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Reinhard Brandt

Der unsichtbare Vierte

Warum der Geist nicht in den Hirnzellen residiert




„Ick bün all da“, ruft der Igel dem Hasen zu, der rennt und rennt und am Ende immer auf den Igel trifft, der ihm zuvorkam. So sieht die neue Hirnforschung das Verhältnis zwischen Geist und den Zellen und ihren Synapsen im Gehirn: Der Geist rennt und rennt, und die Hirnzellen können genüsslich ausrufen: „Wie sünd all da!“ Mit ihren raffinierten Horchgeräten und Kernspintomographen hören die Forscher das homerische Gelächter der Zellen über den verwirrten Geist und den Willen der Menschen, die sich frei und selbständig dünken und doch nur ausführen, was im grauen Netzwerk der Zellen zuvor festgelegt wurde. Der Geist gleicht der Fliege, die auf einem Wagenrad sitzt und sich einbildet, das Rad zu bewegen.

Was will man da noch sagen? Den hochmütigen Fliegen und dem kurzsichtigen Hasen zu Hilfe eilen? Die Freiheit gegen Max-Planck-Direktoren verteidigen? Mit dem Fuß aufstampfen und zeigen, dass man verdammt noch mal frei ist, nach rechts gehen kann und nach links, ganz wie man will und wie niemand vorhersagt? Wer die Freiheit verteidigt, endet sowieso meist kleinlaut mit dem Satz: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“ (man lese Chrysipp, Spinoza, Fichte), es musste so kommen.

Und das Gefühl der Freiheit, das unweigerlich unsere Entschlüsse und die ihnen folgenden Handlungen begleitet, auch dieses unvermeidliche Gefühl ist wohl nichts anderes als eine Illusion, die aus der Retrospektive auch meist verschwindet: Man hätte damals eben doch nicht anders handeln können. Das Freiheitsgefühl scheint nur der blinde Fleck im Auge zu sein, der uns die determinierenden Ursachen nicht sehen lässt. Im übrigen verhalten wir uns grundsätzlich so, dass wir nicht an die Freiheit der Menschen glauben: Wenn das freie Wahlvolk anders stimmt oder der freie Nachbar anders handelt als erwartet, fragen wir nach den Ursachen und Motiven wie beim Ausfall von Gas und Strom oder beim auffälligen Verhalten von Hunden und Katzen. Du hättest anders handeln können, das sagen wir bevorzugt, wenn es um Schuldzuweisung geht, aber sonst sind wir „Deterministen“: Von dem war nichts anderes zu erwarten; Sokrates lügt eben nicht, der kann nicht anders.

Dass wir unseren Alltag mit Täuschungen und Illusionen verbringen, lässt sich auch in anderen Kontexten zeigen. Wir meinen, dass wir sehen können, dass die Sonne kleiner ist als die Erde und genauso groß wie der Mond. Aber schon die antike Astronomie belehrte die Menschen, dass die Sonne im Zentrum des Planetensystems steht und wesentlich größer ist als Erde und Mond zusammen. Also lässt sich mit Illusionen ganz gut leben. Der Wissenschaftler deckt sie auf, ohne sie aufzuheben, und er wird in Kürze, so meint der Neurologe, auch erklären, wie die wissenschaftlich nicht haltbaren Illusionen in den vernetzten Zellen des Gehirns erzeugt und dem Geist, ihrem Schatten, übermittelt werden. Mit der Freiheit haben wir, so scheint es, schwache Karten gegen den Hirnforscher, der über Schuld und Unschuld Bescheid weiß, optimistisch in die Zukunft blickt und immer neue Drittmittel einfährt.

Aber es gibt eine Schwäche, mit der der Wissenschaftler nicht rechnet. Kehren wir zu dem Igel, dem Hasen und dem Neurologen zurück. Außer den Dreien gibt es einen Vierten, den wir bisher nicht in Betracht gezogen haben, weil er in der „Ick bün all da“-Geschichte und im Institut des Wissenschaftlers nicht vorkommt, weder als höriger Proband noch als freier Forscher. Der Vierte sind wir, die über die drei reflektieren und dabei seltsame weitere Illusionen entdecken, deren Opfer nun nicht der Hase ist, sondern der Forscher selbst.

