Lenin‎ > ‎1914‎ > ‎

Wladimir I. Lenin 19141100 Der Krieg und die russische Sozialdemokratie

Wladimir I. Lenin: Der Krieg und die russische Sozialdemokratie

[Geschrieben im Oktober 1914. Zum ersten Mal veröffentlicht am 1. November 1914 in der Zeitung „Sozialdemokrat" Nr. 33. Nach Sämtliche Werke, Band 18, 1929, S. 76-84]

Der europäische Krieg, im Verlauf von Jahrzehnten vorbereitet von den Regierungen und bürgerlichen Parteien aller Länder, ist da. Das Anwachsen der Rüstungen, die äußerste Zuspitzung des Kampfes um die Märkte in der Epoche des jüngsten, des imperialistischen Entwicklungsstadiums des Kapitalismus in den vorgeschrittenen Ländern, die dynastischen Interessen der rückständigsten osteuropäischen Monarchien mussten mit Unvermeidlichkeit diesen Krieg heraufführen, und sie haben ihn heraufgeführt. Territoriale Annexionen und Unterjochung fremder Nationen, Niederkämpfung der Konkurrenz machenden Nation, Plünderung ihrer Reichtümer, Ablenkung der Aufmerksamkeit der werktätigen Massen von den inneren politischen Krisen in Russland, Deutschland, England und in anderen Ländern, Spaltung und nationalistische Verdummung der Arbeiterschaft und Vernichtung ihrer Avantgarde zum Zwecke der Schwächung der revolutionären Bewegung des Proletariats, – dies ist der einzige wirkliche Inhalt, die Bedeutung und der Sinn des gegenwärtigen Kriegs.

Der Sozialdemokratie obliegt vor allem die Pflicht, diese eigentliche Bedeutung des Kriegs aufzudecken und die von den herrschenden Klassen, den Gutsbesitzern und der Bourgeoisie zur Verteidigung des Kriegs verbreiteten Lügen, Sophismen und „patriotischen" Phrasen schonungslos zu entlarven.

Die eine Gruppe der kriegführenden Nationen wird angeführt von der deutschen Bourgeoisie. Sie beschwindelt die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen mit der Behauptung, sie führe den Krieg zur Verteidigung der Heimat, der Freiheit und der Kultur, sie führe ihn um die Befreiung der vom Zarismus unterdrückten Völker und um die Vernichtung des reaktionären Zarismus. In Wirklichkeit war aber gerade diese Bourgeoisie, vor den preußischen Junkern mit Wilhelm II. an der Spitze katzbuckelnd, stets der treueste Bundesgenosse des Zarismus und Feind der revolutionären Arbeiter- und Bauernbewegung in Russland. In der Tat wird diese Bourgeoisie, wie immer der Krieg ausgehen möge, gemeinsam mit den Junkern alle Anstrengungen machen, um die Zarenmonarchie gegen die Revolution in Russland zu unterstützen.

In der Tat unternahm die deutsche Bourgeoisie einen Raubfeldzug gegen Serbien, weil sie dieses Land unterwerfen und die nationale Revolution der Südslawen ersticken wollte, und gleichzeitig warf sie die Hauptmasse ihrer Streitkräfte gegen die freieren Länder, Belgien und Frankreich, um den reicheren Konkurrenten auszurauben. Während sie Legenden von einem Verteidigungskrieg in die Welt setzte, in dem sie sich angeblich befinde, wählte die deutsche Bourgeoisie in Wirklichkeit den von ihrem Standpunkt günstigsten Moment für den Krieg, die letzten Errungenschaften der Kriegstechnik ausnutzend und den von Russland und Frankreich bereits vorgesehenen und beschlossenen neuen Rüstungen zuvorkommend.

