Rosa Luxemburg‎ > ‎1910‎ > ‎

Rosa Luxemburg 19101105 „Diskussion"

Rosa Luxemburg: „Diskussion"

[„Dyskusja", in: Młot (Der Hammer), Nr. 14, S. 5-7, Warschau, 5. November 1910. Nach Iring Fetscher (Hg.): Marxisten gegen Antisemitismus, Hamburg 1974, S. 141-150]

Ich bitte ums Wort!" rief der Herr Kommissar aus Klecko,

Ein junger gut aussehender Mensch, nach deutscher Mode gekleidet.

Er hieß Buchman, war aber Pole, in Polen geboren.

Ich bitte ums Wort", wiederholte er, räusperte sich zweimal,

Verneigte sich und brummte mit sonorer Stimme:

Meine Vorredner haben in ihren beredsamen Ausführungen

Alle entscheidenden und wichtigen Punkte berührt,

Die Diskussion auf eine höhere Ebene gehoben.

Mir verbleibt nur eins, die im Brennpunkt

Aufgeworfenen treffenden Gedanken und klugen Urteile aufzugreifen:

Ich habe die Hoffnung, auf diese Weise die widersprüchlichen Meinungen zu einigen."

Wahrlich, es geschehen bei uns Dinge, von denen kein Philosoph je träumte. Als in der Freidenkerpresse ein unzurechnungsfähiges Individuum mit dem Ausruf „drauf auf den Juden!" vorpreschte, trat im Lager des polnischen Fortschritts nicht – wie es die ganze Welt erwartete – ein Standgericht über den Rowdy, sondern ein „intellektueller" Judenpogrom ein, und da es sich nach dem Pogrom erwiesen hat, dass das Lager des polnischen Fortschritts ein Bild des Elends und der Verzweiflung bietet und der linken Presse allein die Liquidierung der freidenkenden „Konkursmasse" verbleibt, beginnt auf der Stelle in einem gewissen Teil der linken Presse „eine sachliche und ernsthafte Diskussion" – über die Judenfrage! Eine Diskussion über „die Judenfrage" unter dem Patronat von Puriszkiewicz, „eine Diskussion" im Sitzen auf zerschlagenen Koffern und inmitten zerrissener „fortschrittlicher" jüdischer Federbetten, „eine Diskussion" auf dem Straßenpflaster, bedeckt mit frischem Gerümpel des Pogroms und bei ununterbrochener Katzenmusik des Schwarzhunderters in der „Myśl Niepodległa". Man muss schon tatsächlich einen unwiderstehlichen Drang zur Schreibsucht haben, um Vorfälle dieses Ausmaßes und Zuschnitts, wie die letzte Katastrophe im Lager des Fortschritts, lediglich als Anlass zum Füllen einiger Spalten Papier mit Druckerfarbe und mit der Absicht zur Eröffnung „einer Diskussion" zu nehmen. Wir nehmen es wirklich der „Społeczeństwo" nicht allzu übel, wenn sie sich, da sie uns wegen des „üblen Tons" – mit dem „beide Seiten" angeblich gesündigt haben – ungern sieht, mit einem ernsten Gesicht zur Meditation über die „Judenfrage" in gutem Ton anschickt. Heine sagte einmal über die berühmte „Schule" der deutschen „Romantiker", die sich über die „Amoralität" seiner Poesie und Sitten empörten, dass sie dafür außer der Jungfernschaft nichts anderes besäßen. Manchmal ist der „gute Ton" die einzige Mitgift, und wir werden nicht versuchen, jemandem diesen Schatz zu entreißen. Dass im gegebenen Fall die Antwort Heines richtig ist, beweist schon die erste Stimme in der „objektiven" Diskussion über die Judenfrage im „Społeczeństwo", die über die Unentbehrlichkeit des Militarismus und des gegenwärtigen Nationalismus belehrt, demgegenüber „die Verbreitung kosmopolitischer Parolen unmöglich und hoch apolitisch erscheint". In höflicher Übereinstimmung mit Herrn Niemojewski wird hier der „Vorwurf" dieses Herrn, „die Schädlichkeit der Propaganda kosmopolitischer Parolen besonders in unseren Verhältnissen betreffend", als „außerordentlich interessantes" Thema zur „Durchführung einer zweckvollen, sachlichen Diskussion" anerkannt, aber – „natürlich!" – „nicht in dem Ton, in dem die Diskussion zwischen „Myśl Niepodległa" und „Młot" geführt wird! Und dies alles unter dem Zeichen „eines aufrichtig linken Standpunkts", wie die Redaktion ernsthaft versichert.

