Wie der Homo novis kontrolliert wird

(Leseprobe aus dem gleichnamigen Kapitel des Buches Scientology schafft uns ab - Mission: Clear Planet. Copyright Alfred R. Zeisel. Bezüglich der  Copyrights der zahlreichen Zitate aus Hubbards Literatur siehe Startseite. Der Leser möge selbst entscheiden, ob die Definitionen "Religion", "Neue Religiöse Bewegung", "Jugendreligion", "Sekte", "Kult" auf diese repressive, autoritäre, totalitäre, den Menschen verwerkzeugende Organisation zutreffen.)


Die Scientology-Sprache mit ihren zahlreichen, den Geist lähmenden Paradoxien ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für die Kontrolle des Homo novis. Kontrolliert werden über sie Gedanken, Gefühle und Verhaltensweisen.

Gedankenkontrolle:

Die Kontrolle der Gedanken erfolgt durch die über die Sprache übertragenen "Daten" Hubbards, die verinnerlicht werden. Der Homo novis stellt solche Hubbardismen[1] über die eigenen Gedanken; die Fähigkeit, selbst Gedanken, insbesondere kritische zu haben, verkümmert. Ist der Homo novis z.B. mit irgendeiner ungewöhnlichen Situation konfrontiert, denkt praktisch Hubbard für ihn. Nach einiger Zeit ist der Scientologe geprägt von einem simplifizierenden Dualismus, er unterscheidet nur mehr zwischen den durch die "Daten" geformten Auffassungen von gut und böse, von richtig und falsch, nämlich "Theta" und "Entheta", "upstat" und "downstat", pro-Scientology und anti-Scientology. Daher wird er alles, was Hubbard, Miscavige oder das Management für gut befinden, vorbehaltlos annehmen; jede negative Berichterstattung bezüglich Hubbard, Miscavige, das Management etc. wird er automatisch als Entheta abtun, selbst wenn sie wahr ist - eine Gedankenkontrolle, die nach einiger Zeit vom Scientologen selbst vorgenommen wird! Spezielle Verhörtechniken am E‑Meter garantieren zusätzlich, dass auch letzte Reste von kritischen oder negativen Gedanken aufgedeckt werden. Derart abgetrennt von seinem eigenen (kritischen) Unterscheidungsvermögen und indoktriniert mit Hubbards "Daten", jongliert ein Homo novis nur mehr mit Hubbardismen - je mehr, desto besser. Nicht selten stellt er sich bei diesen gedanklichen Verrenkungen laut die Frage: "Was würde Ron an meiner Stelle tun?" Um also ausreichend viele Antworten (Daten) für alle möglichen Lebenssituationen zu bekommen, will/muss er viele Hubbard-Kurse studieren, im Scientology-Jargon "Training" genannt. Er indoktriniert sich also gewollt mit weiteren Hubbardismen, die ihn veranlassen, die Kontrolle nach außen zu verlagern, sie an Hubbard, Miscavige, das Management etc. übertragend. Derartig "trainiert", akzeptiert der Homo novis auch die Anweisung Miscavige', Kurse und Bücher zweimal zu kaufen.[2] Ferner befürwortet er jede Art von Zensur, um vor "Entheta" geschützt zu werden: So dürfen z.B. Scientologen erst mit einer speziellen Software ins Internet - von Kritikern scherzhaft "Cybernanny" genannt -, die verhindert, dass Scientologen an Scientology-kritisches Material kommen. Scientologen dürfen auch sonst nichts Scientology-Kritisches lesen. Das garantiert, dass der Homo novis auch von der Außenwelt, der tatsächlichen Realität, abgeschnitten bleibt, selbst wenn er in dieser lebt und arbeitet!


Gefühlskontrolle:

Mit Hubbards falschen "Daten" indoktriniert, kontrolliert der Homo novis auch seine Gefühle. Bestimmte Emotionen werden von Hubbard mittels seiner "Tonskala", die gezielt als Werkzeug zur Gefühlskontrolle eingesetzt wird, negativ belegt, wie z.B. Antagonismus[3] (Feindseligkeit, Aggression), Angst, Mitleid. Der Homo novis hat folglich diese Emotionen aus seinem Bewusstsein verdrängt.

