Rezensionen & Pressemitteilungen


Werneburg J (2010): Wort und geschwungene Linie


Es ist ein sehr privates Buch, welches Lebenserwartungen, Sentenzen, Anekdoten, Traumnotizen und vieles mehr enthält. „Bin ich Expressionist?“ fragt sich der Autor auf Seite 30, was ihn nicht davon abhält, auf Seite 45 zu fragen: „Bin ich Impressionist?“ Worum geht es in diesem Buch, welches der Scidinge Hall Verlag Zürich in einer erweiterten Fassung 2010 publiziert hat? Es geht um einen eher seltenen Fall in der Kunstgeschichte. Joachim Werneburg hat Notizen aus seinem Arbeitsjournal zur Verfügung gestellt. Dessen Vater, der Graphiker Walter Werneburg (1922 – 1999) schuf nach Epigrammen seines Sohnes Joachim Druckgraphiken. Hieraus entwickelte sich eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Das Werk von Walter Werneburg besteht u. a. aus einer Vielzahl von Aquarellen. Das Buch enthält zudem Reproduktionen von Druckgraphiken Walter Werneburgs aus verschiedenen Schaffensperioden. In das Buch sind auch Überlegungen eingeflossen zum Werk anderer Bildender Künstler, aber auch Erinnerungen an die Begegnung mit anderen Schriftstellern, so beispielsweise mit dem zweifelsohne großen deutschen Autor Rolf Schilling. Als Lehrer und Anreger von Walter Werneburg werden u. a. genannt die Maler Otto Knöpfer, Otto Paetz und Franz Markau (1881-1968), wobei letzterer eine besondere Rolle gespielt haben mag. Die Prägung des Vaters durch Krieg, Gefangenschaft und die Lebensverhältnisse im späteren Ostblock ist in vielerlei Dingen im Geiste gut nacherlebbar, wie auch die oft überraschenden Bewältigungsstrategien. Wohl am besten werden diese Erfahrungen widergespiegelt durch die Gedichtzeilen Joachim Werneburgs anhand der Metapher der Silberdistel: „Die Blüte legt sich auf den Boden / Als Gefangne des Steingeheges. / Sie beugt sich jetzt den fremden Herrn / Mit silberner Gelassenheit… / wenn auch mit Stacheln.“ (S. 63).
Der Expressionismus (von frz. expression, Ausdruck) ist eine Stilform der Kunst, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert als Gegenschlag gegen den starr gewordenen Impressionismus entstand, im Drang nach neuer seelischer Vertiefung. Die theoretische Grundlage hielten seine Gegner für ein Fundament einer liberalistisch-marxistischen Tendenzkunst. Gegenüber der gelockerten Bildgestalt und Sprachform des Impressionismus wurde zunächst eine neue Geschlossenheit und Ballung angestrebt. Die Ausdruckskraft der Linienführung und der in großen Flächen und ungebrochenen, reinen Tönen gehaltenen Farben, der kurzen, spannungsreichen Wortfügung wurde gesteigert. In Deutschland wurde der Expressionismus zuerst vertreten von der Dresdner Künstlervereinigung „Die Brücke“ (gegründet 1904), der Kirchner, Schmidt-Rotluff, Heckel u. a. angehörten. Franz Marc und Nolde, die im Buch mehrfach erwähnt werden, waren eher Einzelgänger des Expressionismus. In der Bildhauerkunst beeinflußte der Expressionismus das Schaffen von Lehnbruck und Barlach, die ebenfalls erwähnt werden. In der Literatur zählen zu den Expressionisten Stadler, Heym, Trakl, Engelke u. a., deren Schaffen hauptsächlich in die Vorkriegszeit des 1. Weltkrieges fällt. Eine besondere Rolle spielte stets die Psychoanalyse in der expressionistischen Literatur.
Das Buch beginnt mit Aufzeichnungen aus dem Jahre 1975, die erste Zwischenüberschrift lautet: „Russische Erfahrung“ und endet mit dem Jahr 1997, dem Jahr des 75. Geburtstages des Vaters, Walter Werneburg. Worin bestehen die künstlerischen Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Joachim Werneburg und Walter Werneburg? „Was ist das, was der Dichter gleich dem Maler sieht? Die durch die Anschauung gewonnene Idee des Lebens, dieses dreidimensionale Bild gilt es auf der Papierfläche zu verwirklichen, und zwar ohne Tiefenverlust.“ (S. 34). Das Geistige in der Kunst sieht Joachim Werneburg folgendermaßen: „Der Bildende Künstler vermählt bei seiner Arbeit die Objektfigur mit der Grundfigur; das Vordergrundmotiv ist von Linien, Farbflächen umgeben, es wird in das Gesamtbild integriert. In diesem Sinne besitzt jede Pflanze ihren physischen und den „Ätherleib“, einen zusätzlichen „feinstofflichen“ Körper, der sie umgibt. Es zeigt sich nun, daß die Sichtweisen auf die Pflanze, die sinnliche wie die „ätherische“, sich aufeinander zu bewegen. Die eine ergänzt die andere. Wir sehen auf der Graphik nicht nur das Lebewesen in seiner physischen Qualität, sondern auch seine Aura, wenn auch im ästhetischen Spiel gebrochen.“ (S. 72/73). Es folgt der Vergleich zur Lyrik: „Hart ist das Holz des Ahornbaumes, / Mit seinen spitzen Blättern greift er / Nach dem weicheren Leib des Äthers. […]. Wie realisiert sich die Grundfigur, also der Ätherleib, in einem Gedicht? Das „Ätherische“ der Verse nimmt der Hörer durch ihren Klang auf, er hört den weicheren Leib, sein Ohr „greift“ danach.“ (S. 73).
Sehr lesenswert sind die Passagen zur „Rabenfibel“, die einen neuen mythologischen Zugang zur germanischen Frühgeschichte dem geneigten Leser eröffnen: „Die Raben sind Götterboten, Hugin und Munin, der Verstand und das Gedächtnis. Der waltende Gott erhält durch sie Kunde von den Vorgängen auf der Erde. Überirdische Wesen reichen nur zu einem geringen Teil ihrer Kräfte in die diesseitige Welt hinein. Wollen sie einwirken, so müssen sie mit einem Saum ihres göttlichen Gewandes, mit einem „Flügel“, diese Sphäre berühren. Wenn sich nun die herabgeschickten Kräfte verselbständigen, entstehen die Vogelgestalten. So wäre die „Rabenfibel“ ein Grundlehrbuch der himmlischen Weisungen.“ (S. 72).
Ich bin mir sicher, wer sich für Malerei und Lyrik interessiert und sich einen unverstellten Blick auf diese Welt und die Vielgestaltigkeit der Mythen bewahrt hat, wird entdecken, manches mit dem Autor teilen zu können.
Werneburg, Joachim: Wort und geschwungene Linie. Aufzeichnungen über die künstlerische Zusammenarbeit mit Walter Werneburg. 2010. 123 S., zahlr. farb. Abb. ISBN 978-3-905923-02-5 Scidinge Hall Kt. 13,50 €


Aus: Dieter Wolf (2011). Wort und geschwungene Linie. In: Castun, Wilhelm (Hrsg.). Das Lindenblatt 2011. Jahresschrift für Schöne Literatur (Arnshaugk). LINK




Werneburg, Ingmar (2010): Die Söhne der Sonne




Ingmar Werneburg, geboren 1981 in Erfurt in Thüringen, legt mit seinem Buch »Die Söhne der Sonne« einhundert Gedichte vor. Drei Aufzüge prägen die Sammlung: Der sonnige Tag / Der nordische Tag / Der fröhliche Tag. In diesen drei Akten treten hauptsächlich die Sonnengötter Apollon, Njörd und Frô auf. Im Kampf mit ihren Widerstreitern erleben sie Aufgang, Verfall und Wiedergeburt. Das Buch schließt ab mit einem Reisetagebuch über die westschwedische Provinz Bohuslän.
Anregung zu den Gedichten gaben Motive von Felsbildern aus der westschwedischen Bronzezeit, deren Abbildungen den Gedichten jeweils vorangestellt sind. Jeder Felszeichnung ist somit ein Gedicht zugeordnet, welches das Ahnbare zum Sprechen bringen soll. Das schwedische Wort für Felsritzung lautet Hällristningar und eröffnet eine phantastische Welt. Apollon hat auch in den 2. Teil, den »Nordischen Tag« Einzug gehalten, Götter halten sich nicht an strikte Abgrenzungen und die nordischen Temperaturen scheinen ihm nichts aus zu machen (S. 80). Njörd findet sich konsequenterweise auch im dritten Aufzug, »Der fröhliche Tag«, und natürlich ebenso Freya und Odin. Hingegen treffen wir Frô (Freyr) nur im dritten Aufzug an, dafür hat er aber gemessen an allen anderen den meisten Spaß: »Kraftvoll – der Schwanz eines Stieres schwingt sich zum Götterschweif auf. Und bläst Du Dein Leben ins Holz, dann pfeift jede fröhliche Biegung« (S. 98). Im ersten Teil wird »der sonnige Tag« auch zur Arbeit genutzt (S. 26). Pflug: »Vorwärts, ihr schwebenden Rösser, es gilt meinen Namen zu schreiben. Tief in den ruhenden Schoß will ich Furchen aus Freude ihr ziehen. Fort bricht das schwarze Gestein, dringt mein Pflug in die atmende Flur. Schon feucht, in Erregung haftet der Boden an mir, mich verlangend. Aber Geduld! Soll der Bauer die Samen verteilen, wenn dort die gierige Krähe nur wartet, das Korn mit Hast zu verschlingen?« Apollon, so wissen wir, machte Delphi zum Nabel der antiken Welt, zur bedeutendsten Orakelstätte Griechenlands, zum Anziehungspunkt für Tausende von Pilgern, immerhin ist er der Gott des Lichts. Apollon ist zudem Sohn des Zeus. Der edle Jüngling symbolisiert den Sieg der kultivierten Welt über die Barbarei, ob dies jedoch ein stringentes Motiv sein kann, im Norden tätig zu werden, ist Ansichtssache. Allerdings ist der Handel des Nordens mit Griechenland verbürgt. Njörd hingegen ist einer der Wanen, ein nordischer Wind-, Meer-, Feuer- und Fruchtbarkeitsgott. Nachweisbar wanderte der Name »Nerthus« in den Norden und wurde dort vermännlicht zu »Njörd«, mehr als umstritten ist jedoch in den Netzseiten, er habe auch nur irgend etwas mit der Erfindung des Kopfkissens zu tun (S. 59). Njörd: »Neidisch erlegte mein Vater den singenden Schwan und er schmückte freudig mit Federn die stählerne Brust und die kraftvollen Arme. Mir, seinem Sproß, wuchsen glänzende Schwingen – mit Nektar beträufelt trag ich das Licht in den Daunen, das lustig drin springt wie zum Tanze.« Stürme verirren sich leicht in dem Kleide des nordischen Gottes. »Ruhe gebiet ich der See, streift mein Flügel die brausenden Wellen.« Freyr (Frô) ist ebenso ein nordischer Gott der Liebe und Fruchtbarkeit, auch er gehört zum Geschlecht der Wanen, denn er ist der Sohn des Njörd. In der Schlacht reitet er auf seinem goldenen Eber, sein Schiff Skilbladnir kann fliegen. Zudem besitzt er ein Zauberschwert, welches ihn unbesiegbar macht, später verschenkt er es.
Im Anhang des Buches beschreibt Ingmar Werneburg sehr einfühlsam seine erste Begegnung mit der schwedischen Vorzeit in Gamla, dem alten Uppsala. Seinen Bewertungen kann man nur uneingeschränkt zustimmen. Im Hauptteil des Anhanges beschreibt er seine Begegnung mit den Felsbildern von Bohuslän, die wohl die wichtigste Inspirationsquelle für dieses Buch boten. Aus seiner Sicht sind sie Kunstwerke, die die Landschaft dirigieren, nicht umgekehrt, und Aufgabe des Dichters ist es, sie zu beleben. Für eine persönliche Bewertung der Tiefendimension all dieser Dinge bin ich viel zu befangen. Daher habe ich mich an Freyr gewandt. Seine Antwort lautet folgendermaßen:

»Die Götter regen sich.
Sie wandeln sich.
Sie regen sich selbst.
Sie regen sich auf.
Sie regen sich wieder
Dich aufzuregen.
Wo aber sind diese Götter?
Sie regen sich –- du spürst sie manchmal.
Sie regen dich auf, wenn du träumst.
Sie regen sich wieder für dich, der du lebst.
Sie regen sich in dir, wo sonst.
Was glaubst du bloß, wer du bist?«

Summa summarum: Dieses Buch ist ein »Muß« für Freunde archaischer Lyrik, nordischer Mythologie und bronzezeitlicher Felszeichnungen.