Hase oder Kaninchen?

Was sahen die Menschen vor dem antiken Kopernikus und nach ihm und der vorgeblich kopernikanischen Wende? Sie sahen und sehen immer dasselbe, ein intensives Helles in runder Form und stetiger Bewegung im Sehfeld, nicht weniger und nicht mehr – die Sonne kann man nicht sehen, sondern nur erkennen nach Mythen und Theorien, die richtig oder falsch sind. Wir können weder Türen noch Telefone, weder Sonnen noch Monde sehen, sondern nur aufgrund von sinnlichen Informationen und begrifflichen Konzepten erschließen und erkennen.

Wir sehen Optisches, wir hören Akustisches, wir ertasten Haptisches – aber was das jeweils für Dinge sind, die wir da sehen, hören und ertasten, darüber können uns die Sinne nicht belehren. Wir meinen, wir würden einen im Wasser gebrochenen Stab sehen, der dann doch gerade ist. Aber das ist eine Illusion des Skeptikers: Was wir richtig sehen, ist eine graue gebrochene breitere Linie; dass es ein Stab ist, dazu schweigt der Sehsinn, denn von Stäben weiß er nichts. Was ein Stab ist, sagt uns der Verstand.

Blickt der Neurologe ins Feld, so sieht er keinen Igel und keinen Hasen, sondern bestimmte Formen und Farben und Bewegungen, die er, ein igel- und hasengewohnter Abendländer, richtig erkennt. Vielleicht hielt er den Hasen zuerst für ein Kaninchen und ließ sich durch einen Spezialisten, etwa einen Jäger, dankbar korrigieren: Sehen lässt sich nicht, was ein Hase und was ein Kaninchen ist. Im Labor sieht er etwas Graues, das sich weich und feucht anfühlt und stumm ist; als wissenschaftlicher Spezialist erkennt er dieses Etwas als Gehirn.

Mit seinen Apparaten identifiziert er Synapsen und Zellen, immer im Zusammenspiel von Sinnesinformationen und hochspezialisierten Erkenntnisleistungen. Seine Berichte über die Ergebnisse verzerren, aber sie vereinfachen auch die Situation durch die Benutzung der schon genannten Illusion. Der Neurologe tut so, als könnte er die Zellen als Zellen und die Vernetzungen als Vernetzungen sehen – davon kann zwar die Rede sein, der Sache nach ist diese Redeform jedoch unhaltbar: Zellen und Vernetzungen kann man so wenig sehen wie Telefone und Computer, Stäbe, Sonnen und Monde.

Hier könnte der Hirnphysiologe immer noch zustimmen, aber das eigentliche Problem kommt noch.

Bei der Beschreibung des Gehirns und seiner Prozesse, bei der Erklärung der Zellen und ihrer Vernetzungen benutzt der Neurologe ein höchst seltsames Vokabular. Er sagt etwa: „Alles Wissen, über das ein Gehirn verfügt, residiert in seiner funktionellen Architektur, in der spezifischen Verschaltung der vielen Milliarden Nervenzellen“. Der Laie weicht hier natürlich kilometerweit in Ehrfurcht schon vor den vielen Milliarden Zellen zurück, nicht aber wir, die Näheres wissen möchten über das Wissen und die Wissenschaft des Gehirns. Da verfügt ein Gehirn über Wissen, oder Wissenschaft?

Das Wissen oder vielleicht auch die Wissenschaft residiert doch wohl in einer Residenz, die es aber nicht gibt, weil das Gehirn sich dezentralisiert hat und seine Prioritäten pluralistisch trifft. Lassen wir die Frage nach den zeitadäquaten und politisch korrekten Metaphern beiseite, die nicht ernsthaft stören sollten. Was uns in der Sache interessiert, ist die alte Frage, die schon an die naiven Materialisten gerichtet wurde: Wie kommen die ahnungslosen nackten Atome dazu, bestimmte identische oder verschiedene Formen zu haben? Wie kommen sie zur Bildung von gleichartiger Masse?

