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Ernst Bloch: Daneben: Wirtshaus der Irren

Einer, der manchen Schritt abseits tat, sagte, darüber befragt, folgendes.(Er sprach in Bildern, doch nicht blumig oder enthusiastisch, als solle er etwas prophezeien, sondern eher leicht frivol, als wolle er mit bescheidenen Tropen etwas auflockern. Fern von dem üblichen Ernst, mit dem man Narrenfaxen aufschreibt und die Irren, auf ihrem Weg, wissenschaftlich klassifiziert, als wären sie Affen und der Psychiater gar nichts.)


Die Irren, sagte er, wollen nur ein wenig über Land gehen. Sie möchten von unserem Dorf einen kleinen Spaziergang machen. Bis zum nächsten Wirtshaus, von dem sie Gutes gehört haben. Aber zwischen dem Dorf und dem Wirtshaus ist ein Wald; durch den gehen die Irren. Im Wald ist kein Weg, sondern lauter Unterholz, gestürzte Bäume und dergleichen, so daß man leicht abkommmt. Auch gibt es Kakadus, Papageien, sogar Affen darin, die sehr schreien. Die Fußgänger werden betäubt, verfallen in Murmeleien und natürliche Geisterstimmen, schreien am Schluss mit, aus Vergnügen, aus Angst, aus Wut. So daß sie zuletzt nicht mehr wissen, wie sie in den Wald gekommen sind. Ja, sogar vergessen, was sie auf dem Spaziergang eigentlich wollten. Und die Ärzte stehen hinten am Dorfrand, gegen den Wald zu, rufen in ihn hinein, rufen den Irren zu, sie möchten doch zurückkommen. Die Irren hören das vor Lärm im Wald gar nicht, wollen ja auch nicht zurück, sondern ins Wirtshaus. In den "Roten Ochsen" oder "Fröhlichen Schlesier" oder die "Dreifaltigkeit", wovon bei uns nur die Schilder hängen, aber nichts gehalten wird.


Ich selbst (sagte der Erzähler) habe auch von dem Wirtshaus gehört und Sie (er wandte sich an seinen Freund), wie mir scheint, nicht minder. Aber ich gehe nicht durch den Wald selber, sondern mache einen kleinen Seitenweg um ihn herum. Kann sein, leicht möglich, daß ich manchmal mit einem Fuß oder beiden kurze Zeit in den Wald hineintrete, wenn der Weg schlecht ist. Sie übrigens auch (er apostrophierte wieder seinen Zuhörer, obwohl der das gar nicht wissen wollte), Sie kommen sogar öfter hinein als ich, schreien nicht grade mit dem tropischen Zeug auf den Bäumen, aber werfen mit Kokosnüssen danach; so sieht das wenigstens aus oder hört sichs an. Doch hält man sich an den Pfad herum, so kommt man ganz gut ins Wirtshaus jenseits vom Wald. Zwischen Kraut und Rüben liegt dort der Hase im Pfeffer. Wird in heißer Liebe gebraten und jenem Gewürz, das aus unseren besseren Nachtträumen stammt. Wer der Wirt ist, weiß ich natürlich nicht; er hat sich wohl erst allmählich gebildet und ist selber noch nicht da. Von dort werde ich den Irren zurufen, kurz und gut: den Verirrten, die objektlos rasen, den braven und im Grund höchst sinnvollen Touristen. Sie werden mich selbstverständlich hören, ganz anders als die Ärzte im Rücken, deren Dorf sie überhaupt nicht interessiert. Auch die Papageien werden dann nichts mehr zu sagen haben, denn das Objekt vor der Nase, von dem es ruft, hat eine bessere Akustik. In den Faxen und Faseleien lebten ja nicht diese selber, sondern nur das verfehlte Ziel. So treibe ich den Wald durch sein Ziel aus und die "Umnachtung" durch die Wirtshauslichter (Fensterkreuze). Dann ist der Irrsinn abgeschafft; einige Marode der ersten Generation ausgenommen, die im Wald bleiben. Auch Leute vom Dorf werden nachkommen, wenigstens gelegentlich, nach Belieben. Mir selbst wird man wahrscheinlich ein Denkmal setzen, an der neuen Autostraße, mitten im Wald, wo es Kehren gibt. Ein Denkmal in Gestalt eines S- Zeichens oder auch nur eines Wegweisers mit einem Arm. Selbstverständlich ohne meinen Kopf, den braucht dann keiner mehr. -


Bekannter Nachtrag: der vollkommene Psychiater (auch Indologe, Philosoph usw.) hört in dem Augenblick auf einer zu sein, wo er es ist. Er wird ein Objekt der Psychiatrie (auch Indologie, Philosophie usw.).


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