Neuigkeiten‎ > ‎

Kreissportbund fordert täglichen Sportunterricht

veröffentlicht um 19.03.2014, 07:08 von Toralf Richter

Mittelsächsische Schüler treten zurzeit im Parcourslauf oder in Motoriktests gegeneinander an - und erzielen tolle Ergebnisse. Doch das gilt nicht für alle: Die Zahl übergewichtiger oder unbeweglicher Kinder steigt seit Jahrzehnten.

(Quelle: Artikel von Jürgen Becker und Thomas Reibetanz für die Freie Presse - Mittelsachsen)

Freiberg - Diana Surek ist mit vollem Eifer dabei. Die Sportlehrerin der Grundschule Brand-Erbisdorf feuert ihre Schützlinge beim Staffellauf an. Mit Erfolg: Beim gestrigen mittelsächsischen Finale des Wettbewerbs "Risiko raus" sicherten sich ihre Schüler in Freiberg mit dem 1. Platz die Teilnahme am Landesfinale. Die Sportpädagogin war mit ihrem Team zufrieden, sagt aber auch: "Das hier sind die Sportlichen. Ansonsten gibt mir die Fitness der Kinder echt zu denken."

Mit Aktionen wie "Risiko raus" oder der "Speed4"-Meisterschaft sollen Kinder für Sport begeistert werden. "Was ich sachsenweit in manchen Vorausscheiden erlebt habe, war erschreckend", sagt Andreas Plaul, der für "Risiko raus" vor Ort die Hindernisse aufbaut. "Die Kinder werden immer träger und unbeweglicher." Sportlehrerin Diana Surek fügt an: "Manche können nicht mal mehr einen Ball fangen. Daher sollte das erste Jahr Sporttreiben im Verein für Kinder kostenlos sein."

Die Einschulungsuntersuchungen im Landkreis seit dem Schuljahr 2008/09 haben ergeben, dass von den 2300 bis 2500 Erstklässlern jeweils jeder Zehnte bis Elfte übergewichtig oder fettleibig war. Etwa 17 Prozent waren demnach motorisch auffällig oder an der Grenze dazu. Andere Mediziner schätzen ein, dass sich die Fitness der Kinder alle zehn Jahre um fünf Prozent verschlechtert hat (siehe Interview).

Interview mit Dr. Klaus-Dieter Paul:

"Dicke Schüler sind häufig Hänseleien ausgesetzt und werden ausgegrenzt"

Mit Klaus-Dieter Paul, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Kreiskrankenhaus Freiberg, sprach Heike Hubricht / Freie Presse.

Freie Presse: Herr Dr. Paul, bewegen sich Kinder heute zu wenig?

Klaus-Dieter Paul: Viele mit Sicherheit. Fernsehen, Computer und Spielkonsolen sind häufig interessanter als Sport und Spiel im Freien. Der Schulsport allein reicht zur Bewegung nicht aus. Die Generation "Stubenhocker" wird immer dicker.

Das war also nicht immer so?

Nein. Vor 30 Jahren bewegten sich Kinder noch drei bis vier Stunden am Tag, heute nur noch knapp eine Stunde. Auch konnten die Kinder damals deutlich schneller laufen als heute. Seitdem hat sich die Fitness alle zehn Jahre um etwa 5 Prozent verschlechtert. Das wirkt sich auf Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit sowie die Geschicklichkeit aus.

Welche Rolle spielt Übergewicht?

15 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind übergewichtig. Dicke Schüler sind häufig Hänseleien ausgesetzt und werden ausgegrenzt. Aus Kummer "futtern" sie oft weiter. Doch nicht nur das. Auch Krankheiten, die häufig erst im Alter auftreten, wie Bluthochdruck, Fettstoffwechselstörungen, Zuckerkrankheit und Gelenkschäden, machen sich breit.

Was kann dagegen getan werden?

Vieles. Voraussetzung ist aber, dass die Eltern die Trägheit und das Übergewicht ihrer Kinder früh erkennen. Auch sollten sie bereit sein, ihre eigenen Gewohnheiten zu ändern. Kinder, die sich regelmäßig bewegen, haben bessere Chancen, schlank zu bleiben oder abzunehmen. Besonders geeignet sind Schwimmen, Radfahren und Joggen. Aber auch kleine Aktivitäten im Alltag können etwas bewirken.

Kreissportbund fordert: täglich eine Stunde Sportunterricht!

Kreissportbund-Geschäftsführer Harald Grotzke sieht darin ein Spiegelbild der Gesellschaft und der veränderten Freizeitkultur. "Den Bewegungsdrang haben die Kinder noch. Aber wo können die denn heute noch draußen herumtoben?" Er wolle nicht pauschalieren. Aber er habe den Eindruck, dass die motorischen Fähigkeiten abnehmen. "Ich fordere daher eine Stunde Sportunterricht täglich, aber dann einen ordentlichen mit ausgebildeten Sportlehrern." Doch die gebe es an vielen mittelsächsischen Schulen mangels Personal nicht. "Es ist momentan tatsächlich nicht zu umgehen, dass teilweise auch Lehrkräfte an Grundschulen ohne entsprechende Ausbildung dieses Fach unterrichten", sagt Lutz Steinert von der Bildungsagentur. "Der Bedarf ließ sich bisher auch durch Einstellungen nicht völlig ausgleichen."

Bildtext: Die Brand-Erbisdorfer Grundschul-Sportlehrerin Diana Surek (Mitte) feuert ihre Schüler beim Wettbewerb "Risiko raus" in Freiberg an. Sie beklagt, dass ihr die Fitness manch eines anderen Kindes zu denken gebe.
Comments