Wladimir I. Lenin 19170507 Referat und Schlusswort zum Referat zur politischen Lage

Wladimir I. Lenin: Referat und Schlusswort zur politischen Lage

[Zum ersten Mal veröffentlicht 1925 in dem Buche „Die Petrograder Stadtkonferenz und die Allrussische Konferenz der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands im April 1917" (russisch). Nach Sämtliche Werke, Band 20.1, Wien-Berlin 1928, S. 320-340]

I

Referat zur politischen Lage

am 7. Mai (24. April) 1917

Genossen, um die gegenwärtige politische Lage zu beurteilen, werde ich ein außerordentlich umfangreiches Thema behandeln müssen, das, soweit ich sehen kann, in drei Teile zerfällt: erstens, die Beurteilung der eigentlichen politischen Lage bei uns in Russland, die Stellung zur Regierung und zur Doppelherrschaft, die sich herausgebildet hat; zweitens, die Stellung zum Krieg, und drittens, die internationale Konstellation der Arbeiterbewegung, die sie (wenn man im Weltmaßstabe spricht) unmittelbar vor die sozialistische Revolution stellt.

Ich glaube, auf einige Punkte werde ich nur kurz eingehen können. Anderseits habe ich euch den Entwurf einer Resolution zu all diesen Fragen vorzulegen, jedoch mit dem Vorbehalt, dass wir infolge des außerordentlichen Kräftemangels bei uns, ferner infolge der politischen Krise, die hier in Petrograd entstanden ist, die Resolution nicht nur nicht diskutieren, sondern auch nicht rechtzeitig den einzelnen Organisationen zustellen konnten. Ich wiederhole also, dass dies nur vorläufige Entwürfe sind, die die Arbeit in der Kommission erleichtern und ihr erlauben sollen, sich auf einige der wesentlichsten Fragen zu konzentrieren.

Ich beginne mit der ersten Frage. Wenn ich nicht irre, so hat die Moskauer Konferenz dieselbe Resolution angenommen, wie die Petrograder Stadtkonferenz. (Zwischenrufe: „Mit Abänderungen".) Ich habe diese Abänderungen nicht gesehen und kann darüber nicht urteilen. Da aber die Petrograder Resolution in der „Soldatskaja Prawda"1 veröffentlicht wurde, darf ich, wenn kein Widerspruch dagegen erfolgt, wohl annehmen, dass sie allen bekannt ist. Diese Resolution lege ich nun der jetzigen Allrussischen Konferenz als Entwurf vor.

Die Mehrheit der Parteien des kleinbürgerlichen Blocks, der den Petrograder Rat beherrscht, stellt unsere Politik, zum Unterschiede von ihrer eigenen, als die Politik der Überstürzung dar. Unsere Politik zeichnet sich dadurch aus, dass wir vor allem eine genaue Klassencharakteristik der Geschehnisse fordern. Die Hauptsünde des kleinbürgerlichen Blocks besteht darin, dass er die Wahrheit über den Klassencharakter der Regierung dem Volke mit Phrasen verschleiert.

Falls die Moskauer Genossen Abänderungsanträge haben, könnten sie sie jetzt verlesen.

(Lenin verliest die Resolution der Petrograder Stadt-Konferenz über die Stellung zur Provisorischen Regierung.)

In der Erkenntnis:

1. dass die Provisorische Regierung ihrem Klassencharakter nach ein Organ der Herrschaft der Grundbesitzer und der Bourgeoisie ist;

2. dass diese Regierung und die durch sie vertretenen Klassen wirtschaftlich und politisch mit dem russischen und dem englisch-französischen Imperialismus untrennbar verbunden sind;

3. dass diese Regierung selbst das von ihr verkündete Programm nur unvollständig und nur unter dem Drucke des revolutionären Proletariats und teilweise des Kleinbürgertums durchführt;

4. dass die sich organisierenden Kräfte der bürgerlichen und gutsherrlichen Gegenrevolution, die sich in die Farben der Provisorischen Regierung hüllen, unter offenkundiger Duldung seitens der letzteren bereits zum Angriff auf die revolutionäre Demokratie übergegangen sind;

5. dass die Provisorische Regierung den Termin der Wahlen zur Konstituante hinausschiebt, die allgemeine Bewaffnung des Volkes verhindert, sich dem Übergang des gesamten Bodens in die Hände des Volkes widersetzt, ihm eine den Interessen der Grundherren entsprechende Methode der Lösung der Agrarfrage aufzwingt, die Einführung des Achtstundentages sabotiert, der konterrevolutionären Agitation der Gutschkow u. Co. in der Armee Vorschub leistet, das höhere Offizierskorps gegen die Soldaten organisiert usw.…"

Ich habe den ersten Teil der Resolution verlesen, die eine Klassencharakteristik der Provisorischen Regierung enthält. Die Differenzen mit der Resolution der Moskauer sind, soweit man nach dem Wortlaut der Resolution urteilen kann, kaum wesentlich, aber die allgemeine Charakterisierung der Regierung als konterrevolutionär scheint mir unrichtig zu sein. Wenn man allgemein spricht, dann muss man klarlegen, von welcher Revolution die Rede ist. Vom Standpunkt der bürgerlichen Revolution ist das unmöglich zu sagen, da diese bereits beendet ist. Vom Standpunkt der proletarisch-bäuerlichen – ist dies verfrüht zu sagen, da man nicht sicher sein kann, dass die Bauern unbedingt weiter als die Bourgeoisie gehen würden, und es ist meines Erachtens unbegründet, besonders jetzt, wo die Bauernschaft sich dem Imperialismus und dem Oboronzentum, d. h. der Unterstützung des Krieges, zuwandte, auszusprechen, dass man der Bauernschaft sicher ist. Sie ist aber jetzt auf eine ganze Reihe von Abmachungen mit den Kadetten eingegangen. Deshalb halte ich diesen Punkt der Resolution der Moskauer Genossen für politisch falsch. Wir wollen, dass die Bauernschaft weiter als die Bourgeoisie gehe, dass sie den Grundbesitzern das Land wegnehme, aber jetzt ist es noch unmöglich, über ihr zukünftiges Verhalten etwas Bestimmtes zu sagen.

Wir vermeiden sorgfältig die Worte „revolutionäre Demokratie". Wenn es sich um einen Angriff der Regierung handelt, dann kann man davon sprechen, aber jetzt verdeckt diese Phrase den größten Betrug, weil es sehr schwer ist, die Klassen, die in diesem Durcheinander vermengt werden, auseinanderzuhalten. Unsre Aufgabe ist, diejenigen zu befreien, die im Schwanze einher trotten. Für uns sind die Sowjets wichtig nicht als Form, uns ist wichtig, welche Klassen diese Sowjets vertreten. Deshalb ist eine lang andauernde Arbeit zur Erhellung des proletarischen Bewusstseins notwendig…

(Fährt im Lesen der Resolution fort.)