Die andere Gruppe der kriegführenden Nationen wird angeführt von der englischen und französischen Bourgeoisie, die die Arbeiterklasse und die werktätigen Massen mit der Behauptung beschwindelt, sie führe den Krieg zur Verteidigung der Heimat, der Freiheit und der Kultur gegen den deutschen Militarismus und Despotismus. In der Tat aber war diese Bourgeoisie schon längst daran, vermittelst ihrer Milliarden die Truppen des russischen Zarismus, dieser reaktionärsten und barbarischsten Monarchie Europas, zu ihren Soldtruppen zu machen und sie zum Angriff auf Deutschland vorzubereiten.

In der Tat stellt das Kampfziel der englischen und französischen Bourgeoisie nichts anderes dar als die Annexion der deutschen Kolonien und die Niederkämpfung der konkurrierenden Nation, die sich durch rapidere ökonomische Entwicklung auszeichnet. Um solch edler Ziele willen reichen die „fortschrittlichen" demokratischen Nationen dem barbarischen Zarismus die Hand zu noch schärferer Unterdrückung Polens, der Ukraine usw. und zu noch schärferer Fesselung der Revolution in Russland.

Die beiden kriegführenden Ländergruppen stehen einander durchaus nicht nach in ihren Räubereien, Bestialitäten und endlosen Kriegsgräueln, aber um das Proletariat zum Narren zu halten und seine Aufmerksamkeit abzulenken von dem einzig wirklichen Befreiungskriege, nämlich vom Bürgerkrieg gegen die Bourgeoisie des „eigenen" wie der „fremden" Länder, um dieses höheren Zieles willen bemüht sich die Bourgeoisie eines jeden Landes, mit verlogenen patriotischen Phrasen die Bedeutung „ihres" nationalen Kriegs zu erhöhen und glauben zu machen, dass sie ihren Gegner nicht zum Zwecke der Ausraubung und Annexion von Territorien niederschlagen wolle, sondern zum Zwecke der „Befreiung" aller anderen Völker, wobei nur das eigene ausgenommen ist.

Je eifriger jedoch in allen Ländern Regierung und Bourgeoisie bestrebt sind, die Einheit der Arbeiter zu zerschlagen und sie gegeneinander zu hetzen, je heftiger um dieses hehren Zieles willen das Regime des Kriegszustands und der Militärzensur wütet (diese richtet sich sogar jetzt, im Kriege, mit viel größerer Schärfe gegen den „inneren" Feind als gegen den äußeren) – um so dringlicher ist es Pflicht des klassenbewussten Proletariats, seine Klasseneinheit, seinen Internationalismus, seine sozialistischen Überzeugungen zu verteidigen gegen den zügellos wilden Chauvinismus der „patriotischen" Bourgeoisclique in allen Ländern. Wollten die klassenbewussten Arbeiter auf die Ausführung dieser Aufgabe verzichten, so hieße das Verzicht leisten auf alle ihre Emanzipationsziele und demokratischen Bestrebungen, gar nicht zu reden von den sozialistischen Bestrebungen.

Mit dem Gefühl tiefster Bitterkeit muss man konstatieren, dass die sozialistischen Parteien der bedeutendsten europäischen Länder diese ihre Aufgabe nicht erfüllt haben und dass die Haltung der Führer dieser Parteien, insbesondere der deutschen Partei, an direkten Verrat an der Sache des Sozialismus grenzt. In einem Moment von höchster weltgeschichtlicher Bedeutung versuchen die Führer der jetzigen, der zweiten sozialistischen Internationale (1889-1914) in ihrer Mehrheit den Sozialismus durch den Nationalismus zu ersetzen. Ihrem Verhalten ist es zu verdanken, dass die Arbeiterparteien dieser Länder sich dem verbrecherischen Auftreten der Regierung nicht in den Weg stellten, sondern die Arbeiterklasse aufforderten, ihren Standpunkt mit dem der imperialistischen Regierungen in Übereinstimmung zu bringen. Mit ihrer Zustimmung zu den Kriegskrediten, mit dem Aufgreifen der chauvinistischen („patriotischen") Losungen der Bourgeoisie „ihrer" Länder, mit der Rechtfertigung und Verteidigung des Kriegs, mit dem Eintritt in die bürgerlichen Ministerien der kriegführenden Länder usw. haben die Führer der Internationale am Sozialismus Verrat geübt. Die einflussreichsten sozialistischen Führer und die einflussreichsten sozialistischen Presseorgane im heutigen Europa stehen auf dem chauvinistisch-bürgerlichen und liberalen, nicht im mindesten aber auf dem sozialistischen Standpunkt. Die Verantwortung für diese Schändung des Sozialismus liegt in erster Linie auf den deutschen Sozialdemokraten, die die stärkste und einflussreichste Partei der Zweiten Internationale darstellten. Ebenso wenig aber kann auch das Verhalten der französischen Sozialisten gerechtfertigt werden, die Ministerposten annehmen in der Regierung derselben Bourgeoisie, die ihre Heimat verraten und sich mit Bismarck zur Niederwerfung der Kommune vereinigt hatte.