Werneburg, Ingmar: Die Söhne der Sonne. Gedichte. 2010. 147 S. ISBN 978-3-905923-01-8 Scidinge Hall Kt. 13,50 €


Aus: Dieter Wolf (2012). Die Söhne der Sonne. In: Castun, Wilhelm (Hrsg.) (2012). Das Lindenblatt. Jahresschrift für Schöne Literatur. Titelthema: Reise. 2. Jg. Arnshaugk. ISBN 3-926370-83-1




Werneburg, Joachim (2012): Scidinge Hall




Nachfolgend eine kurze Meditation über den Verlag Scidinge Hall, bei dem seit 2010 meine literarischen Arbeiten erscheinen:
SCIDINGE HALL,
das ist ein junger, im Jahr 2009 in Zürich gegründeter Verlag für Naturwissenschaft und Dichtung,
SCIDINGE HALL,
das ist aber auch ein schicksalhafter Alter Platz, an dem die Schlacht zwischen dem noch heidnischen Thüringer Königreich und dem bereits christianisierten Frankenreich im Jahr 531 stattfand,
SCIDINGE HALL,
das ist der Name jener „Burg, die Scithingi genannt wird, die über einem Unstrut genannten Fluß liegt“, wie der frühmittelalterliche Chronist Widukind von Corvey (925-973) überlieferte, vielleicht das jetzige Burgscheidungen,
SCIDINGE HALL,
das ist die dichterische Erinnerung an den Übergang vom Heiden- zum Christentum, etwa in den beiden Dramen „Irings Falke oder Radegundes Klage um Thüringen“ und „Gundolf“ (Geschichte des Verrats am letzten Thüringer König), verfaßt von Ingmar Werneburg,
SCIDINGE HALL,
das ist der Blick auf die brennende Königsburg der Alten Thüringer, den der Bildende Künstler Walter Werneburg in seinem Werk ermöglicht: die letzte Station einer Folge von 14 Graphiken zu Gedichten Joachim Werneburgs (Zyklus „Die Rabenfibel“, enthalten in dem gleichnamigen Graphik-Dichtung-Band),
SCIDINGE HALL,
das ist die Halle für moderne Wissenschaft, etwa für die von Goethe inspirierte Morphologie als die Erforschung des Körperbaues von Tieren, ihrer Muskeln und Knochen, also für die Publikationen von Laura A.B. Wilson und Ingmar Werneburg,
SCIDINGE HALL,
das ist auch der Ort, die Stollen eines stillgelegten Bergwerkes zu erkunden, um die Schichten der Erdrinde wie der eigenen Psyche, aber auch der geschichtlichen Umbrüche in der „Vorwendezeit“, zu erfahren: festgehalten in der Fragmentsammlung „Das Kupferbergwerk“ von Joachim Werneburg
SCIDINGE HALL,
das sind die Alten Wege zwischen „Sühnekreuz und Haidenknecht“, zu den Steindenkmalen um Jena und im Mittleren Saaletal, aufgezeigt von Ruth F. Kallies,
SCIDINGE HALL,
das ist der Ausgangspunkt für eine „Mexikanische Reise“, die Ingmar Werneburg unternahm, um die „Morphologie der Neuen Welt“ zu erfahren, aber auch um ein Gespräch zu ermöglichen zwischen der präkolumbianischen Welt und der eigenen Herkunft,
SCIDINGE HALL,
das ist die Halle, in der die jüngere Generation sich mit Lyrik präsentiert, bisher Matthias Barthel („Der Tod des blauen Smaragden“) und Ingmar Werneburg („Die Söhne der Sonne“ und „Urworte. Panisch“)


Aus: Facebook-Nachricht von Joachim Werneburg am 25.5.2012, 12:10 Uhr




Castillo, Pablo (2013): Certeza De Mi - Poema Andantes



Allein sein voller Name klingt wie Poesie: Pablo Christian Aparicio Castillo. Der Wissenschaftler, DJ und Poet erzählte von seinem Geburtsort Salta in Argentinien und stellte
uns seine Gedichte vor.
Mindestens einmal im Jahr ist Pablo in Salta. Die vielen Künstler und jungen Menschen schaffen dort eine besondere Atmosphäre. Außerdem merkt man, dass dort eine ganz andere Geschwindigkeit herrscht, als im weit entfernten Buenos Aires. In Salta lassen sich die Menschen kaum von Hektik treiben. Es gibt ein argentinisches Sprichwort, das besagt, daß Gott überall herrscht, doch in Buenos Aires arbeitet er…


In seinem Buch “Certeza De Mi – Poemas Andantes” veröffentlichte Pablo 79 seiner Gedichte. Insgesamt hat aber aber schon über 3.000 verfasst. Meist entstehen diese, in Momenten der Schwermut. Er zieht sich dann gerne zurück und schreibt seine Gefühle aufs Papier. Deshalb sind auch alle seine Gedichte sehr persönlich. In den Gedichten geht es um Sehnsucht, Heimat, Liebe und Freundschaft. Das Buch ist in drei Kapitel unterteilt: Die drei Städte Salta (Argentinien), Salamanca (Spanien) und Tübingen bilden den Rahmen für die Gedichte. Es ist also eine poetische Reise, in der sich Pablo von den Orten inspirieren ließ. Am Freitag den 12. Juli wird er mit einem Schriftsteller-Kollegen im Tübinger Café Piccolo in der Metzgergasse auftreten. Die gelesenen Gedichte werden umrahmt von Gitarrenmusik.

Interview und ein paar Hörproben von Pablos Gedichten, sowohl auf spanisch als auch die deutsche Übersetzung:
Interview, “Detras de Muro”, “Hinter der Mauer”, “Ojala”, “Hoffentlich”: LINK
Beitrag als PDF

2013-11-19 15:11:13 Matzel (www.wueste-welle.de) Poesie aus Argentinien, Pablo Aparicio
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Siehe auch ein weiteres Interview mit Pablo Castillo hier: LINK





Fried, Jo (2013): Werk im Wachsen
über Joachim Werneburgs Bücher: "Das Kupferbergwerk", "Das Thüringer Meer" und "Die Wiederkehr des Delphins"
in: 'Palmbaum. Literarisches Journal aus Thüringen' Nr. 57 (Heft 2013/2)




Roewer, Helmut (2014): Bücher von Vater und Sohn


Die zwei Bücher, die zusammengehören, verdanken ihr Entstehen dem Krieg, wenn man so will. „Wort und geschwungene Linie“ ist die höchst eigenwillige Beschreibung der künstlerischen Zusammenarbeit zwischen dem Erfurter Maler Walter Werneburg (1922-1999) und seinem Sohn, dem Dichter Joachim (geb. 1953). Dieser ist auch der Autor des hier zuvörderst besprochenen Buches. Er hat mir erzählt, daß sein Vater, heimgesucht vom Trauma der Kriegsteilnahme, die Malerei als den Weg zur Wiedererlangung des seelischen Gleichgewichts beschritten hatte.

Wer nun erwartet, daß sich Werneburg senior an den gräßlichen Kriegsgrausamkeiten im Sinne eines George Grosz abgearbeitet haben könnte, wird bei der Betrachtung seiner Bilder auf das Angenehmste enttäuscht. Von Krieg im landläufigen Sinne ist auf den Bildern thematisch nichts zu sehen. Es dominiert eine Tier- und Fabelwelt, die durch die Buntheit der Farben, auf denen sie sich befindet, etwas ausgesprochen Heiteres, fast Schwebendes erhält. Hier wendet der Leser ein: Man solle über Bilder nicht schwätzen, bildende Kunst ist etwas fürs Auge und, wo sie dreidimensional auftritt, für die Hände. So ist es, und deswegen kann mein Beschreibungsversuch auch nichts anderes sein, als eine Aufforderung zum Betrachten der in diesem Band versammelten Bildnisse. Es ist nur eine kleine Auswahl, wer mehr sucht, sollte zur weiter unten besprochenen Rabenfibel greifen.
Damit sind wir beim Sohn, Joachim, dem „Wort und geschwungene Linie“ zu verdanken ist. Es stellt nicht zum Wenigsten eine Hommage an den Vater dar. Ich schreibe das hier ohne distanzierende Zwischentöne auf, denn es ist ein Wert an sich, wenn einer sich zu solchem Gedenken an den Vorfahr entschließt, und zwar in einer Zeit entschließt, in welcher es scheinbar zum guten Ton gehört, über die Eltern im verächtlichen Ton zu sprechen. Eine merkwürdige Mode, die ein bezeichnendes Licht auf unsere kinderlose Gesellschaft wirft. Steine auf die Eltern zu werfen, kann sich nur leisten, wer selbst keine Kinder hat.
Nun zu den Texten: Auch sie haben etwas seltsam Schwebendes. Es sind Aufzeichnungen aus den Jahren 1975 bis 1997, fast aphoristisch, wie hingeworfen. Jeweils unter einer zusammenfassenden Überschrift. Ich suche hier willkürlich einige heraus wie: „Traum von der Kindheit“ (1979) „Elektronik und Kathedrale“ (1981), „In der Galerie des Kulturpalastes“ (1982), „Heitere Bildnisse“, „Aufsteigen und Stürzen“ (beides 1988), „Die Tiere kommen in Fahrt“ (1989), „Zeitgemäßer Umgang mit mythischen Gestalten“ (1994) und vieles mehr. Die Beiträge sind chronologisch geordnet und umfassen so den Zeitraum vom Noch-Studenten an der Technischen Hochschule Ilmenau bis zum Eintritt des Autors in einen von westdeutschen Dogmen strukturierten Staatsdienst. Das sind insgesamt schwierige Jahre, in denen Weltbilder entstehen, verschwimmen, sich neu organisieren und erneut verschwimmen. Zwischendrin immer wieder der Vater, wie auf eine Leinwand getupft.
Merkwürdig genug: Joachim Werneburg unternimmt eine Weltreise, darin bleibt er die ganze Zeit konsequent. Er reist mit dem Kopf, solange die physische Welt ihm durch die Torheit eines Systems verschlossen bleibt, danach reist er physisch, ohne den Kopf zu verlieren. Ich versuche, den Widerspruch in Worte zu fassen: Es ist ein lesenswertes, nachdenkliches und leises Lebens-Spektakel ohne die Spur von Betroffenheitsschwulst. Schade, daß ich den Maler nicht kennen gelernt habe. Immerhin: Über meinem Eßtisch hängt ein Blatt aus dem Zyklus „Die Fahrt der Tiere“ (S. 107).
So eingestimmt, habe ich zur „Rabenfibel“, dem zweiten hier besprochenen Band des Duos Walter und Joachim Werneburg gegriffen. Es ist ein stattlicher, 22 Arbeitszyklen umfassender Band, je links ein Text, rechts die zugehörige Grafik. Es ist die Arbeitsphase der beiden Künstler von 1978 bis 1992, die Erstveröffentlichungen der Texte erfolgten jeweils circa zwei Jahre später. In diesen Zyklen wird es überdeutlich: Die Beiden entfernten sich von Mal zu Mal mehr vom realen Standort DDR und flogen in die Ferne, sei sie nun örtlich oder zeitlich gemeint. Anfänglich sind die Bilder schwarz-weiß, alsbald werden sie bunt.
Ich versage es mir, aus den Gedichten zu zitieren oder sie mit intellektuellem Vokabular zu bewerfen. Klar ist nur, man braucht Stunden, um mit diesem über 400 Seiten starken Band auf Du und Du zu stehen. Das liegt daran, daß die Texte ganz im Gegensatz zu den Doppelseite für Doppelseite abgedruckten Bildern eigentlich nicht für die Augen bestimmt sind, sondern für die Ohren. Man muß sie hören. Ideal wäre, ein Bild zu betrachten und den Text vorgelesen zu bekommen. So entstehen ganz überraschende Eindrücke: Man erlebt mehr, als es der Eindruck nur eines unserer Sinnesorgane zuläßt. Wortwitz und Bildwitz wechseln einander ab. Man vergißt fast, daß hier zwei Personen zum Betrachter oder Hörer sprechen. Ein einmaliges Buch, ein einmaliger Eindruck.