6. dass diese Regierung sich gleichzeitig im gegenwärtigen Moment auf das Vertrauen und, in gewissem Maße, auf ein direktes Abkommen mit dem Petrograder Rat der Arbeiter- und Soldatendeputierten stützt, der zur Zeit zweifellos die Mehrheit der Arbeiter und der Soldaten, d. h. der Bauernschaft zusammenfasst;

7. dass jeder Schritt der Provisorischen Regierung sowohl in der Außen- wie in der Innenpolitik nicht nur den Proletariern und Halbproletariern in Stadt und Land, sondern auch breiten Schichten des Kleinbürgertums über den wahren Charakter dieser Regierung die Augen öffnen wird –

beschließt die Konferenz:

1. Für den Übergang der gesamten Staatsgewalt an die Räte der Arbeiter- und Soldatendeputierten oder andere Organe, die den Willen des Volkes unmittelbar zum Ausdruck bringen, ist eine langwierige Arbeit notwendig, die das proletarische Klassenbewusstsein erhellt, ferner die Vereinigung der Proletarier in Stadt und Land gegen die Schwankungen des Kleinbürgertums; denn nur eine solche Arbeit gibt eine wirkliche Gewähr für den erfolgreichen Vormarsch des gesamten revolutionären Volkes.

2. Für eine solche Tätigkeit ist es notwendig, eine allseitige Arbeit innerhalb der Räte der Arbeiter- und Soldatendeputierten zu entfalten, ihre Zahl zu erhöhen, ihre Kraft zu stärken, die proletarischen internationalistischen Gruppen unserer Partei innerhalb der Sowjets fest zusammenzufassen.

3. Es ist notwendig, die eigenen sozialdemokratischen Kräfte in gesteigertem Maße zu organisieren, damit der neue Aufstieg der revolutionären Bewegung sich unter dem Banner der revolutionären Sozialdemokratie vollzieht."

Hier ist der springende Punkt unserer ganzen Politik. Das gesamte Kleinbürgertum schwankt jetzt und verdeckt sein Schwanken mit der Phrase der „revolutionären Demokratie", diesen Schwankungen haben wir die proletarische Linie entgegenzusetzen. Diese Linie durch vorzeitige Aktionen zum Scheitern zu bringen, das wünschen die Konterrevolutionäre. Unsere Aufgaben sind: Vergrößerung der Zahl der Sowjets, Verstärkung ihrer Kräfte, Zusammenschluss innerhalb unserer Partei.

Die Moskauer fügen im dritten Punkte die Kontrolle hinzu. Diese Kontrolle wird von Tschcheïdse, Steklow, Zeretelli und anderen Führern des kleinbürgerlichen Blocks vertreten. Eine Kontrolle ohne Macht ist eine leere Phrase. Wie soll ich England kontrollieren? Um es kontrollieren zu können, müsste man seine Flotte erobern. Ich verstehe, dass die unentwickelte Masse der Arbeiter und Soldaten, naiv und unbewusst wie sie ist, an die Kontrolle glauben kann, aber es genügt, die grundlegenden Momente der Kontrolle zu durchdenken, um zu begreifen, dass ein solcher Glaube ein Abweichen von den Grundprinzipien des Klassenkampfes ist. Was ist Kontrolle? Wenn ich ein Papierchen oder eine Resolution niederschreibe, dann werden sie eine Gegenresolution schreiben. Um kontrollieren zu können, muss man die Macht haben. Wenn das der breiten Masse des kleinbürgerlichen Blocks unbegreiflich ist, muss man Geduld haben, ihr das auseinanderzusetzen, man darf ihr aber auf keinen Fall die Unwahrheit sagen. Wenn ich aber diese Grundbedingung durch die Kontrolle verdecke, dann sage ich die Unwahrheit und leite Wasser auf die Mühlen der Kapitalisten und Imperialisten. – Sie sagen:

Bitte sehr, du kannst mich kontrollieren, ich aber werde die Kanonen haben. Werde du satt durch die Kontrolle." Sie wissen, dass man jetzt dem Volke nichts verweigern kann. Ohne Macht ist die Kontrolle eine kleinbürgerliche Phrase, die den Gang und die Entwicklung der russischen Revolution hemmt. Deswegen wende ich mich gegen den dritten Punkt der Moskauer Genossen.

Was diese eigenartige Verflechtung zweier Regierungsgewalten anbelangt, wo die Provisorische Regierung, ohne die Macht, die Geschütze, die Soldaten und die bewaffnete Menschenmasse zu besitzen, sich auf die Räte stützt, die im Vertrauen auf die Versprechungen einstweilen eine Politik der Unterstützung dieser Versprechungen betreiben, so würdet ihr Schiffbruch erleiden, wenn ihr euch an diesem Spiel beteiligen wollt. Unsere Aufgabe ist, diesem Spiel fernzubleiben. Wir werden nach wie vor dem Proletariat die ganze Unhaltbarkeit dieser Politik klarmachen, und jeder Schritt des wirklichen Lebens wird zeigen, wie recht wir haben. Wir sind jetzt in der Minderheit, die Massen glauben uns vorläufig nicht. Wir können warten: sie werden zu uns kommen, wenn die Regierung sich ihnen zeigen wird, wie sie ist. Die Schwankungen der Regierung werden sie abstoßen und sie werden zu uns kommen, und dann werden wir, dem Kräfteverhältnis Rechnung tragend, sagen: jetzt ist unsere Zeit gekommen.

Ich komme jetzt zur Frage des Krieges, in der wir uns praktisch zusammenfanden, als wir uns gegen die Anleihe wandten; die Stellung zu dieser Anleihe hat sofort augenfällig gezeigt, wie die politischen Kräfte sich verteilen. Wie die „Rjetsch" schrieb, schwanken alle mit Ausnahme des „Jedinstwo", die ganze kleinbürgerliche Masse ist mit Vorbehalt für die Anleihe. Die Kapitalisten machen eine süßsaure Miene, stecken mit einem Lächeln die Resolution in die Tasche und sagen: „Ihr könnt reden, und wir werden handeln". In der ganzen Welt werden alle jene, die jetzt für die Anleihe stimmen, als Sozialchauvinisten bezeichnet.

Ich will nun direkt die Resolution über den Krieg verlesen. Sie zerfällt in drei Teile: 1. die Charakterisierung des Krieges vom Standpunkt seiner Klassenbedeutung, 2. das revolutionäre Oboronzentum der Massen, das es sonst in keinem Lande gibt, 3. wie ist der Krieg zu beenden?

