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Wladimir I. Lenin 18941200 Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve

Wladimir I. Lenin: Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve

(Die Widerspiegelung des Marxismus in der bürgerlichen Literatur)

Zu dem Buch von P. Struve, „Kritische Bemerkungen zur ökonomischen Entwicklung Russlands", St. Petersburg 18941

[Geschrieben Ende 1894 – Anfang 1895. Zuerst veröffentlicht unter dem Verfassernamen K. Tulin in dem Sammelband „Materialien zur Charakteristik unserer wirtschaftlichen Entwicklung", St. Petersburg 1895. Nach dem Text des Sammelbandes „Materialien zur Charakteristik unserer wirtschaftlichen Entwicklung". Nach Werke, Band 1, Berlin 1961, S. 339-528]

Bei dem genannten Bach des Herrn Struve handelt es sich um eine systematische Kritik an der Volkstümlerrichtung, wobei dieses Wort in weitestem Sinne – sowohl als theoretische Doktrin, die eine bestimmte Lösung der wichtigsten soziologischen und ökonomischen Fragen bietet, als auch als „System von Dogmen der ökonomischen Politik" (S. VII) - verstanden wird. Allein eine solche Aufgabenstellung könnte das Buch außerordentlich interessant machen; noch wichtiger aber ist in dieser Hinsicht der Standpunkt, von dem aus Kritik geübt wird. Hierüber sagt der Autor im Vorwort folgendes .„Während er (der Autor) sich in gewissen grundsätzlichen Fragen den Anschauungen anschloss, die in der Literatur völlig geklärt worden sind, fühlte er sich in keiner Weise an den Buchstaben und den Kodex irgendeiner Doktrin gebunden. Von Orthodoxie ist er nicht befallen." (IX.)

Aus dem gesamten Inhalt des Buches geht hervor, dass mit diesen „Anschauungen, die in der Literatur völlig geklärt worden sind", die marxistischen Anschauungen gemeint sind. Es fragt sich nun, welche „gewissen grundsätzlichen" Thesen des Marxismus der Autor anerkennt und welche er ablehnt – warum und inwieweit? Der Autor gibt auf diese Frage keine direkte Antwort. Um zu klären, was von diesem Buch auf das Konto des Marxismus geschrieben werden kann – welche Thesen der Doktrin der Autor anerkennt und inwieweit er sie konsequent durchhält, welche er ablehnt und was sich in diesen Fällen ergibt –, um all das zu klären, ist es deshalb notwendig, das Buch einer eingehenden Analyse zu unterziehen.

Sein Inhalt ist außerordentlich vielfältig: Der Autor legt zuerst die von unseren Volkstümlern angewandte „subjektive Methode in der Soziologie" dar, kritisiert sie und stellt ihr die Methode des „historisch-ökonomischen Materialismus" entgegen. Dann gibt er eine ökonomische Kritik der Volkstümlerrichtung, erstens auf der Grundlage der „Menschheitserfahrungen" (S. IX) und zweitens auf Grund von Daten der russischen ökonomischen Geschichte und der Gegenwart. Zugleich werden auch die Dogmen der volkstümlerischen ökonomischen Politik einer Kritik unterzogen. Diese Vielfalt des Inhalts (die absolut unvermeidlich ist bei einer Kritik der bedeutendsten Richtung in unserem gesellschaftlichen Denken) bestimmt auch die Form unserer Analyse: man muss den Darlegungen des Verfassers Schritt für Schritt folgen und auf jeden Abschnitt seiner Argumentation eingehen.

Ehe ich aber mit der Analyse des Buches beginne, scheint es mir doch notwendig, eine ausführlichere Einleitung zu geben. Der vorliegende Artikel stellt sich die Aufgabe, das Buch des Herrn Struve vom Standpunkt eines Menschen zu kritisieren, der sich in allen (und nicht nur in „gewissen") „grundsätzlichen Fragen den Anschauungen anschließt, die in der Literatur völlig geklärt worden sind".

Diese Anschauungen wurden schon des öfteren mit dem Ziel der Kritik in den Spalten der liberal-volkstümlerischen Presse dargelegt und dabei bis zur Unkenntlichkeit verdunkelt – ja, mehr als das: entstellt, indem man ein mit ihnen in keiner Beziehung stehendes Hegelianertum, den „Glauben, dass jedes Land die Phase des Kapitalismus durchlaufen müsse", und viel anderes dummes Zeug schon ganz in der Art des „Nowoje Wremja" hineinzog.