Roewer, Helmut (2014). "Bücher von Vater und Sohn", Das Lindenblatt. Jahresschrift für Schöne Literatur, 2014 (zu: "Wort und geschwungene Linie. Aufzeichnungen über die künstlerische Zusammenarbeit mit Walter Werneburg" und "Die Rabenfibel. Gedichte und Druckgraphiken")




Schlüsselereignisse der organismischen Makroevolution -

ein neues Lehrbuch klärt uralte Fragen



Unter diesem mysteriösen Titel verbirgt sich eine Sammlung von Aufsätzen, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Evolution des Lebens besser zu verstehen – und zwar von einer organismischen Perspektive aus. Dabei steht der Organismus selbst, Tier, Pflanze, Bakterium, im Zentrum der Betrachtung. Große evolutionäre Fortschritte werden durch Veränderungen der individuellen Entwicklung, von der Zeugung bis zum Tode hin, hervorgerufen. So bedeutete die „Erfindung“ zahlreicher molekularer Mechanismen die Entstehung des Lebens selbst und bei den Pflanzen die Entstehung der Photosynthese als Voraussetzung alles „höheren“ Lebens. Die Zusammenarbeit einzelner Zellen zu einem strukturierten und komplexen Organismus ermöglichte die evolutionäre Explosion der großen Tierstämme im Kambrium. Umfangreiche anatomische und verhaltensbiologische Veränderungen führten dann zum evolutionären Erfolg der Insekten und auch der Landgang der Wirbeltiere erforderte komplexe Umstrukturierungen eines ursprünglich fischartigen Organismus. Letztlich ermöglichte eine Reihe von Schlüsselereignissen, die in diesem Buch anschaulich erklärt und illustriert werden, die Entstehung und den evolutionären Erfolg der Säugetiere, sowie die Entwicklung des Menschen, bis hin zur „Erfindung“ seiner Kultur.
Dieses Lehrbuch lädt den interessierten Laien und Biologiestudenten ein, einen Streifzug in die faszinierende Welt der vergleichenden Anatomie, Geschichte und Diversität des Lebens zu unternehmen.

Zahlreiche, teils farbige Abbildungen; mit Beiträgen von Oliver Betz, Karl Forchhammer, Rüdiger Hampp, Wolfgang Maier, Michael Maisch, Irina Ruf und Ingmar Werneburg.
Maier W., Werneburg, I. (2014, Hrsg.). Schlüsselereignisse der organismischen Makroevolution. Scidinge Hall Verlag Zürich, 416 Seiten; ISBN: 978-3-905923-15-5. Preis: 15€. Bestellungen direkt unter i.werneburg@gmail.com oder unter www.amazon.de


Museum für Naturkunde Berlin, 4.11..2014: Link




Issues in Palaeobiology: a Global View.

Interviews and Essays


Issues in Palaeobiology is an interesting and thought provoking book, published as a compilation of personal interviews and essays by 22 paleobiologists from around the globe. The book aims to discuss the fundamental questions – what is palaeobiology? Where is it going? How does it relate to classic palaeontology? What motivates people to become palaeobiologists? Editor Marcel R. Sánchez-Villagra expresses the desire “to examine and learn more about the geographic variation in the opinions and views that people hold” regarding “objects and subjects of palaeontology, and the relationship between its boundaries to those of other disciplines”. This is achieved by a series of revealing interviews, asking each participant five key questions:

- What are the most important problems in palaeobiology?

- Which is the most fundamental issue of palaeobiology and evolution that your work addresses?

- How could continuation or an expansion of your research programme lead to new insights or open new questions in palaeobiology?

- What do you see as the most interesting criticism against your position in discussions about palaeobiology and evolution?

- Why were you initially drawn to research in palaeobiology?

Finally Sánchez-Villagra wonders “what the future of the discipline will look like and even if it makes sense to talk of ‘palaeontology’ as a single, unified area of research”.

Since the 1960’s, and in particular after discussion by S. J. Gould and contemporaries, the study of the biology of ancient life, or “biological palaeontology” now known as palaeobiology, has developed to become an influential and popular science , uniting geology and classical palaeontology with ecological and evolutionary biology. The subject tends to be associated with the more interpretative biological aspects of studying the fossil record, encompassing a suite of analytical techniques, from comparative anatomy and morphometrics, to cladistics and phylogenetics, the patterns and processes of macro-evolution. Although at times viewed as rather ‘fragmentary’ discipline, today with its’ own published journal, “Palaeobiology”, and significant advances in computational data analysis, the once obscure field within palaeontology has truly blossomed.

The interviews included in Issues in Palaeobiology offer personal and often unique insights into the thinking behind current research being undertaken by a diverse group of palaeobiologists working around the globe. Those selected to participate vary in their fields of expertise, both geographically, from Columbia (Jaramillo), to Finland (Jernvall) for example; and taxonomically, from foraminifera (BouDagher-Fadel), plants (Boyce, McElwain), to mammals (MacFadden, Janis) etc. Their individual responses to the same set of questions above evoke curiosity and comparison from the reader. One notes the differences, but perhaps more obviously in this volume, the similarities.

To counter a perceived distancing of palaeobiology from its roots in geology and stratigraphy, some of the participating authors (eg. Korn, Lazarus) highlight the contribution made by classical palaeontology in providing the raw data about taxa through deep time, and evidence of extinct clades (from direct study of fossil specimens) as the foundation for any palaeobiological analysis. They emphasize the importance of integrating both geological and biological input, and stress that there is still much to be gained from applying and uniting biological techniques to wider areas across the field of palaeontology, such as the marrying of ontogenetic and molecular studies with taxonomy; and ecological/community studies with biogeography and biodiversity. Editor Sánchez-Villagra rightly remarks that the strength of palaeobiology “lies in its diversity”; by integration of approaches and dissolving the often self-imposed boundaries of subfields within palaeontology, or separate interest groups (with their own historical ‘labels’), we can work together to better achieve our aims.

The questions posed in Issues in Palaeobiology apply to all of us working or studying in the field of palaeontology, they stimulate thought, they provoke us to ask how we would respond and answer the interviewer ourselves. This helps us to consolidate our own views. In my case, I was fortunate to have attended University of Otago, where Ewan Fordyce taught a very detailed and inclusive course in all aspects of palaeontology. He managed to convey and weave together the strands of palaeobiology, from functional morphology to cladistics in a way that inspired students to feel part of a united journey of discovering the past, no matter what organism(s) they studied. Interestingly, and perhaps typically, each contributor to Issues in Palaeobiology reveals a similar characteristic enthusiasm and passion for their scientific field! Regardless of the many practical applications or variety of technological achievements across the discipline, at the end of the day, to quote Kevin Boyce: “it is endlessly rewarding to pick up a fossil and think about how the living thing could have worked”.

Being a New Zealander, of course I would have liked Issues in Palaeobiology to have had a representative kiwi palaeobiologist, but at least an Australian (Michael Lee) is included. Not your usual scientific text, the book itself is a handy paperback-sized volume for easy reading (and perhaps lower price); it is clearly presented, with no obvious typos. The editors have done a fine job with the formatting and the short biographies of the contributors will be greatly appreciated by curious readers. Only those interviewed will know whether the answers to questions are accurately recorded, but one does get the sense of each participant’s individual style and personality. In addition to the interviews, concluding essays are provided by editors Sánchez-Villagra and MacLeod, which further examine the issues and trends in palaeobiology, as influenced by Gould and others, and provoke us to ask how the subject itself might evolve in the future. The book will certainly appeal to students and researchers in palaeontology, less so the lay-person. Certainly, in terms of the history of science, the Issues in Palaeobiology interviews provide a unique and fascinating ‘snapshot’ of current thinking within our discipline c.2014.

Book review by Dr. Seabourne Rust, Northland, New Zealand seabourne.rust@gmail.com

Published in Nomen nudum No. 34, p. 11-12, December 2014, Link




A Global View on Vertebrate Paleobiology.


Many associate paleontology with dinosaurs or with some other charismatic extinct group of organisms. In reality, the study of ancient life encompasses many subjects not only in terms of the kind of organisms but also in terms of the subjects of investigation. Research on palaeobiology is very much tied with many significant developments in fields such as ecology, geology, oceanography, evo-devo and evolutionary biology. The integration of disciplines opens new opportunities for research but it also throws questions about the boundaries among them and the identity of a field.


The University of Zurich palaeontologist Marcelo Sánchez has edited the book Issues in Palaeobiology: a Global View that examines the multiplicity of research in palaeobiology. Together with a colleague at the Natural History Museum in London where he worked before moving to Zurich, he presents 22 interviews with authors with diverse geographic and thematical backgrounds.

What is palaeobiology? Where is it going? How does it relate to classic palaeontology? What motivates people to become palaeobiologists? Twenty-two experts with diverse geographical and thematic back-grounds discuss their personal views on fundamental questions on the goals and issues in palaeontology. This collection of interviews and additional essays illustrate the diversity of approaches, interests, personalities, backgrounds, and predictions for the future of this intellectually rich discipline.

The collection of interviews addresses the types of roles palaeontologists fill in academic, commercial, governmental/regulatory, and scientific communities and the manner in which they relate to their biological and earth science colleagues.  The practice of palaeobiology differs between countries, reflecting differences in needs, opportunities, and levels of resources. With its illustrations and casual language the book serves as an introduction to the multiplicity of questions and interests of a scientific discipline. The book can be bought at the Museum of Zoology and Palaeontology and at the Campuswelt Irchel store.

Scidinge Hall Zürich 2014, 287 pages, 13 x 21 cm, ISBN: 978-3-905923-17-9. Price 11 £ / 14 € / 16 CHF / 18 US $ 


Published in mnf.uzh.ch News (2.10.2014): Link




A Global View on Vertebrate Paleobiology.


Preparado por Marcelo R. Sánchez-Villagra y Norman MacLeod. Scidinge Hall Verlag, Zúrich, 2014.

Paleobiología Individuos, especies, ecosistemas y entornos fósiles

Salvo en contados recodos de tendencia geológica, los paleontólogos de la nueva síntesis darwinista mostraban un interés central en la biología y evolución de los organismos fósiles en sus ecosistemas. Miquel Crusafont, decano de la materia en España, declaraba, a este respecto, en las lecciones inaugurales de la asignatura, que la biología se dividía en paleontología, atenta al estudio de los fósiles, y neontología, que se ocupaba de las especies actuales. De la paleontología a la paleobiología no ha habido solución de continuidad, con la salvedad de que esta se ha beneficiado de un mayor número de expertos y dilatación del dominio de investigación.