Viele von uns, auch ich persönlich, hatten Gelegenheit, besonders vor Soldaten zu sprechen, und ich glaube, wenn man ihnen alles vom Klassenstandpunkt aus erklärt, so ist ihnen in unserer Stellung am wenigsten klar, wie wir den Krieg beenden wollen, in welcher Weise, unserer Ansicht nach, der Krieg beendet werden kann. Unter den breiten Massen herrscht eine Unmenge von Missverständnissen, sie verstehen unsere Stellung überhaupt nicht, darum müssen wir uns in diesem Punkt besonders einfach ausdrücken.

(Liest den Entwurf der Resolution über den Krieg.)

Der gegenwärtige Krieg ist auf Seiten beider Gruppen der kriegführenden Mächte ein imperialistischer Krieg, d. h. ein Krieg, den die Kapitalisten führen um die Weltherrschaft, um die Aufteilung der kapitalistischen Beute, um günstige Märkte für das Finanz- und Bankkapital, um die Erdrosselung schwacher Völkerschaften.

Der Übergang der Staatsgewalt in Russland von Nikolaus II. auf die Regierung der Gutschkow, Lwow u. a., auf die Regierung der Grundbesitzer und Kapitalisten, hat an diesem Klassencharakter und an der Bedeutung des Krieges auf Seiten Russlands nichts geändert und konnte daran nichts ändern.

Besonders anschaulich ist die Tatsache, dass die neue Regierung denselben, einen ebensolchen imperialistischen, d. h. räuberischen Eroberungskrieg führt, in folgendem Umstand zum Ausdruck gekommen: die neue Regierung hat nicht nur die Geheimverträge nicht veröffentlicht, die der Exzar Nikolaus II. mit den kapitalistischen Regierungen Englands, Frankreichs usw. abgeschlossen hat, sondern diese Verträge auch formell bestätigt. Das hat man getan, ohne das Volk zu befragen und in der offensichtlichen Absicht, es zu betrügen, denn es ist allgemein bekannt, dass diese Geheimverträge des Exzaren durch und durch räuberische Verträge sind, die den russischen Kapitalisten die Ausplünderung Chinas, Persiens, der Türkei, Österreichs usw. versprechen.

Darum darf eine proletarische Partei, wenn sie mit dem Internationalismus, d. h. mit der brüderlichen Solidarität der Arbeiter aller Länder im Kampfe gegen das Joch des Kapitals nicht ganz brechen will, auf keinen Fall den jetzigen Krieg oder die jetzige Regierung oder ihre Anleihen unterstützen, welche Prunknamen diese Anleihen auch haben mögen.

Keinerlei Vertrauen verdient auch das Versprechen der jetzigen Regierung, auf Annexionen zu verzichten, d. h. auf die Eroberung fremder Länder oder das gewaltsame Festhalten irgendwelcher Völkerschaften innerhalb der Grenzen Russlands.

Denn erstens können die Kapitalisten, die durch Tausende von Fäden des russischen, englischen und französischen Bankkapitals miteinander verflochten sind, die die Interessen des Kapitals vertreten, auf Annexionen in diesem Kriege nicht verzichten, ohne aufzuhören, Kapitalisten zu sein, ohne auf die Profite aus den in Anleihen, Konzessionen, Kriegsindustriebetrieben usw. angelegten Milliarden zu verzichten. Zweitens hat die neue Regierung, nachdem sie, um das Volk zu betrügen, auf Annexionen verzichtete, durch den Mund Miljukows am 9. April 1917 in Moskau erklärt, dass sie auf Annexionen nicht verzichtet. Drittens hat Miljukow, wie „Djelo Naroda", die Zeitung, an der der Minister Kerenski mitarbeitet, enthüllt, seine Erklärung über den Verzicht auf Annexionen nicht einmal ins Ausland gesandt.

Indem die Konferenz das Volk vor den Versprechungen der Kapitalisten warnt, erklärt sie, dass man streng unterscheiden muss zwischen einem Verzicht auf Annexionen in Worten und einem Verzicht auf Annexionen in der Tat, d. h. durch sofortige Veröffentlichung aller geheimen Raubverträge, aller Dokumente der Außenpolitik und durch die sofortige Inangriffnahme der völligen Befreiung sämtlicher Völkerschaften, die die Kapitalistenklasse unterjocht oder gewaltsam an Russland kettet oder im Zustand der Rechtsungleichheit hält, indem sie die unser Volk schändende Politik des Exzaren Nikolaus II. fortsetzt."

Die zweite Hälfte dieses Teiles der Resolution handelt von den Versprechungen, die die Regierung macht. Für einen Marxisten wäre dieser Teil vielleicht überflüssig, aber für das Volk ist er wichtig. Deshalb muss hinzugefügt werden, warum wir diesen Versprechungen keinen Glauben schenken, warum wir der Regierung nicht trauen dürfen. Die Versprechungen der jetzigen Regierung, auf die imperialistische Politik zu verzichten, verdienen kein Vertrauen. Hier kann unsere Linie nicht darin bestehen, dass wir von der Regierung die Veröffentlichung der Verträge fordern. Das wäre eine Illusion. Derartiges von einer Regierung der Kapitalisten zu fordern, ist dasselbe, wie wenn wir von diesen die Aufdeckung ihrer geschäftlichen Schiebereien forderten. Wenn wir sagen, man muss auf Annexionen und Kontributionen verzichten, so müssen wir auch erklären, wie das zu machen ist; und wenn man uns fragen wird, wer es tun soll, so werden wir sagen, dass dies, dem Wesen nach, ein revolutionärer Schritt ist; einen solchen Schritt kann nur das revolutionäre Proletariat tun. Sonst werden es nur leere Versprechungen, Wünsche bleiben, mit denen die Kapitalisten das Volk nasführen.

(Liest den Resolutionsentwurf weiter.)

Das sogenannte revolutionäre Oboronzentum', das jetzt in Russland fast alle volkstümlerischen Parteien (Volkssozialisten, Trudowiki, Sozialrevolutionäre) und die opportunistische Sozialdemokratische Partei der Menschewiki (Organisationskomitee, Tschcheïdse, Zeretelli u. a.), sowie die Mehrheit der parteilosen Revolutionäre erfasst hat, stellt seiner Klassenbedeutung nach einerseits die Interessen und den Standpunkt des Kleinbürgertums, der Kleinbesitzer, der wohlhabenden Bauern dar, die, ebenso wie die Kapitalisten, aus der Vergewaltigung schwacher Völker Gewinne ziehen, – andererseits ist es das Resultat der Beschwindelung der Volksmassen durch die Kapitalisten, die die Geheimverträge nicht veröffentlichen und sich auf Versprechungen und schöne Redensarten beschränken.