Besonders entstellt wurde die praktische Seite der Doktrin, ihre Anwendung auf die russischen Verhältnisse. Da unsere Liberalen und Volkstümler nicht verstehen wollten, dass die Doktrin des russischen Marxismus von einer völlig anderen Vorstellung über die russische Wirklichkeit ausgeht, verglichen sie die Doktrin mit ihrer alten Auffassung von dieser Wirklichkeit und kamen so zu Schlussfolgerungen, die nicht nur völlig unsinnig waren, sondern obendrein noch die wüstesten Anklagen gegen die Marxisten enthielten.

Es erscheint mir daher unmöglich, mit der Analyse des Buches von Herrn Struve zu beginnen, ohne mein Verhältnis zur Volkstümlerrichtung genau bestimmt zu haben. Außerdem ist zur Klärung vieler Stellen des zu besprechenden Buches, das sich auf die objektive Seite der Doktrin beschränkt und die praktischen Schlussfolgerungen fast völlig beiseite lässt, ein Vergleich des volkstümlerischen und des marxistischen Standpunkts erforderlich.

Dieser Vergleich wird uns zeigen, welche gemeinsamen Ausgangspunkte die Volkstümlerrichtung und der Marxismus haben und worin ihr grundlegender Unterschied besteht. Hierzu nimmt man wohl am besten die alte russische Volkstümlerrichtung, da sie erstens, was Konsequenz und Geradlinigkeit betrifft, unvergleichlich höher steht als die heutige (durch Organe vom Schlage des „Russkoje Bogatstwo" vertretene) Volkstümlerrichtung und da sie zweitens die besten Seiten der Volkstümlerrichtung, denen sich in einigen Beziehungen auch der Marxismus anschließt, vollständiger zeigt.

Wir wollen nun eine dieser professions de foi2 der alten russischen Volkstümlerrichtung vornehmen und dem Autor Schritt für Schritt folgen.

Kapitel I. Interlinearer Kommentar zu der volkstümlerischen profession de foi

Kapitel II. Kritik der volkstümlerischen Soziologie

Kapitel III. Die Behandlung ökonomischer Fragen durch die Volkstümler und durch Herrn Struve

Kapitel IV. Herrn Struves Erklärung einiger Züge der Ökonomik Russlandsnach der Reform

1 Die Arbeit „ Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve" schrieb Lenin von Ende 1894 bis Anfang 1895 in Petersburg. Sie ist gegen den „legalen Marxismus" gerichtet.

Lenins Kampf gegen den „legalen Marxismus" hatte außerordentlich große Bedeutung.

Lenin hatte die bürgerlich-liberale Natur der „legalen Marxisten" sofort erkannt und referierte schon im Herbst 1894 in einem Zirkel der Petersburger Marxisten über das Thema „Die Widerspiegelung des Marxismus in der bürgerlichen Literatur", wobei er die Anschauungen Struves und anderer „legaler Marxisten" einer scharfen Kritik unterzog.

Dieses Referat bildete auch die Grundlage für die Arbeit „Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve", die (unter dem Pseudonym K. Tulin) in dem Sammelband „Materialien zur Charakteristik unserer wirtschaftlichen Entwicklung" veröffentlicht wurde.

Der Sammelband wurde im April 1895 in einer Auflage von 2000 Exemplaren in einer legalen Druckerei gedruckt. Die zaristische Regierung untersagte jedoch seine Verbreitung und ließ – nach einjährigem Auslieferungsverbot – die ganze Auflage beschlagnahmen und verbrennen. Es konnten nur etwa 100 Exemplare gerettet werden, die in Petersburg und anderen Städten unter den Sozialdemokraten illegal verbreitet wurden.

Ende 1907 nahm Lenin die Arbeit „Der ökonomische Inhalt der Volkstümlerrichtung und die Kritik an ihr in dem Buch des Herrn Struve" in den Sammelband „12 Jahre" auf, und zwar mit dem Untertitel „Die Widerspiegelung des Marxismus in der bürgerlichen Literatur". In seinem Vorwort zu dem Sammelband hob Lenin besonders hervor, dass die Arbeit ein von ihm im Herbst 1894 gehaltenes Referat zur Grundlage hat. Lenin weist ferner darauf hin, dass diese Arbeit in vieler Hinsicht ein Konspekt seiner späteren ökonomischen Arbeiten darstellt (insbesondere des Werkes „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland").

2 Glaubensbekenntnisse. Die Red.