Dass bei dieser Art von „ernsthaftem" Federschwingen auf geduldigem Papier die Feder sich gleich gut rechts wie auch links tummeln kann, wundert uns nicht. Aber wir müssen die fürwahr kindliche politische Orientierungslosigkeit bewundern, die Leuten von „aufrichtig linkem Standpunkt" erlaubt, sich überhaupt in dieser Situation mit todernstem Gesicht an die Diskussion über „die Judenfrage" heranzuwagen, und wir müssen diesen beredten Herren Buchmans in Erinnerung bringen, wie in dem bekannten Märchen:

Hört auf, Jungen, denn ihr treibt ein übles Spiel,

Für Euch ist das Spielerei – uns geht es um das Leben.

Um das Leben" geht es natürlich dem Arbeiterlager nicht, dem die antisemitischen Ausbrüche des „Fortschritts" soviel Schaden zufügen können wie das Gesumme einer Mücke, aber es handelt sich um einen ernsten Vorfall innerhalb der polnischen bourgeoisen Gesellschaft. Die Auseinandersetzung mit Herrn Niemojewski und den ihm Beifall spendenden Organen der fortschrittlichen Presse – das ist nicht ein Thema für literarische Übungen, das ist ein politischer Kampf, das ist ein Zusammenstoß sozialer Parteien, Interessen und bestimmter Tendenzen. Das ist ein Ausbruch eines so grundsätzlichen Antagonismus zwischen der sozialen Reaktion und der wahren Kultur und des Fortschritts, wie der Antagonismus zwischen Proletariat und dem es ausbeutenden Kapital, bei dem die Hoffnung „gegenseitiger Verständigung" und „Überzeugung" nur geschwätzige Kommissare aus Klecko hegen können.

Das ist schon das neueste Material zur „sachlichen und ernsthaften Diskussion":

Vor allem muss man sich darüber klar werden, was Judentum bedeutet. Semitismus, Judentum, sogar das, welches der Israeli repräsentiert, ist ein Synonym für Mesquinerie, Korruption, Servilismus, Prostration und Perversion." (Myśl Niepodległa, Nr. 150, S. 1462)

Der polnische Demokratismus und der polnische Patriotismus sind gegenüber dem Mosaismus und Semitismus dasselbe wie Kultur und Zivilisation gegenüber Rückständigkeit und Barbarei, wie Freiheit und Gerechtigkeit gegenüber Sklaverei und Despotismus, wie Rationalismus und der freie Gedanke gegenüber Offenbarung und Dogma.

Also heißt polnischer Demokrat sein, ein Feind des Judentums sein heißt Antisemit sein." (S. 1463)

Wenn wir Protestantismus als Atheismus bezeichneten, Katholizismus als Pantheismus, dann wäre der Mosaismus eine Art Animismus oder Fetischismus oder religiöse Magie. Also ist der Kampf mit dem Mosaismus (und dem Judentum) nicht nur ein humanitärer Kulturkampf, sondern etwas hundertfach Edleres und hundertfach Vordringlicheres." (S. 1464)

Dieser ganze Erguss, der ein monumentaler Beweis der „Legende vom fortschrittlichen Antisemitismus" ist, trägt den Titel: „Antisemitismus als Kampf um die Kultur". Es scheint, dass es als einzige Antwort eines tatsächlich ernsthaften und „ehrlich linken" Menschen auf diese Fieberphantasien nur eine Erklärung geben kann:

Wenn wir Protestantismus als Atheismus bezeichneten, Katholizismus als Pantheismus und Mosaismus als Fetischismus oder Animismus oder religiöse Magie, dann müsste man die Freidenkerei des Herrn Niemojewski und der ihm beipflichtenden polnischen „Demokraten" als unverschämtes Trommeln auf Worten ohne Sinn oder als bestialischen Idiotismus oder als geistige Depravation typischer Schwarzhunderter bezeichnen.

