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Die Gesundheitsfalle: Gesundheit ist ohne Leiden nicht zu haben

Mündige Bürger und mündige Ärzte sollten ein "Bündnis gegen die Gesundheitsfalle" schließen / Von Klaus Dörner

 

Eigentlich ist das doch klar: Noch nie hat ein Mensch freiwillig, ohne Not, ohne dass ihm etwas Schmerzliches, Ärgerliches widerfahren wäre, etwas für ihn Wesentliches gelernt, sein Leben verändert, sich etwas Neuem und damit Fremdem ausgesetzt. Natürlich kann dabei jedes Leiden so stark und destruktiv werden, dass es der Anerkennung als Krankheit bedarf, die mir entweder durch Therapie ausgetrieben wird oder mit der zu leben ich lernen muss. Heute ist es aber schwer, bei dem großen Geschäft der "Enteignung der Gesundheit" nicht mitzumachen, mich nicht aus einem Gesunden in einen therapiebedürftigen Kranken umwandeln zu lassen.

Dazu ein Selbstversuch, den jeder wiederholen sollte: Ich habe aus zwei Zeitungen zwei Jahre lang alle Berichte über wissenschaftliche Untersuchungen zur Häufigkeit behandlungsbedürftiger psychischer Störungen gesammelt, etwa Angst, Depression, Essstörung, Schmerzen, Süchte, Schlaflosigkeit oder Traumata. Danach habe ich die für jede Störung ermittelten Prozentzahlen addiert: Ich kam auf 210 Prozent. Jeder Bundesbürger wäre also wegen mehr als zwei psychischen Störungen therapiebedürftig! Die von den bekanntesten Forschungsinstituten stammenden Studien intendierten bei dem Leser in der Regel zunächst ein Erschrecken über den hohen Prozentsatz der jeweiligen Einzelstörung, um ihn dann wieder zu entlasten, weil es heute doch dagegen die zauberhaftesten Heilmethoden gäbe, fast immer in der Kombination von Psychopharmaka und Psychotherapie, damit auch jeder davon profitieren kann.

Deprimierend und befreiend

Was soll man dazu sagen? Zunächst besteht die Gemeinheit dieser Befunde darin, dass man davon ausgehen kann, dass in jeder Untersuchungsgruppe sich auch einzelne Bürger befinden, für die die Therapiebedürftigkeit voll und ganz zutrifft, und ich kann nicht sicher sein, nicht zu diesen zu gehören. Denn dass man die zu Grunde gelegten Auswahlkriterien auch auf solche Bürger ausgedehnt hat, die gar nicht so therapiebedürftig sein können, dieser Unsinn ergibt sich erst aus der Addition. Das Gesamtergebnis, von dem man ja sicher sein kann, dass es so beim besten Willen nicht stimmen kann, ist deprimierend und befreiend. Deprimierend, weil man jetzt weiß, dass es kaum wertneutrale, von ökonomischen Interessen unabhängige Forscher gibt, dass der Therapiebetrieb sinnlos und menschenschädigend aufgebläht ist, und weil man jetzt weiß, wie die Enteignung der Gesundheit, die "Kolonisierung der Lebenswelt" der Bürger funktioniert. Aber ebenso befreiend, weil ich mich nun auch als Laie mit guten Gründen über die einschüchternde Seriosität von Wissenschaftsbefunden wie von Therapieangeboten lustig machen darf. Zwar darf ich nie das Kind mit dem Bade ausschütten, doch habe ich jetzt ein gutes Stück gesunder Skepsis, Unabhängigkeit und Wahlfreiheit wiedergewonnen, bin für ein "Bündnis gegen die Gesundheitsfalle" bündnisfähig, egal, ob ich Bürger oder Arzt bin. Nebenbei bemerkt: Hören wir nicht immer wieder von einem Kostenproblem in der Medizin? (. . .)

