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Schon seit vielen Jahren finden am Jahrestage des Heldentodes von Kunicki, Bardowski, Ossowski und Pietrusiński1 an den Gräbern der für die Sache des internationalen Sozialismus Gefallenen sozialpatriotische Umtriebe statt, die das Andenken der Gründer der ersten sozialistischen Partei in Polen2 verletzen. Wir denken hier an die alljährlichen Feiern, die insbesondere im Ausland von den Organisationen der Polnischen Sozialistischen Partei3 veranstaltet werden und den Zweck haben, die Vergangenheit der polnischen Arbeiterbewegung zugunsten des heutigen Nationalismus, der sich hinter dem Banner des Sozialismus verbirgt, zu usurpieren. Wir denken an die aufdringlichen Huldigungen der PPS, einer Richtung, deren programmatische Bekenntnisse und politische Ethik unvereinbar sind mit dem ganzen Leben und der Tätigkeit der Gefallenen.

Gestalten, die auf einem solchen geistigen Niveau wie jene vier stehen, die für die Idee erhobenen Hauptes in den Tod gingen und sterbend noch den zurückgebliebenen Genossen Worte der Ermutigung und Begeisterung zuriefen, sind zweifellos nicht das ausschließliche Eigentum irgendeiner Partei, Gruppe oder Sekte. Der Platz solcher Schatten ist im Pantheon der ganzen Menschheit, und es ist jedem gestattet, der die Idee der Freiheit aufrichtig liebt, welchen Inhaltes und welcher Form sie auch ist, ihnen seine Huldigung als verwandten Geistern darzubringen und ihr Andenken zu ehren. Sofern sich besonders die polnische akademische Jugend an den Gedenkfeiern zu Ehren des „Proletariat" zahlreich beteiligt, begrüßen wir das mit ehrlicher Freude als ein Zeichen des Idealismus und der vielversprechenden revolutionären Sympathien in den Kreisen unserer Intelligenz.

Wir wollen also das Andenken der Helden des „Proletariat" nicht zu unserem Monopol erklären oder wegen enger Parteiinteressen darum kämpfen wie um den Leichnam des Patroklos. Aber wenn die Ehrung des Andenkens der Gehenkten zu einem gedankenlosen und marktschreierischen Sport wird, wenn sie zu einer gewöhnlichen Reklame eben für das Geschäft einer bestimmten politischen Gruppe erniedrigt worden ist, ja wenn für diese niedrigen Absichten die eigenen Ideen und die eigenen Taten der Anhänger des „Proletariat", für die sie ins Martyrium gegangen sind, vor dem Antlitz der öffentlichen Meinung rücksichtslos zerstört und verfälscht werden, dann ist es die einfachste Pflicht derjenigen, die dem Geiste ihrer Prinzipien nach in erster Linie die Erben der revolutionären Traditionen des „Proletariat" sind, laut zu protestieren. Wir sind überhaupt nicht Anhänger dieses regelmäßigen, alljährlichen Feierns der revolutionären Gedenktage, das schon durch seine mechanische Regelmäßigkeit zu einer alltäglichen und, wie alles Gewohnheitsmäßige, in einem gewissen Maße zu einer banalen Sache wird. Wir sind jedoch der Meinung, dass im gegenwärtigen Augenblick die geeignetste Huldigung für die Gefallenen des 28. Januar sein wird, nachzuweisen, dass ihre Gräber nicht der passende Ort sind, um sozialpatriotische Purzelbäume zu schlagen oder Zinnsoldaten für den „nationalen Aufstand" abzurichten.

Darüber hinaus sind überhaupt die Traditionen der vorangegangenen Phasen der sozialistischen Bewegung in unserem Lande der gegenwärtigen Generation polnischer Revolutionäre leider so wenig bekannt, dass es nach unserer Meinung an der Zeit ist, die Erinnerungen an die vergangene Geschichte unseres Kampfes aufzufrischen, die eine reiche Schatzkammer sowohl für die moralische Stärkung als auch für den politischen Unterricht in der Gegenwart sind. Es ist vor allem höchste Zeit, das geistige Antlitz der ersten stark organisierten und einflussreichen sozialistischen Partei in Polen, des „Proletariat", im Lichte ihrer Worte und Taten, im Lichte der historischen Wahrheit zu zeigen.

Wer das politische Gedankengut der Partei „Proletariat" richtig verstehen und einschätzen will, muss von vornherein davon ausgehen, dass diese Partei ihrem Programm nach nicht einheitlich gewesen ist, sondern dass sich ihr Programm und ihre Richtung aus zwei verschiedenen Elementen zusammensetzte: dem Einfluss des Westens und dem Einfluss Russlands, der Theorie von Marx und der Praxis der „Narodnaja Wolja".

Die gesellschaftlichen Bedingungen des Königreichs4 in den achtziger Jahren waren eine durchaus günstige Grundlage für eine Arbeiterbewegung im europäischen Sinne dieses Wortes. Das Aufblühen der Industrie nach dem Zusammenbruch des letzten Aufstandes5 und nach der Bauernreform6 vollendete den endgültigen Triumph des Kapitalismus sowohl in der Stadt als auch teilweise auf dem Lande. Die Theorie von der organischen Arbeit7 entfernte aus der Gesellschaft die Reste der aristokratisch-nationalen Ideologie und leitete die gesellschaftliche und intellektuelle Herrschaft der Bourgeoisie in einer so nackten Form ein wie in keinem anderen Lande. Die modernen Klassengegensätze, die ökonomische Besonderheit und die gesellschaftliche Bedeutung des Industrieproletariats traten sichtbar zutage. Die objektiven Bedingungen, von der Marxschen Lehre als Grundlage angenommen, waren also im Königreich in jeder Hinsicht in hohem Grade entwickelt, und folgerichtig stellte sich das „Proletariat" in der gesamten Begründung seiner sozialistischen Bestrebungen auf den Boden des Marxismus.

Bewusst und deutlich spricht das der im Jahre 1882 herausgegebene „Aufruf des Arbeiterkomitees der Sozialrevolutionären Partei ,Proletariat' " in seinem zweiten Abschnitt aus:

In der allgemeinen Entwicklung der europäischen Völker bildet unser Land keine Ausnahme: Seine vergangene und gegenwärtige Ordnung, die auf Ausbeutung und Unterdrückung beruht, gibt unserem Arbeiter nichts als Not und Erniedrigung. Unsere Gesellschaft trägt heute alle Merkmale der bürgerlich-kapitalistischen Ordnung in sich, obwohl das Fehlen politischer Freiheiten ihr ein abgezehrtes und krankhaftes Aussehen verleiht. Das ändert jedoch nicht den Kern der Sache."A

Ebenso deutlich ist hier der Sozialismus auf eine rein klassenmäßige, moderne Grundlage gestellt:

In Anbetracht dessen, dass sich die Interessen der Ausgebeuteten nicht mit den Interessen der Ausbeuter in Einklang bringen lassen und sie in keiner Weise im Namen einer fiktiven nationalen Einheit denselben Weg gehen können, in Anbetracht jedoch dessen, dass das Interesse sowohl der städtischen Arbeiter als auch des arbeitenden Volkes auf dem Lande ein gemeinsames ist, trennt sich das polnische Proletariat vollkommen von den privilegierten Klassen ab und nimmt mit ihnen als selbständige, in ihren ökonomischen, politischen und moralischen Bestrebungen völlig verschiedene Klasse den Kampf auf."B

Indem der Aufruf dann von vornherein auf den von Grund auf internationalen Charakter des sozialistischen Klassenkampfes hinweist, unterstreicht er schließlich, dass „die Grundlage der gesellschaftlichen Verhältnisse die ökonomischen Bedingungen sind, dass also alle anderen Erscheinungen des gesellschaftlichen Lebens diesen Bedingungen untergeordnet sind"C, womit er den historischen Materialismus als das Fundament seiner Weltanschauung formell anerkennt.

Insofern waren die Anschauungen des „Proletariat" in allen ihren entscheidenden Punkten eine Übertragung der Prinzipien des Kommunistischen Manifestes von Marx und Engels auf polnischen Boden.

Aber diese allgemeine Kritik des Kapitalismus besagt an sich noch nichts über die Art der direkten Aktion der Partei, über ihr politisches Programm und ihre Taktik. Zwischen der Anerkennung der allgemeinen Grundlagen des wissenschaftlichen Sozialismus und den sich daraus ergebenden entsprechenden Schlussfolgerungen in bezug auf die Tätigkeit der Partei und ihre Aufgaben, mit einem Wort, zwischen der Theorie des Kommunistischen Manifestes und dem direkten Programm und der Praxis der Sozialdemokratie liegt ein ganzer Abgrund. Die politischen Anschauungen des „Proletariat" wurden dagegen entscheidend von der russischen „Narodnaja Wolja" beeinflusst.

Diese entsprach in ihrer ganzen geistigen Gestalt vollkommen anderen gesellschaftlichen Bedingungen. Auf dem Boden einer schwach entwickelten kapitalistischen Wirtschaft der im Gesamtkomplex des gesellschaftlichen Lebens überwiegenden landwirtschaftlichen Verhältnisse und der Überreste der jahrhundertealten russischen Gemeindeherrschaft entstanden, stützte sich die sozialistische Theorie der „Narodnaja Wolja" nicht auf das städtische Proletariat, sondern auf die Eigentümerin – die Bauerngemeinde, strebte sie nicht die Realisierung der Ergebnisse des Kapitalismus an, sondern Verhütung dieser Ergebnisse. Sie suchte ihre Waffe nicht im Klassenkampf, sondern in dem Streben einer entschlossenen Minderheit, an das Ruder des Staates zu gelangen. Wenn wir noch den subjektiven Idealismus als Grundlage der historischen Anschauungen des „Volkstümlertums" hinzufügen, so erhalten wir im Resultat eine Theorie, die sich in allen ihren Teilen von den allgemeinen Prinzipien des „Proletariat" unterscheidet.