Aber es gibt noch andere Herkules-Säulen dieser Verwilderung:

Es zeigt sich, dass Herr Niemojewski dieses ganze Credo von den Meistern des internationalen Sozialismus geerbt hat, und die Vorfahren der Myśl Niepodległa sind nicht der verstorbene Jan Jeleiiski mit seinem Cousin Puriszkiewicz, sondern Marx und Lassalle, wie auch ihre Schüler: Kautsky, Mehring und andere. Was? Ist das nicht ein „außerordentlich interessanter" Gedanke. Wir bitten um „ernsthafte und sachliche Diskussion" bei dieser Zügellosigkeit…

Zwar war es gerade Karl Marx, der in seiner Abhandlung aus dem Jahre 1843 gegen die Hegelianer Bauer und Feuerbach zum ersten Mal die Judenfrage aus der Religions- und Rassensphäre auf die soziale Grundlage geführt hat, indem er nachwies, dass das, was gewöhnlich als „Judentum" bezeichnet und verfolgt wird, nichts anderes ist als der Schacher- und Betrügergeist, der in jeder Gesellschaft auftritt, in der Ausbeutung herrscht, ein Geist, der aufs Beste in den neuzeitlichen „christlichen" Gesellschaften blüht, so dass die Judenemanzipation vor allem eine Emanzipation der Gesellschaft von diesem „Judentum", d. h. die Abschaffung der Ausbeutung ist.

Zwar beruht das ganze Wesen der Lehre von Marx und Lassalle und ebenso ihrer hervorragendsten Adepten Kautsky, Mehring und anderer auf der Vernichtung der Begriffe von Rasse und Nation als nicht differenzierten „anthropologischen Gruppen", auf der Spaltung dieser Begriffe durch den Kaiserschnitt der analytischen Marxschen Methode zu differenzierten Klassen, auf dem aus dem Inneren der Mystifikation über „Nation" und „Rasse" als homogene Ganzheiten Zutage-Fördern dieser strengen Antagonismen, die an den Eingeweiden jener „anthropologischen Gruppen" zerren.

Zwar bestehen für die gesamte vom Geiste Marx‘ und Lassalles durchdrungene internationale Sozialdemokratie, besonders für die deutsche, auf der ganzen heutigen Welt eigentlich „nur zwei Nationen" – die der Ausbeuter und die der Ausgebeuteten – und nur zwei Religionen – die Religion des Kapitals und das Evangelium der Befreiung der Arbeit.

Zwar brandmarken alle deutschen Judenfresser, angefangen beim damaligen kaiserlichen Prediger und Meineidigen Stoecker und endend bei Pückler, dem verrückten Berliner Pflastertreter vom Schlage eines Herrn Niemojewski, ständig die deutsche Sozialdemokratie als „verjudet" und „antinational", gerade deshalb weil ihre Gründer die „Juden-Kosmopoliten Marx und Lassalle" waren.

Aber in der „Myśl Niepodległa" geht es zu wie in jener „verdrehten Welt" von Gullivers Reisen, in der Pferde auf Menschen reiten. Hier erfährt die Welt, dass Marx und Lassalle Antisemiten waren, dass daher die deutsche Sozialdemokratie mit Bebel, Liebknecht, Singer, Auer an der Spitze, die den Antisemitismus als barbarisches reaktionäres Unkraut bekämpft – wie man sieht – ihren Meistern und Schöpfern untreu geworden ist, ihre Erben aber in gerader Linie Herr Niemojewski in Warschau und Vater Eulogjusz an der Neva sind.

