Geschichte und Region

Der folgende Text entstammt dem Buch "Naturführer Osterzgebirge", Band 2: Gesamtschau auf die Natur des Ost-Erzgebirge (Darstellung der Natur des Ost-Erzgebirges in umfassenden, jedoch auch für interessierte Laien verständlichen Aufsätzen über Geologie, Klima, Landschaftsgeschichte, Vegetation, Tierwelt) / ISBN 978-3-940319-17-3. Die Autoren des folgenden Textes waren Toralf Richter und Jens Weber.

Wintersport im Ost-Erzgebirge

Toralf Richter, Sayda (kritisch ergänzt und abgeändert von Jens Weber - Grüne Liga Osterzgebirge e.V.)

Während die ersten Urlauber und Ausflügler noch zur „Sommerfrische“ ins Ost-Erzgebirge kamen, reisten seit Anfang des 20. Jahrhunderts auch immer mehr Gäste im Winter in die verschneite Kammregion.
Die damals neuen Eisenbahnen machten es möglich. Mittlerweile hat der Wintertourismus viele Spuren in der Landschaft hinterlassen: Skihütten, Sprungschanzen, Abfahrtspisten, Loipen, Eishallen, Hotels und Pensionen wurden gebaut, Straßen neu angelegt oder erweitert. Große Wettkampfanlagen sind entstanden.
Um 1893 wurden die ersten Skiläufer im Erzgebirge beobachtet. Dabei soll es sich um norwegische Studenten der Bergakademie Freiberg gehandelt haben. Die Einheimischen waren begeistert. Bereits 1894 wurden in Freiberg die ersten in Sachsen produzierten Ski ausgestellt, die älteste mitteldeutsche Skifabrik entwickelte sich in Sayda.
Neben dem touristischen Erlebnis der verschneiten Winterlandschaft trat schnell auch der sportliche Anreiz in den Vordergrund. 1907 wurde in Geising eine der ersten Bobbahnen gebaut (die allererste: 1904 in St. Moritz). Zur gleichen Zeit entstanden in der Gegend drei Sprungschanzen (Leitenhang, Wettinhöhe/Kohlhaukuppe, Geisingberg).
1908 fand in Altenberg die Erste Sachsenmeisterschaft statt. Schnell entwickelte sich der Wintersport zu einer Massenbewegung. Auch die „einfachen Leute“ begeisterten sich zunehmend für „Schneeschuhe“ und Schlitten.
Nach dem Ersten Weltkrieg wandten sich viele Skiläufer dem „Skifahren“, dem Abfahrtslauf, zu (z. B. Sachsenabfahrt am Geisingberg), und in den 1920er Jahren stieg auch die Begeisterung für das Skispringen. Nahezu jeder Ort des oberen Ost-Erzgebirges verfügte über kleinere oder größere Sprunganlagen, auf denen die Jungen trainierten und Sportler Wettkämpfe austrugen. Neben der Sachsenschanze am Geisingberg (Ausbau zur Großschanze 1930, Schanzenrekord 72 m, Abriss 1962) spielten vor allem die Riesengrundschanze bei Hirschsprung (Abriss 2006), die Schanze Frauenstein (1924 bis ca.1970, der Anlauf befand sich in einer Mauerbresche der Burgruine), die Schwartenbergschanze (1925–1989), die erste Turnerschanze Sachsens in Sayda (1924–1989) und einige weitere eine überregionale Rolle. Abgesehen von ein paar wenigen Enthusiasten, die auf einer kleinen Anlage bei Dittersbach diesem heute eher ausgefallenen Winterhobby frönen, findet mittlerweile auch für die Ost-Erzgebirgler Skispringen nur noch im Fernsehen statt.
Von den ehemaligen Sprungschanzen zeugen heute im Gelände meist nur noch wenige Spuren. Die letzten Holzgerüste wurden wegen Baufälligkeit abgerissen, die Auslaufstrecken und Besucherterrassen der natürlichen Vegetation überlassen. Das gleiche gilt für die einstmals ebenfalls recht zahlreichen Bobbahnen. Angesichts der heutigen, teuren Hochtechnologie-Raser in energiefressenden Eisrinnen ist es kaum noch vorstellbar, dass das Rodeln mit lenkbaren Kufenschlitten früher als Volkssport galt.
1921 fand erstmals der bis heute jährlich durchgeführte Saydaer Höhenstaffellauf statt. Damit ist er der älteste Skilauf Sachsens. Weitere Veranstaltungen folgten aller Orten und erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit. Bekannt sind beispielsweise der Schwartenberglauf bei Neuhausen oder der Schellerhauer Kammlauf. Im Raum Nové Město/Neustadt finden ebenfalls Langlaufwettkämpfe statt, so der grenzüberschreitende jährliche Langlauf Nové Město-Hermsdorf. Besondere Bedeutung erhielt der 1932 erstmalig ausgetragene Erzgebirgskammlauf (Oberwiesenthal–Olbernhau–Sayda–Holzhau–Altenberg).
Um 1930 begannen Skiklubs, auch touristische Winterwanderungen und Wintertouren anzubieten. Die ersten Winterwanderstrecken/Skiloipen wurden angelegt und Wanderkarten erstellt.
Den Höhepunkt der ost-erzgebirgischen Skisport-Geschichte vor dem Zweiten Weltkrieg markierten 1937 die „Deutschen Ski- und Heeresmeisterschaften“ in Altenberg. Vierzigtausend Wintersportbegeisterte strömten unter anderem zum Geisingberg, um den Wettkämpfen auf der Sachsenschanze und der Sachsenabfahrt beizuwohnen.
Schon recht bald nach der Gründung der DDR widmete die Partei- und Staatsführung ihr Augenmerk der Sportförderung. Walther Ulbricht selbst besuchte Anfang der 1950er Jahre Skisprungwettkämpfe am Geisingberg (wobei sein Pferdeschlitten umgekippte – er soll das Missgeschick aber sportlich aufgenommen haben).
Neben dem Spitzensport wurde durchaus auch der Breitensport unterstützt. Die Wintersportbegeisterung
im Ost-Erzgebirge konnte schnell an die Vorkriegszeiten anknüpfen.
Neue Anlagen entstanden. 1950 erfolgte der Ausbau des Geisinger Hüttenteiches zur damals größten Natureisbahn der DDR. 1953 ging in Holzhau der erste Skilift in Betrieb.
Die Wälder um Holzhau bekamen zunehmende Bedeutung als Langlaufgebiet.
Auf der tschechischen Seite entdeckten im Verlaufe der Jahre immer mehr Abfahrts-Skiläufer die langen und steilen Hänge. Umfangreiche Liftanlagen entstanden vor allem am Bouřňák/Stürmer, bei Klíny/Göhren und Telnice/Tellnitz.
Viele traditionelle Wintersportorte profitierten vom staatlich organisierten Tourismus. Es wurden viele Ferienheime neu gebaut. Eine besonders reizvolle Lage sicherte sich das „Ministerium für Staatssicherheit“ in Zinnwald-Georgenfeld. Heute gehört das aus der einstmals streng gesicherten Anlage hervorgegangene Hotel Lugsteinhof zu den größten des Erzgebirges. Seit einigen Jahren beherbergt es u. a. ein kleines Wintersportmuseum.
Zunehmende Bedeutung erhielt die Sportart Biathlon, anfangs in Sayda (1956 wird dort eine Abteilung im Wintermehrkampf/Biathlon gegründet), dann in Altenberg, seit den 1980er Jahren vor allem in seiner heutigen Hochburg Zinnwald. Nachdem das alte Biathlonstadion zwischen Galgenteich und B170 dem Andrang nicht mehr gewachsen war, wurde im sogenannten Hoffmannsloch zwischen Kahleberg und Georgenfelder Hochmoor eine neue große Anlage auf die Blößen des von Schadstoffen dahingerafften Waldes gesetzt. Um auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig sein zu können, erfolgten in den letzten Jahren größere Umbauten und Erweiterungen, nicht ohne Folgen für den sensiblen Naturraum (Internationales Vogelschutzgebiet). Auf den Brachflächen der alten, nicht mehr genutzten Biathlonanlage hingegen hat sich seither der größte Orchideenbestand Sachsens entwickelt – einige zehntausend Breitblättrige Kuckucksblumen sorgen heute im Juni für ein unvergessliches Naturerlebnis, wo sich einstmals im Winter die Wintersportfreunde drängten.
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So lange noch schneereiche Winter „Ski und Rodel gut“ verheißen, kommen viele Besucher ins Ost-Erzgebirge, um selbst Sport zu treiben, Wettkämpfen beizuwohnen oder die Landschaft zu genießen. Wenn die Bedingungen ideal sind, werden sie von mehreren hundert Kilometern Loipennetz erwartet – und mittlerweile auch wieder von malerischen Winterwäldern.

