++++++++++ Wetzelsdorf bei Jagerberg Anno 2000 ++++++++++



Ein Artikel von S. Weltmann

September 2000 in Gotha, Thüringen.
Geutebrück sitzt zu Haus und sieht sich "Der Judas von Tirol" an. Eine kleine Heimatrevoluze mit Klein-Rogge. Bisher war Klein-Rogge für Geutebrück nie so geheimnissumwittert, wie Mascha Rabben oder Monika Zinnenberg,welche er noch einige Monate zuvor gefunden und interviewt hatte.
Das sollte sich ändern.
Am nächsten Morgen greift er zum Telefon und ruft in Graz an, dort soll nach bekannten Quellen, Rudolf Klein-Rogge am 29.05.1955 gestorben sein. Er hofft auf Nachkommen und Erben.
Doch Geutebrück stößt auf Granit. Da helfen ihm seine ganzen amtlichen und behördlichen Beziehungen nichts mehr. Ein Rudolf Klein-Rogge hat nie in Graz gelebt und ist auch nie dort gestorben.
Man verweisst ihn auf das Standesamt.
Dort angekommen gibt es auch keinen Klein-Rogge. Aber es gibt in dem ganzen Karteikartenwust einen Friedrich Rudolf Klein.
Nach Angaben auf der Karte soll er am 29.05.1955 in Wetzelsdorf bei Jagerberg (Staiermark) gestorben sein.
Gut und schön.
Schon fast alle Hoffnung aufgegeben, ruft Geutebrück in Wetzelsdorf bei Jagerberg an. Er erreicht Hans Otto, den Bürgermeister.
Der kennt keinen Friedrich Rudolf Klein. Aber Hans Otto lebt schon immer in Wetztelsdorf und fragt nach dem Sterbejahr. 
Er erinnert sich, das als er um die 20 war, ein Schauspieler dort gelebt hat und zur selben Zeit gestorben ist.
"Aber der wird ihnen nichts nützen. Das war der Rudolf Klein-Rogge" sagt er.
Hans Otto holt alte Akten hervor und findet die Anmeldebestätigungen von Rudolf Klein-Rogge, seiner Frau Mary und seines Sohnes Egil. Die faxt er sofort nach Gotha.
Auf die Frage nach Erben und Nachkommen, kommt die Antwort: Keine!
Aber die Familie Seehofer hat nach Klein-Rogges Tod,das Grundstück mit Landschloß und Stallungen gekauft. Da könnten noch eine menge Stücke der Klein-Rogges liegen. Die Frau Mary hätte damals nicht alles mit nach Schweden genommen. Die Telefonnummer von Familie Seehofer wird Geutebrück sofort mitgegeben und er ruft sofort darauf an.
Die Seehofers sind zu Interview und Besuch auf dem Grundstück bereit.

Geutebrück ist zufrieden. Ein solches Ergebniss innerhalb weniger Stunden.
Er ruft erst mal Kinemathek und Filminstitut an um abzutesten was die wissen. Kein Problem mehr. Die wissen nichts.

Dann ruft Geutebrück seinen lieben Bekannten Carsten Frank an, welcher seineszeichens Filmproduzent und Schauspieler ist, sowie Kinski Paganini Vertreiber. Zusätzlich ruft er den Journalisten Uwe Huber und den Filmenthusiasten Wolfgang Jahn an.

Alle sind begeistert und schon 3 Tage später geht es los-auf nach Wetzelsdorf bei Jagerberg.

2000 ist Ende September noch sehr schönes Wetter und man kommt bei Sonnenschein erstmal in Graz an. Dort erholt man sich von der langen Fahrt. Jetzt sind es noch 40 Kilometer bis nach Wetzelsdorf bei Jagerberg. Von Graz aus rufen sie bei den Seehofers an und machen einen genauen Termin für 2 Stunden später.
Ca. gegen 14 Uhr kommen die 4 in Wetzelsdorf an.
Frau Seehofer begrüßt freundlich und der Herr Bürgermeister ist auch schon da. Er hat eine dicke Mappe mit Akten und Fotos von Familie Klein-Rogge dabei. Die wird feierlich überreicht.
Hans Otto ist stolz auf sein Wetzelsdorf und spricht von der großen Hoffnung auf Heider. 
Hans Otto wusste wohl das Klein-Rogge Schauspieler war und auch das er den Dr.Mabuse gespielt hat, irgendwann in schwarz/weiss; aber das Klein-Rogge ein Superstar der zwanziger Jahre war und in den größten Klassikern der Filmgeschichte Hauptrollen spielte, das überrascht ihn. Hans Otto ist nun noch stolzer auf sein Dorf. Und das darf er auch, denn sehr ordentlich, geradezu idyllisch kommt einem der Ort.

Wir gehen ins Haus und Frau Seehofer meint, das es früher die Stallungen waren, das richtige Landgut Wetzelsdorf wurde in den 80 er Jahren abgerissen. Aber genug Andenken hat man gerettet. Für die Seehofers vieleicht nur schicke Sachen, schöne Fotos von Landgut und den Besitzern, denn Frau Seehofer weiss so nicht viel über Klein-Rogges.
Man setzt sich hin und der Bürgermeister fängt an zu erzählen. Geutebrück hat seine Kamera aufgebau und alles wird dokumentiert.

Im Laufe des Gesprächs kommt herraus,das an der Stelle wo das Landgut stand ,noch ein unterirdisches Gewölbe ist. Es wurde aber aus Desinteresse und auch Zeitnot nie geöffnet. Alter KrimsKrams soll darin sein, KrimsKrams von Klein-Rogge. Es zu öffen geht jetzt nicht, man soll deshalb nochmals wiederkommen in zwei Wochen.