Es muss anerkannt werden, dass sehr breite Massen der ,revolutionären Vaterlandsverteidiger' es ehrlich meinen, d. h. dass sie tatsächlich keine Annexionen, keine Eroberungen, keine Vergewaltigung schwacher Völker wünschen, dass sie tatsächlich einen demokratischen und keinen Gewaltfrieden zwischen allen kriegführenden Ländern anstreben. Das muss deshalb anerkannt werden, weil infolge der Klassenlage der Proletarier und Halbproletarier in Stadt und Land (d. h. der Leute, die ganz oder zum Teil vom Verkauf ihrer Arbeitskraft an die Kapitalisten leben) diese Klassen am Profit der Kapitalisten nicht interessiert sind.

Indem die Konferenz daher anerkennt, dass irgendwelche Zugeständnisse an das ,revolutionäre Oboronzentum' absolut unzulässig sind und in Wirklichkeit den völligen Bruch mit dem Internationalismus und Sozialismus bedeuten, erklärt sie gleichzeitig, dass, solange die russischen Kapitalisten und ihre Provisorische Regierung sich nur auf Gewaltandrohungen gegen das Volk beschränken (z. B. der zu trauriger Berühmtheit gelangte Befehl Gutschkows, der den Soldaten für die eigenmächtige Absetzung ihrer Vorgesetzten Strafe androht), solange die Kapitalisten nicht übergegangen sind zur Gewalt gegen die sich frei organisierenden und frei alle Behörden absetzenden und wählenden Räte der Arbeiter-, Soldaten-, Bauern-, Landarbeiter- usw. Deputierten, – so lange wird unsere Partei den Verzicht auf die Gewalt propagieren und gegen die schweren und verhängnisvollen Fehler der Anhänger des ,revolutionären Oboronzentums' ausschließlich mit den Methoden kameradschaftlicher Überzeugung ankämpfen, mit der Klarlegung der Wahrheit, dass die blinde Vertrauensseligkeit der breiten Massen gegenüber der Regierung der Kapitalisten, der schlimmsten Feinde des Friedens und des Sozialismus, im gegenwärtigen Augenblick in Russland das Haupthindernis einer raschen Beendigung des Krieges ist."

Ein Teil des Kleinbürgertums ist an dieser Politik der Kapitalisten interessiert, darüber besteht kein Zweifel, und darum ist es der proletarischen Partei nicht gestattet, jetzt Hoffnungen zu setzen auf die Gemeinsamkeit der Interessen mit der Bauernschaft. Wir kämpfen dafür, dass die Bauernschaft auf unsere Seite trete, aber sie steht bis zu einem gewissen Grade bewusst auf der Seite der Kapitalisten.

Es unterliegt keinem Zweifel, dass das Proletariat und das Halbproletariat als Klasse kein Interesse am Kriege haben. Die Massen machen mit unter dem Einfluss der Tradition und des Betrugs. Sie haben noch keine politische Erfahrung. Daraus folgt unsere Aufgabe – andauernde Aufklärung. Wir werden ihnen nicht die geringsten grundsätzlichen Konzessionen machen, aber wir können ihnen nicht entgegentreten, wie den Sozialchauvinisten. Diese Elemente der Bevölkerung waren noch nie sozialistisch, haben vom Sozialismus keine Ahnung, sie erwachen erst zum politischen Leben. Aber ihr Bewusstsein wächst und weitet sich mit außerordentlicher Schnelligkeit. Man muss es verstehen, mit der Aufklärung an sie heranzukommen, und das ist die schwierigste Aufgabe, insbesondere für eine Partei, die noch gestern eine unterirdische war.

Manchem wird der Gedanke kommen, ob wir denn nicht uns selber verleugnen: haben wir doch die Umwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg propagiert, und jetzt sprechen wir gegen uns selber. Aber in Russland ist der erste Bürgerkrieg zu Ende, wir gehen jetzt zum zweiten Krieg über, dem zwischen dem Imperialismus und dem bewaffneten Volke, und in dieser Übergangsperiode, solange die bewaffnete Macht bei den Soldaten liegt, solange Miljukow und Gutschkow noch keine Gewalttaten angewandt haben, verwandelt sich dieser Bürgerkrieg für uns in die friedliche, langwierige und geduldige Klassenpropaganda. Wenn wir vom Bürgerkrieg reden werden, noch ehe die Leute seine Notwendigkeit begriffen haben, verfallen wir unzweifelhaft in Blanquismus Wir sind für den Bürgerkrieg, aber nur dann, wenn er von einer sich ihrer bewusst gewordenen Klasse geführt wird. Man kann den stürzen, der dem Volke als Gewalttäter bekannt ist. Jetzt sind aber keine Gewalttäter da, die Geschütze und Gewehre sind bei den Soldaten und nicht bei den Kapitalisten, die Kapitalisten nehmen die Leute jetzt nicht mit Gewalt, sondern mit Betrug, und jetzt über Vergewaltigung schreien ist unmöglich, das ist Unsinn.

Man muss verstehen, auf dem Standpunkte des Marxismus zu bleiben, der besagt, dass diese Verwandlung des imperialistischen Krieges in den Bürgerkrieg auf objektiven und nicht subjektiven Bedingungen beruht. Wir verzichten vorläufig auf diese Losung, aber nur vorläufig. Die Waffen sind jetzt bei den Soldaten und Arbeitern und nicht bei den Kapitalisten. Solange die Regierung den Krieg nicht begonnen hat, führen wir eine friedliche Propaganda.

Für die Regierung wäre es vorteilhaft, wenn der erste unüberlegte Schritt zu einer Aktion von uns gemacht würde, für sie wäre es vorteilhaft. Sie ist wütend, weil unsere Partei die Losung einer friedlichen Demonstration ausgegeben hat. Wir dürfen dem Kleinbürgertum, das sich jetzt abwartend verhält, kein Jota unserer Grundsätze opfern. Für eine proletarische Partei gibt es keinen gefährlicheren Fehler, als ihre Taktik auf subjektiven Wünschen aufzubauen, dort, wo Organisiertheit nottut. Zu sagen, dass die Mehrheit für uns ist, ist unmöglich; was man im gegebenen Falle braucht, ist Misstrauen, Misstrauen und nochmals Misstrauen. Auf Wünsche die proletarische Taktik begründen, heißt sie zunichte machen.

Der dritte Punkt bezieht sich auf die Frage, wie man dem Kriege ein Ende machen soll. Der Standpunkt der Marxisten ist bekannt, aber die Schwierigkeit besteht darin, wie man ihn den Massen in der klarsten Form vermitteln soll. Wir sind keine Pazifisten und können einen revolutionären Krieg nicht ablehnen. Wodurch unterscheidet sich ein solcher von einem kapitalistischen Krieg? Vor allem dadurch, welche Klasse an ihm ein Interesse hat und welche Politik die interessierte Klasse in diesem Kriege führt … Wenn man vor die Massen hintritt, muss man ihnen konkrete Antworten geben. Also die erste Frage: wie soll man einen revolutionären Krieg von einem kapitalistischen unterscheiden? Der Massenmensch versteht nicht, worin der Unterschied besteht, dass hier die Rede von verschiedenen Klassen ist. Wir dürfen nicht nur theoretisch sprechen, sondern wir müssen praktisch zeigen, dass wir erst dann einen wirklich revolutionären Krieg führen werden, wenn die Macht beim Proletariat sein wird. Mir scheint, dass eine solche Fragestellung eine anschaulichere Antwort auf die Frage gibt, was für ein Krieg dieser ist und wer ihn führt.

