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Wir haben bisher die Tätigkeit des „Proletariat" von zwei Seiten untersucht: der der Auffassung des politischen Programms, wie es sich in der kurzen Zeitspanne unter dem Einfluss der russischen „Narodnaja Wolja" gestaltete, und der der praktischen Arbeit in der Form, die ihr das politische Programm gab.

Außer durch ihre Taktik unterschied sich die Partei „Proletariat", wie wir wissen, von ihrer russischen Schwester durch ihre entschiedene Anerkennung der Theorie von Marx und Engels, und sie hob diesen Unterschied bereits in ihrem Programm vom Jahre 1882 sowie auch in ihrer Vereinbarung mit der „Narodnaja Wolja" vom Jahre 1884 und schließlich in ihrer propagandistischen Tätigkeit bis zuletzt hervor. In seiner allgemeinen Begründung des Sozialismus blieb das „Proletariat" bis zum letzten Augenblick formell ein Anhänger der westeuropäischen, genauer gesagt, der deutschen Sozialdemokratie.

Diese Tatsache widersprach an und für sich keineswegs dem Verschwörercharakter des „Proletariat". Da der Blanquismus eigentlich keine Theorie war und keine eigene Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung besaß, ließ er sich ungefähr mit jeder sozialistischen Theorie vereinbaren.

Eine sehr interessante Tatsache ist z. B., dass, wie Friedrich Engels feststellte, das erste Manifest, in dem die französischen Arbeiter den „deutschen Kommunismus", das heißt die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus anerkannten, eben das obenerwähnte Programm der französischen Blanquisten aus dem Jahre 1874 war.M

Obwohl die grundlegenden Anschauungen des „deutschen Kommunismus" – die materialistische Geschichtsauffassung, die Theorie des Klassenkampfes, die Theorie der allmählichen gesellschaftlichen Entwicklung – mit der Taktik, beliebig Revolutionen „zu machen", und mit dem Glauben an die Allmacht der politischen Gewalt anfangs wenig übereinstimmten, so war doch diese Verbindung für den französischen Sozialismus ein gewaltiger Fortschritt, von dem ab die neue Epoche in der Geschichte dieser einflussreichen Fraktion der Arbeiterbewegung Frankreichs datiert.

Seitdem näherten sich nämlich die französischen Blanquisten nicht nur in der Theorie, sondern auch in ihrer Auffassung der unmittelbaren Aufgaben immer mehr dem Standpunkt der Sozialdemokratie. Schon in den neunziger Jahren war die Partei Edouard Vaillants nur noch dem Namen nach „blanquistisch", in Wirklichkeit jedoch vollkommen sozialdemokratisch. Die unlängst vollzogene völlige Vereinigung1 dieser Organisation mit der Partei der französischen Marxisten krönte eine natürliche Entwicklung, deren Weg die Blanquisten schon in den siebziger Jahren beschritten hatten.

Für den polnischen Sozialismus, dessen Ausgangspunkt der „deutsche Kommunismus" zu Beginn der achtziger Jahre war, bedeutete jedoch die Verbindung der Marxschen Doktrin mit der blanquistischen Taktik der „Narodnaja Wolja" durchaus keinen Schritt vorwärts in seiner eigenen Entwicklung, noch sicherte sie ihm zugleich die Überlegenheit über den damaligen russischen Sozialismus. Im Vergleich zum russischen Sozialismus hatte er im Gegenteil an innerer Einheitlichkeit und Konsequenz verloren.

Da es, wie wir sagten, eine Tatsache ist, dass sich der Blanquismus in seinem eigentlichen Vaterland, in Frankreich, zu keiner eigenen Gesellschaftstheorie finden konnte, wodurch er gezwungen war, fremde, sogar seinem Wesen widersprechende Theorien zu übernehmen, so stellt in dieser Hinsicht gerade der russische Sozialismus eine Ausnahme dar.

Hier fand durch ein besonderes Zusammentreffen von Umständen die Taktik des Blanquismus zum ersten und einzigen Mal in ihrer Geschichte eine bestimmte spezifische Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung, die dem Blanquismus – wenigstens scheinbar – eine gewisse materielle Grundlage gab, eine bestimmte Begründung, die eine abgeschlossene historische und soziale Weltanschauung bildete. Diese Grundlage war eben die Theorie der Volkstümler.