El registro fósil facilita el acceso a pautas evolutivas y tendencias globales de la biodiversidad a través de las eras geológicas. En ello insiste la paleobiología desde su fundación, en 1912, por Othenio Abel. La disciplina adquirió plena madurez epistemológica en los años setenta con los trabajos de un grupo de paleontólogos norteamericanos integrado, entre otros, por Niles Eldredge, Stephen Jay Gould, David M. Raup, Thomas J. M. Schopf y Stephen M. Stanley. Empezaron por admitir la estasis morfológica de las especies, un fenómeno que implica que el cambio evolutivo se concentró en episodios de especiación geológicamente breves. Esta teoría del equilibrio puntuado, elaborada por Eldredge y Gould, tuvo una implicación importante que no se reconoció en el comienzo: la macroevolución debe operar mediante la selección de especies, análoga a la selección de individuos en la evolución darwinista. Gould en particular influyó en el movimiento de la taxonomía numérica; aplicó métodos matemáticos a la alometría, morfología y heterocronías.
Pese a todo, los paleontólogos no han descuidado los métodos tradicionales, incluido el más sencillo, la observación directa. De ese medio se sirvió el recientemente fallecido Adolf Seilacher (1925-2014) en su interpretación de los enigmáticos especímenes de Ediacara, que datan de hace unos 578 millones de años, antes de la aparición de los principales filos animales durante la explosión del Cámbrico. Seilacher entró en la Universidad de Tubinga en 1945. Allí el paleontólogo Friedrich von Huene le enseñó el uso de la cámara lúcida, un aparato con un prisma y un espejo que proyecta la imagen del espécimen en una lámina de papel para que pueda dibujarse. En una expedición a Salt Range, en Pakistán, Seilacher y su alumno Otto Schinbdewolf descubrieron huellas de trilobites en rocas tempranas del Cámbrico, que aportaron claves para descifrar el estilo de vida de los animales.

Seilacher mostró también de qué modo los fósiles traza (los que registran una actividad biológica, como la excavación subterránea de animales marinos) revelan rasgos de conducta. Analizó influencias que conforman la morfología de los invertebrados y mostró cuán excepcionalmente los conjuntos fósiles conservados (denominados por él Lagerstäten) eran resultado de condiciones tales como la escasez de oxígeno, rápido enterramiento y el efecto de películas microbianas que sellaban la superficie del sedimento.

La paleontología es una ciencia en continua progresión. Por botón de muestra, traigamos a colación algunos de los últimos hallazgos más importantes. Empecemos por el relativo a la estilización de los huesos del esqueleto humano con el tiempo. Los huesos de chimpancé se encuentran inmersos en estructuras microscópicas que conforman un hueso esponjoso, lo que no acontece en los huesos de los humanos modernos, expuestos a fracturas y osteoporosis. Un reciente estudio comparado de Australopithecus, neandertales y primeros Homo sapiens nos muestra que presentaban densidades de hueso esponjoso mucho mayores que los humanos modernos, fenómeno que se atribuye a un estilo sedentario de vida.

Conocida es la riqueza del registro fósil de équidos, modelo de procesos evolutivos. Una nueva calibración de la filogenia de Equus, basada en la secuencia genómica de un équido de comienzos del Pleistoceno (hace entre 4 y 4,5 millones de años) sugiere que el linaje de Equus dio origen a los caballos, cebras y asnos contemporáneos. Otra cuestión en el desarrollo de la paleontología lo constituye la evolución temprana de vertebrados dotados de mandíbula (gnatostomos). El equipo dirigido por Martin D. Brazeau ha aplicado la tomografía computerizada a la caja craneana de un espécimen de 450 millones de edad procedente del Devónico inferior de Siberia, un osteíctio. Han descubierto que el cráneo era una mezcla de características observadas por separado en los osteíctianos, condrictianos o en ninguno de ellos. El análisis filogenético sitúa a los peces en la base de los gnatostomos y sugiere que los enigmáticos acantodianos (grupo extinto de peces fósiles) estaban emparentados con peces cartilaginosos.

Un cuarto ejemplo tiene que ver con la incompletitud del registro fósil, que impide identificar el origen de muchos de los clados de vertebrados más derivados. Tal es el grupo de los Ictiopterigios, un clado de reptiles marinos que aparecieron a comienzos del Triásico, sin que se conozcan intermedios. El examen de un inctiosauriforme basal procedente del Triásico inferior (hace unos 248 millones de años) de China presenta un esqueleto primitivo que indica posibles hábitos anfibios.

Otro ejemplo: ¿quiénes eran los gondwanaterios? Durante decenios han estado envueltos en el misterio. Los Gondwanatheria constituían una rareza mamífera. Solo se conocían restos fragmentarios (dientes aquí y allí y, excepcionalmente, algún trozo de mandíbula). Su conformación era propia de omnívoros y herbívoros,pero se desconocían sus relaciones de parentesco con los otros miembros del árbol de los mamíferos. El descubrimiento de un cráneo entero de un nuevo género de gondwanaterio ofrece pruebas y datos que resuelven el misterio y revela la existencia de una sorprendente diversidad morfológica en los mamíferos primitivos. El cráneo, de 12,41 centímetros de longitud, pertenece a un individuo de la especie Vintana sortichi; se descubrió en la formación Maevarano de Madagascar. Se presume que se trataba de un herbívoro de ojos grandes, ágil y con un desarrollo extraordinario del olfato. El cráneo constituye un mosaico de rasgos primitivos y derivados, reflejo quizá de una larga historia evolutiva en aislamiento geográfico.

Las fosforitas de la formación ediacarense de Doushantuo (de unos 600 millones de años de antigüedad) produjeron microfósiles esferoides con un patrón de división celular palintómica. Se han recuperado fósiles esferoidales procedentes de fosforitas negras de dicha formación. Y ahora sabemos que acometían la división celular, había separación entre gametos y células somáticas y pasaban por la muerte celular programada. Por fin, en la formación de Bugiin Tsav, Mongolia, se encontró en 2009 la extremidad anterior izquierda de un espécimen de Deinocheirus. El fósil superaba en un 6 por ciento la longitud del holotipo. El análisis cladístico realizado ahora indica que Deinocheirus constituía el miembro más poderoso de los Ornithomimosauria, lo que no empece que presente caracteres que le distinguen del resto del grupo. Nos hallaríamos ante un animal pesado, con un hocico pronunciado, mandíbula profunda, espinas neurales muy altas, pigostilo, fúrcula en U, pelvis extensa para los anclajes musculares. De los restos de peces encontrados en su estómago se infiere su dieta megaomnívora y un hábitat mésico.

Las cuestiones centrales de la paleobiología son las relacionadas con el proceso de especiación y radiación en el espacio y el tiempo. Es decir, las variables genéticas y ecológicas, que nos conducirán a la evolución filogenética de las especies. En el transcurso del tiempo geológico y hasta el presente, la vida en el mar presenta una exuberancia de biodiversidad fascinante. Pensemos en protozoos marinos, en particular en los foraminíferos, cuya investigación resulta ahora impensable sin atender a la paleobiología, paleoclimatología, paleogreografía, paleoecología y posible fisiología de formas extintas mediante la comparación con análogos vivos. Los foraminíferos, eucariotas unicelulares, han vivido en los océanos durante más de 500 millones de años. En razón de su estrategia de vida se dividen en dos tipos: foraminíferos planctónicos y foraminíferos bentónicos. Los bentónicos, que habitan en las profundidades, presentan un tamaño oscilante entre menos de 100 micras hasta un diámetro máximo de centímetros. Los de mayor talla poseen estructuras internas complejas. Los planctónicos han evolucionado a partir de los bentónicos del Triásico; no suelen superar las 600 micras. Foraminíferos vivos y fósiles presentan una amplia variedad de formas y tamaño. La complejidad morfológica de sus conchas y su evolución en el curso del tiempo ayudan a interpretar cuestiones fundamentales de paleobiología. Del conocimiento de la forma y estructura de los grandes foraminíferos se vale, para su progreso, la bioestratigrafía de entornos de aguas someras. En los horizontes estratigráficos queda recogida la evolución. Las formas primitivas persistieron y superaron condiciones adversas y episodios de grandes extinciones; además, dieron origen a formas gradualmente más especializadas y complejas.

Los grandes foraminíferos medran en muchos medios. Con su estrategia de reproducción aplazada, presentan una vida media muy larga; los grandes Nummulites llegan a los cien años. Desde hace años se viene investigando la genética de los foraminíferos que permite establecer las relaciones de filogenia entre grupos. Los experimentos con cultivos bajo condiciones ambientales controladas (temperatura, salinidad, concentración de oxígeno disuelto, contenido en nutrientes, concentración de elementos traza y riqueza isotópica) nos habrán de permitir interpretar mejor el comportamiento ecológico natural y las tolerancias ambientales. Se sirven de pseudópodos para capturar partículas nutricias; descifradas la salinidad, temperatura, densidad de agua e iluminación, conoceremos la naturaleza, estilo de vida, hábitos y evolución de especies extintas de foraminíferos.

No todo es avance. Las plantas son cruciales en el funcionamiento de la Tierra, al menos en su superficie. Condicionan el clima, la geoquímica y erosión del suelo. Son fuente y sumidero de carbono. Nuestro conocimiento sobre esas cuestiones procede de la mano del descubrimiento de plantas fósiles, de su taxonomía, sistemática y fisiología. No obstante, nos sentimos abrumados por las carencias. ¿Cómo eran los licópsidos arborescentes del Carbonífero? Ignoramos su metabolismo, vida media y forma de nutrición. El mundo moderno está dominado por las plantas con flores, muy distinto del que predominaba en tiempos pasados; las propias coníferas del Paleozoico divergían mucho de las coníferas actuales.

La región de mayor biodiversidad del planeta se ubica en los trópicos de América del Sur (que comprenden un extenso número de ecosistemas, de las selvas alpinas de los Andes hasta desiertos y sabanas, páramos y pluviselvas). Para hacerse una idea: 50 hectáreas de la pluviselva del Ecuador tienen más especies arbóreas que, juntos, Estados Unidos y Canadá. Desde hace tiempo se conoce este fenómeno, denominado gradiente latitudinal de la diversidad. Los científicos han propuesto hasta 25 hipótesis diferentes para explicar los gradientes, aunque ninguna resulta satisfactoria. La razón de tanta controversia es que no se puede resolver el origen del gradiente latitudinal de la diversidad sin el uso del registro fósil. Al fin y al cabo, el gradiente que observamos hoy es el fruto de la acción del tiempo geológico.

Pero, ¿en qué medida se epitomiza en el registro fósil la historia real de la vida? Todos los campos de la paleobiología, sea de nivel microevolutivo o macroevolutivo, dependen de un dominio seguro del registro fósil. Todavía conocemos de una manera muy imperfecta el registro de organismos, poblaciones, especies, filos y comunidades ecológicas en diferentes escalas temporales y espaciales. A escala temporal global y geológica, lo vemos ejemplificado en el origen de los ecosistemas terrestres tróficamente modernos y en la colonización de tierra firme por plantas y animales, uno de los principales acontecimientos de la historia de la vida. Entre el Cámbrico y el Ordovícico Medio no existen pruebas fósiles incuestionables de colonización de la tierra. El registro fósil de plantas continentales comienza, en el Ordovícico, con esporas, pero hasta el Silúrico tardío no empiezan a aparecer fósiles de plantas. El registro fósil de los subsiguientes invasores de tierra firme, los artrópodos, es, con mucho, más incompleto. Diversos grupos invadieron el suelo firme independientemente; su fosilización dependía de ciertas condiciones especiales y favorables, amén de entornos sedimentarios. Los fósiles de artrópodos más antiguos son restos de milípedos del Silúrico y arácnidos. Los insectos no aparecieron hasta comienzos del Devónico.

Book review by Dr. Luis Alonso, published in Investigatión y Ciencia, August 2015, Link, pdf





A Global View on Vertebrate Paleobiology.


ISSUES IN PALAEOBIOLOGY: A GLOBAL VIEW. Marcelo R. Sánchez-Villagra and Norman MacLeod (Eds.). 2014, 289 p. Scidinge Hall Verlag, Zürich, Switzerland, ISBN 978-3-905923-17-9


In 1889, under the name of E. R. C., an anonymous author, while reviewing a book of Melchior Neumayer (1845-1890) expressed the following: “The paleontologist has been defined as a variety of naturalist who poses among geologists as one learned in zoology, and among zoologist as one learned in geology, whilst in reality his skills in both sciences is diminutive” (p. 259).