Um die Fallensteller leichter und besser zu erkennen und um uns von ihren Gesundheitsfallen, die inzwischen unseren Weg auf Schritt und Tritt säumen, besser fernhalten zu können, will ich im Folgenden einige von ihnen exemplarisch beschreiben:

1.In den letzten Jahrzehnten ist die Wirksamkeit schmerztherapeutischer Verfahren dramatisch gesteigert worden. Es gibt kaum noch einen Schmerzzustand, dem nicht angemessen begegnet werden kann. Im selben Maße hat sich jedoch die Zahl der Schmerzkranken nicht etwa verringert, sondern im Gegenteil geradezu inflationär vergrößert. Wie ist das möglich? Unabhängig davon, dass beispielsweise mancher Krebskranke auch heute noch frühzeitiger und großzügiger auf Morphinpräparate eingestellt werden müsste, hängt dieses Paradoxon etwa damit zusammen, dass gerade die Therapieerfolge die Erwartung und den Rechtsanspruch auf Herstellbarkeit von Schmerz- beziehungsweise Leidensfreiheit auslösen. Deshalb werden Schmerzen schon bei immer geringerer Intensität nicht mehr als gesund, als normale Befindlichkeitsstörung oder als schicksalhaft erlebt, sondern als immer unerträglicher. (. . .) Damit werden die Schmerzempfindungen - eine völlig normale Sinnestätigkeit - nicht mehr als positiv wichtige Signale für Gefahren oder auch nur als Widerstände im Rahmen einer gesunden Lebensführung gewertet, sondern nach der "Ethik des Heilens" als Krankhaftes und damit von Experten chemisch oder psychisch Wegzumachendes aus dem eigenen Kompetenzbereich ausgegrenzt. Während bisher der eigene Umgang mit Störung, Schmerz oder Leiden auch Quelle einer kreativen Leistung sein konnte, tritt dies jetzt zurück zu Gunsten des fiktiven Ideals einer nur noch selbstbezogenen, unendlich steigerungsfähigen Gesundheit als unendlich steigerungsfähige Schmerz- und Leidensfreiheit. All dies wird nun noch dadurch potenziert, dass Diagnostik und Therapie des Schmerzes zu einer eigenständigen medizinischen Fachdisziplin institutionalisiert werden und damit Eigeninteresse gewinnen.


2.Auf ähnliche Weise und mit ähnlich katastrophalen Folgen wird das Terrain des Gesunden auch auf dem Gebiet anderer Störungen fortlaufend verkleinert, das Terrain des Krankhaften also künstlich aufgebläht. Das gilt etwa für den Umgang mit Schlafstörungen, Essstörungen, Angst und Aufmerksamkeitsstörungen (bei Kindern), aber auch für unerwünschte Kinderlosigkeit oder bestimmte Schönheitsmängel.

3.Der klinische Pharmakologe Frank P. Meyer fragt sich: "Warum werden gesunde Menschen durch unbiologische und unphysiologische Grenzwerte (Blutdruck, Lipide) in die Nähe von Krankheit und Therapiebedürftigkeit gerückt?" Er weist diesen auch durch die Interessen der Industrie bedingten Missbrauch von Patienten nach, etwa für Hochdruckkranke, aber auch für die Hormonbehandlung in der Menopause und für die Behandlung der Altersdementen mit Antidementiva, die zum Teil zwar nicht ganz unwirksam sind, jedoch so wenig wirksam, dass man von einer Wirkung so recht nicht sprechen kann. Hinsichtlich dieses wie auch anderer Felder spricht er von einer "Übertherapie". Die mangelnde Zusammenarbeit der Patienten mit den Ärzten (Non-Compliance) als beliebte Erklärung der Ärzte für therapeutische Erfolglosigkeit wendet er gegen die Ärzte selbst, da hier in Wirklichkeit häufig mangelnde Zusammenarbeit der Ärzte mit dem Patienten vorliegt. So formuliert er als anstehendes Lernprogramm: "Werden es die Ärzte zu Beginn des 3. Jahrtausends lernen, persönliche Erfahrungen mit wissenschaftlichen Erfahrungen zu verknüpfen, um ihre Patienten rational und individuell behandeln zu können?"

4.Genauso gibt es aber auch eine "Überdiagnostik": Denn die Anzahl der an einem Patienten vorgenommenen Untersuchungen entscheidet über die Wahrscheinlichkeit, ob er zum Schluss eine Diagnose haben wird, also ob er zu den Gesunden oder zu den Kranken zu rechnen ist. In diesem Bereich eröffnen die fahrlässigerweise immer noch nicht gesetzlich geregelten prädiktiven Gentests eine neue Dimension: Sie bescheren uns eine bislang noch nicht existierende Bevölkerungsgruppe, nämlich die der "Noch-nicht-Kranken", denen man mit einer so verordneten Existenz, gleichsam auf einer Zeitbombe lebend, ihr gesundes "selbstvergessenes Weggegebensein" wohl erfolgreich ausgetrieben haben dürfte.