Wie wir wissen, stützte sich der Blanquismus auf die Vermutung, dass es möglich sei, die bestehende Ordnung beliebig zu stürzen und die sozialistische Ordnung einzuführen, ohne sich dabei auf eine andere Legitimation berufen zu können als auf die entscheidende Kraft der politischen Gewalt. Die Theorie der Volkstümler füllte diese Lücke glücklich aus, wenn nicht durch eine allgemein-soziale Doktrin, so wenigstens mit Hilfe der rein russischen Theorie der Obschtschina.

Da die Volkstümler in den Überresten des russischen Gemeindeeigentums, das übrigens, wie wissenschaftliche Untersuchungen längst nachgewiesen haben, eine Schöpfung rein staatlichen fiskalischen Charakters war, verbunden mit der Institution der Leibeigenschaft – da sie also in diesen Überresten ein natürliches Prinzip der Volkswirtschaft und der Psyche des russischen Bauerntums sahen, meinten sie, dass sie in den Überbleibseln der Obschtschina den archimedischen Punkt zur direkten Einführung des Sozialismus in Russland besitzen. Die Umgehung aller Entwicklungsphasen im Sinne der blanquistischen Aktion fand hier also eine scheinbare Begründung in dem besonderen System der russischen Dorfwirtschaft, nach der die Entwicklung der kapitalistischen Produktion und der bürgerlichen Gesellschaftsordnung in Russland geradezu eine Abweichung und Umkreisung des geradesten und kürzesten Weges zum Sozialismus zu sein schien.

Indem die „Narodnaja Wolja" diese Erklärung der gesellschaftlichen Entwicklung Russlands von den Volkstümlern übernahm, stand sie in ihrer Auffassung über die Aktion und die unmittelbaren Aufgaben des Sozialismus gewissermaßen auf festem Boden. Inwieweit die Theorie des „eigenständigen" historischen Weges Russlands falsch war, wissen wir schon auf Grund einer allseitigen Beurteilung in den Veröffentlichungen der russischen Gruppe „Befreiung der Arbeit"2 (oswoboshdenije truda). Aber es geht im vorliegenden Falle nicht um die Richtigkeit oder Unrichtigkeit dieser Anschauungen, sondern um ihre Übereinstimmung mit der besonderen Taktik der russischen Terroristen.

Und wirklich, da die ökonomische und soziale Grundlage für die Verwirklichung des sozialistischen Ideals in Gestalt der Obschtschina im Schoße der russischen Gesellschaft schon gegeben und fertig war, so brauchte man sich natürlich nur der Staatsmaschinerie zu bemächtigen und das Hindernis für die spontane Entwicklung des Sozialismus zu beseitigen, das die selbstherrliche Regierung darstellte. Wenn andererseits das kommunistische Ideal schon als angeborener natürlicher Instinkt im Geist und in der Seele des Volkes vorhanden war, so fiel der sozialistischen Partei nur die Aufgabe zu, das Volk zur Macht und zur Entscheidung zu berufen, eine spezielle Agitation zwecks Aufklärung und Organisierung der Massen war überflüssig.

So bildete also die Taktik der „Narodnaja Wolja" mit ihrer grundlegenden Theorie von der besonderen historischen Entwicklung Russlands ein gewisses einheitliches Ganzes. Ganz anders verhielt sich die Sache im „Proletariat". Hier stand die Taktik auf Schritt und Tritt im Widerspruch zu den allgemeinen Grundsätzen des Sozialismus, die von der Partei angenommen und propagiert wurden.

Während die russischen Sozialisten beabsichtigten, dank der Obschtschina durch Überspringen der ganzen Periode der bürgerlichen Gesellschaftsordnung zum Sozialismus zu gelangen, so wollten die polnischen Sozialisten, die umgekehrt ihre Daseinsberechtigung auf das kapitalistische System der ökonomisch-gesellschaftlichen Verhältnisse im Königreich stützten, gleichzeitig die Phase der bürgerlich-parlamentarischen Regierungen umgehen, die doch die natürliche Konsequenz und das politische Korrelat der entwickelten kapitalistischen Wirtschaft darstellen.