In der „Prawda" ist der Entwurf eines Aufrufs an die Soldaten aller kriegführenden Länder veröffentlicht worden. Uns sind Mitteilungen zugegangen über eine vorläufig noch halb elementar vor sich gehende Verbrüderung der Soldaten an der Front. Was bei der Verbrüderung fehlt, ist ein klarer politischer Gedanke. Die Soldaten haben instinktiv empfunden, dass man von unten handeln muss, ihr revolutionärer Klasseninstinkt hat ihnen gesagt, dass nur hier der richtige Weg liegt. Das genügt aber für die Revolution nicht. Wir wollen eine klare politische Antwort geben. Damit der Krieg zu Ende geführt werden kann, muss die Macht in die Hände der revolutionären Klasse übergehen. Ich möchte vorschlagen, im Namen der Konferenz einen Aufruf an die Soldaten aller kriegführenden Länder zu erlassen und diesen Aufruf in allen Sprachen zu veröffentlichen. Wenn wir statt der Gemeinplätze über Friedenskonferenzen, auf denen die Hälfte der Teilnehmer verkappte oder offene Agenten der imperialistischen Regierungen sind, diesen Aufruf verschicken, so wird uns das tausendmal rascher zum Ziele führen als alle Friedenskonferenzen. Wir wollen mit den deutschen Plechanows nichts zu tun haben. Als wir im Zuge durch Deutschland fuhren, da versuchten diese Herren Sozialchauvinisten, die deutschen Plechanows, zu uns in den Wagen zu steigen, wir aber antworteten ihnen, dass kein einziger Sozialist dieser Art zu uns hereinkommen dürfe, und wenn sie es doch tun sollten, so würde es ohne großen Skandal nicht abgehen. Hätte man z. B. Karl Liebknecht zu uns gelassen, so hätten wir uns mit ihm unterhalten. Wenn wir den Aufruf an die Werktätigen aller Länder verbreiten und darin unsere Antwort geben auf die Frage, wie der Krieg zu Ende zu führen sei, und wenn die Soldaten unsere Antwort lesen werden, die einen politischen Ausweg aus dem Krieg zeigt, dann wird die Verbrüderung mit Riesenschritten vorwärtsschreiten. Das ist notwendig, damit die Verbrüderung über die Stufe des instinktiven Abscheus gegen den Krieg hinausgelange und übergehe in die klare politische Erkenntnis, wie man aus diesem Krieg herauskommen kann.

Ich komme zur dritten Frage, zur Einschätzung des gegenwärtigen Moments vom Standpunkt der Lage der internationalen Arbeiterbewegung und des Zustandes des internationalen Kapitalismus. Vom marxistischen Standpunkt aus wäre es unsinnig, bei der Lage nur eines Landes zu verweilen, wenn man vom Imperialismus spricht, da doch die kapitalistischen Länder aufs engste miteinander verknüpft sind. Jetzt aber, während des Krieges, ist diese Verknüpfung noch unvergleichlich stärker. Die ganze Menschheit ist zu einem einzigen blutigen Knäuel verschlungen, und ein isoliertes Sichherauswinden aus dem Krieg ist nicht möglich. Wenn es auch mehr oder weniger entwickelte Länder gibt, so hat doch der gegenwärtige Krieg sie alle derart aneinander gekettet, dass die Loslösung eines einzelnen Landes unmöglich und unsinnig erscheint.

Wir sind alle darin einig, dass die Macht in den Händen der Arbeiter- und Soldatenräte liegen muss. Aber was können und sollen sie tun, wenn die Macht auf sie übergeht, d. h. wenn die Macht sich bei den Proletariern und Halbproletariern befinden wird? Eine komplizierte und schwierige Lage. Und wenn wir von der Machtübernahme sprechen, taucht da eine Gefahr auf, die schon in früheren Revolutionen eine große Rolle spielte: nämlich, dass die revolutionäre Klasse die Staatsmacht in ihre Hände nimmt und nicht weiß, was sie damit anfangen soll. Beispiele von Revolutionen, die gerade daran gescheitert sind, sind in der Revolutionsgeschichte vorhanden. Die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte, die jetzt wie ein Netz ganz Russland überziehen, stehen gegenwärtig im Mittelpunkt der ganzen Revolution; es will mir jedoch scheinen, dass sie von uns noch nicht genügend begriffen und studiert sind. – Wenn diese Räte die Macht in ihre Hände nehmen, dann wird es kein Staat im gewöhnlichen Sinne des Wortes mehr sein. Eine solche Staatsmacht, die sich längere Zeit gehalten hätte, hat es in der Welt noch nie gegeben, aber die ganze Arbeiterbewegung der Welt lief darauf hinaus. Das wird eben ein Staat vom Typus der Pariser Kommune sein. Eine solche Macht ist eine Diktatur, d. h. sie stützt sich nicht auf das Gesetz, nicht auf den formalen Willen der Mehrheit, sondern direkt, unmittelbar auf die Gewalt. Die Gewalt ist ein Werkzeug der Macht. Auf welche Weise werden die Räte diese Macht anwenden? Werden sie zur alten Regiererei mittels der Polizei zurückkehren, werden sie die Verwaltung vermittels der alten Machtorgane ausüben? Meines Erachtens werden sie dies nicht tun können, und jedenfalls steht vor ihnen die unmittelbare Aufgabe der Errichtung eines nichtbürgerlichen Staates. Ich gebrauchte unter Bolschewik! den Vergleich dieses Staates mit der Pariser Kommune in dem Sinne, dass sie die alten Verwaltungsorgane zerschlagen und sie durch völlig neue, direkte, unmittelbare Organe der Arbeiter ersetzt hat. Man beschuldigt mich, dass ich im gegenwärtigen Augenblick ein Wort gebrauche, das die Kapitalisten am meisten schreckt, da sie es als die Absicht unmittelbarer Einführung des Sozialismus auslegten. Aber ich gebrauchte es lediglich im Sinne der Ersetzung der alten Organe durch neue, proletarische. Marx sagte, dass dies den größten Schritt der gesamten proletarischen Weltbewegung nach vorwärts bedeute. Die Frage der sozialen Aufgaben des Proletariats ist für uns von gewaltiger praktischer Bedeutung, einerseits, weil wir jetzt mit allen übrigen Ländern verkettet sind und aus diesem Knäuel nicht heraus können: entweder wird sich das Proletariat in seiner Gesamtheit losmachen oder es wird erdrosselt werden; anderseits sind die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte eine Tatsache. Niemand wird bezweifeln, dass sie ganz Russland erfasst haben, sie sind eine Macht, und eine andere Macht kann es nicht geben. Wenn dem aber so ist, so müssen wir uns darüber klar werden, wie sie diese Macht gebrauchen können. Man sagt, dass diese Macht dieselbe sei, wie in Frankreich und in Amerika, aber dort ist nichts Derartiges vorhanden, eine solche unmittelbare Macht besteht dort nicht.