Zwar war auch die „Narodnaja Wolja" kein völlig einheitliches Gebilde; Keime der Marxschen Theorie und Einflüsse des Westens lassen sich auch hier in manchem Punkt wahrnehmen. Auch das politische Programm der „Narodnaja Wolja" ist nicht leicht zu bestimmen. Deshalb kann man sich erst auf Grund einer ernsthaften Überlegung und Analyse der periodischen Literatur dieser Partei zu einer kategorischen Antwort entschließen auf die Frage: Wie ist die politische Aktion der „Narodnaja Wolja" eigentlich zu verstehen? Beabsichtigte sie, den Sturz der Selbstherrschaft zu erreichen und den Semski Sobor8 einzuberufen, um sofort Übergangsmaßnahmen in sozialistischem Geiste zu ergreifen, um vor allem die Gemeindeherrschaft als künftige Grundlage der sozialistischen Ordnung zu festigen, oder aber strebte sie vielleicht danach, vor allem die gewöhnlichen konstitutionellen Freiheiten zu erzwingen? Wie wir weiter unten sehen werden, ließen sich auch seinerzeit Stimmen vernehmen, die die „Narodnaja Wolja" in diesem letzteren Sinne verstanden wissen wollten. Doch die politische Taktik der „Narodnaja Wolja" lässt sich zweifellos am besten bestimmen, suchen wir das entsprechende Etikett in der Geschichte des westeuropäischen Sozialismus in dem Begriff des Blanquismus, das heißt einer Taktik, die einerseits darauf gerichtet ist, das Vertrauen der Volksmassen zu gewinnen, und andererseits, die Macht durch eine Partei von Verschwörern an sich zu reißen, um, auf die Massen gestützt, vom sozialistischen Programm „soviel wie möglich" durchzuführen. An eine solche Einschätzung hält sich die russische Sozialdemokratie, die in ihrer programmatischen Literatur die historische Weltanschauung sowie auch die ökonomischen Theorien des „Volkstümlertums" und die politischen Methoden der „Narodnaja Wolja" einer ausführlichen und erschöpfenden Kritik unterzogen hat.

Angesichts so widersprüchlicher Anschauungen scheint der Einfluss der „Narodnaja Wolja" auf das „Proletariat" zunächst eine unverständliche Erscheinung zu sein, und die Verbindung so verschiedenartiger Elemente zu einem Ganzen eine schwer zu lösende Aufgabe. Während sich das „Proletariat" in seinen Grundanschauungen auf allgemein-europäische, internationale Grundlagen stützte, war die „Narodnaja Wolja" eine spezifisch russische, einheimische Erscheinung eigener Art. Wie und weshalb die Verbindung dieser beiden vollkommen verschiedenartigen Elemente trotzdem erfolgte, das ist eine Frage, deren richtige Klärung umso wichtiger ist, als gerade sie die entscheidende Rolle in der Geschichte und im Schicksal der Endphase des „Proletariat" gespielt hat.

II

In der geistigen Entwicklung der Schöpfer der Partei „Proletariat" kann man drei Phasen unterscheiden, deren mittlere, in bezug auf das Programm die wichtigste, gänzlich mit der Tätigkeit des klügsten Kopfes und des einflussreichsten Führers des damaligen Sozialismus in Polen, Ludwik Waryński, verbunden ist. Die erste Phase, die ungefähr bis zum Jahre 1880 dauerte, ist die Periode der theoretischen Gärung, deren Bereich hauptsächlich die sozialistische Emigration in der Schweiz umfasst und deren literarisches Ausdrucksmittel die in Genf erscheinende „Równość" (Gleichheit) ist. Hier sehen wir zwar schon eine teilweise Anerkennung der Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus, insbesondere seiner ökonomischen Seite, sowie auch der Gesamtkritik der bürgerlichen Ordnung, aber hinsichtlich der praktischen Anwendung dieser Theorie, hinsichtlich des Programms einer unmittelbaren Tätigkeit ist der Standpunkt der „Równość" noch vollkommen nebelhaft. Ihr Programm ist das sogenannte Brüsseler Programm, das im Jahre 18789 aufgestellt wurde. Nachdem es die ökonomischen und gesellschaftlichen Grundsätze der sozialistischen Gesellschaftsordnung in den ersten vier Punkten aufgezählt hat, verkündet es im folgenden, dass die Verwirklichung dieser Prinzipien die Aufgabe der „allgemeinen und internationalen Revolution" sein soll, und fordert auf dieser Grundlage die nicht sehr verständlichen „föderativen Vereinigungen mit den Sozialisten aller Länder". In bezug auf die praktische Tätigkeit enthält das Programm nur die ziemlich rätselhafte Erklärung, dass „der Grundsatz unserer Tätigkeit die moralische Übereinstimmung der Aktionsmittel mit dem gesteckten Ziel" ist, und nennt ganz allgemein als „Mittel, die zur Entwicklung unserer Partei beitragen": die Organisation der Volkskräfte, die mündliche und schriftliche Propaganda der Grundsätze des Sozialismus sowie die Agitation, „das heißt Proteste, Demonstrationen und überhaupt den aktiven Kampf gegen die gegenwärtige Gesellschaftsordnung im Geiste unserer Prinzipien".

Schließlich lesen wir dort noch die Bemerkung, dass angesichts der Unwirksamkeit legaler Mittel dieses Programm „nur auf dem Wege der sozialen Revolution"D erreicht werden kann. In dem Programm finden wir weder politische noch überhaupt direkte oder vorläufige Forderungen. Dementsprechend unterscheidet die Gruppe „Równość" in ihrem Programm nicht zwischen den drei Teilungsgebieten Polens10, sondern wendet ihre Grundsätze und ihre Agitation gleichermaßen auf Galizien, auf das Gebiet Posen und das Königreich an. Wenn sich nämlich die Sozialisten kein Programm direkter Forderungen geben, das den jeweiligen Bedingungen des Landes angepasst ist, sondern nur ganz allgemein durch die „Organisation" der Arbeiter geradewegs auf die internationale soziale Revolution zustreben, so können die verschiedenen staatspolitischen Bedingungen der drei Teilungsgebiete natürlich keine Rolle spielen und irgendeinen Unterschied bewirken. Ja das Programm der „Równość" konnte sich ebenso gut oder schlecht nicht nur auf diese Teilungsgebiete Polens beziehen, sondern auch auf England, Frankreich oder Deutschland.

Der politische Standpunkt des Sozialismus kommt in seinem damaligen Stadium nur in einer Hinsicht sehr deutlich zum Ausdruck, und zwar in seiner ablehnenden Haltung zum Nationalismus, in seinem rein internationalen Standpunkt.

In dem Leitartikel der „Równość" unter dem Titel „Patriotismus und Sozialismus" lesen wir:

Von den patriotischen Parteien sind nur einzelne Gruppen übriggeblieben, die von dem Glauben beseelt sind, dass sie doch noch das Banner der ,Freiheit für das Vaterland' aufrichten werden, dass sie sich noch ein letztes Mal in den Kampf mit dem Feind stürzen und dann das ihnen teure Vaterland wiedererlangen! Wir wollen alle echten Gefühle dieser Menschen achten, die für ihr Vaterland zu jedem Opfer bereit waren und auch heute noch dazu bereit sind. Aber wir polnischen Sozialisten haben mit ihnen nichts gemein! Patriotismus und Sozialismus, das sind zwei Ideen, die sich auf keine Weise in Einklang bringen lassen."E

Was die heutige Versammlung von den vielen vorangegangenen unterscheidet", sagt Ludwik Waryński auf einer Versammlung in Genf im November 1880, „das ist die Art, in welcher wir polnischen Sozialisten und Ihr, unsere russischen Genossen, einander gegenüberstehen. Wir treten Euch, den bedrückten Untertanen des russischen Staates, gegenüber nicht auf als Kämpfer für einen zukünftigen polnischen Staat, sondern treten Euch, den Vertretern des russischen Proletariats, gegenüber als Vertreter und Verteidiger des polnischen Proletariats auf."F „Heute", so schließt Waryński, „sind uns die Ideale slawischer Föderationen, von denen Bakunin träumte, fremd, gleichgültig sind uns diese oder jene Grenzen des polnischen Staates, unserer Patrioten Aufgaben. Unser Vaterland ist die ganze Welt. Wir sind keine Verschwörer der dreißiger Jahre11, die sich gegenseitig suchen, um ihre zahlenmäßige Stärke zu vergrößern. Wir sind nicht die Kämpfer des Jahres 1863, die von dem gleichen Hass gegen den Zarismus erfüllt sind und auf dem Feld des nationalen Kampfes sterben. Wir stellen weder einander feindlich gesinnte Staaten noch einander feindliche Nationalitäten dar. Wir sind Landsleute, Angehörige einer großen Nation, die unglücklicher als Polen ist, der Nation der Proletarier."G

Und noch kategorischer als ihr Vertreter Waryński in der obigen Ansprache verkündet die „Równość" zur selben Zeit in ihrem Leitartikel: „Wir haben ein für allemal mit den patriotischen Programmen Schluss gemacht; wir wollen weder ein adliges noch ein demokratisches Polen, und nicht nur, dass wir es nicht wollen, wir sind sogar fest davon überzeugt, dass der Kampf um die Wiederherstellung Polens durch das Volk heute eine Absurdität ist."H

Außer dem rein internationalen Standpunkt, der zwar unter den besonderen Bedingungen unseres Landes eine positivere politische Bedeutung als in anderen Ländern hatte, verriet der damalige polnische Sozialismus, der den politischen Kampf überhaupt nicht berücksichtigte, wenn auch unbewusst, eine gewisse Verwandtschaft mit dem Anarchismus. Es ist uns heute nicht möglich, genau zu klären, inwieweit sich das auf die mehr oder minder zahlreichen Mitglieder der Gruppe „Równość" anwenden lässt. Da sie indessen schnell zu reiferen politischen Anschauungen gelangte, muss man annehmen, dass die anarchistischen Schwankungen von Anfang an eher eine Erscheinung verschiedenartiger Ansichten innerhalb der Gruppe selbst waren.