Die deutschen und österreichischen Sozialdemokraten suchen die Unterstützung, die sie dem Krieg angedeihen lassen, mit der Vorspiegelung zu rechtfertigen, dass eben dies ihren Kampf gegen den russischen Zarismus bedeute. Wir russischen Sozialdemokraten erklären, dass wir einen solchen Rechtfertigungsversuch als einen bloßen Sophismus betrachten. Die revolutionäre Bewegung gegen den Zarismus hat in unserem Lande in letzter Zeit erneut gewaltige Dimensionen angenommen. An der Spitze dieser Bewegung schritt während all dieser Zeit die russische Arbeiterklasse. Die Millionen erfassenden politischen Streiks der letzten Jahre wurden unter der Losung: Sturz des Zarismus, und mit der Forderung der demokratischen Republik durchgeführt. Noch gerade am Vorabend des Kriegs hatte Poincarè, der Präsident der französischen Republik, während seines Besuches bei Nikolaus II. selbst Gelegenheit, auf den Straßen von Petersburg die Barrikaden zu sehen, die die russischen Arbeiter mit ihren Händen errichtet hatten. Das russische Proletariat schreckte vor keinem Opfer zurück, um die ganze Menschheit von dem Schandfleck der Zarenmonarchie zu befreien. Wir müssen aber erklären: wenn irgendetwas dazu angetan ist, den Untergang des Zarismus unter bestimmten Bedingungen aufzuhalten, wenn etwas imstande ist, dem Zarismus in seinem Kampf gegen die gesamte russische Demokratie Unterstützung zu bringen, so ist das gerade der heutige Krieg, der dem Zarismus für seine reaktionären Zwecke den Geldsack der englischen, französischen und russischen Bourgeoisie zur Verfügung gestellt hat. Und wenn etwas den revolutionären Kampf der russischen Arbeiterklasse gegen den Zarismus zu erschweren vermag, so ist es gerade das Verhalten der Führer der deutschen und österreichischen Sozialdemokratie, das die chauvinistische Presse In Russland nicht aufhört, uns als Muster vor Augen zu halten.

Selbst wenn angenommen werden könnte, das Kräfteverhältnis habe so sehr zuungunsten der deutschen Sozialdemokratie gestanden, dass es sie in die Zwangslage versetzt habe, auf jede Art von revolutionärer Aktion zu verzichten, so durfte sie sich auch in diesem Falle nicht mit dem chauvinistischen Lager vereinigen, durfte sie nicht Schritte tun, die die italienischen Sozialisten zu der berechtigten Erklärung veranlasst haben: die Führer der deutschen Sozialdemokraten entehren das Banner der proletarischen Internationale.1