While one, as a paleontologist, may feel that the sentence is a bit irreverent, at least we should admit that paleontologists –and paleontology– have lived permanently in a sort of identity crisis, because of their changing position between two major disciplines that are in principle quite different: geology and biology.
If paleontology has had problems of identity since the nineteenth century, no less has been the case of paleobiology, the discipline that aims to study life in the past. According to David Lazarus “Palaeobiology’s original goal was to (re)integrate palaeontology with biology, based on the perception in the early 1960s that palaeontology had degenerated into a marginal service specialty for geology” (p.71). To correct this situation, paleontology began moving towards biology since the 60’s, but during this period biology shifted its focus to molecular approaches, so that paleobiology remained marginal to most biological research, at least in the perception of many biologists.

Always according to the perception of Lazarus, this movement of paleontological research towards biology caused a departure from geology, to the point that many lines of research in paleobiology seem to be, even nowadays, absolutely disconnected from the geological context.

This is especially true in some research programs on fossil vertebrates, especially in phylogenetic studies (p. 72), which on the other hand are often not accepted in journals such as, precisely, Paleobiology (in fact, Lazarus claims that if the broad definition of paleobiology is accepted, systematic studies of fossil organisms must be considered part of paleobiology). However, other disciplines included in traditional paleontology would be definitively outside of paleobiology. Paleobiologists can be even people who have not been trained in important areas of traditional paleontology, such as taxonomy, biostratigraphy, sedimentology, and geochemistry; thus, every paleobiologist is a paleontologist, but the opposite may not be true.

At present, paleobiology embraces different lines and research programs: paleoecology, biomechanics, paleohistology, etc. These fields seem to be often separated from each other; in this sense, the integration is becoming increasingly more necessary, and in fact, that seems to be happening.

Although the term paleobiology (or palaeobiology) is old (it corresponds to Othenio Abel in 1912, Sánchez-Villagra and MacLeod, 2014, p. 37), the boom of paleobiological studies occurred in the 70’s with Stephen Gould, David Raup, Steven Stanley, and others.

The book by Marcelo R. Sánchez-Villagra and Norman MacLeod “Issues in palaeobiology: a Global View” aims at introducing the reader the most relevant problems of current paleobiological research. It consists of a series of interviews made to 22 researchers (including the two editors) who define themselves as paleobiologists. These interviews reveal different interests, different backgrounds, and different approaches.

Why interviews? Marcelo Sanchez Villagra himself gives us the answer: interviews are an enjoyable way to understand the ideas and modes of work of authors in areas outsides our own professions (p. 11). The paleobiologists interviewed are Marcelle BouDagher-Fadel, Kevin Boyce, Anusuya Chinsamy-Turan, Francisco J. Goin, Da-yong Jiang, Michael Hautmann, Christine M. Janis, Carlos Jaramillo, Jukka Jernvall, Dieter Korn, David Lazarus, Michael Lee, Zhe-Xi Luo, Bruce J. MacFadden, Jennifer McElwain, David Polly, Louise Roth, Jest Rust, Hesham M. Sallam, and Sergio F. Vizcaíno. Of course, this selection is arbitrary, but it is sufficiently representative, and clearly shows the main trends in current paleobiology.

The people interviewed have different personal stories and educational backgrounds, as they were born in different countries under different political scenarios. In spite of this, they can be grouped in three major areas of paleobiology: paleoecology, functional morphology and biomechanics, and systematics (p. 260–261). The subjects covered by the interviewed researchers are in fact varied, which gives a glimpse on the broad scope of paleobiological research: they go from the studies of planktonic foraminifera (Marcelle Bou Dagher-Fadel) to correlating form and function in mammals (Sergio Vizcaino).

The questions posed to the interviewed were the following:
1- What are the most important problems in paleobiology?
2- Which is the most fundamental issue of paleobiology and evolution that your work addresses?
3- How could continuation or an expansion or of your research program lead to new insights or open new questions in paleobiology?
4- What do you see as the most interesting criticism against your position in discussions about paleobiology and evolution?
5- Why were you initially drawn to research in paleobiology?

The answers to these questions were varied, and clearly mark the different directions that paleobiology is currently taking. In this sense, reading “Issues in Palaeobiology” is a good way to get to know the current research programs by these paleobiologists, their main results, as well as to think about the foundations and the scope of a discipline that has been gaining an increasing number of followers.

Many of the answers provided by the interviewed researchers reflect the tensions we mentioned above. Several of them complain that the taxonomic studies have declined (Korn, Polly), although this does not seem to be true for Argentina and China, at least in the perception of the editors (p. 264). Korn is even willing to admit the criticism that paleobiological studies have grown at the expense of others, more aligned with traditional paleontology, which has resulted in the fact that traditional descriptive works are not sufficiently cited (p. 67).

An aspect that is not always treated in technical books is the personal biography of the scientists. The format of interviews chosen by Sánchez-Villagra and MacLeod allows such a treatment. In his answer of how was the initial contact with paleobiology (question number five), MacLeod classified their colleagues in two categories: those who collected fossils as children and never considered any other profession for their life’s work, and those who stumbled across paleontology later in life by accident (p. 232). Some of the interviewed fitted in the first category (at least they showed an early vocation towards biology or paleobiology): Lazarus, Hautmann, Lee. Included are here some examples of child fascination by dinosaurs, such as MacFadden and Polly. Others, as MacLeod himself, are instead “accidental paleontologists”.

Summarizing, this book by Sánchez Villagra and MacLeod is highly recommendable because it exposes the views that each of the interviewed specialists have on their own line of work, the links that their research has with other fields, and the direction in which paleobiology is currently moving.


Leonardo Salgado, Universidad Nacional de Río Negro, lsalgado@unrn.edu.ar

Review published in Ameghiniana 52 (5), p. 582-583




Wendepunkte des Lebens



Die inhaltlichen Schwerpunkte der zwölf in diesem Buch gesammelten Aufsätze reichen von Schlüsselereignissen der Evolution im Präkambrium, der Endosymbiose mit der Entstehung von einzelligen Eukaryoten, der Photosynthese über die Metazoen-, Insekten- und Wirbeltierevolution, verschiedenen ernährungsphysiologischen Lebensweisen, der Blütezeit der Saurier bis hin zur Evolution der Mammalia und münden in der Humanevolution. Obwohl die Kapitel in der Reihenfolge einer inhaltlichen Progression folgen, sind sie auch gut jedes für sich zur Informationsbeschaffung geeignet.

In den anspruchsvoll formulierten Texten kommt deutlich heraus, dass es die Vielzahl der mikroevolutiven Veränderungen ist, die letztendlich zur Entstehung höherer Taxa geführt haben. Ein Leitgedanke liegt dabei auf dem evolutiven Erfolg der betrachteten Organismengruppen.

Eine gute Orientierung zum Kapitelinhalt bietet die jeweils vorangestellte Zusammenfassung zu Gliederung und Inhalt. Zudem besitzt jedes Kapitel ein eigenes Literaturverzeichnis und wird durch zahlreiche erläuternde, allerdings manchmal zeichnerisch stark komprimierte Schemata beziehungsweise Fotos ergänzt.

Die sorgfältige wissenschaftlich-analytische Ausarbeitung ist inhaltlich sehr dicht konzipiert und verlangt ein gutes Durchhaltevermögen im Umgang mit wissenschaftlichen Texten. Dafür wird aber weit mehr geboten, als „Evolution pur“. So beinhaltet beispielsweise das Kapitel zur Photosynthese neben ihrer Erforschungsgeschichte die komplette Physiologie, mit besonderer Berücksichtigung der „Anpassungsstrategien“ an wechselnde Umweltparameter. Dieses Kapitel steht exemplarisch für die (technische) Aufbereitung aller behandelten Themenkomplexe: Jeder für sich eine „Monografie“, die in ihrer Gesamtheit das Konzept einer Makroevolution als Summe der mikroevolutiven Einzelschritte von der Biogenese bis hin zum Homo sapiens sapiens eindrucksvoll dokumentiert.

Schlüsselereignisse der organischen Makroevolution W. Maier, I. Werneburg (Hrsg.), Scidinge Hall, Zürich. 2014. 416 S., 15 R. ISBN 978-3-905923-15-5

Christiane Högermann, Osnabrück


Rezension veröffentlicht in: Biologie in unserer Zeit 5/2015 (45), S. 340





Issues in Palaeobiology: A Global View: Interviews and Essays.


Paleobiology has undergone a dramatic revolution in the past 40 years, starting arguably with Schopf’s seminal Models in Paleobiology (1972. San Francisco (CA): Freeman, Cooper). Paleobiology as a term now describes a field that attempts, largely success-fully, to find the unifying empirical patterns, and elucidate their underlying theoretical frameworks that apply with equal force to everything from diatoms to dinosaurs. Issues in Palaeobiology: A Global View is a fascinating series of personal es-says/interviews with active paleontologists from all over the world (12 countries are represented). Each paleobiologist was asked the same five ques-tions about their vision of the future for paleobi-ology, how their own work might move us toward that future and, finally, about how they ended up as paleobiologists. This last, most personal ques-tion definitely engendered the most riveting and interesting responses, and makes this book worth reading even for people who may not otherwise be interested in the opinions of, in one contributor’s terms, “some old [men]” (p. 29)—and the contrib-utors are predominately men.

The first question concerns where each re-searcher sees the field moving in the future: “What are the most important problems in palaeobiol-ogy?” (p. 15). Some contributors, such as C. Kevin Boyce, reject the premise of this question as im-possible for people entrenched in research to answer. Others, like David Lazarus, point out what they see as the problems in the science of paleo-biology by talking about how the move toward biology has isolated (nonmicro) paleontologists from revolutions in the Earth sciences.

The next three questions strive to have the re-searcher relate their current work to their vision of the future of paleobiology. Although certainly use-ful to someone who wants a quick look at some of the research in paleobiology, these sections are not the main draw of the book in my opinion.

The final question is the most personal—“Why were you initially drawn to research in palaeobi-ology?”(p. 25)—and by far the most intriguing section. This question alone, asked of so many people from so many countries and diverse back-grounds, makes this publication worth owning for any scientist, historian of science, or science en-thusiast. The routes these researchers describe range from loving dinosaur books as kids, to miss-ing a medical exam because of civil war, to the Chinese cultural revolution. Reading this section of each chapter will surprise you, with people ar-riving in paleobiology from geology, biology, and even youthful dalliances in astrology!

The first four questions asked in each chapter of this volume provide an excellent, if brief and “low-level” summary of the current state of subfields in paleobiology. If the book were comprised of only these questions, it would be perfect for undergrad-uates and early graduate students trying to decide on a research path, or nonpaleobiologists curious about what we actually do. However, the combina-tion of the personal anecdotes in the fifth ques-tion, as well as the diversity of views represented by people from across the world, makes this a very worthwhile volume for anyone to pick up.


Review by: Jonathan S. Mitchell (2015). The Quarterly Review of Biology,  Vol. 90, No. 4, pp. 428-429




Erstens kommt es anders



Dieses Buch schildert die politischen Ereignisse in der "westlichen Welt" im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, in einer Zeit also, an deren Beginn London eine Weltmacht war und bleiben wollte. Der Vf. ist kein reiner Historiker, doch das macht die Darstellung insofern interessanter, als er beruflich im Verfassungsschutz tätig war und somit weiß, dass die Dinge, die hinter der Bühne vor sich gehen, meistens wichtiger und lehrreicher sind als das, was dem staunenden Publikum gezeigt wird.

Man erkennt mit ihm, dass es eigentlich keinen echten politischen Grund für den Ersten Weltkrieg gab; Großbritannien hätte ohne weiteres seine Halbweltherrschaft noch Generationen weiterführen können, das Deutsche Reich hätte daran nichts auszusetzen gehabt und die USA hatten reichlich mit den Problemen in ihrem Land und dem Rest des Kontinents zu tun, da gab es schon Kriege genug.