Jedenfalls ist in dieser Hinsicht die in der „Równość" geäußerte Meinung charakteristisch, wonach die staatspolitischen Bedingungen in jedem Lande vom Gesichtspunkt der internationalen Bestrebungen des Sozialismus einzig und allein ein Hindernis sind. Die Schaffung besonderer sozialistischer Parteien entsprechend den besonderen Bedingungen sowie auch der politische Kampf werden nur als ein malum necessarium angesehen: „Das Ideal bleibt für uns immer die internationale Vereinigung, und wenn die bestehenden politischen Bedingungen einer breiten internationalen Organisation keine Hindernisse entgegensetzen, wenn sie nicht einen Teil der sozialistischen Kräfte für den Kampf gegen die Regierung absorbieren würden, so wären ausschließlich die ökonomischen Bedingungen die Grundlage einer allgemeinen sozialistischen Organisation."I

Was sich hieraus bestenfalls ergibt, ist die Tatsache, dass der organische Zusammenhang zwischen der gesellschaftlichen Wirtschaft und den staatlichen Institutionen damals zumindest für einige Führer der „Równość" ein völliges Geheimnis war, ebenso wie der fundamentale Grundsatz, dass jeder Klassenkampf von Natur aus ein politischer Kampf ist. Damit steht im direkten Zusammenhang, dass die „Równość" in ihrer Sehnsucht nach internationaler Vereinigung als dem „Ideal" nicht begriffen hat, dass der Zusammenbruch dieser Vereinigung und an ihrer Stelle die Bildung einzelner Arbeiterparteien in jedem Staat auf einer gewissen Stufe in der Entwicklung des sozialistischen Kampfes eine notwendige, fortschrittliche Erscheinung war.

Eine entscheidende Wende in der programmatischen Haltung der polnischen Sozialisten erfolgte jedoch, wie wir bereits sagten, überaus schnell. Den Übergang zur zweiten Phase einer deutlichen Gestaltung des Programms unter dem Einfluss von Waryński sehen wir bereits im Sommer 1881, und das Programm der galizischen Arbeiter, nämlich der erste Jahrgang des „Przedświt" (Morgenröte), zeigt uns schon den Gedanken der Begründer des „Proletariat" in seiner vollen Reife. Insbesondere tritt die politische Seite des Programms in aller Klarheit hervor.

Einerseits kommt hier der internationale und antinationalistische Standpunkt mit gleicher Entschiedenheit zum Vorschein wie in der vorangegangenen Periode. Gewiss, in dem Maße, wie die Gruppe Waryńskis aus dem Bereich einer nebelhaften sozialistischen Propaganda auf den Boden praktischer Tätigkeit, und zwar zum politischen Kampf, übergeht, gewinnt ihr Antinationalismus im Gesamtkomplex der politischen Anschauungen der Gruppe erstrangige Bedeutung und nimmt zugleich deutliche, greifbare Formen an.

Wenn sich z. B. in der angeführten Rede Waryńskis die Solidarität mit den russischen Revolutionären sowie auch die negative Einstellung zum polnischen Nationalismus nur aus dem internationalen Charakter des Sozialismus als dem Endziel zu ergeben schienen, was noch dem Standpunkt der „Równość" entspricht, so werden im „Przedświt" dieselben Anschauungen schon ganz unzweideutig vom Gesichtspunkt eines Minimalprogramms, genauer gesagt, der politischen Aktion der Sozialisten begründet.

Überaus charakteristisch ist in dieser Hinsicht die Kritik, die von Waryński gegen die damalige sozialpatriotische Vereinigung „Lud Polski" (Polnisches Volk) gerichtet wurde, welche im August 1881 mit einem programmatischen Aufruf hervortrat.

Während andere Sozialisten der Genfer Gruppe, Brzeziński, Jabłoński, Padlewski, gegen den erwähnten Aufruf u. a. deshalb auftreten, weil „wir die Ziele des Sozialismus nicht als fernere und endgültige (wie das der Aufruf des ,Lud Polski' tut), sondern als die einzigen aufstellen"J, während sich also andere Sozialisten dieser Gruppe über das Verhältnis zwischen den Endzielen und dem unmittelbaren politischen Programm noch gar nicht im klaren waren, schreibt Waryński zur selben Zeit mit einer wunderbaren Gedankenklarheit:

Im Programm des Aufrufs des ,Lud Polski' ist das, was ich oben anführte, nicht etwas Zufälliges, keine banale Ungenauigkeit, sondern bleibt in einem engen Zusammenhang mit den prinzipiellen Punkten dieses Programms, das entgegen allen Programmen der sozialistischen Parteien und Theorien des modernen Sozialismus die Frage der politisch-nationalen Befreiung auf die gleiche Stufe mit der allgemeinmenschlichen Aufgabe der sozialökonomischen Befreiung stellt.

Dieses Nebeneinanderbestehen von allgemeinen und Einzelfragen im Programm, die in vollem Umfang in den allgemeinen enthalten sind, ist nur in dem Falle möglich, wenn die Einzelfragen als das Nahziel, als das Minimum an Forderungen aufgestellt werden. Andernfalls ist eine solche Einzelfrage wie die Aufhebung der politisch-nationalen Unterdrückung in den polnischen Ländern neben der gesellschaftlichen und ökonomischen Befreiung unverständlich; oder anders gesagt, es ist die Verständnislosigkeit dafür, dass die Befreiung von der sozialökonomischen Sklaverei gleichzeitig eine Emanzipation der Individuen und aller Gruppen von jeder materiellen und moralischen Unterdrückung ist. Deshalb betrachte ich auch die ,Aufhebung der politisch-nationalen Unterdrückung' im Programm des ,Aufrufs' als ein unklar aufgestelltes Minimalprogramm und behandele es danach."

Nachdem Waryński auf diese Weise mit zwei Worten das Programm der Befreiung Polens als eine mit den endgültigen Zielen des Sozialismus gleichwertige Forderung zu Fall gebracht hat, analysiert er dasselbe Postulat als eine unmittelbare Aufgabe des Proletariats:

Ohne zu fragen, weshalb die Vereinigung ,Lud Polski' dieses Minimalprogramm unklar darstellt, ohne zu fragen, warum sie es nicht deutlich als das nächste Ziel ihrer Bestrebungen niederlegt, bin ich der Meinung, dass die Aufstellung eines solchen Programms, ob klar oder unklar, für alle drei Teilungsgebiete ebenso wie für jedes von ihnen gesondert für die Aufgaben schädlich ist, die die Sozialisten bei ihrer praktischen Tätigkeit berücksichtigen müssen.

Die von den Sozialisten aufgestellten Minimalprogramme, die vom Standpunkt des täglichen Kampfes gegen das Kapital ausgehen, haben nicht die ,nationale Wiedergeburt' zum Ziele, sondern die Erweiterung der politischen Rechte des Proletariats, um die Bildung von Massenorganisationen zum Kampf gegen die Bourgeoisie als politische und gesellschaftliche Klasse zu ermöglichen.

Eben diesen Charakter hat das ,Programm der Galizischen Arbeiterpartei', das nicht nur für das polnische Volk verfasst ist, sondern für verschiedene proletarische Gruppen derjenigen Nationalitäten, die sich in Galizien solidarisch zu einer Partei verbinden. Diese Tatsache soll jenen als Antwort dienen, die von den besonderen Bedingungen der Entwicklung unserer Gesellschaft reden möchten; wir raten auch unseren sozialistischen Neuerern, gründlicher darüber nachzudenken ...

Es ist leicht vorauszusehen, dass die sozialistische Bewegung auch in Posen den gleichen Weg gehen wird wie in Galizien, auch dort werden sich die polnischen Arbeiter mit den deutschen zu einer geschlossenen Organisation verbinden, die nicht nur durch die äußeren Verhältnisse bedingt sein wird, sondern sich auch hinsichtlich ihres Inhalts und Wesens auf die Prinzipien der internationalen Solidarität stützt... Wir zweifeln auch nicht daran, dass auch in Kongresspolen die Menschen, die die Aufgaben des Sozialismus gut verstehen und der Sache des Sozialismus ehrlich ergeben sind, zur Entwicklung der sozialistischen Bewegung in der gleichen Richtung beitragen werden."

Wir haben uns bei diesem ausführlichen Zitat deshalb länger aufgehalten, weil es für den mit der Denkart der heutigen Richtungen des Sozialismus vertrauten Leser ein typisches Glaubensbekenntnis der Sozialdemokratie ist.

Das, was den sozialdemokratischen Standpunkt im Unterschied zu anderen Strömungen des Sozialismus hervorragend charakterisiert, ist vor allem die Ansicht über die Art und Weise, in welcher der Übergang von der heutigen Gesellschaft zum sozialistischen Umsturz stattfinden soll; mit anderen Worten, die Ansicht über die unmittelbaren Aufgaben des Sozialismus und ihr Verhältnis zu den Endzielen.

Vom Gesichtspunkt der Sozialdemokratie aus, die ihre Anschauungen auf die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus stützt, kann der Übergang zur sozialistischen Gesellschaftsordnung nur das Werk einer bestimmten – kürzeren oder längeren – Entwicklungsphase sein. Diese Entwicklung schließt zwar keineswegs aus, dass die Umwandlung der Gesellschaft im Geiste des Sozialismus letzten Endes lediglich auf dem Wege eines gewaltsamen politischen Umsturzes, das heißt dessen, was gewöhnlich Revolution genannt wird, vollzogen werden kann. Aber diese Revolution ist andererseits unmöglich, ohne dass vorher die bürgerliche Gesellschaft bestimmte Entwicklungsetappen durchläuft.

Das bezieht sich sowohl auf den objektiven Faktor des sozialistischen Umsturzes, auf die kapitalistische Gesellschaft selbst, als auch auf den subjektiven Faktor, das heißt auf die Arbeiterklasse.

Ausgehend von dem Grundsatz des wissenschaftlichen Sozialismus, dass „die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann", erkennt die Sozialdemokratie an, dass den Umsturz, das heißt die Revolution zur Verwirklichung der sozialistischen Umgestaltung, nur die Arbeiterklasse als solche vollziehen kann, und zwar als die eigentliche breite Masse der Arbeiter, vor allem die Masse des Industrieproletariats. Die erste Handlung der sozialistischen Umwandlung muss also die Eroberung der politischen Macht durch die Arbeiterklasse sein und die Errichtung der Diktatur des Proletariats, die zur Verwirklichung der Übergangsmaßnahmen unbedingt notwendig ist.