Ausnahmen: Aggressives Verhalten ist den Execs erlaubt, um sich durchzusetzen. Auch PR-Leute dürfen/müssen z.B. in den Reporter TRs aggressives Verhalten einsetzen, um den Reporter aus der Fassung zu bringen oder zu "überwältigen". Alle Scientologen müssen Scientology-Kritiker verbal angreifen! Solch ein Paradoxon führt natürlich bei einigen Scientologen zu kognitiven Dissonanzen[4] bzw. Doppelbindungen[5]. Langeweile ist, nebenbei bemerkt, auf Hubbards eigenartiger Tonskala eine positive Emotion, was sehr praktisch ist, vor allem, wenn sich ein Student beim Studium von Hubbards Schriften langweilt. Und Empathie ist ein absolutes Fremdwort für Scientologen. Übrigens kommen bekannte menschliche Emotionen, wie z.B. Neid und Eifersucht, in Hubbards Welt der Tonstufen nicht vor. (Meiner Meinung nach sind Neid und Eifersucht neben Gier wichtige Triebkräfte, um sich sozialdarwinistisch durchzusetzen.)

Alle positiv geladenen Wörter oder Gedankenklischees lösen angenehme Gefühle aus, wie z.B. "Theta", "Brücke", "Upstat" etc. Solche Begriffe können sogar richtige Suchtgefühle erzeugen.

Negativ geladene Wörter und Gedankenklischees, wie "Entheta", "Downstat", "Dev-T", "Out-Ethik" etc. bewirken extrem unangenehme Gefühle, die man schnell loswerden will oder verdrängt. Hierbei werden Feindbilder geschaffen, auf die der Scientologe seine verdrängten negativen Emotionen kanalisieren kann. Die Psychiater, die kritischen Aussteiger, der deutsche Staat sind heute solche Feindbilder.

Die Gefühle eines Staff sind hauptsächlich auf drei beschränkt: 1. die kurze Freude, eine gute Statistik zu haben, 2. die stets unterschwellig vorhandene Angst, die Targets nicht zu erreichen, und 3. heftige Schuldgefühle, wenn er die Targets nicht erreicht oder gegen die strengen Richtlinien verstoßen hat, was ziemlich oft geschieht. Aushängende SP-Declares oder "Gerichtsverfahren" verstärken zusätzlich Angst und Schuldgefühle.

Bei Publics, die OT sind, registrierte ich häufig ein massives Überheblichkeitsgefühl, besser als die anderen zu sein. Emotionale Kälte (oder eine Unfähigkeit zur Empathie) war das hervorstechendste Merkmal der meisten OTs. Überdies fiel mir auf, dass OTs ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu anderen OTs entwickeln: Sie sind Teil der Scientology-Elite, die durch jahrelange Indoktrination felsenfest davon überzeugt ist, die geheimsten Fakten über das Leben zu kennen. Ferner gehören sie in der Regel zum Verein der Reichen, Erfolgreichen oder Millionäre, die zum Teil schon Millionen gespendet haben. (Sie sind allerdings nur so gut wie ihre letzte Spende.)


Kontrolle der Verhaltensweisen:

Ein weiteres Produkt der zahllosen Indoktrinationen Hubbards sind die vorhersehbaren Verhaltensweisen, an denen man einen Scientologen erkennen kann. Wenn es z.B. um wichtige Hubbard-Themen geht, wie z.B. Sozialstaat, Psychiater, harte Arbeit, Krankheit etc., dann wird ein Homo novis vorhersehbar reagieren: Er wird automatisch Sozialstaat, Psychiater und Kritiker angreifen, er wird harte Arbeit als die Basis der Moral hinstellen, er wird Krankheit als selbst verschuldet darstellen und allen Ernstes behaupten, dass Arbeit trotz Krankheit verrichtet werden kann und muss, denn: ein Thetan kontrolliert seinen Körper. Und "Blowen", also einen Bereich unerlaubt zu verlassen (wie z.B. einen Hubbard-Kurs oder Scientology), hat in Scientology immer mit begangenen Verbrechen (overts) zu tun. Und wenn ein Scientologe gar als Managementberater auftritt, kann man sicher sein, dass er nur so von Management-Know-how sprüht, voll von Hubbardismen, die, in die Realität umgesetzt, eigentlich nicht funktionieren. Wenn es um Negatives in Scientology geht, wird er vorhersehbar lügen, wenn ein Scientologe oder Scientology angegriffen wird, kommt unweigerlich der Hubbardismus: "Welche Verbrechen hast du gegen Scientology begangen?" (oder Variationen davon[7]) etc.

Die Verhaltensweisen eines Homo novis sind auch deshalb so leicht vorhersehbar, weil sie durch die permanenten Indoktrinationen zu reflexartigen Automatismen geworden sind.