Während die „Narodnaja Wolja" auf die angeborenen kommunistischen Anschauungen der russischen Bauernschaft spekulierte, lehnte dagegen das „Proletariat", das erst mit der Herausbildung des sozialistischen Bewusstseins im polnischen Industrieproletariat rechnete, gleichzeitig die politischen Bedingungen ab, unter denen sich jenes Bewusstsein allein im Klassenkampf in einem beträchtlichen Maße entwickeln konnte. Auf diese Weise rief die marxistische Weltanschauung, statt die Überlegenheit des polnischen Sozialismus über den „einheimischen" Sozialismus Russlands darzustellen, in ihm im Gegenteil nur eine Reihe innerer Widersprüche hervor.

Andererseits musste in Anbetracht der besonderen politischen Formen des Zarismus, unter denen das „Proletariat" seine Tätigkeit ausübte, dieser Widerspruch, hervorgerufen durch die Verbindung der blanquistischen Taktik mit der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, ganz entgegengesetzte Resultate hervorbringen, als wir in Frankreich gesehen haben. Hier, wo im besprochenen Moment das Tätigkeitsgebiet des Sozialismus in den siebziger Jahren und später die Dritte Republik war, also eine bürgerliche Formation in ihrer höchsten politischen Entwicklung, musste die blanquistische Verachtung für die „parlamentarischen Turniere" und ähnliche „Kompromisse" in Anbetracht dessen, dass die Bedingungen für einen breiten täglichen Klassenkampf bereits vorhanden waren, eine mehr oder weniger unschädliche Phrase bleiben. Hier musste die Theorie, in deren Richtung die Sozialisten auf Schritt und Tritt unwillkürlich von der Praxis des politischen Lebens und dem sich immer mächtiger entwickelnden elementaren Klassenkampf gedrängt wurden, nach einer gewissen Zeit siegen und die ihr widersprechende Taktik beseitigen, was auch, wie wir sagten, tatsächlich stattgefunden hat!

Im Königreich dagegen, unter den Bedingungen der absolutistischen Regierungen des Zarismus, war die Verachtung des „bürgerlichen Liberalismus" kein Ausdruck der Enttäuschung, genauer gesagt, des Unverständnisses für den historischen Wert der schon erworbenen demokratischen Formen, sondern der Gleichgültigkeit, sie zu erringen.

Aber in Anbetracht dessen, dass gerade die Beseitigung des Zarismus und die Eroberung demokratischer Formen innerhalb des russischen Staates eine Frage von Leben und Tod für die sozialistische Bewegung ist, musste also die Taktik des „Proletariat", die diese Lebensfrage auf so verhängnisvolle Weise beiseite schob, einen entscheidenden Einfluss ausüben. Ganz anders als in der Geschichte der französischen Blanquisten, musste hier die Taktik die praktische Bedeutung der ihr widersprechenden propagierten Theorie zunichte machen oder, genauer gesagt, alle Begriffe der Theorie nach ihrem Muster umformen.

Die Aufgaben des Historikers und Kritikers gesellschaftlicher Theorien wären im Grunde genommen eine äußerst platte und einfache Sache, wenn die Worte und Begriffe stets denselben ideologischen Inhalt, sozusagen im erstarrten Zustand, enthielten, wenn sie Umlaufzeichen für stets dieselben ideologischen Werte wären. In Wirklichkeit ist es genau umgekehrt, und man kann in gewissem Sinne sagen, obwohl es paradox klingt, dass nichts eine so ungenaue Vorstellung über das geistige Antlitz irgendeiner Partei der Vergangenheit gibt wie ihre eigenen Worte.

Wollte irgend jemand die Partei „Proletariat" lediglich auf Grund der von ihr in Veröffentlichungen geäußerten allgemeinen Ansichten über die Grundlagen und Aufgaben des Sozialismus beurteilen, so müsste er über den Nachdruck erstaunen, mit dem sie bis zum Ende Anschauungen aus dem theoretischen Schatz des Marxismus wiederholte. Da wir jedoch die konkrete Art und Weise kennen, in der das „Proletariat" seine allgemeinen Grundsätze- und die für seine Tätigkeit daraus gezogenen Schlussfolgerungen anwandte, wissen wir, dass es mit der Zeit nur noch die Sprache des Marxismus war, mit der die Partei völlig unmarxistische Begriffe ausdrückte.