Doch um allen diesen Aufgaben gerecht zu werden, muss sich die Arbeiterklasse vor allem selbst ihrer Aufgaben bewusst und klassenmäßig organisiert sein, andererseits muss die bürgerliche Gesellschaft bereits auf einer entsprechenden Stufe sowohl ihrer ökonomischen als auch politischen Entwicklung stehen, die die Einführung sozialistischer Institutionen ermöglicht.

Diese beiden Bedingungen stehen allerdings in einem gegenseitigen Abhängigkeitsverhältnis und beeinflussen sich gegenseitig. Ohne bestimmte politische Voraussetzungen, die den offenen Klassenkampf ermöglichen, das heißt ohne demokratische Institutionen im Staat, kann sich die Arbeiterklasse nicht auf breiter Basis organisieren und ihr Bewusstsein erhöhen. Und umgekehrt, das Erreichen demokratischer staatlicher Einrichtungen, nämlich ihre Ausdehnung auf die Arbeitermassen, ist von einem bestimmten historischen Moment, von einem bestimmten Grad der Verschärfung der Klassenantagonismen an ohne den aktiven Kampf des bewussten und organisierten Proletariats nicht möglich.

Die Lösung dieses scheinbaren Widerspruchs der Aufgaben liegt im dialektischen Prozess des Klassenkampfes des Proletariats, das in seinem Kampf für demokratische Verhältnisse im Staat sich zugleich im Verlauf des Kampfes selbst organisiert und sein Klassenbewusstsein herausbildet; und während das Proletariat auf diese Weise im politischen Kampf Bewusstsein erlangt und sich organisiert, demokratisiert es zugleich den bürgerlichen Staat und macht ihn in dem Maße, wie es selbst heranreift, für den sozialistischen Umsturz reif.

Aus dieser Auffassung ergeben sich die Grundprinzipien, auf die sich die praktische Tätigkeit der Sozialdemokratie stützt: Der sozialistische Kampf muss der Massenkampf des Proletariats sein, ein täglicher Kampf, der gerichtet ist auf die Demokratisierung der staatlichen Institutionen, auf die Hebung des geistigen und materiellen Niveaus der Arbeiterklasse und gleichzeitig auf die Organisierung der Arbeitermassen zu einer besonderen politischen Partei, die ihre Bestrebungen zum sozialistischen Umsturz der ganzen bürgerlichen Gesellschaft bewusst entgegenstellt.

Die Aneignung und Anwendung dieser Grundsätze in der polnischen sozialistischen Bewegung war eine doppelt wichtige und schwierige Aufgabe. Denn im Unterschied zu den Ländern Westeuropas ist die Lage der Sozialisten in Polen kompliziert, so einerseits durch dreierlei politische Bedingungen, unter denen das polnische Proletariat lebt, insbesondere aber durch die sonderbaren politischen Bedingungen im wichtigsten Teil Polens – des russischen Teils – wie andererseits durch die nationale Frage.

Diese wichtige und schwierige Aufgabe löste in der Geschichte der polnischen Arbeiterbewegung zum ersten Mal, wie bereits das angeführte Zitat zeigt, Ludwik Waryński, der die sozialdemokratischen Grundsätze in der Auffassung über die unmittelbaren Aufgaben des Sozialismus mit einer solchen Klarheit und Bestimmtheit ausspricht, wie wir ihnen weder vorher noch zu seiner Zeit bei den polnischen Sozialisten begegnen.

Was die nationale Frage angeht, so lehnt Waryński die Wiederherstellung Polens mit der gleichen Entschiedenheit ab, wie es bereits die Gruppe „Równość" tat. Doch stellt er die Lösung dieser Frage auf eine vollkommen andere Ebene. Während die Gruppe „Równość" ihren ablehnenden Standpunkt gegenüber den nationalistischen Bestrebungen auf deren Gegensatz zu den internationalen Zielen des Sozialismus wie auch besonders auf ihre Gleichgültigkeit gegenüber politischen Aufgaben überhaupt stützteK, erklärt Waryński in dem obigen Zitat die Ablehnung des nationalen Programms nicht mehr aus den Endzielen des Sozialismus, sondern aus seinen unmittelbaren Aufgaben, indem er der Politik der Nationalisten die Politik der Arbeiter entgegenstellt.

Da das Ziel der täglichen Aktion des Proletariats, so folgert Waryński, die Organisierung und Aufklärung der Arbeiterklasse ist, kann also ihr politisches Programm nicht die gänzliche Zerschlagung oder der Aufbau von Staaten sein, sondern die Eroberung und Erweiterung politischer Rechte, die zur Organisierung der Massen innerhalb dieser bürgerlichen Staaten unerlässlich sind, in denen sie handeln.

Damit bestimmt Waryński für das polnische Proletariat zwei Grundsätze des politischen Programms im Geiste der Sozialdemokratie: erstens – als Ausgangspunkt der politischen Aktion – den bestehenden historischen Boden und die bestehenden staatlichen Bedingungen als gegeben anzunehmen, zweitens – als Ziel dieser Aktion – die bestehenden politischen Bedingungen zu demokratisieren.

Wenn auf diese Weise die negative Schlussfolgerung aus diesen Grundsätzen die Ablehnung des Programms zur Wiederherstellung Polens war, blieb nur noch übrig, die positiven Schlussfolgerungen in Form eines sozialdemokratischen Programms, oder vielmehr von drei Programmen, für das polnische Proletariat daraus zu ziehen. Falls nämlich die staatspolitischen Bedingungen als maßgebend für die Bestimmung der politischen Aufgaben des Proletariats angenommen werden, ergibt sich daraus, dass eine Aktion und ein politisches Programm für die polnische Arbeiterklasse in den drei Teilungsgebieten unmöglich sind, die Aktion und das politische Programm dagegen in jedem der Teilungsgebiete unterschiedlich sein müssen, aber gemeinsam mit dem Proletariat der betreffenden Teilungsmacht, ohne Unterschied der Nationalität. In bezug auf Galizien und die Provinz Posen spricht Waryński diesen Grundsatz schon in dem obigen Artikel klar und deutlich aus. Für das russische Teilungsgebiet fand dieser Grundsatz seinen Ausdruck in einem etwas späteren Dokument, das überhaupt die reifste Frucht der Anschauungen Waryńskis und seiner Gruppe in jenem mittleren Zeitabschnitt kurz vor der formellen Organisierung der Partei „Proletariat" ist. Dieses Dokument war der Aufruf, der am 3. November 1881 von einer Gruppe ehemaliger Mitglieder der „Równość" und der Redaktion der sozialistischen Zeitschrift „Przedświt" an die russischen Sozialisten gerichtet und in Nr. 6/7 des „Przedświt" vom 1. Dezember 1881 abgedruckt wurde. Ziel dieses Aufrufes war, die russischen Genossen zur Ausarbeitung eines gemeinsamen politischen Programms mit den polnischen Sozialisten zu veranlassen, also die aus den obigen Voraussetzungen gezogene kühnste praktische Konsequenz. Doch nicht nur die Schlussfolgerung, sondern auch die Art ihrer Begründung zeichnen sich in dem besprochenen Dokument durch eine solche, speziell Waryński eigene Prägnanz und Exaktheit des Gedankens aus, dass wir nicht zögern, hier den ganzen Schlussabsatz des Aufrufs anzuführen:

Nachdem der Aufruf die Bedeutung des politischen Kampfes in Russland sowie des historischen Untergangs der polnischen Frage eingeschätzt hat, schließt er folgendermaßen:

Wir formulieren alles, was wir bisher sagten.

a) Der Sozialismus ist bei uns wie überall eine ökonomische Frage, die mit der nationalen Frage nichts gemein hat und im praktischen Leben als Klassenkampf in Erscheinung tritt.

b) Die Garantie für den Fortschritt in diesem Kampf und für den künftigen Sieg des Proletariats in der sozialen Revolution ist die maximale Entwicklung des sozialistischen Bewusstseins unter den Arbeitermassen und ihre Organisierung als Klasse auf der Grundlage ihrer Klasseninteressen.

c) Zur Verwirklichung dieser Aufgaben ist politische Freiheit notwendig, deren Fehlen in Russland der massenhaften Organisierung der arbeitenden Klassen unerhörte Schwierigkeiten in den Weg stellt.

Weiter in Übereinstimmung mit den Resolutionen der ehemaligen Gruppe ,Równość', die auf der Grundlage der Diskussion mit den russischen Genossen im vergangenen Jahr angenommen wurden, nämlich dass

a) den Charakter der Sozialrevolutionären Organisationen ausschließlich allgemeinökonomische Interessen und politische Bedingungen beeinflussen;

b) die Organisierung der sozialistischen Parteien einerseits auf Grund ökonomischer Bedingungen, andererseits dagegen auf Grund der tatsächlich bestehenden staatspolitischen Verhältnisse erfolgen kann, wobei die ethnographischen Grenzen der Nationalitäten nicht als Grundlage der Organisation dienen können, wodurch

c) die Polnische Sozialistische Partei nicht als ein einheitliches Ganzes bestehen, sondern es nur polnische sozialistische Gruppen in Österreich, Deutschland und Russland geben kann, die zusammen mit den sozialistischen Organisationen anderer Nationalitäten in dem gegebenen Staat einen organisatorischen Verband bilden, was sie nicht daran hindert, sowohl untereinander als auch mit anderen sozialistischen Organisationen Verbindungen einzugehen.

Schließlich geleitet davon, dass

a) der Erfolg des terroristischen Kampfes um politische Freiheiten in Russland durch das gemeinsame Handeln der solidarisch organisierten Arbeitermassen verschiedener Nationalitäten innerhalb der Grenzen des russischen Staates bedingt ist,

b) angesichts des Kampfes um politische Freiheiten innerhalb der Grenzen des russischen Staates die Hervorhebung der polnischen nationalpolitischen Frage diesem Kampf nur schaden und infolgedessen auch für die Interessen der arbeitenden Klassen schädlich sein kann;

mit Rücksicht auf alles oben Gesagte kommen wir zu folgenden Schlussfolgerungen :

I. Es ist notwendig, eine allgemeine sozialistische Partei zu organisieren, die sich aus den sozialistischen Organisationen der verschiedenen Nationalitäten innerhalb der Grenzen des russischen Reiches zusammensetzen würde.

