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JOHN BERGER: DER MANN MIT DEM ZERZAUSTEN HAAR

Das Portrait (...) trug früher den Titel "Der wahnsinnige Mörder", später hiess es "Der Kleptomane". Heute wird es als "Monomanie: der Dieb" aufgeführt. Niemand kennt mehr den wirklichen Namen des Mannes.

Er war ein Insasse der Pflegeanstalt La Salpetriere im Zentrum von Paris. Dort malte Gericault zehn Portraits von Menschen, die als geisteskrank klassifiziert waren. Fünf dieser Bilder haben überlebt. (...) Was Gericault nun eigentlich veranlasst hat, diese Patienten zu malen, können wir nur erraten. Doch aus der Art und Weise, wie er sie gemalt hat, wird deutlich, dass der klinische Befund das Letzte war, worum es ihm ging. Sein Pinselstrich selbst bekundet, dass er sie unter ihrem Namen kannte, dass er namentlich an sie dachte. An den Namen ihrer Seele. Den Namen, der nicht mehr bekannt ist.
Ein oder zwei Jahrzehnte vorher hatte Goya Szenen eingekerkerter Wahnsinniger gemalt, die an Ketten lagen und nackt waren. Für Goya jedoch kam es auf ihre Handlungen an, nicht auf ihre Innerlichkeit. Ehe Gericault in der Salpetriere seine Modelle malte, hatte vielleicht niemand, weder Maler noch Arzt, weder Bekannter noch Verwandter, je zuvor so lange und so genau in das Gesicht eines Menschen gesehen, der als verrückt kategorisiert und verurteilt war.
1942 hat Simone Weil geschrieben: 'Nächstenliebe, so sie aus schöpferischer Zuwendung besteht, hat etwas von Genie.'Als sie das schrieb, hat sie gewiss nicht an Kunst gedacht. 'Die Liebe zum Nächsten in all Ihrer Fülle bedeutet schlicht, dass wir zu ihm sagen können:"Wie geschieht dir?"'
Es ist eine Anerkenntnis der Existenz des Leidenden, und zwar nicht nur als Objekt in einer Sammlung oder als Exemplar aus der gesellschaftlichen Kategorie, die das Etikett 'Unglückselig' trägt, sondern als ein Mensch, der genauso ist wie wir und der eines Tages von den besonderen Malen des Elends gezeichnet wurde. Aus diesem Grund ist es genug, doch ebenso auch unerlässlich, ihn auf bestimmte Weise anblicken zu können.
Für mich ist Gericaults Portrait des Mannes mit dem zerzausten Haar und dem unordentlichen Kragen und den Augen, über die kein Schutzengel wacht, ein Beispiel für jene 'schöpferische Zuwendung'und bekundet das 'Genie', von dem bei Simone Weil die Rede ist.

Doch warum setzt uns dieses Gemälde auf den Straßen von Paris in diesem Winter so sehr zu ?
Das Bild von dem Mann mit dem zerzausten Haar zwickt uns zwischen zwei Fingern. Ich will versuchen, den ersten Finger zu erklären.
Es gibt viele Formen des Wahnsinns, die als Theater ihren Anfang nehmen. (...) Verrücktheit 'probt' ihre Stärke. Jeder, der einmal einem langsam in Wahnsinn verfallenden Freund beigestanden hat, wird sich in dieser Rolle wiedererkennen - er wird gezwungen, Publikum zu sein. Was man als Erstes auf der Bühne sieht, ist ein Mensch; er ist allein, und neben ihm steht - wie ein Phantom - die Unangemessenheit aller angebotenen Erlärungen, die den täglichen Schmerz, der da erlitten wird, erklären sollen. Und dann kommt er oder sie dem Phantom näher und sieht sich der schrecklichen Kluft gegenüber, die da existiert zwischen gesprochenen Worten und dem, was sie bedeuten sollen. Tatsächlich: diese Kluft, dieses Vakuum ist der Schmerz. Und schließlich, da er wie die Natur einen Horror vor dem Vakuum hat, stellt sich der Wahnsinn ein, er füllt die Kluft, und dann läßt sich nicht mehr unterscheiden zwischen Bühne und Welt, zwischen Schauspiel und Leiden.
Der leere Raum, die Lücke zwischen der Erfahrung, in diesem Moment auf unserem Planeten ein normales Leben zu führen, und den öffentlichen Erzählungen, die zur Sinngebung für dieses Leben angeboten werden, ist ungeheuer groß. Darin liegt die Trostlosigkeit, nicht in den Tatsachen. Deshalb ist ein Drittel der französischen Bevölkerung bereit, auf Le Pen zu hören. Die Geschichte, die er erzählt - so übel sie ist - , scheint dem Geschehen auf den Straßen näher zu sein. Deshalb auch, wenngleich auf andere Weise, träumen Menschen von einer 'virtuellen Realität'. Irgendwas - von Demagogie bis hin zu vorfabrizierten onanistischen Träumen - irgendwas muß her, egal was, nur um die Lücke zu schließen! In solchen Lücken verlieren sich Menschen, und in solchen Lücken werden Menschen verrückt.
Auf allen fünf Portraits, die Gericault in La Salpetriere gemalt hat, blicken die Augen der Modelle seitlich am Betrachter vorbei. Und zwar nicht, weil sie auf etwas Fernes oder Eingebildetes gerichtet sind, sondern weil sie es mittlerweile gewohnheitsmässig vermeiden, das anzuschauen, was in der Nähe ist. Was in der Nähe ist, verursacht ein Schwindelgefühl, weil es im Sinne der gebotenen Erklärungen unerklärlich ist.
Wie oft begegnet man heutzutage einem nicht unähnlichen Blick, der sich weigert, das Nahe ins Auge zu fassen – in der Eisenbahn, auf Parkplätzen, in Warteschlangen, Einkaufszentren…
Es gibt geschichtliche Epochen, in denen Wahnsinn das zu sein scheint, was er ist: ein seltenes und abnormes Elend. Es gibt andere Epochen – wie jene, in die wir gerade eingetreten sind - , in denen Wahnsinn offenbar typisch ist. "

(Auszug)
Veröffentlicht 28.12.1991 in der Frankfurter Rundschau






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