Dieses verantwortungslose, ungereimte Zeug ist ein typisches Bild der geistig-moralischen Verwirrung, das nur auf antisemitischem Morast aufblüht. Wie viel geistige Autorität und politische Erwägung braucht man folglich, um angesichts solch geistiger Verwilderung zu erklären: „Die Zeit ist gekommen, um die von Herrn Niemojewski aufgestellten Vorwürfe sine ira et studio zu prüfen; falls sie berechtigt sind, muss man sie zur Kenntnis nehmen und das Verhalten ändern; falls sie aber unbegründet sind, muss man die Fehler im Räsonieren aufzeigen und erklären, worauf diese Fehler beruhen." Was für eine tiefe Auffassung der Sache kommt zum Ausdruck in diesem Heranwagen an die ernsthafte und objektive Diskussion mit dieser Art Mentalität zwecks „Überzeugung" mit verstandesmäßigen Argumenten dort, wo es sich um einen elementaren Ausbruch blinder zoologischer Instinkte von Individuen handelt, in denen sich die gesellschaftliche Reaktion gewisser Sphären widerspiegelt, wo es sich um den Sturmbock des Kampfes mit dem Sozialismus handelt, um Abrechnungen mit der „Streik-Orgie", wie die „Prawda" offen geschrieben hat.

Und – lasst uns hinzufügen – wie viel persönliche Würde „aufrichtiger Linker" strahlt diese „objektive" Plauderei zwischen den Verfolgern und den Opfern des Pogroms aus: Denn siehe da, auch Herr Kempner eröffnete in der „Nowa Gazeta" bereits „Spalten" für Zeugnisse „katholischer" Fortschrittler und für eine „ernsthafte" Diskussion darüber, ob es sich geziemt, den Juden die Peies auszureißen oder nicht – selbstverständlich nur „intellektuell", wie denn sonst! –‚ ob es sich geziemt, die „Juden" in Bausch und Bogen für ehrlos zu erklären, ob es sich geziemt, Pasquille in Nalewkowscher Mundart zu schreiben, und ob „Judentum" ein Synonym für Perversion ist. Nun, wie wäre es denn, wenn wir eine „sachliche und ernsthafte Diskussion" beginnen würden: über die polnische Frage mit Herrn Dubrowin, über die Region Chełm mit Herrn Markow II., über das Versammlungs- und Vereinsrecht mit Meller-Zakomelski, über das Verfassungswesen – mit dem Polizeidepartement? Ist nicht etwa „die Zeit gekommen", um die von jener Seite aufgestellten „Vorwürfe" sine ira et studio zu prüfen; „falls sie berechtigt sind, muss man sie zur Kenntnis nehmen und das Verhalten ändern; falls sie aber unbegründet sind, muss man die Fehler im Räsonieren aufzeigen und erklären, worauf diese Fehler beruhen". Würden es die Herren Kommissare aus Klecko nicht gelegentlich übernehmen, das Polizeidepartement auf „Fehler im Räsonieren" hinzuweisen?

Hier haben wir den Kernpunkt der Sache berührt. Die Buchmanns, die in jedem gesellschaftlichen Vorfall nur eine Gelegenheit sehen, um „mit sonorer Stimme etwas zu brummen", begreifen natürlich nicht im Geringsten, dass sie, indem sie in ihrer ernsthaften „Diskussion" über die Judenfrage leidenschaftlich nur „den guten Ton" wahren, allein durch das Aufwerfen dieser Frage unbewusst eine politische Rolle mit einem sehr, sehr üblen „Ton" spielen.

In welcher Situation kam es ehemals zur Diskussion über die Judenfrage in Deutschland. Es war zu Beginn des fünften Jahrzehnts des letzten Jahrhunderts, als in Deutschland das undurchdringliche Dunkel der Reaktion des Vormärz herrschte. Die Schläfrigkeit der bourgeoisen Klasse und der eiserne Druck der absolutistischen Zensur trugen das Ihre zur friedhöflichen Erstarrung des politischen Lebens bei. Nur in der Sphäre des „Geistes", auf dem Gebiet der Philosophie fanden Kämpfe statt, erschallte der Lärm der Ideenkämpfe als fernes Echo des heraufziehenden politischen Sturmes. Die ethisch-philosophische Übung bereitete die Märzbarrikaden vor, und der Kampf um die „Kategorien": Mensch, Bürger, Staat, Religion, war das Vorgefecht der Kämpfe um politische Rechte. Inmitten dieser Turniere in philosophischen Höhen tauchte die Judenfrage auf, und Marx beendete die Diskussion darüber, indem er sie aus diesen Höhen in das gesellschaftliche Tal mit dem Hinweis herunterzog: Die endgültige Judenemanzipation sei die Emanzipation der Menschheit von der Ausbeutung des Kapitals. Das war das Ergebnis der Diskussion großer deutscher Geister.