Zusätzliche Hubbardismen, die zur Kontrolle eines Homo novis beitragen:

Hubbard hat bei seinen Auditingstunden das Dezimalsystem über Bord geworfen und durch das völlig dumme 12,5-System - ein Intensiv hat 12,5 Stunden - eingeführt. Dadurch ist ein Staff der Div. 4 gezwungen, mehr zu arbeiten, um seine Statistiktargets zu erreichen. Staff der Div. 4 verwenden oft ihre spärliche Freizeit, um diese seltsame Einheit eines Intensivs zu schaffen, die eine der wichtigsten Statistiken dieser Abteilung ist, nämlich "completed intensives".

Hubbard kontrolliert außerdem das Gefühl für den Zeitrhythmus: Eine Scientology-Woche beginnt am Donnerstag 14 Uhr und endet am Donnerstag 14 Uhr. Um 14 Uhr werden nämlich in Scientology weltweit die Statistiken überprüft. (Zur Erinnerung: Scientology nennt sich eine Religion!)

Unlösbare Widersprüche (Paradoxien) in Hubbards Richtlinien führen zu geistigen Lähmungen, nicht selten zu tranceähnlichen Zuständen. In Trance versetzt lässt sich z.B. ein Staff leichter indoktrinieren und kontrollieren.[8]

Usw. usf.

Siehe auch Bob Penny's Social Control in Scientology (http://www.cs.cmu.edu/~dst/Fishman/Xenu/scs.pdf), deutsch: Soziale Kontrolle in Scientology (http://www.ilsehruby.at/scs-deutsch.pdf)



[1] Hubbardismen sind Gedankenklischees - englisch treffender thought-limiting clichés (die Gedanken einschränkende Klischees) bezeichnet. Sie drücken komplexe Aktionen und Probleme mit kurzen Worten, Wortgebilden oder Phrasen aus, die sich rasch einprägen und mit denen man eine Situation oder eine Aktion schnell beschreiben kann. Diese Hubbardismen haben für den Scientologen das Denken und das damit zusammenhängende Handeln übernommen. Oft konditionieren  sie den Scientologen, sich in Richtung Hubbards Vorgaben zu verändern.

[2] Angeblich waren die ursprünglichen Bücher veraltet, mit verfälschten Inhalten. Materialien Hubbards als "veraltet", "verfälscht" etc. darzustellen ist gemäß Hubbards KSW Serien ein Schwerverbrechen! Tatsache ist, dass nach der Herausgabe der "neuen", von Miscavige inhaltlich veränderten Bücher die Statistiken der verkauften Bücher enorm anstiegen. (Subtext: Jeder Scientologe musste alle Bücher Hubbards, die Miscavige schon 1992 verändern ließ und mit dem "Copyright by L. Ron Hubbard Library" versah, erneut kaufen! Die "L. Ron Hubbard Library" ist weder Kirche noch Library, sie ist "the richest and most powerful corporation in the entire Scientology empire, owner of all the copyrights, owner and controller of the most important trademarks, and being run by the Internal Revenue Service through three non-Scientologist tax attorneys hand-picked by Meade Emory and "the Service"-IRS-to be Special Directors of CST for life." http://sc-i-r-s-ology.com)

[3] Gemäß den eingetrichterten Daten sind Overts (Vergehen, Verbrechen) die Ursache für antagonistisches Verhalten.

[4] "Kognitive Dissonanz" entsteht, wenn man mit zwei gleichwertigen, jedoch widersprüchlichen Begriffen, Beschreibungen, etc. umgehen muss oder sie gedanklich zu verarbeiten hat. Mögliche Lösungen sind: Verdrängen; Rechtfertigungen, wie no pain, no gain; Übernahme falscher Konzepte etc.

[5] Bei der Doppelbindungstheorie strömen zwei gegensätzliche Informationen gleichzeitig auf das Individuum ein, das sich weder für die eine, noch die andere entscheiden kann, sie also geistig nicht verarbeiten kann und deshalb geistig wie gelähmt ist.

[7] Jenna Elfmans Reaktion auf das ziemlich geschmacklose T-Shirt eines Möchtegern-Filmregisseurs ("Scientology is Gay! Very Gay!" mit Bildern von Tom Cruise und John Travolta) war: "Have you raped a baby?" http://www.tmz.com/2006/06/13/when-elfmans-explode/

[8] Vgl. Declaration of Hana Eltringham Whitfield: "112. Scientologists can't grasp these contradictions because their normal reality checks are 'disengaged.' This occurs in the constant application of repetitive and hypnotic techniques in Hubbard's auditing and business management techniques, and the resultant onset of trance states, the wide awake, intensely focused state in mental and physical creativity. Scientologists have to deny these contradictions in the face of incontrovertible evidence they are correct, because their existence revolves around the one person they trust completely, their authority figure, Hubbard." http://www.lermanet.com/cos/newhana.html