II. Es ist notwendig, dass sich die Organisationen, die bisher auf ökonomischem und politischem Gebiet getrennt kämpften, zusammenschließen, um die Aktion mit vereinten Kräften zu führen.

III. Es ist notwendig, ein gemeinsames politisches Programm für alle
Sozialisten auszuarbeiten, die in den Grenzen des russischen Staates tätig
sind, ein Programm, das den von uns gestellten Forderungen voll und ganz
entsprechen würde."

Ein Blick auf den angeführten Aufruf genügt, um sich zu überzeugen, dass wir hier ein Dokument von erstrangiger Bedeutung für die Geschichte der sozialistischen Tradition in Polen vor uns haben. Man kann nämlich nicht umhin zuzugeben, dass der Aufruf vom Dezember 1881 ganz einfach die Formulierung der Grundsätze und des politischen Programms darstellt, die auf das präziseste sozialdemokratisch, auf das vollkommenste mit dem Standpunkt der heutigen Sozialdemokratie des Königreichs Polen und Litauens12 identisch ist.

Nicht nur die allgemeinen Grundsätze: die Unmöglichkeit eines gemeinsamen Programms und einer gemeinsamen Organisation bei den polnischen Sozialisten in den drei Teilungsgebieten, dagegen die Notwendigkeit eines gemeinsamen Programms und einer gemeinsamen Organisation mit den Sozialisten der Staaten der Besatzungsmächte; nicht nur die sich hieraus ergebenden negativen Schlussfolgerungen: die konsequente Ablehnung des Programms der Unabhängigkeit Polens, sind hier wieder mit vollkommenster Nachdrücklichkeit ausgesprochen. Mehr noch, das positive Programm der Sozialdemokratie für das russische Teilungsgebiet: die Eroberung politischer Freiheiten, also konstitutioneller Formen innerhalb Russlands, formuliert der Aufruf des „Przedświt" und der ehemaligen Gruppe „Równość" in der Geschichte des polnischen Sozialismus zum ersten Mal.

Nicht genug damit. Der aufmerksame Leser wird bemerken, dass der Aufruf Waryńskis und seiner Genossen gewissermaßen als selbstverständlich annimmt, dass die russischen Sozialisten für sich dasselbe Programm aufstellen. Ja indem der Aufruf sogar ausdrücklich die Tätigkeit der „Narodnaja Wolja" erwähnt, spricht er ohne Zögern von dem „terroristischen Kampf um politische Freiheiten in Russland" und sieht in diesem Terrorismus der russischen Partei eine einfache Taktik im Kampf um den Sturz des Zarismus und die Eroberung demokratischer Freiheiten im europäischen Sinne.

Überdies versucht der Aufruf, diese Taktik nach Möglichkeit auf den sozialdemokratischen Boden zu stellen, indem er erklärt, dass der Terrorismus der „Narodnaja Wolja" nur in dem Falle politische Bedeutung erlangen wird, wenn er sich auf die bewusste Aktion der organisierten Arbeitermasse im ganzen Staat stützt.

Zweifellos erkennt heute weder die polnische noch die russische Sozialdemokratie den Terrorismus als ein geeignetes und zum Ziel führendes Kampfmittel an, sondern begreift, gerade durch die Erfahrung des „Proletariat" und der „Narodnaja Wolja" belehrt, dass der Terrorismus sich mit dem Massenkampf der Arbeiterklasse nicht verbinden lässt und ihn sogar direkt erschwert und gefährdet. Aber diese Erfahrung konnten Waryński und seine Genossen im Jahre 1881 natürlich noch nicht besitzen. Gewiss, als sie mit ihrem Aufruf gerade in dem Moment auftraten, da die russische Partei der Terroristen noch auf dem Höhepunkt ihrer Kraft zu stehen und den Zarismus in seinen Grundfesten zu erschüttern schien, mussten sie natürlicherweise an die Wirksamkeit und unbedingte Notwendigkeit des Terrorismus in Russland glauben. Im Übrigen finden wir genau dieselben Ansichten in den grundlegenden Arbeiten der russischen Sozialdemokratie, die die ganze programmatische und taktische Grundlage der „Narodnaja Wolja" kritisch zerstörten, und zwar noch vier Jahre später, als Waryński sie geäußert hat.

Auffallend ist hier also nicht die Anerkennung des Terrorismus, sondern umgekehrt der Umstand, dass der Aufruf der polnischen Sozialisten bemüht ist, ihm sowohl sozialdemokratische Ziele als auch die Grundlage eines breiten Klassenkampfes zu verleihen.

Inwiefern eine solche Auffassung des damaligen russischen Sozialismus der Wirklichkeit entsprach, werden wir gleich sehen. Hier ist immerhin eine andere Seite der Sache wichtig. Es ist die Tatsache, dass die Gruppe Waryński auf dem Wege der Entwicklung des Programms zu einem rein sozialdemokratischen Standpunkt gelangte, dass sie von diesem Standpunkt aus als grundlegendes politisches Prinzip die Gemeinsamkeit der Aktion und das Gemeinsame des Programms mit den russischen Sozialisten geschlussfolgert hat.

Dieser Moment stellt den Kulminationspunkt in der Entwicklung der Gründer des „Proletariat" und zugleich den Wendepunkt in ihrer Geschichte dar. Nachdem Waryński und die Genossen die reifsten politischen Konsequenzen gezogen haben, gehen sie an ihre Anwendung in der Praxis, an die formelle Organisierung der Partei „Proletariat" im Lande heran, was ihre dritte und gleichzeitig letzte, die Endphase ihrer Entwicklung eröffnet.

III

Das oben angeführte Dokument, der Aufruf an die russischen Genossen, zeigt uns, dass die polnischen Sozialisten gegen Ende des Jahres 1881 zu einem sozialdemokratischen Standpunkt in zwei entscheidenden Punkten gelangten: erstens in dem allgemeinen Grundsatz, dass das politische Programm des polnischen Proletariats mit dem des Proletariats der Staaten der Besatzungsmächte gleich und gemeinsam sein müsse, zweitens, dass in dem russischen Teilungsgebiet dieses Programm der Sturz der Selbstherrschaft und der Kampf um politische Freiheiten, das heißt um parlamentarisch-demokratische Regierungsformen sein müsste. Diese beiden vollkommen übereinstimmenden und sich logisch ergänzenden Schlussfolgerungen gerieten jedoch in Widerspruch zueinander, als die polnischen Sozialisten versuchten, sie in der Praxis anzuwenden. Das allgemeine sozialistische Prinzip führte sie zur Gemeinsamkeit von Programm und Aktion mit den russischen Sozialisten. Aber der damalige russische Sozialismus war keine Sozialdemokratie. Die Waryński-Gruppe stellte zwar den Kampf um die Verfassung als gemeinsames Programm auf, aber dieses Programm war in Wirklichkeit nicht das Programm der „Narodnaja Wolja". Die polnischen Sozialisten erklärten den Kampf gegen den Zarismus nur dann für wirksam, wenn er von den organisierten Arbeitermassen geführt werden wird, aber die russischen Sozialisten betrieben damals keine Massenagitation und stützten sich weder in ihrer Theorie noch in der Praxis auf die Arbeiterklasse. Die „Narodnaja Wolja" kämpfte in Wirklichkeit nicht „um die Erweiterung der politischen Rechte des Proletariats" zwecks „Ermöglichung von Massenorganisationen zum Kampf gegen die Bourgeoisie", wie Waryński den Inhalt der politischen Programme im Geiste der Sozialdemokratie formuliert hatte. Vielmehr kämpfte die „Narodnaja Wolja" um „sachwat wlasti", um die Machtergreifung mit dem Ziel, sofort Reformen mit Übergangscharakter im Sinne des sozialistischen Umsturzes durchzuführen, ohne sich auf die Aktion klassenbewusster Massen, auf die Organisation und den Kampf des Industrieproletariats zu stützen, sondern auf die verschwörerischen Handlungen einer „entschlossenen Minderheit".

Deshalb mussten die in die Praxis übertragenen richtunggebenden Grundsätze Waryńskis und seiner Genossen untereinander in Widerspruch geraten.

Hätte damals in Russland die sozialistische Bewegung auf sozialdemokratischem Boden gestanden, wie das mit Ausnahme weniger Organisationen heute der Fall ist, so hätten die Grundsätze der Begründer des „Proletariat" sowohl zu einem völlig harmonischen Zusammenwirken zwischen dem russischen und polnischen Sozialismus als auch zu einem Aufschwung der Massenbewegung der Arbeiter in Polen mit bewusst und deutlich sozialdemokratischem Charakter schon seit Anfang der achtziger Jahre führen müssen.

Weil es aber in Russland zu jenem Zeitpunkt, als sich das „Proletariat" organisierte, keine sozialdemokratische Bewegung gab, statt dessen nur eine Partei von Verschwörern blanquistischer Richtung, befanden sich somit die polnischen Sozialisten in einem Dilemma. Um ihr sozialdemokratisches Programm zu behalten, blieb ihnen nur, entweder auf das gemeinsame Programm und die gemeinsame Aktion mit den russischen Sozialisten zu verzichten und auf eigene Faust in Polen den Kampf um den Sturz des Zarentums durch Massenagitation und Organisation unter den polnischen Arbeitern zu beginnen oder aber, um ihrem Grundprinzip, der gemeinsamen Aktion mit dem russischen Sozialismus zu entsprechen, auf das sozialdemokratische Programm und den Massenkampf zu verzichten und sich den Kampfmethoden der „Narodnaja Wolja" unterzuordnen.