Die Resolution über die gegenwärtige Lage zerfällt in drei Teile. Im ersten wird die objektive Lage, wie sie durch den imperialistischen Krieg geschaffen wurde, die Lage, in die der Weltkapitalismus geraten ist, gekennzeichnet; im zweiten – die Bedingungen der internationalen proletarischen Bewegung; und im dritten – die Aufgaben der russischen Arbeiterklasse bei der Machtübernahme. Im ersten Teil formuliere ich die Schlussfolgerung, dass der Kapitalismus sich während des Krieges noch mehr entwickelte als vor dem Kriege. Er hat bereits ganze Zweige der Produktion in seine Hände gebracht. Schon im Jahre 1891, vor 27 Jahren, als die Deutschen ihr Erfurter Programm2 angenommen haben, sagte Engels, dass man den Kapitalismus nicht mehr wie bisher auslegen könne als Planlosigkeit. Das sei bereits veraltet: wenn Trusts vorhanden sind, so hört die Planlosigkeit auf. Besonders im XX. Jahrhundert schritt die Entwicklung des Kapitalismus mit Riesenschritten vorwärts und der Krieg bewirkte, was in 25 Jahren nicht bewirkt wurde. Die Verstaatlichung der Industrie ist nicht nur in Deutschland fortgeschritten, sondern auch in England. Vom Monopol überhaupt ist man zum Staatsmonopol gekommen. Die objektive Lage der Dinge hat gezeigt, dass der Krieg die Entwicklung des Kapitalismus beschleunigt hat, sie ist vom Kapitalismus zum Imperialismus, vom Monopol zur Verstaatlichung fortgeschritten. Das alles hat die sozialistische Revolution näher gebracht und für sie die objektiven Bedingungen geschaffen. Die sozialistische Revolution ist somit durch den Gang des Krieges näher gerückt.

England war bis zum Krieg das Land der weitestgehenden Freiheit, worauf stets die Politiker vom Schlage der Kadettenpartei hinweisen. Dort gab es Freiheit deshalb, weil es keine revolutionäre Bewegung gegeben hat. Der Krieg hat dies alles mit einem Schlage verändert. Das Land, in dem man sich seit Jahrzehnten keines Anschlags auf die Freiheit der sozialistischen Presse erinnern kann, ist mit einem Schlage zu einer rein zaristischen Zensur übergegangen, und sämtliche Gefängnisse haben sich mit Sozialisten gefüllt. Die Kapitalisten haben dort seit Jahrhunderten gelernt, das Volk ohne Gewalttätigkeit zu regieren, und wenn sie zur Gewalt gegriffen haben, dann bedeutet es, dass sie fühlten, dass die revolutionäre Bewegung anwächst, dass man nicht anders kann.

Als wir darauf hinwiesen, dass Liebknecht eine Masse vertrete, obgleich er allein steht und gegen ihn hundert deutsche Plechanows sind, sagte man uns, das sei Utopie, Illusion. Indessen, wer nur einmal im Auslande in Arbeiterversammlungen war, der sah, dass die Sympathie der Massen für Liebknecht eine unzweifelhafte Tatsache ist. Seine wütendsten Gegner mussten vor der Masse Winkelzüge machen; wenn man sich auch nicht als sein Anhänger hinstellen konnte, so wagte es jedenfalls niemand, gegen ihn aufzutreten. Jetzt ist die Sache noch viel weiter gediehen. Jetzt haben wir es mit Massenstreiks zu tun und wir haben die Verbrüderung an der Front. Sich in dieser Hinsicht auf Prophezeiungen einzulassen, wäre der größte Fehler, dass aber die Sympathie für die Internationale im Wachsen ist und dass eine revolutionäre Gärung in der deutschen Armee beginnt, ist dennoch eine Tatsache, die beweist, dass die Revolution dort heranreift.

Welches sind nun die Aufgaben des revolutionären Proletariats? Der Hauptmangel, der Hauptfehler aller Betrachtungen der Sozialisten besteht darin, dass die Frage zu allgemein gestellt wird – Übergang zum Sozialismus, während man über die konkreten Schritte und Maßnahmen sprechen muss. Die einen sind schon reif, andere noch nicht. Wir durchleben jetzt eine Übergangszeit. Wir haben offensichtlich Formen hervorgebracht, die den bürgerlichen Staatsformen nicht ähnlich sind: Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte – das ist eine Staatsform, die es in keinem Staate gibt noch je gegeben hat. Das ist eine Form, die die ersten Schritte zum Sozialismus darstellt und am Beginn der sozialistischen Gesellschaft unvermeidlich ist. Das ist eine entscheidende Tatsache. Die russische Revolution hat Räte geschaffen. In keinem bürgerlichen Lande der Welt gibt es Staatseinrichtungen dieser Art und kann es sie auch nicht geben, und keine einzige sozialistische Revolution wird mit einer anderen Macht außer dieser operieren können. Die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte müssen die Macht übernehmen, nicht um eine gewöhnliche bürgerliche Republik zu schaffen oder um unmittelbar zum Sozialismus überzugehen. Das ist unmöglich. Also wozu denn? Sie müssen die Macht übernehmen, um die ersten konkreten Schritte für diesen Übergang zu tun, die man tun kann und soll. Angst ist in dieser Hinsicht der schlimmste Feind. Man muss den Massen predigen, dass diese Schritte sofort getan werden müssen, sonst wird die Macht der Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte sinnlos sein und wird dem Volke nichts geben.

Ich will versuchen, die Frage zu beantworten, welche konkreten Schritte wir dem Volke vorschlagen können, ohne in Widerspruch zu unseren marxistischen Überzeugungen zu geraten.

Wozu wollen wir, dass die Macht in die Hände der Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte übergeht?

Die erste Maßnahme, die sie verwirklichen müssen, ist die Nationalisierung des Grund und Bodens. Darüber reden alle Völker. Man sagt, diese Maßnahme sei die utopischste, und dennoch gelangen alle zu ihr, gerade deswegen, weil der russische Landbesitz so verworren ist, dass es einen anderen Ausweg als diesen, den gesamten Grund und Boden in Staatseigentum zu verwandeln, nicht gibt. Das Privateigentum am Grund und Boden muss abgeschafft werden. Das ist jene Aufgabe, die vor uns steht, weil die Mehrheit des Volkes dafür eintritt. Dazu brauchen wir die Räte. Diese Maßnahme lässt sich mit den alten Staatsbeamten unmöglich durchführen.