5.Während der Moderne (seit 1800) bestand in der Arbeitswelt bei Vollbeschäftigung eine "gesunde Mischung" von leistungsmäßig Stärkeren und Schwächeren im Sinne der Normalverteilung. Dieses Verhältnis wird spätestens seit 1980 durch eine wettbewerbsbedingte gnadenlose "Entmischung" ersetzt. Im Arbeitsbereich entstand eine Monokultur der Leistungsstärkeren, während die Langzeitarbeitslosen zunehmend eine Monokultur der Leistungsschwächeren darstellten. Aber die Gesundheit wird zunehmend beiden Monokulturen ausgetrieben, den Stärkeren, weil sie zu viel, den Schwächeren, weil sie zu wenig zu tun haben . (. . .)

6.Dieses Entmischungsprinzip hatte aber schon im 19. Jahrhundert gesundheitsschädigende Auswirkungen für alle Beteiligten. Um nämlich alle Erwerbsfähigen aus den Familien der durch die Industrialisierung zum ersten Mal möglich werdenden Vollbeschäftigung zuführen zu können, mussten sie von der Sorge für die sorgebedürftigen Familienmitglieder befreit, ent-sorgt werden. So entstanden flächendeckende Netze sozialer Institutionen für Sieche, geistig Behinderte, Körperbehinderte, psychisch Kranke und Altersverwirrte. So unsichtbar gemacht, gehörten die Sorgebedürftigen und die Verantwortung für sie nicht mehr zu der als gesund empfundenen normalen Lebenswelt. Das führte zu einer Entwertung der institutionalisierten Bürger auf der einen Seite und der Instanzen der bisherigen Sozialgesellschaft (Familie, Nachbarschaft, Kommune) auf der anderen Seite.


7.Ähnlich verhält es sich mit den Alten und Altersverwirrten. Diese haben sich dank des medizinischen Fortschritts zwar erst im 20. Jahrhundert zu einer nennenswerten Bevölkerungsgruppe vervielfacht, manche sagen epidemisch inflationiert, was uns emotional und finanziell überfordere. Für unseren jetzigen Zusammenhang ist es aber wichtiger, dass man noch um 1900 aus dem Krankenhaus zum Sterben nach Hause ging, während man heute in der Regel im Krankenhaus oder im Heim stirbt. Da man zudem in jetzigen Zeiten nicht mehr in jedem Lebensalter gleich wahrscheinlich, sondern fast nur noch im Alter stirbt, gilt auch hier: Sterben und Tod sind institutionell unsichtbar geworden, gehören nicht mehr zur als normal und gesund erfahrenen Lebenswelt. Dadurch konnte mangels sinnlicher, pathischer Anschauung die Angst vor dem Sterben und dem Tod irreal zunehmen - mit allen fatalen Folgen für die Gesundheit, wie etwa dem Wunsch nach aktiver Sterbehilfe oder der mangelhaften Fähigkeit der Bürger, ihr Leben von ihrem Tod, von ihrer Endlichkeit her zu begreifen und sich selbstvergessen wegzugeben: "Wer leben will, ohne zu sterben, wird sterben, ohne gelebt zu haben."

8.Aber auch der andere, noch größere, reale medizinische Fortschrittserfolg, nämlich die therapeutische Beherrschbarkeit vieler Akuterkrankungen, hat das Terrain des Gesunden mehr verkleinert als vergrößert. Denn viele von denen, die früher gestorben wären, leben heute weiter, jedoch oft in der ebenfalls erst im 20. Jahrhundert mengenmäßig neuen menschlichen Seinsweise des Chronisch-Krankseins, Tendenz steigend, sodass chronisch Kranke bald den ärztlichen Normalfall darstellen, ohne dass die Medizin schon die dafür angemessene Einstellung gefunden hätte.


9.Seit Rechtsanwälte, Psychologen, Pädagogen, Sozialarbeiter von der gesetzlichen Betreuung (vormals Vormundschaft) leben können, hat sich in zehn Jahren die Zahl der Betreuten auf etwa eine Million mehr als verdoppelt. Der entsprechende Berufsverband will natürlich weiter expandieren, hält daher sechs Millionen Bundesbürger für betreuungsbedürftig. Ist es dann verwunderlich, dass man von der vornehmsten gesetzlichen Aufgabe der Betreuer, nämlich Betreuungen überflüssig zu machen und eine gesunde Autonomie zu fördern, kaum etwas hört?