Zwar sollte die Lösung des obigen Problems über das Schicksal des Sozialismus in Polen für fast ein ganzes Jahrzehnt entscheiden – und hat es in verhängnisvoller Weise entschieden –, doch zögern wir nicht zuzugeben, dass die Wahl des letzteren dieser beiden Wege unter den damaligen Bedingungen eine mehr als natürliche und verständliche Erscheinung war. Weil in dem politischen Kampf gegen das in Russland herrschende System von Natur aus Russland selbst das Hauptgebiet sein muss, das Königreich Polen dagegen erst in zweiter Linie in Betracht kommt, weil überdies die damalige „Narodnaja Wolja" durch ihre zahlenmäßige Stärke sowie politische Bedeutung den polnischen Sozialisten um vieles voraus war und weil sie bereits einen so ansehnlichen politischen und moralischen Sieg hinter sich hatte, wie das Attentat vom 13. März13, welches in den Augen der ganzen Welt ihr Programm und ihre Taktik zu sanktionieren schien, währenddessen sich das „Proletariat" kaum zu einer Partei formiert hatte – angesichts dieser Umstände ist es verständlich, dass die polnische sozialistische Organisation danach streben musste, sich der russischen Bewegung als ein Teil anzuschließen.

Wie sehr die „Narodnaja Wolja" damals die Gemüter beherrschte und welche großen Hoffnungen auf einen nahen politischen Umsturz sie hervorrief, können die Worte von Fr. Engels bestätigen, die im Jahre 1894 geschrieben wurden. Über jene Epoche in Russland sagte Engels: „Damals gab es in Russland zwei Regierungen: die des Zaren und die des geheimen Vollziehungsausschusses (ispolnitel'nyj komitet) der terroristischen Verschwörer. Die Macht dieser geheimen Nebenregierung stieg von Tag zu Tag. Der Sturz des Zarentums schien bevorzustehen; eine Revolution in Russland musste die gesamte europäische Reaktion ihrer stärksten Stütze, ihrer großen Reservearmee berauben und dadurch auch der politischen Bewegung des Westens einen neuen, gewaltigen Anstoß und obendrein unendlich günstigere Operationsbedingungen geben."L

Wenn so nüchterne Forscher der Geschichte der Gesellschaft wie Engels und Marx – denn die obigen Worte charakterisieren auch die damalige Ansicht und Stimmung von Marx –, die, reich an eigenen Erfahrungen aus der revolutionären Geschichte Europas, uns so tiefgreifende Hinweise für die Einschätzung des historischen Entwicklungsprozesses gegeben haben, die Ergebnisse der Tätigkeit der „Narodnaja Wolja" so sehr überschätzen konnten, so ist es nicht verwunderlich, dass die damaligen polnischen Sozialisten, die direkt in der Kampfarena standen, vom ersten Augenblick ihrer praktischen Tätigkeit an dem stärksten Einfluss dieser Partei unterliegen mussten.

Nachdem also der polnische Sozialismus aus seiner Entwicklung im Geiste der westeuropäischen Sozialdemokratie als politische Konsequenz auch die Verbindung mit dem russischen Sozialismus zur gemeinsamen Aktion gezogen hatte, musste er im Resultat unter den gegebenen konkreten Bedingungen allmählich auf die Bahnen des Blanquismus geraten. Seine Geschichte ist folglich von dem Augenblick an, da die Partei „Proletariat" im Lande formell organisiert wurde, bis zu ihrem Niedergang gegen Ende der achtziger Jahre ein ständiges Entfernen von dem im Aufruf an die russischen Sozialisten im Dezember 1881 formulierten Standpunkt in blanquistische Richtung.

Es wäre selbstverständlich falsch, anzunehmen, dass die obige Wahl in der Situation, in die die polnischen Sozialisten hineingestellt waren, bewusst getroffen wurde. Als wir die obige Alternative formulierten, wollten wir vielmehr eine Analyse der Lage, wie sie wirklich war, geben, über die sich die Waryński-Gruppe höchstwahrscheinlich in dieser kategorischen Weise keinesfalls bewusst war. Einmal, weil das eigentliche Wesen der „Narodnaja Wolja" und ihr Widerspruch zum Standpunkt Waryńskis und der Genossen damals, im Jahre 1882, überhaupt noch nicht so klar und leicht feststellbar war, wie das später auf Grund von Dokumenten und Tatsachen möglich wurde. Dass sich gerade die Gruppe Waryńskis in bezug auf die Tätigkeit der „Narodnaja Wolja" sozialdemokratischen Illusionen hingab, zeigten wir ja auf Grund ihres Aufrufs an die russischen Genossen.M Wie die genaue Untersuchung der damaligen sozialistischen Literatur („Równość", „Przedświt" und Broschüren) beweist, gab es auch unter den polnischen Sozialisten außer Waryński keinen, der ein so bewusster und erfahrener Sozialdemokrat gewesen wäre, wie man nach jenem Aufruf annehmen müsste.

In Anbetracht dessen fand die geistige Verbindung des „Proletariat" mit der „Narodnaja Wolja" äußerlich nicht als das Resultat einer ernsthaften inneren Auseinandersetzung des sozialistischen Gedankengutes in Polen statt, sondern vielmehr als ein ganz natürliches Ergebnis der Sachlage.

Da aber auf die Geschichte und die geistige Physiognomie einer immerhin so kleinen Gruppe, wie es die eigentlich führende sozialistische Organisation in Polen bisher für gewöhnlich ist, nicht nur die großen Richtlinien der logischen Entwicklung, sondern auch zahlreiche zufällige, persönliche Faktoren Einfluss haben – und das in dem so kurzen Zeitraum von nur einigen Jahren –, musste also diese Bewegung auf Grund uneinheitlicher theoretischer Reife der Gründer des „Proletariat" um so leichter den russischen Einflüssen erliegen. Da sich die Dokumente und Unternehmungen des „Proletariat" schon zu Anfang nicht durch einen völlig einheitlichen Charakter auszeichnen konnten, so genügte die gänzliche Entfernung Waryńskis aus der Kampfarena durch seine Verhaftung im Herbst 1883, um die Bewegung schnell auf die schiefe Ebene einer hoffnungslosen politischen Konspiration geraten zu lassen.

Sofern wir den Unterschied zwischen dem sogenannten Blanquismus und der Weltanschauung der Sozialdemokratie deutlich herausstellen wollten, so ist vor allem festzustellen, dass der Blanquismus überhaupt keine eigene Theorie im Sinne der Sozialdemokratie, das heißt eine Theorie der gesellschaftlichen Entwicklung in Richtung zum Sozialismus, besaß. Das stellt übrigens kein spezifisches Merkmal des Sozialismus dieser Schattierung dar, denn die Theorie von Marx und Engels war überhaupt der erste und, fügen wir hinzu, bisher siegreiche Versuch, die sozialistischen Bestrebungen auf den Boden einer bestimmten wissenschaftlichen Konzeption über die Gesetze der historischen Entwicklung im Allgemeinen und der kapitalistischen Gesellschaft im Besonderen zu stellen. Die vorangegangenen utopischen Theorien des Sozialismus, soweit man hier von Theorien sprechen kann, beschränken sich in ihrem Hauptinhalt auf die Begründung der sozialistischen Bestrebungen durch die Analyse der Mängel der bestehenden Gesellschaft sowie durch die Vollkommenheit und moralische Unerlässlichkeit des sozialistischen Systems.

Der Blanquismus, der sich – wie alle diese sozialistischen Schulen – in seinen Anschauungen auf die negative Kritik der bürgerlichen Ordnung und des Privateigentums stützte, repräsentierte an und für sich eher nur eine bestimmte Taktik des praktischen Handelns; in dieser Hinsicht aber verriet er seine Abstammung von den extremen Revolutionären der Großen Französischen Revolution, war er gewissermaßen eine Übertragung der Jakobinertaktik auf die sozialistischen Bestrebungen, deren ersten Versuch wir in Babeufs Verschwörung14 sehen.

Der Leitgedanke dieser Taktik ist der unbegrenzte Glaube an die Macht der politischen Gewalt, die fähig ist, im gesellschaftlichen Organismus jederzeit alle ökonomischen und sozialen Wandlungen, die für gut und richtig befunden werden, hervorzurufen.

Zwar sieht auch die Theorie des wissenschaftlichen Sozialismus in der politischen Gewalt den Hebel gesellschaftlicher Umwälzungen. Doch weist die Konzeption von Marx und Engels der politischen Gewalt in diesen Perioden des Umsturzes nur die Rolle eines sozusagen ausführenden Faktors zu, der die Ergebnisse der inneren gesellschaftlichen Entwicklung realisiert, die ihren politischen Ausdruck im Klassenkampf findet. Nach der bekannten Formulierung von Karl Marx spielt die politische Gewalt in den revolutionären Zeiten die Rolle einer „Hebamme", die die Geburt der neuen Gesellschaft, die bereits als reife Frucht im Schoße der alten Gesellschaft enthalten ist, beschleunigt und erleichtert.15 Daraus ergibt sich bereits von selbst, dass tiefgehende gesellschaftliche Umwälzungen mit Hilfe politischer Macht nur auf einer bestimmten Entwicklungsstufe der Gesellschaft vor sich gehen können sowie dass die politische Gewalt als Instrument des Umsturzes nur in der Hand der gesellschaftlichen Klasse funktionieren kann, die in der betreffenden historischen Periode der Sachwalter der Revolution ist, wobei die Reife ebendieser Klasse, die politische Macht auf die Dauer zu ergreifen, die einzige Legitimation und der Beweis für die Richtigkeit und Möglichkeit des Umsturzes selbst ist.

Der Blanquismus, der diese Theorie nicht anerkennt oder vielmehr nicht kennt, betrachtet die politische Gewalt als ein Instrument der gesellschaftlichen Umstürze, losgelöst sowohl von der gesellschaftlichen Entwicklung überhaupt als auch vom Klassenkampf. Dieses Instrument kann jedem, der es besitzt, und jederzeit dienen, von diesem Standpunkt aus sind die Bedingungen eines Umsturzes einzig: der Wille einer entschlossenen Gruppe von Menschen und eine Verschwörung zum Zweck der Machtergreifung in einem günstigen Augenblick.