Die zweite Maßnahme. Wir können nicht sagen, wir wollen den Sozialismus „einführen", – das wäre der größte Unsinn. Wir müssen den Sozialismus propagieren. Die Mehrheit der Bevölkerung in Russland besteht aus Bauern, Kleinbesitzern, die an den Sozialismus nicht einmal denken können. Was aber können sie dagegen haben, dass in jedem Dorfe eine Bank bestehen soll, die ihnen die Möglichkeit geben würde, die Wirtschaft zu verbessern? Dagegen können sie nichts sagen. Wir müssen diese praktischen Maßnahmen unter den Bauern propagieren und in ihnen das Bewusstsein ihrer Notwendigkeit festigen.

Anders steht es mit dem Syndikat der Zuckerfabrikanten, das ist eine Tatsache. Hier muss unser Vorschlag ein unmittelbar praktischer sein: diese bereits reifen Syndikate müssen Staatseigentum werden. Wenn die Räte die Macht ergreifen wollen, so nur zu diesen Zwecken. Sonst hat es keinen Sinn, die Macht zu ergreifen. Die Frage steht so: entweder diese Räte entwickeln sich weiter oder sie werden untergehen, wie die Pariser Kommune. Wenn man eine bürgerliche Republik braucht, so können es auch die Kadetten machen.

Ich will schließen mit dem Hinweis auf eine Rede, die auf mich den größten Eindruck gemacht hat. Ein Bergarbeiter hat eine ausgezeichnete Rede gehalten, in der er, ohne auch nur ein einziges literarisches Wort zu gebrauchen, erzählte, wie sie die Revolution gemacht haben. Ihnen ging es nicht um die Frage, ob sie einen Präsidenten haben werden, sie interessierte die folgende Frage: als sie die Gruben übernahmen, musste man die Seile schützen, damit die Produktion nicht zum Stillstand kam. Eine weitere Frage war die des Brotes, das sie nicht hatten, und sie sind auch übereingekommen, wie sie es auftreiben können. Das ist ein wirkliches Programm der Revolution, kein aus den Büchern herausgelesenes. Das ist die wirkliche Eroberung der Macht in der Provinz.

Die Bourgeoisie ist nirgends so fest zusammengeschlossen wie in Petersburg, und die Kapitalisten halten hier die Macht in ihren Händen, während in der Provinz die Bauern, ohne sich mit sozialistischen Plänen abzugeben, rein praktische Maßnahmen ergreifen. Ich glaube, dass dieses Programm der revolutionären Bewegung allein den richtigen Weg der Revolution zeigt. Wir sind dafür, dass man diese Maßnahmen mit der größten Umsicht und Vorsicht in Angriff nimmt, aber nur diese Maßnahmen soll man durchführen, nur in dieser Richtung muss man vorwärtsschreiten, einen anderen Ausweg gibt es nicht. Sonst werden die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte auseinandergejagt werden und eines ruhmlosen Todes sterben; sollte sich die Macht tatsächlich in den Händen des revolutionären Proletariats befinden, so nur, damit man vorwärtsschreitet. Vorwärtsschreiten aber heißt konkrete Schritte unternehmen, mit Worten allein kommt man aus dem Krieg nicht heraus. Der vollständige Erfolg dieser Schritte ist nur bei der Weltrevolution möglich, wenn die Revolution den Krieg abwürgt und wenn die Arbeiter in allen Ländern sie unterstützen. Deshalb ist die Machtergreifung die einzige konkrete Maßnahme, der einzige Ausweg.

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Schlusswort zum Referat über die politische Lage

am 7. Mai (24. April) 1917

Genosse Kamenew hat das Steckenpferd der Abenteurerpolitik geschickt geritten3. Man muss dabei verweilen. Genosse Kamenew ist überzeugt und er behauptet, dass wir, als wir gegen die Losung „Nieder mit der Provisorischen Regierung" sprachen, geschwankt hätten. Ich bin mit ihm einverstanden: Schwankungen von der Linie der revolutionären Politik hinweg hat es natürlich gegeben, und solche Schwankungen müssen vermieden werden. Ich glaube, dass unsere Meinungsverschiedenheiten mit Gen. Kamenew nicht allzu groß sind, denn wenn er sich mit uns einverstanden erklärt, bezieht er eine andere Position. Worin bestand unsere Abenteurerpolitik? Es war der Versuch, zu Gewaltmaßnahmen zu greifen. Wir wussten nicht, ob die Masse in diesem bewegten Augenblick stark nach unserer Seite hin neigte, und die Frage stände auch anders, wenn sie stark geschwankt hätte. Wir haben die Losung friedlicher Demonstrationen ausgegeben, einige Genossen vom Petersburger Parteikomitee aber gaben eine andere Losung aus, die wir zwar für ungültig erklärten, aber nicht verhindern konnten: die Masse folgte der Losung des Petersburger Komitees. Wir sagen, dass die Losung „Nieder mit der Provisorischen Regierung!" eine abenteuerliche ist, dass man jetzt die Regierung nicht stürzen kann, deshalb haben wir die Losung friedlicher Demonstrationen ausgegeben. Wir wollten nur eine friedliche Erkundung der feindlichen Kräfte vornehmen, aber keine Schlacht liefern, während das Petersburger Parteikomitee ein klein wenig linker steuerte, was im gegebenen Fall allerdings ein außerordentliches Verbrechen bedeutet. Der Organisationsapparat hat sich als nicht stark genug erwiesen: nicht alle führen unsere Beschlüsse durch. Zugleich mit der richtigen Losung „Hoch die Arbeiter- und Soldatendeputiertenräte" wurde die falsche Losung „Nieder mit der Provisorischen Regierung" ausgegeben. Im Augenblick der Aktion war es unangebracht, „ein klein wenig linker" zu steuern. Wir betrachten das als das größte Verbrechen, als Desorganisation. Wir wären auch nicht eine Minute im ZK geblieben, wenn wir diesen Schritt bewusst zugelassen hätten. Das geschah infolge der Unvollkommenheit des Organisationsapparates. Jawohl, in unserer Organisation waren Mängel. Die Frage der Verbesserung der Organisation ist bereits gestellt.

Die Menschewiki und Konsorten reiten auf dem Wort „Abenteurerpolitik" herum, aber sie haben doch wirklich weder eine Organisation noch irgendeine Linie. Wir haben eine Organisation und wir haben auch eine Linie.

