampf der Arbeiterklasse als eine „bourgeoise" Verirrung und steuert durch rein gewerkschaftliche Aktion vermittels der „direkten Aktion", d. h. des famosen „Generalstreiks", geradenwegs auf die soziale Revolution los. Daraus folgt selbstverständlich nicht, dass man die internationale Solidarität mit diesen Gewerkschaften, die nach eignen Angaben 600.000 französische Proletarier umfassen, verleugnen sollte. Im Gegenteil, wir müssen mit ihnen rechnen und möglichst mit ihnen gemeinsam vorzugehen suchen, wie dies auch notgedrungen das Streben der französischen Sozialisten im allgemeinen, der guesdistischen Richtung jetzt insbesondere ist. Unsre Gewerkschaften haben also von ihrem Standpunkt völlig korrekt gehandelt, wenn sie — bei aller Betonung der prinzipiellen und taktischen Meinungsverschiedenheiten — mit den französischen Syndikalisten demonstrativ fraternisierten. Aber im Interesse des Sozialismus liegt es jedenfalls nicht, die anarchistischen Gewerkschafter eines Landes, in dem der Sozialismus eine Macht ersten Ranges ist, als die einzigen Vertreter der Arbeiterklasse öffentlich zu feiern und zum Gegenstand einer enthusiastischen Kundgebung deutscher Arbeiter diese Freunde Hervés zu machen, während Männer wie Guesde, Vaillant, Jaurès der Demonstration fernbleiben. Ja, es kommt noch besser. Denn bei der Berliner Demonstration bleibt es nicht. Die deutschen und die französischen Gewerkschaften werden demnächst eine weitere Demonstration in Frankreich4 unter Teilnahme spanischer und englischer Arbeitervertreter veranstalten, d. h., sie werden genau dasjenige ausführen, was die französischen Sozialistenführer vor einigen Wochen vorschlugen, was aber durch die ablehnende Haltung des deutschen Parteivorstandes nicht zustande kam. Vielleicht werden bei dieser zweiten Demonstration Vertreter des französischen Sozialismus und der deutschen Sozialdemokratie wieder als Gäste der Gewerkschaften auftreten dürfen — bei einer Aktion, die von Rechts wegen unter der Leitung und Initiative der sozialistischen Parteien geschehen sollte. Dadurch, dass unser Parteivorstand die Initiative Vaillants und des Internationalen Sozialistischen Büros zu einer internationalen Zusammenkunft ausschlug — ebenso wie er die Einladung zu der Demonstration der Pariser Genossen ohne Folgen gelassen hatte* — mit der altklugen und

immer so bequemen Redensart: „um nicht zu früh das Pulver zu verschießen", hat er die Einladung der internationalen Friedensaktion in die Hände der Gewerkschaften und — in Frankreich — der Anarchosyndikalisten gespielt und nicht nur sich selbst, sondern auch die berufenen Führer des französischen Proletariats dabei in den Hintergrund gedrängt.

Wir glauben, dass es höchste Zeit ist, dass unsre Partei nunmehr nachzuholen sucht, was sie durch verkehrtes Zaudern versäumt hat. Es kann kein besseres Vorspiel zu den Reichstagswahlen geben, keine glänzendere Gelegenheit zur sozialistischen Aufklärungs- und Werbearbeit als die Entfaltung einer umfassenden demonstrativen Massenaktion im ganzen Reiche gegen den Militarismus und für die Völkerverbrüderung. Und zur Einleitung dieser Aktion gehören Vertreter des französischen Proletariats, wie Guesde, Vaillant, Jaurès, nach Deutschland.


1 Aus Anlass des Besuches einer französischen Gewerkschaftsdelegation in Berlin hatte die Berliner Gewerkschaftskommission am 28. Juli 1911 in der „Neuen Welt" eine Kundgebung veranstaltet, die sich unter starker Anteilnahme der Berliner Arbeiterschaft zu einer Demonstration für den proletarischen Internationalismus und gegen die Kolonialpolitik des deutschen und des französischen Imperialismus gestaltete.

* Die Zeitungsmeldung, dass im zweiten Saal der „Neuen Welt" Genosse Müller vom Parteivorstand sprach, ist irrtümlich. Vom Parteivorstand war niemand anwesend als Genosse Molkenbuhr.

2 Die Marokkoaffäre. Neue Gewitterwolken! In: Vorwärts (Berlin), Nr. 172 vom 26. Juli 1911.

3 Confederation Générale du Travail (CGT).

4 Am 4. August 1911 führte die CGT in Paris eine Kundgebung durch, an der neben Mitgliedern der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands und des Vorstandes der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands Vertreter englischer, spanischer und holländischer Gewerkschaften teilnahmen.

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