Blanqui", sagt Engels in seinem bekannten Artikel aus dem Jahre 1874 im „Volksstaat", „ist wesentlich politischer Revolutionär, Sozialist nur dem Gefühl nach, mit den Leiden des Volks sympathisierend, aber er hat weder eine sozialistische Theorie noch bestimmte praktische Vorschläge sozialer Abhülfe. In seiner politischen Tätigkeit war er wesentlich ,Mann der Tat', des Glaubens, dass eine kleine wohlorganisierte Minderzahl, die im richtigen Moment einen revolutionären Handstreich versucht, durch ein paar erste Erfolge die Volksmasse mit sich fortreißen und so eine siegreiche Revolution machen kann ...

Daraus, dass Blanqui jede Revolution als den Handstreich einer kleinen revolutionären Minderzahl auffasst, folgt von selbst die Notwendigkeit der Diktatur nach dem Gelingen: der Diktatur, wohlverstanden, nicht der ganzen revolutionären Klasse, des Proletariats, sondern der kleinen Zahl derer, die den Handstreich gemacht haben und die selbst schon im voraus wieder unter der Diktatur eines oder einiger wenigen organisiert sind."N

Wie wir sehen, ist die blanquistische Taktik direkt auf die Durchführung der sozialen Revolution unter Umgehung aller Übergangsphasen, aller Entwicklungsetappen gerichtet. Der Blanquismus war auf diese Weise ein Rezept, um die Revolution unter allen Bedingungen und jederzeit zu „machen", das heißt, indem er alle konkreten historisch-gesellschaftlichen Bedingungen ignorierte, war er eine universelle Taktik, die in jedem Land mit gleichem Erfolg angewendet werden konnte. Nirgends konnte jedoch, das ist klar, die Anwendung dieser Methode des Handelns einen so entscheidenden Einfluss auf das Schicksal des Sozialismus ausüben wie unter den besonderen Bedingungen des Zarentums.

Die Taktik des „Sprunges" in die soziale Revolution auf geradem Wege musste vor allem die politische Physiognomie einer Partei fatal beeinflussen, die im Rahmen eines Staates mit absolut-despotischen Regierungsformen handelte.

Deshalb lässt sich auch der Einfluss des russischen Blanquismus auf die polnischen Sozialisten Schritt für Schritt in der allmählichen Änderung ihrer politischen Anschauungen am auffallendsten konstatieren.

Um die Wahrheit zu sagen, ist bereits das im September 1882 verkündete offizielle Programm der Partei „Proletariat" bedeutend vom Standpunkt des Artikels von Waryński im „Przedświt", Nr. 3/4, sowie des Aufrufs an die russischen Genossen entfernt. Nachdem dieses Dokument in seinem allgemeinen Teil – wie wir bereits am Anfang bemerkten – die sozialistische Zukunft Polens auf den Boden des wissenschaftlichen Sozialismus, auf die Prinzipien des Klassenkampfes und des historischen Materialismus stützt, legt es im folgenden das eigentliche Programm dar, dessen Charakter gar nicht leicht zu bestimmen ist. Wir sehen hier drei gleichgeordnete Teile, und zwar die Forderungen der Partei „in ökonomischer Hinsicht", „auf politischem Gebiet" und „im Bereich des moralischen Lebens".O Wird dieser letzte Teil außer acht gelassen, da er in praktischer Hinsicht bedeutungsloser ist, so fällt hier auf, dass in den ersten beiden Teilen einerseits Forderungen als Koordinaten zusammengestellt worden sind, die den Inhalt des sozialistischen Umsturzes darstellen: „1) Der Boden und die Arbeitsinstrumente sollen aus der Hand einzelner in das Gemeineigentum der Arbeitenden, in das Eigentum des sozialistischen Staates übergehen, 2) die Lohnarbeit soll in Gemeinschaftsarbeit verwandelt werden" usw. – andererseits aber politische Forderungen, die auf den ersten Blick den Inhalt parlamentarisch-demokratischer Institutionen darstellen, die auf einen bürgerlichen Staat berechnet sind: „1) vollkommene Autonomie der politischen Gruppen, 2) Teilnahme aller an der Gesetzgebung, 3) Wählbarkeit aller Beamten, 4) völlige Freiheit der Rede, der Presse, der Versammlungen, der Koalition etc. etc., 5) völlige Gleichberechtigung der Frauen, 6) völlige Gleichberechtigung der Konfessionen und Nationalitäten, 7) internationale Solidarität als Garantie des allgemeinen Friedens."

Es ist unmöglich, mit einigen Worten zu charakterisieren, welcher Kategorie dieses Programm eigentlich angehört. Nach näherer Überlegung ist eine Erklärung auf zweierlei Weise möglich. Die hier aufgezählten politischen Forderungen ähneln mit Ausnahme der ersten, die nicht ganz verständlich ist, den gewöhnlichen Minimalprogrammen der Sozialdemokratischen Parteien. Doch gerade die Zusammenstellung dieser Forderungen als Koordinaten der Forderungen des sozialistischen Umsturzes weckt die Vermutung, dass sie nicht unmittelbar auf die jetzige bürgerliche Ordnung berechnet waren. Gleichzeitig ist es zweifelhaft, ob sie sich auf die sozialistische Gesellschaft beziehen sollten, da sie in dieser Hinsicht zu viel Rücksicht auf die gegenwärtige, auf der Ungleichheit der Klassen, Geschlechter und Nationalitäten beruhende Ordnung verraten. Vielleicht haben wir hier also kein Minimalprogramm, sondern ein Programm, das vielmehr auf die Übergangsperiode nach der Machtergreifung durch das Proletariat berechnet ist und das darauf abzielt, den sozialistischen Umsturz zu eröffnen.

Das Muster eines ähnlichen Programms, das sowohl politisch-demokratische Forderungen als auch Reformen des Umsturzes im Geiste des Sozialismus in eine Reihe stellt und das für die Übergangsphase unmittelbar nach der Revolution gedacht ist, finden wir z. B. in den „Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland", die von der Zentralbehörde des Bundes der Kommunisten im Jahre 1848 in Paris formuliert wurden und unter anderen die Unterschriften von Marx und Engels tragen.P

Man muss jedoch hervorheben, dass das obige Programm keinesfalls ein Ausdruck blanquistischer Taktik von Seiten der Schöpfer des Kommunistischen Manifestes gewesen ist, wie das z. B. Ed. Bernstein behauptet. Zu seinem Verständnis genügt es, den Umstand zu berücksichtigen, dass Marx und Engels dieses Programm unter dem frischen Eindruck der Februarrevolution in Frankreich und im Augenblick des Ausbruchs der Märzrevolution in Deutschland formulierten. Es ist bekannt, dass beide den revolutionären Schwung der Bourgeoisie überschätzten und damit rechneten, dass die europäische Bourgeoisie, einmal in den Wirbel der revolutionären Bewegung geraten, im Laufe einer kürzeren oder längeren Periode den Gesamtzyklus ihrer Herrschaft durchläuft, dass sie „nach ihrem Bild und Ebenbild" die politischen Verhältnisse der kapitalistischen Länder umwandelt, worauf die revolutionäre Welle das Kleinbürgertum in einer spontanen Bewegung an ihre Stelle setzt und schließlich das Proletariat, welches auf diese Weise, unmittelbar an die Ergebnisse der bürgerlichen Revolution anknüpfend, berufen sein wird, den Umsturz im Geiste seiner Klassenemanzipation zu vollenden.

Durch die geschichtliche Erfahrung belehrt, können wir heute den ganzen Optimismus dieser Anschauung beurteilen. Wir wissen, dass die europäische Bourgeoisie gleich nach dem ersten revolutionären Sturm den Rückzug antrat und, nachdem sie ihre eigene Revolution abgewürgt hatte, die Gesellschaft zum „normalen" Leben unter ihrer Herrschaft zurückkehrte, wir wissen auch, dass die damaligen ökonomischen Bedingungen in Europa noch sehr weit von dem Reifegrad entfernt waren, der einen sozialistischen Umsturz ermöglicht hätte. Der Kapitalismus bereitete sich damals nicht auf den Tod vor, sondern im Gegenteil auf den Beginn seiner eigentlichen Herrschaft. Dadurch verlängerte sich auch die Phase, die die Kommunisten des Jahres 1848 nur einige Jahre von der Diktatur des Proletariats zu trennen schien, zu einer Epoche von mehr als einem halben Jahrhundert, die sogar noch heute nicht ihrem Ende entgegengeht.

Der Grund jedoch, der Marx und Engels schon damals zur Aufstellung eines Aktionsprogramms veranlasste, das direkt auf die Arbeiterrevolution abzielte, war nicht der Wunsch oder die Hoffnung, die Phasen der bürgerlichen Herrschaft zu „überspringen", sondern allein die falsche Einschätzung des wirklichen Tempos der gesellschaftlichen Entwicklung unter dem Einfluss der Revolution. Unter den Bedingungen der Tätigkeit des „Proletariat" ist es schwer, analoge Umstände für die Erklärung des Programms Zu finden. Wenn wir also seinen Forderungen den Charakter eines der Übergangsepoche angepassten Programms zuzuschreiben hätten, so bliebe nur die Vermutung, dass sich das „Proletariat" den blanquistischen Standpunkt wirklich schon in einem gewissen Maße zu eigen gemacht hatte.

Es muss aber festgestellt werden, dass, abgesehen von diesem formalen Durcheinander endgültiger und unmittelbarer Forderungen, das Programm des „Proletariat" im ganzen durch und durch vom Geiste der sozialdemokratischen Weltanschauung durchdrungen ist. Das beweist der starke Nachdruck, der auf der Idee liegt, dass der sozialistische Umsturz nur das Werk der Arbeiterklasse sein kann, dass nur der Massenkampf, die Organisation des Proletariats und seine Aufklärung fähig sind, die Bedingungen der künftigen Gesellschaftsordnung vorzubereiten. Die Idee der Massenagitation und -organisation stellt den Leitgedanken der gesamten Begründung des Programms dar und weist darauf hin, dass die Partei eine lange Periode der Vorbereitungsarbeit auf dem Boden der Tagesinteressen des Proletariats in Betracht gezogen hatte.