In jenem Moment mobilisierte die Bourgeoisie alle Kräfte, die Regierung versteckte sich, wir organisierten eine friedliche Demonstration. Eine politische Linie hatten nur wir. Sind Fehler gemacht worden? Jawohl, Fehler sind gemacht worden. Nur der macht keine Fehler, der nichts tut. Sich gut organisieren – das ist eine schwierige Sache.

Nun zur Kontrolle.

Wir gehen mit dem Genossen Kamenew konform, mit Ausnahme der Frage der Kontrolle. Er sieht in ihr einen politischen Akt. Aber er versteht subjektiv dieses Wort besser als Tschcheïdse und die anderen. Wir werden uns auf die Kontrolle nicht einlassen. Man sagt uns: ihr habt euch isoliert, ihr habt viel schreckliche Worte über Kommunismus geredet, habt den Bourgeois einen bösen Schreck eingejagt… Meinetwegen! … Aber nicht das hat uns isoliert. Uns hat die Frage der Anleihe isoliert – das ist es, was unsere Isolierung herbeiführte. In dieser Frage sind wir in der Minderheit geblieben. Jawohl, wir sind in der Minderheit. Nun, was macht das aus! In dieser Zeit des chauvinistischen Taumels Sozialist sein, heißt in der Minderheit sein, in der Mehrheit sein aber heißt Chauvinist sein. Jetzt schlägt der Bauer zusammen mit Miljukow durch die Anleihe den Sozialismus. Der Bauer folgt Miljukow und Gutschkow. Das ist eine Tatsache. Die bürgerlich-demokratische Diktatur der Bauernschaft ist eine alte Formel.

Um die Bauernschaft zur Revolution zu stoßen, muss man das Proletariat loslösen, die proletarische Partei absondern, denn die Bauernschaft ist chauvinistisch. Den Muschik jetzt gewinnen wollen, heißt sich der Gnade Miljukows ausliefern.

Die Provisorische Regierung muss man stürzen, aber nicht jetzt und nicht auf dem gewöhnlichen Wege. Wir sind mit dem Genossen Kamenew einverstanden. Aber man muss aufklären. Eben auf diesem Wort reitet Genosse Kamenew herum. Nichtsdestoweniger ist es das einzige, was wir tun können.

Genosse Rykow meint, der Sozialismus müsse aus anderen Ländern mit einer entwickelteren Industrie kommen. Das ist nicht richtig. Man kann nicht sagen, wer anfangen und wer vollenden wird. Das ist kein Marxismus, sondern eine Parodie auf den Marxismus.

Marx hat gesagt, Frankreich würde beginnen und der Deutsche vollenden. Das russische Proletariat hat aber mehr erreicht als irgendwer …

Hätten wir gesagt: „keinen Zaren, her mit der Diktatur des Proletariats!" – nun, das wäre ein Sprung über das Kleinbürgertum hinweg. Wir aber sagen: hilf der Revolution durch den Arbeiter- und Soldatendeputiertenrat. Man darf nicht in den Reformismus abrutschen. Wir führen den Kampf nicht, um besiegt zu werden, sondern um als Sieger hervorzugehen, im äußersten Falle rechnen wir mit einem Teilerfolg. Falls wir eine Niederlage erleiden, so werden wir doch einen Teilerfolg erreichen. Das werden Reformen sein. Reformen sind ein Hilfsmittel für den Klassenkampf.

Ferner sagt Genosse Rykow, dass es keine Übergangsperiode zwischen dem Kapitalismus und Sozialismus gebe. Das stimmt nicht. Das ist ein Bruch mit dem Marxismus.

Die von uns vorgezeichnete Linie ist richtig, und wir werden in Zukunft alle Maßnahmen treffen, um eine Organisation zu haben, in der Pekisten4, die dem ZK keine Folge leisten, unmöglich sind. Wir wachsen, wie es sich in einer wirklichen Partei gehört.

1 „Soldatskaja Prawda" („Soldatenwahrheit") – populäre Tageszeitung der Petrograder Militärorganisation der Bolschewiki, erschien vom 28. (15.) April bis zu den Julitagen 1917

2 Das Erfurter Programm der deutschen Sozialdemokratie wurde auf dem Parteitag in Erfurt im Oktober 1891 an Stelle des veralteten Gothaer Programms angenommen; es ist von Kautsky geschrieben. Das Erfurter Programm zerfällt in zwei Teile: 1. eine Darstellung der marxistischen Theorie über die Entwicklung der Gesellschaft vom Kapitalismus zum Sozialismus (das sogenannte Maximalprogramm); 2. enthält es eine Reihe praktischer Forderungen, die im Rahmen der kapitalistischen Gesellschaft durchführbar sind (Minimalprogramm). Das Erfurter Programm diente als Vorbild für eine Reihe von Programmen der anderen nationalen sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale, darunter auch für das Programm der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands vom Jahre 1903.

Friedrich Engels unterzog das Erfurter Programm einer eingehenden Kritik. Insbesondere zur Frage der Planlosigkeit bei Bestehen von Trusts sagt Engels: „Und wenn wir von den Aktiengesellschaften übergehen zu den Trusts, die ganze Industriezweige beherrschen und monopolisieren, so hört da nicht nur die Privatproduktion auf, sondern auch die Planlosigkeit."

3 In seinem Koreferat auf der Aprilkonferenz sagte Kamenew über die Taktik der Partei in den Apriltagen u. a.: „… Nachdem das Zentralkomitee in der gestrigen Resolution gezwungen war, zuzugeben, dass die Losung des sofortigen Sturzes der Provisorischen Regierung eine abenteuerliche Losung war, was meines Erachtens stark übertrieben und darauf zurückzuführen ist, dass man vorher meine Worte, die Losung „Nieder mit der Provisorischen Regierung" könne eine desorganisierende Rolle spielen, unbeachtet ließ – waren wir gezwungen, plötzlich zurückzuweichen, wir verpassten die Zeit, die Massen vor der desorganisierenden Bedeutung dieser Losung zu warnen, und setzten uns dem Feuer des Kleinbürgertums aus, indem wir sagten, diese Losung sei eine abenteuerliche." Am Schluss seiner Rede befürwortete Kamenew die von den Moskauer Gebietsleitungsmitgliedern aufgestellte und von Lenin kritisierte Forderung der faktischen Kontrolle der Provisorischen Regierung durch den Arbeiterrat, und sagte folgendes: „… Diese Kontrolle war verwirklicht, als auf Befehl Kornilows die Truppen ausmarschieren sollten, der Sowjet aber damals erklärte, dass die Truppen der Petrograder Garnison lediglich zur Verfügung des Sowjets ständen, und die Truppen dem Befehl Kornilows nicht gehorchten."

4 Pekisten – Mitglieder des Petersburger Komitees (PK) der Bolschewiki, das während der Apriltage eine falsche Losung ausgab und sich nicht nach den Direktiven des Zentralkomitees richtete.

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