10. Die zunehmende Überantwortung der Gesundheit an die Wirtschaft zwingt zur Erschließung immer neuer Märkte. Das Ziel muss letztlich die Umwandlung aller Gesunden in Kranke sein, also in Menschen, die sich möglichst lebenslang sowohl chemisch-physikalisch als auch psychisch für behandlungsbedürftig halten, um "gesund leben" zu können. Das gelingt im Bereich der körperlichen Erkrankungen schon recht gut, im Bereich der psychischen Störungen aber noch besser. Denn hier gibt es keinen Mangel an Theorien, nach denen fast alle nichtgesund sind, vor allem, wenn das "vollständige Wohlbefinden" fehlt. Das zeigt einmal mehr, wie fragwürdig die analoge Übertragung des Krankheitsbegriffs vom Körperlichen auf das Psychische ist. Wo partout keine Bedürfnisse sind, muss man solche künstlich herstellen, was mit entsprechenden Werbestrategien auch gelingt ("An ill for every pill"). (...)

Wissenschaftliche Köder

Bei alledem suchen die Gesundheitsfallensteller besonders gern mit wissenschaftlichen Top-down-Ködern zu überzeugen, indem sie vom Menschbild des Homo oeconomicus ausgehen, das heißt von Vorgaben theoretischer, planerischer oder wirtschaftlicher Rationalität aus den größten Nutzen für die größte Zahl versprechen. So wird über Empfehlungen von Experten etwas Gesundes als in Wirklichkeit Krankhaftes und daher Besserungsfähiges entlarvt, oder es wird von der Steigerungsfähigkeit alles Gesunden ausgegangen.

Die Bottom-up-Gegenkontrolle, die von der individuellen Erfahrung ausgeht, wird dagegen eher als unwissenschaftlich abgetan. So kann etwa eine wissenschaftliche oder industrielle Innovation höchst segensreich bei einer schweren Ausprägung einer Erkrankung sein; sie wird aber des größeren Marktes wegen auch bei geringerer Intensität derselben Krankheit angewandt, obwohl dies eigentlich nicht indiziert wäre.(...)

Oder man macht ein knappes Gut so attraktiv, dass man stillschweigend davon ausgeht, dass besser informierte, gesprächsfähigere oder kaufkräftigere Patienten es eher ausprobieren wollen, auch wenn sie es nicht brauchen. Dass die Morbidität und Mortalität bei fast allen ernsthaften Erkrankungen auch heute noch in den unteren sozialen Schichten höher ist, weckt dagegen kein wirkliches Interesse. Und unter dem künstlichen, aus biopolitischen Interessen konstruierten Begriff der "Lebenswissenschaften" hat man, unter Ausgrenzung der hier störenden "alten" Humanwissenschaften, all die Bestrebungen zusammengefasst, die die "natürlichen" Grenzen des Menschen sprengen und seine Gesundheit für grenzenlos verbesserungsfähig halten wollen.

Das "Bündnis gegen die Gesundheitsfalle" hat es also nicht leicht. Ärzte und Bürger sind jetzt aber vielleicht ein wenig aufgeklärt, also mündiger, und wissen besser, wie die gefährlichsten Fallen zu erkennen sind.


Das Buch
Klaus Dörner: Die Gesundheitsfalle. Woran unsere Medizin krankt. Zwölf Thesen zu ihrer Heilung. München: Econ Verlag 2003, 200 S., gebundene Ausgabe, 18 Euro, ISBN 3-430-12241-4. Der Autor geht darin der Frage nach, ob mehr medizinische Leistung statt mehr Gesunde nicht mehr Kranke hervorbringt, weil alles Gesunde in Krankes und damit Behandlungs- bedürftiges verwandelt wird. Denn Ärtzeverbände und Pharmaindustrie predigen eine Heilkunst, die keine gesunden Menschen mehr kennt. Das hier gekürzt dokumentierte Kapitel ist dem Band entnommen. (ber)

Der Autor
Prof. Dr. Klaus Dörner, geboren am 22. November 1933, leitete von 1980 bis 1996 die Westfälische Klinik für Psychiatrie in Gütersloh, lehrte Psychiatrie an der Universität Witten-Herdecke und ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie. Seit den 60er Jahren schon kämpfte er für eine Psychiatriereform. Der Arzt und Historiker hat zahlreiche Bücher zur Geschichte der Psychiatrie und zur Medizinethik geschrieben. Er lebt in Hamburg.

Quelle: Frankfurter Rundschau vom 6.12.2003

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