Darauf weisen auch bestimmte Abschnitte des Programms hin, in denen das „Proletariat" die politischen Freiheiten als Bedingungen beurteilt, die die Organisation und den Massenkampf erst ermöglichen, was stellenweise an die exakten Formulierungen Waryńskis im „Przedświt" erinnert. „Wir verurteilen entschieden", sagt das Programm, „das Fehlen der Freiheit des Gewissens, der Sprache, der Versammlungen, der Vereinigungen, des Wortes und der Presse – denn das alles stellt der Entwicklung des Bewusstseins der Arbeiter große Hindernisse entgegen, indem es einerseits religiös-nationalistischen Hass und Fanatismus weckt und andererseits die Massenpropaganda und -organisation unmöglich macht, die allein das Fundament einer künftigen Organisation der sozialistischen Gesellschaftsordnung errichten kann." Und etwas weiter: „Wieder werden wir entweder defensiv oder offensiv gegen die Unterdrückung kämpfen, indem wir im ersten Falle keine Veränderungen zum Schlechteren zulassen, im zweiten dagegen, indem wir eine Verbesserung der gegenwärtigen Existenzbedingungen des Proletariats im russischen Staate fordern."

Sofern wir trotzdem im Programm keine deutliche und kategorische Formulierung des Kampfes gegen den Zarismus, um demokratische Freiheiten als unmittelbare Aufgabe finden, statt dessen in ihm eine gewisse Unentschlossenheit und ein Schwanken im politischen Denken überwiegt, so zeigten jedenfalls weder das Programm noch seine Begründung positive Ansichten des Blanquismus. Die einzige Tatsache, die sich auf Grund dieses Dokuments feststellen lässt, ist, dass der Standpunkt der polnischen Sozialisten zweifellos bereits in großem Maße die kristallene Klarheit verloren hat, durch die er sich in den von uns analysierten Dokumenten der Genfer Gruppe auszeichnete. Es wird auch richtig sein, den Umstand zu berücksichtigen, dass das Programm vom Jahre 1882 ja bereits ein Werk der einheimischen Warschauer Gruppe war und dass Waryński, nachdem er seine Tätigkeit in das russische Teilungsgebiet verlegt hatte, auf die ortsansässigen Genossen wahrscheinlich weit mehr Rücksicht nehmen musste, die stärker unter dem direkten russischen Einfluss standen als die polnische Emigration in der Schweiz. Wenn sich jedoch der Charakter des offiziellen Programms der Partei „Proletariat" durch Unklarheit auszeichnet, so lassen dafür die weiteren Erscheinungen ihrer Tätigkeit keinen Zweifel mehr an dem zunehmenden Einfluss des Blanquismus auf die Partei. Betrachten wir die Entwicklung des „Proletariat" als Ganzes, so zögern wir nicht, sein Programm vom Jahre 1882 für eine Übergangserscheinung zu halten, die gerade durch ihre Undeutlichkeit den Standpunkt an der Wende zwischen der sozialdemokratischen und blanquistischen Phase in der Entwicklung des polnischen Sozialismus genau widerspiegelt.

Przegląd Socjaldemokratyczny (o. O.), 1903, Nr. 1, S. 16-32. 1903

  1. 1 Am 28. Januar 1886 waren die Mitglieder des Zentralkomitees der Partei „Proletariat" Stanislaw Kunicki, Piotr Bardowski, Michał Ossowski und Jan Pietrusiński hingerichtet worden. Sie waren in einer Verhaftungswelle im Frühjahr und Sommer 1884 zusammen mit Hunderten von Revolutionären festgenommen worden.

  1. 2 Siehe Bd. 1/1, S. 6, Fußnote 3.

  1. 3 Die Polnische Sozialistische Partei war im November 1892 auf einem Kongress polnischer Sozialisten unter Führung von Boleslav Limanowski in Paris gegründet worden. Sie betrieb eine reformistisch-nationalistische Politik. In ihr Programm hatte sie den Kampf für die Unabhängigkeit Polens aufgenommen, die aber nicht auf revolutionärem Wege im Bündnis mit dem russischen Proletariat errungen werden sollte, sondern durch eine allmähliche Umgestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse in Polen. Innerhalb der PPS bestand eine linke Gruppe, die sich 1906 abspaltete.

  1. 4 Siehe Bd. 1/1, S. 6, Fußnote 1.

  1. 5 Siehe Bd. 1/1, S. 33, Fußnote 2.

  1. 6 Siehe Bd. 1/1, S. 43, Fußnote 1.

  1. 7 Siehe Bd. 1/1, S. 98, Fußnote 1.

A Z Pola Walki, Genf 1886, S. 27.

B l. c, S. 29.

C l. c, S. 32.

8 Im Jahre 1549 war erstmals der Semski Sobor, eine russische Ständeversammlung, in der die Feudalherren eindeutiges Übergewicht besaßen, zusammengetreten. Diese bis gegen Ende des 17. Jahrhunderts bestehende Institution wurde in besonders wichtigen Fällen vom Zaren zu Rate gezogen.

9 Im September 1878 war in Warschau unter Mitarbeit von Ludwik Waryński das Programm polnischer Sozialisten, zur Irreführung der zaristischen Polizei das Brüsseler Programm genannt, entstanden. Nach Diskussion in den sozialistischen Zirkeln und nach der Annahme der endgültigen Fassung auf deren Generalversammlung ist es im Oktober 1879 veröffentlicht worden.

D Równość, Nr. 1 vom Oktober 1879.

10 Siehe Bd. 1/1, S. 82, Fußnote 1.

E l. c., Nr. 2 vom November 1879.

F Sprawozdanie z międzynarodowego zebrania, zwołanego w 50-letnią rocznicę Listopadowego powstania, Genf 1881, S. 77.

11 Siehe Bd. 1/1, S. 96, Fußnote 1.

G l. c, S. 83.

H Równość, Nr. 1 vom November 1880. 1

I l. c., Nr. 3 vom Januar u. Nr. 4 vom Februar 1881.

J Przedświt, Nr. 3/4 vom Oktober 1881.

K Charakteristisch ist in dieser Hinsicht z. B. der folgende Abschnitt in dem Artikel von K. Dłuski: „Patriotismus und Sozialismus": „Die Idee des Sozialismus ist breiter und größer als die Idee des Patriotismus. Sie ergibt sich aus den politischen Verhältnissen, auf denen der Patriotismus beruht, und indem sie sich auf die ökonomische Grundlage stützt, fordert sie die Umwandlung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Das ökonomische System dagegen betrachtet sie als den Hintergrund, auf dem sich alle anderen Beziehungen und Interessen gruppiert haben, die mit dem Leben sowohl der ganzen Gesellschaft als auch einzelner Individuen verbunden sind." Równość, Nr. 2 vom November 1879.

12 Im August 1900 hatte in der Nähe von Warschau ein Parteitag der Sozialdemokratischen Partei des Königreichs Polen und der Vertreter des linken Flügels der polnischen Sozialdemokratie Litauens stattgefunden, auf dem eine gemeinsame Organisation geschaffen wurde. Die SDKPiL war eine revolutionäre marxistische Arbeiterpartei, die in der polnischen Arbeiterbewegung die rechten nationalistischen Tendenzen der PPS bekämpfte. Ihre führenden Vertreter waren Feliks Dzierżyński, Rosa Luxemburg und Julian Marchlewski.

13 Siehe Bd. 1/1, S. 692, Fußnote 1.

L Friedrich Engels: Internationales aus dem Volksstaat, Berlin 1894, S. 69. [Friedrich Engels: Nachwort (1894) zu „Soziales aus Russland". In: Karl Man/Friedrich Engels: Werke, Bd. 22, S. 432.]

M Dasselbe bestätigen auch die Sätze, die wir in der „Równość" lesen. Wegen des Märzattentats auf Alexander II. schreibt die „Równość" bei der Analyse des Programms der „Narodnaja Wolja" dieser die gemäßigte Forderung nach einer „konstitutionellen Monarchie" zu. Die Initiatoren des Attentats vom 13. März, schreibt sie, kämpften um nichts anderes als um Zugeständnisse. „Wir wollen Veränderungen in der politischen Form des heutigen Systems – das will die ,Narodnaja Wolja'." Równość, Nr. 5 u. 6 von März u. April 1881.

  1. 14 Im Jahre 1796 hatte Francois Noel Babeuf die Verschwörung der Gleichen gegen die Konterrevolution der französischen Großbourgeoisie geleitet, die u. a. auf den Sturz der Großbourgeoisie, die Wiedereinführung der Jakobinerverfassung von 1793, die Errichtung der Volksdiktatur und die Durchsetzung der Gleichheit aller Werktätigen gerichtet war. Durch Verrat wurde die Verschwörung aufgedeckt und Babeuf 1796 hingerichtet.

  1. 15 Siehe Karl Marz: Das Kapital, Erster Band. In: Karl Marz/Friedrich Engels: Werke, Bd. 23, S. 779.

N Friedrich Engels: Internationales aus dem Volksstaat, S. 41. [Friedrich Engels: Flüchtlingsliteratur. II. Programm der blanquistischen Kommuneflüchtlinge. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 18, S. 529.]

O Siehe Z Pola Walki. S. 30/31; Przedświt, Nr. 4 vom Oktober 1882.

P Diese Forderungen lauten in den Hauptpunkten:

1. Ganz Deutschland soll zu einer unteilbaren Republik erklärt werden.

4. Allgemeine Volksbewaffnung.

11. Alle Transportmittel wie Eisenbahnen, Kanäle, Dampfschiffe, Wege, Postämter etc. nimmt der Staat in seine Hand. Sie werden in Staatseigentum umgewandelt und der unbemittelten Klasse zur Verfügung gestellt.

16. Einrichtung von Nationalwerkstätten. Der Staat garantiert allen Arbeitern ihre Existenz und sorgt für die Arbeitsunfähigen.

17. Allgemeine, unentgeltliche Erziehung. Siehe Karl Marx: Enthüllungen über den Kommunisten-Prozess zu Köln; Einleitung von Friedrich Engels, 1885, S. 11/12. [Karl Marx/Friedrich Engels: Forderungen der Kommunistischen Partei in Deutschland. In: Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd. 5, S. 3-5.]

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