Unsere Partei, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands, hat aus Anlass des Kriegs bereits ungeheure Opfer gebracht und wird sie noch weiter bringen. Unsere gesamte legale Arbeiterpresse ist vernichtet. Die Mehrzahl der Gewerkschaftsverbände ist geschlossen, eine Unmenge von Genossen ist verhaftet und verbannt. Und dennoch hielt es unsere parlamentarische Vertretung – die Russische Sozialdemokratische Arbeiter-Fraktion in der Reichsduma für ihre unbedingte sozialistische Pflicht, nicht für die Kriegskredite zu stimmen und sogar, zu noch energischerer Bekundung ihres Protests, den Sitzungssaal der Duma zu verlassen, – hielt sie es für ihre Pflicht, die Politik der europäischen Regierungen als imperialistische Politik an den Pranger zu stellen.2 Und trotz verzehnfachter Bedrückung durch die zaristische Regierung geben unsere proletarischen Genossen in Russland bereits die ersten illegalen Aufrufe gegen den Krieg heraus, in Erfüllung der Pflicht, die sie der Demokratie und der Internationale schulden.

Wenn die Vertreter der revolutionären Sozialdemokratie in Gestalt der deutschen Parteiminderheit3 und der besten Sozialdemokraten in den neutralen Ländern ein brennendes Gefühl der Scham über diesen Bankrott der II. Internationale empfinden; wenn in England wie in Frankreich4 gegen den Chauvinismus der Mehrheit der sozialdemokratischen Parteien Stimmen von Sozialisten laut werden; wenn der Opportunismus z. B. in Gestalt der längst auf national-liberalem Boden stehenden „Sozialistischen Monatshefte" in Deutschland ganz zu Recht seinen Sieg über den europäischen Sozialismus feiert, – so erfährt das Proletariat den allerübelsten Dienst, den man ihm antun kann, von Seiten der zwischen Opportunismus und revolutionärer Sozialdemokratie hin und her schwankenden Elemente (wie das „Zentrum" in der deutschen Sozialdemokratie), die mit diplomatischen Phrasen den Zusammenbruch der II. Internationale zu verschweigen oder zu verdecken bestrebt sind.

Man muss diesen Zusammenbruch, im Gegenteil, offen zugeben und seine Ursachen begreifen, um die Möglichkeit zur Errichtung einer neuen, festeren, sozialistischen Vereinigung der Arbeiter aller Länder zu gewinnen.

Die Opportunisten haben sich hinweggesetzt über die Beschlüsse des Stuttgarter, des Kopenhagener und des Baseler Kongresses, die die Sozialisten aller Länder verpflichtet hatten, den Chauvinismus unter allen und jeden Umständen zu bekämpfen und jeden von der Bourgeoisie und den Regierungen begonnenen Krieg mit verstärkter Propagierung des Bürgerkriegs und der sozialen Revolution zu beantworten. Der Bankrott der II, Internationale ist der Bankrott des Opportunismus, für den die besonderen Verhältnisse der abgelaufenen (der sogenannten „friedlichen") Geschichtsepoche die Basis gegeben hatten und der in den letzten Jahren zur faktischen Herrschaft in der Internationale gelangt war. Die Opportunisten haben diesen Zusammenbruch schon lange vorbereitet, indem sie die sozialistische Revolution preisgaben und durch den bürgerlichen Reformismus ersetzten; – indem sie den Klassenkampf mit seiner zu bestimmten Zeitpunkten notwendig werdenden Verwandlung in den Bürgerkrieg preisgaben und die Arbeitsgemeinschaft der Klassen predigten; – indem sie den bürgerlichen Chauvinismus unter dem Titel des Patriotismus und der Vaterlandsverteidigung predigten und den schon im Kommunistischen Manifest dargelegten Grundsatz ignorierten oder verleugneten: dass die Arbeiter kein Vaterland haben; – indem sie sich bei der Bekämpfung des Militarismus auf einen spießbürgerlich-sentimentalen Standpunkt festrannten, statt den revolutionären Krieg der Proletarier aller Länder gegen die Bourgeoisie aller Länder als Notwendigkeit anzuerkennen; – indem sie die unerlässliche Ausnützung des bürgerlichen Parlamentarismus und der bürgerlichen Legalität in den Legalitäts-Fetisch verkehrten und die Verpflichtung zur Schaffung von illegalen Organisations- und Agitationsformen in Epochen der Krise der Vergessenheit anheimfallen ließen. Die natürliche „Ergänzung" des Opportunismus, die – nicht minder bürgerliche und dem proletarischen, d. h. marxistischen Standpunkt nicht minder feindliche – anarcho-syndikalistische Richtung, tat sich hervor durch ein nicht minder schmähliches, selbstzufriedenes Nachplappern der Losungen des Chauvinismus während der gegenwärtigen Krise.