Loipen im Osterzgebirge

(Quelle: www.wintersport-im-erzgebirge.de)

Das Osterzgebirge besitzt ein sehr gut ausgebautes und miteinander verbundenes Loipennetz, welches von Altenberg bis Sayda bzw. Seiffen reicht. Die Wintersportzentren dieser Region sind Altenberg und Holzhau. Die Osterzgebirgsloipe als Kamm- bzw. Grenzloipe auf deutschem Gebiet verbindet beide Orte. Besonders an den Wochenenden wird das Osterzgebirge von vielen Wochenendausflüglern aus Dresden besucht.
Es lohnt sich auch ein Ausflug nach Tschechien. Wintergrenzübergänge machen kombinierte Skiwanderungen leicht möglich. Die Loipen von Lesna, Kliny, Dlouha Louka, Nove Mesto, Fojtovice und Adolfov werden regelmäßig gespurt und sind in der Initiative "Krusnohorska Bila Stopa" (Weiße Spur des Erzgebirges) zusammengeschlossen. Da der Gebirgskamm überwiegend auf tschechischer Seite verläuft, bieten die Loipen eine recht hohe Schneesicherheit. Die erzgebirgische Skimagistrale (KLM) verbindet die Orte.
Insgesamt sind über 500 km miteinander verbundene Loipen bei entsprechender Schneelage im Osterzgebirge und östlichen Mittleren Erzgebirge gespurt, wovon etwa die Hälfte der Strecken auf deutscher Seite zu finden ist. Es ist damit das größte Loipennetz im gesamten Erzgebirgsraum.

www.wintersport-im-erzgebirge.de

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