Das „Proletariat" erkannte ganz im Geiste des Kommunistischen Manifestes an, dass die eigentliche Grundlage für die sozialistische Bewegung und für die Verwirklichung des Sozialismus die „bürgerliche Ordnung" ist. Aber es verstand darunter nur die ökonomische Seite, die kapitalistische Produktionsweise, nicht aber auch die politische, die unmittelbare Herrschaft der Bourgeoisie in der Regierung und Gesetzgebung. Zugleich hielt das „Proletariat" für die Grundlage des Sozialismus die Existenz der kapitalistischen Wirtschaft in bestimmten Dimensionen, nicht aber ihre Entwicklung, hielt es den Kapitalismus für einen Zustand und nicht für einen Prozess.

Weiter erkannte das „Proletariat" die „Organisation der Arbeiterklasse" als Gewähr für die Verwirklichung des sozialistischen Umsturzes an. Aber es verstand darunter eine Vereinigung der Arbeitermassen nur für den Moment des sozialen Umsturzes, nicht für den täglichen Kampf gegen die herrschenden Klassen; das „Proletariat" hielt es für möglich, die Massen durch die Verbreitung der Ansicht von der Unerlässlichkeit der Revolution zu organisieren, nicht allmählich im Laufe des Kampfes selbst im Namen der Tagesinteressen, mit einem Wort, es verstand die Organisation der Arbeiterklasse als ein künstliches Produkt der sozialistischen Agitation und nicht als ein natürliches historisches Produkt des Klassenkampfes, in die die sozialistische Agitation nur das Bewusstsein hineinträgt.

Das „Proletariat" erkannte zwar den „Klassenkampf" als das A und O des Sozialismus an, verstand aber darunter hauptsächlich den Zusammenstoß des Proletariats mit der Bourgeoisie in der Form einer Revolution und hielt auf diese Weise ein Moment des historischen Prozesses für den Gesamtprozess.

In Anbetracht all dieser Begriffsverkehrungen drückte schließlich auch die „soziale Revolution" im Sprachgebrauch des „Proletariat" etwas ganz anderes aus als im Sinne der Sozialdemokratie, indem sie nicht das politische Resultat der Reife der Produktivkräfte bedeutete, Fesseln des Kapitalismus zu sprengen, sondern lediglich das Resultat der beliebigen Anwendung der politischen Gewalt durch eine kleine Minderheit von Sozialisten, die das Volk auf Grund seiner Unzufriedenheit mit der bestehenden Ordnung und seiner Sehnsucht nach Änderung zum Besseren mitreißt.

Auf diese Weise wurden in der allmählichen geistigen Veränderung der polnischen Sozialisten ihre ursprünglichen theoretischen Anschauungen zu Denkformen, aus denen der eigentliche Inhalt vollkommen verschwunden war und die sie mit blanquistischem Inhalt füllten.

M „Der zweite Punkt des Programms", schreibt Engels, „ist der Kommunismus. Hier finden wir uns schon viel heimischer, denn das Schiff, auf dem wir hier segeln, heißt: ,Manifest der Kommunistischen Partei', veröffentlicht im Februar 1848. Bereits im Herbst 1872 hatten die aus der Internationalen austretenden fünf Blanquisten sich zu einem sozialistischen Programm bekannt, das in allen wesentlichen Punkten das des jetzigen deutschen Kommunismus war, und ihren Austritt nur damit begründet, dass die Internationale sich weigerte, nach Art dieser Fünf Revolution zu spielen. Jetzt adoptiert der Rat der Dreiunddreißig dies Programm mit seiner ganzen materialistischen Geschichtsanschauung, wenn auch die Übertragung desselben ins blanquistische Französisch gar manches zu wünschen lässt, soweit nicht das ,Manifest' ziemlich wörtlich beibehalten wurde." Friedrich Engels: Internationales aus dem Volksstaat, S. 44. [Friedrich Engels: Flüchtlingsliteratur. II. Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 18, S. 532/533.]

1 Am 3. November 1901 hatten sich auf der Konferenz von Ivry zwei Richtungen in der französischen Arbeiterbewegung, die Blanquisten und Guesdisten, zur Parti Socialiste de France (Sozialistischen Partei Frankreichs) zusammengeschlossen. Der erste Landeskongress vom 26. bis 28. September 1902 in Commentry war für die weitere organisatorische und ideologische Festigung dieses Bündnisses von großer Bedeutung.

2 Im Herbst 1883 hatte G. W. Plechanow die Gruppe „Befreiung der Arbeit" gegründet. Sie war die erste russische Organisation, die das Volkstümlertum vom marxistischen Standpunkt aus kritisierte.

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