Man kann in gegenwärtiger Zeit die Aufgaben des Sozialismus nicht erfüllen, den wirklichen internationalen Zusammenschluss der Arbeiter nicht verwirklichen, ohne den entschiedenen Bruch mit dem Opportunismus zu vollziehen und ohne die Massen über die Unvermeidlichkeit seines Fiaskos aufzuklären.

Die Aufgabe der Sozialdemokratie eines jeden Landes muss in erster Linie der Kampf gegen den Chauvinismus des betreffenden Landes sein. In Russland hat dieser Chauvinismus den bürgerlichen Liberalismus (die „Kadetten") restlos, zum Teil auch die Narodniki samt den Sozialrevolutionären und „rechten" Sozialdemokraten erfasst. Insbesondere muss das chauvinistische Auftreten von Leuten, wie J. Smirnow, P. Maslow und G. Plechanow, angeprangert werden – ein Auftreten, auf das sich die „patriotische" Bourgeoispresse alsbald stürzte, um es ausgiebig auszunutzen.

In der vorliegenden Situation kann vom Standpunkte des internationalen Proletariats nicht bestimmt werden, auf welcher Seite bei diesen zwei Gruppen von kriegführenden Nationen eine Niederlage das kleinere Übel für den Sozialismus darstellen würde. Allein es kann für uns russische Sozialdemokraten keinem Zweifel unterliegen, dass die Niederlage der Zarenmonarchie, die von allen Regierungen die reaktionärste und barbarischste ist, die die größte Zahl von Nationen und die größten Bevölkerungsmassen Europas und Asiens unter ihrem Joch hält, vom Standpunkt der Arbeiterklasse und der werktätigen Massen aller in Russland lebenden Völker das geringste Übel wäre.

Die nächste politische Losung der europäischen Sozialdemokratie muss die Gründung der republikanischen Vereinigten Staaten von Europa sein, wobei die Sozialdemokraten im Unterschied zur Bourgeoisie, die alles Mögliche zu „versprechen" bereit ist, nur um das Proletariat in den allgemeinen Strom des Chauvinismus hineinzureißen, die Arbeiter darüber aufklären werden, dass diese Losung ganz und gar verlogen und sinnlos ist ohne die revolutionäre Beseitigung der deutschen, österreichischen und russischen Monarchie.