Nach 60 und mehr Jahren, im Jahre 1905 stellte sich die „Judenfrage" erneut – diesmal in Russland und diesmal unter anderen Umständen.

Marx‘ Erben haben sie nicht aufgenommen. Im Gegenteil, für sie war die Feststellung, mit der Marx die Diskussion im Jahre 1843 beendete, ein neuer Ausgangspunkt. Für die Marx-Anhänger wie auch für die Arbeiterklasse existiert die Judenfrage als solche nicht, so wie für sie die „Negerfrage" oder die Frage der „gelben Gefahr" seitens der Chinesen nicht existiert. Vom Standpunkt der Arbeiterklasse ist die Judenfrage einerseits eine Frage des Rassenhasses als Symptom der gesellschaftlichen Reaktion, der in gewissem Grad mit allen Gesellschaften untrennbar verbunden ist, die sich auf den Klassenantagonismus stützen – des Hasses, der am stärksten in den demokratisch bourgeoisen Staaten ausbricht. Die Arbeiterklasse weiß, dass nur eine gründliche Umgestaltung des kapitalistischen Systems die radikalen Attacken gegen das „Judentum" beseitigen kann. Andererseits ist die Judenfrage vor allem auch eine Frage der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden, also unter unseren Bedingungen eine von tausend sozialen Aufgaben, deren einzige gemeinsame Lösung man anderswo suchen muss.

Die Arbeiterklasse hat erkannt, dass Missernten bei uns wie auch in Russland eine Frage des politischen Systems sind, dass die Förderung der Industrie eine Frage des politischen Systems ist, dass das Schulwesen eine Frage des politischen Systems ist, dass die Nationalitätenfrage eine Frage des politischen Systems ist, dass die Senatorenrevisionen eine Frage des politischen Systems sind, dass die Landesautonomie eine Frage des politischen Systems ist, dass die Judenfrage eine Frage des politischen Systems ist. Für die Arbeiterklasse haben sich alle sozialen Fragen zu einer verschmolzen, fanden in einer die Lösung, und der Ausdruck dieser Einheit war das Jahr 1905 und die Einheit der bewussten Arbeiter aller Nationalitäten im Staate, deren historische Taufe jenes Jahr ankündigte.

Damals wurde von der Gegenseite die „Judenfrage" als separate, rassische, religiöse aufgeworfen. Das In-den-Vordergrund-Stellen der „Judenfrage" zur Diskussion war ein einfacher Zug auf dem politischen Schachbrett seitens der Konterrevolution zur Eindämmung der Massenbewegung. Um die öffentliche Aufmerksamkeit vom politischen Konflikt, von den Klassen- und politischen Antagonismen abzulenken, schob die Konterrevolution den Rassenhass und -antagonismus, den Antisemitismus vor. Als Bauer in diesem Spiel der Aufforderung zur „Diskussion" über die „Judenfrage" diente damals der Abschaum der Gesellschaft für den Preis: Wodka und Wurst.

Bei uns erfüllt heutzutage die Funktion dieses Bauern freiwillig nicht einmal für Wodka und Wurst – der polnische „Fortschritt"! Und deshalb können nur die „aufrichtigen Linken", deren einziges Mittel selbstverständlich „der gute Ton" ist, diesem Spiel der dunklen Mächte zur Hand gehen und sich auf der Parole des antisemitischen Pogroms breitmachen, „ihre Bärte" zur Diskussion über „die Judenfrage" „hinhaltend".

Für die bewusste Arbeiterklasse gibt es heute keine „Judenfrage" als Rassen- und Religionsfrage. Es gibt nur eine Frage: die gesellschaftspolitische, und eine Lösung, die für alle sozialen Nöte am dringlichsten ist. Das bewusste Proletariat weiß, dass der Ausbruch des Antisemitismus in unserem Land nur ein neues Glied in der Kette der konterrevolutionären Schande der polnischen Bourgeoisie ist, das sich an die Orgie des Neoslawismus logisch anschließt, weiß, dass die einzige „sachliche und ernsthafte Diskussion" mit dieser Schande die radikale Entscheidung der Frage ist, die durch das Jahr 1905 gestellt wurde.

Comments