Die eigentlichen Gründe, die zur Katastrophe führten, waren wirtschaftlicher Art. Der Vf. stellt dies auf S. 62 (und in den dazugehörigen Fußnoten) eingehend dar. Im Jahre 1900 exportierte das Empire Waren im Wert von ca. 300 Mio. £ und importierte Waren im Wert von 550 Mio. £. Im Jahre 1870 produzierte GB ca. 6 Mio. to Roheisen, D nur ca. 1,3; 40 Jahre später lag GB bei ca. 10 Mio. to, D dagegen bei ca. 13 Mio. to. Bei Rohstahl war der Umschwung noch krasser. Das Defizit für London beim deutsch-britischen Handel stieg ebenfalls kontinuierlich an. Auch die deutsche Flotte - aber nicht die Kriegsflotte sondern die deutschen Handelschiffe - war besorgniserregend, wie aus einem vom Vf. zitierten Gespräch zwischen Arthur Balfour und dem US-Botschafter Henry White (aus dem Jahre 1910) klar hervorgeht

Parallel dazu entwickelte sich in GB ein künstliches Bedrohungsszenario, das in den Jahren nach dem deutsch-französischen Krieg von 1870/71 mit Büchern wie "The Battle of Dorking" oder "The Riddle in the Sands" begonnen hatte und der Bevölkerung weismachen sollte, eine Invasion durch deutsche Truppen stünde bevor. Leider entwickeln solche propagandistischen Verirrungen dann ihr Eigenleben - die Masse findet solche Bedrohungen angenehm gruselig, die Politiker nutzen das aus und werden schließlich von der so geschaffenen Lawine davongetragen; man möchte sagen "geschieht ihnen recht", wenn die Folgen nicht so katastrophal gewesen wären.

Das Buch schildert gut begründet und mit vielen Einzelheiten, wie eine Handvoll Leute in England und in den USA auf dem miltärischen, dem finanziellen und dem publizistischen Sektor die Weichen für einen baldigen Krieg stellten und macht genaue Angabenzu ihrem Werdegang und ihrem Hintergrund.

Das Problem bei der britischen Verwirklichung des im "War Book" niedergelegten und immer wieder à jour gebrachten Plans war jedoch, dass man sich in Bezug auf die Dauer des Krieges völlig verrechnet hatte; er sollte eigentlich nur drei Monate dauern, zog sich dann jedoch über mehr als vier Jahre hin und ruinierte Großbritannien vollkommen. Der große Gläubiger waren die USA, oder besser gesagt deren Banken, die froh waren, auf diese Weise die große Bankenkrise von 1907 hinter sich lassen zu können - bis dann, zwanzig Jahre später, 1929, das Finanzsystem erneut zusammenbrach und ein neuer Krieg angepeilt werden musste.

Um das alles dem Mann auf der Straße verkaufen zu können, mussten die widerlichsten Geschichten über den deutschen Gegner in Umlauf gebracht werden, von den vergewaltigten belgischen Nonnen bis zu den abgehackten Kinderhänden; sie wurden zwar in den 1920er Jahren von Lord Ponsonby widerlegt (s. http://www.amazon.com/Falsehood-War-Time-Containing-Assortment/dp/1162798653/ref=sr_1_1_twi_unk_2?s=books&ie=UTF8&qid=1464266608&sr=1-1&keywords=falsehood+in+war-time#customerReviews), aber sie waren schon zu stark im Volk verankert und konnten so 30 Jahre später in anderer, verstärkter Form leicht wiederbelebt werden.

Das Buch diskutiert in seinem zweiten Teil sehr eingehend auch die politische Entwicklung in den USA und den Einfluss der Finanzwelt auf die Regierungen, ebenfalls mit genauer Erwähnung der Akteure; insbesondere wird auch die Karriere von Woodrow Wilson diskutiert, der ja mit seinen wohlmeinenden Erklärungen einen großen Einfluss auf das Kriegsende hatte - leider nicht auf den Friedensschluss in Versailles.

Sehr interessant sind die Betrachtungen des Vf. hinsichtlich der deutschen Politik während des Krieges und der Beziehungen zwischen dem deutschen Militär und der Regierung in Berlin. Er zeigt dabei die vielen Fehler auf, die in diesem Zusammenhang gemacht wurden, man erkennt aber auch, wie schwierig es war, angesichts der sich immer wieder ändernden Verhältnisse - etwa dem Zusammenbruch des Zarenreiches - die politischen und militärischen Weichen richtig zu stellen, zumal es sich bei diesem Krieg, erstmals in der jüngeren europäischen Geschichte, nicht um einen klassischen Eroberungskrieg handelte, sondern um einen - viel komplizierteren - wirtschaftlichen Krieg.

Hervorzuheben ist der klare Blick des Vf. auf die Rolle jüdischer Männer auf beiden Seiten. Roewer stellt klar dar, dass die später so populäre These vom Weltjudentum und dessen unheilvoller Rolle in Bezug auf das Deutsche Reich, nicht haltbar ist, wenn man etwa Persönlichkeiten wie Walther Rathenau oder Albert Ballin näher betrachtet.

Schließlich ist es interessant, in diesem Buch auch Bilder von Akteuren zu finden, die meistens in Bezug auf die Kriegsereignisse nicht genannt werden - der Anthroposoph Rudolf Steiner etwa, oder Kurt Hahn, der Gründer des Internats in Salem. Es erscheinen auch Gestalten auf der Bühne, die ganz wunderliche Lebensläufe aufweisen, wie z.B. Ignaz Trebitsch-Lincoln, der vor dem Ausbruch des Krieges eine britische Kundschaftergruppe in Belgien leitete, deren Aufgabe es war, die geographischen Verhältnisse des Landes unter militärischen Gesichtspunkten zu eruieren, der aber späterhin Pressesprecher der Kapp-Lüttwitz-Verschwörung wurde und schließlich als Mönch in China lebte.

Man ist auch immer wieder erstaunt festzustellen, dass vieles, was sich hinter den Kulissen vollzog, in privaten Briefen diskutiert wird, wobei diese in den meisten Fällen aus dem Nachlass von Frauen stammen, die Beziehungen zu Politikern usw. hatten, d.h. es handelt sich dabei um Aussagen letzterer, während diese die Briefe der anderen Seite meistens vernichteten.

Rudyard Kipling legt seinem im 1. WK mit 18 Jahren gefallenen Sohn die Worte in den Mund: "If they should ask you why we died / tell them: because our fathers lied"

Angesichts der bedeutenden Sammlung von Fußnoten, der guten Bibliographie, der sehr genauen und weitreichenden Schilderung der Beteiligten und nicht zuletzt wegen des etwas unakademischen aber gut lesbaren kriminalistischen Charakters ist das Buch wärmstens zu empfehlen.


Thomas Dunskus, Rezension auf Amazon.de am 26. Mai 2016Link





Die Kriegshetzer aus dem Gentlemen’s Club


Helmut Roewers Studie über politische Drahtzieher in London, die vor 1914 alles daransetzten, Deutschland in den Krieg zu ziehen  

Nicht erst seit seinem vorletzten Buch „Kill the Huns – Tötet die Hunnen“, Graz 2014 (JF 5/15) hat der Geheimdiensthistoriker Helmut Roewer bewiesen, daß er sich in der englischen und amerikanischen Geschichte gut auskennt. Die Früchte einer Archivreise nach England birgt sein neuestes Buch, wobei der Buchtitel genau das verspricht, was darin anhand von Literatur und Dokumenten untermauert wird, nämlich „Warum England den Ersten Weltkrieg auslöste und Amerika ihn gewann“. 
Roewer will nicht alte Verschwörungstheorien verwerfen, nur um dafür eine neue Verschwörungstheorie von einem Triumvirat in England zu installieren, welches England 1914 und anschließend Amerika 1917 in den Ersten Weltkrieg hineinzog. Aber genau darum geht es in dem Buch, mit welchem Roewer auf den Spuren von Niall Ferguson und dessen Buch „Der falsche Krieg“ (erschienen im englischen Original 1998) wandelt. Nicht Deutschland, sondern England strebte in den Jahren vor 1914 nach der Weltherrschaft. Nicht Deutschland, sondern England lebte 1914 man¬gels ausreichenden Exports über seine Verhältnisse und stieß allerorten auf den wirtschaftlich so erfolgreichen Konkurrenten Deutschland. 
Schon 1910 äußerte der führende britische Konservative Arthur James Balfour gegenüber Henry White, dem vormaligen US-Botschafter in London unverblümt: „Wahrscheinlich sind wir Narren, daß wir keinen Grund finden, um Deutschland den Krieg zu erklären, bevor es zu viele Schiffe baut und uns unseren Handel wegnimmt“. Als Botschafter White daraufhin den Ratschlag gab: „Falls Sie mit Deutschland zu kon¬kurrieren wünschen, arbeiten sie einfach härter“, entgegnete ihm Balfour mit entwaffnender Offenheit: „Das würde eine Senkung unseres Lebensstandards bedeuten. Da wäre es einfacher für uns, einen Krieg zu führen.“ 
Hierbei ist anzumerken, daß man in England nicht mit einem jahrelangen Weltkrieg, sondern infolge der Überlegenheit der gegen Deutschland ins Feld zu stellenden Koalition maximal mit drei Monaten Kriegsdauer rechnete. Hinter dem Rücken des damaligen liberalen Parteivorsitzenden Henry Campbell- Bannerman fand sich deshalb ein Triumvirat von drei englischen Politikern (Henry Asquith, Edward Grey, Richard Haldane) zusammen, welche diesen für England so unerfreulichen wirtschaftlichen Zustand notfalls tatsächlich durch Krieg abändern wollten. „Das Netz wurde gesponnen, und Deutschland flog hinein wie eine brummende Fliege“, meinte schon 1914 der französische Diplomat Abel Ferry. 
In seinem Tun und Handeln wurde dieser zu allem entschlossene Dreimännerbund durch den Umstand begünstigt, daß es in England kein sonderlich demokratisches Wahlrecht gab und der seinerzeitige König Edward VII. (gestorben 1910) in seiner Germanophobie damals in Deutschland erheblich unterschätzt wurde. 1914 hatten Asquith (Premierminister), Grey (Außenminister) und Haldane (1905–1912 Kriegsminister, danach Lordkanzler) alle die notwendigen politischen Schlüsselstellungen inne, um hinter dem Rücken des englischen Volkes und am englischen Parlament vorbei in den Krieg einzutreten, zu dessen Entfachung man vorher kräftig Öl ins Feuer gegossen hatte, wie Roewer dokumentiert. Insbesondere die Enthüllung des scheinheiligen Trauerspiels um Belgiens Neutralität, was einen guten, vor allem innenpolitisch brauchbaren Kriegsgrund abgab, ist lesenswert. Einige nicht zum Triumvirat gehörende Politiker wie Marineminister Winston Churchill und Finanzminister David Lloyd George unterstützten aus unterschiedlichen Gründen Asquith nebst Genossen bei ihrem gefährlichen Treiben. Seltsamerweise sind frühzeitig die einschlägigen Kabinettsprotokolle verschwunden. 
Im zweiten Teil des Buches geht der Verfasser auf die Gründe des damals wie heute von einem Geldadel beherrschten Amerika ein, sich politisch und militärisch auf die Seite Englands zu stellen. Das „Drehbuch“ für den Kriegseintritt beschrieb im Februar 1916 Grey mit seiner Frage an den amerikanischen Präsidentenvertrauten Colonel House: „Was wird Amerika tun, wenn die Deutschen einen Ozeandampfer mit amerikani¬schen Passagieren an Bord versenken?“
 
Widerlegung der Thesen des Historikers Fritz Fischer 

Das deutsche Dilemma von 1917 beschreibt Roewer mit der Feststellung, Deutschland würde den Krieg verlieren, wenn es Englands Einfuhr aus den USA nicht unterbinden könne. Deutschland würde den Krieg aber erst recht verlieren, wenn es Englands Zufuhr aus den USA zu unterbinden versuche. Trotzdem durfte es einfach nicht zu Fehlleistungen wie mit der „Zimmermann-Depesche“ (JF 44/13) kommen. Deren, textlich verfälschte, Variante wurde vom deutschen Außenstaatssekretär Arthur Zimmermann nicht etwa verleugnet, sondern unverständlicherweise als textlich korrekt anerkannt, was den USA einen plausiblen, propagandistisch tauglichen Kriegsgrund gab. 
Gerade der dritte Teil des Buches, in welchem Roewer der deutschen militärischen und politischen Führung ihre beachtlichen Fehler und Fehlbeurteilungen vorhält, dies alles unter dem Gesichtspunkt seiner ertragreichen Geheimdienstforschung, ist gleichfalls spannend zu lesen. Eigentlich ist das gesamte Roewersche Buch eine Widerlegung der Thesen des Hamburger Historikers Fritz Fischer aus den frühen sechziger Jahren, dessen Thesen immer noch verbreitet werden, obwohl ihn englische und amerikanische Quellen sowie aktuell dort lehrende und forschende Historiker immer eindeutiger widerlegen. In Deutschland hingegen möchten sich anscheinend viele nicht gern von ihren Schuldgefühlen bezüglich des Ersten Weltkriegs trennen.   