In Russland muss sich die Sozialdemokratie angesichts der größten Rückständigkeit dieses Landes, das seine bürgerliche Revolution noch nicht vollendet hat, nach wie vor die drei Grundbedingungen einer konsequenten demokratischen Umwälzung zur Aufgabe setzen: demokratische Republik (bei voller Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Nationen), Konfiskation des Großgrundbesitzes und Achtstundentag. In allen vorgeschrittenen Ländern aber stellt der Krieg die Losung der sozialistischen Revolution auf die Tagesordnung; diese Losung wird um so dringlicher, je größer die Lasten sind, die der Krieg auf die Schultern des Proletariats wälzt, und je aktiver dessen Rolle werden muss bei der Neuschaffung Europas, nach den Schrecken der modernen „patriotischen" Barbarei, angesichts der gigantischen technischen Errungenschaften des Großkapitalismus. Die Tatsache, dass die Bourgeoisie die Gesetze der Kriegszeit dazu bestimmt, das Proletariat vollkommen mundtot zu machen, stellt das Proletariat vor die unbedingte Aufgabe, illegale Formen der Agitation und Organisation zu schaffen. Mögen die Opportunisten den „Schutz" ihrer legalen Organisationen um den Preis des Verrats an ihren Überzeugungen erzielen, die revolutionären Sozialdemokraten werden die organisatorische Schulung und die Verbindungen der Arbeiterklasse dazu benutzen, die der Krisenepoche entsprechenden illegalen Formen des Kampfes für den Sozialismus zu schaffen und die Arbeiterschaft statt mit der chauvinistischen Bourgeoisie ihres Landes mit den Arbeitern aller Länder zu vereinigen. Die proletarische Internationale ist nicht untergegangen und sie wird nicht untergehen. Die Arbeitermassen werden über alle Hindernisse hinweg die neue Internationale schaffen. Der heutige Triumph des Opportunismus wird nicht von langer Dauer sein. Je mehr Opfer der Krieg heischen wird, desto klarer werden die Arbeitermassen den von den Opportunisten an der Arbeitersache geübten Verrat begreifen, desto besser werden sie die Notwendigkeit einsehen, dass man die Waffe gegen die Regierungen und gegen die Bourgeoisie eines jeden Landes kehren muss.

Die Umwandlung des gegenwärtigen imperialistischen Kriegs in den Bürgerkrieg ist die einzig richtige proletarische Losung, wie sie aus der Erfahrung der Kommune hervorgeht, wie sie in der Resolution des Baseler Kongresses (1912) niedergelegt ist und wie sie sich aus allen Bedingungen des imperialistischen Kriegs zwischen hochentwickelten bürgerlichen Ländern ergeben muss. So groß auch die Schwierigkeiten dieser Umwandlung in dem einen oder dem andern Augenblick erscheinen mögen, – niemals werden die Sozialisten auf die systematische, zähe, unbeirrbare Vorbereitungsarbeit in dieser Richtung verzichten, nachdem der Krieg einmal zur Tatsache geworden ist.

Nur auf diesem Wege wird das Proletariat imstande sein, sich aus seiner Abhängigkeit von der chauvinistischen Bourgeoisie loszureißen und in dieser oder jener Form, mehr oder minder rasch, entschlossene Schritte zu tun auf der Bahn zur wirklichen Freiheit der Völker und auf der Bahn zum Sozialismus.

Es lebe die internationale Verbrüderung der Arbeiter gegen den Chauvinismus und Patriotismus der Bourgeoisie aller Länder!

Es lebe die vom Opportunismus befreite proletarische Internationale!

Das Zentralkomitee der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands

1 Gemeint ist augenscheinlich das Auftreten italienischer Sozialisten auf der italienisch-schweizerischen Konferenz in Lugano am 27. September 1914. Eine ebensolche Charakterisierung der Haltung der deutschen Sozialdemokratie gibt auch die Antwort des italienischen ZK. an den deutschen Sozialdemokraten Südekum, die auf einer speziellen Sitzung des ZK. am 1. September – in Zusammenhang mit der die Herüberziehung Italiens auf die Seite Deutschlands bezweckenden Italien-Reise Südekums – erteilt wurde.

2 Die Russische Sozialdemokratische Arbeiter-Fraktion, anfangs aus sechs, in den Kriegsjahren aus fünf bolschewistischen Abgeordneten der Reichsduma bestehend, hatte 1913 mit der sozialdemokratischen Fraktion der Menschewiki {Fraktion Tschcheidse) gebrochen und sich bei Kriegsausbruch auf den internationalistischen Standpunkt gestellt. In der Sitzung der Reichsduma vom 8. August (26. Juli) verlas der Menschewik Chaustow im Namen beider sozialdemokratischer Fraktionen (der bolschewistischen und der menschewistischen) eine Deklaration, worauf beide Fraktionen zum Protest gegen die Bewilligung der Kriegskredite den Sitzungssaal verließen. Die Mitglieder der bolschewistischen Fraktion beschränkten sich nicht auf diesen parlamentarischen Protest, über den die Gruppe Tschcheidse nicht hinausging, sondern entfalteten eine breite illegale revolutionäre Arbeit in den Massen.