Zusätzlich fällt dem Bürgermeister ein, das in Jagerberg noch die Frau Putzler wohnt.Die wäre schon über 90 Jahre und die Witwe des besten Freundes von Rudolf Klein-Rogge. Der war sein Arzt. Viele Fotos lägen noch dort.
Man fährt nun  mit Hans Otto gemeinsam nach Jagerberg, was einige Kilometer entfernt liegt.
Die ältere ,etwas pummelige Dame ist sehr lieb und bietet Kaffee und Plätzchen an.Dann beginnt sie zu erzählen.

"Soll ich ihnen was lustiges erzählen über den Rudi. Also der Rudi hat Holz zu verkaufen gehabt, gleich nach dem Krieg, aus seinem Waldgrundstück. Geben sie was sie können, hat Rudi den Bauern gesagt. Darauf hin sagt mein Mann: Ja bist du verrückt,die betrügen Dich doch. Und Rudi sagte darauf: Ja glaubst du denn nicht an das gute im Menschen. - Nein der Rudi war kein Geschäftsmann"

Sie erzählt von der Traurigkeit und der verzweifelten Briefkorespondenz mit Fritz Lang, nach dem Kriege.
Der hatte einfach keine passenden Rollen für. Er wär auch mit Mary nach Amerika gegangen. Egil war tod, fiel im Krieg. Der Gedenkstein vor der Kirche in Wetzelsdorf nennt seinen  Namen. Doch Lang wies Klein-Rogge ab. Spätere gefundene Briefe belegen dies.
So spielt Klein-Rogge weiterhin Theater in Graz. Da er kein Auto mehr hatte, fuhr er mit dem Bus nach Graz.
Dort lert er eine junge Dame kennen, sie wird seine Schülerin.

Frau Putzler erzählt, wie schlimm es war als er 1955 immer kränker wurde. Sie sahs an seinem Bett und er erzählte ihr von seiner Kindheit und den Filmen, die er machte. Die hatte das Gefühl als würde er das erste mal sein Herz öffnen. Das hat er so noch niemandem erzählt. Und sie trug es bis jetzt mit sich herum. Jetzt kommt es endlich raus und Tränen stehen in ihren Augen.

Sie erzählt als er klein war und von seinen Vater weit weg geschickt wurde auf ein Internat, wo ein Lehrer sich an ihm verging, sodas er weglief. Nächtelang ist er gelaufen, hatte sich am Tage versteckt, bis er endlich zu Hause war. Von da an war er das schwarze Schaf der Familie. Ein Weichling, wie ihn der Vater schimpfte.

(Rudolf Klein-Rogge am 25.05.1955) Das letzte Foto in Wetzelsdorf
                                                  (Copyright by Jens Geutebrück)

Er hat auf dem Sterbebett zu ihr gesagt: "Kümmert euch um Mary.Ihr müsst sie nach Schweden zurückbringen...Sie wird hilflos sein wie ein kleines Kind."
Dann weint sie, als es darauf kommt wie er starb und wie dann das Auto kam und ihn abgeholt hat.

Dann ist Mary wieder nach Schweden gegangen und hat fast alles zurückgelassen.
1962, sie erinnert sich ganz genau, wird mitten in der Nacht ihr Mann gerufen. Man braucht einen Arzt, eine verwirrte Frau irrt auf Landgut Wetzelsdorf umher, bittet um Einlass und erzählt wirres Zeug. Ihr Mann fährt sofort hin und es war das traurigste was er jemals sah.
"Rudolf mach auf, lass mich herrein. Wo ist unser Junge."
Eine verwirrte, vollkommen von Sinnen weinende Mary Johnson war es.
Er nahm sie mit nach Hause und drei Tage später wurde sie von Ihrer Tochter abgeholt und man fuhr zurück nach Schweden. Sie kam nie wieder zurück.
Mary hat die weite Reise von Schweden bis nach Österreich gemacht,nur um ihren Rudolf nochmal zu sehen.
Sie war schon so verwirrt, das sie schon zum Zeitpunkt des Todes Klein-Rogges, nichts mehr realisierte. Ihre Nervenkrankheit und Psychosen wurden nach dem Todes Egil's im Jahre 1943 immer schlimmer.

Egil Klein-Rogge, Rudolf Klein-Rogge, Mary Klein-Rogge
  (Copyright by Jens Geutebrück)

Sie hat jetzt drei Stunden erzählt von Rudi und ihrem Mann, was für gute Freunde sie waren.
Wir verabschieden uns und die Dame drückt uns ein Paket Fotos in die Hand. Sie konnte nun endlich ihr Vermächtniss weitergeben. Auch sie hatte seit dem Tode ihres Mannes im Jahre 1972 nie mehr darüber geredet.

Im November 2000 fährt Geutebrück nochmals allein nach Wetzelsdorf bei Jagerberg um die Gewölbe unter dem ehemaligen Landschloss anzusehen.
Er erwartet einiges.
Vor zwei Tagen kam ein Anruf, das er kommen könne um die Sachen anzuschauen.
Alles etwas modrig aber nicht verfault.
Was er darin sieht ist das komplette restliche Mobilar. Den großen schweren Ledersessel auf dem Rudolf so gerne sahs. Viele Bücher und einige Wanderstöcke, auch schon vorher von Fotos bekannt.
Pakete mit Briefen, darunter auch die Antworten Fritz Lang's, welche arroganter nicht sein könnten.
3 Fotoalben mit Fotos nach dem Kriege in Wetzelsdorf.
Viel Schriftkram. Ein Sammelsurium. Fotos seiner letzten Jahre und Tage.

Rudi beim Tennis
  (Copyright by Jens Geutebrück)