Atome können, so die reflektierte Gegenposition, allein und gemeinsam nur sein und nur erkannt werden, wenn sie an Formen partizipieren, die ideeller Natur sind; das Eine und Viele, das Selbe und das Verschiedene, das Gerade und Ungerade und alle geometrischen Formen liegen der Sache nach aller Möglichkeit der Atome, der Moleküle und der Zellen und ihrer Interaktion zugrunde.

Wer allein kann Nein sagen?

Später wurde an dieser Stelle das transzendentale, formen- und gesetzgebende Subjekt eingeführt. Nur so oder ähnlich lässt sich aus der Perspektive des Vierten von Gegenständen in der Natur und ihrer Verknüpfung sprechen. Etwas Ideelles oder Geistiges stiftet die genannten Bedingungen der Seins- und der Erkenntnismöglichkeit der Dinge, die man empirisch post festum vorfindet. So erst ist Objektivität möglich.

Und noch ein weiterer Punkt, der der so ermöglichten Natur (auch des Gehirns der Tiere und Menschen) einerseits und der Erkenntnis andererseits markiert: Jede mitteilbare wahre oder falsche Erkenntnis setzt sich aus Urteilen zusammen wie zum Beispiel „Alles Wissen, über das ein Gehirn verfügt, residiert in seiner funktionellen Architektur“. Ein Urteil ist im einfachsten Fall die Einheits-Verknüpfung von Subjekt und Prädikat, wobei diese Verknüpfung notwendig entweder bejahend oder verneinend ist (hier also: „Nicht alles Wissen“, oder „residiert nicht in seiner Architektur“).

Die gegen die Vorstellung vom Primat der Materie oder des Gehirns gegenüber dem Geist gerichtete These lautet: In keiner Gehirnzelle und in keiner Synapse hat man und wird man das Äquivalent eines Urteils, besonders keine Verneinung entdecken. Wer je im Gehirn eine Verneinung auffindet, dem verpfände ich alle Synapsen, die an dieser Zeile beteiligt sind (beim Milliardenaufkommen wird das ja zu verkraften sein). So lange eine Urteils- oder Erkenntnisbildung und besonders eine Verneinung nicht entdeckt wurden, lässt sich der Geist nicht auf noch so dynamische und demokratisch vernetzte Prozesse des Gehirns zurückführen. Sie bieten notwendige, aber keine hinreichenden Bedingungen für den Geist, der Nein sagen kann und mit seinem ersten Nein ins Dasein sprang.

Dem Naturwissenschaftler wird der empirische Realismus gern zugestanden. Er kann und soll dann von Zellen und Vernetzungen sprechen, die es einfach so gibt und die sich mit zunehmender Differenzierung kausal erklären lassen, weil sie nun einmal kausaler Natur sind, wie es in allen einschlägigen Werken steht. Geht es jedoch um die genaue Kompetenzbestimmung von Geist und Gehirn, dann wird ein anderes Feld betreten.

Von ihm aus lässt sich rasch entdecken, dass es tatsächlich zwei Igel gab, die ihr Doppelspiel mit dem Hasen und dem Forscher trieben. Der eine (hier weichen wir vom Urtext der Fabel ein wenig ab), der eine brüstet sich in seinem Versteck: Man solle nur noch eine zeitlang forschen, dann werde sich schon zeigen, dass die bewegenden, dynamischen Kräfte der Hirnzellen und ihre prozessualen Vernetzungen alles Unbewusstsein und Bewusstsein, alles Wissen und das Fühlen und das Wollen enthalten und dass sich der Geist komplett aus ihnen dynamisch und prozessual entwickelt hat, eine Spät- und Schattengeburt aus den Milliarden Kopulationen unter den Zellen.

Der andere Igel (oder Igelin) gibt dagegen zu, ohne den Geist überhaupt nichts zu wissen, selbst dass sie zwei seien, verdankten sie ihm. Danach verlor sich das Gespräch mit ihm in der Frage, was es nun eigentlich mit der Freiheit und der Schuld auf sich hat und welche Basis es für die Rechtsprechung gibt.

 

 

Der Verfasser ist emeritierter Professor der Philosophie in Marburg.

Quelle: Süddeutsche Zeitung vom 14.1.2004

 

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