Auf einer gemeinsamen Konferenz mit einer Gruppe führender Parteifunktionäre verfasste die RSDA.-Fraktion am 30. September-1. Oktober (13.-14. Oktober) 1914 ihre Antwort an Vandervelde (siehe Anm. 24; über die weitere Tätigkeit der Fraktion siehe Anm. 95 und 96).

3Lenin meint die Erklärung Karl Liebknechts, Rosa Luxemburgs, Franz Mehrings und Clara Zetkins, die, vom 10. September 1914 datiert, am 30. Oktober in der Schweizer sozialdemokratischen Zeitung „Berner Tagwacht", am 31. Oktober im „Volksrecht" veröffentlicht wurde und das Nichteinverständnis mit der offiziellen Haltung der deutschen Sozialdemokratie zum Ausdruck brachte; ferner die einzelnen Proteststimmen gegen die offizielle Haltung der Sozialdemokratie, die in der linken sozialdemokratischen Presse laut wurden. In ihrer Erklärung protestierten Liebknecht, Mehring usw. gegen das sozialchauvinistische Auftreten Südekums und R. Fischers in der sozialdemokratischen Presse Schwedens, Italiens und der Schweiz; es hieß darin: „Wir sehen uns … gezwungen, zu erklären, dass wir und sicherlich viele andere deutsche Sozialdemokraten den Krieg, seine Ursachen, seinen Charakter, sowie die Rolle der Sozialdemokratie in der gegenwärtigen Lage von einem Standpunkt betrachten, der demjenigen der Genossen Südekum und Fischer durchaus nicht entspricht. Der Belagerungszustand macht es uns vorläufig unmöglich, unsere Auffassung öffentlich zu vertreten." – Außerdem wurde in den oben genannten Zeitungen die nicht unterzeichnete Erklärung eines deutschen Sozialdemokraten veröffentlicht, die gleichfalls die Ablehnung der offiziellen Haltung der deutschen Sozialdemokratie zum Ausdruck brachte.

4 Die Opposition gegen den Chauvinismus setzte in Frankreich zuerst in den Reihen des Syndikalismus ein.

Die französische CGT. (Allgemeine Konföderation der Arbeit) nahm mit Kriegsbeginn sofort einen chauvinistischen Standpunkt ein. Am 4. August 1914 veröffentlichte das offizielle syndikalistische Organ „La Bataille Syndicaliste" („Der Gewerkschaftskampf") einen Artikel; „Gegen das Faustrecht", mit der Aufforderung, „die demokratischen und revolutionären Traditionen Frankreichs gegen das Faustrecht zu verteidigen". Jedoch bereits November 1914 legte Pierre Monatte als Protest gegen die offizielle Taktik sein Mandat als Bevollmächtigter der Rhône-Föderation nieder und veröffentlichte eine besondere Protestdeklaration. Die Opposition gruppierte sich um die syndikalistische Zeitschrift „La Vie Ouvrière" („Arbeiterleben"), zu deren Mitarbeitern Merrheim und der Sekretär der Metallarbeiter-Föderation Rosmer zählten. Am 1. Mai 1915 gab Merrheim eine Zeitschrift „L'Union des Metaux" heraus, in der er sich mit der Erklärung Liebknechts vom 2. Dezember 1914 solidarisierte. Auch der Sekretär des Böttcherverbandes, Bourderon, nahm eine internationalistische Haltung ein. Auf Initiative Bourderons und Merrheims fand am 15. August 1915 eine Minderheitskonferenz statt. Beide waren Vertreter Frankreichs auf der Zimmerwalder Konferenz.

Comments