Jürgen W. Schmidt, Junge Freiheit Nr. 34/16, 19. August 2016, S. 20




Wer den Krieg wirklich wollte


Roewer entlarvt Propaganda

Spätestens seit dem Erscheinen von Christopher Clarks „Schlafwandlern“ beginnt sich auch in Deutschland die Einsicht durchzusetzen, dass eben nicht „Deutschland im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege ausgelöst“ habe und daher auf ewig zu bestrafen sei. Helmut Roewer, Verfasser mehrerer Werke zur Geheimdienstgeschichte, hat mit „Unterwegs zur Weltherrschaft“ nun ein weiteres Buch vorgelegt, das durchaus das Zeug zum Standardwerk besitzt. Gründlich zeichnet er die Vorgeschichte des Ersten Weltkrieges bis zurück zur Jahrhundertwende nach und lässt den Leser hinter die Kulissen abseits der „veröffentlichten Meinung“ in der europäischen Presse jener Jahre blicken, indem er nicht nur auf die Besitzverhältnisse bei den Presseorganen hinweist, sondern auch auf die Verflechtungen der Besitzer mit dem sogenannten „militärisch-industriellen Komplex“.

Wer sich mit Preußen beschäftigt, kennt die Vorgeschichte beider Weltkriege mindestens in groben Zügen und weiß, dass die übrigen europäischen Staaten in jener Zeit alles andere als harmlose Friedensengel waren. Und doch ist man beim Lesen überrascht von der Skrupellosigkeit insbesondere der Engländer, wenn es darum ging, nicht nur Wirtschaftsspionage und eine hässliche Kolonialpolitik zu betreiben, sondern auch die eigene Bevölkerung schon Jahre zuvor langsam mittels der – formal freien – Inselpresse auf Krieg gegen Deutschland einzustimmen.

Das Werk ist sehr übersichtlich gegliedert in die drei Abschnitte „1) Union Jack. Die Weltmacht und ihr Störenfried Großbritannien kreiert die deutsche Gefahr“, „2) Stars and Stripes. Kreuzzug auf Dollarbasis – die USA nehmen Kriegskurs auf Europa“ und „3) Schwarzweiß. Götterdämmerung – das Ende des Kaiserreichs und die Zerstörung der Vorkriegsordnung“.

Jeder Abschnitt ist in mehrere Einzelkapitel unterteilt, die sich explizit mit Themenkomplexen auseinandersetzen, die für das Verständnis der Vorgeschichte des Krieges notwendig sind. Man benötigt ein einigermaßen funktionierendes Gedächtnis und eine gewisse Übung im Erkennen von Zusammenhängen, um sich nicht verwirren zu lassen, aber die klare, schnörkellose Sprache macht den komplexen Inhalt dennoch verständlich. So stellt zum Beispiel im zweiten Abschnitt ein Kapitel in Kurzform die Geschichte der USA bis 1914 dar, in einem weiteren wird die Frage, „wem die USA gehören, nebst einigen Bemerkungen über die Ehrenwerten J. P. Morgan, Vater und Sohn“ beantwortet – Achtung, Scheinheiligkeit der Protagonisten!

Roewer weiß, wie man Quellen findet, auswertet und einordnet. Das ist ein großer Gewinn für das Buch. In insgesamt 654 Anmerkungen, die Literatur- und Internetfundstellen enthalten, kann der interessierte Leser genau nachvollziehen, wodurch dieser oder jener Vorgang belegt ist. Sind zu einem Sachverhalt mehrere, sich widersprechende Quellen vorhanden, weist der Autor darauf hin und setzt sich exakt damit auseinander. Die von ihm in diesen Fällen gezogenen Schlussfolgerungen sind ohne Ausnahme klar und verständlich.

Ergänzt wird das Werk durch Register der handelnden Personen (alphabetisch und mit Kurzbiografien), Quellen, Abkürzungen, Anmerkungen und einem Namensindex, mit dessen Hilfe man mühelos jeden auftauchenden Namen sofort finden kann.

Das Buch ist ein echtes Kunstwerk, weil es erstens eine sehr komplizierte Materie in knappen und klaren Worten zusammenfasst und begreifbar macht, und zweitens der Verfasser als Virtuose der deutschen Sprache den Text mit mancherlei Wortspielen auflockert. Der Traum des Rezensenten, das Buch zur Pflichtlektüre im Geschichtsunterricht deutscher Gymnasien zu machen, dürfte sich leider nicht erfüllen – immerhin kann man es den eigenen Kindern und Enkeln (statt eines Computerspiels) auf den Geburtstagstisch legen und dann hoffen, dass es gelesen wird. Für den historisch interessierten Preußenkenner ist es ohnehin ein Reingewinn.

Rainer Claaßen, Preußische Allgemeine Zeitung, Nr. 34, S. 22, 26. August 2016




Umbruch-Notate


Joachim Werneburg; Notizen auf der Felswand aus den Jahren 1990 bis 1995 Scidinge Hall Zürich 2016, 185 S, br., EUR 14,95

Es ist ebenso verlockend wie heikel, frühere Notate zu einem späteren Zeitpunkt herauszugeben. Man hat sich verändert, sieht mehr, weiter. Aber manchmal scheint in der Erinnerung auch Zukunft auf, die das Jetzt vergessen hat. In seinen aphorismenartigen Aufzeichnungen von 1990 bis 1995 reflektiert der Weimarer Lyriker Joachim Werneburg den Umbruch, der heute platt "Wende" heißt. Zum Ende hin findet sich der Eintrag: "Deutschland steht nun zwischen dem westlichen Sündenfall, dem Raub des Rheingoldes, dem die Erfindung der kapitalistischen Produktionsweise folgt, und den eher spirituellen, aber weltlich weniger erfahrenen Völkern im Osten Europas."(S. 177) Man kann diese Mischung aus mythischer und marxistischer Terminologie unsauber nennen, auf jeden Fall jedoch unterläuft sie den ngigen Blick des Zeitgeistes und gibt im produktiven Sinne zu denken: Schon für Walther Rathenau hatte Deutschland die Aufgabe, zwischen Ost und West zu vermitteln. Wie vielvergebene glichkeiten!

Jens-F. Dwars, Palmbaum 1/2017






W. Maier 2017. Der Weg zum Menschen


This book presents a coherent view of evolution which is organismal and historical, one that feeds from and respects tradition but looks forward in aiming at providing a documentation of patterns in which scenarios are presented and integration of anatomy, physiology and behavior is attempted. Not bad. It is a peculiar book, because it is in some details and formalities a little outdated, and yet it is quite timely in others. The latter does not come from the topicality of the subjects but because the approach and the historical take on problems are timeless—relevant today and hopefully in the future.

This book is very personal as it is tied to the biography of its author, Wolfgang Maier. W. Maier (b. 1942) was Professor of Systematic Zoology at the University of Tübingen from 1988 until his retirement in 2007, although he is still actively publishing academic research papers (Fig. 1). His previous work had been in Frankfurt, first as PhD student under the direction of the late Dietrich Starck (1908–2001), an anatomist who wielded substantial influence via his textbooks (e.g., Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere) and his students, such as W. Maier. The academic history of W. Maier is recapitulated in a series of essays, and in fact the book presents modified versions of previously original research papers or essays along the career of its author. Many of the chapters are based on talks given in the context of ‘Ringvorlesungen’ at the University of Tübingen, evening lectures for the general public. This book is organized in five sections, with several chapters in each: (1) methodology and science history, (2) phylogeny of animals, (3) origin and diversification of mammals, (4) selected aspect of head morphology, and (5) primatology and anthropology.



Fig. 1. Wolfgang Maier in the ‘Arbeitszimmer’ of the late Dietrich
Starck, where the latter tipped in a typewriter many of the classic
textbooks of the comparative anatomy of the second half of the
twentieth century. Photo by Ingmar Werneburg, Frankfurt 4. May
2017


During the twentieth century, the University of Tübingen was home to a series of influential researchers and teachers, but its importance goes back further back in time (Werneburg 2016). We learn that Tübingen was the first place in Germany in which a Faculty of Mathematics/ Natural Sciences independent of Medical or philosophy faculties was created. The essay on Zoology in Tübingen provides a chronology and overview of who was who and major discoveries or events. Among the remarkable figures was Carl Kielmeyer (1765–1844), who at the beginning of the nineteenth century was highly influential by virtue of his lectures and teaching in anatomy and the natural sciences in general. Kielmeyer published brief statements that predate the ‘biogenetic law’ of recapitulation in ontogeny of phylogeny, later made known in an explicitly evolutionary context by Ernst Haeckel. Some of the historical essays do not concern Tübingen but other places in Germany and abroad, as in the discussions on Carl Gegenbaur’s and Ernst Gaupp’s work, those on Darwin and his time, or those on Morphology and the Evolutionary Synthesis of the mid-twentieth century.

Systematic Zoology in Tübingen during W. Maier’s tenure is not just about those topics covered in this book. It also concerns the work of many researchers, generously hosted by Maier in Tübingen who worked on subjects of their own interest and decision thanks to the resources and intellectual freedom made possible by W. Maier. I was one of those who benefited from this rare situation. Indeed, much like his own advisor Starck, the influence W. Maier has had on future generations is not only a result of his published scholarship, but also reflected among the students who observed and internalized Maier’s comparative ontogenetic approach towards evolutionary biology. Maier’s commitment to anatomical and phylogenetic research resulted in many original bodies of work (e.g., on myoseptal evolution; Gemballa and Britz 1998) and enabled the careers of a number of researchers from Europe and the Americas who were fortunate enough to spend time in Tübingen. The commitment to comparative anatomical work of perinatal stages was in the form of huge investment of resources in a histological collection of mammals. This was in part nvestigated in many Masters and doctoral theses. Many ongoing works profit form this collection and its curation should be secured. During the tenure of W. Maier in Tübingen, the teaching of Gerhard Mickoleit in vertebrate phylogeny, taken over by Erich Weber, could continue for many years, and it is in this time that Mickoleit (2004) published his celebrated work on vertebrate phylogeny: Phylogenetische Systematik der Wirbeltiere (see review by Janvier 2007).

One of the book chapters treats the origin of life (p. 149). Zimmer and Emlen (2016), in arguably the best college-level textbook on evolutionary biology, stated that the origin of life is not part of ‘evolution’. I agree, and I would have left this out. But W. Maier cites Darwin in how evolution does start with the origin of life, and this book is not shy in treating some major topics. Even with only a brief introduction, this book discusses the origin of multicellularity, of major ‘phyla’ at the beginning of the Cambrian, the origin of chordate animals and that of land vertebrates.

Given the breadth of topics covered and the coherent view and presentation, the literature cited is quite comprehensive. But some misses and outdated details are almost unavoidable. For example, the reported total number of species of monotremes, marsupials and placentals as currently recognized even in conservatives estimates is outdated (p. 341) as even the standard work (Wilson and Reeder 2005) reported a total of 5416 species thus many more than stated in the book.

