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Wächterstieg 16

- Haus Wolff -
Den Wiederaufbau Burgdorfs nach dem Großbrand von 1809 nutzen das Amt und der Magistrat in vorausschauender Weise dazu, die verwinkelten Straßen der Stadt zu begradigen. Die Grundstücke erhalten einen großzügigeren Zuschnitt. Das gilt auch für die Poststraße und den Wächterstieg. Nach einem Stadtplan von 1817 ist nur die Ostseite des Wächterstieges bebaut. Die an der Poststraße neu entstandenen Häuser haben Hof- und Gartenflächen, die sich bis an die Westseite der Straße erstrecken.

Das Grundstück Poststraße 10/Ecke Schlossstraße gehört zu dieser Zeit dem Bürger August Peters. Auch im Einwohnerverzeichnis von 1848 ist Peters noch als Eigentümer genannt. 1880 legt das Amtsgericht Burgdorf eine Grundbuchakte für das Haus Wächterstieg Nr. 17 (später Nr. 19, heute Nr. 16) an. Aus dieser Akte ist zu entnehmen, dass das Gebäude vor 1880 dem Arbeiter Carl Hänsel gehört hat. Peters hat demnach den am Wächterstieg liegenden Teil seines Grundstücks an Hänsel verkauft. Ein Hypothekenbrief aus dem Jahre 1876 über 900 Mark belegt, dass Carl Hänsel sein Haus und sein Grundstück am Wächterstieg als Sicherheit für das erhaltene Darlehen verpfändet. Er hat das Geld vermutlich für den Bau des Hauses benötigt. Es dürfte also um 1876 errichtet worden sein. 
Das Haus ist zweigeschossig und in der damals in Burgdorf üblichen Fachwerkbauweise mit einem Giebeldach errichtet. Die Gefache sind mit Flechtwerk und Lehm ausgefüllt und verputzt. Bei später notwendig werdenden Reparaturen ersetzt der Hauseigentümer teilweise das Lehmflechtwerk durch Ziegel. Der Stallanbau an der Rückfront des Hauses lässt noch Platz für einen kleinen Hofraum. Das gesamte Grundstück umfasst nur eine Fläche von 264 Quadratmetern. Das auf einem kleinen Grundstück mit geringen Mitteln gebaute Gebäude ist ein typisches Beispiel für Häuser, die in Burgdorf in der Gründerzeit von zu bescheidenem Wohlstand gekommenen Arbeitern und Handwerkern erstellt werden. 

Die Erben des verstorbenen Eigentümers Carl Hänsel verkaufen das Grundstück am 15. Januar 1880 an den Zimmermann Carl Kulle, der 1897 stirbt. Er hinterlässt ein Testament, nach dem sein Sohn, der Schmied Johannes Kulle, das Grundstück erbt. Er muss seine Geschwister auszahlen. Der Wert des Besitzes beträgt nach den Grundbuchakten 4.500 Mark.
Nächster Grundstückseigentümer wird der Tischler Fritz Wolff. Der Kaufvertrag wird am 18. November 1915 geschlossen. Der Eigentümerwechsel findet zum 1. April 1916 statt. Fritz Wolff wohnt 1915 im Nachbarhaus in der heutigen Schlossstraße, das August Brockmann gehört. In den zwanziger Jahren verkleidet Fritz Wolff das Erdgeschoss seines Hauses mit Brettern. Das Obergeschoss und der Giebel an der Südseite erhalten eine Verschalung aus quadratischen verzinkten Blechplatten. Sonst bleibt das Fachwerk sichtbar. 

Der Wächterstieg ist eine der letzten Straßen in der Innen stadt, die noch mit Feldstei nen aus der ländlichen Um gebung Burgdorfs befestigt sind. Erst 1959 lässt die Stadt einen Abwasserkanal verle gen und eine Asphaltdecke aufbringen. Fritz Wolff schließt  sein Grundstück noch im selben Jahr an die Kanalisation an. Am 1. Januar 1962 übereignet der Rentner Fritz Wolff sein Eigentum seinem Sohn, dem Buchdru cker Friedrich Wolff. 

Um den nicht mehr als Stall dienenden Anbau besser nutzen zu können, lassen ihn Friedrich Wolff und sein Sohn Horst 1985 sanieren und ausbauen. Im Dachgeschoss, das zwei Erker erhält, entstehen ein Bad und ein Arbeitsraum, im Erdgeschoss zwei weitere Zimmer. 
Der im Ruhestand lebende Buchdrucker Friedrich Wolff stirbt am 14. November 1998.  Das Grundstück am Wächterstieg erbt sein Sohn, der Lehrer Horst Wolff. Das innen heutigen Anforderungen entsprechend gestaltete Haus bietet ihm und seiner Familie ausreichenden Wohnraum in guter Innenstadtlage. 

Text mit freundlicher Genehmigung von Heinz Neumann
Stadtchronist Burgdorf