Chapter 11 concerns the nature of bone, cartilage, tendons and muscle. This is fundamental knowledge effectively summarized. This short chapter feeds mostly from historical and more recent works in the literature in German, as in Kummer (1985) on ‘Kausale Histogenese’. Those looking for a more detailed overview of skeletal tissues could check the notable book of Hall (2015). The subject of brain changes associated with mammalian evolution and those of cranio-sensory organs on skull architecture are treated in integrated fashion with other subjects. Studies of brain size continue to flourish in recent times (e.g., Weisbecker and Goswami 2010), but here the aim was not to provide an updated overview but to present some basic anatomical facts in their phylogenetic and functional context.

The evolution of the hyobranchial apparatus of gnathostomes is discussed in a general and effective way (p. 313). Diapsids are more derived than synapsids when compared to the last common ancestor of Amniota, and this is nicely illustrated in a figure of great didactic value. The most valuable chapters are those in which the author himself has made original contributions, and in my biased opinion I would say these are those concerning the developmental head anatomy of mammals. Much of the work involves sophisticated considerations of the anatomy of early synapsids integrated with ontogeny-informed data on extant taxa, covering monotremes, marsupials and placentals. The attempt to integrate an understanding of function of the structures at major evolutionary transitions is impressive. This kind of work has a very Germanic flair and American authors would be reminded of works of Fuzz Crompton or Farish Jenkins as comparable in scope and importance.

Among the prominent topics on mammals is the origin of their middle ear configuration, the secondary palate, the akinetic nature of the skull, and of the lateral side wall of the skull. Careful reading of the essays on mammalian anatomy provide valuable ideas for projects and research areas—as in the investigation of the mimic musculature (p. 324) or of the kinetic nature of the mammalian skull in some point of ontogeny (p. 316).
The book contains some original figures that will be appreciated by chondrocranium aficionados—as for example that of the ‘mouse–deer’ Tragulus javanicus (p. 287), or the nasal cartilages of Erinaceus, Talpa and the tenrec Setifer as outgroup (p. 327). The illustration of a cross section in which a mesethmoid is labeled (p. 275) will not escape those of us aware of the controversy on the presence of this bone across mammals (Sánchez-Villagra and Forasiepi 2017).

Like some other chapters, those on primate and human evolution enjoy a holistic and organismic take on the subject, but are outdated in some details (Lordkipanidze et al. 2013); so their reading can be recommended always together with some more recent reviews (Lieberman 2011; Stringer 2013).

Like much of W. Maier’s work, this book will appeal to vertebrate paleontologists. This is because the groups for which the book is strongest—lineages of amniotes—have a fossil record including stem forms that document evolutionary transitions and acquisition of traits. Several works of W. Maier have been contributions in reviewing the soft tissue structures associated with osteological features, solving some homology questions and providing functional and ecological scenarios of change.

The title of the book ‘Der Weg zum Menschen’ (‘The path to humanity’) could be wrongly interpreted as teleological and old-fashioned, in placing humans as the end or in focus—as opposed to one of many branches of the tree of life. Actually, it well reflects the author’s biography, as the driver of his dedication to science was understanding our own species. His doctoral thesis was on the musculature of some Old World monkeys, and it is revealing that in a book concerning anatomy, this particular subject is missing. In these days of specialization and focus, a PhD subject often becomes the focus of an entire career, but not in the case of W. Maier.

At the end, in a concise but rich way, the author presents an autobiographical essay on his academic career. I most enjoyed the rather dry prose in this, as the subtle humor is nevertheless there and I appreciated the lack of self-aggrandissement or what one could call in German ‘pathetische Selbstbetrachtung’—perhaps roughly translated as ‘lofty navel gazing’. I worked 5 years in Tübingen as ‘Wissenschaftlicher Assistent’ for W. Maier. My position was not equivalent to anything in the anglo-saxon system, as it was some kind of super-postdoc/junior lecturer position while obtaining further qualifications after the PhD. Lost in translation—like much in this book were it in English. At 20 Euros this 551 pages book is a bargain. Ingmar Werneburg, the publisher, is to be congratulated for this effort.

References

Gemballa, S., & Britz, R. (1998). Homology of intermuscular bones in acanthomorph fishes. American Museum Novitates (3241):1–25.
Hall, B. (2015). Bones and cartilage (2nd ed.). New York: Academic Press.
Janvier, P. (2007). Phylogenetische Systematik der Wirbeltiere. The Systematist, 28, 14–17.
Kummer, B. (1985). Kausale Histogenese der Gewebe des Bewegungsapparates und funktionelle Anpassung. In J. Staubesand (Ed.), Benninghoff Anatomie (Vol. 14, pp. 185–199). München: Urban and Schwarzenberg. Lieberman, D. E. (2011). Evolution of the human head. Cambridge: Harvard University Press.
Lordkipanidze, D., Ponce de Leo´n, M. S., Margvelashvili, A., Rak, Y., Rightmire, G. P., Vekua, A., et al. (2013). A complete skull from Dmanisi, Georgia, and the evolutionary biology of early Homo. Science, 342, 326–331.
Mickoleit, G. (2004). Phylogenetische Systematik der Wirbeltiere (p. 671). Munich: Pfeil Verlag.
Sánchez-Villagra, M.R. and Forasiepi, A. M. (2017). On the development of the chondrocranium and the histological anatomy of the head in perinatal stages of marsupial mammals. Zoological Letters, 3(1). doi:10.1186/s40851-017-0062-y.
Starck, D. (1979–1982). Vergleichende Anatomie der Wirbeltiere auf evolutionsbiologischer Grundlage, Band 1–3. Springer Verlag.
Stringer, C. (2013). Lone survivors: how we came to be the only humans on Earth. London: Griffin.
Weisbecker, V., & Goswami, A. (2010). Brain size, life history, and metabolism at the marsupial/placental dichotomy. Proceedings of the National Academy of Sciences USA, 107, 16216–16221.
Werneburg, I. (2016). Die Pala¨ontologische Sammlung. In E. Seidl (Ed.), Museen ? Sammlungen der Universita¨t (Vol. 14, pp. 92–97). Tübingen: Schriften des Museums der Universita¨t, MUT.
Wilson, D. E., & Reeder, D. A. M. (Eds.). (2005). Mammal species of the world. A taxonomic and geographic reference (3rd ed.). Baltimore: Johns Hopkins University Press.
Zimmer, C., & Emlen, D. J. (2016). Evolution. Making sense of life (p. 752). New York: MacMillan.


Marcelo R. Sánchez-Villagra (2017). Book Review: W. Maier 2017 Der Weg zum Menschen. Ausgewählte Schriften zur Evolutionsbiologie der Wirbeltiere. Scidinge Hall Tübingen 2017, 549 Pages. Swiss Journal of Palaeontology





»Epochale Gewalttäter«
Helmut Roewer über Kriegstreiber im letzten Weltkrieg




Im vorigen Jahr legte Helmut Roewer, der früher unter anderem als Panzeroffizier, Jurist und Präsident des Thüringischen Landesamtes für Verfassungsschutz tätig war, den ersten Band seiner Trilogie „Unterwegs zur Weltherrschaft“ vor. Darin erklärte er schlüssig und auf der Basis zahlreicher zeitgenössischer Quellen, „warum England den Ersten Weltkrieg auslöste und Amerika ihn gewann“. Dem folgt nun die Fortsetzung mit dem Untertitel „Warum eine anglo-amerikanische Allianz Deutschland zum zweiten Mal angriff und die Rote Armee in Berlin einmarschierte.“
Dabei schildert Roewer eingangs die intensiven Bemühungen Roosevelts und Churchills, das politische Chaos in den Griff zu bekommen, das durch den von alliierter Seite oktroyierten Vertrag von Versailles entstanden war.
In diesem Zusammenhang zeigt er auch, mit welchen Mitteln die Geld- und Machteliten, die hinter den beiden westlichen Galionsfiguren standen, ihr machiavellistisches Tun verschleierten. Außerdem sensibilisiert er seine Leserschaft, was die angeblich so aussagekräftigen „Schlüsseldokumente“ über die Welteroberungspläne der deutschen Seite betrifft. So verweist er auf den höchst seltsamen Umstand, dass die Papiersorten bei gewissen, historisch bedeutsamen Schriftstücken, wie denen im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin, manchmal auf ganz wundersame Weise wechseln. Dazu kommen die bereits aufgeflogenen Fälschungen seitens der sowjetischen Seite im Vorfeld der Nürnberger Prozesse, die aber von einigen zeitgeisthörigen Historikern nach wie vor auf völlig unkritische Weise rezipiert werden.
Ansonsten charakterisiert Roewer aber nicht nur Roosevelt und Churchill sowie Stalin als „epochale Gewalttäter“, sondern auch Hitler. Das heißt, sein Buch stellt definitiv „keine NS-Entschuldigungs- oder Apologeten-Schrift“ dar, wie er eingangs gleich selbst explizit feststellt, um jedweder diesbezüglichen Unterstellung schon im Ansatz entgegenzuwirken. Für Roewer ist Hitler durchaus ein Verbrecher, der den anderen drei Protagonisten ein höchst fatales und „ekelerregendes Geschenk“ gemacht habe, als er den Holocaust in Gang setzte. Denn damit gab er dem Hauptkriegstreiber und fanatischen Weltherrschaftsaspiranten Roosevelt die willkommene Gelegenheit, Deutschland als „Schurkenstaat“ hinzustellen, um so seinem strategischen Ziel näherzukommen, welches lautete: „Die Vernichtung der deutschen Kontinentalmacht und das Vorantreiben des amerikanischen Internationalismus durch die Zerschlagung des britischen Empire.“
Allerdings machte der US-Präsident dabei die Rechnung ohne den Wirt, nämlich Moskau. Eigentlich wollte Roosevelt ja in altbewährter US-Manier andere für sich kämpfen lassen, um dann die Früchte zu ernten, wenn die „Verbündeten“ ausgeblutet am Boden lagen. Doch Russland war eben nicht Großbritannien: Im Gegensatz zum Empire erstarkte der russische Bär nach einer anfänglichen Phase der Panik und Schwäche, weshalb am Ende die „Aufteilung der Welt“ zwischen der UdSSR und den USA nötig wurde, welche Amerika bis heute Probleme bereitet. In der Endphase seines Lebens hat Roosevelt also erkennen müssen, dass der große Plan nicht aufgegangen war, womit die Situation nun ähnlich ausfiel wie nach dem Ersten Weltkrieg. Nur, dass eben jetzt mit Moskau ein völlig neues weltpolitisches Machtzentrum existierte.
Der zweite Band von „Unterwegs zur Weltherrschaft“ ist inhaltlich genauso bemerkenswert wie sein Vorgänger. Darüber hinaus besticht der flüssige Stil, der dem Werk trotz aller Wissenschaftlichkeit zu eigen ist. Wie solide Roewer gearbeitet hat und wie gut belegt jede seiner Aussagen daherkommt, zeigen die 900 Anmerkungen, welche es eventuellen Kritikern schwer machen dürften, die Aussagen des Buches ernsthaft in Zweifel zu ziehen. Ansonsten bestechen auch die sarkastischen Passagen, die typisch für den früheren Verfassungsschützer sind: Er weiß, wie man Sachverhalte andeutet und dem Leser dann das Vergnügen des Mitdenkens und Mitlächelns lässt. So kann der zeitgeschichtlich Interessierte nun auf den dritten und letzten Teil der Reihe über die Zeit ab 1945 beziehungsweise den Kalten Krieg gespannt sein, der bei Roewers stupender Produktivität sicher nicht lange auf sich warten lassen wird.

Helmut Roewer: „Unterwegs zur Weltherrschaft. Band 2: 1918–1945. Warum eine anglo-amerikanische Allianz Deutschland zum zweiten Mal angriff und die Rote Armee in Berlin einmarschierte“, Scidinge Hall Verlag, Tübingen 2017, broschiert, 398 Seiten, 24,95 Euro

Wolfgang Kaufmann, Preußische Allgemeine Zeitung Nr. 30, 28.7.2017, S. 22